FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1986 » No. 384/385/386
Bernhard Heindl

Plädoyer für eine rationelle Ökonomie

Unsere moderne Landwirtschaft ist ein Skandal: Ein Bauer in Kansas kann mit 1500 Hektar fruchtbaren Landes kaum überleben, während ein japanischer Bauer, der sein Land „kultiviert“, mit 5 Hektar spielend seine Familie ernährt.

In jeder Gesellschaft ist die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. Was geschieht, wenn dem nicht entsprochen wird, zeigt sich am Verheerendsten in der Entwicklungspolitik der Entwicklungsländer. Bei uns hingegen, im Überfluß hält man es für ein sicheres Zeichen des Fortschritts, wenn die Landwirtschaft gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen an Bedeutung verliert und der Preis der Nahrungsmittel für den Konsumenten im Vergleich zu anderen Wirtschaftsgütern möglichst gering ist. Demnach wäre es also ein Fortschritt, wenn wir heute nur mehr 20 Prozent unseres Einkommens für den Kauf von Nahrungsmitteln des täglichen Gebrauchs (— gegenüber mehr als 50 Prozent vor 30 Jahren —) ausgeben müssen, 80 Prozent dagegen für Wohnung, Dienstleistungen, Konsum-, Industrie-, Luxus-, und Freizeitgüter. Dennoch erscheint den meisten Familien mit einem durchschnittlichen Einkommen ihr tagtäglicher Aufwand für Lebensmittel noch immer zu hoch, mit dem unbestimmten Ziel jenes Fortschritts vor Augen, wonach die Nahrungsmittel, gleichsam zur Einhaltung eines fundamentalen Menschenrechts selbstverständlich in ausreichendem Maß vorhanden und möglichst billig oder am besten gratis jedermann zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus ist das Interesse der Konsumenten, der Öffentlichkeit überhaupt, an den Problemen der Landwirtschaft und der Bauern so lange nicht vorhanden, so lange die Kühltruhen und Regale der Supermärkte gefüllt bleiben, und nicht gerade irgendein Fleisch- oder Wein- oder Käseskandal für kurzweilige Aufregung sorgt. Andererseits steht der Bedeutungslosigkeit der Landwirtschaft innerhalb unserer gesamten Wirtschaft (3 Prozent des Bruttonationalprodukts) und der Bauern für das öffentliche Interesse das Phänomen gegenüber, daß von Jahr zu Jahr immer höhere Budgetmittel für die Landwirtschaft aufgewendet werden müssen, daß sie immer höhere Kosten verursacht, sodaß die Finanz- und Wirtschaftskraft, die der Landwirtschaft in den letzten Jahren systematisch zugunsten anderer Wirtschaftszweige am Markt entzogen wurde, ihr auf dem Umweg über staatliche Zuschüsse wieder zugeführt wurden. Diese Zuschüsse haben z.B. in den Europäischen Gemeinschaften die Höhe der tatsächlichen Wertschöpfung der Landwirtschaft bereits bei weitem überstiegen. Genauso verhält es sich in den Vereinigten Staaten.

Der finanzpolitische Druck auf die Landwirtschaft, die auf diese Weise zum permanenten Bittsteller gegenüber der Gesellschaft wird — die von ihr möglichst wenig wissen will, solange das Angebot an Nahrungsmitteln im Übermaß vorhanden ist — wird dabei umso stärker, je größer die Produktivitätskraft der Landwirtschaft ist, je mehr sie produziert. Die allgemein übliche Forderung an jede Wirtschaft, daß sie nämlich möglichst „rationell“ und produktiv sei, gerät der Landwirtschaft so sichtlich zum Nachteil, insofern bald niemand mehr begreifen wird, warum es zur Finanzierung ständig wachsender Agrarüberschüsse, die kein Mensch auf der ganzen Welt kaufen kann, als Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, oder andererseits als Konsument angesichts der erstickenden Milchflut oder des überquellenden Getreidebergs für solche Produkte gar noch einen höheren Preis zahlen soll.

