FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 428/429
Peter Fleissner • Wolfgang Hofkirchner

Reform oder Klassenkampf?

Zwei linke Theoretiker unterschiedlicher Provenienz stellen gemeinsam die Gretchenfrage (s. S. 14) und beginnen demgemäß und erfrischend bei Adam und Eva, um gemeinsam zum Thema (zur These) zu kommen: „Katalysator Wissenschaft: Die Arbeiterbewegung vor neuem Handeln“.

Zweifellos leben wir in einer Umbruchsituation von historischer Bedeutung. In unserem Beitrag untersuchen wir zunächst, welche Rolle die vor unseren Augen und mit unserer aktiven Beteiligung stattfindenden Umwälzungen in Wissenschaft und Technik spielen, für die John Desmond Bernal Mitte der fünfziger Jahre den Terminus „wissenschaftlich-technische Revolution“ prägte. Danach versuchen wir, Schlußfolgerungen zu ziehen, und eine Antwort auf die Frage, welcher Handlungsbedarf daraus der Arbeiterbewegung erwächst.

Zu Ursachen, Wesen und Auswirkungen der wissenschaftlich-technischen Revolution

Im Unterschied zu den anderen Lebewesen, die in der Biosphäre des Planeten Erde leben, vollziehen die Menschen ihren biologisch erforderlichen Stoffwechsel, Energie- und Informationsaustausch in einer sozial bestimmten Art und Weise. Als Mitglieder einer Gesellschaft, in der sie in gewissen, geschichtlich wandelbaren Verhältnissen zueinander stehen, eignen sie sich die außergesellschaftliche Natur an, indem sie gesellschaftliche Zwecke in ihr vergegenständlichen und dabei gesellschaftlich ersonnene und verfertigte Mittel nutzen. Die Resultate dieses Produktionsprozesses sind materielle Produkte, Güter, mit denen die lebenswichtigen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Damit der Prozeß der materiellen Produktion aufrechterhalten werden kann, müssen auch seine Momente, die Arbeitskraft, die Arbeitsmittel, die Arbeitsgegenstände und die Arbeitsbeziehungen, immer wieder von neuem hergestellt, reproduziert, werden. Die Arbeitsbeziehungen legen nicht nur fest, wie die Gesellschaftsmitglieder ihre Arbeitskraft, -mittel und -gegenstände aufeinander beziehen, sondern auch, wie sie die erarbeiteten Arbeitsergebnisse beziehen. Einen gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozeß, wie er bestimmt ist durch die Wechselwirkung von Form und Inhalt, also

  • der gesellschaftlichen Determinanten auf der einen Seite (welche Ziele werden dem Arbeitsprozeß in den Arbeitsbeziehungen gesetzt und welche Schranken?) und
  • der sachlichen (welchen Widerstand setzen die Arbeitsgegenstände der bezweckten Umgestaltung entgegen?) und technischen (welche Arbeitsmittel werden zweckmäßigerweise eingesetzt?) auf der anderen, nennen wir die Produktionsweise einer Gesellschaft.

In einem ersten Schritt wollen wir die Form der Produktionsweise, die Produktionsverhältnisse, betrachten, und in einem zweiten Schritt, wie die Form auf den Inhalt, die Produktivkräfte, wirkt. In einem dritten Schritt wollen wir den Inhalt betrachten, und in einem vierten, wie der Inhalt auf die Form zurückwirkt.

1. Die Formierung des Kapitals als Produktionsverhältnis

Im Sinne von Marx läßt sich durch das Aufsteigen der Erkenntnis vom Abstrakten zum Konkreten die Entfaltung des Kapitalverhältnisses bis zu seiner zeitgenössischen Erscheinungsform logisch und historisch in groben Zügen wie folgt nachzeichnen. [1]

1.1. Die Durchmarktung der Gesellschaft

Im Kapitalismus haben die Güter nicht nur einen Gebrauchswert, sondern darüber hinaus noch einen anderen Wert. Immer dann, wenn Arbeitsteilung vorliegt und die Mitglieder der Gesellschaft den Besitz an den Produktionsmitteln (den Arbeitsmitteln und -gegenständen) unter sich privat aufgeteilt haben, sind die Güter etwas wert. Sie sind etwas wert, nicht weil sie zum Leben gebraucht werden, sondern weil sie von anderen als von denjenigen, die sie hergestellt haben, zum Leben gebraucht werden, und die Gebrauchswerte der einen als Tauschwerte gegen die Gebrauchswerte der anderen, als Waren, fungieren. Im Tausch auf dem Markt erst realisiert sich das materielle Produkt privater Teilarbeit als Teilprodukt der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Der Wert einer Ware bemißt sich dann nach der Größe der Zeit, welche die Gesellschaft im Durchschnitt auf die Produktion der Ware aufgewandt und über die Vollziehung des Tausches auf dem Markt anerkannt hat.

Die Teile des von allen Warenproduzenten zusammen hervorgebrachten Neuwertes (das ist der Wert, den sie durch die Verausgabung ihrer Arbeitszeit dem schon bestehenden Wert der Vorleistungen hinzusetzen), die konsumiert werden, decken den Konsum aller konsumierenden Gesellschaftsmitglieder ab. Und wenn die Gesellschaft nicht aus lauter Warenproduzenten besteht, heißt das nach unserer Auffassung, daß auch die von der materiellen Produktion freigestellten Glieder ihren Konsum aus dem Neuwert der Warenproduzenten bestreiten. Entweder bieten sie den Warenproduzenten ihre Dienste an und tauschen diese Leistungen gegen Teile des Gesamtneuwerts, die ihnen ihre Reproduktion ermöglichen (Handel, Transport, Nachrichtenwesen, Hotel- und Gastgewerbe und andere sonstige Dienste und die Banken, also das Geldgeschäfte anbietende Geldkapital), oder sie erlangen diese Werte, indem sie der Gesellschaft einen Dienst kraft außerökonomischen Zwangs erweisen (die öffentlichen Dienste des Staates), ohne daß diesem Verbrauch — abgesehen von Gebrauchswerten — neugeschaffene Arbeitswerte in diesen Sektoren entsprechen. Wir nennen diese Sektoren wertverbrauchende Sektoren und die darin geleistete Arbeit wertverbrauchende Arbeit im Gegensatz zu den wertbildenden Sektoren und der wertbildenden Arbeit.

Ist der Markt international, dann bildet sich ein internationaler Wert. [2] Die Kapitalisten der entwickelten Länder sind vermittels hoher Arbeitsproduktivität und bestimmter außerökonomischer Zwänge in der Lage, weit mehr an internationalem Wert für ihre Produkte zu realisieren als deren individuellem (nationalem) Wert entspricht. Gerade hier zeigt sich die zentrale Bedeutung des technischen Fortschritts für die entwickelten Länder. Umgekehrtes gilt für die in Entwicklung befindlichen Länder der Dritten Welt, die aus dem Produktivitätsgefälle laufend Nachteile in Kauf nehmen müssen. Der gesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsprozeß hat in der Phase der kleinen Warenproduktion die Form eines Wertbildungs- (und -verbrauchs)prozesses. Die marktwirtschaftliche Produktionsweise war in der Phase der kleinen Warenproduktion historisch nie die bestimmende Produktionsweise einer Gesellschaft. Das änderte sich mit dem Auftreten des Arbeitsmarktes.

1.2. Die Kapitalisierung des Marktes

Unter den Bedingungen der Existenz einer Klasse von Gesellschaftsmitgliedern, die keine Produktionsmittel besitzen, was sie nötigt, ihre guten Dienste als bloße Arbeitskraft anzubieten, um die Mittel für ihr Überleben zu erwerben, und der Existenz einer Klasse von Gesellschaftsmitgliedern, die ein Vermögen besitzen, ein ständig wachsendes Vermögen, Kapital, zu erwerben, unterwerfen sich die letzteren den materiellen Produktionsprozeß wie auch andere Arbeiten, indem sie die ersteren als Lohnarbeiter dingen. Kapitalisten und Lohnarbeiter gehen dann jeweils einem Erwerb nach, der den der anderen Klasse zur Voraussetzung hat. Die einen verwerten ihr Erwerbsvermögen und gewinnen mehr Wert als sie einsetzen, nämlich den Mehrwert, die anderen setzen ihr Arbeitsvermögen ein, dienen als variables Kapital und können nicht mehr erwerben als seinen Wert (ihr Lohn ist es, ihr Arbeitsvermögen erhalten zu können). Der gesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsprozeß wird zum Verwertungsprozeß des Kapitals.

Nach wie vor bildet sich der Wert ın der Konkurrenz — aber auch in der Konkurrenz der Kapitale, die alle zur lukrativsten Anlage drängen, als Produktionspreis, der sich aus dem Kostpreis (dem Preis für das in Gestalt der Arbeitsmittel und Arbeitskräfte vorgeschossene Kapital) und dem Aufschlag zusammensetzt, den die Profitrate erlaubt, die im Durchschnitt aller Anlagesphären entsteht.

Der Unterschied zwischen wertbildenden und wertverbrauchenden Tätigkeiten wird dann für die Unternehmer irrelevant. Produktiv ist ein Arbeiter, der „seinem“ Unternehmer Profit einbringt, gleichgültig, woher der dem Profit zugrundeliegende Mehrwert eigentlich kommt. Nach den vorangegangenen Überlegungen ist klar, daß der Profit in der Sphäre der Dienstleistungen aus dem umverteilten und umbewerteten Mehrwert der Warenproduzenten stammen muß, der die Quelle der Akkumulationsmöglichkeit darstellt. Wie sich zeigen läßt, führt eine Ausweitung von Dienstleistungsbereichen bei konstanter Warenproduktion zu einem Fall der Durchschnittsprofitrate. [3]

Die Aufteilung des Neuwerts erfolgt dann primär ın der Verteilung als Lohn und Profit zwischen den beiden Klassen.

1.3. Die Monopolisierung des Kapitals

Mit der Konzentration und Zentralisation des Kapitals — der Anpassung an die mit dem vorangetriebenen Vergesellschaftungsgrad der Produktion geänderten Verwertungsbedingungen — trat die kapitalistische Produktionsweise in ihren monopolistischen Entwicklungsabschnitt ein. Das Phänomen der kapıtalistischen Konkurrenz geht mit seiner Kehrseite, dem Monopol, Hand ın Hand. Gelingt es einzelnen Unternehmungen, die Marktführerschaft in einem Sektor zu erreichen und zu behaupten, können systematische Abweichungen von den Produktionspreisen entstehen, die Monopolpreise und die auch durch die Monopole mitbestimmten Preise für die Nicht-Monopole, die durchaus mit längerfristig unterschiedlichen Profitraten zwischen den Sektoren einhergehen können. Der gesamte (Re-)Produktionsprozeß tritt in der Gestalt eines monopolistischen Verwertungsprozesses auf.

