FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 309/310
Ronald Radosh • Sol Stern

Rosenberg war doch Spion

Nach 26 Jahren die Wahrheit

Hunderttausende haben für ihre Unschuld demonstriert, aber Rosenberg war doch Spion. Allerdings hat er nicht das „Atombombengeheimnis“ weitergegeben. Das tat der Chemiker Harry Gold mit dem Material von Klaus Fuchs, der es, im Gegensatz zu Rosenbergs Vertrauensmann David Greenglass, tatsächlich wußte. Falls die Russen es wirklich brauchten.

Infam die Behandlung von Ethel Rosenberg: Nichts lag gegen sie vor, sie wurde zum Tode verurteilt, um ihren Mann damit zu erpressen.

Ein neues prokommunistisches Komitee unter den Rosenberg-Söhnen betreibt gegenwärtig die Rehabilitierung von Ethel und Julius, unkritisch von der Seite der Angeklagten her. Unabhängige Linke haben jetzt aus FBI-Akten und neuen Zeugenaussagen eine Version herausgefiltert, die weder den Kommunisten noch den Antikommunisten gefallen wird. Sol Stern war jahrelang Chefredakteur von Ramparts, dem Magazin der Neuen Linken im Amerika der Sechzigerjahre, Ronald Radosh unterrichtet an der University of New York.

Ethel (Jahrgang 1916) und Julius Rosenberg (Jahrgang 1918),
hingerichtet am 19. Juli 1953 (das untere Bild zeigt die aufgebahrten Leichen in der Totenhalle des Friedhofs von Brooklyn): Ein Justizmord des Kalten Krieges. Rosenberg war zwar nach neuesten Forschungen Spion, konnte aber die Atombombe nicht verraten haben. Gegen seine Frau lag nichts vor, sie wurde nur zwecks Erpressung des Ehemannes zum Tode verurteilt.

Die Toten stehen auf

In den frühen Morgenstunden des 18. Juni 1953 glitt ein Wagen mit FBI-Agenten durch das Tor des Gefängnisses Sing-Sing in Ossining, New York, und steuerte geradewegs auf die Garage des Gefängnisdirektors zu. So unauffällig wie möglich schafften die Beamten ihre Sachen in eine Wohnung oberhalb der Garage und richteten sich für einen längeren Aufenthalt ein. Von dem improvisierten Hochstand aus war es nur ein Katzensprung bis zu dem Wild, das die Agenten erlegen sollten: Ethel und Julius Rosenberg in den Todeszellen.

Die Männer in der Garagenwohnung waren lange mit dem Rosenberg-Fall vertraut. Dem FBI war es in dieser seiner größten und meistpublizierten Spionenjagd um mehr gegangen als darum, die Rosenbergs bloß wegen Verrats von Atomgeheimnissen im Zweiten Weltkrieg auf den elektrischen Stuhl zu bringen. Von Anfang an hatte das FBI in Julius Rosenberg die Schlüsselfigur eines größeren sowjetischen Spionagenetzes in der unmittelbaren Nachkriegszeit vermutet. Das FBI wollte alle Einzelheiten über die Nachkriegsoperationen dieses Netzes wissen. Deshalb war man bereit, Julius Rosenberg und seiner Frau im Austausch für diese Informationen eine letzte Überlebenschance zu bieten.

Mit den Agenten standen in der Garage zwei Stenographen bereit. Falls die Rosenbergs weich würden, sollten in den Todeszellen Vernehmungen durchgeführt werden, „wenn nötig auch Monate“, wie es in einem FBI-Aktenvermerk heißt. Die Prozedur für den Hinrichtungsaufschub, sobald die Rosenbergs ein Zeichen von Aussagebereitschaft gaben, war mit dem Gefängnisdirektor und dem zuständigen US-Marshall gründlich geprobt worden. Es gab sogar einen Briefwechsel über die Frage, was geschehen sollte, „falls die Rosenbergs zu sprechen wünschten, wenn sie schon in die Hinrichtungskammer geführt oder bereits am elektrischen Stuhl sind“. Die FBI-Mission schlug fehl. Am Abend des Tages, an dem die Agenten gekommen waren, wurden erst Julius und dann Ethel Rosenberg hingerichtet, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Ein Vierteljahrhundert später läßt uns die Sache noch immer nicht ruhig schlafen. Viele Amerikaner glauben jetzt an den letzten „cri de cœur“ der Rosenbergs: daß sie die unschuldigen Opfer einer Machination im Zuge des kalten Krieges gewesen seien. Die dramatischste Bestärkung erhielt diese Auffassung, als die beiden Söhne der Rosenbergs, Michael und Robert Meeropol, sich an die Spitze einer Kampagne für die Wiederaufnahme des Verfahrens stellten. Ihre Klage gemäß dem „Freedom of Information Act“ zwang das FBI, rund 200.000 Seiten an Dokumenten aus den Rosenberg-Akten freizugeben. Das neue Rosenberg-Komitee hat selektiv Dokumente veröffentlicht, welche die Unschuldsbeteuerungen der Hingerichteten bekräftigen. Die FBI-Akten enthalten verblüffende Enthüllungen über den Fall, von denen viele für die Anklage vernichtend gewesen wären.

Die Frau als Geisel gegen den Mann

Aber andere FBI-Dokumente — die von dem neuen Rosenberg-Komitee nicht veröffentliichtt wurden — erschüttern die Unschuldsbehauptung aufs schwerste. Das neue Beweismaterial führt zu der unausweichlichen Schlußfolgerung, daß Julius Rosenberg im Mittelpunkt eines Spionagerings stand, der bis zu seiner Verhaftung im Jahre 1950 funktionierte. Nicht aber Ethel. Eines der erschütterndsten Dokumente in den FBI-Akten ist ein dreizehn Seiten langes Memorandum vom 17. Juni 1953, in dem die Fragen angeführt sind, welche die FBI-Agenten an Julius Rosenberg richten sollten, falls er und seine Frau weich würden. In dem ganzen Memorandum steht nur eine einzige Frage, die sich auf Ethel bezieht. Sie lautet: „Hat Ihre Frau von Ihrer Tätigkeit gewußt?“

Diese Frage ragt heute aus den FBI-Akten heraus wie eine rote Fahne. Als ein Spitzenbeamter des FBI sie formulierte, stand Ethel Rosenberg vor der Hinrichtung als „voll Mitschuldige“ (so der Prozeßrichter Irving Kaufmann) an dem „Verbrechen des Jahrhunderts“, wie FBI-Chef J. Edgar Hoover es nannte. Konnte die amerikanische Regierung sie so ungerührt sterben lassen, wenn sie nicht einmal sicher war, ob Ethel von der Spionagetätigkeit ihres Mannes auch nur gewußt hatte?

Leider lautet die Antwort ja. Das hier erstmals erwähnte Memorandum vom 17. Juni 1953 ist lediglich eines von mehreren FBI-Dokumenten, die zeigen, daß Ethel nur als Geisel gegen ihren Mann in die Anklage einbezogen wurde und daß sie schließlich aufgrund manipulierter, in elfter Stunde vorgelegter Beweise verurteilt worden war. Der Zweck war, Julius Rosenberg unter Druck zu setzen, damit er Einzelheiten über seinen Nachkriegsspionagering preisgebe.

