FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 213/I/II
Lutz Holzinger

Schmalspurfaschismus

Türkei: Ausverkauf einer nationalen Revolution

I. das regime erim

seit dem memorandum der oberbefehlshaber der streitkräfte und des stabchefs am 12. märz, dem rücktritt der regierung demirel, der installierung von nihat erim als neuen ministerpräsidenten und der verhängung des ausnahmezustandes über 11 provinzen des landes wird das straßenbild istanbuls, aber auch das der betroffenen landstädte von der präsenz des militärs beherrscht. militärpolizisten regeln den straßenverkehr. patrouillierende soldaten — in der hand den gummiknüppel, die pistole am gürtel und das gewehr über die schulter — folgen einander oft in einem abstand von nur zwanzig schritten: marginalien des ausnahmezustandes ebenso wie die berichte über folterungen in den gefängnissen, die einschränkung der bürgerlichen freiheiten, die ausdehnung der untersuchungshaft ohne haftbefehl von 24 stunden auf 30 tage. begleitet sind diese zwangsmaßnahmen vom verbot kritischer zeitungen und der politischen tätigkeit der arbeiterorganisationen sowie der aufhebung des streikrechtes der gewerkschaften.

die brutale zerschlagung der proletarischen massenorganisationen, aber auch der intellektuellen- und studentenvereinigungen wurde vor der weltöffentlichkeit erst im nachhinein mit den verzweifelten reaktionen der verfolgten gerechtfertigt. einzelne führer linksgerichteter studentenorganisationen wurden von der polizei bzw. gendarmerie meuchlings ermordet. etwa 7000 politische häftlinge werden widerrechtlich in türkischen gefängnissen festgehalten. die militärgerichtshöfe bereiten zahlreiche todesurteile gegen politisch verfolgte vor. das bei uns aus der nachkriegszeit bekannte prinzip des vermißtensuchdienstes im hörfunk wird in der türkei eingesetzt, um ein ganzes volk gegen seine politische avantgarde zu mobilisieren.

dies sind die hervorstechenden errungenschaften der regierung erim, die als reformkabinett angetreten war. nihat erim strich in seinem regierungsprogramm ursprünglich vier reformschwerpunkte hervor — landreform, bildungsreform, wirtschaftsreform und wahlreform; aber die totale repression des volkes ist das bisher einzige resultat seiner tätigkeit.

der türkische regierungschef und seine engsten mitarbeiter meinen, der grund für die soziale unruhe im lande sei darin zu erblicken, daß die verfassung aus dem jahre 1961 eine entwicklung von bewußtsein und ökonomischer basis antizipiere, wie sie in der türkei noch lange nicht erreicht seien. es gelte daher, die verfassung an den entwicklungsstand der gesellschaft anzupassen. im klartext heißt das, daß man nach einer möglichkeit sucht, die in der türkei immer stärker aufbrechenden sozialen konflikte nicht durch eine konsequente, an den bedürfnissen der massen orientierte politik abzubauen, sondern zugunsten einer minderheit zu unterdrücken. unbequeme punkte der verfassung: das streikrecht, die koalitionsfreiheit, die existenz linksgerichteter parteien — sind zu annullieren, um an der unterentwicklung des landes und der sozialen unfreiheit der massen festhalten zu können. tatsächlich wurden bereits 43 punkte der verfassung aus dem jahre 1961 abgeändert oder ausgesetzt und 13 neue punkte hinzugefügt.

nihat erim will überdies erreichen, daß die regierung verordnungen mit gesetzeskraft erlassen kann: eine regelung, die fatal an hitlers ermächtigungsgesetze erinnert, die es erlaubten, die positionen des nationalsozialismus voll auszubauen.

all dies sind vehikel einer herrschenden klasse, die wirtschaftlich bankrott ist und sich zum instrument des neo-imperialismus der westlichen industrieländer gemacht hat, um ihre position dennoch halten zu können; so mußte sie zum mittel eines „schmalspur-faschismus“ greifen. dieser muß die aufgabe, die proletarischen massenorganisationen zu zerschlagen, einem gefügigen militär überlassen, weil er sich zu diesem zweck nicht wie der nationalsozialismus einer faschistischen massenorganisation bedienen kann.

all dies geschieht aber auch im namen mustafa kemals: kein dorf, kein haushalt ohne eine büste des befreiers; eine große kleinindustrie bronzt atatürk in allen größen, in zivilem und militärischem habit. es ist symptomatisch für nationalistische revolutionen in unterentwickelten ländern im allgemeinen und den kemalismus im besonderen, der sich in den dreißiger jahren sogar das konzept einer „kulturrevolution“ zugute hielt, daß sie zur bemäntelung reaktionärer offiziersrevolten herhalten müssen und zur etikette eines regimes vom typ der regierung erim verkommen. hier soll der prozeß rekapituliert werden, der dazu führte, daß sich heute die reaktionärsten kräfte der türkei auf das erbe einer revolutionären und politischen avantgarde berufen können.