Als geradezu aufreizende Absurdität wird es aber auch dem desinteressierten Konsumenten erscheinen müssen, wenn er von den entsprechenden „Spezialisten“ zu hören kriegt, daß von den drei- bis vierhundert Milliarden Schilling, die die Steuerzahler der EWG für ihr Agrarsystem jährlich bezahlen, überhaupt nur höchstens 25 bis 30 Prozent der Landwirtschaft den Bauern zugute kommen, dagegen 70-75 Prozent „ins Meer geworfen“, „absolut vernichtet“ werden (Prof. Wolfram vom Institut für Agrarforschung in Bonn; oder mit ähnlichen Worten der Kieler Agrarexperte Köster). Und vielleicht werden wir doch auch ein wenig stutzig werden, wenn wir hören, daß die EWG alleine für die Lagerung der unverkäuflichen Agrarüberschüsse zwischen 50 und 60 Milliarden Schilling jährlich ausgibt; eine Summe, mit der das Nahrungsmittelkaufproblem aller afrikanischen Staaten zusammen sofort gelöst wäre. Man muß es also erst einmal richtig erfassen, daß wir uns heute in Europa in diesem Agrarsystem seelenruhig den ökonomischen Irrsinn und moralischen Skandal leisten, zur sinnlosen Anhäufung und Lagerung von Nahrungsmitteln mehr Geld beim Fenster hinauszuwerfen, als zu ihrem Kauf von den ärmsten Entwicklungsländern nötig wäre.

Die wahre Dimension des gegenwärtigen Skandals mit der Landwirtschaft wird durch die Tatsache offenkundig, daß heute, nach 40 Jahren unentwegten Wirtschaftswachstums, auf der ganzen Welt jedes Jahr Menschen verhungern (40.000 Kinder darunter tagtäglich), als in den ganzen 6 Jahren des weltweiten Gemetzels im letzten Krieg umgebracht wurden. Angesichts der Mißwirtschaft unserer Weltökonomie, die es bei all ihrem Wachstum und Fortschritt nicht dazu gebracht hat, ihrem allerersten Zweck gerecht zu werden, i.e. die Befriedigung der elementarsten Grundbedürfnisse der Menschheit sicherzustellen, verliert jedes Gerede von Humanität, Fortschritt, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität seinen Sinn.

Wenn es aber einen Weg aus dieser Sackgasse geben soll, dann muß die Wirtschaft im allgemeinen, die Landwirtschaft aber speziell, ihren Stellenwert innerhalb der Gesellschaft verändern. Dahin zu steuern, muß die Aufgabe einer Agrarpolitik sein. Aber diese Aufgabe muß von der gesamten Gesellschaft als zu deren allgemeinen Nutzen dienend, begriffen, — und die „Experten“ und Agrarpolitiker von den Konsumenten und Laien, die für den Irrsinn der ersten zahlen, unter politischen Druck gesetzt werden. An zwei fundamentalen Tatsachen führt kein Weg vorbei: Gleich allen übrigen Lebewesen höchst bedürftiger Art, sind wir nämlich angewiesen auf (besser wäre: eingewiesen in) die Natur, auch im Sinne einer Abhängigkeit von Lebensmitteln. Ungleich aber allen anderen Lebewesen, müssen wir uns diese Mittel erwirtschaften, denn die Tauben fallen uns nicht in den Mund. Die Frage ist, wie diese Erwirtschaftung der Lebensmittel vor sich geht, wie wir dabei angewiesen sind auf die Natur, was wir dabei als Natur erkennen und welchen Sinn wir ihrer Bewirtschaftung geben.