Wie das Bombengeheimnis weitergegeben wurde

Die Rosenberg-Affäre platzte im Sommer 1950 beim Ausbruch des Koreakrieges, zehn Monate nachdem die Sowjetunion ihre erste Atombombe zur Explosion gebracht hatte. Während der ganzen ersten Hälfte des Jahres berichteten die Zeitungen in großer Aufmachung über Verhaftungen von Mitgliedern eines Spionageringes, der angeblich im Zweiten Weltkrieg den Russen das Geheimnis der Atombombe ausgeliefert hatte. Die Politiker behaupteten, dieser Verrat habe das globale Kräfteverhältnis grundlegend verändert und die Kommunisten zur Aggression ermutigt.

Die Kette der Geständnisse, die zu Julius Rosenberg führte, begann mit dem deutschbürtigen Atomphysiker Klaus Fuchs in England. Fuchs gab zu, während des Zweiten Weltkriegs, im Zuge seiner Mitwirkung am „Manhattan Project“, dem amerikanischen Programm zur Entwicklung der Atombombe, für die Russen spioniert zu haben. Ende Mai 1950 gestand in Philadelphia ein obskurer Chemiker namens Harry Gold, der amerikanische Verbindungsmann von Fuchs gewesen zu sein. Er nannte David Greenglass, einen 28jährigen New Yorker, einen Soldaten, vom dem er in Albuquerque, New Mexico, im Juni 1945 zusätzliche Informationen über die Atombombe erhalten habe. Bei seiner ersten Vernehmung durch das FBI gestand Greenglass, wie die kürzlich veröffentlichten Akten zeigen, als Mechaniker bei den Atombombenanlagen in Los Alamos Informationen an Gold weitergegeben zu haben. Greenglass belastete auch seine 26jährige Frau Ruth und seinen Schwager Julius Rosenberg.

Wenige Tage nach Greenglass’ Verhaftung am 16. Juni 1950 versuchte sein Anwalt, O. John Rogge, in Washington, D.C., einen im amerikanischen Rechtswesen üblichen Kuhhandel zugunsten seines Mandanten zu machen. Rogge, heute ein Achtziger, aber immer noch in New York als Anwalt tätig, erzählte uns, er sei, sobald er erfahren habe, wie tief David und Ruth Greenglass in Spionage verwickelt waren, zum Leiter der Kriminalabteilung des Justizministeriums, James McInerney, gegangen, um ihm ein Geschäft anzubieten. „Ich sagte zu McInerney, ich bringe Ihnen ein paar Zeugen, wenn gegen Ruth keine Anklage erhoben wird.“ Nach einigem Feilschen erklärte sich MeInerney bereit, Ruth nicht anzuklagen und für David eine Strafe von drei bis fünf Jahren zu empfehlen.

Rogge stellte seine Mandanten den Behörden für eine Reihe von Verhören, die bis Mitte August dauerten, zur Verfügung. Die beiden Greenglass erzählten dem FBI und dem Staatsanwalt, sie seien im Jahre 1944 von Julius Rosenberg zur Spionage verleitet worden. Rosenberg, so sagten sie, habe Ruth Greenglass nach New Mexico geschickt, um von David Informationen über Los Alamos zu verlangen; und David habe zweimal, während er in New York auf Urlaub war, Rosenberg Skizzen und Notizen über die Atombombe eingehändigt.

Die beiden Greenglass sagten in der Vernehmung ferner, Rosenberg habe anscheinend auch nach dem Krieg einen Spionagering geleitet, mit russischem Geld und in direktem Kontakt mit den Russen. Er habe vor ihnen geprahlt, daß er seine „Burschen“ in wichtigen Industrie- und Forschungsanlagen im Staat New York sitzen habe und daß sein Ring über zwei Wohnungen — davon eine in Greenwich Village — verfüge, um dort Dokumente zu fotografieren.

Die Greenglass erzählten dem FBI, nach der Verhaftung von Fuchs und Gold habe Rosenberg versucht, sie zum Verlassen des Landes zu bewegen. Er habe ihnen 5.000 Dollar gegeben und ihnen einen Fluchtweg über Mexiko nach Europa beschrieben. Julius habe gesagt, er versuche auch andere Mitglieder seiner Gruppe außer Landes zu bringen, und ein Mann namens Joel Barr sei bereits ohne Schwierigkeiten ausgereist.

Die Agenten tauchen unter

Wie aus den Dokumenten ersichtlich, war das FBI überzeugt, Rosenberg aufgrund der Greenglass-Aussagen der Spionage in Kriegszeiten überführen zu können. Aber die Bemerkungen der Greenglass über Rosenbergs Nachkriegstätigkeit interessierten die Beamten noch mehr. Das FBI fand bald heraus, daß in den Monaten Juni und Juli 1950 tatsächlich mehrere Freunde Julius Rosenbergs verschwunden waren, wobei die Spur oft über Mexiko führte.

Nur eine dieser Reisen ist bisher bekannt. Morton Sobell, ein Studienkollege und enger Freund Rosenbergs, war wenige Tage nach Greenglass’ Verhaftung samt Frau und Kindern nach Mexiko geflogen. In Mexiko trat er unter verschiedenen falschen Namen auf und versuchte nach Europa zu gelangen. Im August entführte das FBI — mit Unterstützung der mexikanischen Polizei — Sobell in die Vereinigten Staaten und stellte ihn vor Gericht. Er wurde zugleich mit den Rosenbergs schuldig gesprochen und zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt (von denen er neunzehn abgesessen hat). In einem Interview wiederholte Sobell vor kurzem seine Behauptung, nie Spionage betrieben zu haben.

Der einzige Name, den die Greenglass dem FBI nannten, ihre Behauptung zu stützen, daß Julius Rosenberg einen Spionagering leitete, war Joel Barr. Er war Studienkollege Rosenbergs gewesen. Barr lebte seit 1948 im Ausland, hauptsächlich in Paris. Als das FBI Barrs Pariser Adresse ausgeforscht hatte, war er fort. Die Concierge sagte, er sei am 15. Juni abgereist und habe sein Motorrad und andere Dinge zurückgelassen. Ein amerikanischer Freund Barrs in Paris berichtete den FBI-Leuten, Barr habe am 2. Juni erklärt, verreisen zu wollen. Auf die Frage wohin habe Barr geantwortet, es sei besser, wenn er (der Freund) das nicht wisse. Dieser Freund, Samuel Perl, hat den Bericht des FBI kürzlich in einem Interview bestätigt. Barr ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Der nächste Rosenberg-Freund, der verschwand, war ein 32jähriger Ingenieur namens Alfred Sarant, der damals in Ithaca, Staat New York, lebte. Sarant, ebenfalls ein guter Freund von Joel Barr, war einer der ersten, die das FBI nach Rosenbergs Verhaftung am 17. Juni 1950 einvernahm. Er schien kooperationswillig zu sein, ließ die Beamten sein Haus durchsuchen und beantwortete ihre Fragen. Doch am 27. Juni, nach mehreren Gesprächen mit dem FBI, fuhr Sarant nach New York City zu einem Rendezvous mit einer Frau namens Carol Dayton. Carol und ihr Mann waren Nachbarn des Ehepaars Sarant. Von New York fuhren Sarant und Carol Dayton nach Tucson in Arizona; dort beschafften sie sich gefälschte mexikanische Touristenausweise auf die Namen Mr. und Mrs. Bruce Dayton. Am 9. August überschritten sie die mexikanische Grenze und verschwanden. Wie Joel Barr wurden auch Sarant und Frau Dayton bis heute nicht wieder gesehen.