II. der kemalismus

das ende des ersten weltkrieges führte zum totalen zusammenbruch des osmanischen reiches. die „hohe pforte“ setzte der von den alliierten projektierten totalen aufteilung der türkei keinen widerstand entgegen. die küstengebiete wurden von britischen, französischen, italienischen und griechischen truppen besetzt, ein selbständiger armenischer staat gegründet, die streitkräfte — bis auf wenige ausnahmen im landesinneren — demobilisiert. das handelskapital der küstenstädte, in die osmanische gesellschaft ohnehin kaum integriert, unterstützte diese absichten, weil es sich eine verbesserung seiner lage erhoffte. das ende des ersten weltkrieges brachte mit dem entschluß des generals mustafa kemal, für die unabhängigkeit seines landes zu kämpfen, aber auch einen totalen neubeginn in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und nationaler hinsicht.

der sozio-ökonomischen struktur des osmanischen reiches entsprechend stellten die offiziere und beamten die revolutionäre avantgarde dar, wenngleich es angesichts der bedrohung der unabhängigkeit auf lokaler ebene auch zur spontanen bildung von freischärlereinheiten kam. die gründung des osmanischen reiches im 14. jahrhundert hatte die ansätze zur bildung eines bürgertums im kulturbereich des islam vernichtet. die extensive agrarwirtschaft der osmanen setzte ständige kriegerische gebietserweiterungen voraus. die hauptaktivitäten des staates bestanden daher in der kriegführung und der verwaltung.

in diesen sektoren war der hauptteil der muslimischen untertanen der osmanen tätig. „Sie überließen Handel und Gewerbe den europäischen Kaufleuten und ethnischen nichtmuslimischen Minoritäten (Griechen, Armenier, Juden), die allerdings der despotischen Staatsgewalt der Osmanen unbegrenzt ausgesetzt waren“ (bassam tibi, nationalismus in der dritten welt am arabischen beispiel, frankfurt am main 1971, p. 61). da diese gruppen also politisch rechtlos waren, schlugen sich ihre interessen nicht in der sozialen konstruktion des reiches nieder; eine modernisierung der osmanischen gesellschaft im sinne und nach den bedingungen kapitalistischer produktion blieb ausgeschlossen, obwohl gleichzeitig die indifferenz der „hohen pforte“ in wirtschaftspolitischen belangen die ausbeutung des landes durch den freihandel begünstigte.

die trägergruppen der politischen macht im osmanischen reiche waren beamtenschaft und offizierskorps. in diesen bereichen waren die leute mit der besten bildung tätig; innovationen des westens wurden vor allem auf militärischem gebiet rezipiert. die straffe zentralistische organisation und die tatsache, daß die „hohe pforte“ land nur zur steuereintreibung vergab, bewirkten, daß der „landadel“ keinen wesentlichen politischen faktor darstellte. die reformbestrebungen im osmanischen reich des 19. jahrhunderts wurden von offizieren und beamten initiiert. die totale unterdrückung der bauernmassen wurde allerdings nicht aufgehoben. die anfänge einer national orientierten wirtschaftspolitik erhöhten zwar den industrialisierungsgrad, doch blieb das türkische element weiterhin stark unterrepräsentiert.

mustafa kemals eintreten für einen nationalen widerstand gegen die alliierten wurde von der „hohen pforte“ mit seiner versetzung in die provinz beantwortet. im auflösungsprozeß, der das osmanische reich ergriffen hatte, war dies den absichten kemals nur förderlich. „Ohne Verzögerung nahm Kemal, nachdem er am 19. Mai den Sitz seiner Dienststelle — den Schwarzmeerhafen Samsun — erreicht hatte, mit den regionalen Instanzen von Heer und Verwaltung Kontakt auf, um die Voraussetzungen für die Organisierung eines einheitlichen Widerstandes herzustellen“ (kurt steinhaus, soziologie der türkischen revolution, frankfurt am main 1969, p. 60f.).

die rückberufung beantwortete der general mit seinem austritt aus der armee. seine ziele versuchte er nun als führer einer eigenständigen politischen bewegung durchzusetzen. sie stützte sich zunächst zu einem wesentlichen teil auf guerillatruppen, die sich überall im lande zur verteidigung der unabhängigkeit spontan gebildet hatten. anatolien war das zentrum der befreiungsbewegung. bereits 1920 konstituierte sich in ankara die „große nationalversammlung der türkei“.