Wir, die sogenannten Abendländer, sind in der Beantwortung der Frage, was wir unter „Natur“ verstehen, und welchen Sinn wir ihrer Bewirtschaftung geben, bereits einen weiten Weg gegangen, der uns ganz entscheidend von anderen Kulturen separiert, und der das Abendland mit seinen geistesbestimmenden Faktoren, der Wissenschaft und der Technik, heute zur weltweiten Herrschaft geführt hat; zu einer Herrschaft freilich, die in sich schon wieder in ihren Fundamenten zu zerbröckeln beginnt.

Ein entscheidender Schritt zu unserer herrschenden Art der Wirtschaft erfolgte bereits im Hochmittelalter, in der Zeit vom 11. bis zum 13. Jahrhundert, der Zeit der ersten „Europäischen Revolution“. In dieser Epoche wird nicht nur die Kulturlandschaft Europas, wie wir sie heute kennen, in ihren Grundzügen festgelegt, sondern entsteht auch das spezifisch europäische Bauerntum, und wird das Prinzip unserer Landbewirtschaftung geschaffen. Der Mensch will Herr werden über die Natur und erfindet sich zu diesem Zweck seine Mittel. Es ist die Zeit der Einführung der Dreifelderwirtschaft und der großen agrartechnischen Erfindungen. Erstmals werden die Böden mit schweren Eisenpflügen aufgestochen, Sensen und Dreschflegel geschwungen, mechanische Mühlen und Webstühle in Gang gesetzt, die Felder mit Mist und Mergel gedüngt, die Pferde mit Eisen beschlagen und ihre Kraft durch die Erfindung des Kummet wirksam gemacht. Jetzt erst wird der Boden systematisch bewirtschaftet und dabei der Natur technisch rationell zuleibe gerückt, nachdem mit dem Untergang des Römischen Reiches die hohe Kunst des antiken Landbaus in Mitteleuropa ausgestorben war.

Während vor dem 10. Jahrhundert noch die Götter und ihre Stellvertreter auf Erden, — die Fürsten und Könige, für die Fruchtbarkeit des Landes, für segensreichen Regen zur rechten Zeit und milde Lüfte verantwortlich waren und ihre „heilspendende“ Kraft die Erde besamte und alles Gedeihen einzig und allein von ihrer Gnade abhing, machte im 11. und 12. Jahrhundert „kultisch-religiösem“ Verständnis von Erde und Ernte ein „rationales“ Verständnis Platz. Diesem entspricht ein aktives, — um nicht zu sagen gewaltsames, — und technisches Verfahren gegen die Natur, kraft dessen sich der Bauer mehr und mehr als Herr und Schöpfer seiner Produkte, als Produzent begreifen lernt, während die alte Kraft der Götter von der Erde verschwindet.

Gleichzeitig ändert sich an diesem Wendepunkt vom „kultischen“ zum „rationalen“ Verständnis und Verhältnis zur Natur der Begriff der Arbeit. Diese war bis zu jenem Zeitpunkt kein Mittel, um etwas zu erwirtschaften, sondern primär das Ableisten der Buße für seine Sünden! Der Bauer-Arbeiter („laboratores, rusticus, plebeius, popolus, wie er im 11. Jahrhundert heißt) gilt damit als sichtbarer und schändlicher Beweis der menschlichen Schuld („Erbsünde“), die von ihm — stellvertretend für alle — aber im Grunde auch aus eigener Schuld, im Schweiße seines Angesichts gebüßt werden muß. Erst nach dem ersten Jahrtausend der christlichen Geschichte wird die Arbeit bewußt eingesetzt als Mittel, um etwas zu erreichen, um wirtschaftlich „vorwärts zu kommen“.

Und die Natur wird nun nicht mehr „kultisch“ verehrt, ihre Kräfte scheu und furchtsam respektiert, sondern als feindliche Wildnis „kultiviert“: und das heißt jetzt nicht mehr „verehrt“, sondern bearbeitet, bezwungen, gezüchtigt, bezähmt, dienst- und nutzbar gemacht. In diesem systematisch-organisierten Vorgang gegen die „wilde“ Natur verschwinden jetzt, vom 11. bis 13. Jahrhundert an, alle Wildnisse und Urwälder Europas, sie werden „zivilisiert“, und in einer Folge einzigartiger Kraftentfaltung und Arbeitsleistung als „Kulturlandschaft“ nutzbar gemacht. (Die Bevölkerung explodiert von 30 auf 70 Millionen.)