Vier Tage nach Julius Rosenbergs Verhaftung besuchte ein Unbekannter Joel Barrs ehemalige Freundin, Vivian Glassman. Der Mann stellte sich nicht vor, berief sich aber auf Barr; er gab Frau Glassman zweitausend Dollar in kleinen Scheinen und sagte, sie solle nach Cleveland fahren, dort einen bestimmten Flugzeugingenieur aufsuchen, ihm das Geld geben und ihm raten, sofort nach Mexiko zu fliegen. Der geheimnisvolle Fremde nannte nicht den Namen des Ingenieurs, aber Vivian Glassman nahm an, es handle sich um William Perl, einen Schulkollegen von Rosenberg und Freund von Sarant und Barr, den Bruder von Samuel Perl. Frau Glassman wußte, daß Perl in Cleveland lebte.

Obwohl sie Angst hatte, führte sie den Auftrag aus. Sie kaufte eine Flugkarte auf den Namen S. Goldberg, flog am nächsten Tag nach Cleveland und nahm sich unter falschem Namen ein Hotelzimmer. Am folgenden Nachmittag ging sie auf die Suche nach Perl. Als sie seine Wohnung betreten hatte, setzte sie sich wortlos nieder und schrieb ihre Botschaft auf einen Zettel, wobei sie die Namen Joel Barr und Rosenberg anführte. Perl, der bereits vom FBI über seine Verbindung mit Rosenberg befragt worden war, wies das Geld zurück und riet Frau Glassman, nach New York zurückzukehren, was sie auch sofort tat. Am Tage nach ihrer Rückkehr kam der Unbekannte abermals zu ihr. Als sie ihm berichtete, was in Cleveland gewesen war, nahm er die zweitausend Dollar wieder an sich und ging.

Perl wurde wegen Meineids zu fünf Jahren verurteilt, weil er vor Gericht bestritten hatte, Rosenberg und Sobell zu kennen. Er ist vor einigen Jahren gestorben.

Eine Wohnung im Village

Das FBI fand heraus, daß Barr, Sarant und Perl nach 1945 zu verschiedenen Zeiten in einer Wohnung in Greenwich Village, Morton Street Nr. 65 gelebt hatten. War dies die Wohnung, von der Greenglass gesagt hatte, Rosenberg habe dort Dokumente fotografiert? Das FBI nahm es an, zumal festgestellt wurde, daß die Wohnung stets von dem einen oder anderen der vier gehalten wurde, wenn auch über lange Zeiträume hinweg niemand dort zu wohnen schien. Auch erfuhr das FBI aus mehreren Quellen, daß sich in der Wohnung fotografische Geräte befanden.

Ferner entdeckte das FBI, daß Sarant und Barr derselben Organisation der Kommunistischen Partei angehört hatten wie Rosenberg — nämlich der Sektion 16B der Industrieabteilung — und daß alle drei, kurz nachdem diese Grundorganisation aufgelöst und die Mitglieder an andere Sektionen überwiesen worden waren, ihre Parteimitgliedschaft zurückgelegt hatten.

Vor Gericht bestritt Rosenberg die Aussage des Ehepaars Greenglass, wonach er eifrig bemüht gewesen sei, Leute über Mexiko außer Landes zu bringen, und sich über Paßbilder und Impfzeugnisse erkundigt hätte. Er behauptete das Gegenteil — es sei David Greenglass gewesen, der wegen Mexiko angefragt habe, weil er im Frühjahr 1950 tief in Schwierigkeiten mit den Gerichten gesteckt habe.

Aber Sobell, Sarant, Dayton, Perl und Glassman waren allesamt Freunde von Rosenberg, nicht von Greenglass. Außerdem war Barr nach Harry Golds Verhaftung aus Paris verschwunden, bevor das FBI in der Verfolgung der Spuren bis zu den Greenglass gelangt war.

Joel Barr ließ eine alte Mutter, drei Brüder und eine Schwester zurück. Sie haben seit seinem Verschwinden nie wieder ein Wort von ihm gehört. Sarant und Caroll Dayton verließen je zwei kleine Kinder und ihre Ehegatten. Auch von ihnen hat man nichts mehr vernommen.

Joel Barrs Exverlobte, Vivian Glassman, berichtete dem FBI über ihre geheimnisvolle Reise nach Cleveland, berief sich aber dann vor Gericht auf den Fünften Verfassungszusatz. Heute ist sie in New York verheiratet. Sie hat sich geweigert, mit uns über den Fall zu reden, und so hat sie es auch mit allen anderen Journalisten gehalten, die es versucht haben.

Vielleicht gibt es eine plausible harmlose Erklärung für alle die plötzlichen Abreisen rund um Julius Rosenberg. Doch die rosenbergfreundlichen Kritiker des Falles haben überhaupt keine Erklärung angeboten. In den meisten Pro-Rosenberg-Büchern werden die Namen Barr und Sarant nicht einmal erwähnt. Walter und Miriam Schneir versuchen in ihrem Buch „Invitation to an Inquest“, das weithin als die umfassendste kritische Arbeit über den Fall gilt, die Suche des FBI nach einem großen Spionagering als lächerlich hinzustellen. Doch das ist nicht überzeugend, besonders im Licht der neuen Tatbestände, die aus den kürzlich freigegebenen FBI-Dokumenten hervorgehen. Beispielsweise erwähnen die Schneirs Joel Barr zum letztenmal im Zusammenhang mit seiner Reise nach Europa im Jahre 1948. Wenn man sich an die 1973 erschienene revidierte Ausgabe des Buches hält, studiert Barr immer noch in Paris Musik. Für die Flucht Alfred Sarants und Carol Daytons wird als Grund angegeben, daß sie ein Verhältnis miteinander hatten. Der Leser bekommt den Eindruck, daß die beiden bis heute in Mexiko leben. Die Schneirs sagen kein Wort darüber, daß alle drei, Barr, Dayton und Sarant, verschwunden sind.

Eine bedeutungsvolle Autofahrt

Allein schon dieses Verschwinden sollte einen zögern lassen, den Nachkriegsspionagering als FBI-Phantasie abzutun. Nun aber hat ein gewichtiger Zeuge sich erstmals öffentlich zu Wort gemeldet und die Existenz des Spionageringes bestätigt. Es handelt sich um James Weinstein, Verfasser mehrerer Bücher über die amerikanische Linke und gegenwärtig Chefredakteur von „In These Times“, einer in Chicago erscheinenden sozialistischen Wochenschrift. 1951 berief sich Weinstein auf den Fünften Verfassungszusatz, um nicht kurze Zeit nachdem die Rosenbergs zum Tod verurteilt worden waren vor Gericht aussagen zu müssen.

Im Studienjahr 1948/49 waren Weinstein und ein Freund von ihm namens Max Finestone beide im letzten Semester an der Cornell-Universität, und beide gehörten der KP an. Irgendwann im Laufe des Jahres, so berichtet Weinstein, sagte Finestone, er trete aus der Partei aus, um „geheime Arbeit“ zu leisten. Weinstein hatte keine Ahnung, was Max plante, und war klug genug, keine Fragen zu stellen. Ungefähr um diese Zeit begann Finestone bei Alfred Sarant zu arbeiten, der in Ithaca eine kleine Baufirma hatte.

Im Lauf des Studienjahres lieh sich Max wiederholt Weinsteins Wagen aus, einen Buick Baujahr 1940. Weinstein glaubte damals, Max brauche den Wagen, um seine Eltern auf einer nahegelegenen Farm zu besuchen. Später gelangte er zu der Annahme, daß Max den Wagen für Fahrten im Zusammenhang mit seiner „geheimen Arbeit“ verwendete.

