FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 452-454
Friederice Beyer • John Bunzl • Wolfgang Neugebauer • Anton Pelinka • Karl Pfeifer

Palästinenser &/oder Juden

Friederice Beyers „Die Antisemiten sind die Israelis“ hat, gemeinsam mit Karl Pfeifers „Friede oder Realitätsflucht“ im vorigen Heft, jene produktive Erregung ausgelöst, der wir die wildesten Diskussionen danken: hier ist sie, mehr im nächsten Heft.

Zudummheiten

„Friederice Beyer“ zitiert mich in einem Zusammenhang, in dem ich ganz gewiß nicht genannt werden will. Sie (?) verwendet in diesem Artikel eine Methode, die zumindest irreführend ist — sie schreibt ein zunächst korrekt wiedergegebenes Zitat in einem Sinn weiter, der meinen Ausführungen keinesfalls unterschoben werden darf, und setzt diese (Um)Interpretation unter Anführungszeichen.

Insgesamt ist der Artikel zu dumm, um als Provokation gewertet zu werden. Wer auch immer schreibt: „Das faschistische Israel muß bekämpft werden mit derselben Vehemenz, wie ... das Deutschland unter Adolf Hitler“, verdient nicht eine wirkliche Auseinandersetzung, weil durch einen solchen ultraprimitiven Faschismusbegriff jede Differenzierung unmöglich wird.

Übrigens: Wer eine kritisch-differenzierte Diskussion über die Politik des Staates Israel verhindern will, der (die) muß nur solche Dummheiten veröffentlichen. [*]

Mit der Bitte um Veröffentlichung bin ich Ihr

Anton Pelinka
Schumpeter Fellow
Cambridge, Mass, USA

Vernichtungsphantasien

Den Artikel „Die Palästinenser sind die Juden“ habe ich mehrfach gelesen, um dann erst recht nicht erkennen zu können, ob er ernst gemeint oder als Persiflage auf überzogene Israel-Kritik bzw. Irak-Sympathisanten zu verstehen ist. Wenn das erstere zutreffen sollte, ist er allerdings schlimm: es bedarf wohl keiner weiteren Ausführung, daß die Gleichsetzung des demokratischen Israel mit Nazideutschland eine unerträgliche Verharmlosung der beispiellosen Verbrechen des NS-Regimes ist. Die systematische, fabrikmäßig organisierte Vernichtung von Juden, Zigeunern, Geisteskranken u.a. soll das gleiche sein, wie die Repression demonstrierender und steinewerfender Palästinenser? Welcher Faschismusbegriff wird strapaziert, um das zu qualifizieren? Die Aufforderung, das „faschistische Israel“ „mit der selben Vehemenz“ wie Hitlerdeutschland zu bekämpfen, könnte wohl nur als Aufruf zur Vernichtung Israels verstanden werden. Eine schöne Optik: Im Land der Holocaust-Mittäter wird öffentlich zur Vernichtung des Staates der Überlebenden des Holocaust aufgerufen!

Israel-Vernichtungsvisionen sind um nichts sympathischer, wenn sie „antifaschistisch“ oder „links“ verbrämt sind. Der Gleichklang von US- und Israel-Haß und Irak-Sympathien im FORVM und in Walter Ochenbergers neonazistischem „Sieg“ sollte zu denken geben. Die vom Autor herbeigewünschten „ersten Rufe nach der Gründung Internationaler Brigaden wie einst in Spanien“ zur Bekämpfung der „kapitalistisch-faschistischen Achse“ USA-Israel und die Sympathiebekundung für den „patriarchalischen, stalinistischen Volkshelden Saddam Hussein“ lassen freilich auch die Interpretation als Scherz-Artikel zu. Dafür spricht auch der P.S.-Satz: „Gavrilo Princip hat den Kronprinzen (Rudolf?) erschossen“.