Das „mehr und mehr herausholen“ aus der Natur wird zum obersten Grundsatz aller „Bodenkultur“ und zum Maßstab all ihren Fortschritts. Dieser beschleunigt in der Neuzeit sein Tempo. Nicht nur mehr und mehr aus der Natur herauszuholen, lautet das neuzeitliche Motto aller Ökonomie, sondern darüber hinaus soll dies auch noch in möglichst kurzer Zeit mit großem Effekt geschehen. In möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu produzieren wird die Leitvorstellung der „rationellen Ökonomie“ der Neuzeit. Die Natur wird zum „Gegenstand“, der den Absichten und den Unternehmungen des Menschen zur Verfügung steht, vorhanden ist.

Mit dem Bewußtsein, daß die Natur „für den Menschen da“ sei, denken und handeln wir heute „rationell“, getragen von Wissenschaft und Technik, die in unserem Verhältnis zur Natur und in der Weise ihrer Bewirtschaftung weltbestimmend geworden sind. Heute haben wir die sogenannten „Ökologischen Krisen“. Erschrocken lernen wir mühsam wieder begreifen, daß die Natur nicht einfach als Objekt unseres Wollens und Handelns vorhanden ist, sondern „reaktiv“ auf uns zurückwirkt und uns zwingt, das Prinzip unserer bisherigen Ökonomie neu zu überdenken.

Aber das Denken ist nicht etwas, das wir, wenn wir wollen, so ohne weiteres erneuern, reformieren oder revolutionieren können, wie ein veraltetes technisches Gerät. Die Art, wie ein neues Denken in Gang kommt, hängt mehr von unserer Hör- als von unserer Willenskraft ab und stellt sich überraschend, nicht programmiert ein. Wir müssen wieder auf die Realität hören lernen.

Wir erfahren z.B., daß wir heute bei der Bewirtschaftung des Landes genötigt sind, ein Mehrfaches an Energie und Kraft (Arbeit) wie vor fünfzig Jahren einzusetzen, um dasselbe aus einem Land zu erwirtschaften. Und unsere Art des Erwirtschaftens von Lebensmitteln wird in 20 Jahren unzweifelhaft noch wesentlich kostspieliger sein, mehr Geld und Arbeit und Energie verlangen als bisher. Diese Tatsache zu verschleiern, ihre Realität nicht zur Kenntnis zu nehmen ist heute nur dadurch möglich, daß die Bilanzen unseres Wirtschaftens systematisch verfälscht werden, indem Ausgaben und Einnahmen nicht gegenübergestellt, sondern auf verschiedene Ebenen und Wirtschaftsträger ungleich verteilt werden. So nehmen die einen als „Activa“ ein, was die anderen als „Passiva“ verbuchen müssen. Z.B. wirtschaften die 20-30 Prozent der industrialisierten Landwirtschaften deshalb mit so großem Erfolg und Einnahmen, weil die Lasten und Kosten die Ausgaben den restlichen 70-80 Prozent der ganzen Welt und den nachkommenden Generationen verbucht werden.

So täuscht in unserer Landwirtschaft die unkontrollierbare Auswucherung der Produktion darüber hinweg, daß die Steigerung des Mitteleinsatzes mit dem Ergebnis in keinem proportionalen Verhältnis mehr steht. Während freilich die Agrarpolitiker noch an dieser Tatsache vorbeizuagieren versuchen (um nicht in Gefahr zu kommen, ihre bisherige Denkstube zu verlassen und sich auf neue vorwagen zu müssen), hat sie der einfache Bauer schon längst am eigenen Leib erfahren. Sein Wirtschaftsaufwand wird immer größer und seine wirtschaftliche Überlebensfähigkeit immer kleiner.