Im Juni 1949 promovierte Weinstein, zog nach New York zurück und bereitete sich darauf vor, in die Columbia Law School einzutreten. Im Herbst besuchte er Cornell und wohnte auf der Farm von Max Finestones Eltern. Am Ende dieses Wochenendbesuches, so sagt Weinstein, ersuchte ihn Finestone, jemanden in seinem Wagen nach New York mitzunehmen. Der „Jemand“, der kurz danach auf der Farm aufkreuzte — ein unansehnlicher Mann mit Brille und Schnurrbart —, wurde als „Julius“ vorgestellt. Während der ganzen langen Fahrt nach New York saß „Julius“ auf dem Rücksitz und sprach kein Wort. (Vorn saß ein anderer ehemaliger Cornell-Student. Auf Befragung sagte der Mann, er könne sich an die fast dreißig Jahre zurückliegende Autofahrt überhaupt nicht mehr erinnern.) Als sie bei der George-Washington-Brücke ankamen, bat „Julius“, ihn aussteigen zu lassen.

Im Dezember 1949 übersiedelte Max Finestone nach New York. Zuerst wohnte er in Greenwich Village, in jener Wohnung in der Morton Street Nr. 65, die Al Sarant ihm zur Verfügung gestellt hatte. Am Ende des Monats rief er Weinstein an und sagte, er müsse aus der Wohnung heraus; ob er vielleicht bei ihm wohnen könne? Weinstein war einverstanden. Wenige Tage danach zog Finestone aus der Morton Street aus.

Eines Abends Anfang Juli 1950 klopfte es an der Tür der Wohnung, die Weinstein mit Finestone teilte. Als Weinstein öffnete, stand draußen jener „Julius“, den er aus Ithaca nach New York mitgenommen hatte. Julius fragte, ob Max zu Hause sei. Als Weinstein verneinte, erwiderte der andere: „Sagen Sie ihm, Julius ist dagewesen“, und ging. Max kam später am Abend nach Hause, und Weinstein richtete ihm aus, daß Julius nach ihm gefragt hatte. Max fragte nervös, ob er sicher sei, daß es Julius war. Weinstein antwortete, es sei derselbe Mann gewesen, den er damals von Ithaca mitgenommen habe. Da wurde Max totenblaß und rief aus: „Er weiß doch, er soll nicht hierherkommen!“ All das ergab für Weinstein erst einen Sinn, als er zwei Wochen später auf der Titelseite der Zeitungen Julius’ Bild erblickte: wegen Spionage verhaftet. Weinstein war wütend auf Finestone, weniger wegen dessen geheimer Tätigkeit als wegen der Tatsache, daß er ausgerechnet zu ihm gezogen war, als der Boden zu heiß wurde.

Vielleicht Wirtschaftsspionage ...

Finestone ist heute Mitte Fünfzig. Seit dem Fall Rosenberg haben er und seine Frau die meiste Zeit ein kleines Sommerhotel geführt. Als wir ihn in seinem Haus im Staat New York befragten, meinte er, Weinstein irre sich in mehreren Punkten. Darüber, daß Weinstein Julius von Ithaca nach New York mitgenommen hat, sagt Finestone: „Ich erinnere mich, daß Julius in Ithaca gewesen ist, aber an diese Geschichte erinnere ich mich nicht.“ Zu Rosenbergs Auftauchen in der gemeinsamen Wohnung im Juli 1950 meint Finestone: „Ich glaube, Jim phantasiert ... das ist reine Phantasie.“

Finestone bestätigt, daß er mitten im letzten Studienjahr in Cornell aus der KP ausgetreten ist, behauptet aber, das habe er getan, weil er sich auf das Studium konzentrieren mußte. Er bestreitet, zu Weinstein gesagt zu haben, er hätte „geheime Arbeit“. Finestone erklärt, er sei aus der Morton Street auszogen, weil es einfach „günstiger“ gewesen sei, mit Weinstein zusammen zu wohnen.

Über seine Beziehung zu Rosenberg sagt Finestone: „Wir waren in den vierziger Jahren kurze Zeit miteinander bekannt.“ Nach Einzelheiten befragt, antwortete er: „Sie fragen mich über seine Bewegungen und Tätigkeiten. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll. Diese Fragerei beunruhigt mich.“ Wir könnten ja, so meint er, FBI- oder CIA-Agenten sein, und er wolle nichts äußern, was dann zu „unerwünschten Zwecken verwendet werden könnte“.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs reagiert Finestone auf unsere Vermutung, daß es nach dem Krieg auf unterer Ebene Spionage gegeben haben könnte: „Wenn Sie mich und Joel Barr dazu bringen, zuzugeben, gewiß, wir haben Spionage betrieben, aber harmlose Wirtschaftsspionage, und wir haben es aus prinzipiellen Gründen getan ... dann schnappt die Regierung danach und sagt, diese Burschen gestehen, daß sie spioniert haben.“ Das, sagt Finestone, würde die Version der Regierung „in den Augen der Öffentlichkeit bestätigen“, und dazu wolle er sich nicht hergeben. „Selbst wenn ich etwas wüßte, das Sie nicht wissen, würde ich es nicht sagen“, bemerkt er abschließend und bestreitet dann, daß irgendeine Spionage stattgefunden hat.

Weinsteins Darstellung der Vorgänge in Ithaca im Jahre 1949 wird durch eine noch bemerkenswertere Quelle bestätigt, die durch die Freigabe der FBI-Dokumente zugänglich geworden ist — Julius Rosenberg selbst!

Was Rosenberg dem FBI-Spitzel erzählte

In der Untersuchungshaft befreundete sich Rosenberg mit einem jungen Gefangenen namens Jerome Eugene Tartakow, der wegen Autodiebstahls zwei Jahre abzusitzen hatte. Die beiden spielten miteinander Schach, und Rosenberg begann zu reden, erst über seine Jugend und seine Aktivitäten im Kommunistischen Jugendverband während der dreißiger Jahre und dann über weniger lang zurückliegende Dinge. In Gesprächen, die sich über sechs Monate hinzogen, verriet Julius Einzelheiten über sein Spionagenetz in der Zeit vor seiner Verhaftung. Tartakow hinterbrachte alles dem FBI.

Rosenberg — so Tartakow — habe gesagt, er sei nicht außer Landes geflohen, „weil er sich um einige Freunde kümmern mußte“; er habe die eine Spionageeinheit im Gebiet geleitet, für die andere seien zwei Männer verantwortlich gewesen, von denen einer das Land eine Woche nach seiner, Rosenbergs, Verhaftung verlassen habe, während der andere bereits in Europa in Sicherheit sei. Rosenberg habe erzählt, er sei zweimal in Ithaca gewesen, um Al Sarant aufzusuchen und „Anwerbungen“ zu machen. Er erwähnte auch Vivian Glassmans Flug nach Cleveland und sagte, seiner Meinung nach hätten die Russen selbst sie für diese Aufgabe ausgewählt. Und Rosenberg kritisierte William Perl, weil er in Panik geraten sei und dem FBI von Glassmans Besuch erzählt habe, fügte jedoch hinzu, Perl sei ein brillanter Wissenschaftler, von dem er eine Menge sehr guten Materials bekommen habe.

