FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Abba Eban
Abba an Dick:

Schreib nächstes Mal an Nasser!

Lieber Dick!

Du hast Dich nicht im geringsten geändert. Das ist keine kleine Sache, wenn man aus sechs Jahren Ministertätigkeit mit so offenkundig unbeschädigtem moralischem Bewußtsein und literarischem Können hervorgeht. Ich wußte, daß Du tief in einer fernen Welt parlamentarischer Reformen, sozialer Leistungen und Pensionen verschwunden warst. Aber ich hatte ein Vorgefühl, daß Du irgendwie zu Deiner Berufung zurückfinden würdest — und das bringt Deine Freunde in größere Verlegenheit, als sie dies verdienen.

Ich erinnere mich sehr wohl an unsere gemeinsamen Träume vor zwei Jahrzehnten. Israels Wiedergeburt hat Männer von rebellischem, fortschrittlichem Geist stark angesprochen, und Du verstandest besser als irgendwer außerhalb unserer Reihen, worum es ging. Es war vor allem ein Sieg der Ausdauer, der Triumph einer hoffnungslosen Sache. Ich erinnere mich: was Dich am stärksten bewegte, war der Appell an die Gerechtigkeit. Damals war eine Welt im Entstehen begriffen, in der jedes Volk seine nationale Freiheit erhalten sollte außer jenem, das sie am meisten brauchte. Heute, da es eine internationale Gemeinschaft von 130 Staaten gibt, wäre das Fehlen eines unabhängigen Israel noch grotesker als damals. Und im regionalen Rahmen spricht die Bilanz noch deutlicher: Es gibt vierzehn souveräne arabische Staaten mit insgesamt hundert Millionen Einwohnern, einem Territorium von sechs Millionen Quadratkilometern, unbegrenzten Reichtümern und Möglichkeiten.

Demgegenüber steht der kleine Staat Israel als der einzige, dessen historisches Sein oder Nichtsein davon abhängt, wie der Konflikt gelöst wird.

Gewiß, es gibt Recht und Unrecht auf beiden Seiten. Doch das heißt nicht, daß es keine Skala der Prioritäten gibt. Weil Israel der einzige in seiner Existenz bedrohte Staat ist, ist seine Sicherheit oberstes moralisches Gebot in diesem Streit. Insbesondere Sozialisten können sich nicht für gerechte Verteilung des Reichtums engagieren und gleichgültig bleiben, wenn es um gerechte Verteilung von nationaler Freiheit geht. Sie können unmöglich die Vorstellung akzeptieren, die Araber müßten überall souverän sein, die Juden nirgends.

Ich mache mir weniger als Du darüber Sorgen, ob Israel den Westen vom Antisemitismus geheilt hat oder nicht. Ich bin eher besorgt über den neuen internationalen „progressiven“ Antisemitismus. In seiner alten Form besagte der Antisemitismus, gewisse Rechte gebührten allen Menschen, nur nicht den Juden. In seiner modernen Form behauptet er, nationale Selbständigkeit und Souveränität sei gut, für die Araber könne es nicht genug davon geben: sie sei nur fragwürdig, wenn sie sich auf die Juden beziehe. Die Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus ist eine semantische Fiktion: beide haben das Prinzip der Diskriminierung gemeinsam.

Du siehst ein Israel, beherrscht von furchterregenden Militärs, die gegen Waffenstillstand und politische Initiativen sind. Nun ist es besser, wenn der Chefredakteur des „New Statesman“ besorgt ist, als wenn er zufrieden wäre; aber wenn Du Dir Sorgen machst, ob wir das Ethos des preußischen Staates nachäffen, gehst du entschieden zu weit. Einer der Nachteile Deiner Stellung in den letzten sechs Jahren war, daß Du nicht oft nach Israel kommen konntest. Die öffentlichen Medien, auf die Du angewiesen warst, sind mehr von Gewalt fasziniert als von friedlichem Handeln. Darum hast Du, wie andere auch, Israel in einem Zerrspiegel gesehen.

Das ganze Leben in Israel ist heute beherrscht von der Erinnerung an die Gefahr, in der wir uns 1967 befanden. Jeder von uns hatte guten Grund, das Schlimmste zu befürchten, das einem Menschen, seiner Familie, seinem Heim und seinem Volk widerfahren kann. In der Geschichte unseres Volkes gibt es vieles, was zu merkwürdig ist, um glaubhaft zu sein, aber nichts, was zu schrecklich ist, um nicht passiert zu sein. Wir haben kraftvoll die Gefahr überstanden — unter nachfolgender Schädigung des Rufes unserer Märtyrer. Du scheinst zu fragen: Was habt ihr durch Euren Sieg gewonnen? Ich antworte einfach: Alles, was wir ohne ihn verloren hätten.

Ich sehe so gut wie Du die moralischen Gefahren aus dem anomalen Verhältnis zwischen einer demokratischen Gesellschaft und einer unter ihrer Kontrolle lebenden arabischen Minderheit ohne Wahlrecht. Wir wünschen diese Anomalität nicht; sie ist durch den Krieg entstanden und kann durch den Frieden beseitigt werden.

