FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 478/479
Rudolf Burger

Patriotismus und Nation

Bemerkungen zu einem (nicht nur) österreichischen Problem

Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd’ ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt er mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.

Hölderlin: Hyperion

Wenn ein Franzose sagt, er sei Patriot, dann ist er ein Republikaner. Wenn ein Deutscher sagt, er sei Republikaner, dann ist er ein Nationalist. Wenn ein Österreicher sagt, er sei Nationalist, dann ist er — ein Deutschnationaler. Was aber ist dann ein österreichischer Patriot? Ist er tatsächlich jenes aufgeklärte Wesen, das Habermas, ein Bundesdeutscher par excellence, einen »Verfassungspatrioten« nennt? Man sollte es hoffen, doch so richtig glauben kann man es nicht. Denn wer kennt schon wirklich die »Formalverfassung«, vielleicht noch mit all den einfachen Gesetzen in Verfassungsrang? Man müßte Verfassungsjurist sein, um Patriot sein zu können. (Und ob man es dann noch wäre, ist die Frage.) Gäbe man das ganze aber zu ermäßigten Preisen, d.h. reduzierte man die notwendige Zustimmung auf die zentralen Prinzipien der Verfassung, so verlöre der Patriotismus sein Spezifikum: Er fände in praktisch allen westeuropäischen Staaten gleichzeitig das Objekt seiner Identifikation. Ein schöner Gedanke, doch leider noch nicht Realität. Verlangte man aber die emotionale Bindung an die sogenannte »Realverfassung«, so spräche man damit eine Zumutung aus, die an offene Verhöhnung des Patrioten grenzt, denn sie ist es gerade, die seine patriotischen Gefühle verletzt: die Degeneration des Staates zum Kammerstaat, zum Verbändestaat, zum Gewerkschaftsstaat, die legistische Dominanz der Exekutive über die Legislative und die Beherrschung von beiden durch die formaldemokratisch nicht legitimierte Sozialpartnerschaft. So bleibt vom Verfassungspatrioten doch wohl nur der Patriot zurück, und wir finden als Lösung des Problems tautologisch das Problem selbst wieder vor, in seiner ursprünglichen Gestalt: Der Patriot ist der Patriot. Was aber ist der Patriot? Das Problem verschärft sich noch, wenn man es verdeutscht. (Dies kann, nur en passant gesagt, als Spezialfall einer allgemeinen Regel gelten.) Die Frage: »Was ıst der Patriot?« lautete dann: »Wer oder was ist der oder die Vaterlandsliebende?« Einer oder eine, der oder die schlicht das tut, was das Wort verlangt, eben das sogenannte »Vaterland« liebt? Die erfreulichen Wirkungen des Feminismus entheben uns heute zum Glück der Sorge, daß Frauen zum »Vaterland« ein mehr als kühles Verhältnis haben, es sei denn, als heimlichen politischen Inzest, einer skurrilen und vermutlich eher im Niedergang befindlichen Form der Perversion. Aber auch für die meisten Männer — ich rede nota bene immer noch von solchen mit österreichischer Staatsbürgerschaft — hat der Terminus »Vaterland« einen denkbar schlechten, oder, was dasselbe ist, eben einen deutschen und gerade keinen österreichischen Klang. Gut klingt er nur für die schon erwähnten Deutschnationalen; die aber sind es zunächst und vor allem, von denen der österreichische Patriot sich abgrenzt. Er weiß nur zu gut: Wer hier noch »Vaterland« sagt, der deutschelt. Denn für Österreich ist »Vaterland« durch den jämmerlichen Patriotismus der ehemaligen »Vaterländischen« vollkommen desavouiert: »Rot-Weiß-Rot bis in den Tod!« lautete bekanntlich der großspurige Schlachtruf des letzten Kanzlers der Ersten Republik angesichts der nazistischen Bedrohung; einen Tag später betete er kleinlaut »Gott schütze Österreich!«, nahm wie ein Kellner bei Sperrstunde den Hut, überließ das Lokal seinem Schicksal und ging, ohne weitere Scherereien zu machen, ins Exil.

