I Tabubrüche ...
Ja, ich habe mich mindestens zweier Tabubrüche schuldig gemacht.
Identität sowie Sicherheits- und Selbstwertgefühl bedürfen einer Vorstellung von dem, was zu mir/uns gehört und was nicht. Tabus definieren [...] Meinungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bedroht ist. Sie kennzeichnen eine Grenzlinie – eine stets umstrittene Grenzlinie. [1] So schreibt der Nervenarzt und Psychoanalytiker Hartmut Kraft [2], der sich in seinen Büchern, Seminarien und Vorlesungen auf die Thematik des Tabus spezialisiert hat und in seinem Buch „Die Lust am Tabubruch“ seine Erkenntnisse thesenartig zusammenfasst.
Mein erster Tabubruch betrifft Schule und Ausbildung. Schule und Ausbildung hatten schon immer die Aufgabe, die heranwachsenden jungen Menschen für das Leben in der jeweiligen Erwachsenenwelt zuzurichten, etwas netter gesagt, „vorzubereiten“. Eine Aufgabe, die sie manchmal freundlich, manchmal unfreundlich, aber meist zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllten. Diese Zurichtung hat ihre Schattenseiten, da auf die Verschiedenheit der betroffenen jungen Menschen, ihrer Herkunft, ihrer Interessen, ihrer Stärken und Schwächen nur beschränkt Rücksicht genommen wird, genommen werden kann. In meiner täglichen Arbeit mit so genannt „Schwachen“ lernte ich diese Schattenseiten kennen. So kam es, dass ich mich dieser Aufgabe der Zurichtung immer mehr widersetzte, in Wort und (vor allem auch) in Tat. Dabei war ich weder der Erste noch der Einzige. Aber es verschaffte mir einerseits eine gewisse Bekanntheit, andererseits kratzte es, von mir keineswegs gewollt, offenbar am Selbstbild vieler, die ebenfalls in diesem Bereich tätig waren. Diese Grenzlinie der Zurichtung immer wieder überschritten zu haben, halte ich noch heute für richtig.
Mein zweiter Tabubruch betrifft die mir vorgeworfenen sexuellen Übergriffe in den 1970er Jahren. Diese hatten eng mit der beschriebenen pädagogischen Arbeit zu tun. Doch diese Grenzlinie überschritten zu haben, halte ich heute für falsch. Ich werde im Folgenden diesen Zusammenhang zu erklären versuchen, aufzeigen, welches meine damaligen Überlegungen waren und was ich daran heute für falsch halte.
„Da will sich doch bloss einer rechtfertigen.“ Ja, ganz genau. In entwickelten Gesellschaften ist Rechtfertigung ein Recht. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist eine emanzipatorische, die mit Begriffen wie Fairness, Wechselseitigkeit, Symmetrie, Gleichheit oder Balance beschrieben worden ist, schreibt der Philosoph und Politikwissenschaftler Rainer Forst in seinem Buch „Das Recht auf Rechtfertigung“. Reflexiv gesprochen, liegt ihr der Anspruch zugrunde, als Rechtfertigungswesen respektiert zu werden, d.h. in seiner Würde als Wesen, das Rechtfertigungen geben und verlangen kann [3]Denn: Wenn wir menschliche Praktiken verstehen wollen, müssen wir sie stets als mit Rechtfertigungen verbundene Praktiken begreifen; was immer wir denken und tun, wir stellen an uns (und andere) den Anspruch, dass dies aus Gründen geschieht, seien sie ausdrücklich genannt oder (zunächst) implizit bleibend. [4] Und zwar „funktioniert“ das in beiden Richtungen: dass mir Gründe dargelegt werden und dass ich meine Gründe darlegen kann. Genau diesem Recht versuche ich zu genügen, und genau dieses Recht nehme ich auch für mich in Anspruch.
Ein Telefonanruf und seine Vorgeschichte
Dienstag, 4. April 2017, gegen halb zehn Uhr. Das Telefon. „Guten Tag Herr Jegge, hier ist Hugo Stamm. Ich habe gemeinsam mit Markus Zangger ein Buch über dessen Leben geschrieben, darin kommen Sie prominent vor. In einer halben Stunde wird es an einer Pressekonferenz im Zürcher Volkshaus vorgestellt. Das wollte ich Ihnen nur mitteilen.“
Ich hätte es eigentlich wissen können.
Mit Markus verband mich eine jahrelange, in meinen Augen freundschaftliche Beziehung. Ja, zeitweise auch eine sexuelle. Doch davon später. Wenn wir uns im Auto begegneten, winkten wir uns gegenseitig zu. Wenn wir uns im Dorf zufällig trafen, blieben wir stehen und plauderten ein bisschen. Seine viel zu früh verstorbene Frau war bei uns am Märtplatz neun Jahre lang eine von allen geschätzte Lehrmeisterin gewesen.
Doch irgendwann fiel mir auf, dass er meinen Gruss nicht mehr erwiderte. Meist drehte er seinen Kopf weg, wenn wir uns erblickten. Ich wollte wissen, was los ist, und rief ihn an. „Habe ich etwas angestellt, das dich gekränkt hat, oder hängt das vielleicht mit unserer alten gemeinsamen Geschichte zusammen?“
„Ja, das hat mit unserer Geschichte zu tun.“
„Dann würde ich dich bitten, dass wir uns zusammensetzen und darüber reden.“
„Ach weisst du, das ist nicht nötig. Es geht mir ja jetzt gut.“
„Ich meine trotzdem, dass das gut wäre. Es interessiert mich auch, wie du das Ganze seinerzeit erlebt hast. Und ich könnte dir berichten, wie das von meiner Seite her ausschaut.“
„Weisst du was, schreib mir das doch einfach auf, dann kann ich es in aller Ruhe durchlesen.“
„In Ordnung, das werde ich tun. Aber bitte denk darüber nach, ob wir nicht doch einmal miteinander darüber reden können. Du kannst auch gern jemanden dazu
mitbringen.“
Ich setzte mich also hin und schrieb ihm.
Lieber Markus
Ich finde es toll von Dir, dass Du bereit bist, Dir anzusehen, wie sich unsere gemeinsame Geschichte von meiner Warte aus darstellt. Aber vorweg: Bei unserem Telefongespräch hast Du gesagt, dass es Dir heute gut gehe. Sollte aber unsere Geschichte Dich früher belastet haben, bleibt mir nur, mich ganz aufrichtig und herzlich bei Dir zu entschuldigen. Denn das ist das Allerletzte, was ich damals wollte: Dir (und den andern) schaden.
Dann erklärte ich ihm, was ich mir damals überlegte und wie ich das heute sehe. Es wird noch öfter von diesem Brief die Rede sein. Man kann ihn im Anhang 1 nachlesen. Er schliesst mit den Worten:
Ob das [...] alles falsch war, weiss ich nicht. Vieles von dem, was ich einmal für richtig gehalten habe, hat sich später als falsch herausgestellt. (Bei anderem war’s genau umgekehrt.) Aber etwas interessiert mich schon sehr: Wie hast Du das alles erlebt? Hast Du, habt Ihr den Eindruck, dass das Dir, dass das Euch geschadet hat? Deshalb wäre ich sehr froh, mit Dir einmal darüber reden zu können. Aber ich begreife, wenn Du das nicht möchtest.
Ich grüsse Dich ganz herzlich!
Dann hörte ich längere Zeit nichts von Markus. Bis mich eines Tages der Brief eines Rechtsanwalts erreichte:
Zürich, 14. Juli 201
Sehr geehrter Herr Jegge
Die Herren Zangger haben mich beauftragt, deren Interessen zu vertreten. 1978 haben Sie das Buch „Dummheit ist lernbar“ veröffentlicht. Darin sind schriftliche Äusserungen meiner Mandanten enthalten. Auch deren Namen sind im Buch vermerkt. Somit besteht für sie ein Anspruch auf ein angemessenes Honorar. Das Buch ist in 28. Auflage bzw. in einer Anzahl von 112.000 Exemplaren erschienen. Ein Betrag von Fr. 20.000 als Honorar pro Person ist demnach verhältnismässig.
Meine Mandanten sind Opfer jahrelanger sexueller Übergriffe durch Sie. Sie wurden dabei in ihrer persönlichen und sexuellen Identität verletzt. Ihre Entwicklung und ihr psychisches Wohlbefinden wurden massiv gestört. Die Folgen sind bis heute – und wohl zeitlebens – negativ spürbar. Sie haben dadurch einen immensen persönlichen Schaden erlitten. Es besteht für die Verletzungen ein Anspruch auf eine angemessene Genugtuung. Unter Berücksichtigung der entsprechenden gerichtlichen Praxis und Rechtsprechung ist ein Betrag von je Fr. 30.000 angemessen.
Ich bitte Sie um Überweisung mit beiliegendem Einzahlungsschein auf mein Klientenkonto innert 30 Tagen.
Diese Forderung hat keinen präjudizierenden Charakter und kann im Falle einer gerichtlichen Geltendmachung höher sein und mit weiteren Ausführungen begründet werden. Es besteht somit lediglich mein Bemühen, die Angelegenheit auf aussergerichtlichem Wege zu lösen.
Für allfällige Fragen stehe ich Ihnen zur Verfügung. Vermeiden Sie jedoch jeglichen direkten Kontakt zu meinen Mandanten. Diese wünschen in keiner Weise mit Ihnen in direkten Kontakt zu treten.
Mit freundlichen Grüssen
Das war jetzt freilich eine Nummer zu gross für mich, da brauchte ich juristischen Beistand. Ich rief Elisabeth Ernst an, wir nannten sie Lisetta, die befreundete Rechtsanwältin, die uns am Märtplatz immer sehr kompetent beraten und wirkungsvoll vertreten hatte und uns überhaupt eine Freundin war. Sie lag gerade im Spital, aber ich solle doch vorbeikommen. „Jetzt hast du über siebzig Jahre alt werden müssen, um noch so etwas zu erleben“, sagte sie. „Na ja, ich bin auch selber schuld.“ Auf den ersten Blick sei die Geschichte gründlich verjährt. Aber das müsse man genau abklären. Sie wollte meinen Fall trotz ihrer Krankheit übernehmen. Dass ihre Krankheit bald zum Tode führen würde, konnten wir alle damals nicht wissen.
Aber diese Krankheit war der Grund, dass der Brief längere Zeit unbeantwortet blieb. Und dies wiederum gab Anlass für ein weiteres Schreiben, diesmal an die Anwältin:
Zürich, 16. Dezember 2015
Sehr geehrte Frau Kollegin
[...] Nachdem nun diese Angelegenheit bereits seit Juli pendent liegt [...], scheint die Zeit des Abwartens endgültig vorbei zu sein. Ich bin beauftragt, der Sache keinen weiteren Aufschub zu gewähren, sondern mindestens ein konkretes und handfestes Zeichen guten Willens einzufordern.
Ein solches Zeichen besteht in der Anzahlung eines Teiles des geforderten Betrages von Fr. 100.000 [... also 50.000 für jeden der beiden Mandanten]. Ihr Mandant wird daher aufgefordert, mittels Einzahlungsschein, welchen er von Unterzeichnetem mit Schreiben vom 14.07.2015 erhalten hat, eine Anzahlung von mindestens 10% bis zum 31. 12. 2015 zu leisten. Sollte diese Zahlung innert der genannten Frist nicht eingehen, bin ich gehalten, die Betreibung gegen Ihren Mandanten einzuleiten.
Ich hoffe auf das Verständnis Ihres Mandanten und verbleibe
mit freundlichen und kollegialen Grüssen
Drei Tage bevor dieser Brief weggeschickt wurde, am 13. Dezember 2015 war Lisetta gestorben. Sararard Arquint, ihr Bürokollege war bereit, mich an ihrer Stelle zu vertreten. Er setzte sich mit dem Anwalt der beiden in Verbindung und erklärte ihm, dass wir auf eine solche Forderung nicht einfach eintreten würden. Man müsste sich zuerst einmal zusammensetzen, in welcher Besetzung auch immer, und miteinander reden. Die beiden Anwälte führten ein paar Telefongespräche. Dann war wieder Stille. Und dann bekomme ich im Laufe des Jahres 2016 mehrere Mitteilungen von Freunden. „Du, pass auf. Der Markus ist dabei, ein Buch über dich zu schreiben.“ Er habe auch im Vorfeld versucht, ein paar ehemalige Mitschüler zu einer Sammelklage zu bewegen, aber die hätten nicht so richtig mitmachen wollen. Das sei doch eine uralte Geschichte. Nur sein Bruder Daniel sei darauf eingestiegen. Das mit dem Buch nehme ich nicht sonderlich ernst. Ich weiss ja, wie viel das zu tun gibt. So entschliesse ich mich, erst einmal abzuwarten. Aber ich versuche in der Folge doch noch einige Male, Markus über seinen Bruder Daniel telefonisch zu erreichen. An sich ist das nicht üblich, nachdem einmal Anwälte eingeschaltet worden sind. Andererseits haben wir ja jahrelang die auftauchenden Probleme im gemeinsamen Gespräch zu lösen versucht und meist auch gelöst. Ich probier’s also. Erfolglos. Daniel, der Bruder, nimmt das Telefon ebenfalls nicht ab. Ich bitte einen langjährigen Nachbarn und Bekannten von Markus, einen Kontakt zu ihm herzustellen. Alles ohne Erfolg. Bis mich am Dienstag, dem 4. April 2017 Hugo Stamm anruft.
Später wird im „Tagesanzeiger“ zu lesen sein, Markus’ Rechtsanwalt Erdös hätte anlässlich der Buchpräsentation ... über Einigungsversuche mit Jürg Jegge und dessen Rechtsvertreter berichtet: „Nachdem wir keine Einigung über eine Abfindung oder ein Schmerzensgeld finden konnten, wollte mein Mandant mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit treten – subjektiv und aus der Sicht eines Opfers.“ Weiter in der Zeitung: Im Umkehrschluss könnte man daraus auch schliessen: Hätte Jegge eine Abfindung gezahlt – gefordert worden waren insgesamt 50.000 Franken – hätte Zangger auf die Buchpublikation verzichtet. Dies könnte den Tatbestand der Nötigung erfüllen. Das Zitat, sagte Erdös auf Nachfrage, sei „leider etwas missverständlich und hätte so von mir nicht autorisiert werden können“. Zangger habe nie die Absicht gehabt, für sich einen unrechtmässigen finanziellen Vorteil zu erwirken. [5]
Jürg Jegges dunkle Seite. Das Buch
Das menschliche Gedächtnis ist notorisch unzuverlässig, vor allem, was die eigene Biografie betrifft. Nicht nur, weil man vergisst. Sondern vor allem, weil das Gedächtnis Fakten und Erlebnisse verdreht, falsch zusammenmontiert, um wesentliche Aspekte beraubt oder ausschmückt. So fasst die US-amerikanische Sozialpsychologin Carol Tavris die Erkenntnisse der neueren Gedächtnisforschung zusammen. [6] Und die deutsche Rechtspsychologin und Gedächtnisforscherin Julia Shaw beschreibt in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ das Ergebnis ihrer eigenen und weiterer, weltweiter Untersuchungen: Jedes Ereignis, wie wichtig, emotional aufgeladen oder traumatisch es auch erscheinen mag, kann vergessen oder falsch erinnert werden oder sogar vollkommen fiktiv sein [7]
Das alles gilt auch für mich. Aber es gilt genauso für Markus Zangger und sein Buch.
So berichtet er, er sei bei seinem ersten Besuch in Wien überrascht gewesen, ... dass die Badewanne in der Küche stand. Ich genierte mich, zu duschen, weil es keinen Duschvorhang gab. Als ich reklamierte, montierte er einen Vorhang, der aber durchsichtig war. Es habe im Geschäft keine anderen gegeben, behauptete Jürg. Wien sei eben nicht die Schweiz. Ich empfand seine Ausrede als so komisch, dass ich mir das Lachen nicht verkneifen konnte. Jürg reagierte verschnupft und sagte, ich solle doch nicht so prüde sein [8]
In dieser Wiener Einzimmerwohnung steht im Kücheneck eine alte Sitzbadewanne. Die Küche hat wie die ganze Wohnung eine Raumhöhe von gegen vier Metern. Wer hier eine Dusch-Vorhangstange montieren wollte, müsste diese auf der einen Seite in einer alten Milchglasscheibe verankern. Oder er müsste die Stange oberhalb dieses Fensters anbringen. Aber dann bräuchte er einen etwa dreieinhalb Meter langen Duschvorhang, und solche gibt’s wohl nicht einmal durchsichtige.
Ich will hier keinesfalls Markus Zangger lächerlich machen oder sonst irgendwie kleinreden. Aber ich denke, an dieser Geschichte lässt sich zeigen, wie Erinnerung eben auch funktionieren kann: Wie sie nachträglich einen Sinnzusammenhang herstellt, der dann die Realität überlagern kann.
Unter anderem aus diesem Grunde hat man im Gesetz die Verjährung verankert. Es sei eben so, ... dass der Zeitablauf die Verhältnisse verdunkelt, wie das Eidgenössische Bundesgericht in seinen Urteilen mehrmals festgestellt hat [9].
Auf solche „im Zeitablauf verdunkelte Verhältnisse“ stosse ich beim Lesen des Buchs immer wieder. Einige können im Nachhinein noch etwas ausgeleuchtet werden. So auch bei folgender Geschichte:
In der vierten Klasse unterzog mich Jegge einem „Intelligenztest“ und sorgte dafür, dass ich seiner Sonderschule zugeteilt wurde, die er mit dem Segen der Behörde auf einem entlegenen Bauernhof bei Embrach eingerichtet hatte. [10]
Gleiches wird auch auf dem Buchumschlag behauptet. Fest steht: Markus Zangger wurde seinerzeit ganz regulär mit einem Beschluss der Primarschulpflege Embrach der Sonderklasse B zugeteilt, anstelle einer zweiten Repetition, wie das damals üblicherweise gehandhabt wurde. Lag bei den neu eintretenden Schülern kein Test vor, führte ich den selber durch. Ich wollte ja wissen, wer da neu eintreten würde. Es kann aber keine Rede davon sein, dass ich Markus Zangger für diese Sonderklasse „ausgewählt“ und deshalb zugewiesen bekommen hätte. Es gab freilich in jener Zeit Schulpflegen, die sich ihre Beschlüsse von einem einflussreichen, meist schon lange im Ort tätigen Lehrer weitgehend diktieren liessen. Aber das war eher in kleineren Gemeinden als Embrach der Fall, und für die Rolle des Lehrers als Dorfkönig war ich eindeutig die falsche Besetzung. Dazu war meine Schulführung von Anfang an viel zu umstritten. Niedergeschlagen hat sich der ganze Einweisungsprozess natürlich in den Protokollen der Schulbehörde. In der von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich in Auftrag gegebenen Untersuchung wird darauf eine Antwort gegeben.
In zwei Punkten allerdings hat Markus Zangger völlig Recht: Diese Einweisung geschah zu Unrecht. Und sie war faktisch eine Diskriminierung. Aber das gilt beides für alle Kinder, die in dieser Sonderklasse (auch anderswo in der Schweiz) sassen.
Auch die folgende Geschichte lässt sich heute noch ausleuchten. Wie bereits erwähnt, wurde Markus’ Frau Doris Lehrmeisterin am Märtplatz:
Als ich eines Abends nach Hause kam, berichtete mir Doris aufgeregt, dass ihr Jürg ein Jobangebot gemacht habe. Er suche eine Schneiderin und würde sie gern als Lehrmeisterin für seinen „Märtplatz“ engagieren. [...] Schon wieder steckte ich in der Falle. Ich hatte geglaubt, die Vergangenheit endlich überwunden zu haben, doch sie holte mich erneut ein. Jürg streckte einmal mehr seine Tentakel nach mir aus. Er wusste, dass ich mich still verhalten musste, wenn er Arbeitgeber meiner Frau war. [11]
Am Märtplatz wurden die zukünftigen neuen Ausbildnerinnen vom „Büro“ (bestehend aus der Geschäftsleiterin, meinem Stellvertreter und mir) angefragt und dann zu einem Gespräch gebeten. Wer von uns dreien auf die Idee kam, Doris anzufragen und wer sie dann kontaktierte, weiss ich nicht mehr. Gewählt wurde sie schliesslich von den Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern gemeinsam mit dem Büro. Auch diese Wahl und Anstellung war in gemeinsamer Absprache geschehen, und wir alle haben das nie bereut. Die damals Beteiligten werden sich bestimmt noch daran erinnern.
Was mich anging, so vermied ich wenn möglich jeden Kontakt mit ihm. Einzig bei den kulturellen Veranstaltungen im „Märtplatz“, die er für seine Mitarbeitenden, die Behörden und Gönner organisierte, begegnete ich ihm gelegentlich, denn ich kam nicht darum herum, Doris zu begleiten. [...] Der „Märtplatz hatte sich inzwischen als angesehene Institution etabliert und Jürgs Ruf weiter aufpoliert. Da er an solchen Abenden meist damit beschäftigt war, sich bei der Prominenz effektvoll in Szene zu setzen, hatte er keine Zeit, sich mir zu nähern, was mir mehr als recht war. [12]
Etwa sieben Jahre nach unserem „Bruch“ meldete er sich im Märtplatz-Büro und interessierte sich sehr für eine Anstellung als Ausbildner in unserer Theaterwerkstatt. So ein furchtbar schlechtes Bild vom Märtplatz hatte er offenbar dann doch wieder nicht.
Im Zusammenhang mit meinem Buch „Dummheit ist lernbar“ wäre auch noch etwas zu erklären:
Jürg überreichte mir voller Stolz ein Exemplar von „Dummheit ist lernbar“. Neugierig begann ich zu blättern. Im Anhang sprang mir mein voller Name ins Auge. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nun war für alle Zeiten dokumentiert, dass ich ein Sonderschüler war, zu dumm für die Volksschule. [...] Im Lauftext erwähnte er meinen Namen nicht. Ich fand einige Fragmente meiner persönlichen Erinnerungen, die ich damals in seiner Wohnung aufgeschrieben hatte, und war perplex, wie salopp er damit umgesprungen war und was er alles umgeschrieben hatte. Auch meine ehemaligen Klassenkameraden erkannte ich kaum mehr in den Schilderungen, die sie betrafen. [13]
Über mein damals in Arbeit befindliches Buch redete ich mit den älteren der Kinder oft und gern. Einige steuerten auf meinen Vorschlag hin auch Texte bei. Diese Texte versuchte ich nachträglich zu „verfremden“, ohne dass dabei deren Aussage verfälscht wurde. Aber niemand in Embrach sollte herauslesen können, von wem da die Rede war. Und Embrach war damals noch ein relativ übersichtliches Dorf, die Namen der Eltern, die ganzen Lebensumstände überhaupt mussten so gut wie möglich unkenntlich gemacht, anonymisiert werden. Ich denke, das ist auch weitgehend gelungen. Auf jeden Fall habe ich in den ganzen vierzig Jahren seit Erscheinen des Buchs nie davon gehört, dass jemand „enttarnt“ worden wäre.