Der Friede würde die Waffenstillstandslinien ersetzen durch vereinbarte Grenzen, hinter die unsre Truppen sich zurückziehen würden; und bei jeder Lösung, die meine derzeitigen Kabinettskollegen unterschreiben würden, wären die meisten der zwei Millionen Palästinaaraber beiderseits des Jordans Bürger eines arabischen Staats (beginnend an unserer neu festgelegten Ostgrenze), über dessen Struktur, Namen und Regime sie frei entscheiden könnten.

Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis der Frieden errungen ist; aber Du brauchst nicht zu befürchten, wir könnten bis dahin Preußen werden. Wenn Du uns besuchen kommst, wirst Du sehen, daß wir weder vom Krieg gelähmt noch von ihm besessen sind. Israels wichtigste Errungenschaft seit 1967 ist, daß es ein kämpfendes Land geblieben ist, ohne ein Militärstaat zu werden. Wir haben hier nur Zivilisten, von denen manche zeitweilig Waffen tragen. Wir können Dir einen Piloten zeigen, der acht Flugzeuge abgeschossen hat, während er die Obsternte von einem Kibbuz einbrachte. Und als der Waffenstillstand und eine Chance für Verhandlungen in Sicht kamen, ließen wir alle parlamentarische Umständlichkeit beiseite, um die Gelegenheit mit voller militärischer Unterstützung beim Schopf zu packen.

Sobald Du hier gesehen hast, wie weit die Vielfalt, Turbulenz, Paradoxie und Disziplinlosigkeit unserer Demokratie von allem Preußischen entfernt ist, solltest Du, schlage ich vor, Deinen nächsten offenen Brief an Präsident Nasser schreiben. Eine autoritative sozialistische Stimme, die Nasser an den Verhandlungstisch ruft, ist längst überfällig. Man war allzu nachsichtig gegenüber den Habasch und Arafat und ihren Träumen von einem rein arabischen Nahen Osten ohne ein souveränes Israel als Teil seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Viel zu gelehrig hat ein Teil der Linken die grassierende Israelophobie aufgenommen, mit ihrer häßlichen, an den „Stürmer“ gemahnenden Art, Israel außerhalb der menschlichen Gemeinschaft zu sehen.

Du könntest Präsident Nasser erinnern, daß die Idee eines israelisch-ägyptischen Friedensschlusses als Auftakt zu einem neuen Zeitalter des Friedens und der Entwicklung im Nahen Osten an seine besseren Tage anknüpfen würde. Israel hat die progressiven Ideale der ägyptischen Revolution in deren Anfangsphase respektiert. Alle diese Ideale sind durch den sinnlosen Krieg gegen Israel korrumpiert worden. Nasserismus stand einst für Unabhängigkeit und Vertreibung der fremden Armeen. Heute ist er zum Werkzeug sowjetischer Expansion, damit einer potentiellen Konfrontation der Großmächte geworden. Der Nasserismus sah einst in einem offenen, verstaatlichten Suezkanal das Symbol für Ägyptens neuen internationalen Status. Heute ist der ägyptische Kanal gesperrt, während die israelische Route zu den südlichen Gewässern offen ist. Und letztlich hatte Nasser einst eine Vision der sozialen Reform, die im Schutt des kostspieligen, destruktiven Krieges verschwunden ist.

In zwei Jahrzehnten haben die arabischen Staaten und Israel zwanzig Milliarden Dollar für den Krieg ausgegeben. Fünf Milliarden hätten genügt, um allen Palästinaflüchtlingen Arbeit und menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Du kannst Nasser sagen, daß es in Israel noch unerschlossene Quellen von Initiative gibt, die sein Verhandlungswille freisetzen würde. Während ich Dir heute von Jerusalem schreibe, schweigen am Suezkanal die Geschütze; es ist Zeit, daß vernünftige, sanfte Stimmen sich erheben — und gehört werden.

Dein Abba

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 812
Autor/inn/en:

Abba Eban:

Geb. 1915 in Kapstadt, kommt in den zwanziger Jahren nach England, gewinnt Interesse an zionistischen Fragen im Kreis um Chaim Weizmann und Moshe Sharett. Studiert bis 1938 Hebräisch, Arabisch, Persisch in Cambridge, geht 1939 in die britische Armee, ab 1942 britischer Verbindungsoffizier bei der Jewish Agency, Jerusalem, 1944 Instruktor am Middle East Arab Centre, ebendort. Ab 1946 im Politischen Department der Jewish Agency, 1947/48 deren UN-Delegierter, 1949 UN-Gesandter und Botschafter in den USA. 1952 gelingt ihm der israelisch-amerikanische Freundschaftsvertrag und die Einbeziehung Israels in die US-Wirtschaftshilfe. 1959 als Delegierter der Mapai im die Knesseth gewählt, Erziehungsminister unter Ben Gurion, 1963 Stellvertretender Ministerpräsident im Kabinett Eschkol, seit 1966 Außenminister. Der Junikrieg 1967 vereitelt seine Bemühungen um gute Beziehungen zu den Oststaaten. September 1967 befürwortet er vor dem Europarat eine Mittelmeergemeinschaft Israels und der arabischen Staaten nach EWG-Vorbild. Oktober 1967 legt er der UNO ein 6-Punkte-Programm für israelisch-arabische Friedensverhandlungen vor. Wiederholt erklärt er seine Bereitschaft zu indirekten Friedensgesprächen unter Einschaltung des UN-Sonderbeauftragten.

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