1922 ging die türkische armee atatürks erstmals zur offensive über und zwang die besatzungsmächte, das land zu verlassen. „Erst nach der Durchführung von Neuwahlen (Beginn der 2. Legislaturperiode: 11. August 1923) und nachdem die alliierten Truppen auch Istanbul geräumt hatten (20. Oktober 1923), wurden die letzten Schritte der politischen Transformation vollzogen. Das Parlament, das zunächst Ankara zur neuen Hauptstadt erklärt hatte, proklamierte schließlich am 29. Oktober 1923 offiziell die Türkische Republik und wählte Kemal zum Präsidenten.“ (a.a.o., p. 98).

die existenz einer relativ gut organisierten beamtenschaft, die sich bruchlos von der „hohen pforte“ löste und in die nationale bewegung aufging, und die rasch mit sowjetischer hilfe wiederaufgerüsteten streitkräfte waren eine voraussetzung dafür, daß die nationale bewegung ohne echte aktivierung der massen auszukommen glaubte. die freischärlereinheiten wurden bereits während des widerstandes durch reguläre truppen abgelöst. die zusammensetzung der nationalversammlung zeigt, auf welche gesellschaftlichen kräfte sich die bewegung kemals in erster linie stützte: beamte, offiziere, grundbesitzer. die nationale revolution war die sache bereits etablierter klassenteile, von schichten, die durch die aufteilung des landes ihre funktion als trägergruppen der gesellschaft verloren hätten, also des militärs und der bürokratie.

hauptanliegen der neuen staatsführung waren die industrialisierung des landes, die modernisierung des gesellschaftlichen lebens und der aufbau des bildungswesens. wesentlich dafür war die infrastrukturelle erschließung des ganzen landes durch eisenbahnen, straßen, telegraphenverbindungen usw. entsprechende vorhaben wurden rasch und erfolgreich vorangetrieben. die staatsführung konnte sich dabei nicht auf die initiative privatkapitalistischer unternehmer verlassen. dies begünstigte den aufbau eines engagierten staatskapitalismus, der zu hervorragenden ergebnissen nicht nur auf jenen gebieten führte, in denen auch in westeuropa der staat als unternehmer hervortritt, sondern auch in allen anderen produktions- und dienstleistungssektoren. das noch schwach entwickelte bürgertum investierte vor allem in die konsumgüterindustrie, während es zunächst der staat war, der auf allen anderen gebieten die initiative ergriff. unter seinem schutz konnte sich nach und nach auch die private unternehmertätigkeit entfalten.

die konsequente wirtschaftspolitik der türkei vor dem zweiten weltkrieg gewährleistete eine ständig positive handels- und eine ausgeglichene zahlungsbilanz; die nationalen produktionszweige wurden durch einfuhrkontigentierungen geschützt. auslandsschulden wurden keine aufgenommen, kredite durch warenlieferungen bezahlt.

das günstige wirtschaftliche klima des landes führte gleichzeitig zu einem schrittweisen erstarken des privaten sektors: es bildete sich ein immer mächtigeres bürgertum, das sich nun auch als politische kraft zu artikulieren suchte. dieser prozeß wird durch die veränderung in der zusammensetzung der nationalversammlung bestätigt: der anteil der industriellen und unternehmer nahm ständig zu, währen der anteil der offiziere und beamten zurückging. diese entwicklung deutet an, daß sich hier schon der übergang der kontrolle des staates von bürokratentum und streitkräften auf die großbourgeoisie vorbereitete.