Am Schluss findet sich aber eine Stelle, in welcher ich allen danke, die mitgearbeitet haben. Da waren die betreffenden Schüler mit ihren richtigen Namen aufgelistet. Mit genannt wurden aber auch die Lektorin, der Betreuer des Literaturverzeichnisses, mein damaliger pädagogischer „Mentor“, drei Freunde, mit denen ich regelmässig über mein Buch gesprochen hatte, die beiden Kolleginnen, die das Manuskript abgetippt hatten. Alle waren sie ohne Titel und sonstige Bezeichnung, auch ohne ihre Funktion bei der Herausgabe des Buches, aufgeführt und bedankt.
Das, dachte ich damals, liesse sich verantworten, ja, es müsse sogar so sein. Wer im kleinen Dorf damals die Schüler kannte, wusste auch, dass sie in der Sonderklasse sassen. Da war es nur förderlich, wenn auch bekannt wurde, dass sie, die nach landläufiger Meinung „Dummen“, an einem (Fach-)Buch mitgeschrieben haben.
Kommen wir zum Tag, an dem mir Markus Zangger eröffnete, dass er keinen sexuellen Kontakt mehr wünsche. Ich begriff das, und wir gingen nach meiner Erinnerung in guter Stimmung auseinander.
Kurz darauf erzählte er mir, er hätte für diese Mitteilung sehr viel Mut aufbringen müssen, da er befürchtete, dass ich jetzt gar nichts mehr von ihm wissen wolle. Er sagte das mit seiner gewohnten Offenheit im Blick, die ich an ihm damals so schätzte. Auf jeden Fall war in diesem Blick nichts von der Wut und Verbissenheit, die später bei seinen Fernsehauftritten im Zusammenhang mit seinem Buch und mit mir zu bemerken waren. Im diesem Buch jedoch kommt es zum dramatischen Bruch zwischen uns:
Heute nicht, schwor ich mir. Und auch in Zukunft nie mehr. Er spürte meine Abwehrhaltung, war irritiert und zog alle Register, um mich herumzukriegen. Doch ich blieb standhaft. „Ich mache das nicht mehr!“, sagte ich bestimmt. Der Satz kam mir wie eine Erlösung vor und gab mir zusätzlich Kraft. „Wieso nicht? Es tut dir doch gut“, erwiderte er. „Nein!“, schleuderte ich ihm entgegen. „Ich habe keinen Bock mehr, etwas zu tun, das ich nicht will!“
Jürg erschrak und war für einen Moment sprachlos. Er fing sich aber rasch. Ich spürte, dass er nicht so schnell aufgeben würde. Zu sehr hatte er sich daran gewöhnt, mich als Lustobjekt zur Verfügung zu haben. Während er begann, mein Selbstwertgefühl in gewohnter Weise zu untergraben, kam mir der damals von den Feministinnen propagierte Leitspruch in den Sinn, den er als Linker unterstützte. Ich schrie ihn an: „Mein Körper gehört mir, und ich entscheide, wer ihn wo berührt!“
Damit hatte ich intuitiv seinen Schwachpunkt getroffen. Der Satz machte ihm klar, dass er all die Jahre gegen seine politische Überzeugung gehandelt hatte. Trotzdem war ich bass erstaunt über die Wirkung. Doch Jürg wäre nicht Jürg gewesen, wenn er klein beigegeben hätte. Schnell holte er zum Gegenschlag aus. Er wusste genau, mit welchem Argument er mich zutiefst verunsichern konnte: „Dann wollen wir mal sehen, wie weit du ohne mich kommst.“ Er sagte es fast triumphierend. [14]
Da zeigt sich das Problem der Erinnerung in seiner ganzen Schärfe. Da steht Erinnerung gegen Erinnerung, wie sonst Aussage gegen Aussage. Ausser uns beiden war niemand dabei, es gibt keine sonstwie an der Realität fest zu machende Anknüpfungspunkte. Beidseitig verdunkelte Verhältnisse. Weitaus die meisten der Geschichten im Buch haben diese Qualität. Geschichten, bei deren Lesen ich mir unwillkürlich sage: „Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung.“ Es ist eben meine Erinnerung, und die deckt sich mit Markus Zanggers Erinnerung häufig nur in Äusserlichkeiten. Das betrifft auch die „Bettgeschichten“, auf die ich genau aus diesem Grund nicht näher eingehe.
Im hier vorliegenden Buch findet sich ja auch der Brief, den ich ihm nach unserem Telefongespräch schrieb. Er ist im Anhang nachzulesen. Klingt der wirklich überheblich, uneinsichtig und selbstgerecht? Wenn ich meiner kurzfristigen Erinnerung trauen darf: Kurz nachdem er den Brief erhalten hatte, trafen wir uns beim Bahnhof Embrach. Ich konnte ihn allerdings nicht darauf ansprechen, da ich gerade in den eingefahrenen Zug einstieg. Aber wir nickten uns beide recht freundlich zu, was vorher monatelang nicht mehr der Fall gewesen war. Im schliesslich erschienenen Buch finden sich zwei Stellen, die auf diesen Brief Bezug nehmen.
Markus Zangger: Ich zeigte den Brief einem Psychiater und zwei auf Traumatherapie spezialisierten Psychologinnen. Alle sagten, Jürgs Brief komme einem Geständnis gleich. So, wie er schreibe, betrachte mich mein ehemaliger Lehrer immer noch als sein Schüler. Er könne offensichtlich nicht erkennen oder akzeptieren, dass ich mich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt habe und einschätzen könne, was passiert sei. [15]
Und in seinem anschliessenden Text über Pädophilie schreibt der Journalist Hugo Stamm: Das klingt nach einer aufrichtigen Entschuldigung, ist aber für die Opfer vor allem eine weitere Demütigung. Jegge zeigt auch heute noch keine Einsicht und kann immer noch nicht wirklich zu den Übergriffen stehen. Damit signalisiert er Markus Zangger und seinen Leidensgenossen, dass sie seine „wahren Absichten“ bei der „Therapie“ nicht richtig erfasst hätten. So versucht Jegge, seine Übergriffe auf durchsichtige Weise zu verharmlosen und zu beschönigen. [16]
An mehreren Stellen in seinem Buch erklärt Markus Zangger, es sei ihm erst heute klar geworden, was ich ihm damals alles angetan hätte. Dies nicht zuletzt dank vieler Gespräche mit Leuten, die ihm weitergeholfen haben. Das allerdings glaube ich ihm aufs Wort.
Was war da eigentlich?
Was ich hier probiere, ist eine Gratwanderung. Bei solchen besteht immer die Gefahr des Absturzes. Zwei Abgründe stehen da drohend bereit. Der eine: Arroganz. Wenig Einsicht, kaum Reue, war zum Beispiel über meine Reaktion auf die Vorwürfe in der Presse zu lesen. Der andere Abgrund heisst Wehleidigkeit: „Ich habe es doch nur gut gemeint, warum merkt das keiner?“ Ich versuche, weder in den einen noch in den andern zu fallen. Ich kann aber nicht verhindern, dass jemand, der mit dem Fernglas meiner Gratwanderung zuschaut, irgendeine meiner Bewegungen gleichwohl als Absturz bezeichnen wird.
Zunächst zur zeitlichen Einordnung: Von 1970 bis 1977 arbeitete ich an der Sonderklasse in Embrach, anschliessend im Schulversuch „Schule in Kleingruppen“. 1985 wurde dann der Märtplatz gegründet. 1976 erschien mein erstes Buch.
Eigentlich ist dieses Buch eine dreihundertseitige Verteidigungsschrift. Denn: Ich war ja als Lehrer in Embrach damals sehr angefochten. Und da wollte ich aufzeigen, dass ich beileibe nicht einfach in meiner Schulstube den Dingen aus Bequemlichkeit oder Unvermögen ihren Lauf liess, wie manche vermuteten, sondern dass ich mir etwas dabei gedacht hatte. Und wie das bei solchen Verteidigungsschriften ist, sind da Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite ist das Buch mit dem Herzblut des Anfängers geschrieben. Andererseits mache ich darin zum Beispiel keine Fehler, bin nie unsicher. Aber: Unsicherheit zugestehen – dazu braucht es ein gewisses minimales Mass an Sicherheit. Und die hatte ich damals ganz einfach nicht. Noch nicht. In meinen späteren Büchern ist das zunehmend anders. Keines meiner „Werke“ ist eine „heilige Schrift“, und das erste schon gar nicht.
Sein Erfolg überraschte uns alle, Verlag und Autor. Ein gutes Jahr zuvor hatte ein renommierter deutscher Verlag das Manuskript abgelehnt mit der Begründung, Sonderschulprobleme interessierten niemanden und solche aus der Schweiz schon gar nicht. Was war da plötzlich passiert?
Aus meiner heutigen Sicht gibt es vier Gründe:
1. Der eingängige Titel (den ich dem Psychoanalytiker Martin Kuster verdanke) setzte sich in den Köpfen fest. Es war erstaunlich und erheiternd zugleich, was in der Folge plötzlich alles „lernbar“ wurde (Gesundheit, Erfolg...).
2. Hier wurde nicht nur über die betroffenen Menschen geredet, diese kamen auch selber zu Wort. Ungefähr zu der Zeit erschienen auch in Deutschland ein paar wenige Bücher, in denen das ebenfalls so gehandhabt wurde. Auch diese wurden sehr beachtet, und vermutlich aus dem gleichen Grund. [17]
3. Es gab damals in der Schweiz, wie in einem grossen Teil der Welt überhaupt, eine grosse und wachsende Anzahl von Menschen, die mit dieser Welt nicht einverstanden waren – und es heute noch nicht sind. Und diese Menschen, hierzulande und im ganzen deutschen Sprachraum, begannen zu jener Zeit, die Randgruppen als Thema zu entdecken.
4. Den wahrscheinlich wichtigsten Grund für den Erfolg nannte mir eine junge Frau im Gespräch. Sie sagte: „Das Gute ist, dass man weiss, dies alles wird nicht einfach postuliert. Das passiert tatsächlich, das macht einer.“ Da hatte sie recht. In dem Buch steht nichts an theoretischen Überlegungen, was nicht auch anderswo in reformpädagogischen Schriften nachzulesen wäre. Ich bin ja nicht der Erfinder einer „neuen Pädagogik“. Aber ich hatte das, was da proklamiert und begründet wurde, ganz einfach umzusetzen versucht. Und hauptsächlich davon handelte mein Buch.
Ich versuchte darin, die beiden Seiten dieser Arbeit zu beschreiben. Damit ein Mensch offen, lernend durchs Leben gehen kann, muss er einerseits seine seelische Lebendigkeit bewahren oder wieder erlangen können. Ich nannte das damals die „pädagogisch-therapeutische“ Seite. Und er braucht möglichst vielfältige Anregungen und deutliche Unterstützung für seine Weiterentwicklung. Dies bezeichnete ich als die „kompensatorische“ Seite. Ich beginne mit letzterer, das ist unverfänglicher.
Es war mir immer ein grosses Anliegen, die jungen Menschen direkt an die Dinge heranzuführen. Oder diese Dinge, wenn es nicht anders ging, in die Schule hereinzuholen. So sassen wir zum Beispiel mit den Sonderklässlern in so ziemlich allen grösseren Theatern der Schweiz, und zwar nicht in Schüler-, sondern in regulären Abendvorstellungen, setzten uns oft nachher noch mit einigen der Schauspielerinnen zusammen und diskutierten. Hin und zurück fuhren wir mit Privatautos. Ein paar Embracher Bekannte erklärten sich gerne bereit, uns zu fahren. So bekamen die Schülerinnen und Schüler ohne den sonst nötigen, für viele mühseligen Leseaufwand viel von unserer Kulturgeschichte, insbesondere von der Literatur mit – von der Wertschätzung ganz zu schweigen, die sie durch das anschliessende Beisammensein mit den Schauspielern erfuhren. Ganz ähnlich gingen wir in andern Lebensfeldern vor. Wir besuchten etwa alte Schweizer Kleinstädte, Künstlerinnen in ihrem Atelier, Ausstellungen...
In der Schule bauten wir gemeinsam Dampfmaschinen zusammen oder Seifenkisten – wir machten halt einfach möglichst viele Dinge, die für junge Menschen interessant waren und an denen sie etwas lernen konnten.
All das kostete natürlich weit mehr, als das Budget einer Sonderklasse hergab. Aber als Lehrer verdiente ich ganz ordentlich, und alleinstehend war ich ja auch. Später, als die kleinen Leute grösser wurden, ging es noch mehr darum, ihnen weitere Anregungen zu ermöglichen. Noch später wurden weitere Formen der Unterstützung nötig: Musikunterricht etwa oder eine bessere Wohnmöglichkeit. Und in einigen Fällen ging es darum, einen Lehrlingslohn zu übernehmen oder wenigstens einen Teil davon, wenn ein geeigneter Lehrmeister fähig und willens war, einen jungen Menschen auszubilden, sich aber das Abenteuer aus finanziellen Gründen einfach nicht zumuten wollte. Das waren alles Dinge, die sich gutbetuchte Eltern ohne weiteres leisten konnten und für ihren Sprössling auch leisteten. Den Eltern meiner Schüler war das in der Regel nicht möglich. „Soziale Kompensation“, wenn sie ernst genommen wird, kostet ganz einfach Geld, manchmal recht viel Geld.
Aber ich war ja unterdessen ein erfolgreicher Buchautor geworden. Zudem einer, der das Gefühl hatte: Eigentlich gehört dieses Geld nicht mir allein. Es gehört zumindest zu einem grossen Teil jungen Menschen, dank deren Offenheit und Vertrauen ich meine Bücher hatte schreiben können. Da war es nur logisch, es ihnen und andern in vergleichbarer Situation als Unterstützung wieder zukommen zu lassen.
Zudem: Ich glaube nicht so sehr an Geld. Sie ist mir zeitlebens im Kopf geblieben, die kleine Geschichte des Schaffhauser Schriftstellers Albert Bächtold vom reichen Mann, der in den Himmel kommt, und da sagt der liebe Gott zu ihm: „Bin ich froh, dass du mir so viel Geld mitbringst; jetzt kann ich mir endlich auch einmal etwas leisten.“ (Erst in jüngster Zeit, mit dem Älterwerden, komme ich zur Ansicht, dass es ganz angenehm ist, wenigstens ein bisschen Geld auf der Kante zu haben, für schlechte Tage.)
Ich versuchte immer wieder, für solche Unterstützungen auch anderweitig Gelder zu erhalten, Stipendien oder andere Zuwendungen. Aber das erwies sich sehr oft als schwierig. Also griff ich wohl oder übel auf die „Jegge-Stiftung“ zurück. Diese wurde allerdings mit der Zeit wieder kleiner, die Umsatzzahlen meiner Bücher gingen auf ein normales Mass zurück, und bald kam für solche Unternehmungen auch wieder mein Gehalt zum Zug. Der Märtplatz, später, war eigentlich nichts anderes als die Fortsetzung dieser Arbeit, möglichst mit geringerer finanzieller Beteiligung meinerseits.
Aber beim ganzen Problem ging es ja nicht ausschliesslich um Geld. Die Frage war: Wie kann ich das Lernen, die Schule so organisieren, dass die beteiligten jungen Menschen ihre Interessen, ihre Fähigkeiten entdecken und weiter entwickeln können? Daran arbeitete ich in der Sonderklasse, daran arbeiteten wir später in der Kleingruppenschule und noch später im Märtplatz immer wieder. Dabei wurden wir immer auch von lieben Bekannten und weiteren freundlichen Menschen wohlwollend und nachhaltig unterstützt, mit Ideen, mit Hinweisen, mit spontanen persönlichen Einsätzen oder indem sie ihre Kontakte spielen liessen. Manchmal auch mit Geld, wenn’s bei mir knapp wurde.
Gegen das hier Vorgebrachte kann einiges eingewendet werden. Und dies von ganz verschiedenen Seiten her. Zum einen: Wird hier nicht mit einem sehr herkömmlichen Bildungsbegriff gearbeitet? So wie von schulschwachen Kindern oft gesagt wird, sie kämen eben aus „bildungsfernem Milieu“? Geht es hier nicht einfach darum, dass die „aufholen“? Gerade das Beispiel der Theaterbesuche spricht doch dafür.
Ich halte den Begriff „bildungsfern“ eigentlich für eine Frechheit. Richtiger müsste man von „schulfern“ sprechen. Ein Bub, der mit seinem Vater zu fast jedem Fussballspiel geht, ist in dieser Hinsicht gewiss ungleich gebildeter als seine Lehrerin. Nur zahlt sich das halt in der Schule kaum je aus.
Es geht vor allem darum, dass ein möglichst breites Spektrum von Dingen erfahren werden kann. Da hat das Theater ebenso seinen Platz wie der Fussball, und so gesehen ist Theater genauso „schulfern“ wie dieser – solange es nicht um „Schülervorstellungen“ geht. Aber wenn man das ernst nimmt, steht mit der Zeit eine grosse Auswahl zur Verfügung: „Da gibt es ja noch etwas ganz anderes, für das ich mich interessieren, mit dem ich mich beschäftigen könnte.“ Das ist uns mit zunehmender Erfahrung immer besser gelungen, am besten wohl in der Anfangsphase des Märtplatzes. Im Buch „Abfall Gold“ [18] wird von den verschiedensten Kulturanlässen berichtet, die wir für Lehrlinge, Lehrmeister und andere Interessierte veranstalteten, ebenso von den offenen Kursen aus allen möglichen Gebieten, die ebenfalls für unsere jungen Leute wie für die Ausbildnerinnen gedacht waren.
Und doch: Dieser (wir hätten damals gesagt „schichtspezifische“) Beigeschmack haftet dem Begriff der Kompensation allemal an, auch wenn ich im „Dummheit“-Buch das zu relativieren versuchte. Im selben Buch finden sich, um beim Beispiel des Theaters zu bleiben, ein paar Seiten aus dem gemeinsamen Berichtsbuch der damaligen Schüler. Ich kenne aber keinen Menschen, der nach einem Theaterbesuch das Programmheft zerschneidet, einzelne Texte aufklebt und eigene dazu schreibt. Hingegen weiss ich von vielen, die nach der Vorstellung mit andern über das Erlebnis reden. Das scheint mir auch die angemessene Form der Verarbeitung zu sein. Dieses Berichtsbuch hingegen ist nichts anderes als der gute alte Schulaufsatz in etwas freundlicherer Form. Die „Dummheit“ ist eben doch ein sehr „schulgläubiges“ Buch. Und schulgläubig war ich damals noch in hohem Masse.
Weiterer Einwand: Entsteht vor allem bei diesen Unterstützungen nicht „Abhängigkeit aus Dankbarkeit“?
Das war nach meiner Wahrnehmung kaum der Fall. Es profitierten ja meist mehrere junge Menschen von ganz verschiedenen Aktionen und wussten das auch voneinander. Im Gegenteil: Mancher Besucher äusserte sich erstaunt bis bestürzt darüber, dass die Schüler mir gegenüber so wenig „dankbar“ zu sein schienen. Mir war das recht so. Und später, im Märtplatz, war ja das alles weitgehend „institutionalisiert“. Da musste man noch weniger einer Person gegenüber dankbar sein.
Und doch: Ganz ausschliessen kann ich das nicht. Ich konnte nur im täglichen Kontakt die Anlässe dazu so gering wie möglich halten. Aber man sieht in keinen Menschen hinein. Und eine Unterstützung zu unterlassen allein deshalb, weil die Gefahr besteht, dass sie in Abhängigkeit führen könnte, scheint mir auch nicht das Wahre.
Schliesslich ein ganz pragmatischer, schulpädagogischer Einwand: Gehen bei diesem ganzen Anregungsgetue nicht Rechnen, Lesen und Schreiben völlig unter? Und die zu lehren wäre eigentlich doch die Hauptaufgabe der Schule.
Es ging eben zunächst einmal darum, dass ein Schüler überhaupt Freude und Interesse entwickelte, dass er wieder gelingende Lerngeschichten erlebte. Der Gegenstand dieses Interesses war da zweitrangig. Mit der Zeit wagte er sich dann meist auch auf Gebiete, die ihm nicht eigentlich lagen, zum Beispiel eben auf Rechnen oder Sprache, an denen er ja bisher gescheitert war. Es konnte natürlich vorkommen, dass das nicht innert nützlicher Frist passierte. Aber das ist beim Unterricht herkömmlichen Zuschnitts erwiesenermassen ebenfalls häufig der Fall. Nur hat man den jungen Menschen dabei in der Zwischenzeit mit Rechnen und Sprache meist derart malträtiert, dass er oft lange Jahre fürs Lernen blockiert ist. Da schien es mir schon immer wichtiger, ihm die Freude am Lernen zu erhalten – notfalls auf Kosten der Schreibfertigkeit.
Und abgesehen davon: Wie viele Führungskräfte in all den Teppichetagen können wirklich fehlerfrei schreiben? Und haben sich die andern nicht einfach so organisiert, dass das nicht auffällt?
In meinem ersten Buch („Dummheit ist lernbar“) nannte ich diese andere etwas grossspurig die „pädagogisch-therapeutische“ Seite. Ich führte dies genauer aus: „Die Aufgabe, Kinder Sicherheit, Geborgenheit erleben zu lassen, ihnen Autonomiebestrebungen zu ermöglichen und diese zu schützen, ihnen das Erlebnis ihrer eigenen Identität zu verschaffen – all das ist eigentlich ein pädagogisches Problem. Aber nun haben wir es mit Kindern zu tun, die das alles nur sehr bruchstückweise oder überhaupt nicht erlebt haben. [...] So wird der versäumte pädagogische Auftrag zum therapeutischen Problem: Das Kind muss Gelegenheit [...] erhalten, diese Entwicklung nachzuholen“. [19] „Therapie“ also im eigentlichen, ursprünglichen Wortsinn: Dienst, Pflege. Und „Heilung“, in unserem Fall verstanden als das Nachholen von Versäumnissen.
Ich beschrieb damals vier Phasen: Die „Bravheit“ am Anfang, die „Ruderphase“, den „Beziehungsaufbau“ und die „Beziehungsphase“. Das war kein „Entwicklungssystem“, das die jungen Leute nachvollziehen sollten. Es war vielmehr eine nachträgliche Beschreibung einer Entwicklung, die sich in den meisten Fällen so oder ganz ähnlich abgespielt hatte. Immer wieder war ich fasziniert davon, welche Entwicklungen möglich wurden, wenn auf Grund wieder erwachter seelischer Lebendigkeit vielfältige Anregungen genutzt werden konnten. Aber es gab auch junge Menschen, die dies nicht voll zu nutzen in der Lage waren. Meist schienen sie mir auf Grund ihrer persönlichen Geschichte zusätzlich belastet zu sein, und das kam ihnen offenbar jetzt in die Quere.