Wolfgang Neugebauer
Dokumentationsarchiv des
Österreichischen Widerstandes

Fritzi freut si

Als ich von dem Artikel Wolfgang Neugebauers erfuhr, war ich zunächst sehr erfreut, weil ich seine wissenschaftliche Arbeit und ihn persönlich seit Jahren als unerschrocken im Kampf gegen jede Art von Faschismus und neuaufflammendes nationalsozialistisches Gedankenschlecht schätze. Umso enttäuschter war ich, als ich einen völlig unwissenschaftlichen, demagogischen Brief vorfand. Trotzdem will ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen.

Den Artikel „Die Palästinenser sind die Juden“ habe ich mehrfach gelesen, um dann erst recht nicht erkennen zu können, ob er ernst gemeint oder als Persiflage auf überzogene Israel-Kritik bzw. Irak-Sympathisanten zu verstehen ist. Wenn das erstere zutreffen sollte, ist er allerdings schlimm: ...

Mein Text war ernst gemeint und nicht leichtfertig geschrieben. Heute, da die unmittelbare Kriegsgefahr im Nahen Osten gebannt ist, fällt es mir leichter, meine Emotionen zu zähmen. Noch mehr Rationalität ist bei diesem Thema sicherlich angebracht.

... es bedarf wohl keiner weiteren Ausführung daß die Gleichsetzung des demokratischen Israel mit Nazideutschland eine unerträgliche Verharmlosung der beispiellosen Verbrechen des NS-Regimes ist.

Ich habe Israel nicht mit Nazideutschland gleichgesetzt. Und ich verwechsle auch nicht Faschismus und Nationalsozialismus. Und ich habe nie von einem nationalsozialistischen Israel gesprochen, sondern stets nur von einem faschistischen. Und dafür habe ich einen grundlegenden Beweis geliefert: Die Basis faschistischer Ideologie ist der Glaube an die vorgegebene Ungleichheit der Menschen — so ultraprimitiv ist, Herr Professor Pelinka, der Faschismus —, der sich täglich in der israelischen Außen- wie Innenpolitik manifestiert. Sie sind, Herr Dr. Neugebauer, auf diese Problematik leider nicht eingegangen. Und meine „Verharmlosung der beispiellosen Verbrechen des NS-Regimes“ hatte gelautet: „der Holocaust war das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte“.

Die systematische, fabrikmäßig organisierte Vernichtung von Juden, Zigeunern, Geisteskranken u.a. soll das gleiche sein, wie die Repression demonstrierender und steinewerfender Palästinenser?

Sie, Herr Dr. Neugebauer, sind es, der da Nationalsozialiimus und Faschismus gleichsetzt, und Sie vergessen dabei auf alle politisch Verfolgten des Dritten Reiches.

Die Geschichte zeigt doch Faschismus in verschiedenster Ausprägung und Ausformung und auch in unterschiedlichster Intensität, von Brutalität, Repression, Verfolgung, Vernichtung. Es gab einen italienischen, einen österreichischen, spanischen, chilenischen Faschismus. Es gab Horthy, Pilsudski — aber was erklär’ ich das Ihnen, glaube ich mich doch zu erinnern, Sie bei der Demonstration, mit der wir die Auslieferung österreichischer Panzer nach Chile verhindern wollten, persönlich gesehen zu haben. Bei Ihrer „Repression demonstrierender und steinewerfender Palästinenser“ denke ich sicher nicht an Auschwitz oder Mauthausen, eher schon an das Anhaltelager Wöllersdorf, jedenfalls aber an die Ghettos der nicht-weißen Bevölkerung im faschistischen Südafrika.

Welcher Faschismusbegriff wird strapaziert, um das zu qualifizieren?

Ein solcher, wie die Geschichte selbst ihn ausgeformt hat, mit einer Bandbreite von den Brüdern Strasser bis Hitler, Himmler, Streicher.

Die Aufforderung, das ‚„faschistische Israel“ „mit der selben Vehemenz“ wie Hitlerdeutschland zu bekämpfen, könnte wohl nur als Aufruf zur Vernichtung Israels verstanden werden.