dies konnte unbehindert stattfinden, weil die massen weder im politischen noch im wirtschaftlichen bereich adäquat vertreten waren. der populismus der kemalschen doktrin stellt sich unter diesem gesichtspunkt als massenfeindliche ideologie einer herrschenden klasse dar. „Kemals Vorstellungen eines von einer ‚Volksregierung‘ repräsentierten klassenlosen ‚Volksstaates‘ wurde in den dreißiger Jahren offizielle Ideologie der CHP (Republikanische Volkspartei): ‚Es gehört zu unseren Grundsätzen, das Volk der Türkischen Republik nicht als aus Klassen bestehend anzusehen, sondern als eine Gemeinschaft zu betrachten, die ... nach dem Prinzip der Arbeitsteilung sich in die verschiedenen Berufe gliedert.‘“ (a.a.o., p. 146.)

dieser versuch, vor einem grundlegenden aspekt der sozialen realität die augen zu verschließen, mußte künftige versuche begünstigen, unter berufung auf die nationale revolution eine totale klassenherrschaft zu etablieren. steinhaus konstatiert: „Hierdurch wurde nicht nur die Beseitigung der Überreste des Feudalismus in Anatolien blockiert, sondern auch die Entstehung einer wirksamen Arbeiterbewegung um Jahrzehnte verzögert.“ (a.a.o., p. 147.)

die gesellschaftlichen reformen des kemalismus orientierten sich an den rechtsnormen westeuropas. die versuche, mit der tradition zu brechen, konnten nicht recht fuß fassen. die europäischen vorbilder wurden zum teil mechanistisch übertragen, ohne die bedingungen der türkischen gesellschaft zu reflektieren. wegen der schlechten verkehrsbedingungen auf dem lande setzten sie sich meist nur in den städten durch; zudem wurden die bauern weiterhin von der gentry erbarmungslos unterdrückt und von der islamischen geistlichkeit dazu gebracht, an überholten moralvorstellungen und gewohnheiten festzuhalten. bodenreformen mußten unwirksam bleiben, weil es keine korrekten unterlagen über die verteilung des grundbesitzes gab und bis heute noch nicht gibt.

große anstrengungen wurden auch im bildungswesen unternommen. zunächst wurde eine breit angelegte alphabetisierungskampagne eingeleitet: intellektuelle aller sparten gingen aufs land, um in intensivkursen der bäuerlichen bevölkerung das lesen und das schreiben beizubringen. doch auch hier wurde bald eine bürokratische lösung gefunden. nach europäischem vorbild installierte man durchgehend ein starres schulsystem, das in hinblick auf die personellen und materiellen möglichkeiten des landes erst recht wieder zur verschärfung des gegensatzes zwischen stadt und land führen mußte.

die republikanische volkspartei — die staatspartei und, von kurzen perioden abgesehen, einzig zugelassene politische gruppierung vor dem zweiten weltkrieg — errichtete in den dörfern volkshäuser und -hütten, um das bildungsniveau der ländlichen bevölkerung zu heben. dorfinstitute dienten der lehrerbildung.

letztere erwiesen sich als höchst effizient, weil diese intellektuellen kader trotz hervorragender ausbildung nach dem abschluß ihrer studien in die dörfer zurückkehrten. nach der machtübernahme durch die demokratische partei im jahre 1950 wurden diese einrichtungen wegen ihres fortschrittlichen Charakters und der progressiven orientierung ihrer schüler von der regierung menderes abgeschafft.

III. machtübernahme der bourgeoisie

in der periode bis zum zweiten weltkrieg erzielte der staatskapitalismus der türkei große wirtschaftliche erfolge. durch die gleichzeitige begünstigung privatkapitalistischer aktivitäten und die taktik, die arbeitenden massen in den städten und auf dem lande unmündig zu lassen, trug er einerseits dazu bei, daß die basis seiner trägergruppen, der beamten und der offiziere, immer schmäler wurde, und begab sich anderseits der möglichkeit, eine breite massenbasis für seine zielsetzungen zu aktivieren. der zweite weltkrieg schuf sodann endgültig die bedingungen, unter denen sich die bourgeoisie als führende politische kraft durchsetzen konnte. die kriegführenden staaten waren bestrebt, soviel wie möglich auf dem internationalen markt angebotene produkte zu kaufen, nur um sie nicht einem gegner in die hände fallen zu lassen. dies führte zu einem sprunghaften industriellen aufschwung der im krieg nicht engagierten türkei. während die privatwirtschaft expandierte, war der staat gezwungen, im ausland zum ankauf von rüstungsgütern schulden aufzunehmen.

bereits gegen kriegsende sah sich die republikanische volkspartei plötzlich vehementen forderungen des bürgertums nach einer abkehr vom staatskapitalismus gegenüber. gleichzeitig wurde eine liberalisierung im politischen Bereich gefordert.