Einer der damals Betroffenen, Rolf (Name geändert) schreibt heute: Ich war ganz ganz nahe dran mich umzubringen. Als es hiess, ich müsse in die Sonderschule, sass ich bei mir zu Hause, in der Nacht im dritten Stock auf dem Fenstersims und wollte hinunter springen. Ich bekam aber Angst, ich könnte ja bloss verletzt werden, also kehrte ich in mein Bett zurück. Als ich dann Jürg Jegge kennen lernte, war mir alles gleichgültig geworden. Ich war zerstörerisch, ich habe Sachen zerstört, Menschen bedroht und geschlagen, denn mir war das Leben egal geworden. [20]
Da gab es natürlich die Möglichkeit einer professionellen Therapie. Aber wie oft hatte ich erlebt, wie nur schon ein solcher Vorschlag bei den Betreffenden stärkste Abwehrreaktionen hervorrief. „Therapie“ – das war für viele der endgültige Beweis dafür, dass man eben doch nicht zu den „andern“ gehörte, eben tatsächlich nicht „normal“ war. Und in vielen Familien wurde das genau so gesehen. Da konnte man lange reden und zu überzeugen versuchen – kaum war das Gespräch zu Ende, verblassten auch die Argumente wieder. Ich hatte gesehen, wie viele dieser gut gemeinten Therapien genau aus diesem Grund wirkungslos verpufften. „Therapieresistenz“ ist nicht einfach ein Versagen der Therapierten oder allenfalls der Therapierenden. Da blieb ich halt einfach dran und versuchte, das Manko durch ganz normale Freundlichkeit und Ermutigung im täglichen Umgang einigermassen wett zu machen.
So berichtet Rolf weiter: Nach einiger Zeit war wieder einmal so ein aggressiver Vorfall, da hat mich Herr Jegge in den Arm genommen und ich bin zusammengebrochen und habe wie ein Schlosshund geweint. Es ist gar nicht so einfach, Gewalt zu zeigen, Sachen zu zerstören, Menschen zu bedrohen. Es braucht Unmengen von Energie die ich gar nicht hatte. [21]
Ja, und da gab es den Ansatz Wilhelm Reichs und seiner Schüler. Reich war 1957 in den USA verstorben und etwa zehn Jahre später von der Schüler- und Studentenbewegung wieder entdeckt worden. Wenn die alle Recht hatten damit, dass ein Mensch, der sein Körpergefühl und seine Sexualität frei entfalten und erleben konnte, dadurch insgesamt ein positiveres Lebensgefühl entwickelte und so mit allem, was ihm widerfuhr, besser zurande kam – dann würde das bedeuten, dass er auch Anregungen und Anstösse zu seiner Weiterentwicklung besser aufnehmen und verarbeiten konnte. Das war doch, fand ich damals, den Versuch wert.
Mir ging es dabei vor allem um eines: Freude. Darum, dass diese jungen Menschen endlich Freude am Leben erfahren oder zurückerlangen konnten. Freude, die ihnen in ihrer Lebensgeschichte nie ermöglicht worden oder abhanden gekommen war. Eine mögliche Grundlage dafür, so dachte ich, ist die Freude an sich selber. Einen Zugang zu dieser Freude ermöglichte die Freude am eigenen Körper. Und der direkteste Weg dazu führte über die Sexualität. So müssten sich Selbsthass und Aggression wie Traurigkeit doch allmählich aufweichen lassen – durch wachsende Lebensfreude.
Dazwischen ein Blick ins Büchergestell: In unserem Zusammenhang wichtige Bücher Wilhelm Reichs.
Die Funktion des Orgasmus, erstmals veröffentlicht 1927.
Die sexuelle Revolution, erstmals 1932.
Charakteranalyse, 1933.
Alle diese Bücher wurden in den 1970er Jahren neu aufgelegt und sind teilweise heute noch erhältlich.
Dazu ein Buch eines seiner Schüler, das seine Gedanken weiter entwickelt:
Lowen, Liebe und Orgasmus, New York 1965, deutsch München 1980.
Und zur Praxis:
Samuels, Bennet, Das Körperbuch, San Francisco 1973, deutsch Berlin (West) 1978.
Geba, Das Atembuch, Berkeley 1973, deutsch Berlin (West) 1976.
Rosenberg, Orgasmus, 1973, deutsch Berlin (West) 1977.
Diese Bücher sind wohl nur noch antiquarisch erhältlich.
Einen guten Einblick in Entwicklung und Praxis dieses Ansatzes bietet auch:
Heggli, Josef / Buser, Remo: Kinder- und Jugendsexualität in der Krise (Eine Kuriosität: 4 Bände in 3 Büchern. Zürich 1976-1979), heute nur noch in Bibliotheken und antiquarisch erhältlich.
Solche Überlegungen klingen heute ganz und gar dissonant. Wer sie äussert, stösst auch im kleinen, wohlgesinnten Kreise auf erstauntes Kopfschütteln, deutliche Missbilligung oder vehemente Ablehnung, je nach Temperament der Angesprochenen. Anders zu der Zeit, als ich sie anstellte. Ich werde später ausführlicher darauf eingehen. Doch zurück zur damaligen Ausgangssituation.
Es waren schliesslich sechs bis acht junge Menschen, mit denen ich den Versuch unternahm. (Alle waren Buben. In der Sonderklasse sassen nur ganz wenige Mädchen. Mädchen hielten sich, vermutlich wegen erfolgreicherer erzieherischer Anpassungsleistungen, in der Regel viel länger in den so genannten Normalklassen.) Alle waren im Oberstufenalter, alle waren sie keine Kinder im eigentlichen Sinn mehr, befanden sich in der Phase nach Eintritt der Geschlechtsreife. Das schien mir wichtig. So überzeugt ich damals von diesen neuen Ideen war, dachte ich doch, jüngere Menschen würde man damit nur mit einem Problem konfrontieren, das noch gar nicht ihres war, noch nicht ihres sein konnte.
Und konkret? Atemübungen, Körperentspannung („dureschnuufe“, „durchatmen“ nannten wir das), und, ja, später auch sexuelle Kontakte. Das sah bei jedem wieder ganz anders aus und ging auch bei jedem unterschiedlich weit. Genau so weit, wie der mitgehen wollte oder konnte. Ich hatte auch jedem genau erklärt, worum es bei dem Ganzen ging und was für Überlegungen dahinter standen. (Von daher dürfte auch die verschiedentlich aufgetauchte Aussage stammen, ich hätte damals den Jungen gesagt, das sei eine „ganz neue Art von Therapie“.) Das behielten wir zum Teil auch bei, als sie bald aus der Schule und in die Lehre kamen. Ich half ihnen ohnehin bei den Hausaufgaben der Berufsschule, und auch sonst war ich da, wenn es nötig wurde. Da sah man sich immer wieder einmal.
Dabei hatte ich den Eindruck, dass es den Betreffenden durchaus Spass machte. Nein, nicht immer. Oft argumentierte ich, und oft unterblieb die Aktion ganz einfach. Dass ich hier nicht einfach auf der alten Vergewaltiger-Leier spielen will („Es hat ja dem Opfer auch gefallen“), geht, so hoffe ich, aus dem Zusammenhang dieses Kapitels hervor.
Gewalt habe ich nie angewendet. Das lag mir erstens nicht, und es hätte auch nicht zu meinem Stil gepasst. Es gibt zahllose Berichte darüber, wohlwollende und andere, wie wenig ich in der Schule, in meinem ganzen Berufsleben von meiner Autorität Gebrauch machte. Aber sehr oft wird auch erwähnt, wie offen, unbekümmert, fröhlich die jeweiligen Lernenden auf den unbefangenen Besucher wirkten. In der „Untersuchung zuhanden der Bildungsdirektion“ wird davon die Rede sein.
Die freundschaftlichen Beziehungen zu den damals beteiligten Schülern hielten meist einige Jahre über die Schulzeit hinaus, mit oder ohne Sexualkontakt. Das war auch bei jedem wieder anders. Irgendwann fanden die meisten, es sei jetzt genug mit Sex – und sagten das auch. Natürlich wurde das von mir akzeptiert. Mit ein paar wenigen entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft, teils mit, teils ohne Sexualkontakte.
Sechs meiner Schüler waren damals über längere Zeit beteiligt (die beiden andern waren nur kurzzeitig dabei, und ich habe den Kontakt zu ihnen verloren, weiss also nicht, was aus ihnen geworden ist). Alle sechs sassen in der Sonderklasse „für Schwachbegabte“, wie das damals hiess. Jeder von ihnen schloss später eine volle 3jährige Berufslehre ab. Und das zu einer Zeit, in der solchen Schülern im allergünstigsten Fall eine Anlehre offen stand. Drei von ihnen absolvierten anschliessend noch eine zweite Ausbildung und schlossen auch diese erfolgreich ab. Markus Zangger ist da selber ein sprechendes Beispiel. Er machte nach seinem Abschluss als Töpfer noch eine Ausbildung zum Bühnenmeister und war schliesslich technischer Leiter des „Theater für den Kanton Zürich“. Heute arbeitet er bei den Postautobetrieben in regional leitender Funktion. Ausserdem war er nach seinen eigenen Worten glücklich verheiratet und hat eine mittlerweile erwachsene Tochter. Das alles kann seinem Buch entnommen werden, und es entspricht eher nicht dem Katastrophenszenario, wie es etwa von den Pädagogikprofessoren Miller und Oelkers entworfen wird: Missbrauchte bleiben als verletzte Menschen zurück, verpfuschte Leben, leidende Geschwister und zerstörte Familien. [...] Wer sagt denn schon, wenn er oder sie in der Berufslehre, Schule, im Beruf und im Privaten versagt: „Ich wurde sexuell missbraucht [...]“ [22] Ganz ähnliches wie von Markus Zangger ist von seinen fünf ehemaligen Kameraden aus dieser Gruppe zu berichten. (Miller und Oelkers sind Herausgeber des Buches „Ist Dummheit lernbar?“, aus welchem die zitierten Sätze stammen und von dem noch die Rede sein wird.)
Und ich selber?
Mir hat das Ganze auch Spass gemacht. Ich kann mich da nur wiederholen: „Jeder Mensch, der mit einem andern Menschen zärtlich ist, befriedigt damit auch eigene Zärtlichkeitsbedürfnisse. Was wäre das denn sonst für eine seltsame Zärtlichkeit. Falsch wird es erst, wenn dabei nur noch einer profitiert.“ So schrieb ich in meinem Brief an Markus Zangger. Das entspricht dem, was ich damals dachte. Im Idealfall hätten beide Partner gleichviel davon. Je mehr einer allein profitieren würde, desto schlechter wäre es für den andern.
Freude machte mir aber auch das Unterrichten, das Schulehalten überhaupt (zumindest zumeist). Noch mehr Freude, wirkliche Freude machte es mir, den Entwicklungen dieser jungen Menschen zuzusehen. Zu erleben, wie sie mutiger, im Ganzen etwas fröhlicher, zuversichtlicher wurden, sich mehr zutrauten und sich dementsprechend auch geistig und wissensmässig entwickelten. Natürlich machte ich nicht die sexuellen Kontakte allein dafür verantwortlich. Ich bildete mir aber ein, dass diese auch einen Teil dazu beitragen würden.
Bin ich pädophil? Da muss ich alle die treffsicheren Ferndiagnostiker enttäuschen. Ich war mir über meine eigenen sexuellen Präferenzen lange Zeit nicht im Klaren. Ich war ja damals etwa dreissig Jahre alt. Ich „probierte“ einiges aus, mit
Frauen und mit Männern. Aber Kinder waren nie darunter. Die interessierten mich in sexueller Hinsicht nicht. Wenn ich mir die heute üblichen wissenschaftlichen Bezeichnungen anschaue, würde ich sagen: Im Zuge der hier verhandelten Geschichte entdeckte ich an mir auch ephebophile Züge (also einer Ausrichtung auf junge Männer nach der Pubertät bis etwa 20 Jahre). Diese verloren sich aber im Lauf der Zeit wieder und machten meiner vorläufig endgültigen sexuellen Ausrichtung Platz.
Die Sexualwissenschaft unterscheidet heute sehr sorgfältig zwischen Hebephilie (sexuelle Präferenz für frühpubertäre Körperschemata), Ephebophilie/Parthenophilie (Präferenz für männliche/weibliche Jugendliche in der spätpubertären Entwicklungsstufe) und Pädophilie, die [...] die ausschliessliche Neigung zu geschlechtsunreifen Kindern beschreibt. So steht’s im Band „Die Grünen und die Pädosexualität“, [23] in dem man sich ausführlich mit der Thematik befasst.
Homosexualität also, ausgerichtet auf Erwachsene (und dies abseits der „Szene“). Es dauerte eine Zeit, bis mir das bewusst wurde. Ich habe es seither nie in Abrede gestellt. Aber ich habe mich andererseits auch nie grossartig „geoutet“. Ob einer sich zum andern oder zum eigenen Geschlecht zugeneigt fühlt, finde ich ungefähr so wesentlich wie die Frage, ob er mit einem VW oder einem Renault herumkurvt – ausgenommen natürlich für die, welche gerade mit unterwegs sind. Eine Gleichheit der Menschen in dieser Hinsicht wird, denke ich, erst dann erreicht sein, wenn nicht immer wieder, egal in welcher Form, auf die Umstände seiner sexuellen Vorlieben hingewiesen wird.
Die Idee, dass es möglich sei, mit Kindern „auf Augenhöhe“ zu verkehren, halte ich heute für völlig falsch. Vor allem für unrealistisch. Auch wenn diese Idee damals von vielen Eltern, Lehrern und sonstigen Erzieherinnen ebenfalls geteilt wurde, die sich als fortschrittlich verstanden. Da schummelte sich der politische Gedanke der Gleichheit aller über die einfache Tatsache hinweg, dass ein Erwachsener immer älter und erfahrener und damit auch „mächtiger“ ist als ein Kind oder ein Jugendlicher. Dass Alter oder Erfahrung umgekehrt auch eine Beschränkung sein kann und einem ein Kind so gesehen auch einiges voraus hat, gilt natürlich ebenfalls, und wohl dem, der das nicht aus dem Blickfeld verliert. Aber trotzdem lässt sich der Unterschied zwischen einem Lehrer und einem Schüler nicht wegdiskutieren. Ich habe ganz einfach einen Vorsprung an Jahren, an Erfahrung. Im Falle meines Berufs auch an Macht, egal, wie heftig oder wie wenig ich davon Gebrauch mache. Und wenn Lehrer und Schüler sich gegenseitig gut leiden können und tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln, so gilt das erst recht. Da kann so ein junger Mensch in grosse Loyalitätskonflikte geraten.
Das klingt uns heute selbstverständlich, aber genau das war damals der Knackpunkt. Das konnten oder wollten viele nicht sehen, ich mit eingeschlossen. Das war nicht allein ideologische Verblendung (das sicher auch), es beruhte zu einem guten Teil auch auf dem Bestreben, eigene leidvolle Erfahrungen den Nachgeborenen zu ersparen.
Im Verlaufe meiner späteren beruflichen Tätigkeit habe ich erfahren, dass es auch anders geht. Dass ich auch als Erwachsener Distanz wahren und dennoch gelassen oder grosszügig sein kann, ohne dass ich gleich den nur wenig älteren Bruder mime. Und dass die jungen Menschen auch so Vertrauen fassen konnten.
Das alles bedeutet aber auch, dass ich damals wie heute nie ganz sicher sein kann, ob so ein junger Mensch meinen Vorschlägen (welchen auch immer) aus freien Stücken folgt oder weil er das Gefälle an Alter, Erfahrung oder Macht im Auge hat. Sicher sein kann ich eigentlich nur, wenn er meinen Vorschlag ablehnt. (Das allerdings war in meinem damaligen Schulalltag zur Verblüffung der Umwelt ziemlich oft der Fall.) Aber es gilt auch und erst recht für meine damaligen Vorschläge im Bereich der Sexualität. (Auch da kam übrigens ein Nein sehr oft vor.) Das bedeutet jetzt wiederum nicht, dass ein Bursche mir einfach nach dem Maul redete, wenn er mit meinem Vorschlag einverstanden war oder mir sogar erklärte, dass ihm das Ganze Spass machen würde. Aber es bedeutet, dass ich darüber keine Sicherheit hatte, keine haben konnte. Das gilt auch für die Jugendlichen, mit denen ich zu tun hatte und die ja keine hilflose kleine Buben mehr waren. Das sah ich damals nicht.
Ein zweiter Punkt: Die Idee, dass die Sexualität eine ganz wesentliche Antriebskraft für die geistige Entwicklung eines Menschen sei, denke ich heute, ist in dieser Zuspitzung ebenfalls falsch. Natürlich kann sie ganz Wichtiges dazu beitragen, etwa wenn sich jemand verliebt und von diesem geliebten Menschen neue, wesentliche Impulse bekommt. Aber dass sie eine unabdingbare Voraussetzung für geistige Entwicklung wäre, ist meiner seitherigen Erfahrung nach nicht der Fall. Da habe ich im Laufe der Jahre zu viele auch sexuell verklemmte Menschen kennen gelernt, die auf geistigem oder künstlerischem Gebiet Bedeutendes leisteten. Rolf heute über seine damaligen Erfahrungen: Es war nicht so, dass es Spass gemacht hätte, aber es hat meine Nerven und meine Ängste, meine ich im Nachhinein, möglicherweise schon beruhigt. Im Nachhinein hat es mir mindestens nicht geschadet. [...] Ich hatte wieder eine gute Zukunft, machte zwei Berufslehren und konnte eine Familie ernähren. Auch ich bin der Meinung, es hätte die sexuellen Kontakte nicht gebraucht, aber ich kann es nicht sagen, da ich den anderen Weg nicht kennen gelernt habe. Aber was ich sagen kann: Ich bin ein anständiger und freundlicher Mensch geworden. [24]
Die jungen Menschen, die damals an diesem Experiment beteiligt waren, haben tatsächlich einen erstaunlichen Weg gemacht, was ihre Ausbildung betrifft. Aber ermöglicht wurde das vermutlich vor allem durch eine konsequente und umfassende Unterstützung, nicht zuletzt auch in finanzieller Hinsicht, sicher auch dank der uneigennützigen Mithilfe vieler freundlicher Mitmenschen. Auf jeden Fall erlebte ich auch später immer wieder solche Entwicklungen, und dies ohne Einbezug des sexuellen Aspekts. Auch Lebensfreude wurde wieder möglich.
Drittens: Ebenso wenig dürfte stimmen, dass eine „Befreiung“ der Sexualität in der Kindheit erworbene psychische Belastungen aufzulösen vermag. Auch das ist nach meinen Beobachtungen nicht der Fall. Immer wieder lernte ich Menschen kennen, die nach eigenem Bekunden durchaus ein erfülltes Sexualleben hatten, aber immer noch an traumatischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit litten. Das spricht überhaupt nicht gegen sexuelle Beziehungen. Aber man sollte deren heilsame Wirkung nicht überschätzen. Reich selber sei später in diesem Punkt von seinem Konzept abgerückt, berichtet sein Schüler Alexander Lowen. [25] Er habe sich in die Ansicht gerettet, der Kapitalismus hätte die Menschen derart vermurkst, dass da therapeutisch nichts mehr zu reparieren sei.
Einen weiteren Punkt habe ich in meinem Brief an Markus bereits angesprochen: Seither sind sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen sehr viel stärker kriminalisiert worden. Ich würde so etwas heute auch deshalb nicht mehr unternehmen, weil allein schon durch die allgemeine Ablehnung die jungen Menschen in eine fürchterliche Zwickmühle kämen. Und das wäre im höchsten Masse kontraproduktiv. Es wäre das genaue Gegenteil von dem, was ich damals erreichen wollte. Genau dieses Problem bestand aber eigentlich schon damals. Die Umwelt dieser jungen Menschen war ja bei weitem nicht so fortschrittlich gesinnt und aufgeschlossen, wie wir alle uns das gewünscht hätten. Auf jeden Fall erfuhren diese die Diskrepanz zwischen dem, was sie da erlebten und dem, was auch damals allgemein und auch bei ihnen zu Hause und in ihrer unmittelbaren Umgebung als „richtig“ galt. Und das konnte, nein, das musste schon damals für einige sehr belastend sein.
II ... und deren Folgen
Zur Erinnerung: Tabus sind Meinungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bedroht ist. Ausschluss aus der Gemeinschaft? Was heisst das in meinem Fall?
Jürg Jegge ist quasi über Nacht von der pädagogischen Lichtgestalt zur Unperson geworden. Sein Lebenswerk ist zerstört, seine Bücher haben jeden Wert verloren. Nie mehr wird jemand daraus zitieren oder diese ernsthaft konsultieren. Jürg Jegge ist zum geächteten Mann geworden. [26] So der Zürcher „Tagesanzeiger“.
Mein Weg von der Lichtgestalt zur Unperson lässt sich sehr genau nachvollziehen: Davon zeugen Zeitungsartikel, Produktionen und Berichte des Fernsehens, des Radios, ein „wissenschaftliches“ Buch, offizielle Untersuchungen und die Berichterstattung darüber in den Medien. Interessant ist, wie dabei immer wieder neben dem Tabubruch „sexuelle Übergriffe“ auch immer wieder der Tabubruch „Schule“ ins Blickfeld gerät. Die Dokumente sind nach Möglichkeit chronologisch geordnet, so wie sie eben bei mir ankamen.
Ein Beitrag sticht aus dem ganzen Wust hervor: die Stellungnahme des pensionierten Reutlinger Pädagogikprofessors Gotthilf Gerhard Hiller. Der liefert eine erste Einordnung dessen, was da alles berichtet, herausgefunden, vermutet, behauptet, unterstellt wurde. Das war für mich sehr hilfreich und dürfte es auch für die Leserin, den Leser sein.
Öffentliches Erregnis
Den Ausdruck prägte vor Jahren ein Sonderklässler. Ich finde, er ist von grosser Sprachgewalt und passt hier ganz genau. Es geht im Folgenden um Pressereaktionen. Dabei wollen wir uns zunächst auf die Printmedien beschränken.
Dienstag, 4. April 2017
Die mir von Hugo Stamm telefonisch angekündigte Pressekonferenz findet also statt. Ich berate mich noch kurz mit meinem Anwalt. Wir sind beide der Meinung, wir sollten keinen Versuch unternehmen, das Ganze per superprovisorischer Massnahme noch zu bremsen. Wir würden dem Buch damit höchstens zusätzliche Werbung verschaffen.
Das Buch hat eine Brisanz, die das ganze Land nicht nur interessieren, sondern erschüttern wird. So stand’s in der Einladung zur Pressekonferenz. Und mit zittriger Stimme habe man dort die Bombe platzen lassen, ist nachher irgendwo zu lesen.
Schon bald kommen Telefonanrufe von Journalistinnen und Journalisten. Ich sage allen das Gleiche: Ich muss das Buch zuerst lesen. Dann kann man gerne mit mir darüber reden. Einige kommen gleich persönlich vorbei und läuten an der Haustür. Ich tauche ab. Ich will das Buch ungestört lesen.
Für den Abend ist noch eine Sitzung angesagt, in der zum Schaffhauser Atelier A zugehörigen Stadtrandschule. Da bin ich für die Presse sowieso unerreichbar. An dieser Sitzung gebe ich meinen sofortigen Rücktritt aus dem Vorstand und dem Beirat von Atelier A und Stadtrandschule bekannt. Ich will nicht, dass diese beiden Institutionen in die Schusslinie geraten.
Mittwoch, 5. April
Ebenso halte ich’s am nächsten Morgen mit dem Märtplatz, dessen Ehrenpräsident ich ja bin und dem Schaffhauser „Fürzüg“. Im Märtplatz-Büro sind sie ganz erleichtert. Sie hätten gerade auch beschlossen, mir so einen Schritt nahe zu legen, sagen sie. Wir einigen uns am Telefon auf „gegenseitiges Einverständnis“. Im Übrigen bin ich am Lesen des Buchs. Da muss ich mich konzentrieren.