Es ist schwer zu glauben, daß Rosenberg wirklich im Gefängnis über all das gesprochen hat. Doch in den mehr als 300 Seiten FBI-Protokollen über Tartakows Aussagen stehen Einzelheiten, die nur von Rosenberg stammen können, und wir haben manches davon durch unabhängige Quellen -— wie James Weinstein — bestätigt gefunden. So erzählte einem dieser Protokolle zufolge Rosenberg Tartakow von dem Mann, den er als letzten angeworben hatte. Dieser Mann wohnte zusammen mit einem anderen, der „aus einer reichen Familie“ kam. Er war Jusstudent und ein Freund des Anwalts O. John Rogge. Rosenberg soll auch gesagt haben, der Wohngefährte seines letzten Rekruten hätte aus politischen Gründen Streit mit seiner Familie gehabt. Sein letzter Rekrut habe sich von seinem Wohngefährten den Wagen geliehen — einen schwarzen Buick — und ihn, Rosenberg, nach Ithaca mitgenommen, wo er Al Sarant besuchte.

Das paßt natürlich genau auf Max Finestone und James Weinstein. Es stimmt auch überein mit der Geschichte, die Weinstein uns erzählt hat. Weinsteins Eltern waren sehr reich, seine Familie kannte O. John Rogge, und James hatte Schwierigkeiten mit seiner Familie. Der schwarze Buick gehörte Weinstein, und dieser lieh ihn tatsächlich oft seinem Freund Finestone. Die Bezeichnung Finestones als „letzter Rekrut‘‘ deckt sich mit Weinsteins Aussage, daß Max aus der Partei ausgetreten sei, um „geheime Arbeit“ zu leisten. Weinsteins Bericht über das geheimnisvolle Auftauchen Julius Rosenbergs in Ithaca im Herbst 1949 paßt zu Tartakows Bericht über Rosenbergs Fahrten nach Ithaca, um dort „Anwerbungen“ zu machen. Weinstein erzählte seine Geschichte erst 1978, aber sie bestätigt den Inhalt von 28 Jahren alten FBI-Dokumenten, von deren Existenz er nichts wußte.

Der Vertraute des KP-Chefs vertraute dem FBI

Als im Dezember 1975 die ersten FBI-Akten freigegeben wurden, erschienen einige vage Berichte über die Tartakow-Protokolle. Das Rosenberg-Komitee ging zum Gegenangriff über. Ein Autor nannte Tartakow einen notorischen „Spitzel“ und tat die Protokolle als „Polizeischwindel“ ab. Die Brüder Meeropol betonten in einem Artikel in der „New York Times‘‘, daß sogar das FBI Tartakow für „unverläßlich“ gehalten habe. Es stimmt, daß das FBI, als Tartakow im Dezember 1950 erstmals Informationen über Rosenberg anbot, ihn offiziell als einen „Informanten von unbekannter Verläßlichkeit“ charakterisierte. Doch nach einigen Monaten, nachdem Tartakows Informationen überprüft worden waren, änderte das FBI seine Meinung.

Rosenberg selbst hatte offenbar Vertrauen zu Tartakow. Er veranlaßte, daß Tartakow, als er im Juli 1951 aus dem Gefängnis entlassen wurde, für Emanuel Bloch, den Anwalt der Rosenbergs, arbeiten konnte. Unter anderem fuhr Tartakow Bloch und die Rosenberg-Söhne nach Sing-Sing.

Warum hat Julius Rosenberg sich Tartakow anvertraut? Erstens haben Häftlinge keine große Auswahl an Freunden. Und zweitens war Jerry Tartakow kein gewöhnlicher Spitzel. Er hatte einen ähnlichen Hintergrund wie Rosenberg: Beide waren Juden, beide kamen aus einer proletarischen Einwandererfamilie, und beide waren beim Kommunistischen Jugendverband gewesen.

Doch der Hauptgrund für Rosenbergs Vertrauen zu Tartakow lag wahrscheinlich darin, daß dieser im Besitz der bestmöglichen Empfehlung war: von Eugene Dennis, dem Generalsekretär der KP der USA, der damals wegen „Mißachtung des Kongresses“ im selben Gefangenenhaus einsaß. Heute lebt Tartakow in Kalifornien und besitzt ein kleines Geschäft. Er erzählt uns, daß er im Gefängnis, bevor er Rosenberg kennenlernte, tatsächlich eine Beziehung zu Eugene Dennis hatte. „Dennis und ich waren sehr enge Freunde“, sagt Tartakow. Er habe als Verbindungsmann zwischen Dennis und Rosenberg fungiert. „Gene Dennis wollte damals nicht, daß wir drei zusammen gesehen werden.“ Er habe aber Dennis oft über seine Gespräche mit Rosenberg informiert. Ein Anwalt aus dem jetzigen Rosenberg-Komitee, Bonni Bower, erwähnte uns gegenüber, Emanuel Bloch habe Tartakow auf Dennis’ Empfehlung hin als Fahrer beschäftigt.

Tartakows Behauptung ist glaubhaft, denn die damalige offizielle Linie der KP im Fall Rosenberg läßt sich etwa charakterisieren mit der Formel: „Julius — wer?“ Dennis konnte es sich nicht leisten, mit Rosenberg gesehen zu werden, war aber offenbar daran interessiert, herauszufinden, was Rosenberg gemacht hatte, und mehr noch, ob er reden würde oder nicht. Rosenberg wußte nicht, daß sein Freund Tartakow zum FBI „singen“ ging, nahm aber vielleicht an, daß das, was er sagte, Eugene Dennis zu Ohren kam. Das würde erklären, warum er so offen redete, ja sogar mit seinen Taten prahlte. Diese Prahlerei hat zu seinem Untergang beigetragen.

Die FBI-Dokumente zeigen, daß das FBI in Julius Rosenberg einfach den nächsten in einer Reihe fallender Dominosteine sah. Wenn er kooperationswillig war wie Harry Gold und David Greenglass vor ihm, würden seine Aussagen zu weiteren Verhaftungen in der größten Spionenjagd aller Zeiten führen. „Es bestehen gewisse Anzeichen“, heißt es in einem FBI-Bericht vom Tag seiner Verhaftung, „daß (Rosenberg) Kenntnis von der Identität einer Anzahl weiterer Personen besitzt, die sich mit Sowjetspionage befaßt haben.“

Doch der Dominostein Rosenberg kippte nicht um. Als am 17. Juli 1950 FBI-Agenten in Rosenbergs Wohnung kamen, verlangte Ethel Rosenberg den Durchsuchungsbefehl und mit ihrem Anwalt telefonieren zu dürfen. (In einem FBI-Bericht wird dieses Bestehen auf den verfassungsmäßigen Rechten als „typisch kommunistisches Querulieren“ bezeichnet.) Der Anwalt der Rosenbergs, Emanuel Bloch, war zu keinem Kuhhandel bereit. Daraufhin benützte das FBI das System der Bundesgerichte als Zwangsmittel.

