FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 136
Franz Taucher

Rede über die Heimat

Haben wir im ersten, allgemeinen Teil dieses Heftes einen Dominikanerpater und päpstlichen Professor eher „Linkes“ zur Kritik der Demokratie vorbringen lassen, so sei hier, im Literatur-Teil, einem sozialistischen Romancier und Essayisten hohen Ranges und Charakters die „rechte“ Aufgabe anvertraut, über Heimat und Tradition zu reden. Wir glauben mittels solcher Frontverkehrung Tieferes zur Zwanzigjahrfeier der Zweiten Republik beizutragen. — Die Rede ist etwas gekürzt.

Ich soll hier von dem Lande reden, das meine Heimat ist. So setzt sich nur zögernd die Zunge in Bewegung, denn Heimat, das von Kind auf Vertraute — hier ist es zugleich auch ein Anvertrautes. Der rasch einbekannten Liebe zur Heimat wird sich die Frage zugesellen müssen, ob man dieser Liebe auch immer in Treuen dienstbar war. Unlösbar verbindet sich da Empfindung mit einer ungeschriebenen Verpflichtung, und dieses Untrennbare, es wird zu einer Sorge, die freilich erst den älter Gewordenen bedrängt: „Was kann ich für die Heimat tun, bevor ich geh’ im Grabe ruh’n“, heißt es in einem abgeklärten Vers von Conrad Ferdinand Mayer.

Nur der reife Mensch und derjenige, der viele Jahre in der Fremde zugebracht hat, kann die Macht, die in dem Wort „Heimat“ liegt, voll ermessen. In den Vorstellungen unserer Ahnen war das Wort „Fremde“ dem Worte „Elend“ gleichgesetzt. Fremd geworden — das hieß dort, man sei, unabhängig von materiellen Verhältnissen, in einen elenden Zustand geraten.

Eine Ahnung von dieser Macht wird zweifellos auch schon dem Kinde zuteil, wenn es durch irgend einen Anlaß dem vertrauten Elternhaus entzogen ist. Allerdings legt sie ihren Widerschein nur in das Gemüt des Kindes, nicht in dessen Bewußtsein, aber wie immer das sei, das Heimweh wird schmerzlich empfunden. Ich erinnere mich der Ferien, die ich nach dem Ersten Weltkrieg in einem Kinderheim nahe meiner Vaterstadt zugebracht hatte. Es lag in einer prachtvollen Landschaft, es wurde vortrefflich für uns gesorgt, und es gab im Gegensatz zu daheim, was nicht gleichgültig war in diesen Jahren, ausreichend und gut zu essen, aber trotz allen diesen, wie in ein Bündel gerafften Vorteilen war ich unglücklich und noch heute, nach mehr als vierzig Jahren, verbindet mich ein wehes Mitleid mit dem damals etwa zwölfjährigen Knaben, der die ersten Nächte in Sehnsucht nach Vater und Mutter durchgeweint hatte. Heute ist es mir gewiß: dieses Heimweh des Kindes nach dem scheinbar verlorenen Elternhaus unterscheidet sich in nichts von den Empfindungen des reifen Mannes, mit denen er zuweilen seiner angestammten Heimat gedenkt. Es sind ihm, ein natürlicher Vorgang, nur im Lauf der Jahre die Tränen versiegt.

Wie nun soll man diese Macht, die in dem Wort Heimat liegt, festhalten mit einem Griff und sie herzeigen können wie eine Beute: Ein solches Beginnen scheint fast frevelhaft, denn die Fäden, die den einzelnen binden an sein Vaterhaus und an die Landschaft seiner Heimat, sie beginnen im Geheimnishaften, sie laufen im Unsichtbaren und enden wiederum im Geheimnis. Es ist leichter, die Schönheiten seiner Heimat zu preisen, ihre Eigentümlichkeit zu loben, ihre Geschichte zu schreiben und von den Leuten Rühmenswertes zu sagen, die in der Heimat wirken, als mit einfachen, schlichten Worten festzustellen, was Heimat denn eigentlich sei.