Donnerstag, 6. April
Viele Anrufe, Mails, SMS. Anfragen der Presse für Interviews. Tadel („Du hast schwer gefehlt. Das Einzige, was du jetzt noch tun kannst, ist...“), Bedrohung („Zeig dich ja nie wieder in Österreich“). In einem Brief werde ich massivstens bedroht. Er ist unterschrieben mit „Sieg Heil!“ Ich schicke ihn meinem Anwalt, der leitet ihn an die Staatsanwaltschaft weiter.
Es kommt aber auch Mutmachendes, Unterstützendes. Von ehemaligen Schülern, Märtplätzlerinnen und Märtplätzlern und vielen weiteren Freunden und Bekannten. „Ich weiss, was du für mich getan hast, und ich bin dir heute noch dankbar dafür“, oder „ich kenne dich seit langer Zeit, für mich bleibst du der alte“, so in der Art. Es ist mehr Zuspruch als Tadel, was da bei mir herein kommt. In die sozialen Medien und speziell in die „Kloaken der Kommunikationsfunktion“ der Printmedien (wie sie der Journalist René Zeyer treffend nennt) schaue ich erst gar nicht.
Freitag, 7. April
Dieser Freitag beginnt eigentlich schon am späteren Donnerstagnachmittag. Da klingelt es an der Haustür. Zwei Damen stehen davor. Sie kämen vom „Sonntagsblick“ und möchten ein Interview mit Foto. Da ich das Buch jetzt gelesen habe und nach Rücksprache mit meinem Anwalt und einem Medienexperten entschlossen bin, ein paar Interviews zu geben, bitte ich die beiden herein. Es wird ein recht angenehmes Gespräch, auch wenn das, was ich da berichte, die beiden sichtlich irritiert.
Ich habe mich nämlich dazu entschieden, von Anfang an offen zu sein und zu berichten, was da wirklich war. Ich will nichts beschönigen. Ich finde, das bin ich den damals Beteiligten schuldig. Ich bitte die beiden Journalistinnen auch, nichts davon vor Freitagabend zu veröffentlichen, damit die Medien nicht gegeneinander ausgespielt würden. Worauf sie mich fragen, ob ich etwas gegen eine Veröffentlichung des Interviews im „Blick“ vom Samstag hätte, da ich die Gespräche mit den andern Medien ja nächstentags abhalte und sie am Sonntag wie die alte Fasnacht mit ihrer Neuigkeit daherkämen. Dagegen habe ich nichts. Sie halten sich fair an unsere Abmachung.
Den ganzen Freitag bin ich mit diesen Interviews beschäftigt: Tagesanzeiger, NZZ, Landbote, Fernsehen, Radio. Ich sage allen ungefähr das Gleiche: Ja, was Markus Zangger erzählt, stimmt im Grossen und Ganzen, auch wenn ich so ziemlich alle Details ganz anders in Erinnerung habe. Und er war nicht der Einzige. Es betrifft noch ein paar weitere damals junge Menschen. Eine genaue Zahl will ich nicht nennen, sonst hätte das eine gewaltige Ausgrabungs-Aktion der Presse zur Folge, aber, sage ich, es waren weniger als zehn. Ich denke, es muss jedem Einzelnen der Betroffenen überlassen sein, ob er sich da „outen“ mag oder nicht. Ich versuche auch zu erklären, warum ich damals so gehandelt hatte und dass ich nicht der Einzige mit solchen Ideen gewesen sei. Und dass ich heute in dieser Sache anders denke als damals, und warum. Aber dass es mir sehr leid tue, wenn bei Betroffenen seelische Schäden entstanden sein sollten.
Auch jetzt sind die Irritationen deutlich spürbar. Einige der Interviews wachsen sich zu regelrechten Verhören aus, und ich kann fast körperlich spüren, wie ich in deren Verlauf in den Augen der Gesprächspartnerin, des Gesprächspartners abstürze. Andere wiederum bleiben respektvoll. Auf jeden Fall bin ich heilfroh, als ich das Ganze hinter mir habe.
Später, am Nachmittag und Abend dann die Artikel zum Gegenlesen. Es ist wie immer: Es steht nichts drin, was ich nicht gesagt hätte, aber es steht lange nicht alles drin, was ich gesagt habe. Sei’s drum. Ich habe mich, denke ich, in meinem bisherigen Leben in ausreichendem Masse für die Schaffung möglichst günstiger menschlicher Entwicklungsbedingungen eingesetzt. Viele haben das mitbekommen. Mit dieser Geschichte habe ich damals einen schweren Fehler gemacht. Aber ich verlasse mich jetzt einfach darauf, dass man mir zumindest gute, zuallermindest keine böse Absicht zugestehen wird. Und dass vielleicht auch meine Offenheit respektiert wird. So naiv kann man hin und wieder sein. Zumindest ich.
Der „Blick“ übernimmt offenbar die Führung. Am Dienstag, 4. April 2017, im „Blick am Abend“, wird kurz über die Buchpräsentation berichtet. Buch enthüllt: Jürg Jegge soll Kinder missbraucht haben. Daneben ein Foto mit dem Text: Gefallener Held. Das neue Buch von Autor Markus Zangger zerstört das einstige Bild von Jürg Jegge (73).
Am nächsten Tag dann der ausführliche Bericht. Markus Zangger berichtet, er habe es erst mit 27 Jahren gewagt, ... seinem einstigen Lehrer zu sagen, dass er nicht mehr angefasst werden möchte. Titel: Bei BLICK meldet sich noch ein Opfer von Star-Pädagoge Jürg Jegge. Wie viele Schüler hat er missbraucht? Im Text: Nach der Publikation der Vorwürfe meldete sich gestern ein weiteres mutmassliches Opfer von Jegge bei BLICK: „Ich bewundere Markus Zangger für seinen Mut, den ersten Schritt zu machen“, sagt der 51 jährige Mann, der anonym bleiben möchte. 22 Jahre alt sei er gewesen, als er in der Stiftung Märtplatz begonnen habe.
Am Tag darauf wird diese Geschichte ausgebreitet: Ein zweites Opfer erhebt schwere Vorwürfe gegen Pädagoge Jürg Jegge. Matthias Dobler (Name von der Redaktion geändert) war 22 und Lehrmeister am Märtplatz – ein ganz ausgezeichneter, hochbegabter junger Fachmann. Heute wird berichtet, er sei psychisch instabil gewesen. Er selber sagt: So absurd es heute klingen mag, aber das war die beste Stelle, die ich je hatte. Ich bin wegen der Übergriffe seelisch verarmt. Gleichzeitig bin ich aufgeblüht, weil ich gefördert wurde und viel lernte. Am Dienstagmorgen um 8 Uhr (die Pressekonferenz begann übrigens erst um zehn Uhr) liest er im Internet auf einer News-Webseite von Markus Zanggers Buch. Dobler wird schlecht, er fühlt sich wie gelähmt. Dann bricht es aus ihm heraus: Er erzählt seiner Frau zum ersten Mal in seinem Leben von jenen sechs Jahren, in denen er von Jegge „psychisch und sexuell missbraucht wurde“. BLICK trifft ihn am Tag nach den Enthüllungen.
Titel am Freitag, 7. April: Nach Missbrauchs-Vorwürfen gegen Reform-Pädagoge Jürg Jegge steht der Lehrerverband unter Schock.
Am Samstag dann das Interview mit mir. Jürg Jegge nimmt zum ersten Mal Stellung zu den Missbrauchs-Vorwürfen.
Im „Sonntagsblick“ (9. April) gleich neun Artikel. Im Netz des Jägers. Wie der Star-Pädagoge die Opfer manipulierte. Weiter: Erstmals spricht jetzt das Opfer Daniel Zangger. „Jegge hat mein Leben zerstört.“ Daniel ist Markus Zanggers Bruder (der Leser dieses Buches kennt seinen Namen vom Brief des Rechtsanwalts). Er ist jetzt 62 Jahre alt. Erstmals will er über etwas sprechen, das ihn seit seiner Kindheit belastet. Und später: Erst mit 27 Jahren (also im gleichen Alter wie sein Bruder?) traut er sich, Nein zu sagen. Aber er habe schliesslich trotz der Übergriffe die Kurve gekriegt (er machte als 30jähriger am Märtplatz erfolgreich eine Berufslehre, ein paar Jahre später auch wieder am Märtplatz einen Versuch als Ausbildner, der aber im gegenseitigen Einverständnis abgebrochen wurde). Erst als sein Bruder Markus ihn darauf anspricht, brechen die alten Wunden wieder auf. Und auch beim (mir unbekannten) Bestseller-Autor Philipp (er ist mit einem „Offenen Brief“ in diesem „Sonntagsblick“ dabei) reissen die Schlagzeilen zur Causa Jegge nun unvermittelt die kaum verheilten Wunden von damals wieder auf, wie der Chefredaktor im Editorial erklärt. Den Abschluss macht eine Umfrage unter Alt-68ern: War 68 eine hohe Zeit für Pädosexuelle? Von den acht offenbar Angefragten antworten sechs. Hier zwei unterschiedliche zur Auswahl:
Pädophilie ist etwas vom Schlimmsten, das es gibt. Sie war damals eine Sauerei. Und sie ist es noch heute. (Marc „Cuco“ Dietrich (68), Sänger, ehemals Peter, Sue & Marc). Peter, Sue und Marc war eine in den Siebzigerjahren in der Schweiz sehr erfolgreiche Songgruppe.
In meinem Leben hatte ich mehr Glück als Markus Zangger und Jürg Jegge. Offenbar passte ich als Kind und Jugendlicher nie ins Beuteschema gut getarnter pädophiler Seelenhirten. Im Gegensatz zu vielen meiner Freunde. Später, im Dunstkreis von 68, hätte ich dann ohne weiteres vom möglichen Opfer zum handfesten Täter werden können. Die Stimmung war damals tatsächlich besoffen. Oder sagen wir, hedonistisch beduselt. Und die ideologische Rechtfertigung war wortreich. Sie hörte sich an wie Denken. War aber noch viel schwammiger als Jürg Jegges Interviews heute. Nur merkte man es nicht. Ich will hier genau sein: Ich hatte mehr Glück als Verstand. Minderjährige zu missbrauchen, war nie mein Ding. Aber vor lauter Dummheit irgendwelche Frauen schwängern und mich so schuldig machen, das wäre durchaus zeitgemäss gewesen. Dummheit kann eben auch angeboren sein, stelle ich heute bei mir fest. Nicht nur lernbar. (Klaus Heer (74), Paartherapeut.)
Seit Dienstag, dem Tag der Pressekonferenz, waren im „Blick“ bis zum Sonntag (den „Sonntagsblick“ mit eingerechnet) insgesamt 18 Artikel erschienen, inklusive die dazu gehörigen kleineren Hinweisartikel (Kasten). Zum Vergleich: Im „Tagesanzeiger“ (inkl. „Sonntagszeitung“) waren es 12, in der NZZ (mit „NZZ am Sonntag“) deren 6 (die Kasten auch hier mitgezählt). Auch warteten „Blick“ & Co. in dieser knappen Woche gleich mit zwei weiteren „Jegge-Opfern“ auf, während die andern Gazetten im besten Fall davon berichteten, es hätten sich solche gemeldet, und zwar, eben, bei „Blick“.
Am Montag, dem 10. April kommt noch folgende E-Mail bei mir an:
Guten Tag, Jürg
Gerne hätte ich mich unter erfreulicheren Umständen gemeldet, nachdem wir uns erst vor gut drei Wochen an der Preisverleihung des diesjährigen „Der Bund“-Essaywettbewerbs persönlich kennengelernt und kurz miteinander gesprochen haben. Ich möchte Dich darüber informieren, dass wir die Zusammenarbeit aufkündigen und Deine bei uns erschienenen Bücher
Dummheit ist lernbar, Abfall Gold, Angst macht krumm, Die Krümmung der Gurke
per sofort aus dem Verlagsprogramm nehmen. Eine Mitteilung folgenden Inhalts versenden wir heute an die Medien und Handelspartner:
„Als Reaktion auf den von Jürg Jegge eingestandenen sexuellen Missbrauch Minderjähriger hat der Zytglogge Verlag beschlossen, die Zusammenarbeit mit dem Autor zu beenden und die Lieferung seiner noch im Verlagsprogramm befindlichen Titel per sofort zu stoppen. Zytglogge distanziert sich in aller Form und auf das Entschiedenste von jedweder Form des sexuellen und psychischen Missbrauchs von Kindern, Jugendlichen, Schutzbefohlenen oder in einem Abhängigkeitsverhältnis stehenden Personen.“
Dies zur Kenntnisnahme. Thomas Gierl, Verlagsleiter Zytglogge Verlag AG
Das Gewitter der ersten Woche wächst sich jetzt zu einem veritablen Unwetter aus.
Ich habe die einschlägigen Zeitungsartikel aufgelistet, soweit sie für mich im Internet noch erreichbar waren. Es sind in den Monaten April und Mai insgesamt über hundert. Sie, zumindest ihre Titel, finden sich im Anhang 2. Bei dieser Zählung wird nicht berücksichtigt, dass zum Beispiel Artikel im Zürcher „Tagesanzeiger“ meist gleichzeitig auch im Berner „Bund“, solche im „Landboten“ auch in der „Berner Zeitung“ usw. erschienen. Also, die Zahl der erschienenen Berichte ist auf jeden Fall noch um einiges grösser. Sechs der Artikel geben die Interviews mit mir wieder. Bei elf weiteren schimmert zumindest ansatzweise durch, dass es noch eine andere Sicht auf die Ereignisse geben könnte als die der allgemeinen Entrüstung. Ein einziger Autor unternimmt den waghalsigen Versuch meiner Verteidigung. (Wegen seiner Seltenheit steht der Beitrag im Anhang 3. Er erschien übrigens in der nicht eben als Hauspostille der Altlinken bekannten „Weltwoche“.)
Bleiben etwas über sechzig Artikel. Gut zwanzig davon, also etwa ein Drittel, sind redaktionelle oder sonstwie journalistische Kommentare, die, mit einer Ausnahme, alle in die gleiche Richtung zielen. Da zeigt sich wenn schon keine Vielfalt, so doch eine erstaunliche Dichte der Meinungen.
Bei der Durchsicht der Artikel sind mir fünf Dinge aufgefallen:
1. Als „Lichtgestalt der Pädagogik“, als „Superpädagoge“, ja „Starpädagoge“ hat mich bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemand bezeichnet. Ich erfuhr solche Ehrungen in dieser Häufung erst jetzt. Da dürfte es vor allem darum gegangen sein, für den „tiefen Fall“ die nötige Fallhöhe herzustellen.
2. Ich hatte, abgesehen von den Interviews am 7. April, gegenüber der Presse geschwiegen. Man erfuhr also von mir selber recht wenig. Überdies war ich in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit eher unauffällig geblieben. Im Journalismus waren mittlerweile viele jüngere Leute zugange, die von mir noch nie etwas gehört hatten. Ein im Berufsfeld tätiger Freund hat mir berichtet, er sei, als die ganze Welle losging, mehr als einmal gefragt worden: „Wer ist das überhaupt?“ Und da, so scheint es mir, behalf man sich meist mit einer Kunstfigur, dem „landläufigen Missbraucher“, über den man umso mehr wusste.
Es gibt, zum Beispiel, offenbar zweierlei Missbraucher. Der eine zeigt, wenn seine Taten publik geworden sind, öffentlich tiefe Reue. Die muss aber in genauer, allgemein anerkannter und erwarteter Form gezeigt werden. Etwa so, wie es uns ertappte amerikanische Filmschauspieler vormachen. Tut er das nicht oder formuliert er das anders, so gehört er zu den andern, zu denen, die sich herausreden, billig rechtfertigen, verharmlosen, uneinsichtig bleiben. (Wenig Einsicht, kaum Reue titelte die NZZ.)
Der Missbraucher ist auch ein Allrounder. Hatte er etwas mit Jugendlichen, so hatte er sicher auch etwas mit Kindern. Da spielt das Alter keine Rolle (im Gegensatz dazu ist das Strafgesetz in diesem Punkt sehr genau, und das mit guten Gründen). Ferner ist der Missbraucher als Nachbar vor seiner Entdeckung unauffällig, freundlich zu jedermann. („Er grüsste alle, verneigte sich fast beim Hallosagen“, berichtete eine Frau aus meiner Wohngemeinde Rorbas dem „Tagesanzeiger“. Tatsächlich grüsst man sich in Rorbas noch auf der Strasse.) Auch dass der Missbraucher ein Faible für Kultur hat und sogar junge Menschen zu Theateraufführungen und dergleichen überredet, ist typisch für ihn. Und wenn seine Taten ans Licht kommen, dann wartet bestimmt noch eine grosse „Dunkelziffer“ an unentdeckten Fällen.
3. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass sich die Presse zumindest in der Anfangsphase mir gegenüber einer gewissen Zurückhaltung befleissigte. So verzichtete beispielsweise der „Blick“ darauf, mir eine Kennzeichnung wie „Pädomonster von Rorbas“ oder so zu verpassen. Ich blieb mehr oder weniger immer „Jürg Jegge (74)“, allenfalls „Jegge (74)“. (Den „Grüsel der Nation“ in der „Sonntagszeitung“ habe ich mir selber zu verdanken. Ich hatte den Ausdruck im Interview ironisch erwähnt.)
4. Sehr auffallend scheint mir: In einem einzigen Nebensatz eines einzigen Artikels wird erwähnt, dass der von mir fast dreissig Jahre lang geleitete Märtplatz durchaus erfolgreich arbeitete. Ein Missbraucher ist ausschliesslich Missbraucher und sonst nichts.
5. Schliesslich löste sich die Kunstfigur des Missbrauchers vollends von mir. In der „Aargauer Zeitung“ erschien ein Artikel: Opfer von Jürg Jegge: „Es gibt keine Entschuldigung“. Darin wurde berichtet, in einer Talk-Sendung am Privatfernsehen sei eine ehemalige Schülerin aufgetreten, die von mir als 12-Jährige sexuell belästigt worden sei. Jegge bestreitet die Beziehung nicht, aber jede strafbare mutmassliche Handlung. Das wird dann weiter liebevoll ausgeführt. Die Dame, sie wurde Joana A. genannt, war mir völlig unbekannt, und so schaute ich mir im Internet die Aufzeichnung der Sendung an. Diese wurde zwar vom Moderator eingeleitet, indem er auf meine eben publik gewordene Geschichte Bezug nahm, aber nachher war von mir nicht mehr die Rede. Es wurde nur noch vom „Lehrer“ gesprochen, nämlich von Joanas ehemaligem Lehrer. Die junge Frau zu einem Opfer von Jürg Jegge werden zu lassen, war offenbar eine Eigenleistung des Zeitungsjournalisten. Der Artikel ist heute noch auf der Seite der „Aargauer Zeitung“ im Internet zu lesen. Er wird im Anhang 3 abgedruckt.
3. September 2018
Aber auch so etwas lässt sich noch steigern. Der „Beobachter“, eine Zeitschrift mit hohem moralischem Anspruch und entsprechendem Ruf, vergibt jedes Jahr den „prix courage“ für besonders mutigen zivilgesellschaftlichen Einsatz. Nebst anderen war dieses Jahr auch Markus Zangger vorgeschlagen: Er habe den „Lehrer der Nation“ als pädophil entlarvt.
Der Journalist führt das näher aus und greift dabei tief in die Kiste: Markus Zangger wacht schweissgebadet auf. Mitten in der Nacht. Der Postautochauffeur aus Embrach ZH hat von seinen Teenagerjahren geträumt. Von seinem Lehrer Jürg Jegge, der sich nackt zu ihm ins Bett legt, ihm zwischen die Beine greift und dabei onaniert. Das sei eine „Therapie“.
Zangger war 13 Jahre alt, als der Missbrauch begann. Erst als junger Erwachsener schleuderte er seinem ehemaligen Lehrer entgegen: „Mein Körper gehört mir!“
Ein Vierteljahrhundert hat Markus Zangger geschwiegen. Nach dem Tod seiner Frau öffnet er sich. [...] An einer Medienkonferenz outet er Jürg Jegge als Pädophilen. Der gefeierte „Lehrer der Nation“ stürzt vom Thron.
Ein Dokfilm enthüllt später, dass Markus Zangger nicht das einzige Missbrauchsopfer von Jürg Jegge war. Eine Untersuchung des Kantons Zürich zeigt, dass Jegge „die Abhängigkeit seiner Schüler auf schrecklichste Art missbraucht hat“.
Mit 60 Jahren findet Markus Zangger erstmals im Leben innere Ruhe. Seine Tochter erkennt ihn fast nicht wieder, so befreit ist er. Die Migräne ist verschwunden. Entfernte Bekannte outen sich ihm gegenüber erstmals. Eine Wildfremde sagt zu ihm, sein Buch habe sie ermutigt, nicht mehr zu schweigen.
Von diesem Dokfilm und von der Untersuchung wird weiter hinten in diesem Buch noch berichtet werden. Allerdings zeigt die angesprochene Untersuchung des Kantons einiges auf, aber nichts von dem, was hier behauptet wird.
Ich habe mich bei der Darstellung der öffentlichen Reaktionen hauptsächlich auf die gedruckte Presse beschränkt. Es wären auch andere Schwerpunkte möglich gewesen: Fernsehen, Radio, die ganzen Internetformate... Alle diese Reaktionen darzustellen, würde einigermassen unübersichtlich. Und ausserdem soll das hier ja keine Jeremiade werden. Die hier vorgestellten Reaktionen lassen sich überprüfen. Die Zeitungen haben ihre Internet-Archive.
In der Untersuchung „Die Schweiz und ihre Skandale“ steht zur Rolle der Presse bei Skandalgeschichten, es sei ...zwar nicht falsch, dass die Medien heute in einem stärkeren Masse als früher skandalöse Vorgänge thematisieren, ja sogar Ereignisse zu Skandalen heraufstilisieren, die bei näherer Betrachtung wenig aufsehenerregend sind. Dies ist ganz direkt eine Folge der vermehrten Konkurrenz. Falsch ist allerdings die Vorstellung, dass die Medien quasi aus dem Nichts einen Skandal produzieren können. [27]
Geschrieben wurde das Buch im Jahr 1995. Seither hat sich diese „vermehrte Konkurrenz“ sehr verschärft. Nicht nur zwischen den einzelnen Medien. Auch innerhalb eines Blattes geht es darum, wessen Artikel im Internet häufiger angeklickt wird. Zudem steht den Medienmenschen für ihre Arbeit heute deutlich weniger Zeit zur Verfügung, da muss manchmal bei Recherchen einigermassen grosszügig gearbeitet werden. Und durch die neuen Kontaktfunktionen, dank derer jede und jeder seine Meinung ungebremst und ohne Verzögerung in die digitale Welt setzen kann, hat das alles eine zusätzliche Dynamik entwickelt.