Mit dem Monopol entsteht in der Phase des einfachen Monopolkapitalismus das Finanzkapital aus der Verschränkung des Industriekapitals mit dem Bankkapital. Es ist sowohl ein Produktions- als auch ein Distributionsverhältnis, welches nur auf der Grundlage der Monopolisierung der Produktion besteht. Als Finanzkapital überlagert das Bankkapital das Verwertungsinteresse des produktiv fungierenden Kapitals und eignet sich Mehrwert an, der aus der Produktion stammt. Selber wird es zur Grundlage des Kapitalexports und kolonialistischer Expansion. [4]

1.4. Die staatliche Organisierung des Monopols

In der Phase des sogenannten staatsmonopolistischen Kapitalismus ist auch der monopolistische Verwertungsprozeß selbst ohne direkte Interventionen des Staates nicht mehr aufrechtzuerhalten. Er verwandelt sich in einen staatsmonopolistischen Verwertungsprozeß, und die Monopolpreise in staatsmonopolistisch regulierte Monopolpreise. Die Notwendigkeit der Systemerhaltung brachte eine Ausweitung der Funktionen des kapitalistischen Staates (einschließlich Sozialversicherung) hervor. Der Staat finanziert sich über direkte und indirekte Steuern und andere Abgaben und läßt dadurch und durch Transferleistungen und Subventionen eine neue Verteilung des Wertes entstehen. Die Brutto-Einkommen werden auf die entsprechenden Netto-Größen nach Steuerabzug reduziert, die Preise für Konsumgüter werden um die Mehrwertsteuer erhöht usw. Der Staat stellt öffentliche Dienste (öffentlicher Konsum, Sozialversicherung) zur Verfügung und investiert in öffentliche Einrichtungen (Straßen-, Krankenhaus-, Schul- und Kasernenbau, Infrastruktur). Durch Verstaatlichungen werden volkswirtschaftlich wichtige Produktionsbetriebe, die privatmonopolistisch nicht profitabel genug zu führen sind, am Leben erhalten, und über Preissetzungen dem Privatkapital Extraprofite ermöglicht. Eine weitere Veränderung des Wertes erfolgt durch den Einfluß des Finanzkapitals, das sich der neuesten Informationsverarbeitungstechniken bedient. Schuldner-Gläubiger-Beziehungen ziehen Geldströme nach sich. Vereinbarte Schuldentilgung und zukünftige Zinszahlungen sind Vorgriffe auf ein künftig zu erarbeitendes Mehrprodukt bzw. einen künftig zu erarbeitenden Mehrwert und erlauben den Banken und anderen Gläubigern, am geschaffenen Wert und Mehrwert in Zukunft zu partizipieren. Einer der größten Schuldner in der kapitalistischen Wirtschaft ist der Staat geworden. Durch eine in den meisten Ländern betriebene Politik des geringsten Widerstandes gegenüber den nationalen und internationalen Interessengruppen und ihren Forderungen werden die Ausgaben des Staates chronisch größer als seine Einnahmen. Von der sich rasch vergrößernden Staatsschuld profitieren die Gläubiger, benachteiligt wird das breite Publikum, das den Schuldenberg letztlich abtragen muß.

1.5. Die Internationalisierung der Staaten

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist eine wachsende Internationalisierung der monopolistischen Produktion festzustellen. Verflechtungen des transnational gewordenen Finanzkapitals mit der Macht nationaler Staaten und zwischenstaatlicher Wirtschaftsorganisationen prägen das Bild. [5] Transport- und Nachrichtentechnik ermöglichen eine zunehmende Internationalisierung der Waren- und Kapitalströme und der Gläubiger-Schuldner-Beziehungen. Von wachsendem Einfluß sind die Direktinvestitionen der transnationalen Konzerne, die zwar zusätzliche Kaufkraft im Land der Investition schaffen, aber den Profit direkt oder indirekt in das Mutterland zurücktransferieren. Außerökonomischer Zwang, Veränderungen der Qualität der Gebrauchswerte, Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage, Spekulation auf den Geld- und Finanzmärkten usw. modifizieren ein letztes Mal die Wert- und Preisstrukturen und führen an die Erscheinungswelt heran, die uns empirisch zugänglich ist. [6]

2. Der Drang zur Ökonomisierung des Kapitals

Die Herausarbeitung des Menschen, seine Selbstschöpfung, die Beherrschung seiner selbst durch die gemeinschaftliche Regelung der Gesellschaft wie die Beherrschung der Natur durch die Befolgung ihrer Gesetze, entwickeln sich auch und gerade in der Marktwirtschaft in einer Form, die ihrerseits den Inhalt auf bestimmte Art und Weise entwickelt, ihn da vorantreibt und dort hintanhält, da befördert und dort behindert. Wie beeinflussen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in ihrer entwickeltsten Gestalt die Entwicklung der Arbeitskraft, der Arbeitsmittel und der Arbeitsgegenstände?

Nehmen wir fürs erste eine Gesellschaft ausschließlich selbst produzierender materieller Produzenten an, die Geld kennen, so können wir weiter annehmen, daß diese ihre Waren zu Preisen austauschen, die dem Wert der Waren entsprechen (dies nennen wir den statischen Aspekt des von Marx so genannten Wertgesetzes), und daß der Wert der Waren dem durchschnittlichen Zeitaufwand zu ihrer Herstellung entspricht. Das bedeutet, daß die Produzenten, die weniger Arbeitszeit als der Durchschnitt benötigt haben, gegenüber den anderen im Vorteil sind, da sie über den Markt einen Wert in einer Höhe zurückerhalten, der einem größeren Zeitaufwand entspricht als dem von ihnen individuell verwandten, während jene einen Wert erhalten, der gerade ihrem Zeitaufwand entspricht oder sogar kleiner ist. In der Folge bedeutet dies, daß die ersteren mehr Reichtum anhäufen und ihre Produktion besser entwickeln können als die letzteren (das nennen wir den dynamischen Aspekt des Wertgesetzes).

Damit ist die Triebkraft des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Rahmen jeder marktwirtschaftlichen Produktionsweise angesprochen: Da technisch-organisatorische Verbesserungen die Produzenten gegenüber anderen zu Gewinnern machen, werden technisch-organisatorische Verbesserungen von den Produzenten angestrebt, nachgefragt, eingeführt.

Nun wenden wir uns der Erzeugung und Aneignung des Mehrwerts im kapitalistischen Unternehmen zu. Der Druck der Konkurrenz erzwingt über das Wirken des Wertgesetzes Maßnahmen zur Erhöhung der individuellen Profitrate: Dieser Druck geht im wesentlichen in zwei Richtungen: Die Unternehmungen sind gezwungen, die laufende Umwälzung der Produktionsverfahren in Richtung auf eine höhere Ökonomisierung des vorgeschossenen Kapitals zu betreiben und/oder sich neue Produkte einfallen zu lassen, für die sich eine entsprechende Nachfrage findet. Der Druck wird auch an die staatlichen und parastaatlichen Einrichtungen weitergegeben, die ebenfalls Rationalisierungsmaßnahmen, Ausgabensenkungen und eine Verbesserung ihrer Leistungen vornehmen sollen.

Nehmen wir die einzelnen Elemente des vorzuschießenden Kapitals unter die Lupe: Nach Marx wird der Kapitalvorschuß zu verschiedenen Zwecken verwendet, zum Kauf von konstantem fixem Kapital cf (für Bauten und Ausrüstungen), für das konstante zirkulierende Kapital cz (für Halbfabrikate, Roh- und Hilfsstoffe), und zum Kauf von Arbeitskraft (variables Kapital v für die Bezahlung der Arbeiter und Angestellten). cz und v werden auf ein Jahr bezogen. Berücksichtigen wir auch die entsprechenden Umschlagszeiten (gemessen in Jahren) für das zirkulierende und das variable Kapital, Tz bzw. Tv, so erhalten wir mit dem Symbol m für die Jahresmehrwertmasse die Formel für die Jahresprofitrate π aus

π = m/(cf + cz * Tz + v * Tv)

Die Formel gilt nicht nur für die primären Arbeitswerte selbst, sondern auch für alle Modifikationen. Auf der Erscheinungsebene entspricht π dann dem tatsächlichen Jahresprofit eines Unternehmens nach Abzug der Steuern und nach Bezahlung der Fremdkapitalzinsen. Die Formel bringt zum Ausdruck, welche Kenngrößen des Unternehmens maximiert oder minimiert werden müssen, damit sich eine möglichst hohe Profitrate ergibt: Die Unternehmung ist gut beraten, wenn sie versucht, den Jahresprofit zu maximieren, und den fixen, zirkulierenden und variablen Kapitalvorschuß zu minimieren.

2.1. Kurzfristige Kapitalökonomie

Schon die industrielle Revolution hat es erlaubt, die Arbeitsproduktivität sprunghaft zu erhöhen und dadurch den Vorschuß an variablem Kapital je erzeugter Einheit radikal zu verringern (bis zu 200fach, [7] wodurch der Zähler der Profitratenformel vergrößert und der Nenner verkleinert wird), allerdings bei starker Anhebung des Vorschusses an fixem Kapital. Die gegenwärtige wissenschaftlich-technische Revolution stellt weitere Instrumente zur Hebung der individuellen Profitrate zur Verfügung. Der Einsatz der informationsverarbeitenden Maschinerie führt in manchen Wirtschaftsbereichen zu einer gegenüber der industriellen Revolution veränderten Charakteristik des technischen Fortschritts: Nicht nur der Aufwand an lebendiger Arbeit läßt sich verringern, auch der Aufwand an fixem und zirkulierendem Kapital kann ın manchen Fällen reduziert werden. Insbesondere bei einem Paradebeispiel der wissenschaftlich-technischen Revolution, den flexiblen Fertigungssystemen, läßt sich eine derartige Entwicklung aufweisen. Die folgende Tabelle erlaubt einen quantitativen Vergleich der Produktion einer japanischen Fabrik zur Herstellung von Werkzeugmaschinen, die mit konventionellen CNC(computergesteuerten)-Maschinen ausgerüstet war und auf ein flexibles Fertigungssystem mit automatischem Transportsystem, automatischem Werkzeug- und Werkstückwechsel und CAD-CAM (computerunterstützter Konstruktion und Fertigung) umgestellt wurde: [8]

KennzifferKoventionelle FertigungFlexibles Fertigungssystem
Platzbedarf in Quadratmetern 6.500 3.000
Anzahl der Maschinen 68 18
Anzahl der Beschäftigten 215 12
Lohnkosten pro Jahr (Mio. $) 3,96 0,227
Durchlaufzeit in Tagen 90 3
Umlaufmaterial (Mio. $) 5,00 0,218
Investition (Mio. $) 14,0 18,0

Wie zu entnehmen ist, reduziert sich bezüglich des Platzbedarfs der Aufwand an fixem Kapital (Bauinvestitionen) beträchtlich, da sich die Anzahl der Maschinen verringert. Obwohl keine Daten über den Output des neuen Systems im Vergleich zum alten vorliegen, wird der Trend deutlich, auch unter der pessimistischen Annahme, daß das neue System nur dieselbe Kapazität besitzt wie das alte. Der Investitionsaufwand an fixem Kapital ist zwar um vier Millionen Dollar höher als bei der alten Fabrik, aber schon im ersten Jahr lohnt sich die Investition: Es werden ja durch die Verringerung des zirkulierenden Kapitals beinahe vier Millionen Dollar eingespart. Fazit: Kein Kapitalaufwandsbestandteil je Outputeinheit erhöht sich gegenüber der konventionellen Fertigung. Das variable Kapital pro Jahr reduziert sich etwa um den Faktor 18; der variable Kapitalvorschuß verringert sich durch die Verkürzung der Umschlagszeit noch weiter um einen Faktor 30, was eine Reduktion um den Faktor 450 (!!!) bedeutet. Schon bei einer angenommenen Kapazitätssteigerung von 25 Prozent gegenüber der konventionellen Fertigung bleibt der Aufwand an fixem Kapital je Outputeinheit gleich; der Aufwand an zirkulierendem Kapital fällt um mehr als das Zwanzigfache. Darüber hinaus ermöglicht die stark gesunkene Durchlaufzeit sowohl eine starke Reduktion des variablen Kapitalvorschusses als auch eine rasche Anpassung an neue Markterfordernisse, was wieder zu einer höheren Auslastung der Anlage führen dürfte.

Sogar der Aufwand an fixem Kapital je Outputeinheit bleibt in manchen Wirtschaftsbereichen nicht nur konstant, sondern es läßt sich ein Sinken aufweisen, insbesondere dort, wo der technische Fortschritt nicht erzeugt, sondern nur angewendet wird. Für die österreichische papiererzeugende Industrie läßt sich zeigen, daß sich zwischen 1950 und 1980 der Investitionsaufwand je Outputeinheit (also fixer Kapitalvorschuß je Stück) zwar für Maschinen zur Erzeugung von Pappe ım Verhältnis 1 zu 1,6 erhöht hat, für Rotationspapier aber von 1 auf 0,9, für Tissue-Papier (Papiertaschentücher und Servietten) sogar von 1 auf 0,64 gefallen ist. [9] In der papierverarbeitenden Industrie findet man einen stark schwankenden Verlauf des durchschnittlich eingesetzten fixen Kapitals je Kapazitätseinheit, das aber einen fallenden Trend von etwa 20 Prozent innerhalb von 15 Jahren zeigt. [10]

2.2. Langfristige Kapitalentwertung

Der vom internationalisierten, durch Staatsinterventionismus gekennzeichneten, monopolistischen und kapitalistischen Warenproduktionsverhältnis beschleunigte Fortschritt der Produktivkraft der Arbeit durch Wissenschaft und Technik beschleunigt seinerseits den Abbau der Grundlagen, die Verschmälerung der Basis, worauf das Produktionsverhältnis sich errichtet. Zwar steigert es das Mehrprodukt, gemessen am notwendigen Produkt, nicht aber deswegen gemessen als Mehrwert. Im Streben nach dauerhafter bestmöglicher Verwertung entwertet sich der Wert. Aus der materiellen Produktion wird ständig Zeit freigesetzt, damit wird das Wertmaß immer mehr zur Quantité négligeable. Das Wertgesetz verkommt asymptotisch zur Insignifikanz: Auf Grund seiner Wirksamkeit setzt es die Bedingungen seines Unwirksamwerdens aus sich selbst. Es weist über sich hinaus auf eine andere Ordnung.

