FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 194/I
Theodor Prager

Scheidebrief ans ZK

Wien X, 21. Dezember 1969

An das Zentralkomitee der KPÖ
zu Handen des Vorsitzenden Franz Muhri
Höchstädtplatz 3
1200 Wien

Werte Genossen,

ich glaube, wir haben den Punkt erreicht, wo wir einander nichts mehr zu sagen haben. Immerhin will ich Euch mitteilen nicht nur, daß, sondern auch, warum ich aus der Partei austrete.

  1. ist hinlänglich klar, daß Ihr in Eurer großen Mehrzahl entschlossen seid, jeden Kurs der sowjetischen Führung mitzumachen, und sei er auch noch so reaktionär; die einen aus Opportunismus, die andern aus Blindheit.
  2. ist hinlänglich klar, daß Ihr entschlossen seid, alle Genossen, die diesen Kurs mißbilligen, kaltzustellen und womöglich mundtot zu machen. Ernst Fischer habt Ihr ausschließen lassen, Franz Marek „verurteilt“, Zapf abgewählt, Kodicek, M. Urban, West hinausgeekelt, die bisherigen Wiener Sekretäre abserviert und dafür Ultrakonservative wie Karger und Schätzl in Schlüsselpositionen installiert. Der Dank des sozialistischen Vaterlandes ist Euch gewiß, ebenso gewiß ist allerdings, daß die Partei nun endgültig vor die Hunde geht.

Mein Bedauern darüber ist groß, denn ich bin nach wie vor der Meinung, daß wir in Österreich eine autonome revolutionäre Linke brauchen. Sie muß aber glaubwürdig sein.

Wie glaubwürdig sind Fürnbergs Brandartikel über die Inhaftierung des jungen Genner, wenn er angesichts der jahrelangen Einkerkerung Hunderter Studenten in Warschau und Krakau, angesichts der brutalen Niederknüppelung Hunderter Studenten in Prag, angesichts der neuerlichen barbarischen Behandlung sowjetischer Intellektueller nicht mit der Wimper gezuckt hat?

Wie glaubwürdig sind Muhris wiederholte Erklärungen, wonach die Partei angeblich nach wie vor zum Beschluß vom 22. August 1968 steht, wenn unsere Zeitung zur totalen Liquidierung des Aktionsprogramms der KPČ und zur Ausbootung, Verunglimpfung und Verfolgung aller aufrechten tschechoslowakischen Reformer eisern schweigt?

Wie glaubwürdig sind Eure Bekenntnisse zur Mitbestimmung und Demokratie, wenn Ihr aus unsern Journalisten Schreiberlinge machen wollt, die bloß zu parieren haben? Aus der kommunistischen Jugend bloße Befehlsempfänger? Aus der Gewerkschaftlichen Einheit den verlängerten Arm bornierter Bezirkssekretäre?

So groß mein Bedauern über den Ruin einer Partei, die im Laufe ihrer Geschichte Tausende der besten Arbeiterfunktionäre, Intellektuellen und revolutionären Jugendlichen anzog und zu den Ihren zählte, ich kann nicht behaupten, daß mir die Trennung jetzt schwerfällt. Ein Blick in die Runde des Rest-ZK und der Rest-Partei genügt, um einem den Abschied leicht zu machen. Zwar ist da noch so mancher, den man schätzt, und mancher andere, dem man wenigstens seine fernere Vergangenheit zugute halten muß; aber im ganzen beherrschen heute jene das Bild, mit denen in einer Gemeinschaft zu sitzen man wirklich kein Bedürfnis und keinen Anlaß hat.

Ich spreche natürlich nur für mich.

Dir, Genosse Muhri, billige ich zu, daß Du einige ernsthafte Versuche zur Reform und Rettung unserer Partei unternommen hast. Aber dann hast Du in bester opportunistischer Manier Deinen Frieden mit dem sowjetischen Establishment und seinen hiesigen Ablegern gemacht und Dich von den Ultras ins Schlepptau nehmen lassen. Vom XIX. Parteitag ist nur mehr die Erinnerung übriggeblieben, vom XX. ein übler Beigeschmack, der Rest ist Schweigen.

Ich bin schon fertig.

Beiliegend übermittle ich mein Mitgliedsbuch an Euch als die für mich zuständige Parteiorganisation, außerdem S 100,— (in bar) für ausständige Mitgliedsbeiträge; ich wurde heuer teils aus eigenem, teils aus Eurem Versäumnis nicht kassiert. Sollte der Mitgliedsbeitrag (was mir entgangen sein könnte) inzwischen erhöht worden sein, so ersuche ich, mir dies mitzuteilen.

Dem Sozialismus bleibe ich treu, auch ohne Mitgliedsbuch. Wo um den Sozialismus gerungen wird — um einen demokratischen und humanistischen —, bin ich dabei. Für bloße Fassaden und Embleme habe ich nichts übrig.

Der 52jährige Volkswirtschafter Dr. Theodor Prager gehörte seit 35 Jahren der kommunistischen Bewegung an und war seit 1959 Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Er ist Verfasser zahlreicher wirtschaftspolitischer und wirtschaftswissenschaftlicher Schriften. Auf dem XX. Parteitag der KPO im Jänner 1969 wurde Prager zusammen mit drei anderen Reformern aus dem ZK der KPÖ hinausgewählt, bei der Wiederholung der Wahl jedoch zusammen mit diesen wieder in das Zentralkomitee entsendet. Er gehörte zu den 27 ZK-Mitgliedern, die den Plenartagungen des ZK seit November fernblieben. Prager war von 1946 bis 1963 in der wirtschaftspolitischen Abteilung des ZK der KPÖ tätig und wirkte auch als Wirtschaftsredakteur der „Volksstimme“. Von 1947 bis 1959 war er Kammerrat der Wiener Arbeiterkammer.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1970
, Seite 79
Autor/inn/en:

Theodor Prager: Der Volkswirtschafter gehörte seit 35 Jahren der kommunistischen Bewegung an und war seit 1959 Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Er ist Verfasser zahlreicher wirtschaftspolitischer und wirtschaftswissenschaftlicher Schriften. Auf dem XX. Parteitag der KPÖ im Jänner 1969 wurde Prager zusammen mit drei anderen Reformern aus dem ZK der KPÖ hinausgewählt, bei der Wiederholung der Wahl jedoch zusammen mit diesen wieder in das Zentralkomitee entsendet. Er gehörte zu den 27 ZK-Mitgliedern, die den Plenartagungen des ZK seit November fernblieben. Prager war von 1946 bis 1963 in der wirtschaftspolitischen Abteilung des ZK der KPÖ tätig und wirkte auch als Wirtschaftsredakteur der „Volksstimme“. Von 1947 bis 1959 war er Kammerrat der Wiener Arbeiterkammer.

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