Wie wäre es mit der »Heimat«? Wäre das nicht etwas für den österreichischen Patrioten, zumal seine auch noch streckenweise so schön ist, wie man sagt? Könnte man ihn nicht, und den Patrioten ganz allgemein, egal wo er sich findet, als eine Sozialfigur verstehen, welche die angeblich allen Menschen gemeinsame Liebe zur Heimat aus dem Dämmerlicht des Sentiments zum explizit politischen Programm erhebt? Ist der Patriot also vielleicht einer, der seine Heimat liebt und deshalb sich zu jenem Staat »bekennt« (was immer das wieder heißen mag), der sie gleichsam organisch verkörpert?

Auf den ersten Blick scheint das die natürlichste und ihrerseits unproblematischste, weil harmloseste Lösung des Problems zu sein. Denn Heimat ist doch etwas, was für die meisten Menschen immer schon positiv da ist, als frühkindliche Verortung, oder »Verwurzelung«, wie sie sagen, nicht erst als Indoktrinationsprodukt über ein Spiel von Negationen, durch Ausschlüsse des Anderen, künstlich sich ergibt; kontingent wie das Dasein selber, wäre sie mit diesem gesetzt. Der Begriff meint nur am Rande Soziales und Kulturelles (obwohl noch der letzte Analphabet, der seine Heimat liebt, auf die Leistungen »seiner« Dichter stolz ist), er ist wesentlich territorial definiert, und insoferne er auch Geschichte meint, ist die zutiefst individuell, lebensgeschichtlich vermittelt, er bezieht sich nicht auf die abstrakte Geschichte eines Kollektivs. Daß sein Designatum im Kerne präpolitisch, ja genau besehen privatistisch ist, machte ihn freilich erst recht politisch mobilisierbar. Und daß er immer über sich hinausweist, er eigentlich ein vages Versprechen ist von Geborgenheit und Frieden, erklärte die Sehnsuchtsaura, die ihn umgibt — und damit auch die Liebe als unerfüllte Liebe des Patrioten, der als wahrer Patriot nie genug Patriot sein kann.

Aber weder ist dies eine Lösung, noch wäre sie erfreulich. Als patriotische Parole ist der Begriff »Heimat« nämlich im Innersten vergiftet.

Denn Heimat ist nicht, wie Ernst Bloch im »Prinzip Hoffnung« schreibt, um den Begriff utopistisch zu mobilisieren, das, »was jedem in die Kindheit scheint und wo noch niemand war«, sondern genau umgekehrt: Heimat ist das trügerische Licht der je eigenen Kindheit, das jedem in sein Leben scheint, wo also jeder schon einmal gewesen ist und wohin er nie zurückkehren kann es sei denn um den Preis der Regression. Ein Mann kann nicht wieder zum Kind werden, sagt Marx, außer er wird kindisch. Trügerisch aber ist dies Licht auch deshalb, weil die Regression in die Kindheit die imaginäre Beschwörung eines Zustands ist, den jeder Mensch damals, als er sich real in ihm befand, ja gerade verlassen wollte, weil er ihm unerträglich war: Kein normales Kind will Kind bleiben, es will groß, erwachsen, selber stark und mächtig werden und frei, so wie die Erwachsenen ihm erscheinen. Das kindliche Bewußtsein ist, hegelianisch gesprochen, das »unglückliche Bewußtsein« par excellence, denn es hat seine »Wahrheit außer sich« — in dem erwachsenen Bewußtsein, das es sein wird. Insofern gibt es keine glückliche Kindheit, zumindest nicht in aktu, allenfalls in der verklärenden Erinnerung. Erst später, als Alternder, liebt man sich selbst als Kind, das man gewesen ist nicht so, wie man die Heimat liebt, sondern das ist die Heimat, die man liebt. Kindheit als erinnerte aber wird zusammen mit ihren Requisiten (das Haus, der Ort, die Straße wo man wohnte, die Menschen, mit denen man täglich zu tun hatte: es ist immer das Allernächste, Individuellste, was in der Erinnerung zur »Heimat« wird, bereits der Umzug innerhalb der gleichen Stadt oder von Dorf zu Dorf ist ein Verlust an Heimat und schon der Nachbar hat eine andere), in genau dem Maße virulent, als ihre Hoffnungen enttäuscht worden sind: Als Imago eines Zustands, in dem noch alles offen schien und es noch eine Zukunft gab. Deshalb ist »Heimat«, nicht nur, aber vor allem, eine Regressionsparole armer und alter Leute, immer aber von Leuten, die vom Leben enttäuscht worden sind — und das werden wir tendenziell alle; wenn auch in unterschiedlichem Maße. Glück, sagt Freud, ist die Erfüllung eines Kinderwunsches; aber sowas kommt selten vor, auch in besseren Kreisen.