Die Erzeugung von Wert und Mehrwert erfolgt im Zuge der wissenschaftlich-technischen Revolution durch einen immer kleiner werdenden Teil der Lohnarbeiter und kleinen Warenproduzenten (Bauern und Kleingewerbetreibende, sofern sie ein akkumulationsfähiges Produkt herstellen). Die werterzeugenden Sektoren werden immer produktiver, und zwar aus zwei Gründen: erstens durch Verbesserungen der Produktionstechnologie und der innerbetrieblichen Arbeitsorganisation, andererseits durch Nutzung der Arbeitsteilung, wie etwa durch die Ausgliederung bestimmter Teilfunktionen in andere Sektoren, vor allem in den Dienstleistungsbereich. Dadurch wird die Zahl der Lohnabhängigen in der Werterzeugung und damit die gesamte Masse des neugeschaffenen Wertes laufend reduziert (nicht jedoch die Gebrauchswertmasse!!!). Die Arbeitsproduktivität wächst. [11] Derselbe Prozeß geht auch innerhalb des Dienstleistungssektors vor sich und reduziert den gesellschaftlich notwendigen Aufwand an Arbeitszeit je Gebrauchswertseinheit in den rationalisierbaren Wirtschaftszweigen. Gleichzeitig ermöglicht der wissenschaftlich-technische Fortschritt die Herstellung neuer Produkte und neuer Dienstleistungen, was zu einer relativen Ausweitung des Beschäftigungsvolumens — aber gleichzeitig zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität — führen kann. Der Netto-Effekt kann durchaus unterschiedlich ausfallen: Während in der Bundesrepublik Deutschland netto Arbeitsplätze verlorengegangen sind, [12] hat sich in den USA die Zahl der Arbeitsplätze (vor allem im Dienstleistungssektor) stark ausgeweitet [13] (allerdings auf Kosten des Reallohnniveaus, oft auch der Qualität der Arbeit und unter Verlust von Ganztagsarbeitsverhältnissen).

3. Die Materialisierung der Wissenschaft als Produktkraft

Die Geschichte der Menschheit ist auch heute noch eine Geschichte der Menschwerdung. Die Herausbildung des gesellschaftlichen Lebens, die Verallgemeinerung der Arbeit, die mit der Werkzeugherstellung einsetzte, die den ersten qualitativen Sprung zur Menschwerdung darstellte, vollzog sich unter der Dominanz der natürlichen Entwicklungsgesetze. Daß ein Naturwesen nicht nur natürliche Mittel zwischen sich und die außer seinem Wesen befindliche Natur schob, sondern die Mittel nutzte, um den Zweck der Aneignung der Natur in ihnen zu vergegenständlichen, bedeutete einen Vorteil in der natürlichen Auslese für das im Entstehen begriffene gesellschaftliche Wesen. In diesem Akt der Selbsterzeugung schuf es sich eine zweite, künstliche Natur und prägte der Natur seinen Stempel auf. Die steigenden, bereits sozial gestalteten biologischen Bedürfnisse waren der Motor der Entwicklung.

Der zweite qualitative Sprung, den das Umschlagen der Dominanz der natürlichen in die Dominanz eigener gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze erbracht hat, hat den Arbeitsprozeß zu einem gesellschaftlich bestimmten Prozeß werden lassen, zu einem Prozeß, in dem der sich entfaltende Mensch zwar seine Arbeitskraft mit der Hilfe zweckentsprechender Arbeitsmittel in einer technisch bestimmten und entsprechend der Natur der Arbeitsgegenstände in einer sachlich bestimmten Art und Weise, aber letztlich nur unter den Bedingungen und in Abhängigkeit von je besonderen Arbeitsbeziehungen verausgabt. Die Entfaltung des Menschseins entspringt seither nicht mehr den ihrem Gehalt nach biologischen Bedürfnissen, sondern dem neuen sozialen, im eigentlichen Sinne menschlichen Bedürfnis, teilzuhaben an der gesellschaftlichen Vorsorge, in deren Rahmen und auf deren Grundlage die Versorgung der Individuen mit den Mitteln zur Befriedigung ihrer sinnlich-vitalen, organismisch fundierten Bedürfnisse geschieht. Was Geschichte macht, ist ein immer wieder neu gesetzter, immer wieder neu zu lösender Widerspruch zwischen der Entwicklung der Selbstbestimmung, der Fähigkeit der Individuen, über die eigenen Lebensumstände zu verfügen, die nur noch gesamtgesellschaftlich zu vermitteln ist, und ihren Behinderungen, seien diese natur- oder gesellschaftsgemacht. Dies ist ein Prozeß der widersprüchlichen Anpassung der gesellschaftlichen Wirklichkeit an die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Selbstvervollkommnung des Menschen, ein Prozeß der fortschreitenden und heute noch nicht zum Abschluß gekommenen Vergesellschaftung der Individuen. Diese Vergesellschaftung hat zwei Seiten:

  • Unter Technisierung der Welt verstehen wir die Tendenz zur aus- und umgreifenden „Verkünstlichung“ der Welt, die Tendenz zur Steigerung der Kunst der Menschen, die Welt mit ihren Mitteln umzugestalten, also die Tendenz zur Steigerung der Wirkung der menschbewirkten Einwirkung auf die Wirklichkeit. In ihr kommt der Zuwachs an Macht, an Fähigkeit für die Menschen zum Ausdruck, wesentliche Zusammenhänge der Gesellschaft und der Natur in Dienst zu nehmen, indem sie ihnen folgen.
  • Unter Humanisierung der Welt verstehen wir die Tendenz zur aus- und umgreifenden „Vermenschlichung“ der Welt, die Tendenz zur Erweiterung und Vertiefung der Umgestaltetheit der Welt nach menschlichen Zielen, also die Tendenz zur Erweiterung und Vertiefung der menschlichen Bewirktheit der Wirklichkeit. In ihr zeigt sich der Freiheitsgewinn für die Menschen. Die Technisierung ist das Mittel, die Humanisierung ist der Zweck. Beide Tendenzen bedingen einander. Die eine ist Voraussetzung wie Ergebnis der anderen. [14]

3.1. Die Marginalisierung der materiellen Produktion

Die wissenschaftlich-technische Revolution ist nichts anderes als der Katalysator eines Vorgangs, der einen dritten qualitativen Sprung der Menschwerdung vorbereitet, einen Sprung, von dem Marx und Engels sagten, daß er die Vorgeschichte der Menschheit beschließen und ihre eigentliche Geschichte einleiten soll, einen Sprung, der den Menschen erst wirklich zum Menschen machen und der ihm erst wirklich die Möglichkeit geben soll, sich selbst zu verwirklichen. Perspektivisch wird die Arbeitskraft aus der Paarung mit Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand im unmittelbaren Vollzug der Arbeit im Bereich der materiellen Produktion in die Gesellschaft zurückgenommen, der Mensch wird zunehmend Naturkräfte der gesellschaftlich gesetzten Natur alleine aneinander abarbeiten lassen. Und perspektivisch läßt gerade dies jede Form der Aneignung der Natur obsolet werden, die herrschafts- statt gemeinschaftsbestimmt ist, die den Ausschluß einer Klasse von Gesellschaftsmitgliedern von der Aneignung der Produktionsmittel und von der Aneignung des Mehrprodukts einschließt, denn die Produzenten werden sein wie die Nicht-Produzenten. Die Nutzung von Produktionsmitteln und die Vergegenständlichung in Produktionsmitteln wird, wenn die Gesellschaft es sich zur Aufgabe macht, in der Aneignung der Produktionsmittel, in der Aneignung der Produkte, in der Aneignung der gesamten produzierten Natur auf Perspektive aufgehoben.

Was jetzt offenbar wird, ist die zunehmende Entkoppelung von Mensch und Maschine, möglich geworden durch die Verwissenschaftlichung der Arbeitskräfte (neue Berufsbilder), der Arbeitsmittel (neue Technologien) und der Arbeitsgegenstände (neue Werkstoffe).

In der sogenannten neolithischen Revolution, die mit dem Übergang vom Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft komplexe Naturprozesse als Ganzes in der Produktion anwandte, war die ideelle Aneignung der Natur noch unmittelbar in die materielle verflochten. Erst später, in der antiken Zivilisation der Griechen, verdoppelte sich der Produktionsakt in einen Produktions- und einen Erkenntnisakt und verselbständigte sich der letztere als Wissenschaft. Noch in der kopernikanischen und wissenschaftlichen Revolution der Renaissance fehlte deren Anbindung an die Produktion. Trotzdem war die arbeitsteilige Absonderung der Wissenschaft von der Produktion für die spätere Fruchtbarmachung in der Produktion eine wesentliche Voraussetzung.

Die industrielle Revolution erhielt ihren Anstoß vom Handelskapital, dem die Umwälzung in den Arbeitsmitteln zupaß kam, nachdem es die Produktivkraft der Arbeit vornehmlich über die Kooperation gleichartiger Arbeitskräfte oder die manufakturielle Arbeitsteilung, also die Gliederung der lebendigen Arbeit, zu erreichen getrachtet hatte. Die Funktion der Werkzeugführung in der Produktion wurde von der Hand auf die Maschine ausgelagert. Das ermöglichte in einem zweiten Schritt die Übertragung auch der Antriebsfunktion. Beides nennen wir die Mechanisierung der Produktion, die die Produktivkraft über die Gliederung der Produktionsmittel, der zu verlebendigenden Arbeit, zu steigern gestattete. Die damit ins Leben gerufene angewandte Forschung und die entstehenden technischen Disziplinen isolierten die Naturprozesse und rekombinierten sie für die industrielle Fertigung.

Die wissenschaftlich-technische Revolution der Gegenwart erbringt die Wiedereinbindung von Forschung und Entwicklung in den Produktionsprozeß. Nun werden Funktionen des Kopfes, wie z.B. Wahrnehmungsvorgänge, logisches Schließen und rationales Entscheiden sowie die damit verbundenen manuellen Aktivitäten, an die informationsverarbeitende Maschinerie abgetreten, die aus Sensorik, Aktorik und Informationsverarbeitung im engeren Sinn besteht und die Werkzeugmaschine der industriellen Revolution — diese setzt sich aus Antrieb, Übertragungsmechanismus und Werkzeug zusammen — zum Automaten ergänzt. [15] Die auf Grund der Mikroelektronik möglich gewordene freie Programmierbarkeit ist kennzeichnend für die flexible Automation im Gegensatz zur fixen, was vor allem bedeutet, daß die gleichen Arbeitsmittel zur Herstellung verschiedener Erzeugnisse benutzt werden und ihre Umstellung von einer Arbeit auf die andere mit relativer Leichtigkeit vonstatten geht. Dies nennen wir die erste Stufe der Automatisierung der Produktion. Sie beruht auf der Informatisierung. Eine nächste Stufe wird die Bionisierung darstellen, die sich heute mit Bio- und Gentechnologie abzeichnet. Komplexe Naturprozesse, auch und gerade der organischen Natur, werden bis in Details für die Produktion funktionalisiert werden können, ohne der unmittelbaren Dazwischenkunft des Menschen zu bedürfen — was nicht heißt, daß uns die Arbeit ausgeht.

