FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 176-177
Milan Machovec

Panzersozialismus

Machovec, Professor für Philosophie an der Karls-Universität, ist Gründungsmitglied unseres Internationalen Komitees für den Dialog, Initiator des Dialogs in der ČSSR.

An meine Freunde, zugleich auch an alle anderen Universitätskollegen, Wissenschafter und Studenten der ganzen Welt.

Meine Freunde, Sie kennen mich aus vielen Konferenzen und Vorträgen in allen Teilen Europas als einen unter mehreren tschechoslowakischen Philosophen, die wir uns nicht ganz erfolglos bemüht haben, dem Sozialismus ein „menschliches Gesicht“ auf dem Boden der marxistischen Theorie zu geben. Ich persönlich arbeitete vor allem auf dem Gebiet des hoffnungsvoll keimenden Dialogs zwischen den marxistischen Atheisten und den Gläubigen — und will auch weiter da arbeiten.

Ich kenne die Situation in meiner Heimat und kann Ihnen, besonders den linksorientierten und marxistischen Kollegen, verehrte Freunde, mein Ehrenwort geben, daß es in der Tschechoslowakei vor der sowjetischen Aggression weder eine „Konterrevolution“ noch einen „Antisozialismus‘‘ gab, sondern daß die absolute Mehrheit der Bevölkerung begeistert war für den Sozialismus, für Humanisierung und Demokratisierung auf den sozialistischen ökonomischen und politischen Grundlagen, für Alexander Dubček als den führenden Erneuerer der humanistischen Prinzipien der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei.

Was die offizielle DDR-Propaganda in den letzten Wochen vor der sowjetischen Aggression — schändlich und dumm zugleich — „schleichende Konterrevolution“ nannte, das waren umgekehrt Symptome dafür, wie sich die Autorität der humanistisch erneuerten Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei von Woche zu Woche in den Augen aller Öffentlichkeit festigte; das waren Symptome dafür, daß wir den Sozialismus jetzt nicht nur als Angelegenheit der Macht, nicht nur als Angelegenheit des sozialen Wohls der Arbeiter, sondern auch der moralischen und geistigen Werte aufzufassen begannen.

In Frieden und verantwortlicher Freundschaft zu anderen sozialistischen Staaten, vor allem zur Sowjetunion, verwirklichten wir Werte wie Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, strenges Beachten der humanistischen Gesetze, innere Wahrhaftigkeit, menschenwürdige gewaltlose Mittel zur Lösung der Meinungsverschiedenheiten. So wuchs von Woche zu Woche das Glück freier sozialistischer Menschen, die nicht mehr die Lügen oder Halbwahrheiten, nicht mehr nichtssagende propagandistische Phrasen für „Wahrheit“ öffentlich ausgeben mußten.

So haben wir Aufgaben, wie sie schon Karl Marx für die sozialistische Bewegung bestimmte, zu verwirklichen begonnen, im Einklang mit der alten demokratischen Tradition unseres Landes — wir wollten niemandem unsere Wege aufzwingen.

Ich wende mich deswegen an alle Kollegen mit folgenden Bitten:

  1. Aufs tiefste im Herzen leidend mit meinem blutenden Volk, bitte ich Sie als tschechoslowakischer Patriot, die abscheuliche Gewalttat der Okkupation nicht mit dem Kommunismus zu identifizieren. Ich bitte alles das, was jetzt geschieht, zum Beispiel die Verschleppung der besten tschechoslowakischen Menschen, nicht als Schuld der belogenen sowjetischen und anderen Staatsbürger zu betrachten.

    Es ist die häßliche Schuld nur jener kleinen Gruppe der jetzigen Machthaber, welche die Leninschen Ideale des Internationalismus entstellt und so den Marxismus kompromittiert haben — zum Nutzen der Reaktionäre der ganzen Welt, zur Freude von Faschisten und Kolonialisten.