»Die Geschichte eines beliebigen Lebens ist die Geschichte eines Scheiterns« (J.-P. Sartre) — das gilt individuell, aber das gilt auch für das Leben von Klassen. Der Begriff »Heimat«, der ja zunächst, in vormodernen Zeiten, ganz nüchtern Haus und Hof, den bäuerlichen Besitz bezeichnet (»Das neue Heimat kostet ihm wohl 10.000 Gulden«, lesen wir in den »Erlebnissen eines Schuldenbauers« von Jeremias Gotthelf), erfährt seine Verinnerlichung und Transformation zum ideologischen Konzept, das auch metaphorisch das Alte, Bewährte, Vererbte und Eingesessene beschwört, erst mit der beginnenden Industrialisierung. Jene innere Bewegtheit, mit der er heute ausgesprochen wird, war ihm vorher fremd — er meinte ganz brutal ein Stück Besitz. Als ideologisch aufgeladener ist er, wie der Begriff Nation auch, sehr jungen Datums. Er ist — im Doppelsinn — eine romantische Entdeckung, die in dem historischen Augenblick gemacht wird, da das Entdeckte aufhört, etwas fraglos Gegebenes zu sein. (Im übrigen eine spezifische Entdeckung der deutschen Romantik. Weshalb er mit all seinen sentimentalen Valenzen in andere Sprachen kaum übersetzbar ist.) Die tränenreiche »Heimat« ist eine Reaktion auf das, was Georg Lukács die »transzendentale Obdachlosigkeit« des Menschen in der industriekapitalistischen Ära genannt hat, nichts Vormodernes, sondern ein Schatten der Moderne selber. Als modern — antimoderner wird der Begriff auch seine nostalgisch ruralen Konnotationen nicht los — »Heimatstadt« ist ein Oxymoron, zumindest wenn es sich um eine Großstadt handelt. Robert Musil hat deshalb unrecht, wenn er sagt, der Begriff »Heimat« stamme »aus einer Zeit, da die Menschen noch aus einem Trog fraßen.« Er stammt vielmehr aus einer Zeit, da man den Menschen den alten Trog wegnahm und sie zwang, jeder für sich, aus einem neuen Trog zu fressen — als Sehnsucht nach dem alten Trog. (Analoges gilt von der »kulturellen Identität«, dem nur scheinbar ethnologisch auf- und abgeklärten Nachfolgebegriff der Heimat.)

»Heimat« ist also ein ins Positive umgelogener Trennungsbegriff, »Heimat« ist immer die Heimat derer, die eine verloren zu haben glauben; »Heimat« ist eine leicht weinerliche Verlustanzeige.

Als solche für den wahren Patrioten allein nicht wirklich zu gebrauchen. Gewiß: Auch er hat immer eine »Heimat«, doch politisch ist sie ihm stets zu klein, denn sie ist privatistisch und implosiv, nicht explosiv, wie das »Vaterland«. Es fehlt ihr die Würde des beispielhaft Konkreten, das im Individuellen des einzelnen Staates das prinzipiell Universelle verheißt.