3.2. Die Globalisierung der Produktivkraft der Arbeit

Die wissenschaftlich-technische Revolution hat aber ein Janusgesicht. Sie ist nicht der Katalysator eines Vorgangs allein, der die Entwicklung der Menschheit zur Blüte und zur vollen Reife führen kann. Sie ist nämlich zugleich der Katalysator [16] auch von Vorgängen, die Tod und Verderben, ja den Gesamtselbstmord unserer Gattung heraufführen können. Sie ist der Katalysator der Globalisierung gesellschaftlicher Widersprüche, die in der kapitalistischen Formbestimmtheit der Produktionsweise angelegt sind. Denn sie selbst globalisiert die Produktivkraft der Arbeit: Sie ist ein Kind der Bourgeoisie, die über den ganzen Erdball jagt und nach den Sternen greift, [17] und die nicht davor Halt macht, der belebten und unbelebten Materie auch ihre letzten Geheimnisse zu entreißen. Sie ist daher von ungeheurer Wirkungskraft. Und sie ist von einer solchen möglichen destruktiven Kraft, daß sie die Biosphäre insgesamt, die Gesellschaft und die Natur, mit, in und von welchen wir leben, destabilisieren kann. Auch ihr Destruktivpotential hat also globale Dimensionen angenommen.

Die Welt für uns ist eins geworden. Die Chance der Humanisierung unserer einen Welt geht schwanger mit dem Risiko, daß uns die Technisierung keine Welt beschert. Die infolge der wissenschaftlich-technischen Revolution globalisierte Technisierung kann Folgen zeitigen, die die lokal, regional, national angestrebte Humanisierung in ihr Gegenteil verkehren (Tschernobyl, Bhopal). Es gibt Mittel, die keine mehr sind, um die ursprünglichen Partikularziele zu erreichen, da die Globalisierung der unerwünschten Nebenwirkungen auf diese selbst zurückschlägt. Es müssen andere Mittel zum Einsatz kommen — solche, die gestatten, mit den Zielen für einen Teil der Menschheit dieselben Ziele auch im Ganzen zu erreichen, und nur mehr wenn sie zu den Globalzielen führen, verwirklichen sie auch die Teilziele.

Die Ziele der Humanisierung, wollen sie mit Erfolg verfolgt werden, müssen im Hinblick, unter Bedachtnahme auf das Überleben der Menschheit neu gestellt werden, sie müssen in diesem Sinne als allgemein-menschliche gesetzt werden, um auch im besonderen und Einzelfall durchgesetzt werden zu können, und dementsprechend müssen die Mittel der Technisierung neu gewählt werden. Die Frage der Beherrschung der Natur ist zu einer Frage der sozialen Beherrschbarkeit der neuen Techniken geworden. Es geht um die Kontrolle der wissenschaftlich-technischen Revolution selbst durch den Menschen.

Die Herrschaft über die Natur wurde in seine Hand gegeben, bevor er die Herrschaft über sich selbst erlangt hatte,

zitiert Bernal aus einer Ansprache des Präsidenten der British Association 1932, Sir Alfred Ewing. [18]

4. Der Zwang zur Re-Formation des kapitalistischen Produktionsverhältnisses

Die Rückwirkung der Produktivkräfte, die wissenschaftlich-technisch revolutioniert werden, auf die Produktionsverhältnisse besteht also darin, daß sie mit der Reformulierung der Ziele des gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozesses eine Re-Formierung der historisch konkret gegebenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse erzwingt. Nur damit kann der künftige Produktivkraftfortschritt so beeinflußt werden, daß er keine weitere Untergrabung der Existenzbedingungen aller auf der Erde vorfindlichen Gesellschaften bewirkt, sondern die Mittel bereitstellt, die entstandenen Schäden wieder gutzumachen, bevor der „point of no return“ erreicht worden ist.

Darüber hinaus betrifft diese Rückwirkung nicht die Produktionsweise der Gesellschaften allein. Die Produktionsweise ist die allgemeine und notwendige Daseinsweise einer Gesellschaft, die Art und Weise, wie im widersprüchlichen Wesen des gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses, im Widerspruch zwischen den stofflichen Bestimmungen der Produktion und der gesellschaftlichen Formbestimmtheit der Produktion, der Widerspruch zwischen der Entfaltung der Menschheit und den Behinderungen ihrer Entfaltung zum Vorschein kommt. Die Gesellschaft hat aber nicht nur eine bestimmte Art und Weise, zu produzieren. Die Produktionsweise konkretisiert sich im Hinblick auf die verschiedensten Aspekte ihres Daseins in besonderer und zufälliger Art und Weise, sie bestimmt alle übrigen Momente des (Re-)Produktionsprozesses mit. Je nachdem, wie die Wirtschaft reguliert wird, wie in den Betrieben gearbeitet wird, wie in der arbeitsfreien Zeit gelebt wird, wie gedacht wird, unterscheiden wir eine Regulierungsweise, eine Arbeitsweise, eine Lebensweise, eine Denkweise der Gesellschaft. In ihnen äußert sich der Kampf der sich vergesellschaftenden Individuen für die ungehinderte Partizipation am gesellschaftlichen Prozeß der Schaffung der individuellen Lebensbedingungen, für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, gegen Fremdbestimmung je spezifisch und unter dem Einfluß der wissenschaftlich-technischen Revolution historisch neu.

4.1. Die Re-Formation der Produktionsweise: Umweltschonung — Frieden — Menschenwürde

Heute sind es mindestens drei Partikularziele, deren Verfolgung unter dem Einfluß der globalisierenden Wirkung der wissenschaftlich-technischen Revolution zu einem globalen Problem wird und eine Re-Formulierung der Ziele aller heute vorfindlichen nationalstaatlich verfaßten Gesellschaften als Ziele der gesamten Menschheit auf die Tagesordnung setzt.

  • Der nationale Naturschutz. Als Umwelt ist die Natur die Bedingung eines jeden gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozesses. Die Erschöpfung der Ressourcen und die Belastung mit aus den Stoffkreisläufen herausfallenden Abfall- und Schadstoffen — Merkmal der (direkt oder indirekt) kapitalistisch dominierten Technisierung [19] — überschreiten jede nationale Grenze. Hier geht es um die schleichende Gefährdung der Existenzbedingungen der Menschheit: die Natur stürbe leise, und der Mensch folgte ihr nach.
  • Die nationale Sicherheit. Krieg, die Anwendung militärischer Gewalt, selbst zur Verteidigung und schon auch auf der Stufe der konventionellen Eskalation, vermag wegen der waffentechnologisch erreichten Zerstörungskraft auf der einen Seite (ABC-Waffen) und der Verwundbarkeit der sich immer stärker industrialisierenden Zivilisation auf der anderen (chemische Anlagen, Atomkraftwerke, gentechnologische Labors) — beides Folge der wissenschaftlich-technischen Revolution — die Sicherheit der nationalstaatlich verfaßten Gesellschaften nicht mehr zu gewährleisten. Hier geht es um die Gefährdung der Existenzbedingungen der Menschheit mit einem Schlag: die gesamte Infrastruktur. des gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozesses versänke in Schutt und Asche.
  • Die nationale Wohlfahrt. Die Reproduktion der Individuen im Konsum ist Teil, Ergebnis wie Voraussetzung, des Prozesses der Produktion und Reproduktion der ganzen Gesellschaft. Die kapitalistisch forçierte Entwicklung von High Tech bringt es mit sich, daß sowohl durch den Verkehr der Nationen untereinander auf Grund der ungleichberechtigten Stellung auf dem Weltmarkt, vor allem in den an der Entwicklung ihres (Re-)Produktionsprozesses immer stärker behinderten Ländern der sogenannten Dritten Welt, als auch in den Metropolen selber entweder Mitgliedern der Gesellschaft überhaupt Erwerbschancen vorenthalten oder Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben verdrängt werden, wenn nicht die Wegrationalisierung der Arbeitsplätze durch bestimmte Maßnahmen kompensiert wird. Hunger, Krankheiten, Analphabetismus, Übervölkerung in den eigenen oder fremden Nationen und technologische Arbeitslosigkeit bedrohen das Wirtschaftswachstum. Hier geht es um eine ständige, ununterbrochene, fortdauernde Gefährdung unserer Existenzbedingungen: um die andauernde physische Vernichtung und Verelendung eines großen und wachsenden Teils der Menschheit.

Diese globalen Probleme sind in selbstverstärkender Weise miteinander gekoppelt: Der Raubbau an der Natur fördert ökonomische Abhängigkeit, die Rüstung behindert Umweltschutz wie Entwicklung, die Unterentwicklung fördert Umweltverschmutzung und Ressourcenerschöpfung wie Aufrüstung.

Die Ziele eines weltweiten Umweltschutzes, internationaler Sicherheit und einer Wohlfahrt für alle, für alle Nationen und in jeder Nation, wie sie in den Konzepten der Stabilisierung der Biosphäre, [20] der gemeinsamen Sicherheit, der neuen internationalen Wirtschaftsordnung und „arbeitnehmerorientierter“ Beschäftigungsinitiativen bereits zur Geltung kommen und von der Ökologie-, der Friedens-, der Solidaritäts- und Befreiungs- und von den neuen „Sozial“bewegungen vertreten werden, bedürfen ihrerseits auch anderer Mittel. Sie verlangen die Forçierung „umweltvertraglicher“ Technologien, den Verzicht auf Militärtechnologien und deren Ersatz durch politische Instrumentarien, und schließlich die Forçierung „sozialverträglicher“, „angepaßter“ Technologien zur Herstellung „sozial nützlicher“ Güter und Dienste unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, angepaßt an die Bedürfnisse der Bevölkerung in den Entwicklungs- und entwickelteren Ländern. Die Produktionsweise, gleich welcher Gesellschaftsordnung, muß zur Umweltschonung und -reparatur angehalten werden, sie muß friedensfähig gemacht werden, und es muß ihr die Schaffung menschengerechter Arbeitsplätze in „Nord“ und „Süd“ abgetrotzt werden. Umweltschutz — Abrüstung — menschenwürdige Arbeitsbeschaffung: dies sind auch die Leitlinien für die Gestaltung der Regulierungsweise, der Arbeitsweise, der Lebensweise und der Denkweise.

4.2. Die Re-Formation der Regulierungsweise

Unter Regulierungsweise verstehen wir die Art und Weise, in der die für die jeweilige Produktionsweise einer Gesellschaft charakteristische Gesamtheit der objektiven Regelmäßigkeit im Handeln der wirtschaftlichen Teilakteure, subjektiv, politisch vermittelt, durchgesetzt wird — wie die Arbeitsbeziehungen zwischen den Eignern der Arbeitsgegenstände und den Trägern der Arbeitskraft letztlich die Zuordnung der personellen und der reellen Produktionsbedingungen, die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit im volkswirtschaftlichen Maßstab regeln. In der Regulierungsweise konkretisiert sich die Produktionsweise einer Gesellschaft also hauptsächlich wirtschafts- und sozialpolitisch. Im Kapitalismus ist auf der Grundlage des Wertgesetzes die Plusmacherei Jesaja und die Propheten, die sich in der Konkurrenz und im Kampf der Klassen auf die eine oder andere Weise verwirklicht. [21] An der Regulierungsweise ist das Kräfteverhältnis der um ihre Interessen besorgten gesellschaftlichen Gruppierungen ablesbar. Idealtypisch sind zwei entgegengesetzte Regulierungsweisen denkbar:

  • eine sozial reaktionäre, in der die Interessen des Großkapitals die der anderen Schichten und Klassen der Gesellschaft dominieren, und
  • eine sozial reformoffene, d.h. reformistisch beschränkte oder durchgreifend reformerische, [22] in der die Lebensinteressen der breiten Massen mit den Interessen der herrschenden Kreise in einem bestimmten Maß koexistieren.

Geschichtlich realisiert haben sich in Entscheidungssituationen Regulierungsweisen, die mehr in die eine oder mehr in die andere Richtung tendierten. So ging es nach der Niederschlagung der Novemberrevolution 1918 in der Weimarer Republik um die Entscheidung zwischen einer privatmonopolistischen, der Stinnes-Linie, und einer etatistischen, der Rathenau-Linie, bei der Weiterentwicklung des Kapitalismus. [23] Die Weltwirtschaftskrise 1928 setzte die Entscheidung auf die Tagesordnung, ob diese im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus oder im Rahmen seiner faschistischen Liquidierung überwunden werden sollte. Die Durchsetzung des staatsmonopolistisch-kapitalistischen Systems erfolgte dann z.B. in Form des Rooseveltschen New Deal ın den USA oder in Form der nationalsozialistischen Wirtschaftsregulierung in Deutschland. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es weitgehend, die Lohnabhängigen durch eine Erhöhung des Lebensstandards und mit der Hoffnung auf weiteren wirtschaftlichen Aufstieg und soziale Besserstellung in das kapitalistische System zu integrieren. Die Sozialdemokratie konnte sich viele dieser Errungenschaften zugute halten. Den Krisenerscheinungen der siebziger Jahre (Zunahme der Arbeitslosigkeit, hohe Budgetdefizite, geringeres Wirtschaftswachstum, Notwendigkeit des Strukturwandels, staatliche Ineffizienz und Bürokratisierung usw.) stand sie jedoch hilflos gegenüber, konnte sie doch keine Wege zur mehrheitsfähigen Systemveränderung anbieten.