In einem Kapitel seines Buchs „Die grosse Gereiztheit“ beschreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auch den wirtschaftlichen Teil dieser Dynamik. Es habe, erklärt er, ... die PR-Industrie massiv aufgerüstet und der Markt der Werbeeinnahmen ist eingebrochen, weil lukrative Anzeigen ins Netz abwandern und die Etats schrittweise in Richtung der Digital-Giganten (vor allem Google und Facebook) umgeschichtet werden. Insbesondere Printmedien bzw. Tageszeitungen befinden sich in einem verschärften Existenzkampf. Ihre Auflage bröckelt, ihre Rendite schwindet. [28]
Auf jeden Fall, nach meinem Fall: Wenn ich heute Zeitung lese, Radio höre oder fernsehe, frage ich mich unwillkürlich: Stimmt das eigentlich, was mir da erzählt wird, und vor allem: Stimmt es, wie mir das erzählt wird? Ist da wirklich sauber recherchiert worden, oder hat man da Faktenlücken statt mit Recherchen mit Meinungen und vorschnellen Urteilen zugekleistert?
Schon 1980 hatte der deutsche Professor für Kriminalwissenschaften Hans-Joachim Schneider in seinem Buch „Das Geschäft mit dem Verbrechen“ geschrieben, Kriminalitätsnachrichten würden ... vor allem auch deshalb gelesen, weil sich der „normale“ Bürger vom Kriminellen abheben und weil er sich immer wieder seine Normalität bestätigen lassen will. Zeitungsredaktionen versuchen, den bestehenden Vorurteilen und Stereotypen ihrer Leser entgegen zu kommen, weil sie die von ihnen gemachten Zeitungen verkaufen wollen. [29] Das mit der „Normalität“ ist heute um einiges komplizierter. Und Zeitungen lassen sich immer schwerer verkaufen.
Aber damals wie heute braucht es dazu eine Tat oder einen Umstand, den zu skandalisieren sich lohnt. Und es braucht eine Umwelt, die bereit ist, auf die vorgebrachte Meldung mit gesteigertem Interesse, mit Empörung oder mit Abscheu, auf jeden Fall mit Erregung zu reagieren. Darum berichten die zahlreichen Artikel nicht nur von meinen Missetaten, sie geben zugleich Auskunft über die Gesellschaft, für die hier berichtet wird.
Flurbereinigung nach dem Unwetter
Hat ein Unwetter Flurschäden angerichtet, geht es baldmöglichst ans Aufräumen. Oft geht man dabei, wenn einmal unterwegs, sehr gründlich vor: der alte Baum, der beim nächsten Unwetter entwurzelt werden könnte, wird sicherheitshalber gefällt, der gekieste Weg wird begradigt und geteert, der schon lang dastehende Holzschopf abgerissen, so entsteht Platz für die neue Garage. Aufräumen mit der Abrissbirne. Das ist in unserem Fall nicht anders. Drei Baustellen möchte ich etwas genauer beschreiben: den Märtplatz, das Atelier A in Schaffhausen und die in unserem Zusammenhang immer wieder erwähnte „Reformpädagogik“.
Es war vorhersehbar, dass meine Geschichte den Märtplatz in Schwierigkeiten bringen würde. Vorab stellten sich zwei Probleme. Zum einen war und ist er wie die meisten vergleichbaren Institutionen auf Spenden angewiesen. Es war überhaupt nicht abzusehen, wie sich mein Fall auf die Spendenfreudigkeit auswirken würde. Das kam auch deshalb höchst ungelegen, weil man gerade mit einem grossen Bauvorhaben begonnen hatte und dafür erst recht zusätzliches Geld brauchte. Zum andern stellte sich eine „innere“ Problematik. Unter den Lehrlingen waren auch solche mit eigener Missbrauchserfahrung. Was war zu tun, dass die nicht von neuem belastet würden? Das waren die Fragen, die den Märtplatz umtrieben. Märtplatzleitung und Stiftungsrat zogen einen professionellen Berater bei.
Ich hatte, gleich nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren, meinen Rücktritt als Ehrenpräsident der Stiftung erklärt. Nun ging man vollends auf Distanz. Ich erhielt mit dem Datum vom 10. April einen eingeschriebenen Brief:
Lieber Jürg
Der Stiftungsrat der Stiftung Märtplatz hat an seiner Sitzung vom letzten Donnerstag, 6. April 2017 entschieden, deinen Beratervertrag ordentlich auf drei Monate [...] zu künden. Ein entsprechendes Kündigungsschreiben wirst du mit separater Post erhalten. [...] Die Mitteilungen in der Presse beschäftigen viele Menschen am Märtplatz sehr. Insbesondere haben auch einzelne Lernende, die in der Vergangenheit mit dem Thema Übergriffe konfrontiert waren, stark reagiert. Wir bitten dich, bis auf weiteres den Märtplatz nicht persönlich zu besuchen. Natürlich können wir dir weiterhin Unterstützung in den uns möglichen Bereichen, wie IT etc. anbieten. Bitte wende dich mit entsprechenden Anliegen nicht direkt an die Berufsbildner, sondern an (hier werden Märtplatzleiter und Leiter Administration genannt), damit sie die interne Koordination übernehmen können.
Freundliche Grüsse
Präsident des Stiftungsrates (Unterschrift) Märtplatzleiter (Unterschrift)
(Da ich mir seinerzeit für die Märtplatz-Gründung das in der beruflichen Pensionskasse angesparte Altersguthaben hatte auszahlen lassen, verfüge ich nur über eine ungenügende Altersvorsorge. Aus diesem Grunde hatte der Stftungsrat mir bei der Pensionierung den erwähnten Beratervertrag ermöglicht.)
In der Presse tönte das alles dann etwas anders: Jetzt haben die Verantwortlichen der Institution den endgültigen Bruch mit dem Gründer vollzogen. Seit letzter Woche ist Jegge nicht mehr Ehrenpräsident. Vor einigen Tagen hat die Leitung gegen Jegge sogar ein Hausverbot erteilt. Er darf das Gelände, das er dreissig Jahre lang geprägt hat und das in Gehdistanz zu seinem Haus liegt, nicht mehr betreten. Laut Stürzinger (dem jetzigen Märtplatzleiter) ist die drastische Massnahme notwendig – im Märtplatz arbeiten Junge mit verschiedensten Lebensgeschichten; auch solche, die Ähnliches erlebt haben wie Jegges Opfer. „Es sind uns einzelne Lehrlinge bekannt, die selber, bevor sie zum Märtplatz kamen, missbraucht wurden.“ Diesen Leuten sei nicht zuzumuten, „dass sich ein geouteter Täter an ihrem Arbeitsplatz aufhält.“ Jegge habe das Rayonverbot zur Kenntnis genommen.
Was die Lehrlinge mit Missbrauchserfahrung betrifft: Selbstverständlich musste man die vor neuen Verletzungen schützen. Aber da wären wohl verschiedene Lösungen möglich gewesen.
Auch meine E-Mailadresse wurde geändert. Sie hatte auf „@maertplatz.ch“ gelautet. Das richtete mir der Medien-Lehrmeister neu ein. Ich selber hätte das nicht gekonnt.
Im zitierten Sonntagszeitungs-Artikel steht auch: Stürzinger setzt seit seinem Antritt als Märtplatz-Leiter andere Akzente. Er hat die Ausbildung professionalisiert und fördert die Weiterbildung seiner Leute. Vom Geist der Siebziger, als Gurus in Latzhosen das Interesse der Jugendlichen über alles stellten, ist in Freienstein nicht mehr viel zu spüren. „Ich habe dem Märtplatz die Arbeitswelt nähergebracht“, sagt Stürzinger.
Dem Jahresbericht 2016, verschickt im Juni 2017, lag dann ein Brief bei, in dem stand:
Nach einem turbulenten Frühling ist in der Stiftung Märtplatz wieder Ruhe eingekehrt. Anfang April wurde ein Buch publiziert unter dem Titel „Jürg Jegges dunkle Seite – die Übergriffe des Musterpädagogen“. Der Stiftungsrat und die Geschäftsführung waren tief bestürzt und betroffen von den Missbrauchsvorwürfen, die darin gegen den Stiftungsgründer Jürg Jegge erhoben wurden. Die Missbrauchsvorwürfe betreffen die 1970er-Jahre, als er Sonderschullehrer war. Wir haben uns in aller Form von Herrn Jegge distanziert, das Amt des Ehrenpräsidenten wurde ihm entzogen.
Entzogen? Im April hatten der Märtplatz und ich noch kommuniziert, ich sei „im gegenseitigen Einvernehmen zurückgetreten“. Offenbar gehörte die neue Lesart zu diesen „allen Formen“, in denen man sich von mir distanzierte.
Im Brief des Märtplatzes heisst es weiter:
Herr Jegge ist seit 2011 nicht mehr operativ für den Märtplatz tätig. Der Gesamtleiter ist seit 2011 Kuno Stürzinger. Er hat den Märtplatz kontinuierlich weiterentwickelt, heute sind wir eine moderne und in die Zukunft gerichtete Ausbildungsinstitution...
Und in der DOK-Sendung SRF (Oktober 2017) wird die Stiftungsrätin Hanna Brauchli mit den Worten zitiert, heute arbeite der Märtplatz viel leistungsorientierter.
Damit, denke ich, haben wir die Schwerpunkte dieses Umbauprojekts beisammen: Da ist sicher einmal die Befürchtung eines Rückgangs der Spenden. Das war für den Märtplatz tatsächlich bedrohlich. Zweitens ergab sich für die Märtplatzleitung die Möglichkeit, sich als Krisenmanagerin zu profilieren und sich so von der vorherigen Leitung so deutlich wie immer möglich abzusetzen. Der Märtplatz wurde weit herum immer mit mir in Verbindung gesehen. „Jürg Jegges Märtplatz“, hiess es meist, wenn von unserer Institution die Rede war. Ich habe in meiner ganzen Zeit als Leiter versucht, Gegensteuer zu geben. Zur Gründung, zum Aufbau und zur Weiterentwicklung hatten ja die Lehrmeisterinnen und Lehrmeister mindestens ebenso viel beigetragen, an Ideen und an Einsatz bei deren Verwirklichung. Darauf habe ich immer wieder hingewiesen. Aber so richtig kam das nie an. Jetzt hat der Märtplatz eine andere Leitung. Da ist es klar (und auch völlig in Ordnung), dass sich sein Aussehen verändert. So gesehen verwundert es eigentlich nicht, dass die Absetzbewegung einigermassen schroff ausfiel.
Der dritte Punkt dürfte der interessanteste sein. Es fällt auf, wie oft in den Texten beruhigend betont wird, dass der Märtplatz jetzt viel leistungsbewusster und wirtschaftsnäher arbeite. Da habe ich als alter Latzhosenguru immer eine andere Position vertreten. Dabei ging es mir nicht darum, die Interessen der Jugendlichen über alles zu stellen. Aber:
Entscheidend scheint mir, dass die jungen Menschen einen Beruf erlernen können, der ihren Interessen und Fähigkeiten möglichst entspricht. Dann, dass sie wenn irgend möglich zum Erlernen dieses Berufs die Zeit bekommen, die sie halt dafür brauchen. Das kann vor allem angesichts ihrer Beeinträchtigung länger dauern als allgemein üblich. Die reine Ausbildung kann aber auch einfach während der Ausbildungszeit mehr Aufwand erfordern, was bald einmal auf Kosten einer das Budget aufbessernden Produktion geht. Aber genau deswegen machen sie ja eine von der Invalidenversicherung unterstützte Lehre. Darüber hinaus sollten sie mit möglichst vielen Aspekten des Lebens bekannt gemacht werden, so dass sie nach ihrer Ausbildung möglichst viel mit der Welt und mit sich selber anfangen können. Dann würden sie auch mit den Anforderungen der Wirtschaft eher klar kommen, war die Hoffnung. Die Erfolgszahlen haben uns Recht gegeben. [30] Wichtig war das auch für den Fall, dass sie aus welchen Gründen auch immer keine Arbeit finden würden.
Der Märtplatz hat sich, das zeigen alle die Distanzierungen, von diesem Grundsatz klar abgewendet. Möglich, dass er damit erfolgreich sein wird. Aber das muss sich erst noch herausstellen. Wobei es vor allem darum gehen wird, ob eine berufliche und gesellschaftliche Eingliederung über einige Jahre anhält. Allerdings muss hier noch erwähnt werden, dass zwei weitere Entwicklungen meine beschriebene Position heute erschweren würden: Zum einen sind die Anforderungen in vielen Berufen deutlich gestiegen. Zum andern steht die Invalidenversicherung politisch unter Spardruck und gibt den oft ungebremst an die Institutionen weiter. Es bräuchte heute mehr Phantasie und mehr Mut als damals, um den Grundsatz durchzuhalten. Aber wichtig wäre es mir noch immer.
Martin Helg und seine Frau Susanne hatten das Atelier A im Jahr 1999 aufgebaut. Es arbeitete ähnlich wie der Märtplatz und seine erfreulichen Eingliederungserfolge entsprachen denen des Märtplatz ziemlich genau. 2001 wurde der gemeinnützige Verein Atelier A gegründet. Im Jahr 2010 erweiterte man das Atelier A um die Stadtrandschule, eine für die Eltern zahlbare Privatschule, die ebenfalls bald sehr erfolgreich wurde.
Ich selber war seit Anfang im Vorstand tätig gewesen. Martin Helg hatte mich in dieses Gremium geholt. Auch bei der Weiterbildung der Lehrpersonen in Atelier und Schule hatte ich mitgeholfen. Als Markus Zanggers Buch erschien, bot ich sofort meinen Rücktritt an. Das Atelier A sollte ja nicht in die Schusslinie geraten. Nicht im Traum kam mir in den Sinn, dass der Vorstand gleich selber schiessen würde.
Aber lesen wir in der „Schaffhauser AZ“ [31] nach:
Aufgewühlt durch den Skandal, trat das Ehepaar Helg am 6. April eine Auszeit an – was mit dem Vereinsvorstand abgesprochen war. Thomas Schwarz und Daniel Stauber führten das Institut in der Folge interimsmässig. Allerdings nicht lange.
An der Generalversammlung des Ateliers A vom letzten Donnerstag war der Machtwechsel dann perfekt: Schwarz und Stauber übernahmen die Geschäftsleitung des Ateliers A. Dies entschied der Vorstand um Präsident Heinz Ulmer. Die „ausserordentliche betriebliche Situation“ verlange diesen Wechsel, so die Begründung.
Neo-Leiter Thomas Schwarz sagte darauf sinngemäss: „Der Vorstand beabsichtigt nicht, Martin Helg und seine Frau Susanne in die Leitung aufzunehmen.“
Beide, den Schulleiter Thomas Schwarz und den „Hauspsychiater“ Daniel Stauber, hätte Martin Helg wohl vorbehaltlos als gute Freunde bezeichnet. Bis zu diesem Ereignis.
Wie kommt es, dass an einer Generalversammlung nicht die Anwesenden, sondern der Vorstand entscheidet? Nun, die Generalversammlung hiess den Entscheid des Vorstandes gut. Aber wie es dazu kam, ist schon berichtenswert. Es war nämlich durchaus zu erwarten, dass die Lehrmeister und die Lehrlinge, allesamt den Statuten nach Vereinsmitglieder, einen solchen Wechsel nicht unwidersprochen hinnehmen würden und dass sie sich, wenn es hart auf hart ginge, für Susanne und Martin und nicht für den amtierenden Vorstand entscheiden würden. So kam man dort auf die Idee, ganz kurz vor dieser Generalversammlung einfach die Eltern der Stadtrandschüler ebenfalls zum Eintritt in den Verein zu bewegen. Und wie die sich entscheiden würden, war vorauszusehen, war es doch ebendieser Thomas Schwarz, der Leiter der Stadtrandschule, der sie zum Eintritt eingeladen hatte. An der Generalversammlung sassen statt der wie bisher etwa dreissig Vereinsmitglieder plötzlich etwas über hundert im Saal. So kam eine erdrückende Mehrheit für die Aktion des Vorstandes zustande.
Weiter in der „AZ“:
Drei weiteren Angestellten wurde überraschend gekündigt: der Koch-Lehrmeisterin, der Stadtrandschule-Lehrerin und Martin Helgs Bruder [...], einem Sozialpädagogen. Sie alle arbeiteten seit Jahren beim Atelier A, galten als „alte Garde“, die ein gutes Verhältnis zum Gründerehepaar pflegt.
Als die „az“ Thomas Schwarz mit den Abgängen konfrontiert, gibt er sich einsilbig. „Martin Helg ist nicht entlassen worden“, meint er, und zu den andern Fällen könne er „aus Persönlichkeitsschutzgründen“ nichts sagen. Wir fragen, warum er nun Helgs Job als Geschäftsleiter übernommen habe. „Diese Info kann ich nicht bestätigen, das Protokoll der GV wurde noch nicht abgesegnet.“ Schwarz’ einzige Auskunft: Das ganze Atelier A befinde sich in einer Reorganisation.
Diese erstaunlich substanzlose Art der Information setzt der Vorstand fort. Die AZ berichtet weiter:
Als wir uns gestern Mittwoch per Mail bei Vereinspräsident Heinz Ulmer nach Details zu den Vorfällen erkundigen, folgt wenig später eine offizielle Medienmitteilung. Diese bezeugt, dass Martin und Susanne Helg nicht mehr in der Leitung beschäftigt werden sollen. Dies, weil sie ein Budget mit einem Minus von 350.000 Franken erstellt hätten und sich der Verein in einer „Krise“ befinde. Eine Reorganisation sei daher „zwingend notwendig“. Dabei könne man nicht alle Arbeitsplätze erhalten. „Es gibt keine Alternative“, schliesst das Schreiben.
Am selben Tag erschien auch in den „Schaffhauser Nachrichten“ ein Beitrag:
Als im April die sexuellen Übergriffe des damaligen Präsidenten des Ateliers A, Jürg Jegge, ruchbar wurden, tat das Atelier A das einzig Richtige: Es trennte sich sofort von Jürg Jegge.
Diese Trennung (ich war, wie berichtet, selber zurückgetreten) klang so:
Sehr geehrter Herr Jegge, lieber Jürg
[...] Zudem fordern wir Dich auf, Dich bis auf Weiteres vom Areal des Atelier A fernzuhalten [...]. Solltest Du dem nicht nachkommen, werden wir uns um ein Rayonverbot bemühen. Auch wünschen wir, dass Du auf Kontaktaufnahmen mit Mitarbeitern und Auszubildenden des Atelier A sowie Schülern der Stadtrandschule verzichtest.
Der Präsident (Unterschrift)
Auch aus der erwähnten Medienmitteilung wird in den „Schaffhauser Nachrichten“ zitiert:
„Unabhängig von der Krise im Zusammenhang mit Jürg Jegge steckt das Atelier A in einer grossen finanziellen Krise. Das noch von der alten Geschäftsleitung erstellte Budget geht von einem Minus von 350.000 Franken aus. Dabei wird mit Lehrlingszahlen gerechnet, von denen wir aktuell weit entfernt sind. Mit den aktuellen Lehrlingszahlen muss daher sogar mit einem Defizit von 500.000 Franken gerechnet werden.“ Der Vorstand hat nun Daniel Stauber und Thomas Schwarz mit der dringend notwendigen Restrukturierung des Ateliers A beauftragt. Offenbar im letzten Augenblick, denn, so Heinz Ulmer: „Ohne diese Reorganisation wäre das Atelier A sehr bald handlungsunfähig.“ [32]
Dazu eine Randbemerkung: Das liest sich, als hätte die Geschäftsleitung gemeinsam mit Präsident Jegge das Atelier A in eine finanzielle Krise geführt, aber der neue Vorsitzende glücklicherweise noch rechtzeitig die Notbremse gezogen und die beiden Fachleute mit der Reorganisation beauftragt. Nun sitzt dieser Vorsitzende aber seit allem Anfang im Vorstand und ist seit gut zehn Jahren dessen Präsident. Ich selber sprang nur in einer kurzen Zwischenphase als Präsident ein, aber das ist Jahre her. Das Atelier A besteht seit 17 Jahren, und in der ganzen Zeit wurden die Abrechnungen nach Revision durch die Kontrollstelle vom Vorstand und von der Generalversammlung abgesegnet, unter Dank an die Geschäftsleitung. Von ebendiesem Vorstand, der nun die Geschäftsleitung entliess.
Soziale Institutionen kämpfen immer wieder mit Finanzproblemen. Da bildete das Atelier A keine Ausnahme. Das war auch in all den Jahren, in denen ich im Vorstand mitmachte, öfters vorgekommen. Dieses Jahr würde es besonders schwierig werden, weil die Invalidenversicherung als Hauptauftraggeber in Sachen Atelier A abrupt auf die Bremse trat. Gerechnet wurde im inkriminierten Budget mit der Vollbelegung, also mit 26 Lehrlingen. Aktuell hatte das Atelier A damals 23 Lehrlinge. Es war durchaus realistisch, dass die leeren drei Plätze noch besetzt werden konnten. Das „Budget mit einem Minus“ war als Rohdatensammlung für den Vorstand gedacht gewesen: „So schaut es aus, wenn wir gleich viel verbrauchen und die IV künftig weniger zahlt. Und jetzt müssen wir gemeinsam überlegen, was wir tun können.“ Solche Rohdaten hatte die Geschäftsleitung in andern Jahren auch vorgelegt. Und was tat man diesmal? Man entliess die Geschäftsleitung. Und gleich noch drei weitere Mitarbeitende der „alten Garde“.
Aber Susanne und Martin Helg hat man damit ihr bisheriges Leben zerstört. Sie hatten das Atelier A über Jahre aufgebaut, hatten Freizeit, Geld und all ihre Kraft hineingesteckt. Die Erfolge stellten sich auch ein und waren messbar. Zweimal hatte das Atelier A den in Schaffhausen renommierten „prix vision“ zugesprochen erhalten, auch die im Kanton sehr angesehene Windler-Stiftung unterstützte das Unternehmen. Und jetzt durften die beiden erfahren, sie hätten ihr Atelier in eine Krise geführt, aus der man nur herauskomme, indem man sie beide und ihre nächsten Mitarbeiter entliess. Und dies erfuhren sie von denselben Leuten, mit denen sie ein jahrelanges freundschaftliches Verhältnis verbunden hatte.
Aus dem Vorstand war in jenen Wochen immer wieder zu hören, dass in der Administration des Ateliers ein „Chaos“ geherrscht habe. Das habe sich bei der Übernahme gezeigt. Offenbar hatte das vorher niemand im Gremium wahrgenommen. Also war es vorher entweder so schlimm nicht gewesen, oder aber man hatte diesen Umstand bewusst übersehen. Als einer, der dabei gewesen war, tippe ich auf ersteres. Dass dann bei der eigentlichen Übernahme ein „Chaos“ entstanden sei, kann ich mir lebhaft vorstellen. Das passiert fast immer, wenn einer vom andern eine Arbeit übernimmt und man nicht miteinander reden will oder kann.