Wenn es also nicht die Verfassung ist, deren emphatische Affirmation den Patrioten ausmacht, nicht das Vaterland und nicht die Heimat, dann ist es doch wohl — die Nation. Zwar gehört es zu den gängigen Phrasen politischer Rhetorik, den Patrioten vom Nationalisten fein säuberlich zu unterscheiden, doch handelt es sich dabei nur um verschiedene Grade der Identifikation, um variable Intensitäten patriotischer Leidenschaft, um verschiedene Quantitäten des Gleichen, nicht um unterschiedliche Qualitäten: Das Objekt der Verehrung ist immer die Nation. Das wird gerade am Austropatrioten deutlich, der, um einer werden zu können, seine Nation erst definieren mußte, und zwar vor allem in Abgrenzung zur deutschen, nach Maßgabe staatspolitischer Opportunität; denn er fand den Begriff historisch zunächst in seiner deutschtümelnden Variante vor. Erst in schroffer und reichlich später Absetzung von dieser entstand der Begriff einer österreichischen Nation: Wenn, nach einem berühmten Wort von Helmuth Plessner, Deutschland eine »verspätete Nation« ist, dann ist Österreich eine verspätete Nation zum Quadrat. Denn das alte Österreich legitimierte als letzter Staat in Europa sich dynastisch, nicht national. Wie schwer und widersprüchlich die Austrofizierung des Nationsbegriffs gewesen ist, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die nationalpolitische Kehre der österreichischen Sozialdemokratie zwischen Erster und Zweiter Republik.

Wenn heute etwa ein deutschnationaler Rechtsaußen wie Jörg Haider die österreichische Nation zur Mißgeburt erklärt, dann sind sich natürlich alle österreichischen Patrioten in ihrer Empörung einig — dies aber nicht, weil er, wie sie den Eindruck zu erwecken trachten und es vielleicht sogar selber glauben, ein spezifisch österreichisches Erbe verriete, sondern im Gegenteil: weil er daran festhält! Denn er könnte sich nicht nur auf Karl Renners berüchtigtes »Ja« zum Anschluß an Nazideutschland berufen, sondern in diesem Punkt auch auf Otto Bauer, den großen Demagogen des Austromarxismus, der noch in seinem »Politischen Testament« von 1938 geschrieben hat:

Die Kommunisten ... haben nach der Annexion ... nicht gezögert ..., die Losreißung Österreichs vom Reiche, die Wiederherstellung eines unabhängigen Österreich als Kampfziel zu proklamieren. Die Sozialisten ... haben der irredentistisch-separatistischen Losung der besiegten Vaterländischen die gesamtdeutsch-revolutionäre Losung entgegengestellt;

— auf den gleichen Otto Bauer, der in »Der Kampf« vom Jänner 1937 gegen die Idee einer österreichischen Nation höhnisch vom »Spuk eines aus Katholizismus, Habsburgertradition und feudaler Barockkultur zusammengebrauten österreichischen Menschen« gesprochen hat.

Abgesehen davon, daß einerseits unklar bleibt, was an diesem Spuk so viel schlimmer sein soll als an einem — um in den dummen Clichés zu bleiben — aus Protestantismus, verschwitzter Machermentalität und perennierender Wiederaufbaumisere zusammengebrauten deutschen Menschen, ist vor allem andererseits nicht einzusehen, warum diese These, so sie denn jemals richtig war, 1945 auf einmal falsch geworden sein soll, ausgerechnet in dem Augenblick, da der Nazismus militärisch zusammengebrochen war, die westlichen Siegermächte sich anschickten, zumindest in dem von ihnen besetzten Teil Deutschlands eine funktionierende parlamentarische Demokratie zu installieren und den deutschen Menschen dafür umzuerziehen. Genau das aber war, bzw. wurde der Fall: Seit 1945 gibt es als offizielle Staatsideologie eine österreichische Nation, und wie alle empirischen Erhebungen zeigen, wird das von denen, die ihr zugerechnet werden, auch zunehmend geglaubt, bzw. gewußt, d.h. das sogenannte »österreichische Nationalbewußtsein« erfuhr eine rapide Entwicklung. Heute erscheint es als weitgehend stabilisiert und krisenresistent. Die Österreicher »bekennen« sich zu »ihrer« Nation und daher gibt es sie auch.

Tatsächlich ging die Entwicklung so rasch vor sich, daß sie in ein paar Jahrzehnten viele Jahrhunderte zurückgelegt hat, ein Phänomen, das man im Anklang an die physikalische Relativitätstheorie die »nationalistische Zeitdilatation« nennen könnte: 1996 werden es nicht 50, sondern 1000 Jahre sein, daß die österreichische Nation existiert. Der Name Ostarrichi ist für 996 erstmals urkundlich nachgewiesen — auf einem Dokument aus der Zeit Ottos III., das heute pikanterweise in München liegt. Die Doppelfeier 1995/96 — 50 Jahre Zweite Republik, 1000 Jahre Österreich — ist also von abgründiger Ironie: Denn in diesen 50 Jahren ist die 1000jährige Nation entstanden!