Vor diesem Hintergrund konnte die konservative Wende einsetzen. Durch Orientierung auf den technischen Fortschritt, eine Polemik gegen die Bürokratien in Staat und Gewerkschaften und eine zum Teil tatsächlich an den Bedürfnissen breiter Bevölkerungskreise anknüpfende Politik gelang es den Konservativen, lokal eine Aufbruchstimmung und hohes Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Allerdings nagt auch an ihnen der Zahn der Krise. Immer deutlicher wird, daß ihre Lösungen nur einzelnen Schichten und Regionen der Bevölkerung zugute kommen, daß der Mythos von Wissenschaft und Technik als universelle Problemlöser seine Anziehungskraft zu verlieren beginnt. Trotzdem ist ein Weg in den „demokratischen Faschismus“ vorstellbar, wie der österreichische Schriftsteller Michael Scharang formulierte [24] — eine Konkretion der Regulierungsweise, die wie der Faschismus die nackten Profitinteressen der Multis zum Durchbruch bringt, anders aber als der Faschismus die Positionen der Arbeiterbewegung nicht zu zerschlagen braucht, da der Einfluß kommunistischer Parteien vernachlässigbar klein ist und die Integration der Spitzen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften ins herrschende sozialpartnerschaftliche System diese Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren scheint.

Der „Fordismus“, der Massenproduktion mit Massenkonsum verband, ist historisch überholt. Die Alternative zum jetzt kapitalismus-(halb)weltweit praktizierten Modell einer „Modernisierung“ mit Sozialabbau nach innen und Expansion nach außen ist aber eine Variante demokratischen Wirtschaftens, bei der die Entwicklung der Kapitalakkumulation den vitalen Interessen der heimischen Bevölkerung Rechnung trägt, und bei der die Entledigung vom Mechanismus der Selbststrangulierung der heimischen Nachfrage und die Umstellung auf Umwelttechnologie, auf zivile, auf (den Bedürfnissen der Entwicklungsländer) angepaßte Technologie und die Sicherung heimischer Arbeitsplätze Hand in Hand greifen. Die „Flexible Spezialisierung“ könnte hier eine positive Rolle spielen. [25] Eine solche Reformalternative zeichnet sich dadurch aus, daß mögliche Einsichten herrschender Kreise durch strukturelle Verankerung in der Regulierungsweise sozialökonomisch abgesichert werden. [26]

4.3. Die Re-Formation der Arbeitsweise

Unter Arbeitsweise verstehen wir die Art und Weise, in der auf der Grundlage der Produktions- und der Regulierungsweise der Gesellschaft die unmittelbaren Produzenten und die Produktionsmittel zu produzierenden Einheiten zusammengefaßt werden, wie also im betrieblichen Maßstab die personellen und reellen Produktionsbedingungen in den Beziehungen zwischen Belegschaft und Betriebsleitung organisiert werden. Maßgeblich für die Arbeitsweise sind die Arbeitsorganisation und der Arbeitsinhalt, der die Technik einbegreift.

In der Geschichte der Menschheit hat die technische Entwicklung dazu geführt, daß immer mehr Elemente menschlicher Arbeit auf die Maschinerie ausgelagert wurden, gleichzeitig neue, bisher unbekannte Tätigkeitsfelder entstanden sind und tradierte Berufe verschwanden. Hat die Arbeitsmaschine der industriellen Revolution die Energieaufbringung und die Werkzeugführung übernommen und damit die Notwendigkeit körperlicher Schwerarbeit reduziert, lassen sich heute zunehmend einfache Wahrnehmungsvorgänge, geistige Routinetätigkeiten, nach logischen Grundsätzen standardisierte Entscheidungen mit im voraus definierten Kriterien auf die informationsverarbeitende Maschinerie übertragen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die dem eigentlichen Produktionsprozeß vor-, nach- und nebengelagerten Tätigkeiten. Entsinnlichung und neue Anschaulichkeit gehen Hand in Hand.

Die Arbeiter in den Zeiten Henry Fords stammten meist aus armen europäischen Bauernfamilien und waren für die Fabriksarbeit kaum hinreichend vorbereitet. Indem das fachliche und organisatorische Wissen dem Management vorbehalten blieb und dem Arbeiter nur die einfachsten Tätigkeiten am Fließband zugedacht wurden, konnte vor diesem Hintergrund die „wissenschaftliche Arbeitsorganisation“ eines Frederick Taylor eine hohe Produktivität erzielen. Heute ist die Situation anders geworden.

Nicht nur die Struktur des Gesamtarbeiters hat sich in Richtung auf Dienstleistungsberufe verändert, die bisherigen Kernschichten der Arbeiterklasse selbst werden von den Veränderungen betroffen. In vielen Betrieben bemerkt man, daß die bisherige manuelle Tätigkeit mittels neuer Maschinerie durch Bildschirmarbeit ergänzt oder abgelöst wird.

Generell steigt der Grad der Vermitteltheit der Arbeitstätigkeiten. Zunehmende Vermitteltheit zeigt sich sowohl in der Verwendung von Kunstsprachen bzw. einer spezifischen Symbolik, die dem Arbeitsbereich entspricht (Programmiersprachen bzw. „Icons“, eine Bildersprache, die von Rank-Xerox bzw. von Apple in die PC-Welt eingeführt wurde), als auch in der zunehmenden Entsinnlichung der Arbeitstätigkeiten, andererseits entsteht eine neue Anschaulichkeit auf künstlicher Basis. Der kunstsprachliche Umgang mit dem Arbeitsmittel muß gelernt werden und stellt neue Anforderungen an das Ausbildungswesen und die Lernfähigkeit der Arbeiter und Angestellten. Speziell bei älteren Menschen entstehen Umschulungsprobleme.

Die Automatisierung macht einfache Qualifikationen bis auf Resttätigkeiten überflüssig, aber auch formalisierbare Facharbeitertätigkeit, gleichzeitig entsteht eine neue Stufe der Universalität auf höherem Qualifikationsniveau: Verschiedene, früher in getrennten Berufen geführte Arbeitstätigkeiten werden zu einem neuen Berufsbild zusammengefaßt. In der Bundesrepublik Deutschland ist schon seit geraumer Zeit die Zahl der anerkannten Ausbildungsberufe rückläufig. Waren es 1950 noch 901 Ausbildungsberufe, sind es 1988 weniger als 400. [27]

Die Büroarbeit verändert sich durch die umfassende Auslagerung einfacher geistiger Tätigkeiten auf die Maschinerie. Martin Baethge [28] (SOFI) meint, daß dieser Prozeß

  • auf eine Erhöhung der Komplexität der Arbeit hinausläuft, indem die Arbeitsaufgaben erweitert und/oder kombiniert werden,
  • daß er zu einer Verdichtung der Arbeit auf komplizierte Problemstellungen und zu einer Verdichtung der Zeitstrukturen für wichtige Entscheidungen führt,
  • daß er generell einen rascheren Zugriff auf entscheidungswichtige Daten ermöglicht, wodurch verstärkte Anforderungen für die Verarbeitung von Informationen entstehen,
  • daß er begleitet ist von einer systemvermittelten Komprimierung der menschlichen Kommunikation und Kooperation (Benützung derselben Datenfiles und Datenbanken), und schließlich,
  • daß die Transparenz und damit die Kontrollmöglichkeit für die Arbeit des/der Einzelnen beträchtlich erhöht wird.

Zur Bewältigung dieser neuen Anforderungen wäre eine Kombination von technischen, analytischen und sozialkommunikativen Fähigkeiten nötig.

A. Volst [29] spricht von kontrollierter Intuition, die im Zuge moderner Bürotechnologien in ihrer kapitalistischen Anwendung benötigt wird. Die Intuition (als besondere Eigenschaft der Subjektivität des Menschen, ihrer Fähigkeit zu nichtformalisiertem zielgerichtetem Handeln), wird gerade bei neuen Informationstechnologien benötigt, um die „beschränkte Standardisierbarkeit“ der EDV-Anlagen auszugleichen, „vernetztes Denken statt Kostenstellendenken“ zu fördern und dem gestiegenen Flexibilitätsbedarf der Betriebe zu entsprechen. In der Praxis würde die menschliche Intuition etwa bei Vernetzungen zwischen Informations- und Datenbanksystemen verschiedener Hersteller benötigt. Die Vernetzung wird nämlich in vielen Fällen kostengünstiger nicht auf elektronischem Weg, sondern von Menschen vorgenommen, wodurch Mängel der Maschinerie im Sinne der Unternehmung behoben werden, während umgekehrt die menschliche Intuition durch spezielle Computerprogramme (Zinseszinsrechnung, mathematische Simulation, Expertensysteme [30]) unterstützt werden kann. Gerade dort, wo es um die Hervorbringung von Innovationen, also neuer Waren oder Dienstleistungen geht, bleibt die menschliche Erfahrung und Intuition unabdingbar.

Zudem sind die zeitgenössischen Problemlagen vielschichtiger geworden. Die Wechselwirkungen der Produktionsprozesse mit anderen Subsystemen haben einen größeren Umfang angenommen. Ökologische, soziale, politische, kulturelle, psychologische und ästhetische Aspekte sind in vermehrtem Umfang zu berücksichtigen. Sie erzwingen Interdisziplinarität und die Entwicklung von Fähigkeiten zur Kooperation sowie zur Abstimmung der Zusammenarbeit auf ein gemeinsames Ziel. Qualitative Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt erfordern eine laufende Neuorientierung und damit lebenslanges Lernen. Zur effektiven Nutzung der neuen Maschinerie werden also vertiefte Einsichten in technisch-organisatorische und soziale Gesamtzusammenhänge benötigt. Diese Einsichten können aber kaum ohne hohe Motivation der Arbeitenden erworben und angewendet werden.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Es liegt ein widersprüchlicher Prozeß vor, der von der wissenschaftlich-technischen Revolution beschleunigt wird:

  • Das Kapital fordert immer mehr den ganzen Menschen, um durch seine Entfaltung den Mehrwert in der Produktion zu mehren.
  • Aber es fördert ihn nur insoweit, als es ihn darauf reduziert, die Teilfunktion des Trägers der Ware Arbeitskraft auszufüllen, und es behindert ihn, wo er darüber hinausgehen will. Die Qualifikationsanforderungen steigen, aber die Polarisierung wird nicht aufgehoben. Die Technik wird benutzerfreundlicher, aber sie wird nicht wirklich „menschzentriert“. [31] Die Arbeitsorganisation wird flexibilisiert, aber nicht selbstverantwortlich und autonom gestaltbar.

Eine Reformalternative bedeutet sinnvolles Arbeiten, bedeutet, die Widersprüche der Arbeitsweise zugunsten der Entwicklung der Persönlichkeit der arbeitenden Menschen voranzutreiben, was einschließt, daß „sozialverträgliche“ Technikgestaltung zugleich umweltverträglich, zivil orientiert, auf die Bedürfnisbefriedigung der Länder der sogenannten Dritten Welt orientiert und menschengerecht beschäftigungssichernd ist.

4.4. Die Re-Formation der Lebensweise

Unter Lebensweise verstehen wir die Art und Weise, in der die Menschen außerhalb ihres Arbeitszusammenhanges, aber nicht unabhängig von ihm, sondern durch ihn geprägt tätig sind, in der sie sich selbst zum Gegenstand einer Tätigkeit machen und sich reproduzieren im Konsum materieller Produkte oder sich selbst produzieren durch den Konsum immaterieller Produkte, mit denen sie geistige, kulturelle Bedürfnisse befriedigen.