Soviel ist gewiß: die Heimat muß keine Bilderbuchschönheit sein, um ihr ein Leben lang anhänglich zu bleiben. Auf der Fahrt nach Breslau hatte ein Mann, der aus einer weit schöneren Gegend stammte als es jene war, die eben durchfahren wurde, eine kleine, verhärmte Frau neben sich sitzen. Bis vor Chemnitz, einer Industriestadt in Sachsen, deren Name niemals genannt wird, wenn Menschen in verspielter Laune verschiedene Städte wegen ihrer baulichen Denkmäler, historischen Zeichen und Stätten oder der Schönheit der landschaftlichen Lage gleich Perlen auf eine Schnur fädeln, war sie schweigsam und in sich gekehrt dagesessen. Als der Zug in die graue, rauchverhangene, reizlose Vorstadt einfuhr, gewahrte der Mann einen feuchten Schimmer in den Augen seiner Mitreisenden. Wie sie sich so beobachtet sah, sagte sie verlegen: Hier, in dieser Stadt sei sie geboren und aufgewachsen, sie wisse, die Stadt sei nicht besonders schön, aber sie müsse immer, wenn sie nach langen Abständen wiederkehre, weinen. Solche Tränen aus innerster Rührung mögen nur dem Überheblichen unverständlich sein, der Verständige wird sie ehren, er wird ihnen dankbar sein für die unvergeßbare Lehre, daß Heimat ein Ausdruck ist für eine seelische Beziehung und daß Gott auch einen öden Raum damit belebt hat.

So hat jeder seine Heimat, der Bergarbeiter an der Ruhr, wo Stadt an Stadt sich im grauen Dunst verliert, genau wie der Salinenarbeiter in Aussee, das in einer wahrhaft erhabenen Landschaft liegt, oder der Weinbauer im Süden der Steiermark, deren melodisch-geschwungene, rebenumkränzte Hügel auf den Beschauer einwirken wie ein immerfort tönender Gesang. Und keiner von diesen, wenn er nicht gerade ein seelenloser Wicht ist, wird seine Heimat geringschätzen, wie immer sie auch im äußeren Bild beschaffen sein mag, es werden ihr alle in Treue verbunden sein, und solche Liebe, das ist meine feste Überzeugung, kann niemals münden in enge, nationale Überheblichkeit oder gar ausarten in Haß gegen Angehörige anderer Landschaften und Völker. Ich wage sogar die Behauptung, es sei erst jener der Welt richtig aufgeschlossen und den Bewohnern aller Zonen menschlich verbunden, in dem die Liebe zur eigenen Heimat lebendig ist.

Es ist eine Erfahrung, die sich auch heute, im Zeitalter der Motorisierung, bestätigt: die Heimat erschließt sich am innigsten demjenigen, der von einem festen Punkt nach allen Richtungen und stets zu Fuß ausschweift. Der Gang, so meinte einmal Johann Gottfried Seume, sei das Aufrechteste im Menschen, und es würde in der Welt vieles besser gehen, wenn man mehr zu Fuß ginge. Wenn wir es recht bedenken, so liegt schon im menschlichen Schreiten ein Wunderbares, in der Art, wie man Fuß vor Fuß setzt und die Weite gewinnt, ohne dabei die Nähe zu verlieren.

Es liegen Lockungen in der Landschaft, wer von uns hat sie nicht schon gespürt, und im Frühling zumal, wenn die Erde dem wandernden Fuß anschmiegsamer entgegenkommt, liegt ein stilles Werben auf schmalen Wiesenpfaden und einsamen Waldwegen. Diese holden Anerbietungen der Natur geschehen nur dem Wanderer, und nur ihm verwandeln sie sich in reiche Erfüllungen.

Es gibt in unserer Literatur eine Vielzahl vertonter und unvertonter Wanderlieder. Von welchen Temperamenten sie immer gesungen oder gedichtet worden sind, sie meinen stets ein Gleiches, insoferne ihre Dichter in Wort und Ton den Mitbruder mahnen, nicht achtlos an den Schönheiten der Heimat vorbeizuleben, sondern sie wandernd zu erfahren und als ein Inbild in sich aufzunehmen.

Wir Kinder des Landes Steiermark haben eine vielgepriesene Heimat. In dem Liede, das wir in der Schule sangen und das uns Kinder zum ersten Male auf den im Sprachbild gebannten Wegen hoch vom Dachstein bis zu den sanften Büheln des Wendenlandes führte, wird die Vielfalt der landschaftlichen Schönheit angedeutet, und Hans Leifhelm, der aus dem Niederrheinischen gebürtige Dichter, dem die Steiermark zur Wahlheimat wurde, nannte diese einmal im Gespräch mit mir die vollendete Abbreviatur der Welt.