Da bleiben natürlich Fragen offen, Fragen, in denen die Deutschnationalen genüßlich bohren. Was ist die differentia specifica der österreichischen Nation, insbesondere zur deutschen? Definiert sie sich nur aus einem Spiel von Distinktionen und Differenzen, oder hat sie einen aufweisbaren positiven Inhalt? Was ist überhaupt eine Nation? Eine Nation existiert, wenn eine gewisse, aber unbestimmte Zahl von Leuten sagt, daß sie existiert und sie sich wechselseitig, nach welchen Kriterien immer, ihre Zugehörigkeit attestieren; eine Staatsnation existiert, wenn die Staatsbürger sich zu ihr »bekennen«. Aber was heißt »bekennen«? Ist das ein Entscheidungsvorgang, ein empirisches Urteil oder ein performativer Akt? Was ist eine Nation? Wird sie gefunden? Wird sie gemacht?

Eine Nation vom gefundenen Typus wäre z.B. die »Sprachnation« — die geographischen Grenzen einer Nation fielen dann mit den geographischen Grenzen eines Sprachgebiets zusammen, zumindest mit denen der Mehrheitssprache, und diese wiederum mit den legitimen, weil natürlichen, Grenzen des Staates. Abgesehen davon, daß man sich damit in eine offene Diallele begibt — denn die genormte Nationalsprache, die zur Definition herangezogen wird, wurde historisch erst mit dem Zentralstaat administrativ durchgesetzt, wodurch wiederum erst die Dialekte als Dialekte entstanden —, war die Idee einer Sprachnation schon zu Zeiten Fichtes, der sie prominent und folgenreich vertreten hat, um das Mindeste zu sagen — spleenig. Denn nicht nur hatte man die politisch selbständige, überwiegend, aber nicht ausschließlich, deutschsprachige Schweiz vor Augen, die sich durchaus auch damals schon als eigene Nation begriff, sondern zur Zeit der »Reden an die deutsche Nation« (1807/08) lag die Unabhängigkeitserklärung der englischsprachigen amerikanischen Nation als Nation immerhin schon 30 Jahre zurück (1776). Zur Definition einer österreichischen Nation ist der Begriff natürlich überhaupt nicht zu gebrauchen, im Gegenteil, er steht ihr im Wege — es sei denn, man erinnerte sich der Worte von Karl Kraus: »Nichts unterscheidet die Österreicher und die Deutschen so sehr wie ihre gemeinsame Sprache ...«. Selbstverständlich ist ein multilingualer Staat politisch instabil, schon aus verwaltungstechnischen Gründen. Aber umgekehrt können mehrere Staaten sich ein Sprachgebiet teilen. Mit »Nation« hat das zunächst einmal gar nichts zu tun.

Um die »Kulturnation« ist es eher noch schlechter bestellt. Zunächst hat man auch mit diesem Begriff, der kein Begriff ist, sondern ein Subventionsansuchen, jahrzehntelang die Nichtexistenz einer eigenständigen österreichischen Nation bewiesen und sie aufgelöst in der deutschen (so z.B., unter Verwendung auch sprachphilosophischer Elemente, der wohl größte österreichische Schriftsteller dieses Jahrhunderts, Robert Musil, in seinem Essay: »Die Nation als Idee und Wirklichkeit« von 1921), wohingegen er heute im Gegenzug — ironischerweise bei zunehmendem Einfluß von deutschen Medien und Verlagen auf das österreichische Kulturleben — der Abgrenzung von Deutschland dient und dazu, sich selbst provinziell auf die eigene Schulter zu klopfen. Sieht man moderne Industriestaaten sich jedoch näher an und läßt man von Sentimentalitäten sich nicht den Blick verkleben, so bleibt als erkennbare Kulturdifferenz allenfalls der Unterschied im Gehabe der Volkstanzgruppen und der staatssubventionierten Folklore: nichts ist heute synthetischer als die angeblich organisch gewachsene Nationalkultur und das sogenannte »Brauchtum«, das niemand braucht; außer Bürgermeister in Fremdenverkehrsgemeinden.