Es besteht kein Zweifel, daß sich der Lebensstandard in den entwickelten kapitalistischen Ländern im Durchschnitt bedeutend erhöht hat, was nicht heißen soll, daß soziale Ungleichheit und Unsicherheit im gleichen Ausmaß abgebaut worden wären. Die Arbeits- und sonstigen Lebensbedingungen haben sich stark verbessert (jedenfalls würden wir die steigende Lebenserwartung aller sozialen Schichten in dieser Richtung interpretieren). Bisherige Statusgüter wie Autos, Kühlschrank oder Fernsehapparat fanden massenhafte Verbreitung. „Das Wohnzimmer löste die proletarische Wohnküche ab“. [32] Die „Konsumgesellschaft“ bildete sich heraus. Das Proletariat hat nun mehr zu verlieren als seine Ketten. Diese Entwicklung schlug sich in manchen Ländern in einer verstärkten Individualisierung und Entsolidarisierung nieder. Ferner brachte die soziale Mobilität der Nachkriegszeit Kinder aus Arbeiter- oder Bauernfamilien in Industrie- oder Dienstleistungsberufe. Die traditionellen Lebenszusammenhänge, die bisher innerhalb der einzelnen Klassen und Schichten gegolten hatten, verloren ihre prägende Wirkung. Da die Erwerbsquote bei Frauen rasch zunahm, kam auch die Machtverteilung innerhalb der Familie zugunsten der Frauen in Bewegung. Die Frauenemanzipationsbewegung gewinnt an Boden. Das Qualifikationsniveau der Lohnabhängigen, insbesondere der Frauen, ist durch die Ausweitung der Schulbildung und das berufliche Bildungswesen beträchtlich gestiegen, allerdings zeigt sich mit Entstehung der Massenarbeitslosigkeit in vielen Ländern der Europäischen Gemeinschaft seit der Mitte der siebziger Jahre, daß auch eine gute Berufsausbildung kein Anrecht mehr auf einen Arbeitsplatz fürs ganze Leben bietet. In Zeiten hoher Arbeitslosenrate werden andere, „feudale“ (U. Beck) Kriterien zur Auswahl aus der Menge der Bewerber herangezogen, wie überzeugendes Auftreten, „gutes“ Aussehen, politische Überzeugungen, Loyalität, Servilität usw. Das Bildungssystem ist dadurch nicht mehr so wie früher in der Lage, einen bestimmten Arbeitsplatz und einen bestimmten sozialen Status zu garantieren. Ulrich Beck spricht in der Bundesrepublik Deutschland von den Bildungseinrichtungen als „Geisterbahnhof“ oder als „Wartesaal“, wo man/frau die Zeit bis zum nächsten kurzfristigen Job verbringt. [33] Für das Bildungswesen sind dadurch keine angenehmen Konsequenzen zu erwarten, eher kann es zu einem Motivationsverlust der Lernenden und verstärkter Aggression gegenüber den Lehrkräften kommen.

Die Zahl derer, die von der Arbeitslosenunterstützung oder von der Notstandshilfe leben müssen, ist chronisch hoch geworden. Selbst in Österreich ist bereits jeder achte Erwachsene im erwerbsfähigen Alter einmal im Jahr von Arbeitslosigkeit betroffen. Der gehobene materielle Standard läßt sich auch von denen, die einen Arbeitsplatz besitzen, nur bedingt genießen: Die Gefahr einer nuklearen Selbstzerstörung, sozialer Zündstoff in der Dritten Welt und die latente ökologische Krise mit punktuell akuten Schüben stellen die bisherigen Lebensmuster einmal mehr in Frage und erhöhen die Unsicherheit in der Orientierung der Menschen.

Eine Reformalternative bedeutet solidarisches Leben, demokratische und menschliche Umgangsformen im kleinen mit dem Ausbau der sozialen Sicherheit für alle zu verbinden. Stadtteil- und Regionalpolitik, die Vielfalt der Formen der Selbstorganisation, alternative „Netzwerke“, all dies soll zur Erfüllung der Forderungen nach Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und einer Aufhebung der sozialen Unterschiede beitragen. Alternative Lebensstile, friedlich, solidarisch und „grün“, tragen darüber hinaus zur Lösung globaler Probleme bei.

4.5. Die Re-Formation der Denkweise

Unter Denkweise verstehen wir die Art und Weise, in der die Erkenntnisfähigkeiten einer Gesellschaft mithilfe von bestimmten Erkenntnisinstrumenten an bestimmten Erkenntnisgegenständen die mit den Erkenntnisbeziehungen gegebenen Erkenntnismöglichkeiten verwirklichen — also wie die Welt auf Grund der Interessenlagen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Kopfe widergespiegelt wird.

Zwei Typen liegen im Widerstreit. Im selben Maß, wie das Hinterfragen der Oberfläche der gesellschaftlichen Entwicklung und das Begreifen ihrer grundlegenden Zusammenhänge für die Klasse der Lohnarbeiter zur Bedingung ihrer Befreiung geworden ist, ist für die Klasse der Kapitaleigner die Kettung allen Bewußtseins an das unmittelbar Gegebene, die Zurücknahme jeglicher Erkenninis, die auch nur im entferntesten dazu dienen könnte, eine gesellschaftswissenschaftliche Gesetzeserkenntnis fundieren zu helfen, die die Ablösbarkeit des bestehenden Systems offenlegt, zur Bedingung ihrer Herrschaft geworden. In dem Maß also, in dem

  • das Denken in Alternativen zur Denkweise einer die Gesellschaft revolutionieren könnenden Arbeiterbewegung geworden ist, ist
  • das Festschreiben des Bestehenden, das Nicht-darüber-hinaus-denken-können zur Denkweise des seine Macht konservieren müssenden Bürgertums geworden. Baut die eine, nach vorn gewandte, aufgeschlossene Denkweise — da praxiseffektive Anleitungen realitätsadäquate Darstellungen zur Voraussetzung haben müssen und diese ihrerseits methodisch allseitig gewonnene Erfahrungen — auf der Einheit des Wertens mit dem Wissen, des Abbildens mit dem Entwerfen und des Verstehens mit dem Anschauen, so zerstört die andre, beharrende, am Überkommenen sich festklammernde Denkweise diese Dialektiken. [34]

Jedes Denken, auch das Denken, das nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Inhalt hat, bewegt sich in einem Spannungsfeld, dessen zwei Pole diese einander entgegengesetzten Denkweisen bilden. Jedes Denken läuft Gefahr, in Entscheidungswillkür zu verfallen, sich die Wirklichkeit vorzuspiegeln, wie sie nicht ist, und bei der Betrachtung der Oberfläche hängen zu bleiben. Solche Fehleinschätzungen würden das Überleben der Menschheit aufs Spiel setzen. Eine Reformalternative im ideologischen Bereich erfordert, das Denken auf die Höhe unserer Zeit zu bringen, umzudenken, neu zu denken, vernünftig, realistisch und umsichtig an die globalen Probleme heranzugehen. „Neues Denken“ heißt die im Kopf vor sich gehende Widerspiegelung der Tatsache, daß in der Welt außerhalb unserer Köpfe ein Prozeß im Gange ist, in dem sich die Menschheit als Subjekt der Geschichte konstituiert. Dies erscheint uns zunächst als das eine oder das andere Risiko der Selbstauslöschung unserer Gattung. Seit dem Manhattan-Projekt, seit Hiroshima und Nagasaki steht der Imperativ, neu zu denken, um das Überleben zu sichern, unwiderruflich vor jeder gesellschaftlichen Kraft auf dieser Erde.

Der Handlungsbedarf der Arbeiterbewegung: zwischen dem Risiko globaler Destabilisierung und der Chance einer Reformalternative

All die Widersprüche, denen die im Kapitalismus vorangetriebene wissenschaftlich-technische Revolution globalen Charakter verleiht, sind gesellschaftliche Widersprüche, die in den kapitalistisch gestalteten Grundverhältnissen angelegt sind, in denen die Träger der personellen und die Eigner der reellen Produktionsbedingungen als Lohnarbeiter und Kapitalbesitzer zueinander stehen. Der Raubbau an der Natur, die Unterdrückung mit Waffengewalt und die Ausbeutung fremder Völker wie die Verelendung eines Teils des eigenen Volks sind allesamt Tendenzen, die dem Erfordernis der Ausbeutung von Lohnarbeit, dem Profitstreben, den Akkumulationsbedürfnissen des Kapitals entspringen. [35]

Die Produktivkräfte der wissenschaftlich-technischen Revolution, die bei Strafe des Untergangs der Menschheit eine Neufassung, Re-Formulierung, der den Gesamtzusammenhang ausblendenden Ziele der zeitgenössischen kapitalistischen Produktionsweise erzwingen, die wiederum eine Neugestaltung, Re-Formierung der Produktionsverhältnisse erzwingen — machen sie nun eine Revolution, eine Umwälzung der gesamten Daseinsweise der Gesellschaft, nötig, oder reicht eine Reform, eine Umgestaltung, aus, um die genannten Widersprüche zu lösen? Müssen diese Widersprüche ausschließlich systemtranszendent gelöst werden, oder gibt es eine Lösung, die systemimmanent bleiben kann? Wir meinen weder noch.

Die Widersprüche könnten zwar gelöst werden durch die Überschreitung des Systems. Diese aber ist derzeit nicht erreichbar. Eine Anpassung des bestehenden Systems ist leichter durchsetzbar, würde die Widersprüche dafür aber nur verschieben, nicht lösen, solange der Grundwiderspruch derselbe bliebe, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in der Form des Kapitals. Möglich sind also die Lösung der aus dem Grundwiderspruch sich herleitenden Widersprüche durch die Aufhebung des Grundwiderspruchs selbst oder die Entschärfung, Milderung, Abschwächung der abgeleiteten Widersprüche unter Beibehaltung des Grundwiderspruchs. Realisierbar scheint uns heute aber die letztere.

Und daß die Reform des marktwirtschaftlichen Systems kein Wunschdenken ist, zeigt ein Blick auf die Interessenkonstellationen. So liegt die Anpassung an die Erfordernisse unseres Zeitalters nicht nur im langfristigen Verwertungsinteresse des Gesamt- und jedes Einzelkapitals. Teile des Kapitals haben auch kurzfristig Interessen an der Verwertung des Umweltschutzes, an der Verwertung ziviler Produktionen und an der Verwertung der Beseitigung der Unterentwicklung wie der Nachfragehemmung. Da dies jedoch mit Kurzfristverwertungsinteressen anderer Teile des Kapitals nicht verträglich ist, und da nicht ausgemacht ist, welche Kapitalfraktion obsiegen wird; da außerdem nicht ausgemacht ist, ob das kurzfristige Interesse am Profit oder ob das langfristige Interesse an der Aufrechterhaltung der Voraussetzungen dafür, Profit zu machen, den Ausschlag geben wird, ist es vonnöten, auch die Interessen der übrigen betroffenen Klassen und Schichten zu artikulieren und ihnen Gehör zu verschaffen. Das System reformiert sich nicht von selber, nicht spontan, dazu bedarf es schon der Aktivität bewußter Akteure. Und diese finden sich auch in der Ökologiebewegung, in der Friedensbewegung, in der Solidaritätsbewegung wie in der Sozialbewegung und in den anderen demokratischen Bewegungen und nicht zuletzt in der Arbeiterbewegung. Die Devise lautet: ein angepaßter Kapitalismus, nämlich eine umweltschonendere, friedensfähigere, gerechtere Variante des Systems des staatsmonopolistischen Kapitalismus, eine auf demokratisches Wirtschaften, sinnvolles Arbeiten, solidarisches Leben und neues Denken orientierte Reformalternative.

Mit Hindels unterscheiden wir eine Strömung der Arbeiterbewegung, die das System transzendieren will, und eine, die dem System immanent bleiben will. Nun, da die Lage der Dinge so ist, daß das Ziel einer den Kapitalismus ablösenden Gesellschaftsordnung nicht unmittelbar mehrheitsfähig ist, gilt es für die revolutionäre Linke, mehrheitsfähige Wege zu ermitteln. Dabei kann sie sich der Dialektik von Reform und Revolution bedienen, die darin besteht, daß Reformen nicht nur das System befestigen, sondern auch den Weg zu seiner Überwindung freilegen können. Der ökologische, zivile und soziale Umbau ist eine solche Reformalternative. Mit ihr wird nicht zuletzt die Perspektive einer von Ausbeutung und Unterdrückung freien Gesellschaftsordnung aufgetan, in der wiederum die globalen Probleme im eigentlichen Sinn bewältigt werden können.