Kennen Sie einen ernstzunehmenden antifaschistischen Widerstandskämpfer der den Kampf gegen den Nationalsozialismus mit dem Kampf gegen Deutschland gleichgesetzt oder verwechselt hätte, der mit dem Nationalsozialismus gleich auch Deutschland hätte vernichten wollen, oder der gegen Schuschnigg und Dollfuß gekämpft und gleich in einem Aufwaschen Österreich ausradieren wollte? Ich kenne keinen.

Eine schöne Optik: Im Land der Holocaust-Mittäter wird öffentlich zur Vernichtung des Staates der Überlebenden des Holocaust aufgerufen!

Das ist ein schlimmer Satz, Herr Doktor! Imputieren, Mund verbieten, nicht denken dürfen!

Israel-Vernichtungsvisionen sind um nichts sympathische, wenn sie „antifaschistisch“ oder „links“ verbrämt sind.

Schon wieder Ihre Verwechslung von Kampf gegen einen Staat mit dem Kampf gegen eine Ideologie, die in dem Staat herrscht. Ich rufe nicht auf zur Vernichtung Israels, sondern des Faschismus in Israel, wie alle, deren Biographien Sie in Ihrem Institut betreuen, zur Vernichtung des Nationalsozialismus, des Faschismus in Österreich und in Spanien aufgerufen haben. Hier liegt vielleicht auch der Unterschied, den Sie nicht bemerken, wenn Ihnen zwischen dem FORVM und anderen Blättern, die Sie lesen, etwas ähnlich vorkommt. Der Kronprinz, übrigens, ist mir genau so passiert, wie Ihnen der „Ochenberger“.

Im Nachhinein bin ich nun doch wieder froh über Ihre Antwort, Sie bringen die Diskussion in Schwung — ein wichtiger Schwung, denn die Situation in Israel, in den besetzten Gebieten und im bombardierten Libanon ist untragbar. Stimmen wir in diesem Punkte wenigstens überein?

Friederice Beyer
John Bunzl

Zwischen Demagogie und Skandal

Bemerkungen zu Karl Pfeifer und Friederice Beyer

Friederice Beyer und Karl Pfeifer im vorigen FORVM, so konträr ihre Auffassungen auch sein mögen, treffen sich in einer durch Rechtfertigungsabsichten bedingten selektiven Wahrnehmung. Nur: damit soll nicht ihrer Gleichbewertung das Wort geredet werden, denn sie rechtfertigen nicht das Gleiche. Was bei Pfeifer als ärgerliche Demagogie auftritt, wird bei Beyer zum Skandal.

Pfeifers Argumentation, Beispiele folgen später, läuft auf zweierlei hinaus:

  1. Eine Verzerrung der israelisch-palästinenschischen Realität
  2. Ein sorgloser Umgang mit Antisemitismus-Andeutungen / Unterstellungen / Vorwürfen

ad 1. Es ist eine grobe Verzerrung der Realität, wenn arabisch-palästinensisches Verhalten als grundlos bösartig dargestellt wird, Kritik an israelischem Verhalten jedoch praktisch immer als unrechtmäßig erscheint. Pfeifer erwähnt etwa, daß auf den meisten arabischen Landkarten Israel nicht eingezeichnet ist; daß er kaum eine israelische Landkarte finden würde, welche die Grenzen bis 1967 zeigt, scheint ihm zu entgehen. Judäa und Samaria (Pfeifers Terminologie), also das besetzte Westjordanland, wird als Teil des israelischen Staatsgebietes ausgewiesen.

Oder: die palästinensische Nationalbewegung habe bisher (April-Juni 1991) „jeden Kompromiß mit Israel konsequent abgelehnt“. Diese Behauptung geht von zwei falschen Voraussetzungen aus: Erstens, daß man der „palästinensischen Nationalbewegung“ je einen fairen Kompromiß angeboten habe und zweitens, daß diese Bewegung (also heute die PLO) niemals von sich aus solche Vorschläge gemacht hätte. Dem ist aber nicht so, wie sich jeder halbwegs Informierte leicht überzeugen kann. Die aktuelle Position (beschlossen im November 1988 in Algier) spricht sich für die Koexistenz von zwei Staaten, also für einen palästinensischen Staat neben Israel aus.