So ist wohl der tatsächlich in der politischen Rhetorik am wirkungsvollsten verwendete, gewissermaßen »ontologische« Nationsbegriff jener, den wiederum Otto Bauer formuliert hat:

Nation ist die aus einer Schicksalsgemeinschaft erwachsene Charaktergemeinschaft.

Der suggestive Dogmatismus dieser Formel, gepaart mit pathetischem Schwulst, der aus der scheinpräzisen Verwendung nebulöser Termini resultiert, macht sie für politische Demagogie ideal geeignet. Mit dieser Rahmendefinition läßt sich nämlich jede beliebige, nur einigermaßen identifizierbare soziale Entität zur Nation erklären, der historische und psychologische Füllstoff findet sich immer für die zu Vorurteilen verfestigten Clichés. So hat man mit ihrer Hilfe einst die Eigenständigkeit einer österreichischen Nation bestritten und gegen das Anschlußverbot der Siegermächte vom September 1919 jahrelang agitiert, wie man heute mit ihr eben diese Eigenständigkeit zu begründen sucht und sich gleichzeitig anschickt, sie auf »Europa« umzulegen; vor allem hier in Mitteleuropa, wo Europa am mittelsten ist.

Nicht nur ist »Politik das Schicksal« (Napoleon), sondern das Schicksal ist Politik: Daß Österreich nach 1945 zur Nation, der Staat zum Nationalstaat avançierte, verdankt sie nicht der späten Erweckung eines seit Jahrhunderten schlummernden, im Schoße der Geschichte gewachsenen Potentials, einer lange herangereiften, nun endlich zum staatlichen Durchbruch gekommenen »Charaktergemeinschaft«, sondern einem administrativ-politischen Akt von außen, einer Dezision der Alliierten, die bezüglich St. Germain nur ein Beharrungsbeschluß war: Der Moskauer Deklaration vom 1. November 1943, welche die Wiedererrichtung eines unabhängigen österreichischen Staates in den Grenzen von vor 1938 zum offiziellen Kriegsziel erklärte. Hätte diese Deklaration, was durchaus plausibel und im Interesse eines künftigen wirtschaftlichen und militärischen Gleichgewichts in Europa vermutlich sogar vernünftiger gewesen wäre, die Zerschlagung des Deutschen Reiches in ein protestantisches Norddeutschland und ein katholisches Süddeutschland (unter Einschluß Österreichs) vorgesehen (diese Variante wurde von Churchill und Stalin unter Aufnahme eines älteren französischen Wunsches ja auch diskutiert), so sähe das heimische Nationalgefühl heute ganz anders aus; aber es gäbe sich ebenso überzeugende charakterologische Gründe.

Es ist nicht nur Sarkasmus, sondern soziologisch durchaus ernst gemeint (ich führe hier schließlich keine Polemik), wenn ich sage, daß die Bauersche Formel von der Charaktergemeinschaft aus Schicksalsgemeinschaft, wenn überhaupt irgendetwas, präzise nur eines definiert: nämlich die mittelständische Kleinfamilie. Tatsächlich hat jede Nation als Nation kleinbürgerliche Züge an sich — sie ist auftrumpfend, selbstverliebt, dabei unsicher im Benehmen und hat meistens ein gespanntes Verhältnis zum Nachbarn.

Ex negativo läßt sich aus diesem Streifzug eines lernen: Nämlich daß jeder substanzialistische Nationsbegriff theoretisch verfehlt ist, nicht obwohl, sondern gerade weil die Substanzialisierung sein praktisch-politisches Ziel ist. Jede Nation ist die mit selektiv historisierenden Mitteln betriebene, interessierte Pathetisierung und emotive Aufladung einer existierenden oder angestrebten souveränen politischen Großorganisation, eine mythisierende Pathosformel für den Staat selber; und jede empirische Feststellung eines »Nationalbewußtseins« testet nur die Wirkung einer Propaganda: Jede Nation ist Indoktrination — das gilt für die französische wie für die ukrainische, für die österreichische wie für die deutsche, für die italienische wie für die abchasische.