Erpressungsmethoden der US-Justiz

In einem Bericht an J. Edgar Hoover über Rosenbergs Verhaftung wurde vorgeschlagen, das FBI solle „jede Möglichkeit in Betracht ziehen, auf Rosenberg Druck auszuüben, um ihn zum Sprechen zu bringen, und auch ... genau prüfen, inwieweit Ethel Rosenberg in die Sache verwickelt ist, so daß, wenn möglich, auch gegen sie Anklage erhoben wird“. Der FBi-Direktor war einverstanden, wie aus einer handschriftliichen Randbemerkung hervorgeht: „Ja, auf jeden Fall. Wenn die Kriminalabteilung (des Justizministeriums) zu lange zögert, lassen Sie es mich wissen, und ich werde mit dem Generalprokurator reden.“

Zwei Tage später schrieb Hoover dem Generalprokurator, J. Howard McGrath, ein Brieflein: „Wenn Julius Rosenberg die Einzelheiten seiner ausgedehnten Spionagetätigkeit preisgibt, wird es zweifellos möglich sein, gegen weitere Personen vorzugehen.“ Und Hoover fügte hinzu: „Ein Strafverfahren gegen seine Frau könnte in dieser Angelegenheit als Hebel dienen.“

Das einzige Problem mit diesem „Hebel“ war, daß die Behörden keinerlei belastendes Material über Ethel Rosenberg hatten. Im Fall Greenglass war die Drohung, Ruth einzusperren und so die beiden Kinder ohne Mutter zu lassen, ein wirksames Mittel gewesen, um David zur „Kooperation“ zu bewegen. Das FBI verfügte über genügend Beweismaterial, um Ruth zu überführen. Unter anderem hatte Ruth ein Konto bei einer Bank in Albuquerque, auf das Harry Gold für sie Geld eingezahlt hatte. Aber im Fall Ethel Rosenberg waren die Greenglass die einzige Informationsquelle des FBI. Und aus allen Verhören mit Ruth und David in den Monaten Juli und August 1950 — als die beiden bemüht waren, dem FBI zu beweisen, daß sie sich an die Abmachung hielten, die Ruth eine Anklage ersparen sollte — ergab sich kaum ein Hinweis auf irgendeine gesetzwidrige Handlung Ethels.

Ruth Greenglass erzählte den Vernehmungsbeamten, daß Ethel dabeigewesen sei, als Julius Rosenberg noch vor Kriegsende Ruth ersuchte, zu David nach New Mexico zu fahren und von ihm Informationen über das „Manhattan Project“ zu verlangen. Ruth sagte, sie erinnere sich, Bedenken geäußert zu haben, aber Ethel habe sich eingemischt mit einer Bemerkung in dem Sinne, „David solle entscheiden“ Vor Gericht hätte diese Aussage — die unbestätigt war und von den beiden anderen Teilnehmern an dem angeblichen Gespräch bestritten wurde — sehr wenig Gewicht gehabt.

Für Julius Rosenberg war die Verhaftung seiner Frau ein furchtbarer Schlag. Er machte sich große Sorgen über die Auswirkungen der Haft auf Ethels Gesundheit und natürlich auch über die Kinder. Doch er war entschlossen, die Sache durchzustehen. Die Regierung wußte das alles, weil Rosenberg mit Tartakow darüber sprach. Tartakows Berichte bestärkten die Regierung in der Überzeugung, nur jener „Hebel“ werde Rosenberg zu einem Geständnis bewegen.

Am 8. Februar 1951 beriet der Kongreßausschuß für Atomenergie in einer geheimen erweiterten Sitzung über den Fall Rosenberg. Unter den zwanzig Sitzungsteilnehmern waren fünf Senatoren, sechs Abgeordnete, drei Mitglieder der Atomenergiekommission und zwei Vertreter des Justizministeriums. Der stellvertretende Bundesanwalt Myles Lane sagte, Julius Rosenberg sei der „Schlüssel zu einer Reihe weiterer potentieller Spionageagenten“. Er nannte unter anderem William Perl und Vivian Glassman als mögliche Mitglieder eines größeren Spionagerings, die noch auf freiem Fuß seien. Das Justizministerium, sagte Lane, sei der Ansicht, „daß das einzige, was diesen Rosenberg brechen kann, die Angst vor der Todesstrafe oder dem elektrischen Stuhl ist, und außerdem, wenn wir auch seine Frau überführen können und sie zu fünfundzwanzig oder dreißig Jahren verurteilen; diese Kombination könnte bewirken, daß der Bursche singt und uns Informationen über die anderen liefert“. „Das ist so ziemlich das einzige, was man gegen solche Leute als Hebel anwenden kann‘‘, sagte Lane.

Aber Lane — der David und Ruth Greenglass viele Stunden lang verhört hatte — mußte vor dem Ausschuß zugeben, daß „das Material gegen Mrs. Rosenberg nicht sehr stark“ war. Dennoch, sagte er, sei es „sehr wichtig, daß auch sie verurteilt wird und eine saftige Strafe bekommt“. In diesem Raum voll Juristen war anscheinend niemand beunruhigt, daß die Regierung für eine Frau, gegen die praktisch nichts vorlag, eine Strafe von fünfundzwanzig oder dreißig Jahren verlangte.

Das magere Beweismaterial gegen Ethel und die saftige Strafe, die für sie verlangt wurde, waren um so peinlicher, als Ruth Greenglass nicht unter Anklage stand, aber als Zeugin zugeben würde, daß sie tief in die Verschwörung zum Diebstahl von Atomgeheimnissen verwickelt war.

Ein Geständnis wird geändert

Dann plötzlich, zehn Tage vor Prozeßbeginn, änderten die Greenglass ihre Aussage über das Ausmaß von Ethels Beteiligung völlig — und retteten damit die Strategie der Regierung. Nach der neuen Version stand Ethel Rosenberg im Mittelpunkt der Spionageoperation — als gehorsame Stenotypistin ihres Mannes.

Was diese gerade im rechten Augenblick vorgenommene Umwertung veranlaßt hat, bleibt ein Rätsel. Die bisher freigegebenen FBI-Akten zeigen lediglich, daß Ruth Greenglass am 23. und 24. Februar 1951 neuerlich verhört wurde und freiwillig „zusätzliche Angaben“ über Ehel machte. Zwei Tage später wurde auch David Greenglass erneut einvernommen. Wie aus dem telegrafischen Bericht über die Einvernahme an J. Edgar Hoover hervorgeht, lieferte er „im wesentlichen die gleiche Information wie Ruth Greenglass“.

Die beiden Greenglass behaupteten nun, David hätte im September 1945 seine Skizzen und handschriftlichen Notizen über die Atombombe direkt im Wohnzimmer der Rosenbergs abgegeben. Wie es in dem FBI-Kabel heißt, sagte Ruth weiter aus: „Julius nahm die Papiere ins Badezimmer und las sie dort, dann kam er zurück, rief Ethel und sagte, sie solle das Material sofort abtippen.“ Ruth erklärte weiter, Ethel habe sich zur Schreibmaschine gesetzt, die auf einem Bridgetischchen im Wohnzimmer stand, und begonnen, das Material, das David Julius übergeben hatte, abzuschreiben.

Seltsamerweise enthalten die FBI-Akten nur Zusammenfassungen jener entscheidenden Vernehmungen im Februar 1951, bei denen die Greenglass ihre Aussagen über Ethel änderten. Die früheren Verhöre waren alle wörtlich aufgezeichnet und ins reine geschrieben worden. James B. Kilsheimer, der als Vertreter der Anklage im Fall Rosenberg den Februar-Vernehmungen beiwohnte, hat heute eine private Anwaltskanzlei in New York. Vor kurzem meinte er, die Greenglass hätten ihre Aussagen geändert, weil David anfangs „Hemmungen hatte, über seine Schwester zu reden“. Die neue Version, sagt Kilsheimer, „kam nicht plötzlich. Es war ein allmählicher Zusammenbruch. Jedesmal, wenn ich mit ihm (Greenglass) sprach, gab es zusätzliche Informationen.“

Doch die FBI-Akten zeigen keine Reihe von Gesprächen, in denen David Greenglass „allmählich“ weitere Informationen über seine Schwester lieferte. Außerdem war die Version vom Februar 1951 keine „zusätzliche“ Information: Sie war das genaue Gegenteil der Darstellung, die Geenglass bis dahin von der Überreichung seiner Skizzen und Notizen über die Atombombe an Julius Rosenberg gegeben hatte. In einer unterzeichneten Aussage vom 17. Juni 1950 beschrieb Greenglass die Transaktion vom September 1945 folgendermaßen: „Kaum war ich in New York, nahm Julius Rosenberg Kontakt mit mir auf, und ich traf ihn auf der Straße, irgendwo in der Stadt. Bei dieser Gelegenheit übergab ich Julius Rosenberg ein unverschlossenes Kuvert mit den Informationen, die ich über die Atombombe gesammelt hatte, sowie ein paar Skizzen von den Schalen, aus denen die Bombe besteht.“