Die Kraft und der Mitteleinsatz, die wir zur Niederzwingung und Dienstbarmachung der natürlichen Kräfte benötigen, erreichen heute absurde Dimensionen. Um die „maschinengerecht“ gemachte Landschaft der Po-Ebene zu pflügen, braucht man heute einen doppelt so schweren Traktor wie vor 20 Jahren. Um 1 kal an Nahrungsmittel zu ernten, müssen wir zuvor ein Vielfaches an Energie hineinstecken. Während ein guter chinesischer Reisbauer die kostenlose Sonnenenergie so sorgsam zu „kultivieren“ versteht, daß er das 50-ig fache an Energie als Ernte herausholt, im Verhältnis zu dem, was er an Energie (Arbeit, Kraft, Mitteleinsatz) hineinsteckt. Zur Herstellung von einem Kilo Weißbrot benötigt man in der BRD bereits mehr als 1 l Erdöl. Die 5 Millionen Traktoren der US-Farmer brauchen zur Bestellung der Felder heute mehr Energie (in Form von Diesel) als die gesamte Agrarproduktion der USA an Energie darstellt. Nach offiziellen Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums gehen der Landwirtschaft in den USA als Folge der Wirtschaftsweise seiner Bauern jährlich 1,5 Mio ha fruchtbaren Ackerbodens unwiederbringlich verloren (d.i. die Fläche Belgiens und Luxemburgs zusammen). Dabei werden 45 Mio Tonnen Stickstoff, Kalium und Phosphor weggewaschen. Um diesen Abgang an Nährmitteln zu ersetzen, mußten die Farmer bereits 1976 44,6 Mio Tonnen Handelsdünger (d.h. genau die Menge, die infolge ihrer Wirtschaftsweise jährlich ausgewaschen werden) auf die Felder fahren.

Bei solchem Wirtschaften ist es kein Wunder, daß seit 20 Jahren Woche für Woche zweitausend US-Bauern abhausen und der Schuldenberg des verbleibenden Restes inzwischen auf über 200 Milliarden Dollar (das entspricht der Staatsverschuldung Mexikos und Brasiliens, der „höchstverschuldeten Entwicklungsländer“ zusammengerechnet) angewachsen ist. Und dies trotz jährlicher Staatszuschüsse von 20 Milliarden Dollar!

Dort wo die Landwirtschaft am „weitesten fortschritten“ ist, kann ein Bauer, z.B. aus Kansas, der 1.500 ha fruchtbaren Landes bewirtschaftet, nur mit Mühe und Not wirtschaftlich überleben, während ein japanischer Bauer (wie Macanobu Fukuoka), der sein Land wahrhaft „kultiviert“, sich und seine Familie spielend mit 5 ha ernährt.

Gegen diesen Vergleich wird man aber nun die bekannte ungeheure „Produktivität“ und Leistungsstärke der US-Landwirtschaft, die den gesamten Weltagrarmarkt beherrscht, ins Feld führen wollen. Aber die Leistungsstärke einer Wirtschaft sagt nichts über deren Rentabilität aus! Auch mit den größten Produktions- und Umsatzsteigerungen kann, — wie wir zur Genüge erfahren, — ein Betrieb pleite gehen. Daher erlöst uns der Hinweis auf die Leistungsstärke der industrialisierten, perfekt mechanisierten, höchst rationalisierten Landwirtschaft in keiner Weise von der Frage, um welchen Preis, auf Kosten wessen und wovon diese Leistung erzielt wird und zu welchem Zweck!