Was war also die Grundidee dieses Umbaus? Interessant scheint mir, dass die behauptete finanzielle und administrative „Krise“ zwar mit meinen Verfehlungen in Zusammenhang gebracht, dieser Zusammenhang aber nirgends erklärt wurde. Ging es da ganz einfach um den „guten Ruf“? Wer die Verlautbarungen des Vorstandes betrachtet, dem drängt sich eine weitere Sicht auf: Da bot die „Krise um Jürg Jegge“ die Gelegenheit, die Gründer Susanne und Martin Helg samt der ganzen „alten Garde“ loszuwerden. Die waren nämlich allesamt keine windschlüpfrigen, leicht zu handhabenden Zeitgenossen, und sie hätten sich voreiligen „Notmassnahmen“ gewiss entgegengestellt. So aber konnte man jetzt nach Herzenslust „reorganisieren“ und „restrukturieren“. Was darüber hinaus noch die persönlichen Gründe der beiden Nachfolger waren, bleibt wohl deren Geheimnis.
Nachsatz: Eine Ausbildungsperson, der ich diesen Text zu lesen gab, schrieb mir, ich müsse darüber hinaus noch erwähnen, diese Restrukturierung bedeute für das Atelier A vor allem, ...dass jetzt niemand mehr Zeit habe, mit Lehrlingen und Lehrmeistern zusammenzusitzen und Schwierigkeiten zu besprechen, unorthodoxe Lösungen zu finden, dass also die Reorganisation bedeutet, den Betrieb auf einen xbeliebigen, braven zu reduzieren.
Auf der aktuellen Homepage des „Atelier A“ steht der Satz: Werte wie Toleranz, gegenseitige Rücksichtnahme sowie Anerkennung sind handlungsleitend im pädagogischen Tun.
Beispiel: Der Artikel in der „NZZ am Sonntag“ mit dem Titel: „Jegge – ein Trittbrettfahrer der Reformdiskussion“. [33] Auch er findet sich im Anhang 3. Das Muster: Dieser weithin überschätzte „Reformpädagoge“ (ich selber habe für meine Arbeit den Ausdruck „Reformpädagogik“ kaum je verwendet; er klang mir zu sehr nach gesunder Ernährung) hat durch seine Bücher, die zudem voller Fehler steckten, den Leuten Sand in die Augen gestreut. So blieben seine eigentlichen dunklen Absichten unbemerkt. Eine wirksame Kontrolle, wie man sie heute im Schulwesen kennt und stetig ausbaut, hätte das damals verhindert.
Schon in der Einführung wird das deutlich: Er habe Grosses geleistet als Erzieher und Reformer der Volksschule, verteidigen manche den ehemaligen Sonderschullehrer Jürg Jegge. Sie irren sich. (Schüchterne Frage am Rand: Wo blieben eigentlich diese „manche“?)
„Mit dem echten Pestalozzi ist Jegge insofern vergleichbar, als dieser auch nicht gut unterrichten konnte und trotzdem zum Star-Pädagogen des 19. Jahrhunderts wurde“, wird der emeritierte Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers zitiert, der zumindest mich in all den Jahren nie unterrichten gesehen hat. Und am Ende führt er aus, man sollte trotz allem „Dummheit ist lernbar“ in der Lehrerausbildung lesen. Man sollte sich fragen, warum das alle so toll fanden. So habe ich mir fachliche Diskussionen immer vorgestellt. Nein, ich will nicht ungerecht sein. Eine inhaltliche Aussage macht der Professor auch noch. Er bezeichnet das Buch als Zusammenschrieb von politischen, psychoanalytischen und pädagogischen Schnipseln. Es strotzt nur so von schiefen theoretischen Bezügen, ohne jedoch etwas über den konkreten Unterricht zu lehren. Beispiel oder Beweis bleibt er schuldig.
Vielleicht ist es ganz nützlich, wenn ich einmal meine Karriere als Trittbrettfahrer der Reformdiskussion ausbreite. Wie kann eine Schule aussehen, die den Kindern in all ihrer Verschiedenheit möglichst gerecht wird? Was gibt es bereits für Ansätze, die Schule anders zu denken? Das waren Fragen, die für mich vor Jahren immer wichtiger wurden, je länger ich meinen Beruf ausübte. Da gab es hierzulande die anthroposophischen Waldorfschulen und ein paar Montessori-Kindergärten, aber der Weisheit letzter Schluss schien mir weder das eine noch das andere zu sein. Über einen dritten dieser reformpädagogischen Grossentwürfe, den Jenaplan, schrieb ich damals an der Uni eine Proseminararbeit. Ich las alles, was ich von ihrem Gründer Peter Petersen erwischen konnte: den „kleinen Jenaplan“, die „Führungslehre des Unterrichts“, die drei Bände des „grossen Jenaplans“, den „Ursprung der Pädagogik“, die „Allgemeine Erziehungswissenschaft“, von der es nur den 1. Teil gab. (Ein zweiter Teil ist nie erschienen.)
Die Literatur der klassischen Schulreformer zu Beginn des letzten Jahrhunderts und vor allem in der Zwischenkriegszeit war für mich eine grosse Entdeckung. Rudolf Steiner und Maria Montessori erwiesen sich mit ihren Schulen als die Spitzen eines riesigen Eisbergs, und dieser Berg war viel interessanter als seine Spitzen. Was für eine Fülle an Ideen, Ansätzen und Lösungsmöglichkeiten kam da zusammen! Da lag auch eine Unmenge von konkreten Berichten aus dem Schulalltag vor, die davon zeugten, dass alle diese schönen Ideen auch tatsächlich umgesetzt wurden. Allerdings kauten die Nachfahren der Schulerneuerer oft schwer am Erbe ihrer Lichtgestalten – und kauen heute noch daran. Peter Petersen, so stellte sich mit der Zeit heraus, war ein unbelehrbarer Rassist und Antisemit gewesen. Maria Montessori hatte sich eng auf Mussolini eingelassen. Aber da gab es aus derselben Zeit auch deutlich andere Stimmen. Die Zeitschrift der „entschiedenen Schulreformer“ aus Deutschland, in der wieder und wieder vor dem aufkeimenden Faschismus gewarnt und nach pädagogischen „Gegenmassnahmen“ gesucht wurde, mit einer ganz ähnlichen Stossrichtung die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik“ aus Wien. Ich stiess auf den „Weltbund für Erneuerung der Erziehung“, dessen Schweizer Sektion in der Zwischenkriegszeit von Elisabeth Rotten geleitet wurde, die indische Sektion vom Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore und die englische von einem gewissen Alexander S. Neil aus Summerhill. Mir selber leuchtete am ehesten das Unterrichtskonzept der Jenaplan-Schulen ein. Nach deren Ideen führte ich meine damaligen Oberstufenklassen. Petersens Verstrickung in den Faschismus war mir damals nicht bekannt. Die wurde erst Jahre später thematisiert.
Nicht in Jahrgangsklassen denken und unterrichten – das war doch eine Möglichkeit, mit der Verschiedenheit der Kinder und ihren unterschiedlichen Entwicklungstempi umzugehen. Das bedingte eine andere Unterrichtsorganisation, eine andere Didaktik und Methodik. Da halfen auch die Ansätze des Schulreformers Berthold Otto weiter, der schon zur Zeit der vorvorigen Jahrhundertwende Alternativen ausprobiert und diese in seinen Büchern über die „Zukunftsschule“ beschrieben hatte. Das wurde aber auch heute hierzulande täglich praktiziert in den unzähligen mehrklassigen Schulen (in Deutschland und Österreich nannte man sie „einklassige“ Schulen) in den Berggbieten und in den kleinen Dörfern. Da war, das entdeckte ich mit der Zeit, eine Menge an Erfahrung vorhanden, und die wurde meist gerne weitergegeben. Ich habe bei Hospitationen und in Gesprächen viel von den Kolleginnen und Kollegen der Mehrklassenschulen gelernt. Manche der Berner Kolleginnen und Kollegen waren beeinflusst von den Ideen der Waldorfschule. Sie hatten sich in der „Freien pädagogischen Vereinigung“ zusammengeschlossen. Der trat ich ebenfalls bei, einfach, um Kontakt mit an Veränderungen interessierten Schulleuten zu halten.
Ebenso besuchte ich, allein oder gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, einige der damals noch vorhandenen Reformschulen in Deutschland. Zum Beispiel die Peter Petersen Schule in Frankfurt, die nach dem Jenaplan arbeitete. Ja, und auch die Odenwaldschule in Ober-Hambach ob Heppenheim, von der sich Jahre später herausstellen sollte, dass sie in einen grossen Missbrauchskandal verwickelt war. Davon war damals nichts bekannt. (Die Odenwaldschule besuchte ich sogar zweimal, innerhalb von sechs Jahren. Das hatte damit zu tun, dass ich beide Male in einer kleinen Reisegruppe unterwegs war, mit der wir noch andere, verschiedene Reformschulen in Deutschland besuchten.) Sehr beeindruckte mich ein Besuch beim pensionierten Johann Dietz in Crailsheim, der noch bei Petersen doktoriert hatte. Zum Teil bedeuteten diese Besuche aber auch eine gewisse Ernüchterung. Ich merkte, dass an diesen Schulen ebenfalls mit Wasser gekocht wurde. Dass auch hier die Leute manchmal ratlos waren, verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte. Doch ich erhielt auch viele Einblicke und Anregungen.
Von all dem steht nichts in „Dummheit ist lernbar“. Und warum? Die Antwort ist ziemlich einfach: Weil etwas ganz Anderes drinsteht. Weder ging es da darum, etwas über den konkreten Unterricht zu lehren, noch dass das Geschriebene pädagogisch und didaktisch als konkrete Anleitung für Lehrpersonen [...] brauchbar wäre, wie im Zeitungsartikel bemängelt wurde. Auch war ich nicht darauf aus, meine theoretische oder praktische reformpädagogische Kompetenz in irgendeiner Weise darzustellen, meine Fachwortkenntnis auszubreiten, die Volksschule zu prägen oder sonst irgendwelche Ratschläge zu erteilen... Da hat die Autorin vollkommen Recht. Auch mir fällt ohne Anstrengung eine ganze Menge ein davon, was in diesem Buch alles nicht steht. Worum es darin aber ging: Ich berichtete, wie sehr und worunter diese (Sonderklassen-) Kinder gelitten hatten, was ich mir angesichts dieser oft traurigen Lebensgeschichten überlegte, was ich deshalb in der konkreten Situation meiner Schule vorzukehren versuchte und was dabei herauskam. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. (Dass das alles nicht allein auf meinem Mist gewachsen war, dass zum Glück andere vor und neben mir ganz ähnlich gedacht hatten oder handelten, darüber habe ich nie einen Zweifel gehegt oder aufkommen lassen.)
In den Sechziger- bis zu den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts setzte in den Schulen erneut ein Reformschub ein. Auch in der Schweiz. Da gab es im Kanton Zürich zum Beispiel unseren Schulversuch „Schule in Kleingruppen“. Das war nur einer von mehreren Schulversuchen, die alle von der Pädagogischen Abteilung der Erziehungsdirektion begleitet wurden. Wir Beteiligten empfanden uns weniger als grosse Reformer, sondern als Mitarbeitende an einer längst fälligen Entwicklung. Nach den Vorarbeiten einer Einführungsgruppe, in der auch Vertreter der Lehrerverbände sassen, bewilligte der Erziehungsrat unser Vorhaben, und gemeinsam mit dem Versuchsleiter, einem wissenschaftlichen Begleiter und einem Psychoanalytiker entwickelten wir vier Lehrpersonen dieses weiter, in täglicher Arbeit und wöchentlichen Zusammenkünften. Aus heutiger Sicht erscheint das unprofessionell, sagt der Schulgeschichts-Fachmann Hoffmann-Ocon im zitierten Artikel. Auch der Professor für Bildungsforschung Criblez ist der Ansicht:
Der Schulversuch entspricht – wie viele andere Versuche aus dieser Zeit – nicht heutigen Standards, denn oftmals waren es dieselben Leute, die konzipierten, durchführten und wissenschaftlich auswerteten. Heute wäre eine solche Versuchsanordnung absolut ausgeschlossen.
Was sind denn heutige Standards? Was ist aus heutiger Sicht professionell? Heute existieren durchlässige Modelle, aus denen die Schulen auswählen können. Damit hat aber nicht der grosse Umsturz stattgefunden, sondern es handelte sich um einen langwierigen Prozess [...] an dem die Schulen frei waren teilzunehmen. Das sei, so dazu der Schulgeschichtler, eine hierzulande typische Umgangsweise mit Reformversuchen: „Man nimmt Neues höchstens als Ergänzung zum bestehenden System.“
Also: Man (nicht die einzelne „Lehrperson“, sondern die „ganze Schule“) ist absolut frei, von ein paar bereitstehenden Modellen eines auszuwählen, das sich in einem langwierigen Prozess bewährt hat, als Ergänzung zum bestehenden System, und zwar höchstens. Und das alles von Drittpersonen stets kontrolliert. Eine bessere Schule entsteht in dieser Sicht, wenn Lehrerinnen und Lehrer Modelle ausprobieren oder kontrolliert anwenden, die von geprüften Fachleuten und zuständigen Amtsstellen ausgedacht und evaluiert wurden. Fortschritt gibt es nur unter Aufsicht von Amtsstellen. Auf diese Weise kommen sie freilich zustande, die grossen, zukunftsweisenden Entwürfe.
Aber noch in anderer Hinsicht war ich laut NZZ wirkungslos. Jegges Leistung ist in einem weiteren Bereich ernüchternd: Mit den Kleinklassen konnte er die Kinder zwar vielleicht vor dem Heim, aber weder vor der „Selektionsmaschine“ noch vor dem Stigma des „Tubelischülers“ bewahren. [...] Es ist mir nicht gelungen, die soziale Selektionsmaschine der Schule und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung zu knacken. Das wäre ja auch für einen erst noch unprofessionellen Trittbrettfahrer eine Überforderung gewesen. „Nach Jegge wurden nicht weniger Kinder in den Sonderunterricht geschickt“, sagt der emeritierte Professor, „im Gegenteil. Der Wind drehte sich erst ab Mitte der neunziger Jahre mit der Inklusion-Debatte.“
Vielleicht geht so zeitgemässe Professionalität: Warten bis sich der Wind dreht.
Die Fernsehsendung „Das System Jegge“
Am 2. September 2017 erreichte mich eine E-Mail:
Sehr geehrter Herr Jegge
Ich arbeite als Journalistin auf der Dokumentarfilmredaktion des Schweizer Fernsehens. Ich mache einen Film über Ihre Methodik am Beispiel der Sonderschule in Embrach, des kantonalen Schulversuchs in Kleingruppen und der Institution Märtplatz. Ich habe dazu einige Fragen. Leider kann ich Sie telefonisch nicht erreichen. Dürfte ich Sie bitten, sich bei mir zu melden?
Vielen Dank und beste Grüsse, Karin Bauer
Moment. Meine Methodik? Die hatte ja hauptsächlich im Nicht-Vorhandensein einer Methodik bestanden. Weil jeder Mensch etwas Eigenes und ihm deshalb mit keiner Methodik der Welt beizukommen ist. Darüber müsste man wirklich reden, und das in einem Film darzustellen, wäre gewiss verdienstvoll. Aber wollten die Fernsehleute so etwas bringen, die Zuschauer so etwas sehen, und das ausgerechnet von mir, der ich im Augenblick eine Unperson war? Oder verfolgte die Filmemacherin ein anderes Ziel?
In meiner Abwesenheit waren auch zwei Telefonanrufe auf dem Beantworter eingegangen. Beide ebenfalls von Frau Bauer, ich möge doch zurückrufen.
Meine Antwort am 4. September (nach Rücksprache mit meinem Anwalt):
Sehr geehrte Frau Bauer
Danke für Ihre Anfrage. Wie Sie sicher wissen, ist die Staatsanwaltschaft in meinem Fall immer noch mit Vorerhebungen beschäftigt. Solange die nicht abgeschlossen sind, sind von mir keine Erklärungen irgendwelcher Art zu meiner Arbeit zu erwarten. Nachher können wir gerne über eine eventuelle Mitwirkung an Ihrem Projekt sprechen.
Ich bitte um Verständnis und grüsse Sie freundlich, Jürg Jegge
Inzwischen war das Filmteam offensichtlich an der Arbeit. Anfragen, Vorbesprechungen, Aufnahmen. Ich erfuhr davon immer wieder einmal von alten Mitstreitern und ehemaligen Märtplätzlern. Und die berichteten auch, dass es bei den Interviews fast ausschliesslich um mein Ungenügen als Lehrer und als Märtplatzleiter gegangen sei. Dann am 20. September wieder eine Mail:
Sehr geehrter Herr Jegge
Besten Dank für Ihr Mail. Unterdessen hören wir von der Staatsanwaltschaft, dass das Strafverfahren gegen Sie eingestellt wird. Darum möchte ich Ihnen nochmals die Gelegenheit geben, im Dokumentarfilm Stellung zu nehmen. Gerne würde ich Sie zu den Aussagen von einigen Opfern befragen. Das Interview könnten wir diese oder nächste Woche machen. Danach werden wir die Filmarbeiten abschliessen. Für Ihre Rückmeldung danke ich Ihnen bestens.
Freundliche Grüsse, K. Bauer
Jetzt war klar, wohin die Reise gehen würde: Offenbar bestand meine „Methodik“ in der Sicht der Fernsehmenschen aus dem sexuellen Missbrauch. Dazu kommt noch etwas anderes: Wie überall, wo Menschen relativ eng miteinander leben und arbeiten, brodelte und brodelt auch am Märtplatz die Gerüchteküche. Eingedenk dieser Tatsache wollte ich, wenn ich am Fernsehen mit irgendwelchen Aussagen konfrontiert würde, den Rücken frei haben. Weder die Fernsehmacherinnen noch die Zuschauer sollten während des Gesprächs im Hinterkopf Gedanken wälzen wie: „Wer weiss, was da noch alles zum Vorschein kommen wird, wenn man tiefer gräbt.“ Dazu aber brauchte es die endgültige Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen und deren Ergebnisse. So lautete denn am 21. September meine Rückmeldung:
Sehr geehrte Frau Bauer
Danke für Ihr Mail. Was wir vorläufig wissen: dass die Staatsanwaltschaft plant, das Vorabklärungsverfahren (es handelt sich nach wie vor nicht um ein Strafverfahren) einzustellen. Da läuft eine Rechtsmittelfrist, und es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht klar, ob noch irgendein Einspruch kommt. Deshalb gilt für mich unverändert, dass ich keine Stellung nehmen werde.
Mit freundlichen Grüssen, Jürg Jegge
Über die Frage, ob diese Untersuchung eine Vorabklärung oder ein Strafverfahren sei, schien später auch in der Staatsanwaltschaft eine gewisse Verwirrung zu herrschen. Die erste Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft (5.10.2017) spricht noch von einer Vorabklärung, die endgültige Verfügung (7.12.2017) macht darüber gar keine Angaben. Auf eine Nachfrage des Fernsehens antwortete der zuständige Staatsanwalt, dass das Vorabklärungsverfahren ab dem Zeitpunkt der Ausstellung des Hausdurchsuchungsbefehls [...] sein Ende genommen hat, weil dies eine Zwangsmassnahme darstellt, welche zwingend mit einer Untersuchungseröffnung einhergehen muss. (Brief der Staatsanwaltschaft ans Fernsehen SRF im Zusammenhang mit der Beschwerde.) Dies wurde aber weder meinem Anwalt noch mir je mitgeteilt.
5. Oktober 2017
Die Sendung lief über den Äther. Ich war, wie der „Sonntagszeitung“ entnommen werden kann, zu dem Zeitpunkt zu Hause: In seinem Häuschen habe am Donnerstagabend, als die Doksendung über sein „System“ ausgestrahlt wurde, Licht gebrannt. [34]
Ich fand die Sendung schrecklich. Sie zeigte, wie schnell Fakten ein völlig anderes Gesicht kriegen können, wenn man sie in einen bestimmten Zusammenhang stellt. Wie Subjektives auf diese Weise unter der Hand zu Objektivität wird.
Aus der Sendung möchte ich drei Punkte herausgreifen, die mir typisch scheinen für die Art und Weise, wie hier in einem bereits feststehenden Zusammenhang gearbeitet wurde. Weitere mögliche Punkte wären etwa die Geschichte von Markus Zanggers Einweisung in die Sonderklasse, die Frage, welche Funktion die von mir damals durchgeführten Tests überhaupt hatten, aus welchen künstlerischen Gründen einer der Betroffenen in einer Höhle vor an die Wand projiziertem Jeggebild interviewt wurde, oder der Umgang des Fernsehens mit meinen beruflichen Weggefährten von einst.
Dieses bestand darin, so wird dem Zuschauer berichtet, dass ich ehemalige Schüler als Mitarbeiter an den Märtplatz mitgenommen und sie so weiter in Abhängigkeit gehalten und mir damit ihr Schweigen gewissermassen erkauft hätte. Was hier grossartig herausgefunden und weiterverbreitet wurde, hatte ich schon vor Jahren in einigen Publikationen beschrieben: dass nämlich der Märtplatz aus meiner vorherigen Arbeit herausgewachsen ist. [35] Das betrifft weniger die Personen als die Ideen. Ich hatte ja gerade bei der Weiterbegleitung meiner Schüler durch die Berufslehre erfahren, wie wichtig in diesem Bereich ein unterstützendes Angebot wäre. Da war klar, dass ich bei dem neuen Projekt nicht ausgerechnet die ausser Acht lassen würde.
Im April 1985 eröffneten wir den Märtplatz mit vier Berufsangeboten. Von den sechs Ausbildnerinnen und Ausbildnern (in die Ausbildung im Fotofach teilten sich deren drei, daher die grosse Anzahl) war gerade einer ein ehemaliger Schüler. Von den neun Lehrlingen stammten zwei aus meiner alten Embracher Klasse (einer von ihnen wurde später Ausbildner) und zwei aus dem Schulversuch „Schule in Kleingruppen“. Unsere junge Institution wuchs rasch. Weitere Berufe und Lehrlinge kamen dazu. Ehemalige Schüler waren keine mehr unter den Neulingen. Wohl aber kam es in den sechsundzwanzig Jahren mit mir als Leiter insgesamt fünf Mal vor, dass ein früherer Lehrling zum Lehrmeister-Assistenten und später zum Lehrmeister wurde. Auch traten zwei ehemalige Lehrmeister und eine bei uns ausgebildete Berufsfrau nach einigen Wanderjahren und Weiterbildungen in die Geschäftsleitung ein. In einer von neoliberalem Gedankengut nicht allzu arg befallenen Firma würde das wohl als Plus gelten: dass wichtige Posten mit eigenen Leuten nachbesetzt werden können. Aber im Film wurde das alles als „geschlossenes System“ dargestellt. Oder aber es wurde von einer „Familie“ gesprochen. Wie das durchaus bürgerliche Menschen deutlich abwertend meinten, war schon interessant.
„System“, „Familie“, das will wohl sagen: Hier lebten die Lehrlinge und AusbildnerInnen in einem System, aus dem auszubrechen unmöglich war und in dem ich uneingeschränkt meinen Vorlieben nachgehen konnte. Dabei ist zumindest mir keine Institution bekannt, die so offen war wie die unsere. In der plötzlich Freundinnen und Freunde der Auszubildenden auftauchten und kürzere oder längere Zeit blieben. In der Leute aus allen möglichen Bereichen über sich und ihre Arbeit berichteten, Kurse abhielten oder sonstwie eigene Akzente setzten. In der es gerade nicht um Abschottung ging.
