FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 136
Sokratis Dimitriou

Roland Rainers Richtmaß

In einem Begleitwort zum Katalog der Ausstellung „Bauten, Schriften und Projekte 1955-1965“ bittet Roland Rainer um Verständnis, daß er „nur eine recht beschränkte Anzahl von ausgeführten Arbeiten zeigen“ könne. Er habe in den zehn Jahren seit 1955 wenig Gelegenheit gehabt, als Architekt tätig zu sein, da ihm dies während der ersten drei Jahre als Stadtplaner untersagt worden sei; in den nächsten zwei Jahren sei das Verbot auf das Gebiet von Wien beschränkt worden. Trotz diesen Einschränkungen ist es Rainer gelungen, die Ausstellungsräume der Akademie der bildenden Künste mit Modellen, Plänen und Photos zu füllen, die überwiegend seine Tätigkeit in diesen zehn Jahren dokumentieren. Dazu kommen Veröffentlichungen in Zeitschriften und in Buchform. Somit entspricht Rainer seiner eigenen Forderung an jeden Leiter einer Architekturschule, nämlich „den Hörern, aber auch den Kollegen und der Öffentlichkeit zur Erläuterung seiner Architekturauffassung von Zeit zu Zeit seine eigenen Arbeiten vorzuweisen“. Umfang und Vielseitigkeit seiner Tätigkeit sind erstaunlich.

Den meisten Raum in der Ausstellung nehmen die Wohnbauprojekte ein, die zu den städtebaulichen Projekten überleiten, denn bei Rainer steht, wie bei fast allen mitteleuropäischen Architekten seit dem Ersten Weltkrieg, der Wohnbau im Zentrum der städtebaulichen Überlegungen. Jedes einzelne Wohnbauprojekt Rainers ist daher Teil eines städtebaulichen Konzeptes; Grundgedanke ist die gegliederte und aufgelockerte Stadt, Element dieser Stadt sind straff geordnete Nachbarschaftseinheiten, in denen Fußgänger und Fahrzeuge jeweils eigenen Bereichen zugeordnet sind. Grundelement des städtischen Wohnhausbaues ist für Rainer das Einfamilienhaus. Durch Wiederbelebung alter und Einführung neuer Hausformen, des ebenerdigen und zweigeschossigen Reihenhauses sowie des Gartenhofhauses, soll diese Haustype wirtschaftlich und daher auch im sozialen Wohnungsbau anwendbar werden.

Roland Rainer hat seine Thesen theoretisch begründet und praktisch an einigen Beispielen ausgeführt. Er erhielt jedoch noch keine Gelegenheit, größere städtebauliche Einheiten mit diesen Elementen zu planen. Auf der „Interbau“ in Berlin hat Rainer das Modell eines Stadttrabanten mit 10.000 Einwohnern gezeigt, dessen Wohngebiet ausschließlich Einfamilienhäuser umfaßt. In der von anderen Architekten geplanten Gartenstadt Süd bei Mödling wurde der erste Versuch einer Verwirklichung dieser Gedanken unternommen. Wirkte bereits das Projekt Rainers durch die strenge Rasterung des Stadtgrundrisses und die zu weit getriebene räumliche Scheidung der Funktionsbereiche schematisch, so kam es bei der Gartenstadt Süd durch die autoritäre Auffassung des Auftraggebers zu verspäteter Monumentalisierung eines frühindustriellen Gesellschaftsbildes feudaler Haltung. Roland Rainers Projekt für die Gartenstadt Puchenau bei Linz verrät keine derartigen ideologischen Bindungen. Die einzelnen Wohnhaustypen, Einfamilienhäuser und mehrgeschossige Wohnbauten, sind in parallelen Zeilen längs der Donau der Höhe nach gestaffelt angeordnet, so daß man in den meisten Fällen von den Fenstern der Wohnräume auf die Donaulandschaft blicken kann. Obwohl die Zeilen ein wenig versetzt angeordnet sind, steht die gesamte Anlage mit ihrem starr rechtwinklig geführten Verkehrsnetz in hartem Gegensatz zu den geschwungenen Linien der Hügel. Abgesehen vom formalen Aspekt dieser konsequenten Parallelführung, von dem noch die Rede sein wird, erscheint mir eine Haltung nicht mehr vertretbar, die den einzelnen Bewohner zwar räumlich mit seinen Nachbarn Tuchfühlung nehmen läßt, ihn aber als eine Nummer in die Siedlung einreiht, die er an keiner Stelle als Einheit zu überschauen oder zu erleben vermag; sie ist nicht auf den einzelnen Bewohner hin geordnet. Hier ist, wie in dem Projekt für die „Interbau“, die Trennung der Funktionen so weit getrieben, daß dem individuellen Bewohner der Siedlung die bloße Funktion des Wohnens verbleibt. Es ist die Anonymität der Großstadt, die in die Landschaft projiziert wird, die Möglichkeit einer neuen Gemeinschaftsbildung wird durch den Architekten eher behindert als gefördert.