Ad 2. Wenn Pfeifer glaubt, daß Kreisky von Israel wegen dessen antisemitisch interpretierbaren Entgleisungen als „Vermittler“ abgelehnt wurde, dann irrt er sich. Erstens hat Kreisky sehr wohl (z.B. bei Gefangenenaustäuschen zwischen der PLO und Israel) Vermittlerdienste geleistet und zweitens wurde er nicht wegen der erwähnten Entgleisungen, sondern wegen seiner politischen Positionen: Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser, Verhandlungen mit der PLO, vom offiziellen Israel abgelehnt. Man fand es besonders empörend, daß ausgerechnet ein Jude solche Standpunkte beziehen konnte. Es gibt nämlich häufig einen totalitär anmutenden Reflex von Juden auf israel-kritische Äußerungen anderer Juden. Da man die Botschaft nicht hören will, muß der Bote zumindest diffamiert werden. Und das geht so: er ist „einseitig“, „anti-israelisch“, „pro-PLO“, pathologisch (der beliebte Selbsthaß-Vorwurf), unlauter (Agent von diesem oder jenem), vor allem aber würde er das Geschäft der Antisemiten besorgen. Übrigens schätzen Pfeifers Freunde in Israel (die Mapam-Partei) die Positionen Kreiskys sehr hoch ein. Sie waren deshalb bereit, aus taktischen Gründen über seine Auslassungen hinwegzusehen.

Aus der wohl leider realistischen Äußerung Kreiskys, ein Demokratisierungsprozeß in der arabischen Welt müsse einer friedlichen Politik nicht unbedingt förderlich sein, schließt Pfeifer haarscharf: Kreisky sei dem feudalen und diktatorischen Charakter arabischer Regime gegenüber „sehr tolerant“ gewesen, hätte aber die demokratischen Züge des israelischen Systems verkannt. Daraufhin erklärt P., daß Israel „unbestreitbar eine Demokratie ist“, die „eine Bevölkerung von über einer Million Menschen unter Militäradministration“ hält, was „fast unmöglich ohne Verletzungen der Menschenrechte“ abgehen könne. Wenn aber gegen israelische Menschenrechtsverletzungen protestiert wird, kann man von P. stereotyp zu hören bekommen: Wo warst Du, als in ... (your choice!) die Menschenrechte verletzt wurden?, warum protestierst Du nicht gegen Menschenrechtsverletzungen in arabischen Ländern? und anderes mehr. Logisch zu Ende gedacht, müßte dann gefordert werden, daß nur der gegen die Unterdrückung etwa der Kurden im Irak protestieren dürfe, der vorher die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel angeklagt hat! Natürlich ist es verdächtig/unakzeptabel, wenn sich jemand ausschließlich auf Israel „einschießt“ und z.B. Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern nur dann einklagt, wenn sie Israel angelastet werden können ... — aber P’s Vorwürfe sind eben nicht so differenziert. Auf diese Weise wird letztlich nur zweierlei erreicht: Israel wird vor auch legitimer Kritik abgeschirmt, was eine Art Selbst-Immunisierung fördert, die eine realistische Wahrnehmung der Außenwelt erschwert. Und: wenn auch legitime Kritik tendenziell als antisemitisch interpretiert wird, dann läuft dies eigentlich auf eine Verharmlosung von Antisemitismus, der eben nichts mit legitimer Kritik zu tun hat, hinaus.