Ebenso eindrücklich: Da sassen im Film ein ehemaliger Stiftungsrat und eine amtierende Stiftungsrätin beisammen und redeten davon, dass ich eine Mehrheit von LehrmeisterInnen und Lehrlingen in ihrem Gremium angestrebt hätte und es dadurch unmöglich gewesen sei, mich zu kritisieren oder gar zu rügen. Das zeige doch die Geschlossenheit dieses Systems. Ich dachte mir beim Zusehen: Muss ich wirklich diesen beiden gestandenen SP-Mitgliedern erklären, was Mitbestimmung ist (besser: war), und dass die sich mindestens ebenso fördernd auswirken konnte wie stete Kontrolle? Und: Beide sassen jahrelang im Stiftungsrat. Wenn ihnen das ein Problem war, warum haben sie es nie zur Sprache gebracht? Warum fällt das ihnen erst jetzt ein?
Irgendwie erinnert diese ganze Rede vom „System“ an Verschwörungstheorien. Dort treiben auch irgendwelche Finsterlinge weitgehend unbemerkt dunkle Geschäfte, und nach der „Enttarnung“ kommt alles „ans Licht“. Nur war ich in meinem Fall als Finsterling ein Solist.
Im Film kamen zwei ehemalige Schüler ausgiebig zu Wort, über die bereits in der Presse ausführlich berichtet worden war: Markus Zangger und Andreas G. Beide hatten zu den paar Schülern gehört, mit denen ich seinerzeit meine Unternehmung gewagt hatte. Da war eigentlich nichts Neues zu erfahren. Neu wurde daneben noch ein dritter vorgestellt: Paul S.. Der war Schüler in der Kleingruppenschule und trat gleich anschliessend in den Märtplatz über. Ein freundlicher, begeisterungsfähiger, phantasievoller und begabter junger Mensch, der aber in all den Jahren und trotz aller Bemühungen unserer Ausbildner keinen Fuss auf den Boden kriegte. Ich habe mehrere Male über ihn berichtet, am ausführlichsten in „Die Krümmung der Gurke“. [36]
Ungefähr ein Jahr nachdem er schliesslich vom Märtplatz weggezogen war (aber zeitlich kann ich das nicht mehr so richtig einordnen) tauchte er wieder bei uns auf. Es ging ihm schlecht. Er war vereinsamt und konsumierte alle möglichen Drogen. Wir, also zwei oder drei Lehrmeister, die Leute vom Büro und ich, halfen ihm wieder einigermassen auf die Beine und sorgten dafür, dass er in Märtplatznähe eine eigene Wohnung bekam. Ein paar Monate lang, bis diese gefunden war, schlief er bei mir im Wohnzimmer. Die Nähe zum Märtplatz brachte wieder etwas Ordnung in sein Leben. Hier hatte er Freunde, mit denen er sich treffen, mit denen er auch gemeinsam musizieren konnte. Er kam hin und wieder zum Mittagessen. Wenn es eine Arbeit gab, bei der er mithelfen konnte, war er gegen Bezahlung gern dazu bereit. Ein Bekannter aus der Nachbarschaft berichtete mir, er habe Paul im Dorf auf meine Geschichte angesprochen, als diese in allen Zeitungen war, und ihn gefragt, ob er auch derartige Erfahrungen mit mir gemacht habe. Das hätte der damals klar verneint.
Und jetzt erzählte Paul in dieser Sendung, ich hätte ihn schon als Schüler und später als Lehrling missbraucht. Sieben Jahre lang. Er hätte das seiner Mutter erzählt, und die sei mit ihm in seinem Wohnort Effretikon zur Polizei gegangen. Aber dort habe man sie nicht angehört, weil sie zu wenig Deutsch konnte. Er sei durch all diese Erlebnisse drogenabhängig geworden. Aber ich hätte ihm seine Drogensucht mit insgesamt 14.000 Franken mitfinanziert, als Schweigegeld.
An dieser ganzen Geschichte ist nur etwas wahr: Ich gehörte zu den drei oder vier Leuten, die ihm hin und wieder mit kleineren Geldbeträgen aushalfen, wenn er finanziell gerade wieder in der Klemme war. Das ist aber auch alles. Der Rest: eine Trittbrettfahrergeschichte.
Wer Paul S. näher kannte, war baff. „Der lässt doch praktisch niemanden in seine Wohnung. Wie kommt das Fernsehen da hin?“ Auch war es für die, die ihn gut leiden mögen, schwer auszuhalten, wie er in der Sendung richtiggehend vorgeführt wurde. Zu deutlich war zu sehen, wie hier einer mit seinem Leben kaum zurande kommt.
Ich habe junge Menschen, wo es nötig war, nach meinen Möglichkeiten seit Jahren finanziell unterstützt, übrigens unabhängig von ihrem Geschlecht. Darunter waren vorwiegend ehemalige Märtplätzlerinnen und Märtplätzler, aber nicht ausschliesslich. Es waren auch ein paar wenige Drogenabhängige dabei. Bei denen ging es meist um kleinere Beträge, konkret um solche unter fünfzig Franken. Das war der Fall, wenn Finanzknappheit herrschte, die natürlich mit dem Drogenkonsum zusammenhing. Aber im Einzelnen ging es dann darum, dass einer wieder einmal etwas zwischen die Zähne bekam oder den Kühlschrank füllen konnte. Wobei – ganz sicher konnte man nie sein, wie das Geld wirklich verwendet wurde.
Ging es um Drogenabhängige, haben mich immer wieder zwei Dinge fasziniert. Zum einen: wie unglaublich phantasievoll die Begründungen dafür waren, dass man jetzt wieder Geld brauchte. Da lagen Väter, Mütter und Grossmütter schwerkrank im Spital oder grad im Sterben, da war man ausgeraubt worden oder hatte sein Portemonnaie samt Ausweisen und sonstigem Inhalt der Polizei übergeben müssen, und meist erweckte das alles den Anschein grösster Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Das konnte ohne weiteres zu Tränen führen und die Angesprochenen zu Tränen rühren. Paul S. war da keine Ausnahme, im Gegenteil, er spielte oft und virtuos auf dieser Klaviatur. Eine frühere Freundin erinnert sich, dass er ihr innert weniger Jahre zwei Mal erzählt habe, seine Mutter sei soeben gestorben, und er sei darüber jedes Mal sehr traurig gewesen. Inwieweit das alles im Augenblick des Erzählens vom Erzählenden selber geglaubt wird, habe ich nie herausfinden können. Aber einleuchtend klang es fast immer. Das passierte teils aus Verzweiflung, teils aus Berechnung, und oft genug aus einer Mischung von beidem.
Der andere Punkt war, dass bei Geldbeschaffungen auch gute Freunde und Bekannte einfach hintergangen wurden. In beidem zeigte sich jeweils deutlich, dass eine so genannte Sucht nichts anderes ist als eine enge Beziehung zu einer Sache statt zu einem Menschen. Und aus den meisten Süchten ergibt sich früher oder später bei betuchten Leuten erhöhter, bei weniger betuchten bald einmal dringender Geldbedarf. Da tut so jemand auch für wenig Geld schlicht alles.
Kurz nach der Vorbesprechung zu den Fernseh-Aufnahmen erzählte Paul S. einer Kollegin und ehemaligen Märtplätzlerin, er würde 100 Franken erhalten für seine Mitarbeit. Das dürfte auch der Grund sein, warum er die Fernsehleute in seine Wohnung liess. Nach den Aufnahmen erklärte er derselben Kollegin, für diesen Betrag würde er das gleich noch einmal tun und auch die selbe Aussage noch einmal machen.
Und weil wir gerade über Geld reden: Anfang Dezember, also gut zwei Monate nach der Sendung, läutete Paul S. bei mir an der Haustüre. „Hättest du mir bitte zwanzig Franken“ fragte er. Ich antwortete: „Damit du nachher wieder erzählst, ich finanziere mit Schweigegeld deine Drogensucht? Such dir einen andern Dummen.“ Darauf er: „Was kann ich denn dafür, dass die vom Fernsehen aus dem, was ich gesagt habe, einfach etwas zusammenschneiden?“ Ärgerlich brummend zog er ab.
Im Film wird die Frage gestellt, ob hier nicht einfach Steuergelder verschleudert worden seien. Nun erfasst der Märtplatz seit 1997 seine „Ausgetretenen“ statistisch, und zwar alle, die seit Anfang dabei gewesen waren, also auch die, welche ihre Ausbildung abgebrochen hatten. Und diese Zahlen waren detailliert. Man konnte genau nachlesen, wie viele Ehemalige wie eingegliedert waren. Beziehen sie eine Rente, eine Teilrente, leben sie von der Sozialhilfe, sind sie teilzeitbeschäftigt in Weiterbildung oder leben sie ohne jede Unterstützung durch die öffentliche Hand? Weder die Invalidenversicherung (IV) noch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) verfügten lange Zeit über solch genaue Zahlen. Aufgebaut wurde die Märtplatz-Statistik vom damaligen Stiftungsratspräsidenten, im Hauptberuf Abteilungsleiter beim Bundesamt für Statistik BFS. Seither veröffentlichten wir jährlich unsere Ergebnisse. Zusätzlich wies ich auf unsere Statistik in zwei Büchern hin („Über die berufliche Eingliederung von unhandlichen Menschen“, Herbstpresse, Wien 1999, „Die Krümmung der Gurke“, Zytglogge, Bern, 2006).
Ab 1999 führte die IV eine eigene Statistik. Für sie war ein Mensch damals erfolgreich eingegliedert, wenn er zwei Jahre nach Austritt aus der Lehre immer noch keine Vollrente brauchte. (Heute erhebt auch die IV genauere Zahlen.) Wenn wir unsere Zahlen mit denen der IV verglichen, zeigte sich, dass wir immer etwa 10 % über der IV lagen. Das bedeutet: Wir arbeiteten am Märtplatz erfolgreicher als die IV im Ganzen. Und dabei beschäftigten wir uns ja mit der am schwierigsten einzugliedernden Gruppe der IV-Versicherten, nämlich vorwiegend mit Menschen mit „psychischer Behinderung“, während die IV in ihren Aufstellungen alle Versicherten mitzählte, von denen die meisten erfolgerversprechendere „Fälle“ waren.
Von all dem war im Film nicht die Rede, obwohl diese Zahlen öffentlich zugänglich waren. Aber der Vorwurf der Steuergeldverschwendung wurde in den Raum gestellt. Das ist für eine Sendung, die sich als Information, als Dokumentation versteht, zumindest erstaunlich.{{}}
Weniger erstaunlich war, dass mich die Sendung zumindest in meiner Wohngemeinde den Grossteil der ohnehin seit Bekanntwerden der Vorwürfe nur noch spärlich vorhandenen restlichen Sympathien kostete. So fand ich am nächsten Tag in meinem Briefkasten eine Karte. Sie kam aus dem nahe gelegenen Café, in dem ich jeden Morgen meinen Frühstückskaffee zu trinken pflegte: Wir raten Dir, Dich zu stellen, um für Deine Sühne zu bezahlen...dann endlich kann Dir vergeben werden...oder bist Du ein Mensch ohne Gewissen???!!! Solange der Tatbestand erwiesen ist und keine öffentliche Entschuldigung gegenüber den sexuell und seelisch missbrauchten Menschen von Dir erfolgt, möchten wir nicht, dass Du unser Café besuchst. Das Team.
Übrigens: Einer der ganz wenigen Lichtblicke im Film war für mich der Embracher Bauer, auf dessen Hof wir seinerzeit mit der Sonderklasse zwei Jahre lang eingemietet waren und der in der ganzen Aufgeregtheit dieser Sendung Augenmass behielt.
Eine Beschwerde und ihre Erledigung
Der Film lief am Donnerstagabend gleich nach der Tagesschau über die Bildschirme. 267.000 sahen sich ihn an. Aber nicht alle fanden ihn wirklich toll. Jürg Bingler, als pensionierter SRF-Radioredaktor und ehemaliger Märtplatz-Lehrmeister in beiden Welten zuhause, schrieb eine E-Mail an die Filmemacherin und bekam eine höchst aufschlussreiche Antwort. Der Mailwechsel ist im Anhang 4 nachzulesen.
Fünf Menschen aus meinem Umfeld reichten nach Ausstrahlung der Sendung eine Beschwerde beim Ombudsmann von Schweizer Radio und Fernsehen SRF ein. Darunter waren drei, die am Märtplatz jahrelang mitgearbeitet hatten und ihn deshalb genau kannten: der bereits erwähnte ehemalige Lehrmeister Jürg Bingler, zugleich pensionierter Radioredaktor, der Kunstschaffende Jürg Burkhart, der jahrelang am Märtplatz Kurse erteilt hatte, sowie mit Anton Treier ein langjähriger Stiftungsratspräsident. Dazu kamen noch Beat Hierholzer, pensionierter Kadermann des Schweizer Fernsehens und die Fotografin Catja Porri, die in ihrem Berufsleben ebenfalls oft für den Sender gearbeitet hatte. Die Beschwerde wurde abgewiesen. Die Art und Weise ihrer Behandlung zeigt erneut den wundersamen Wandel von Subjektivität zu Objektivität in diesem Film, und dies besser, als jede Filmkritik es vermöchte.
Neben der eigentlichen Beschwerdeschrift sollen hier drei Dokumente vorgestellt werden: Zunächst die erwähnte Antwort der Filmemacherin auf Jürg Binglers Mail. Dann interessiert auch die Stellungnahme der zuständigen Redaktion zuhanden des stellvertretenden Ombudsmannes. (Der eigentliche Ombudsmann war in den Ausstand getreten, weil wir uns von früher kennen.) Und schliesslich ist da der abschliessende Bericht des Stellvertreters, mit welchem dieser die Beschwerde abwies. Aus all diesen Dokumenten werde ich zitieren. Wer’s gern ausführlich hat: Die ganze Dokumentation zur Beschwerde findet sich im Internet (https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2017/05/28/srf-berichterstattung-uber-den-fall-jurg-jegge-beanstandet/).
Wir beschränken uns wieder auf die drei im vorigen Kapitel erwähnten Punkte: das „System Jegge“, das weitere Missbrauchsopfer Paul S. und die Qualitätskontrolle des Märtplatzes.{{}}
In der Mail an unsern ehemaligen Lehrmeister schreibt die Filmemacherin:
Der Film „Das System Jegge“ zeigt, dass mehrere missbrauchte Sonderschüler später von Herrn Jegge als Lehrmeister in der Stiftung „Märtplatz“ beschäftigt wurden. Diese Positionen hätten sie in der Privatwirtschaft wohl kaum erreichen können.
„Hätten wohl kaum...“ – der „Beinahe-Konjunktiv“ als Beweis. Die damals von uns eingestellten LehrmeisterInnen verfügten über die notwenigen Befähigungsausweise und die Bewilligungen des Berufsbildungsamtes. So gesehen hätten sie auch in einer andern Institution arbeiten können. Alles Weitere ist Spekulation. In der Stellungnahme der Redaktion steht bereits:
So behielt er sie (hier werden zu den Ausbildnern noch die Lehrlinge dazugefügt) in seiner psychischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit. Das sei Struktur und Mechanik des Systems von Jürg Jegge.
In Bezug auf die wirtschaftliche Seite stimmt das natürlich. Nur gilt das praktisch für jedes Lohnverhältnis.
Der Ombudsmann schreibt schliesslich: Der Fokus des DOK-Films liegt klar und eindeutig auf dem geschlossenen System, das Jürg Jegge über Jahre aufbaute und ihm freie Hand im Umgang mit seinen Schülern und Mitarbeitenden ermöglichte. [...] Anzufügen bleibt, dass im System Jegge nicht die Gagen zu Abhängigkeiten führten, sondern massgeblich das „geschlossene System“ mit Abhängigkeiten, Befangenheiten und einer Schutzschildfunktion durch die Vertretung Abhängiger...“
Da schreibt ganz einfach einer vom andern ab. Der Beweis für die Richtigkeit besteht darin, dass der andere das ebenfalls gesagt hat.
Wie kommt diese Geschichte in den Dokumenten daher?
In der Mail der Filmemacherin stand noch: Die Aussage von Herrn S., dass ihm Jürg Jegge über viele Jahre Geld gezahlt habe, haben mir mindestens zwei andere Quellen bestätigt. Bemerkung dazwischen: Das bestreitet ja auch keiner und ist auch nicht strafbar oder moralisch verwerflich. Markus Zanggers und Andreas G.s Aussagen über den Missbrauch decken sich mit den Aussagen von Paul S.. Darüber hinaus hatte ich mit vier weiteren Opfern gesprochen, die aber nicht gefilmt werden wollten. Die Redaktion: Paul S. ist ein Missbrauchsopfer und im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Jürg Jegges Vergangenheit ein wichtiger Zeuge. [...] Während sieben Jahren sei er als Schüler von seinem damaligen Lehrer und späteren Leiter des Märtplatzes Jürg Jegge sexuell missbraucht worden, sagt Paul S.. Schwerwiegende Fakten, die von den BeanstanderInnen nicht bestritten werden. [...] Seine Glaubwürdigkeit und der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen hat die Autorin genau überprüft. S.s Aussagen wurden von zwei Personen bestätigt, die im Film nicht auftreten. Und der stellvertretende Ombudsmann schreibt über ein vorgebrachtes Argument der Beanstandenden, dieses sei ...in Anbetracht des jahrelangen Missbrauchs von Paul S. zynisch.
Nun liegt es gewissermassen in der Natur sexueller Übergriffe, dass sie von Drittpersonen weder bestätigt noch bestritten werden können. Meist steht da Aussage gegen Aussage. Aber hier wird aus einer Aussage im Handumdrehen eine Tatsache gezimmert.
Herr S. ist schwerst drogenabhängig und in einem hohen Masse verwahrlost. [...] Die Verwahrlosung wird überdeutlich in der Wohnung von Herrn S. mit dem Bierdosen-Abfallberg und anderem Unrat. [...] Und sollte das einem Betrachter oder einer Betrachterin des Films nicht klar geworden sein, so machen das die Szenen in der Wohnung [...] und die Tränen am Ende des Films überdeutlich. Die ganze Szene stelle eine klare Missachtung der Menschenwürde dar. So steht’s in der Beschwerde.
Die Redaktion wehrte sich vehement gegen den Vorwurf. Selbstverständlich war Paul S. damit einverstanden, die Aufnahmen in seiner mit Bierdosen überfüllten Wohnung zu machen. Im Film wurde Herr S. nicht „vorgeführt“, sondern in seiner Wirklichkeit authentisch abgebildet. Seine Menschenwürde wurde durch den Film nicht verletzt. Im Gegenteil: Sie wurde gewahrt, indem er auftreten konnte, wie er ist.
Und dann wendet sich die Argumentation ins Grundsätzliche: Was würde es in letzter Konsequenz bedeuten, wenn wir als Medienschaffende den BeanstanderInnen in diesem Punkt Recht geben würden? Wir dürften keine alkohol- oder drogenkranken Menschen mehr interviewen, wir müssten Abstand nehmen von Menschen, die nicht so leben, wie es der Norm unserer Gesellschaft entspricht. Wir dürften niemandem mehr Glauben schenken, der Suchtprobleme hat. Wir müssten solche Menschen im wörtlichen Sinne von der Bildfläche verschwinden lassen.
Schliesslich der Ombudsmann: Diese Szene wirkt selbstverständlich nach, erhält man als Betrachter doch nur in den seltensten Fällen Einblick in die Wohnung eines drogenabhängigen Menschen. Man ist sich wohl eher den Anblick von Drogenabhängigen gewohnt, die sich am Bahnhof, vor einer Methadonabgabestelle oder in einer Unterführung aufhalten. Einen Blick in eine solche Wohnung habe ich auf alle Fälle noch nie geworfen. Diese Bilder rütteln natürlich auf und können das Publikum schockieren. Aber gerade dieser Einblick macht die Tragweite des Schicksals, das Herr S. erleiden musste, überdeutlich sichtbar. Eine regelrechte Vorführung, wie dies in der Beanstandung gerügt wird, kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil! Authentische Bilder von groben Missständen dürfen nicht geschönt werden. Vielmehr macht der Einblick in die unordentliche Wohnung bewusst, dass Paul S. sich auch nach vielen Jahren nicht im Geringsten von seinem seelischen Schaden erholt hat.
Also: Im Film beschuldigt mich Paul S. völlig tatsachenwidrig, ich hätte ihn jahrelang sexuell missbraucht. Nun kann man in einer aufgeräumten wie in einer chaotischen Wohnung Richtiges oder Falsches sagen, das ist von der Umgebung völlig unabhängig. Aber indem man ihn seine Anschuldigungen in seinem zugemüllten Lebensraum machen lässt, erhalten diese Anschuldigungen zusätzliches Gewicht. Dabei geht es nicht um Verständnis für ihn und seine Lebensweise, dafür sind die fünfeinhalb Minuten zu kurz, in denen er insgesamt zu Wort kommt. Das wäre zum Beispiel ein Thema für eine ganze Sendung. Es geht hier aber ausschliesslich um dieses Zusatzgewicht. Und ganz nebenbei wird noch ein voyeuristisches Bedürfnis befriedigt, wie es der Ombudsmann schön beschreibt.
Für das Fernsehen SRF ist offenbar Geldauszahlung nicht gleich Geldauszahlung. Kommt das Geld von mir, erklärt der Ombudsmann: Paul S. spricht [...] von einer „Art Schweigegeld“. Es ist letztlich seine Interpretation der Geldzahlung. Er hat sich als Opfer gefühlt, der mit Geld zum Schweigen gebracht wurde. Aber „Redegeld“ (diese schöne Formulierung gebraucht Jürg Bingler in einer Mail an Karin Bauer, Anhang 4) ist nicht gleich „Schweigegeld“. Bei der Zahlung des Fernsehens aber ging es in der Beschwerdeantwort plötzlich nicht mehr um Paul S.s Interpretation. Vielmehr war das eine Spesenentschädigung, welche ihm gemäss den publizistischen Leitlinien von SRF in Absprache mit der Redaktionsleitung ausbezahlt wurde, schreibt die Redaktion. Und das entspreche, so der Ombudsmann, den üblichen Gepflogenheiten. Aber vielleicht sind Paul S. die publizistischen Leitlinien von SRF nicht so geläufig.
Karin Bauer (die Filmemacherin) hat die Märtplatz-Statistiken gründlich studiert. Es waren eben diese Statistiken [...] die sie dazu bewogen hatten, bei der IV nachzufragen, [...] ob Steuergelder verschleudert worden waren. So schreibt die Fernseh-Redaktion. Und der Ombudsmann urteilt: Herr Pünter [der Redaktionsleiter] weist in seiner Stellungnahme sorgfältig und mit zwei Beilagen versehen nach, dass die Verantwortlichen die Märtplatz-Statistiken recherchiert hatten und dass man die Frage, ob Steuergelder verschleudert wurden, als angemessen taxieren kann.
Die SRF-Redaktion: Eine Auflistung zeigt: Nur rund ein Drittel der Ehemaligen hatte nachher einen Job. (Nebenbei: Wo kommen denn diese Zahlen plötzlich her? Da bleibt man uns jede Auskunft schuldig.)