Am schönsten läßt sich das zeigen, wenn man das Problem ein wenig exotisiert und mit Immanuel Wallerstein die Frage stellt: Sind die Sahrouis eine Nation? Nun, das kommt darauf an, wer den Krieg gewinnt. Gewinnt ihn Hassan II. oder einer seiner Nachfolger, so wird es diese Nation nicht geben und niemals gegeben haben. Die Marokkaner werden sagen, daß die in der ehemaligen Kolonie Spanisch-Sahara lebenden Menschen immer Teil der marokkanischen Nation gewesen seien. Gewinnt ihn aber die Polisario, so wird es nicht nur eine sahrouische Nation geben, sondern es wird seit vielleicht tausend Jahren eine sahrouische Nation gegeben haben! Auch die kurdische Nation wird es heute schon gegeben haben, wenn es sie in Zukunft einmal gibt, d.h. wenn der PKK die Sezession von Ankara gelingt. Sonst werden die Kurden immer gewesen sein, was sie auch dann noch sein werden: Bergtürken. Die Nation eines werdenden Staates ist keine Substanz, sondern ein politisches futurum exactum — nicht nur hinten in der Türkei: Erst im 19. Jahrhundert, nach den antinapoleonischen Befreiungskriegen, verstärkt nach dem Wiener Kongreß aber noch vor Bismarck, gab es bis 1806 ein Heiliges Römisches Reich deutscher Nation; vor 1806 gab es nur ein Heiliges Römisches Reich. Und seit noch nicht einmal fünfzig Jahren gibt es ein tausendjähriges Österreich ...

»Die Geschichte der Nationen«, schreibt Etienne Balibar, »liegt uns immer schon in Form eines Berichts vor, der ihnen die Kontinuität eines fortlaufenden Handlungsstrangs verleiht«.

Dieser Bericht ist immer Erzählung und Konstruktion zugleich, mit ihm wird eine Geschichte, ein historischer Traditionszusammenhang einer kollektiven Identität und damit ein Sinnhorizont geschaffen, der das Denken und Handeln der in einem Staat nur formal und äußerlich zusammengefaßten Individuen überwölbt. Diese zeitliche Dimensionierung schafft eine Genealogie, macht aus der Menge der Individuen das »Volk« und bindet ihre Freiheit an das Verpflichtungssystem der »Nation« — und damit des Staates. Nicht der Staat hält die Nation zusammen, sondern die Nation den Staat — aber sie bezieht von ihm Motiv und Ressourcen. (Selbstverständlich ist es politisch folgenreich, nach welchen Prinzipien der jeweilige Nationsbegriff konstruiert ist und welcher Gründungsmythos die Konstruktion fundiert bzw. welcher dominant ist: der Mythos der Revolution, der Eroberung oder des Opfers. Letzterer dürfte der in Zukunft wichtigste und gefährlichste sein — alle größeren Kollektivbewegungen der letzten Zeit haben sich über Viktimisierungsphantasmen konstituiert, was übrigens als heimliche Reverenz an den moralischen Universalismus zu deuten ist: das Opfer hat immer recht! Hier aber steht die Konstruktivität selbst zur Debatte, nicht der spezifische Modus der Konstruktion, der jener gegenüber natürlich logisch sekundär ist.)