Leider liefert Frederice Beyer ein Beispiel, das nicht verharmlost werden sollte. Es beginnt relativ harmlos mit einem völligen Unverständnis der Ursprünge des israelisch-palästinensischen Konflikts, wenn die „Kibbuzzen“ als „urkommunistisch“ idealisiert werden, die sich nun in „imperialistische Wehrdörfer“ verwandelt hätten. Den Kibuzim kam immer eine wichtige Rolle bei der zionistischen Landnahme in Palästina zu. Das machte sie weder damals „urkommunistisch“, noch heute „imperialistisch“. Der Imperialismus-Vorwurf entpuppt sich als Einfallstor für ein Crescendo von noch schlimmeren behaupteten Analogien zu Rassismus („Glaube an die vorgegebene Ungleichheit der Menschen“), Faschismus („Israel ist zu einem faschistischen Staat geworden“) und Nationalsozialismus („Lebensraum“). Jede halbwegs vernünftige Analyse der nahöstlichen Realität kann zeigen, daß wir es bei Israel nicht mit einer imperialistischen Metropole zu tun haben, daß die Ungleichheit der Menschen dort nicht Resultat einer rassistischen Ideologie, sondern Folge einer im wesentlichen kolonialen Auseinandersetzung ist, daß mit dem europäischen Faschismus-Modell nichts erklärt werden kann und die Nazi-Parallele nur die psychischen Mechanismen der Autorin bloßlegt.

Obwohl sie zu Beginn ein Lippenbekenntnis zum Holocaust als „größtem Verbrechen in der Menschheitsgeschichte“ ablegt, benützt sie den Nahostkonflikt, um in das israelische Verhalten gerade jene „Ismen“ zu projizieren, deren Opfer die Juden wurden. Auf diese Weise kommt es zu einer unvermeidlichen Aufrechnung/Entlastung der Nazi-Verbrechen. Wenn die Opfer derselben Tat fähig sind, dann erlischt die Schuld — so zumindest das wishful thinking. Die unersättliche Gier nach schuldigen Juden (Heinsohn) manifestiert sich in falschen und gierigen Vergleichen.

Demgegenüber muß festgehalten werden, daß sich der Nahostkonflikt nicht zu Entlastungszwecken eignet. Im Gegenteil. In Israel findet eine Verlängerung von Geschichte statt. Das Verhalten des jüdischen Staates kann auch als (untauglicher) Bewältigungsversuch des europäischen Traumas, als ersehnte Rückgängigmachung unsäglicher Schmach, als Antwort auf Jahrtausende der Ohnmacht interpretiert werden. So gesehen erhöht dieses Verhalten das Schuldkonto des Antisemitismus und der Nazibarbarei.

Ein nicht-selektives, nicht-instrumentelles und nicht-legitimatorisches Herangehen an den Nahostkonflikt muß sich stets dieses Zusammenhangs bewußt sein. Erst auf dieser Basis ist auch eine Solidarität mit den Palästinensern möglich; anstatt sie zu benützen, indem ihr Leid in Kategorien der nazistischen Judenverfolgung phantasiert wird, um die exculpatorische Absicht zu begründen, muß ihr wirkliches Leid in einem letztlich von Europa ausgehenden Gewaltzusammenhang, deren erste Opfer die Juden waren, gesehen werden. Dann ergibt sich folgerichtig die Aufgabe, zu einer Aufhebung der Kette von Gewalt beizutragen, indem behutsam und sensibel Schritte unterstützt werden, welche die israelisch-palästinensischen Gewalt-Beziehungen in Richtung Koexistenz und Frieden verändern könnten.

John Bunzl

Pfeifers Antwort

Dr. John Bunzl vermochte meinen einfachen Artikel nicht richtig zu lesen. Weil ich die arabische politische Kultur, mit Fakten belegt, geschildert habe, wirft mir Bunzl eine „grobe Verzerrung der Realität“ vor und unterstellt mir — gelegentlich auch mit einem ad personam-Untergriff — „ärgerliche Demagogie“.

1.a Dr. Bunzl erwähnt die „Grenzen bis 1967“. Kein arabischer Nachbar Israels erkannte die Waffenstillstandslinien von 1948/49 als Grenzen an. Bunzl schreibt mir die „Terminologie“ „Judäa“ und „Samaria“ zu. Doch schon der Apostel Johannes (ein Zionist?) schreibt (4. Kapitel, 2-4) „wiewohl Jesus selber nicht taufte, ... verließ er das Land Judäa und zog wieder nach Galiläa. Er mußte aber durch Samaria reisen.“ Diese wurden 1948 widerrechtlich von Jordanien annektiert und da sie seit 1967 unter israelischer Militärverwaltung stehen, sind sie auch auf den israelischen Landkarten vermerkt. Realitätsverleugnung?