In einem Verhör durch Myles Lane am 4. August 1950 wiederholte Greenglass: „Als wir allein waren, kam (Julius) auf die Angelegenheit zu sprechen, und ich sagte ihm alles, was ich wußte.“ Als Lane dann fragte: „War Ethel irgendeinmal dabei?“, antwortete Greenglass: „Nie.“

In der revidierten Version erklärte Greenglass dem FBI, Ethel habe die Atombombeninformation auf der Maschine abschreiben müssen, weil seine Handschrift sehr schwer zu entziffern sei. Auch Ruth Greenglass sagte als Zeugin vor Gericht in diesem Sinn aus. Aber in den FBI-Akten befinden sich Hunderte Seiten in Davids Handschrift (darunter die Briefe, die er im Krieg an seine Frau geschrieben hat), und sie sind ganz leicht zu lesen, trotz der schlechten Qualität der vom FBI gelieferten Fotokopien.

Ethel muß sterben, damit Julius redet

Als am 6. März 1951 der Rosenberg-Prozeß begann, wußte außer den Herren von der Staatsanwaltschaft niemand im Gerichtssaal etwas über die radikalen Widersprüche in den Aussagen der Greenglass. Der Verteidiger der Rosenbergs, Emanuel Bloch, machte keinen Versuch, in die verschiedenen vor dem Prozeß gemachten Aussagen der Greenglass Einsicht zu erlangen.

Also wurde die zehn Tage alte Aussage der Greenglass darüber, wie Ethel Rosenberg die Atomgeheimnisse abgetippt habe, als ebenso sicher behandelt wie alles andere, was die Anklagevertretung über die Spionagetätigkeit in New York und New Mexico in den Jahren 1944 und 1945 behauptete. In seinem Plädoyer schilderte der Hauptankläger, Irving Saypol, wie Ethel auf die Tasten der Schreibmaschine gehämmert habe, „Schlag für Schlag gegen ihr Heimatland, im Interesse der Sowjets“. Richter Irving Kaufman fand die revidierte Greenglass-Aussage so überzeugend, daß er Ethel Rosenberg als „voll mitschuldig an dem Verbrechen“ charakterisierte und entschied, daß sie ebenso bestraft werden sollte wie ihr Mann.

Warum haben die Greenglass nach achtmonatigen Verhören plötzlich die Geschichte von Ethels Abschreibetätigkeit aufgetischt? Die Lösung des Rätsels könnte nur von den Greenglass selbst kommen. Beide sind noch am Leben. Nach Davids Entlassung im Jahre 1960 haben sie sich unter anderem Namen eine neue Existenz aufgebaut und sich sorgfältig von der Öffentlichkeit abschirmt. Bislang hatten sie noch mit niemand über den Fall gesprochen. Doch mit Hilfe ihres Anwalts, O. John Rogge, und auf das Versprechen hin, ihren jetzigen Namen und Aufenthaltsort nicht preiszugeben, war es uns möglich, mit ihnen zusammenzutreffen. Nach langem Zögern und einer ergebnislosen Zusammenkunft, bei der sie es dann doch wieder mit der Angst zu tun bekamen, gaben sie uns in Rogges Kanzlei ein Interview.

Auf die Frage, ob sie im Sommer 1950 dem FBI die ganze Wahrheit gesagt hätten, antwortete Ruth zuerst: „Sie meinen, ob wir etwas verschwiegen haben? Ich bezweifle es.“ Wir wiesen darauf hin, daß in den FBI-Akten noch lange nach Ethels Verhaftung in jenem Sommer keine Rede davon ist, daß sie bei der Übergabe der Informationen an Julius zugegen gewesen sei. David erklärte, er habe anfangs versucht, seine Schwester aus der Sache herauszuhalten. Auf die Frage, warum er sie am Ende doch hineingezogen habe, antwortete er: „Soweit ich mich erinnere, sagte einer der FBI-Agenten zu mir: ‚Sie sind in Julius’ Wohnung gekommen und haben mit ihm über die Angelegenheit gesprochen. Wo war Ethel?‘ Und da sagte ich: ‚Ja, sie muß dabeigewesen sein‘, und so war es wohl auch.“

Als wir einwendeten, den FBI-Akten zufolge hätten die Greenglass Ethels Abschreibearbeit erstmals zwei Wochen vor Prozeßbeginn erwähnt, zeigten sich beide verwundert. „Sie meinen, das war die erste Erwähnung?“ fragte Ruth. David rief: „Ist das wahr?“

Besonders Ruth konnte sich nicht erinnern, wann sie den Vernehmungsbeamten die Geschichte vom Abtippen erzählt hatte. „Ich weiß, es wurde ihnen berichtet, aber ich weiß nicht mehr wann. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich ihnen was gesagt habe.“

Ruth sagte jedoch, sie habe die Einzelheiten der Vorgänge vom September 1945 in Rosenbergs Wohnzimmer — die Übergabe der Atombombeninformation und Ethels Maschinschreiben — nie genau im Gedächtnis gehabt, auch nicht bei den FBI-Verhören. Sie meinte: „Wir sind wahrscheinlich (zu den Rosenbergs) zum Essen gegangen und haben es damals (im September 1945) ganz offen getan, weil es so am besten war.“ Auf die Frage, ob sie sich jetzt erinnere, im September 1945 zu den Rosenbergs gegangen zu sein und die Atombombenskizzen mitgebracht zu haben, antwortete sie: „Nein. Ich erinnere mich, daß David etwas mitgebracht und bei Julius abgegeben hat, aber ob das damals (im September 1945) gewesen ist, weiß ich nicht mehr.“

David Greenglass machte einen Versuch, die Informationsübergabe im September 1945 zu schildern. „Das ist lange her. Seither sind nicht fünf Jahre vergangen, sondern fast vierzig Jahre. Na schön. Ich glaube, es war so: Ich erinnere mich, daß er gekommen ist, und ich habe ihm die Skizze gegeben, und später hat er gesagt: ‚Es muß mit der Maschine geschrieben werden, und du solltest herkommen.‘ Das heißt, ich sollte dort sein, um die Reinschrift zu korrigieren. So war es. Darum sind wir zu ihnen gegangen, aber ich hatte ihm die Skizze schon vorher gegeben.“ Diese Version steht im Widerspruch zu Davids Zeugenaussage im Prozeß, wonach er die Skizze mitbrachte, als er und seine Frau zu Rosenbergs essen gingen.

Beide Greenglass bestritten entschieden, von der Regierung oder vom FBI unter Druck gesetzt worden zu sein, damit sie ihre Aussage über Ethels Mitwirkung änderten. Doch als das Interview zu Ende war, sagte David quasi als Schlußwort: „Wenn ich zwischen ihr (Ruth) und meiner Schwester zu wählen hätte, würde ich immer Ruth wählen — und ich glaubte damals, nur diese Wahl zu haben. Das ging mir nicht aus dem Sinn. Niemand hat Druck auf mich ausgeübt.“

Bombenskizze für die Polizei:
links [hier: oben] die unbrauchbare Zeichnung des Technikers David Greenglass, rechts [hier: unten] die fachlich adäquate Information des Physikers Klaus Fuchs, der am Manhattan Project an führender Stelle mitgearbeitet hatte. Nur diese Skizze gibt die relevante Information über die Schalenstruktur der Bombe, die den Implosionsvorgang bewirkt. Ob die Russen damit was anfangen konnten oder die Bombe selbständig entwickelten, wird sich erst nach einer allfälligen Abschiebung Andrej Sacharows, des „Vaters der Sowjetbombe“, herausstellen ...