1946 wurde die demokratische partei (dp) gegründet, die ausschließlich die interessen der großbourgeoisie vertrat. 1950 eroberte sie die absolute mehrheit im parlament: menderes übernahm die regierungsgeschäfte. dies bedeutete „eine Ablösung der alten kemalistischen Avantgarde“ (steinhaus) und brachte, wenn man die zusammensetzung des parlaments berücksichtigt, eine starke reduktion der sitze, die bis dahin beamten und offizieren vorbehalten waren, zugunsten von mandataren der privatwirtschaft und der freien berufe.

die rechnung für die versäumnisse der kemalistischen führung, einer eindeutigen klassenherrschaft vorzubeugen, wurde dem türkischen volk vom ausschließlich an den interessen des bürgertums orientierten regime menderes rasch präsentiert. trotz eines neuerlichen wirtschaftlichen wachstumsschubes machte die ausgeglichene handels- und zahlungsbilanz innerhalb weniger jahre einer katastrophalen auslandsverschuldung platz: 1955 betrug sie bereits mehr als eine milliarde dollar. die mißwirtschaft von menderes führte zu einem stetigen preisverfall, der verschlechterung der terms of trade und zur aktivität von auslandskapital in der türkei. sie wurde begleitet von einer allgemeinen gesellschaftlichen stagnation: das bildungswesen wurde eingeschränkt, die fortschrittliche gesellschaftspolitik der republikanischen volkspartei im sinne konservativer gruppen revidiert, mit denen die bourgeoisie zusammenarbeiten mußte.

der totale verfall des landes konnte in dieser situation und bei permanenter entmündigung der bauern und arbeiter nur gewaltsam aufgehalten werden. das immer noch teilweise der kemalistischen tradition verpflichtete offizierskorps entschloß sich zur aktion: die armee übernahm durch den staatsstreich von general gürsel am 27. mai 1960 die politische macht. statt eine militärdiktatur zu errichten, wurden zahlreiche antidemokratische maßnahmen der fünfziger jahre aufgehoben.

Der Illegalisierung der Demokratischen Partei und der gerichtlichen Aburteilung ihrer Führer folgte die Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die das Mehrheitswahlrecht durch das Verhältniswahlrecht ersetzte und konstitutionelle Garantien für die Ausübung der zentralen politischen Grundrechte schuf. In der Folgezeit bildete sich erstmalig ein einigermaßen funktionsfähiges Mehrparteiensystem heraus. An die Stelle der DP trat die Gerechtigkeitspartei (AP), die wie ihre Vorgängerin auf dem Konsensus städtischer und ländlicher Oberschichten beruht, was sich in dem Nebeneinander von ‚erzliberaler Wirtschaftspolitik‘ und ‚traditionalistischer, konservativer und antiintellektualistischer Einstellung gegenüber sozialen und politischen Problemen‘ widerspiegelt.

(a.a.o., p. 169)

die ap stieg schnell zur regierungspartei auf. daneben bildeten sich erstmals auch autonome gewerkschaftsorganisationen und eine arbeiterpartei, die linkssozialistische türkische arbeiterpartei.

zwar konnten die sozialen antagonismen nun teilweise zum austrag kommen, doch schlugen sich die forderungen der arbeiter und bauern nicht in der politik der regierung demirel nieder; in ökonomischer hinsicht änderte sich nichts am status quo. die bereits 1954 durch den beitritt zur nato signalisierte abhängigkeit vom westen verstärkte sich und kommt in der engen verflechtung der türkei mit der europäischen wirtschaftsgemeinschaft zum ausdruck. auf grund der hohen außenschuld war die regierung in ankara längst nicht mehr herr ihrer selbst: amerikanische und westeuropäische monopole, eng verflochten mit nationalen gesellschaften, gaben den ton an.

ein reflex dieser situation ist die fortdauernde stagnation der sozialgesetzgebung. dies führte zu einem weiteren ansteigen der sozialen unruhe; der gegensatz zwischen bauern und arbeitern auf der einen und der besitzenden klasse auf der anderen seite trat immer stärker hervor. begleitet wurde diese entwicklung von der demoralisierung der immer stärker nato-abhängigen armee und der finanziellen aushungerung des beamtentums.