Es ist nicht trivial, zu sagen, das Vergangene, welches das Wesen der Nation ausmacht, existiere nur als Geschichte, versteht man das Wort »Geschichte« im literarischen Sinn. Denn dann erst wird deutlich, daß das Vergangene immer ein moralisches, ein politisches, also ein gegenwärtiges Phänomen ist: Das Vergangene ist als Geschichte ein politischer Modus der Gegenwart. Jede Gegenwart begreift sich über die Geschichte, die ihrerseits von ihr definiert wird. Daher ist die Gegenwart nur in jenem Maß Resultat der Geschichte, wie die Geschichte Resultat der Gegenwart ist: Die Staatsnation ist ein hermeneutischer Zirkel. Zugleich ist sie »Ideologie« in des Wortes prägnanter Bedeutung: notwendig falsches Bewußtsein; notwendig, um das formale Gerüst des Staates zu kitten und den Menschen eine präjuristische Zugehörigkeit zu suggerieren — sie müssen schließlich mitspielen; falsch, weil es das nicht gibt, woran es glaubt, im Sinne einer Korrespondenztheorie von Wahrheit — vielmehr ist der Glaube selbst die ganze Realität, freilich eine oft sehr massive. Die historistisch-nationalistische Propaganda (zu der, nota bene, schon die »Staatsbürgerkunde« zu zählen ist und die immer zur »politischen Bildung« gehört) ist daher nicht Mitteilung und massenwirksame Verbreitung einer empirischen historischen Erkenntnis, sondern ein persuasiver Sprechakt, der zu einem kollektiven performativen Sprechakt einlädt, welcher seinerseits eine gemeinsame Geschichte als gegenwärtiges Bewußtseinsphänomen entstehen läßt. Die Propaganda tritt jedoch notwendig in Gestalt historischer Erkenntnis auf, um sich als Propaganda zu verleugnen: Deshalb die Wichtigkeit der Lehrkanzeln für Geschichte im modernen laizistischen Verwaltungsstaat, denn nur sie sind letztlich legitimiert, den Staat historisierend als Nation zu legitimieren. Nicht die Philosophie ist das Säkularisat der Theologie, sondern die Wissenschaft von der Geschichte.

Wie Ernest Gellner in »Nationalismus und Moderne« zeigt, ist der Nationalismus mit dem modernen, industriekapitalistischen Flächenstaat, der die traditionalen Herrschaftsformen ablöst und der wesentlich ein symbolisch vermittelter, territorial homogenisierter, traditionsloser Funktionszusammenhang ist, historisch gleichzeitig und notwendig mit ihm verbunden. Gerade weil die Strukturen und Funktionsmechanismen des Staates in der bürgerlichen Gesellschaft wie diese selbst ahistorisch, nicht an traditionale Sinn- und Autoritätssysteme gebunden sind, sondern den Imperativen einer verallgemeinerten Ökonomie, letztlich dem anonymen Äquivalenzprinzip der bürgerlichen Gesellschaft gehorchen, gibt er sich (über seine ideologischen Apparate und Agenten) eine aparte Geschichte, um sich als »Nation« zu stabilisieren. Mit dem narrativen Konstrukt der Nationalgeschichte errichtet er ein politisches Verpflichtungssystem, das die reine Ökonomie transzendiert und die Gesellschaft moralisch verstaatlicht. Er wirkt damit der Dekomposition und Anomie entgegen, zu denen die bürgerliche Gesellschaft von sich aus tendiert.

Deshalb ist der Historismus ein zutiefst bürgerliches Phänomen, ein Reflexionsphänomen, das traditionale Gesellschaften nicht kannten; und deshalb erwacht der Nationalismus, der immer eine Form des Historismus ist, wo Traditionen zerbrechen und Staaten entstehen; oder zerfallen, bedroht, gedemütigt werden. Er schlummert, wo der Staat eine ruhige Selbstverständlichkeit ist und von innen und außen fraglos anerkannt wird. Und der Patriot? Der Patriot ist der Nationalist in ruhigen Zeiten, der Nationalist der Patriot in bewegten.

Vortrag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Symposium »Staat, Nation, Gesellschaft« der Internationalen Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft in Wien, am 25./26. März 1993.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1993
, Seite 49
Autor/inn/en:

Rudolf Burger:

Rudolf Burger wurde am 8. Dezember 1938 in Wien geboren. Er absolvierte ein Physik-Studium an der Technischen Universität Wien und arbeitete anschließend als Assistent am Institut für angewandte Physik (wo er 1965 promovierte) sowie am Ludwig-Boltzmann-Institut für Festkörperphysik und im Bereich der Forschungsplanung am Battelle-Institut in Frankfurt/Main.
Ende der 1960er Jahre war Burger außerdem im Planungsstab des deutschen Wissenschaftsministeriums in Bonn tätig. Von 1973 bis 1990 leitete er die Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium in Wien. 1979 habilitierte sich Burger für Wissenschaftssoziologie. 1987 kam er als Professor an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wo er 1991 Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie wurde. Von 1995 bis 1999 war Rudolf Burger Rektor der Universität für Angewandte Kunst; 2007 wurde er emeritiert.

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