Man wird dafür kaum ein bündigeres Wort finden können. Es ist damit gemeint, das Große und Ganze der Welt finde sich, zwar verkürzt aber vollständig, im kleineren Raum eines Landes wieder, und — wahrhaftig — es gibt nicht viele Formen im großen und weiten Antlitz der Erde, die man in unserem Heimatland nicht ebenfalls entdecken könnte.

Vom Hochgebirge im Norden und Nordwesten, mit seinem Formenreichtum der kühn gezeichneten Gipfel, den Karen, Schründen und Hochtälern, deren Windungen immer wieder überraschen, über das Mittelgebirge mit seinen stillen, in sich ruhenden, einsamen Waldbergen, den offenen Kuppen und langhingezogenen Säumen mit den weichen Almmatten im Westen des Landes bis zu den melodisch geschwungenen Hügeln im Osten und Süden und der Ebene im Grazer Feld breitet sich diese landschaftliche Vielfalt, überwältigend stets aufs Neue.

Urlandschaft mag, soweit sie noch erhalten ist, durch ihre Wildheit und Unberührtheit unser Erstaunen wecken und auch unsere Furcht; unsere Ehrfurcht aber und die Liebe gilt der vielgegliederten Kulturlandschaft. Ihrer Mannigfaltigkeit sind wir verbunden, mit den unsichtbaren Fäden, welche Gott uns gesponnen hat. Auch das bewußteste Individualwesen kennt nicht seinen eigenen Anfang vom Ursprung her, und von seinem leiblichen Ende weiß es nur, daß es im Tode mündet. Das macht seine geistige Nervosität aus, denn es ist für dieses Einzelwesen keine geringe Last, immerfort erfahren zu müssen, daß der verhüllte Gang unseres Schicksals sich auch dem feinsten Verstand und dem weitesten Wissen nicht erhellt.

Die Heimat jedoch verbürgt den Zusammenhang, nach dem jedes Wesen unbewußt strebt, aus dem keiner ausbrechen kann, ohne sich seelisch zu gefährden. Es ist die Heimat, aus der jene Kräfte strahlen, welche sonst nur die Religionen spenden und zuweilen auch, um auf irdische Maße zurückzukommen, die menschlichen Künste, wenn sie den geheimen Bauplan, den der Schöpfer der Welt zugrunde gelegt hat, ebenfalls in sich aufgenommen haben.

Denn die Heimat ist ja nicht nur die Landschaft, in die wir hineingeboren wurden, in der wir aufwuchsen, sie ist auch der Zusammenklang von einst und jetzt, von Geschichte und Gegenwart. Wer vermöchte ohne solchen Zusammenklang zu bestehen:

Vergil hat uns die Geschichte von Aeneas erzählt, in der Reinheit einer Empfindung, die uns noch heute anrührt. Troja war niedergebrannt, Aeneas flüchtete, den Vater trug er auf den Schultern, den Sohn geleitete er an der Hand. Aber mit diesen hatte er auch die Penaten gerettet, die Hausgötter, und wohin die Flucht ihn auch verschlug, ins Ungewisse und in dunkle Not, er brauchte nur einen Blick auf die geretteten Bildwerke zu richten und in seiner Seele brannte wieder das Licht der Hoffnung.

Lassen Sie mich hier eine persönliche Erfahrung einschieben. Ich, hoffe, mich damit auch jenen verständlich zu machen, die so wie ich in einer Stadt oder einem Industrieflecken geboren sind. Mein Vater stammte aus einer kinderreichen, bäuerlichen Familie in der Oststeiermark, er wurde Maurer und ging als junger Mensch in die Stadt; meine Mutter kam aus einem sogenannten Weinzerl-Haus in der Südsteiermark, aus einer ebenfalls kinderreichen Familie, und so war der Mutter das Schicksal „aufgesetzt“, als Mädchen bei fremden Bürgersleuten in der Stadt zu dienen.