Übrigens: Rosenbergs Meldung war wertlos ...

Als Richter Kaufman Julius und Ethel Rosenberg zum Tod verurteilte, sagte er, sie hätten „den Lauf der Geschichte verändert“ und die „kommunistische Aggression in Korea mit mehr als fünfzigtausend Todesopfern“ verschuldet. Auch diesmal wußte die Regierung Dinge, von denen im Gerichtssaal niemand eine Ahnung hatte. Sie besaß geheime (jetzt freigegebene) Dokumente, aus denen ersichtlich war, daß die Informationen, die Greenglass Rosenberg übergeben und Rosenberg an die Russen weitergeleitet hatte, so gut wie wertlos waren.

Schon im Mai 1950 hatte das FBI Klaus Fuchs verhört. Fuchs gab zu, den Russen alles berichtet zu haben, was er über die Atombombe wußte. In Anbetracht der leitenden wissenschaftlichen Position, die Fuchs im „Manhattan Project“ innehatte, bedeutete dies praktisch alles, was 1945 über die Konstruktion der Bombe bekannt war, einschließlich des Implosionsvorgangs. Ein schriftlicher Bericht, den er Harry Gold übergab, enthielt, so erklärte Fuchs dem FBI, „eine Beschreibung der Atombombe, ... eine Skizze der Bombe und ihrer Bestandteile mit Angabe der wichtigsten Maße und eine Beschreibung verschiedener technischer Einzelheiten“.

Fuchs übergab seine Notizen und Skizzen Monate früher, als Greenglass’ Material angeblich von Ethel Rosenberg in ihrem Wohnzimmer abgetippt wurde. Die Regierung wußte also, daß Greenglass’ eigene Skizzen und die anderen von diesem Mechaniker ohne wissenschaftliche Ausbildung gelieferten Informationen im Vergleich zu dem von Fuchs bereitgestellten Material bedeutungsios und überflüssig waren.

Im Rosenberg-Prozeß stellte jedoch niemand die Behauptung der Regierung in Frage, wonach Greenglass und die Rosenbergs den Russen das Geheimnis der Atombombe verraten hätten. In diesem Punkt leistete die Verteidigung der Staatsanwaltschaft faktisch noch Schützenhilfe. Aus unerfindlichen Gründen beantragte Emanuel Bloch, Greenglass’ Aussage über die Notizen und Skizzen, die er im September 1945 Rosenberg übergeben hatte, wegen der darin enthaltenen Staatsgeheimnisse als Verschlußsache zu behandeln. Er hätte der Anklagevertretung keinen größeren Dienst erweisen können.

Klaus Fuchs bekam vierzehn Jahre, wurde nach einiger Zeit entlassen und leitete dann bis zu seiner vor kurzem erfolgten Pensionierung das ostdeutsche Kernforschungszentrum in Dresden. David Greenglass, der sich als Lohn für seine Kooperation eine Strafe von nur drei bis fünf Jahren erhofft hatte, bekam fünfzehn Jahre, von denen er zehn absitzen mußte. Ruth Greenglass wurde vereinbarungsgemäß nicht angeklagt. Julius und Ethel Rosenberg wurden nach Sing-Sing überstellt, um dort ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl zu erwarten. Die Regierung besaß nun den mächtigen Hebel, den sie gesucht hatte: den Hebel, von dem sie hoffte, daß er Julius Rosenberg schließlich brechen und veranlassen würde, seine Freunde preiszugeben — Barr und Sarant, Perl, Glassman, Finestone und vielleicht auch noch andere.

Die Rosenberg-Söhne Michael und Robert kämpfen um die Rehabilitierung ihrer Eltern:
links [hier: oben] die Kinder zur Zeit des Justizmords im Juni 1953, rechts [hier: Mitte] unter ihrem neuen Namen Michael und Robert Meeropol Mitte 1975 bei der gerichtlichen Erzwingung der Freigabe von Prozeßakten (auf diesem Material beruht auch der vorliegende Bericht). Unten das Gnadengesuch der Kinder an Präsident Eisenhower, das kalt ignoriert wurde.

Die KP weiß von nichts

Die Kommunisten taten anfangs so, als ob die Rosenbergs nicht existierten. Dann erkannte die Partei, daß erstens die Rosenbergs nicht weich wurden und daß zweitens Tausende, ja vielleicht sogar Millionen Menschen bereit sein könnten, auf die Straße zu gehen, um die Hinrichtung zu verhindern und nun stürzte sie sich mit fliegenden Fahnen in den Kampf.

Wir haben mit einem halben Dutzend ehemaliger Parteimitglieder gesprochen; sie alle, darunter zwei frühere Spitzenfunktionäre, die unter dem Smith-Gesetz eingesperrt waren, und ein führender Mitarbeiter des Parteiorgans Daily Worker, erklärten, in eingeweihten Kreisen habe man allgemein angenommen, die Rosenbergs wären aus strategischen Gründen aus der Partei ausgetreten; mehrere meinten, es habe sich um „geheime Arbeit“ gehandelt. Herman Starobin, ein Kommunist, der mit Julius Rosenberg zusammen studiert hat, sagte sogar: „Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin ziemlich sicher, daß Julius für die Russen gearbeitet hat.“

Junius Scales, der wegen seiner führenden Parteifunktion fünf Jahre im Gefängnis gesessen hat, erklärte uns: Wenn Parteimitglieder ausschieden, um für die Russen zu arbeiten, dann pflegten sie auch den Daily Worker abzubestellen, und das wurde gewöhnlich ganz oben erledigt, nicht durch die Abonnementabteilung. „Ich weiß“, sagte er, „daß das im Fall der Rosenbergs so war, die Sache wurde auf höchster Ebene behandelt, nicht als Routineangelegenheit.“

Doch zur Zeit der Kampagne für die Rettung der Rosenbergs, als jene Leute noch der Partei angehörten, durfte nicht einmal zugegeben werden, daß die Rosenbergs Kommunisten waren. Die offizielle Propaganda besagte, die Rosenbergs seien die ersten Opfer des amerikanischen Faschismus; sie müßten fort, weil sie einfache, gute „Progressive“ und Juden seien.

Julius und Ethel Rosenberg:
Letzte Umarmung in der Zelle von Sing Sing

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1979
, Seite 54
Autor/inn/en:

Sol Stern:

Geboren 1935 in Ramat Gan, Israel, aufgewachsen in der Bronx/New York. Angehöriger des Manhattan Institute for Policy Research und Autor dessen Vierteljahresschrift City Journal.

Ronald Radosh:

Geboren 1937 in New York City, Professor für Geschichte und Schriftsteller. Wurde wie seine Eltern Mitglied der Communist Party of the United States of America, trat aus dieser mit Einsetzen der „Tauwetter“-Politik Chruschtschows aufgrund der zutage getretenen Fakten über den Stalinismus aus und wurd eine Leitfigur der „Neuen Linken“ und der Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Befasste sich später mit der (Spionage-) Affäre Julius and Ethel Rosenberg und kam zu der Feststellung, dass diese tatsächlich für das KGB spioniert hatten.

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