Wie absurd eine Wirtschaft wird, die nicht mehr danach fragt, mit welchem Kostenaufwand eine bestimmte Produktion aufrecht zu erhalten überhaupt noch sinnvoll ist, und die sich nicht darum zu kümmern braucht, ob und wozu ihr Produkt überhaupt noch benötigt wird, zeigt die Landwirtschaft der Industriestaaten in groteskem Ausmaß. Hier wird produziert um jeden Preis, um dann das Produkt auf Staatskosten entweder zu vernichten, oder mit höchstem Aufwand in Länder zu schaffen, die ihrerseits dasselbe Produkt mit höchstem Aufwand produzieren, um es dann ebenfalls mit höchsten Kosten im Ausland zu verscherbeln. Ein Beispiel: Österreich, das bei einem Milchüberschuß von über 500.000 Tonnen mit dem größten Aufwand, durch Subventionen ermöglicht, rund 50.000 Tonnen Milchpulver (21.000 Tonnen Vollmilchpulver, 27.500 Tonnen Magermilchpulver) erzeugt und exportiert, kauft seinerseits gleichzeitig 8.000 Tonnen Trockenmilch ein (1984), das selbst mit größtem Aufwand hergestellt und marktgerecht heruntersubventioniert wurde ...

Nirgends zeigt sich der Unsinn der gegenwärtigen Agrarpolitik deutlicher als im Einsatz der öffentlichen Geldmittel, mit denen die Überproduktion, die die Subventionierung erst erforderlich macht, gefördert wird; der Produzent, der am meisten und rücksichtslosesten erzeugt, wird mit öffentlichen Geldern am stärksten unterstützt. Auf diese Weise leistet sich die Landwirtschaft — darin von der Gesellschaft sogar noch gefördert — den Unsinn, mit Hilfe eines irrational hohen Mitteleinsatzes — und unter Zerstörung der eigenen Grundlagen — eine Produktion aufrecht zu erhalten und zu steigern, die vollkommen sinnlos geworden ist. Frankreich, ein Land, das 130 Prozent seines Bedarfs an Milch erzeugt, führt Butter aus Österreich ein und steigert seine Inlandsproduktion; Österreich, das zur Verschleuderung seines Getreides bereits mehr als 2 Milliarden Schilling benötigt, weitet seine Getreideanbauflächen systematisch aus; die EWG erhöht die Rindfleischproduktion bei einem Lager von hunderttausenden Tonnen (1984/5 zwischen 6-700.000 t) praktisch unverkäuflichen Rindfleisches und steigert die Gesamtproduktion, wofür in jedem Haushaltsjahr als „vorbeugende Marktmaßnahme“ Milliardenbeträge (fast 4 Mrd. öS, 550 Mio. DM 1985) zur Verfügung gestellt werden müssen, um schon im Voraus einen Teil der Ernte zur Vernichtung einplanen zu können. Und der Soja-Bauer aus Kansas wird dazu gezwungen, zur Aufrechterhaltung der Steigerung seiner Produktion die einzigen (in Jahrmillionen dort gespeicherten) Grundwasserströme im Laufe einer einzigen Generation zu erschöpfen, auf Kosten der darauf unvermeidbaren Verwüstung des Landes. (Ein ähnlicher Prozeß findet in noch gigantischerem Ausmaß in Brasilien statt.)

Die Beispiele sind symptomatisch für eine Ökonomie, die bereits zur reinen Mißwirtschaft heruntergekommen ist. Eine Richtungsänderung kann nur darin liegen, daß die Ökonomie der Landwirtschaft wieder rationell wird, d.h. dem Wesen der Ökonomie als einem sparsamen Haushaltenkönnen mit seinen Reichtümern und Möglichkeiten entspricht. Dies kann nur dadurch erreicht werden, daß die Kunst des Landbaus (Agrarkultur) gefördert wird, welche im Aufbau der Einheit, des Zusammenhangs zwischen „Ökonomie und Ökologie“, im sorgsamen Pflegen und Kultivieren dieses Zusammenhanges besteht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1986
, Seite 14
Autor/inn/en:

Bernhard Heindl:

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