Die beiden Elternhäuser sind uralt, sie bestehen noch, es wird in ihnen gewohnt, es vollzieht sich darin wie seit eh und je der Ablauf eines bäuerlichen Tages, und dieser eherne Gang, diese unverbrüchliche Standfestigkeit von Ort und Tun, an welcher die Zeit gleichsam abglitt in ihrem geheimnisvollen und nie ganz zu begreifenden Lauf, gehört zu den tiefsten Eindrücken meiner Kinderzeit, denn wir mußten öfters die Wohnung wechseln. Es mögen also uns, den Kindern der Stadt, die Penaten als sichtbare Bildwerke nicht mehr über dem Herdfeuer leuchten, aber wenn wir unser Gemüt offenhalten und die Phantasie nicht verkümmern lassen, so können wir die starke Gleichniskraft der Geschichte von Aeneas, der aus Troja flüchtete und Rom begründete, auf eine unvergeßbare Weise erfahren.

Der Bauer allerdings, der sein Hauswesen vom Vater übernommen hat und es an seinen Sohn weitergibt, hat das noch in seinen Sinnen, im Instinkt; ihm hängt noch in schöner, ergreifender Selbstverständlichkeit das Kruzifix im Winkel über dem Tisch und vielleicht auch ein alter Haussegen an der Tür. Er lebt, zum großen Teil wenigstens, noch in der alten Gebundenheit, ihm ist der Lauf des Jahres nicht eine Folge von Daten allein, er ist vom Wetter abhängig und sorgt ihm vor und nach; wir brauchen da nur zu bedenken, daß ein Hagelschlag den Fleiß eines Jahres zunichte machen kann.

Eingebettet in Sitte und Brauch, begleitet er also den Wechsel der Jahreszeiten mit frommen Vorstellungen, denen wir, die wir sie ohne Schuld verloren haben, unsere Achtung nicht versagen sollten auch da, wo sie uns unbegreiflich erscheinen. Denn sie wurden ja nicht gebildet aus einem müßigen Spiel seiner Phantasie, vielmehr sind sie für ihn von verpflichtender Bedeutung und reichen oft weit zurück, über die strenge Glaubensgebundenheit des Mittelalters bis in die grauverdämmernde Welt uralter Mythen.

Über die historische Entwicklung der Steiermark kann hier nur andeutungsweise gesprochen werden.

Worte vermögen da nur einzelne Stationen zu bezeichnen, nicht mehr. Die Phantasie muß sich das dazugehörige Leben selber ausmalen und die kurze Spanne zwischen Geburt und Tod, die das Leben eines Menschen ausmacht, in das rechte Verhältnis bringen zu dieser ungeheuren Zeitenfolge, dieser überwältigenden Ansammlung von Tagen, in denen die Sonne aufging, ungerührt über das Treiben der Gerechten und Ungerechten, und die Nacht sich wieder senkte über den Schlaf der Einzelnen und deren Geborenwerden und Sterben. Wem fielen bei solchem Überdenken nicht die Worte des Predigers Salomo ein: „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe. Der Wind geht gen Mittag und kommt herauf zur Mitternacht und wiederum an den Ort, da er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, wo sie herfließen, fließen sie wieder hin ...“

Immer wieder gab es plündernde und mordende Einfälle der Magyaren und der Türken. Während der Regierungszeit Kaiser Friedrichs des Dritten kamen diese zehnmal über die Grenzen der Steiermark. Sie zerstörten Städte und Ansiedlungen, sie vernichteten bebaute Äcker und töteten das Leben friedlicher Menschen. Tränen, unzählbare, und immer von Einzelnen geweint, schießen da zusammen wie zu einem Kristall unsäglichen Leids. Wenn wir in solchem Zusammenhang Worte hersagen wie Verzweiflung und Leid, so haben wir dabei wohl zu bedenken, daß das Herz des Menschen ein Einziges und Unwiederholbares ist. Zusammenfassung und Anhäufung von Greueln sind machtlos vor dem Leid eines einzigen Menschen: sie erbleichen davor und schwinden hin ins Abstrakte. Aber so viel muß gesagt werden, daß es der Bauernstand war, der am schwersten zu leiden hatte. Und daß erst das Jahr 1848 den Bauern aus der Grundherrschaft gelöst und ihm zur Würde eines eigenen Standes und damit auch zu bürgerlichen Rechten verholfen hat.