Das Neue heute ist also, daß eine Reformalternative, wie immer sie auch im Detail in der gemeinsamen Diskussion der an der Veränderung der Gesellschaft interessierten politischen Kräfte konzipiert und implementiert werden mag, im großen und ganzen den Umbruch zu reflektieren hat, daß der ökologische, zivile und soziale Umbau unserer Gesellschaft, der ein Umdenken einschließt, auf Grund des in den letzten Jahren stark angestiegenen globalen Problemdrucks drängend geworden ist. Dies ist ein Muß jeder Reformalternative. Ebenso dürfen sie nicht mit der angestrebten Gesellschaftsveränderung in Widerspruch kommen. Als weitere Momente einer Reformalternative — ohne Anspruch auf Vollständigkeit — scheinen uns folgende Punkte diskutabel:

Soll Massenarbeitslosigkeit vermieden werden, steht mit der bisherigen und zukünftig zu erwartenden weiteren Erhöhung der Arbeitsproduktivität die Arbeitszeitverkürzung auf der Tagesordnung, eine Forderung, die wir voll unterstützen. Aber Arbeitszeitverkürzung alleine ist zu wenig: Wird sie nicht bei vollem Lohn eingeführt, ist eine gesamtwirtschaftliche Wachstumsverlangsamung mangels Nachfrage nach Konsumgütern wahrscheinlich. Beschränkt sie sich auf eine äußere Verkürzung der gesetzlichen Arbeitszeit, werden die Menschen den Freizeitindustrien noch mehr als bisher ausgeliefert. Die Forderung nach „innerer Arbeitszeitverkürzung“ hätte diesen Mangel nicht. Die Arbeitszeit der Lohnabhängigen könnte teilweise nicht nur vom Unternehmen, sondern von den Werktätigen selbst genützt werden. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht von Pausenregelungen vor Computerbildschirmen bis zum bezahlten Bildungsurlaub und der bezahlten Zeit für (betriebs-)politische Tätigkeit im Interesse der Arbeiter und Angestellten im weitesten Sinn.

Neue Technologien weisen gegenüber den traditionellen Formen einen objektiv höheren Grad an Gestaltbarkeit auf. Die erfinderische Auslotung dieser neuen Möglichkeiten sollte in wachsendem Umfang auf der Tagesordnung der Arbeiter und Angestellten und ihrer Interessenvertretung stehen. Zwar ist es im Prinzip möglich, die Netze der informationsverarbeitenden Maschinerie nach den Wünschen der im Netzwerk Arbeitenden zu formen, aber ohne eine geeignete, auf den dauernden Innovationsprozeß abgestimmte Organisationsstruktur im betrieblichen und überbetrieblichen Umfeld werden diese Wünsche unerfüllt bleiben. In den Betrieben könnten zu diesem Zweck beständige Technologiekommissionen aus Belegschaftsvertretern (die nicht unbedingt Betriebsräte sein müssen, aber dem Betriebsrat nahe stehen und in der Tendenz den gesetzlichen Schutz wie Betriebsräte besitzen sollten) eingerichtet werden, die sich mit der Gestaltung der Technologie, der Arbeitszeit, des Arbeitsortes, der Arbeitsorganisation und des Berufsbildes befassen und gegenüber dem Management den Interessenstandpunkt der Arbeitenden durchzusetzen versuchen. Damit wäre gegenüber den schwerfälligeren Instrumenten des Kollektivvertrages oder einer Betriebsvereinbarung ein flexibleres Organ zur Verfügung, das sowohl präventiv tätig werden als auch auf die laufenden Neuerungen adäquat reagieren könnte. Diese Kommissionen — die letztlich gesetzlich verbrieft werden müßten — könnten in demokratischer Weise die Fähigkeiten und Wünsche der Belegschaft mit den betrieblichen Anforderungen in Übereinstimmung bringen und weiterentwickeln und die menschenunwürdigen Formen der Arbeitsüberwachung a priori verhindern.

Gewerkschaften bzw. Arbeiterkammern könnten mit den Herstellern von Hard- und Softwaresystemen bezüglich der Nutzerfreundlichkeit in einen Dialog treten. Die Anforderungen an die neuen Arbeitsmittel sollten nicht nur optimale Bildschirmgestaltung und andere ergonomische Fragen umfassen, sondern die Möglichkeiten des Netzes zu weitestgehender Kooperation der Lohnabhängigen, Mitbestimmung und Selbstgestaltung seiner Struktur beinhalten.

Die Fachgewerkschaften oder Arbeiterkammern könnten Beratungseinrichtungen schaffen, in denen die Lohnabhängigen und deren Betriebsräte bezüglich alternativer Organisations- und Ausbildungsformen und emanzipatorischer Möglichkeiten bei neuen Technologien beraten werden. So haben bereits skandinavische Versicherungsgewerkschaften die Forderung nach einer Ausbildung des Personals erhoben, die ihm das Unternehmen, in dem er arbeitet, vollständig transparent macht, oder die Computerisierung qualifizierter Arbeitsaufgaben explizit abgelehnt.

Zur Vermehrung des Alternativwissens könnten sich die Gewerkschaften mehr als bisher der Sozialwissenschaften bedienen und Forschungen bezüglich neuer Technologien und der Veränderung beruflicher Kenntnisse initiieren, Technikbewertungs- und Technikgestaltungsprojekte entsprechenden Stellen vorschlagen oder selbst finanzieren. Diese Projekte sollten sich von der Idee leiten lassen, daß die neuen Technologien als Träger für die Ausweitung der emanzipatorischen und demokratischen Errungenschaften genützt werden. Das Recht auf die Benützung aller betriebseigenen Einrichtungen im Sinne der betriebsrätlichen Tätigkeit, vor allem der inner- und zwischenbetrieblichen Informationseinrichtungen (Computerpost, vor allem in einem Transnationalen Konzern, EDV-Anlagen, Teleconferencing, Desktop-Publishing usw.), sollte sichergestellt werden.

Wollen die Organe der Arbeiterbewegung ihre Klientel erreichen, werden sie dafür Sorge tragen müssen, daß die Inhalte, die sie vermitteln wollen, dem gestiegenen Bildungsstand und der gewachsenen Subjektivität im Arbeiter- und Angestelltenbereich, der größer werdenden Schicht der wissenschaftlich-technischen Intelligenz entgegenkommen. Eine geeignete Agitationspolitik wird sich auf tiefergehende Analysen des Bewußtseinsstandes und der Interessenlage der einzelnen, oft sehr heterogenen Schichten innerhalb der Lohnabhängigen stützen müssen. Die Agitationsformen müssen auch dem verstärkten Wunsch nach Selbstverwirklichung und den sich neu herausbildenden Geschlechterrelationen entsprechen.

Insbesondere für Länder mit unentwickelten basisdemokratischen Traditionen wie Österreich oder der Bundesrepublik Deutschland empfehlen sich darüber hinaus konkrete, öffentlich geförderte Formen im Sinne der Demokratisierung aller Lebensbereiche zur Entwicklung der „Demokratie im kleinen“, zur Stärkung der Fähigkeiten, sich selbst zu artikulieren, in kleinen oder größeren Gruppen zu kooperieren, Probleme eigenständig und in Gemeinschaft anzupacken (gegenüber der weitverbreiteten Intoleranz, dem Fremdenhaß, dem Antıisemitismus, der Engstirnigkeit und Mickrigkeit, der üblen Nachrede usw.). Das Vorbild der skandinavischen „Studienzirkel“, an denen mehr als die Hälfte der schwedischen Bevölkerung teilgenommen hat (und deren Vorbild protestantische Bibelrunden darstellten), könnte im Design derartiger Einrichtungen eine wichtige Rolle spielen.

Bei der Umstrukturierung der „alten“ Wirtschaftsregionen, insbesondere an Standorten der verstaatlichten Industrie Österreichs, wären die längst überfälligen notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen mit einer Umschulungs- und Beschäftigungsgarantie zu verbinden. In Auffanggesellschaften könnten nicht nur innovative Produktionen begonnen werden, sondern auch Konzepte innerbetrieblicher Demokratisierung Anwendung finden (eventuell nach dem Muster des Greater London Enterprise Board). Den Gewerkschaften wird es nicht erspart bleiben, stärker als bisher auch Unternehmens- und Regionalentwicklungskonzepte anzubieten, die bisher dem Management vorbehalten waren. Demokratisch gewählte „Regionalkommissionen“ (mit einer geeigneten Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen) könnten die regionalen Bedürfnisse artikulieren und entsprechende Arbeitsplätze schaffen. Die nötigen finanziellen Mittel ließen sich aus den Geldern der Arbeitsmarktverwaltung oder aus betrieblichen Sozialfonds beschaffen. [36]

Der wachsenden Internationalisierung der Wirtschaft entsprechend sollte die internationale Zusammenarbeit der Gewerkschaften und die Koordination bei gewerkschaftlichen Kampfmaßnahmen verbessert werden.

Angesichts der mit dem Strukturwandel verbundenen Probleme kann man absehen, daß eine Partei oder eine Gewerkschaft, die sich ausschließlich traditionell verhält und sich etwa auf den Kampf um höhere Löhne in einem Betrieb beschränkt oder defensiv auf die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze um jeden Preis orientiert, auch wenn dort Rüstungsgüter oder Umweltbelastungen in großem Ausmaß erzeugt werden, mittelfristig unglaubwürdig werden wird. Die Interessenvertreter der Arbeiterklasse werden nicht umhinkommen, zunehmend gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen (und zwar nicht so, wie es die in die Sozialpartnerschaft eingebundenen Organe des Österreichischen Gewerkschaftsbundes gewohnt waren, im Sinne von Lohnzurückhaltung und äußerst maßvollen Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, zunächst sogar nach Branchen getrennt), sondern auf einen neuen Gesellschaftsentwurf hin zu orientieren, in dem das Problem der Arbeitslosigkeit, das Umweltproblem und das Problem kriegerischer Auseinandersetzungen in Perspektive gelöst werden können.

Letztlich wird es darum gehen, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Arbeitsmotivation und Kreativität des Einzelnen am besten und langfristig gefördert werden, und die Entwicklung des Einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung der anderen werden kann. Frieden, lebendige Demokratie und aktive Stabilisierung der Ökosphäre scheinen dafür zentrale Aufgabengebiete zu sein und längerfristig auch zu bleiben.

[1Wir sollen dabei von der Arbeit als zentraler gesellschaftlicher Kategorie ausgehen. Bereits seit Adam Smith gilt die menschliche Arbeit korrekterweise als wichtigste Quelle des Reichtums der Gesellschaft. Mit dieser Auffassung hat die Arbeitswerttheorie ihren wissenschaftlich fundierten Anfang genommen. Sie wurde später von Marx weitergeführt und zu einem der Pfeiler der politischen Ökonomie des Kapitalismus ausgebaut. Soll die Weltsicht der fortschrittlichen Kräfte zu Recht „wissenschaftlich“ genannt werden, wird man/frau auf die Arbeitswerttheorie nicht verzichten können. Im Gegenteil, die Theorie muß, wie von den Klassikern der Arbeiterbewegung praktiziert, in geeigneter Form weiterentwickelt werden. Nur so wird man/frau auf der begrifflichen Ebene zu einem hinreichenden Verständnis der veränderten Bedingungen finden, ohne bisher gewonnene Einsichten über Bord werfen zu müssen. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist eine derartige Weiterentwicklung als Orientierungshilfe besonders nötig, gerade in Zeiten des Umbruchs ist sie am schwersten zu gewinnen, zeigt sich das Neue doch erst in Keimformen. Im folgenden wird versucht, einige Elemente dieser Weiterführung der Arbeitswerttheorie, die zum Teil auch in Gestalt mathematischer Simulationsmodelle vorliegen (J. Baum et al, Wirtschaftswachstum und Strukturwandel — Ökonomische Theorie auf dem Personalcomputer, Forschungsbericht des Instituts für sozio-ökonomische Entwicklungsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988, 2 Bände) in verbaler Form darzustellen, um die Ursachen und Effekte der wissenschaftlich-technischen Revolution auf dieser Grundlage zu beschreiben.