die türkische gesellschaft der letzten jahre ist durch drei hauptfaktoren gekennzeichnet, die fortsetzung der unterdrückung der mittleren, der armen und der landlosen bauern, die beibehaltung der diversifikation des kleinhandels als grundlage einer zahlenmäßig starken kleinbourgeoisie, deren politisches gewicht in die waagschale der besitzenden klassen zu fallen pflegt, und der ausbau des dienstleistungssektors als voraussetzung für die bildung des neuen mittelstandes der angestellten, deren interessen subjektiv ebenfalls als mit den herrschenden zielvorstellungen identisch erfahren werden.

gleichzeitig wurde durch die forçierung dieser schwerpunkte der konsequente wirtschaftliche aufbau des landes verhindert, weil man offenbar angst hatte, mit der intensivierung der industriellen produktion auch ein starkes städtisches proletariat zu schaffen und durch den längst notwendigen übergang von extensiver zu intensiver landwirtschaft die unterdrückten bauernmassen zu aktivieren.

die wirtschaftliche stagnation wird von der tatsache unterstrichen, daß rund 70 prozent der privaten ersparnisse in immobilien angelegt werden. das erscheinungsbild istanbuls spiegelt im architektonischen die sozio-ökonomische situation wider: die stadt wird von ausgedehnten winkeligen vierteln mit einer erdrückenden diversifikation der gewerbe und des handels durchzogen — jeder straßenzug; jedes gäßchen sein eigener bazar. sie ist ferner von den verwaltungszentralen der banken, versicherungen, transportgesellschaften, aus- und inländischen konzerne im zentrum und chaotischen hochhaus-baulandschaften an der peripherie gekennzeichnet, wo wohnungssuchende höhere beamte und angestellte den grundstückspekulanten zum opfer fallen.

die geplante wirtschaftliche stagnation, auslandsverschuldung und preisverfall, die ständige repression der gewerkschaftlichen und politischen arbeiterinteressen haben nicht nur die unruhe im proletariat und unter den bauern, sondern auch bei einem teil der freien berufe, der intellektuellen und der studenten geschürt. im jahre 1969 kam sie zunehmend zum ausbruch. die gespannte situation wurde durch rechtsextremistische terrorakte, von einflußreichen kreisen der herrschenden klasse unterstützt, weiter angeheizt. das deutliche hervortreten der antagonismen zwischen herrschern und beherrschten veranlaßte die reaktionären elemente in der armee im märz dieses jahres dazu, neuerlich einzugreifen und den sturz der regierung demirel zu fordern.

spielten die streitkräfte im jahr 1960 noch eine positive rolle, so machten sie sich 1971 bloß zum instrument einer clique der großbourgeoisie, die eine andere an der macht ablösen wollte. mit dem effekt, daß die reaktion nun mit repressivsten mitteln ihre macht aufrecht zu erhalten sucht.

die geschichte der türkei seit der im jahr 1923 endgültig siegreichen nationalen revolution ist das lehrstück über das versagen des parlamentarismus in sozio-ökonomisch schwach entwickelten ländern. dieses versagen ist einem derartigen system immanent, sofern es auf die aktivierung einer echten massenbasis verzichtet und so dem künstlich hochgezüchteten bürgertum gelegenheit gibt, die macht zu usurpieren: „Die Nation als Herrschaftslegitimität und der Nationalstaat als Organisationsprinzip enthüllen sich, sobald sie Selbstzweck geworden sind, als Farce. Sinnvoll sind sie nur als Mittel einer Entwicklungspolitik in einem Übergangsstadium. Mit dieser Erkenntnis stellt sich die Frage nach dem Subjekt der Praxis: dem Träger der politischen Herrschaft“ (b. tibi, a.a.o., p. 50). nachdem das versagen der bourgeoisie evident ist und anderseits das proletariat in der türkei zahlenmäßig zu schwach ist, bietet sich als lösung die führung durch eine „avantgardistische Partei“ (b. tibi) an, die sich konsequent an den bedürfnissen der massen orientiert. gegenwärtig erscheint allerdings der weg zu einer derartigen lösung verbaut.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1971
, Seite 8
Autor/inn/en:

Lutz Holzinger:

Jahrgang 1944, Dr. phil. (Germanistik), war Mitglied der KPÖ und Redakteur der Volksstimme sowie von Gründung bis Einstellung Chefredakteur des Salto. 1971/1973 war er Redaktionsmitglied des NEUEN FORVMS.

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