Unter den großen persönlichen Erscheinungen, die in der Steiermark im Lauf der Jahrhunderte wirkten, nimmt Erzherzog Johann zweifellos den ersten Rang ein. Einige Jahrzehnte vor dem Jahr 1848 hat er in diesem Lande mit seinem segensreichen Wirken begonnen. Unabhängig von den sozialen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in seiner Zeit war er gesonnen, eine echte Verbindung zwischen Hoch und Niedrig im Geiste jener wahren Freiheit zu vollziehen, die sich ihrer Bindung ans Moralische und Humane stets bewußt bleibt. Mir will vorkommen, als habe sich mit dem Auftreten dieses Mannes im Bereich unserer Heimat ein Akt höherer Gerechtigkeit vollzogen. Seine Begegnung mit Anna Plochl, der Tochter des Postmeisters von Bad Aussee, die Liebe, die sie sogleich zueinander faßten und das standhafte Ausharren und Bekenntnis des Prinzen zu dieser Neigung gegen die anders gerichteten Interessen des Hofes haben seine Figur mit zahlreichen Legenden umsponnen. Auch da, wo diese Legenden naiv-rührenden Ursprungs sind, waren sie der Erkenntnis seiner wahren Person und der Erfassung seiner großen Leistungen für das Land Steiermark eher hinderlich als nützlich. Gleichwohl bleibt die Kraft und Reinheit dieser Zuneigung bestehen; die eine wurde nicht geschwächt, die andere nicht angetastet von den schlimmen Zutaten der tüchtigen, aber minderwertigen Verleger und Filmhersteller.

Sechs Jahre vor seiner Begegnung mit Anna Plochl hat er den entscheidenden Grundstein für sein soziales und kulturelles Wirken mit der Begründung des Joanneums gelegt, und es bleibt ein ehrendes Zeugnis für die damaligen steirischen Stände bis herauf in unsere Tage, daß sie die Intentionen des Erzherzogs sofort begriffen und ihn tatkräftig unterstützten. Es ist in diesem Zusammenhang gar nicht möglich, alle Gründungen und Stiftungen anzuführen, die der Erzherzog bewirkt hat, zum Segen der Steiermark und ihrer Bewohner. Die Steirer machten den Erzherzog einfach zu ihrem Prinzen Johann, und ich meine, mit dieser Verwandlung, die damit angedeutet ist, hat er eine Helligkeit in unsere Heimat gebracht, die auch jene Dunkelheiten nicht auslöschen konnten, welche seither über sie hereingebrochen sind, durch Machtwahn, Willkür und Krieg.

In dieser Helligkeit steht das Große und Kleine, wenn es vom Herzen kommt, in gleichen Schalen, und so beleuchtet es für immer die einfache Grundwahrheit, daß unser Dasein, der Raum unseres irdischen Tuns, auf die Beziehungen gestellt ist, die wir untereinander, die wir zum Nächsten, zum Menschenbruder anzuknüpfen wissen. Das ist die eigentliche, die sanft überredende Gewalt seines Wirkens, das ist der volle Klang seiner Stimme, die überall gehört worden war und auch heute nicht ganz verstummt ist.

Ich bin am Ende angelangt. Ich habe zu zeigen versucht, daß Heimat etwas mehr ist als nur ein geographischer Begriff, daß ihre Macht nur dann einigermaßen zu fassen ist, wenn man in ihrem Namen den Zusammenklang von Landschaft und Geschichte begreift; wenn wir den Stimmen, die uns aus der Vergangenheit das Echte und Rechte für unser eigenes Tun in der Gegenwart zuraunen, in Geduld lauschen. Ergreift es uns nicht immer mit einer wehen und doch schönen Gewalt, wenn wir uns in einer Landschaft aufhalten, von der wir wissen, daß dort unsere Ahnen einst tätig wandelten: Empfinden wir dann nicht, daß wir den Raum, in dem unser irdisches Dasein sich vollzieht, mit einem Tun zu füllen haben, in welchem Vernunft und Liebe, Ehrfurcht und Freundschaft gleichermaßen enthalten sind?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1965
, Seite 194
Autor/inn/en:

Franz Taucher:

Geboren 1909 in Graz, gehörte dem Redaktionsstab der alten „Frankfurter Zeitung“ an und gab nach 1945 die „Wiener Bühne“ heraus, Romancier, Essayist und sozialistischer Publizist, Mitglied der Programmdirektion des Rundfunks, ehemals Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen“ und Chefredakteur der „Zeit“.

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