    Falls jene Gruppe diesen Fehler nicht schnell korrigiert, wird sie auf der Anklagebank der Geschichte ihr Ende nehmen wie Jagoda, Berija usw. — aber wie viele Millionen Unschuldiger werden inzwischen leiden müssen?

    Ich bitte alle Kollegen und Freunde, mittels aller möglichen Wege (z.B. durch Kontakte mit den sowjetischen Wissenschaftern und Schriftstellern) die Wahrheit über die Tschechoslowakei nach Moskau zu bringen: die „Meister der Kultur“ — wie Maxim Gorki sie ansprach müssen informiert werden, dürfen nicht schweigen, müssen um jeden Preis den Weg zu den Abgeordneten des Obersten Sowjets finden. Der Oberste Sowjet der UdSSR kann noch etwas von der Ehre des Landes Lenins retten, den tragischen Fehlschlag der Abenteurergruppe korrigieren!

    Dies ist meiner Meinung nach der wichtigste Weg, wie alle ehrlichen Menschen der Welt auf friedliche Weise unserem blutenden Volk und vor allem dem Fortschritt, ja der Rettung der Menschheit vor der Katastrophe des dritten Weltkrieges dienen können.

    Gelingt es nicht, wird die Sowjetunion für lange Jahrzehnte als unberechenbar terroristischer Staat zum Schreckgespenst nicht nur für die ehrlichen Nichtkommunisten, sondern auch für die so gelähmten Kommunisten, umgekehrt für die schlimmsten imperialistischen Kreise eine willkommene Begründung der Machtpolitik, des Ausbeutens der kleineren Völker, der bis zur Absurdität steigenden Waffenproduktion. Die sowjetische Okkupation der Tschechoslowakei ist zugleich ein heimtückischer Schlag in den Rücken der südamerikanischen und anderer sozialer Befreiungsbewegungen.

  2. Was die mögliche Hilfe aus dem sogenannten Westen und aus der sogenannten Dritten Welt betrifft, will unser kleines Volk sogar in Ketten seine Würde bewahren: nicht jeden bitten wir um Hilfe. Das Volk von Hus und Masaryk, welches seine epochegemäße Aufgabe angenommen hat, das Ideal des Sozialismus (als einer sozialen Gerechtigkeit für alle ehrlich Arbeitenden) mit der Idee des Humanismus (als Summe aller geistigen und moralischen Werte) zu verbinden, bittet nicht diejenigen um Hilfe, welche sich wie die jetzigen sowjetischen Machthaber anderswo in der Welt gegen kleine Nationen schuldig machen: nicht solche Kreise, welche den Sozialismus und revolutionäre Bewegungen prinzipiell hassen; sondern wir wenden uns an alle Kommunisten und Sozialisten in allen fünf Kontinenten, weiters an die fortschrittlichen Demokraten und Humanisten.

    Wir bitten: Dulden Sie nicht die nun so billige Stärkung der blind antikommunistischen Welle! Unterscheiden Sie tiefer, prüfen Sie jetzt zum Beispiel in Amerika Ihre Asienpolitik nach!

    Und wenn wir Tschechen und Slowaken vielleicht jetzt in Tausenden für das Ideal des humanistischen Sozialismus und der Befreiung aller Menschen sterben müssen, nehmen Sie eben deswegen diese Ideale als Ihre Aufgabe an!

    Denn letzten Endes gibt es für die Menschheit kein anderes allgemein akzeptables Programm als das Programm des humanistischen Sozialismus mit Respekt gegenüber den nationalen Unterschieden: alles andere ist nur organisierter Egoismus oder organisierte Barbarei.

  3. Was die Lage in der Tschechoslowakei betrifft, bleiben wir unerschüttert: wir stehen fest hinter unseren legal gewählten Organen. Es ist freilich möglich, daß die Aggressoren in künftigen Tagen eine Handvoll Kollaborateure finden werden — gewisse amoralische Elemente könnte doch jeder Aggressor immer und überall finden. Aber ich bin fest überzeugt, daß es bei uns nur sehr wenige solcher Individuen geben wird, welchen dann unsere Kommunisten und das ganze Volk keinen Glauben schenken werden und welche aus Angst vor der gerechten Strafe den Mut nicht finden werden, aus den sowjetischen Panzern auszusteigen.