Es wäre ungerecht, wollte man dem Architekten anlasten, was ein Grundfehler des sogenannten sozialen Wohnungsbaues ist: eine Summe von einzelnen „Wohnungswerbern“ wird mit Wohnraum versorgt, die Möglichkeit einer neuen sozialen Ordnung wird ignoriert, der soziale Wohnungsbau erweist sich schließlich als unsozial. Das Bild, das Rainer von unserer gesellschaftlichen Situation entwirft, ist zutreffend, aber er sollte es nicht mehr akzeptieren.

Roland Rainer hat oft erklärt, er halte eine organische, eine sich den natürlichen Gegebenheiten anpassende Architektur nicht für richtig, er versuche vielmehr durch rationale und rechtwinklige Gestaltung den Gegensatz zwischen natürlicher Umgebung und Menschenwerk zu betonen. In der Siedlung Mauerberg wird diese Kontrastierung trotz scheinbarer Anpassung an das Gelände, einen stark geneigten Hang, mit umfangreichen Terrassenanlagen erzielt, durch eine Modellierung, die den bescheidenen Ausmaßen der Einfamilienhäuser zwar nicht angemessen ist, die gesamte Anlage aber in eine strenge plastische Form bringt.

Obwohl in den schriftlichen und mündlichen Äußerungen Rainers die formalen Fragen nur am Rande auftreten und von der Fülle funktioneller und weltanschaulicher Argumente zurückgedrängt werden, ist in den Projekten und ausgeführten Bauten des letzten Jahrzehnts eine freiere Handhabung der künstlerischen Mittel festzustellen, die frühe Arbeiten, etwa das Lehrlingsheim in Wien oder die Schule in Siebenhirten, vergessen läßt. Bei der Gestaltung des einzelnen Bauwerks und der Baugruppe wird der architektonische Ausdruck durch das Wechselspiel horizontaler und vertikaler Bauteile bestimmt, am überzeugendsten im Ferienhaus des Architekten in St. Margarethen, Burgenland. Die Bruchsteinmauern dieses Baues und die feine Struktur der Ziegelmauern der evangelischen Kirche in Simmering sind Beispiele eines zunehmend tieferen Verständnisses für die Natur der Baumaterialien, das durch die intensive Beschäftigung Rainers mit der anonymen Architektur im nördlichen Burgenland und im Südosten Europas genährt wird.

Stadthalle Bremen

Durch den Bau der Wiener Stadthalle ist Rainer über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt geworden. Er erhielt Einladungen zur Beteiligung an Wettbewerben für den Entwurf von Stadthallen in Bremen und Ludwigshafen. In beiden Fällen erhielt er den ersten Preis und wurde mit der Planung beauftragt. Die Halle in Bremen wird durch über 100 m „weit gespannte Stahlbeton-Hängeseile überdeckt, die von den Spitzen der 25 m weit auskragenden, 30 m hohen Stahlbeton-Tribünenträger gespannt sind und eine akustisch sehr günstige durchhängende Deckenform ergeben haben ... Die etwas kleinere Halle in Ludwigshafen ist mit einem hyperbolischen Paraboloid aus Stahlbeton-Fertigteilen überspannt. Die nur 7 cm dicke Schale besteht ebenso wie die übrige Halle aus schalreinen Stahlbeton-Fertigteilen.“ Diese Stadthallenprojekte zeigen im wesentlichen den gleichen Grundgedanken: die geneigten Zuschauertribünen bilden die nach außen hin sichtbare plastische Form des Bauwerks, die statischen Funktionen der konstruktiven Teile sind formal betont. In der Wiener Stadthalle ist diese Tendenz noch verhüllt vorgetragen, das Wettbewerbsprojekt für die Bremer Stadthalle zeigt sie am ausgeprägtesten — das ausgeführte Projekt ist härter durchgeformt. In der Stadthalle für Ludwigshafen bilden konstruktives Prinzip und Raumform eine Einheit. Leider läßt in Ludwigshafen der starr durchgeführte flache Baukörper nicht die volle Form des Hallenbaues darüber erkennen. Trotz dieser und anderer Schwächen im Detail sind die Stadthallen Rainers bedeutende Schöpfungen, die auf die weitere Entwicklung der mitteleuropäischen Architektur einen starken Einfluß ausüben können.

Die Stadthallen und Bauten wie die evangelische Kirche in Simmering und das Ferienhaus in St. Margarethen zeigen die große Spannweite der architektonischen Ausdrucksmöglichkeiten Roland Rainers. Die nächste Ausstellung wird zeigen, ob die weitere Entwicklung zu stärkerer Plastizität, zu größerer Verfeinerung oder zu einer Verbindung beider Tendenzen führen wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1965
, Seite 205
Autor/inn/en:

Sokratis Dimitriou: Jahrgang 1919, Doktor der Philosophie nach dem Studienbuch, ist seit vielen Jahren in Wien als Publizist über Architektur tätig. Er redigierte u. a. die Zeitschriften „aufbau“ und „der bau“, schrieb ein Buch über Griechenland sowie zahlreiche Essays in Sammelbänden, Zeitschriften und Tageszeitungen.

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