1.b Um mit den USA zu verhandeln, hat die PLO-Führung Israel verbal anerkannt. Doch gibt es auch jede Menge konträrer Erklärungen. Der PLO-„Außenminister“ F. Kaddumi schlug bei seinem letzten Besuch in Wien vor, Ministerpräsident J. Schamir möge doch in sein Geburtsland Polen zurückkehren. PLO-Koexistenz?

1.c Die Camp-David Vereinbarungen vom 17.9.1978 sahen u.a. vor: „... Vertreter des palästinensischen Volkes sollen an Verhandlungen zur Regelung des palästinensischen Problems in allen seinen Aspekten teilnehmen ... Um den Bewohnern die volle Autonomie zu gewähren, werden gemäß diesen Regelungen die israelische Militärregierung und Zivilverwaltung abgezogen, sobald sich die Bewohner dieser Gebiete in freien Wahlen eine Selbstverwaltung gegeben haben, die die bestehende Militärregierung ablöst“ — war das kein faires Kompromißangebot?

2.a „Pfeifers Freunde in Israel“ von der sozialistischen Mapam diskutierten wohl mit Kreisky über seine Auslassungen, und die Mapam-Tageszeitung kritisierte Kreisky-Sprüche. Tatsächlich wurde Kreisky um seine Vermittlung in Sachen Kriegsgefangene gebeten, doch seine parteiischen und überzogenen Stellungnahmen verhinderten ihn als Vermittler im israelisch-arabischen Konflikt. Israel und ein arabischer Staat akzeptierten einen jüdischen Vermittler, nämlich Henry Kissinger, weil dieser sich keine emotionellen Auslassungen gegen eine der beiden Konfliktparteien erlaubte.

2.b Ich schrieb: „Jede Menschenrechtsverletzung ist zu verurteilen, aber man sollte nicht für Israel ein besonderes Maß anlegen.“ — In den israelischen Medien findet man jede Menge Informationen und Kritik über die israelische Militärverwaltung. Die Pauschalverurteilungen Israels im Ausland bestärken jedoch diejenigen in Israel, „die eine realistische Wahrnehmung der Außenwelt“ nicht wünschen. Zu einer „Aufhebung der Kette der Gewalt“ können diejenigen, die nur Israel kritisieren, nicht beitragen. Legitime Kritik interpretiere ich nicht „tendenziell als antisemitisch“. Die überzogene und pauschalierende Israelkritik in Österreich habe ich aber immer als das angesehen, was sie ist: ein Versuch der Umschuldung und/oder ein bewußter oder unbewußter Versuch, abzulenken von der österreichischen Wirklichkeit, in der eine »Kronen Zeitung« mit antisemitischer Blattlinie [**] und ein Appell an „Gefühle, die wir alle nicht wollen“ in der Politik möglich sind.

Karl Pfeifer

[*Was hiermit geschieht. -Red.

[**Der Herausgeber der »Kronen Zeitung« gibt die Linie seines Blattes nicht als „antisemitisch“ an und stellt eine solche auch in Abrede, jedoch muß Karl Pfeifer seine Meinung hierüber im FORVM unverblümt mitteilen dürfen. -Red.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1991
, Seite 38
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

Wolfgang Neugebauer:

Geboren 1944 in Wien, Studium der Geschichte und Geographie an der Universität Wien. Ab 1970 Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), 1983 bis Ende November 2004 dessen wissenschaftlicher Leiter. Seit 1995 Honorarprofessor für Zeitgeschichte am Institut für Zeitgeschichte in Wien.

Anton Pelinka:

Geboren 1941 in Wien. Jurist und Politikwissenschafter. Er publizierte unter anderem zum politischen System Österreichs sowie zum Status der Großparteien SPÖ und ÖVP.

John Bunzl:

Friederice Beyer:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Geographie