[2Siehe F. Müller, Wertrechnung und Außenhandel, in: J. Baum et al, Wirtschaftswachstum und Strukturwandel, Ökonomische Theorie auf dem Personalcomputer, Teil I, Abschnitt D, Forschungsbericht des Instituts für sozio-ökonomische Entwicklungsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988

[3Ch. Donninger, A. Noll, Gibt es eine Grenze für die Ausdehnung des Dienstleistungssektors? Das Modell von Peter Fleissner, Institut für Höhere Studien und Wissenschaftliche Forschung, Institutsarbeit Nr. 212, Wien 1984

[4Siehe H. Kalt, Das Finanzkapital in Österreich, Wien 1985

[5Es wäre zu bedenken, ob diese neue Stufe der Internationalisierung nicht auch nahelegt, von einer neuen Qualität des Verwertungsprozesses und damit des ganzen Produktions- und Reproduktionsprozesses zu sprechen.

[6Der Weg von der primären Wertstruktur durch alle Modifikationen bis zur Erscheinungsebene erlaubt es nur in einzelnen Teilschritten, zu eindeutigen Wert- oder Preisstrukturen zu gelangen, da mit jedem Schritt der Konkretisierung neue Bedingungen berücksichtigt werden müssen, die auf der jeweiligen Ebene der Analyse zufälligen Charakter besitzen. Etwa von der Ebene der Produktionspreise ausgehend ist nicht eindeutig vorhersagbar, welcher Sektor zu welchem Monopolpreis gelangen wird, wohl kann man aber umgekehrt, von der Erscheinungsebene ausgehend, gestützt auf hinreichend detailliertes empirisches Material, durch mathematische Transformationen eindeutig die quantitativen Wertverhältnisse auf den abstrakteren Ebenen bestimmen.

[7Siehe die eindrucksvollen Beispiele in K. Marx, Das Kapital, Bd. 1, in: K. Marx, F. Engels, Werke, Band 23, Berlin 1979, S. 412-413

[8Yamazaki Werkzeugmaschinenbau: Produktionskennziffern eines flexiblen Fertigungssystems im Vergleich mit konventioneller Fertigung. Quelle: VOEST-ALPINE Finalindustrie. (1984) Werkzeugmaschinen — Fertigungstechnologien — Fertigungsverfahren, Linz. HD. III, 710

[9P. Fleissner, Branchenanalyse Papiererzeugung, in: P. Fleissner (Hg.), Technologie und Arbeitswelt in Österreich, Trends bis zur Jahrtausendwende, 4 Bände, Wien 1987, Bd. 3, S. 253-315, S. 296

[10P. Fleissner, Branchenanalyse Papierverarbeitung, in: Ebenda, S. 316-362, S. 359

[11Die Arbeitsproduktivität pro Lohnabhängigen wuchs in der österreichischen Industrie in den letzten 10 Jahren um etwa 50 Prozent. Es reduzierte sich die Zahl der Arbeitsplätze, vor allem bei Arbeitern. Insbesondere waren Resttätigkeiten im Arbeiterinnenbereich betroffen. Beispiel: In der papiererzeugenden Industrie wurde zwischen 1970 und 1985 die Zahl der Arbeiterinnen um zwei Drittel reduziert (sie hatten vorher Papierbogen gezählt, sortiert und abgelegt), die Zahl der Arbeiter um ein Drittel. Die Angestelltenzahlen nahmen wesentlich langsamer ab, Männer -8%, Frauen -18%) — (siehe P. Fleissner, Branchenanalyse Papiererzeugung, in: P. Fleissner (Hg.), Perspektiven von Technologie und Arbeitswelt in Österreich, Trends bis zur Jahrtausendwende, 4 Bände, Wien 1987, Bd. 3, S. 303); Zwischen 1970 und 1984 nahmen in der papier- und pappeverarbeitenden Industrie Frauenarbeitsplätze um 40,4%, ausländische Arbeitskräfte um 31,1% ab (a.a.O., S. 345).

[12Zwischen 1976 und 1984 hat sich in der Bundesrepublik Deutschland die Zahl der Beschäftigten netto um 1,0 Prozent, das sind 247.000, verringert. Die Brutto-Größen lauten: Land- und Forstwirtschaft -306.000, Bergbau und Energie -14.000, Verarb. Gewerbe und Industrie -858.000, Baugewerbe -87.000, Handel -24.000, Verkehr und Nachrichten -31.000, priv. Dienstleistungen +510.000, Staat +404.000, Priv. Haushalte +159.000 (nach R. Filip-Köhn und J. Seetzen, Labour Force Developments in the Federal Republic of Germany, Manuskript, Berlin, November 1988).

[13Zwischen 1976 und 1984 hat sich in den USA die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft netto um 19,0 Prozent, das sind 15.114 Mio., vermehrt. Die Brutto-Größen lauten: Bergbau +187.000, Verarb. Gewerbe und Industrie +381.000, Baugewerbe +807.000, Handel +4,345.000, Verkehr und Nachrichten +577.000, priv. Dienstleistungen +7,664.000, Staat +1,153.000; in der Land- und Forstwirtschaft gab es Verluste von 10.000 Arbeitsplätzen (nach Economic Report of the President, Washington 1987, Tables B-40 und B-31).

[14W. Hofkirchner, Arbeit und Technik, in: P. Fleissner (Hg.), Perspektiven von Technologie und Arbeitswelt in Österreich, Trends bis zur Jahrtausendwende, 4 Bände, Wien 1987, Bd. 1, S. 17-40, S. 32

[15P. Fleissner, Zum Umbruch des Produktivkraftsystems, in: Jahrbuch des IMSF 9, Frankfurt/Main 1985, S. 160-175, S. 162

[16 

[17„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet ... An der Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“ (K. Marx, F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4, S. 465 f.)

[18J. D. Bernal, Die soziale Funktion der Wissenschaft, hg. v. H. Steiner, Berlin (DDR) 1986, S. 32

[19Wir vertreten hier die Meinung, daß auch in den sozialistischen Ländern die Technisierung nicht von Deformationen frei geblieben ist. Müßten nicht auch die sozialistischen Länder ihre Forschungs- und Entwicklungskapazitäten heute verstärkt auf Technologien der Gewinnung regenerierbarer Energien, geschlossener Stoffkreisläufe, der Rückgewinnung von Stoffen oder „biologischer“ Landwirtschaft konzentrieren?

[20E. Gärtner, Die Stabilisierung der Biosphäre, Über die Aufgaben der Ökologie vom Standpunkt des Marxismus, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 13, 1987, S. 52-67. Allerdings teilen wir nicht die pessimistische Auffassung des Autors bezüglich der Problemlösungskapazitäten des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Seiner Meinung nach würden sie nur ausreichen, die globalen Probleme lösen zu helfen. Unserer Meinung nach ist das Humanisierungspotential der Technisierung größer.

[21Der Begriff der Regulierungsweise scheint uns auch geeignet, die gegenwärtigen Veränderungen in den sozialistischen Ländern, insbesondere in der UdSSR, zu beschreiben. Mit der Perestrojka geht es um die Ablösung einer Regulierungsweise, die mit den Attributen „administrativ“, „bürokratisch“, „zentralistisch“ belegt werden könnte, durch eine neue, demokratisch weiterentwickelte.

[22D. Klein, a.a.O., S. 23.

[23J. Huffschmid, H. Jung, Reformalternative. Ein marxistisches Plädoyer, Frankfurt/M. 1988, S. 45

[24M. Scharang, P. Turrini, Die Demolierung Österreichs oder Der Weg in den demokratischen Faschismus, in: der Streit 32/1987

[25M. J. Piore, Ch. F. Sabel, Das Ende der Massenproduktion — Studie über die Requalifizierung der Arbeit und die Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft, Wagenbach, Berlin 1985

[26Eine derartige Reformalternative könnte (zunächst) unter reformistischen Vorzeichen wahrscheinlich werden. Nicht auszuschließen ist jedenfalls, daß im Gefolge der reformalternativen Bewältigung der Probleme unserer Zeit ein ähnliches Phänomen auftreten wird können wie der Opportunismus im Zuge der Herausbildung des Monopolkapitalismus nach der ersten kapitalistischen Regulierungskrise 1873 und die Sozialstaatsillusion im Zuge der Herausbildung des Staatsmonopolismus nach der zweiten kapitalistischen Regulierungskrise 1929 — eine weitere Illusion des geläuterten Kapitalismus im Zuge der Herausbildung eines transnationalen Etatismus.

[27Zitiert nach Karlwilhelm Stratmann vom Institut für Pädagogik der Ruhr-Universität Bochum, Curricular and Organizational Problems in Modernizing the Educational Systems in West Germany, with Emphasis on the Needs of Small and Medium-sized enterprises in the Metal and Electronics Sectors, Manuskript eines Vortrags auf einer Tagung des Goethe-Instituts Boston, Mai 1987, Tabellenanhang.

[28Baethge M., The Educational System and the Labor Market: Processes of Adaptation, Transition and Selection within the Framework of New Economic and Technical Conditions, Vortrag auf einer Tagung des Goethe-Instituts Boston, Mai 1987

[29Kolm, P., A. Volst, I. Wagner, Konflikt und Innovation in computerunterstützten Organisationen, Österreichische Computer Gesellschaft, R. Oldenbourg, Wien, München 1988, S. 115 ff.

[30In Skandinavien werden unterschiedliche Ausrichtungen von Expertensystemen diskutiert (siehe Bo Göranzon und E. Sandewall, Künstliche Intelligenz gegen berufliches Fachwissen? in: Argument-Sonderband AS 167, Politik um die Arbeit, Göttingen 1988, S. 96-111; Helga Karl und H. Ch. Ohm, Expertensysteme im Widerspruch, Umbruch des Wissens und gegensätzliche Berufskulturen, a.a.O., S. 112-134), einerseits das Expertensystem zur Unterstützung der menschlichen Intuition durch die Vermittlung von Fachwissen, andererseits das Expertensystem als komplexe Gebrauchsanweisung. Wichtig scheint uns, daß der Bezug zur Wirklichkeit vorhanden bleibt, sonst kann es zur Entfremdung von den realen Bedingungen der Produktion kommen. Durch den Verlust des Erfahrungswissens, vor allem des nicht formalisierbaren Typs, könnten Störfälle die arbeitenden Menschen vor unlösbare Probleme stellen, die schöpferische Weiterentwicklung von Produktionsverfahren könnte stagnieren usw.

[31M. Cooley, The Human Price of Technology, The Hogarth Press, London 1987.

[32Beck, U., Risikogesellschaft — Auf dem Weg in eine andere Moderne, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, S. 123

[33Beck, U., a.a.O., S. 237-242

[34W. Hofkirchner, Positivismus als Denkweise, in: Fortschrittliche Wissenschaft 14/1986, S. 23-35

[35Nicht daß es nicht schon vor dem Auftreten des Kapitalismus Zerstörung der Natur, Kriege und Herrschaft über andere Völker gegeben hätte. Aber unter den Bedingungen der Existenz des Kapitalismus ist es eben das spezifisch kapitalistische Produktionsziel, das das Auftreten der genannten Erscheinungen konkret verursacht.

[36Autorenkollektiv, Wege zur Vollbeschäftigung, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1985, S. 162 ff.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1989
, Seite 16
Autor/inn/en:

Peter Fleissner:

Geboren 1944 in Hainburg an der Donau, Niederösterreich, Studium der Nachrichtentechnik, Mathematik und Ökonomie, habilitiert in Sozialkybernetik, 1973-1990 Institut für sozio-ökonomische Entwicklungsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1974-1982 Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg bei Wien, seit 1990 ordentlicher Professor für Gestaltungs- und Wirkungsforschung, Informatik, TU-Wien, seit August 1997 karenziert, um als EU Beamter zu arbeiten: bis Mai 2000 Leiter der Abteilung für Technologie, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit des Instituts für Technologische Zukunftsforschung (IPTS), einem „think-tank“ der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission in Sevilla. Danach Abteilungsleiter an der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Wien, einer Agentur der Europäischen Union. Leiter von mehr als zwanzig mehrjährigen Forschungsprojekten, Moderator von zahlreichen wissenschaftlichen Fernsehsendungen, Herausgeber und Autor zahlreicher Veröffentlichungen, darunter 16 Bücher, in den Bereichen Technikforschung, volkswirtschaftliche Simulationsmodelle, Datenschutz und Datensicherheit, Informationsgesellschaft und kulturelle Vielfalt.

Wolfgang Hofkirchner:

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