    Glauben Sie den Okkupanten kein einziges Wort! Glauben Sie nicht, wenn die Okkupanten in künftigen Tagen vielleicht mit Erfolg gewisse bisher als ehrlich bekannte tschechoslowakische Politiker zwingen werden zu gewissen Selbstanklagen und Zugeständnissen: gewisse Methoden der sowjetischen „Justiz“ sind jetzt allgemein gut bekannt (durch die Sowjetunion selbst seit dem XX. Parteitag vor die Öffentlichkeit gebracht) — leider haben wir uns getäuscht, als wir glaubten, daß so etwas seit dem XX. Parteitag 1956 der Vergangenheit angehört.

    Der Unterschied steckt nur darin, daß damals in den Monsterprozessen die einzelnen Menschen, jetzt jedoch ein ganzes Land gezwungen werden soll zu der Selbstanklage einer angeblichen, phantastischen „Konterrevolution“ und zur Dankbarkeit gegenüber den „brüderlichen Befreiern“ — das heißt zu den zugleich mordenden Aggressoren.

    So schrecklich hat schöne Ideale wahrscheinlich noch niemand kompromittiert. Darf die kommunistische Bewegung so etwas dulden? Nein — falls sie den Sinn des Marxismus und sich selbst nicht ganz verraten möchte.

    Es gibt für die Sowjetunion nur eine einzige Lösung: das tapfere Zugeständnis des Irrtums, das Korrigieren des Fehlers, den möglichst schnellen Abzug der Okkupationstruppen. Der Versuch jeder anderen Lösung müßte die Sowjetunion früher oder später an den Rand der Katastrophe bringen.

    Der humanistische Sozialismus hat eine Schlacht verloren, aber nicht den endgültigen Sieg. Zum Abc des Leninismus gehört: der Sozialismus kann nur Angelegenheit der freien Menschen, der freien Nationen sein. Vertauscht man ihn mit dem exportierten Panzersozialismus für versklavte Vasallenländer, ist alles entstellt und kompromittiert.

    Ich bin in dieser tragischen Stunde unserer Geschichte stolz auf unsere Studenten und jungen Arbeiter in Prag, welche mit den Aggressoren nie zusammenarbeiten werden. Gewaltloser Widerstand, Nonkooperation, fester Glaube an die Wahrheit — das sind jetzt die Waffen dieser tschechoslowakischen Arbeiter und der sozialistischen und kommunistischen Intelligenz.

    Da, in diesen mutigen jungen Herzen, wird der Kommunismus geboren, vor dem jeder beliebige Imperialismus, alle revisionistische Taktik und Machtmittel kapitulieren werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1968
, Seite 520
Autor/inn/en:

Milan Machovec: Geboren 1923 in Prag, ist seit 1948 Doktor der Philosophie, seit 1953 Professor für Philosophie an der Karls-Universität. Ebendort Gründer und Leiter des Seminars für Geschichte der Religion und des Atheismus, wo seit 1964 Marxisten und Theologen zusammenarbeiten, Redaktionsmitglied der „Filosofický časopis“ („Philosophische Zeitschrift“), Prag. — Werke: über Jan Hus (1953), Schwärmer- und Ketzergeschichte (1960), Franz Palacký (1961), Katholische und protestantische Theologie sowie aktuelle Probleme der Moral (1962), über ökumenischen Katholizismus und die Möglichkeit, Hus vom katholischen Standpunkt zu rehabilitieren (1963), Josef Dobrovski (1964), über den Sinn des menschlichen Lebens (erstmals 1957, völlige Neubearbeitung 1965). In Vorbereitung ist ein Buch über Augustinus sowie über T. G. Masaryk.

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