Weiter: In den 2000er Jahren kommunizierte Jürg Jegge in Interviews, dass 80% der Märtplatz-Lehrlinge eingegliedert würden. Damit arbeite man effizienter als die IV selbst. Das Eingliederungskriterium erwähnte er aber nicht: Als eingegliedert gilt, wer keine 100% IV-Rente bezieht. Das heisst auch Teilrentner, Bezüger von Fürsorge- und Arbeitslosengeld gelten als Eingliederungserfolge. Die Statistik von 2003 zeigt, dass ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand nur die Hälfte der Lehrlinge auskommt. Im Jahresbericht des Märtplatzes wird eingeräumt [!] dass sich die Zahlen der IV und des Märtplatzes nicht vergleichen lassen, sowohl von den Beeinträchtigungen der Lehrlinge als auch vom Sample her.
Da sind bei aller Sorgfalt ein paar Fakten verrutscht.
Zuerst: Was heisst hier „nur“ die Hälfte? Mittlerweile hat auch die IV genauere Zahlen für die ganze Schweiz: Nach einer erstmaligen beruflichen Ausbildung sind 47 % der Personen im Folgejahr ohne Rente erwerbstätig. Allerdings: Der Anteil der Personen, die nach Abschluss der Massnahmen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nimmt im Verlauf der vier Jahre nach Abschluss der Massnahme sukzessive leicht ab. [37] Die Zahlen des Märtplatz gaben Auskunft über gut zwanzig Jahre nach Austritt, weil uns natürlich auch die „Nachhaltigkeit“ unserer Arbeit interessierte.
Dann: Wie gesagt waren diese Zahlen öffentlich, und immer wurde auch beim damaligen Vergleich mit der IV erwähnt, dass deren Kriterium der „Ausschluss der Vollrente“ sei, und dass wir deshalb um einen Vergleich überhaupt zu ermöglichen, auch dieses in einen Teil unserer Berechnungen einbeziehen würden. Das ist mehrfach nachzulesen. Dass ich das in Interviews nicht erwähnt hätte – keine Ahnung, woher diese Mitteilung stammt.
Schliesslich: Die IV ist keine Sparkasse. Sie wurde geschaffen, um kranken und behinderten Menschen ein etwas weniger schwieriges Leben zu ermöglichen, und da gehört eine Berufsausbildung als Möglichkeit dazu. Es kann sich immer herausstellen, dass die Behinderung trotz dem Einsatz aller Beteiligten später eine Berufsausübung verunmöglicht. In diesem Zusammenhang von der Verschleuderung von Steuergeldern zu sprechen, blieb bis jetzt eher rechtsdrehenden Politkreisen vorbehalten. Solches von fortschrittlichen Fernsehmachern zu hören, überrascht.
Der Ombudsmann setzt in Sachen Genauigkeit und Sorgfalt noch etwas drauf. Die Märtplatz Stiftungsrätin Hannah Brauchli wird kurz darauf (im Fernsehbeitrag) sogar zitiert, dass der Märtplatz heute viel leistungsorientierter funktioniere. Indirekt macht sie hier eine statistische Aussage über die gegenwärtige Leistung des Märtplatzes. Das ist natürlich Unsinn. Sowohl die Stiftungsrätin als auch der Ombudsmann geben hier lediglich Glaubenssätze weiter: Vermehrte Leistungsorientierung ermöglicht bessere Eingliederungserfolge. Allerdings muss der „neue Märtplatz“ diesen Beweis erst noch erbringen.
Die Redaktion: Karin Bauer bot Jürg Jegge mehrere Male an, seine Sicht in einem Interview zu äussern. Sie beabsichtigte, ihn mit den Aussagen von Missbrauchsopfern, ehemaligen Weggefährten und Behördenvertretern zu konfrontieren. Herr Jegge antwortete, dass er erst die Strafuntersuchung abwarten und die Situation dann neu beurteilen wolle. Als Karin Bauer Kenntnis bekam, dass die Einstellung des Verfahrens unmittelbar bevorstand, schrieb sie Herrn Jegge noch einmal an. Seine Antwort war abermals negativ. Jürg Jegge nahm die Gelegenheit nicht wahr, zu Vorwürfen und kritischen Fragen Stellung zu nehmen. Das bedauern wir. Aber eine solche Absage kann nicht zur Folge haben, dass wir über diesen Fall nicht berichten.
Nur hat man vor lauter Bedauern ganz vergessen, zu erwähnen, dass ich für meine erneute Absage einen, wie mir scheint, triftigen Grund anführte: die Einsprachefrist lief noch.
Der Ombudsmann schliesst: Das Publikum konnte sich zu jeder Zeit eine eigene Meinung über die Thematik, die involvierten Personen, Vorgänge und Hintergründe bilden. Es wurde in keiner Weise manipuliert. Ebenso wurde weder die Menschenwürde missachtet noch bestehen Mängel bezüglich der Transparenz. Die verantwortlichen Personen für den DOK-Film haben ihre journalistische Sorgfaltspflicht wahrgenommen, sich an die vorliegenden Fakten gehalten und in den Interviews keinerlei unlautere Taktik angewendet.
Aha.
Marmelade auf 3sat
3sat, weiss „Wikipedia“, ist ein werbefreies öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm. Als Gemeinschaftseinrichtung wird das Vollprogramm mit kulturellem Schwerpunkt vom ZDF, dem ORF , der SRG [...] und [...] der ARD betrieben. Da war es nur folgerichtig, dass man die Doksendung über das „System Jegge“ irgendwann auch hier ins Programm nehmen und damit auch den Menschen in Deutschland und in Österreich zur Kenntnis bringen würde. Am 23. September 2018 war es so weit.
Schon der Pressetext im Vorfeld hatte es in sich. Natürlich soll erklärt werden, worum es im Beitrag überhaupt geht:
Sein Fall war tief: Vom gefeierten „Lehrer der Nation“ zum Geächteten. Jürg Jegge gab diesen Frühling zu, mehrere Schüler sexuell missbraucht zu haben. Autorin Karin Bauer zeigt erstmals, wie es ihm gelang, in aller Öffentlichkeit ein geschlossenes System aufzubauen.
Die Recherchen für den Film reichen weit zurück und zeichnen die Karriere des „Lehrers der Nation“ mit den antiautoritären Ideen nach: von Jürg Jegges Zeit als Sonderschullehrer in den 1970er-Jahren im zürcherischen Embrach, über den kantonalen Schulversuch „Schule in Kleingruppen“ anfangs der 1980er-Jahre, bis hin zur Leitung der geschützten Lehrstätte „Stiftung Märtplatz“.
Aber dann:
„Armseligkeit des Milieus“, „Unordnung“, „fragwürdige Unverbindlichkeit auf alles, was Lernen anbelangt“: Die Qualifikation eines gefeierten Reformpädagogen stellt man sich anders vor. Wie ein roter Faden zieht sich die Kritik der Schulpfleger durch die Karriere von Jürg Jegge. Allein der Standort seiner Sonderschule war eine Provokation: ein Bauernhof.
Die Berichte über den Zürcher Schulversuch – ausgerechnet vom reformfeindlichen Regierungsrat Alfred Gilgen bewilligt – lassen tief blicken: Vom „intimen Umgang Lehrer – einzelner Schüler“ ist dort die Rede, von „intensiven Einzelbeziehungen“. Mit seiner Auffassung einer Schule, in der die Nähe zum Kind wichtiger ist als der Unterricht und die weder Noten, noch Lehrpläne und -ziele kennt, gehörte Jürg Jegge zu den radikalsten Reformpädagogen seiner Zeit.
Man bezieht sich hier, ohne die Quelle anzugeben, auf den „Bericht zuhanden der Bildungsdirektion“. Das allein ist schon eine seltsame journalistische Leistung. Und das liest sich, als hätten mit Ausnahme des reformfeindlichen Regierungsrats Gilgen alle immer schon gewusst, dass hier etwas nicht koscher ist. Dabei wird völlig unterschlagen, dass gerade dieser Bericht feststellt, dass meine Schulführung zwar umstritten war (und nicht etwa nur abgelehnt wurde), aber dass sich nie Anhaltspunkte auf Missbrauch in irgendeiner Form ergeben hätten. Doch weiter im Text:
Im Zentrum des Films aber stehen die Missbrauchsopfer.
Nur wenige wagen den Gang an die Öffentlichkeit. Die Männer, heute in den 50ern, erklären, wie Jegge ihnen die Zuwendung gab, „die ich sonst nicht bekam“. Wie er den sexuellen Missbrauch als Therapie ausgab, „um einen besseren Menschen aus mir zu machen“. Wie er Abtrünnigen drohte, dass sie ohne seine Hilfe abstürzen würden. Viele dieser Opfer waren jahrzehntelang von Jürg Jegge abhängig, nicht nur sexuell. Der Dokumentarfilm zeigt, wie der ehemalige Starpädagoge ein geschlossenes System schuf, das bis heute durch Schweigen dominiert wird.
Ja, dieses „geschlossene System“, ... das bis heute durch Schweigen dominiert wird. Mit keinem Wort, weder im Pressetext noch im Vor- oder Abspann, wird auch nur ansatzweise erwähnt, dass die Staatsanwaltschaft trotz intensiver Nachforschung über die von mir bestätigten Vorwürfe hinaus keine vorwerfbaren Handlungen festgestellt hatte. Das konnte damals, als der Film zum ersten Mal gesendet wurde, noch in der Schwebe bleiben. Zwar hatte die Behörde die Einstellung des Verfahrens angekündigt, was die Filmemacherin zwar wusste, aber es lief ja noch die Einsprachefrist. Deshalb durfte man es ihr nachsehen, wenn sie darauf verzichtete, im Sinne der journalistischen Sorgfaltspflicht von dieser Verfahrenseinstellung zu berichten. Aber das war mittlerweile bald ein Jahr her und von der allgemeinen Berichterstattung durchaus bemerkt worden.
Der Vorspann des Fernsehbeitrags war auch nicht ohne.
Da hatte man über den Einleitungstext mein Konterfei montiert, ein Foto etwa aus den späten Siebzigerjahren. Dann folgte ein Bild, vermutlich aus einem Kinderladen oder einer WG, ein kleines nacktes Kind zeigend, das auf einem Tisch stand, an dem zwei bärtige junge Männer sassen. Dann noch einmal mein Konterfei, schliesslich die beiden Hauptprotagonisten des Films, beide entschlossen und finster blickend.
Die Aussage war klar: Dieser Jürg Jegge, dessen System jetzt gleich entlarvt werden soll, ist eben ein „landläufiger Missbraucher“, wie ich ihn weiter oben beschrieben habe: Er macht keinen Unterschied zwischen Kindern und Jugendlichen, und wer weiss, was ihm noch alles zuzutrauen ist. Nun ist mir nie vorgeworfen worden, dass ich mich an kleinen Kindern vergangen hätte, ebenso wenig wie die Untersuchung der Staatsanwaltschaft und die der Bildungsdirektion in dieser Hinsicht Belastendes zutage förderte. Die Berichterstattung hatte sich noch weiter von den ursprünglichen Tatsachen gelöst und eine Eigendynamik angenommen. Günther Anders, sicher einer der bedeutendsten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts, hat diesen Vorgang in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ auf witzige Weise als Marmeladeherstellung beschrieben. [38]
Rein wirtschaftlich gesehen, schreibt er in seinem vielleicht etwas kompliziert anmutenden Stil, sei es für Produkte nur wesentlich, ... dass sie versuchen nichts zu sein als ihre Leistung (der Bedürfnisbefriedigung); aus nichts anderem zu bestehen, als aus derjenigen Qualität, die sie verkäuflich und verwendbar macht. Das gelte nicht nur für „physische Produkte“, sondern auch für den Stoff, der in „Sendungen“ verarbeitet wird: also von den „Ereignissen“.
So wie diese „von Natur aus“ und als Einzelgeschehnisse passieren, taugen sie nichts; sind sie Rohstoff. [...] Um etwas zu taugen, müssen sie vervielfacht, und da die Vervielfachung des Rohzustandes sinnlos wäre, „passiert werden“, gewissermassen erst durch die Passiermaschine getrieben, also gesiebt werden. Allein in diesem „passierten“ Zustande sind sie nun gültig. Die Frage, was oder wie das Ereignis „in Wahrheit“ sei oder gewesen sei, ist, da es sich eben um eine Ware handelt, unsachlich gefragt. Vor der gebrauchsfertigen Marmelade fragte man ja auch nicht, welche ursprünglichen Früchte durch die Passiermaschine getrieben worden waren, um als Marmelade herauszukommen. Vielmehr findet man vor dem Produkt: „das ist das Wahre“, wenn es in der Verwendung funktioniert; sich als dasjenige herausstellt, was man braucht, und wenn es, in dieser Brauchbarkeit aufgehend, sich bewährt.
Soweit das Rezept. Fragt sich nur, warum heute gerade diese Art von Marmelade so begeistert produziert wird und beim Konsumenten so gut ankommt.
Staatsanwaltschaft und Polizei: die Ermittlungen
Insgesamt schien sich im Laufe des Sommers die ganze Aufregung etwas zu legen. Parallel dazu ermittelte die Zürcher Staatsanwaltschaft, genauer: in deren Auftrag die Polizei.
Und beide nahmen ihre Sache ernst. Es begann mit einer Hausdurchsuchung bei mir. Die Meldung ging durch die Zeitungen. Ich selber war an dem Tag nicht zuhause. Wenig später befragte mich die Polizei gut sechs Stunden lang, im Beisein meines Anwaltes. Sie verlangte auch meinen Computer und mein Handy. Beide blieben drei Monate lang in ihrer Obhut. Die Beamten führten zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Schülern, einstigen und jetzigen Märtplätzlern. Ausserdem wurde eine Hotline eingerichtet, auf der sich mögliche Opfer melden konnten.
In der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft ist unter Punkt 5 bis 8 nachzulesen, wie bei den Befragungen vorgegangen wurde:
5. In der Folge wurden zunächst jene Geschädigten befragt, welche sich bereits gegenüber den Medien als Opfer von Jürg Jegge bezeichnet hatten. Die Befragungen [...] ergaben jedoch keine Hinweise auf Straftaten, welche noch nicht verjährt sind. Auch geschilderte sexuelle Handlungen, welche in Österreich stattgefunden haben, sind mittlerweile verjährt.
6. Am 19. April 2017 wurden sodann bei der Stiftung Märtplatz die Personalien sämtlicher Auszubildenden, mit welchen Jürg Jegge Kontakt hatte, beigezogen. Es handelte sich um 160 männliche und 126 weibliche Auszubildende. Aufgrund der sexuellen Orientierung des Beschuldigten wurden nur die männlichen Auszubildenden einer genaueren Betrachtung unterzogen. Aus den 160 männlichen Auszubildenden wurden jene Auszubildenden herausgefiltert, welche beim Eintritt in die Stiftung Märtplatz unter 16 Jahre alt waren und die nach dem 30. September 1992 in ihrer Stellung als Auszubildende mit dem Beschuldigten Kontakt gehabt haben könnten. Dadurch ergab sich ein Kreis von 18 Personen, die als mögliche Opfer des Beschuldigten in Frage kamen.
7. Alle diese 18 Personen und möglichen Opfer wurden durch die Kantonspolizei Zürich kontaktiert, wobei verschiedene Personen bereits am Telefon erklärten, dass keine sexuellen Handlungen zwischen ihnen und dem Beschuldigten stattgefunden hätten, weshalb sie auch nicht zu einer Befragung erscheinen würden. Alle weiteren befragten Personen gaben an, dass es zwischen ihnen und Jürg Jegge zu keinen sexuellen Handlungen gekommen sei.
8. Es kann somit festgehalten werden, dass im Verlauf der Strafuntersuchung keine Straftaten ermittelt werden konnten, die im heutigen Zeitpunkt noch nicht verjährt wären. Auch ein Aufruf, dass sich Missbrauchsopfer von Jürg Jegge bei der Polizei melden sollen, blieb ergebnislos.
Ich selber erlebte die Beamten durchwegs als freundlich, höflich, korrekt und bei alledem sehr sachlich. Deutlich spürte man das Bestreben, herauszufinden, was wirklich passiert war. Auch nach der Hausdurchsuchung sah es bei mir nicht so aus, wie wir das aus Filmen kennen. Alles war in Ordnung, jedenfalls nicht chaotischer, als ich es zurückgelassen hatte.
Dabei hatte die Aktion durchaus auch ihre komischen Seiten. So fand man bei der Hausdurchsuchung in meinem Kleiderkasten eine Unterhose, die mir offensichtlich zu klein war. Die musste, was weiss ich, irgendwann einmal in der Waschküche, die ich mit mehreren Benützern teilte, oder in der Firma, in der ich meine Kleider später säubern liess, zwischen meine Wäschestücke geraten sein. Sie wurde flugs zur „Knabenunterhose“ erklärt, beschlagnahmt, einer DNA-Analyse unterzogen (man fand Spuren, konnte sie aber niemandem zuordnen) und auf Sperma untersucht (keines). Diese Knabenunterhose machte sogleich eine erstaunliche Karriere. Sie schaffte es in mehrere Zeitungen. Ebenso nahmen die Beamten eine CD mit Liedern eines Wiener Mundartsägers mit. Er nennt sich „der Nino aus Wien“. Aber auch DVDs wurden mitgenommen, unter anderem der Film „Hengst Maestoso Austria“ aus den Fünfzigerjahren, eine ziemlich dünne Geschichte um ein Lipizzanerpferd. Alle diese Scheiben waren von Hand angeschrieben und hatten in Umschlägen ohne Fotos gesteckt. Wer weiss, was da drauf sein konnte. Zu finden war nichts. Auch nicht im Computer oder im Handy. Als ich die zurückbekam, sagte einer der Polizisten zu mir: „Das können sie wieder mitnehmen, das ist ja alles negativ.“
Am 5. Oktober dann die Medienmitteilung der Staatsanwaltschaft: Die Staatsanwaltschaft hat den Parteien die Einstellung des Verfahrens gegen den ehemaligen Sonderschullehrer angekündigt. Nach intensiven Ermittlungen und Befragungen von Personen, die als Jugendliche mit dem Beschuldigten Kontakt hatten, kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass gemäss Angaben der befragten Personen keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden hatten. Diese Einstellung geschehe, hiess es, unter Kostenauflage.
Auch diese Meldung ging durch die Zeitungen. „Jürg Jegge geht straffrei aus“, titelten die Blätter. Ungleich intensiver als auf die Einstellung der Untersuchung wurde darauf hingewiesen, dass ich gegen diese Kostenauflage Einspruch erhoben hätte. Dies war tatsächlich der Fall. Mein Anwalt und ich wollten wissen, mit welcher Begründung die Staatsanwaltschaft mir die Kosten aufhalste, angesichts der Tatsache, dass über die von allem Anfang an von mir bestätigten Kontakte hinaus keine weiteren gefunden werden konnten. Und das dazu vorgesehene rechtliche Mittel war eben die Einsprache. So musste die Kostenauflage noch einmal geprüft werden. (Das Schreiben meines Anwalts und der Beschluss der Staatsanwaltschaft, in dem auch die Verfügungseinstellung enthalten ist, finden sich im Anhang 5.)
Die „Sonntagszeitung“ brachte unter dem Titel „Mögliche Zeugen nicht verhört“ (wieso eigentlich verhört?) einen Angriff Markus Zanggers auf die Staatsanwaltschaft: Vor allem aber ist Zangger, 58, wütend (nicht nur auf mich, sondern) auf die Staatsanwaltschaft. Sein Vorwurf: „Die Staatsanwaltschaft hat nicht sauber abgeklärt.“ Es könne doch nicht sein, dass die Mitarbeiter der Stiftung Märtplatz in Freienstein ZH nicht einvernommen worden seien. [...] Bei seiner polizeilichen Befragung habe er vier Namen geliefert, so Zangger. Namen von langjährigen Mitarbeitern, zwei davon seit 17 Jahren am Märtplatz tätig, auch Mitglieder der Geschäftsleitung gehören dazu. Zangger ist sich sicher: „Die müssen doch etwas mitbekommen haben.“ [39]
Dazu, zur Unterfütterung dieser Anklage, ausgiebig wieder aufgewärmten Märtplatztratsch: Eine ehemalige Lehrmeisterin, die 18 Jahre mit Jegge zusammengearbeitet hatte, sagte im Frühling gegenüber der SonntagsZeitung: Sie habe die „Buebegschichtli“ gekannt, blöde Bemerkungen unter alten Lehrmeistern, nicht selten ehemaligen Jegge-Schülern, von „Schnäbele“ war die Rede, das Wort „Pädo“ sei gefallen. Natürlich habe er diese Neigung, ihren Sohn hätte sie ihm jedenfalls nicht auf den Schoss gesetzt. Oder: So haben Recherchen von SRF ergeben, dass drei junge Männer während ihrer Lehrzeit mit Jegge nach Wien gereist sind (in Wien hat er einen Zweitwohnsitz). Sie hätten mit Jegge im Doppelbett übernachtet, der Pädagoge habe sich ihnen aber nicht sexuell genähert. Und noch einiges in dieser Währung. Auch die „Knabenunterhose“ kam wieder einmal zu Ehren.
Tatsächlich sind die vier von Zangger genannten Personen von der Staatsanwaltschaft nicht befragt worden. Also holt die Zeitung das sogleich selber nach: Zwei antworten mit Nein, sie hätten nie etwas beobachtet. Eine Frau sagt: „Ich will gar nicht befragt werden.“ Der Vierte zögert lange, bevor es leise tönt: „Ich möchte mich dazu lieber nicht äussern.“
Schliesslich: Hat die Staatsanwaltschaft eine „Larifari-Untersuchung“ geführt, wie Zangger behauptet? Warum wurden die langjährigen Jegge-Weggefährten nicht einvernommen? Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft wird zitiert, die erklärt, wie die Behörde in dieser Sache vorgegangen ist (nämlich wie in der Einstellungsverfügung geschildert). Und sie sagt, dass Zangger und sein Anwalt Akteneinsicht hatten und die Gelegenheit gehabt hätten, weitere Zeugen zu beantragen. Der Artikel schliesst mit den Worten: Und auf eine öffentliche Entschuldigung wartet Zangger nach wie vor.
Dann hörten wir von der Staatsanwaltschaft lange Zeit nichts. Anfangs Januar 2018 kam dann die endgültige Einstellungsverfügung. Unsere Einsprache wurde abgewiesen. Die Begründung für die Abweisung war nach Meinung meines Anwalts etwas gar grossflächig. (Die Knabenunterhose wurde übrigens anlässlich der Einstellungsverfügung noch einmal erwähnt.) Es wäre juristisch vermutlich reizvoll gewesen, hier noch einmal wider den Stachel zu löcken und diesen Entscheid weiter zu ziehen. Aber das würde angesichts der Stimmung in der Presse ziemlich sicher als Rechthaberei ausgelegt werden, und das war die Sache nicht wert.
Die Kosten wurden mit 4.409,35 Franken beziffert, wozu natürlich noch meine Anwaltskosten kommen. Ein Posten ist auffällig: 1.030 Franken für die DNA-Analyse. Das war für die Knabenunterhose.
Ein paar Tage bevor die Einstellung des Verfahrens endgültig rechtswirksam wurde, ging eine Mitteilung durch die Presse: Ich hätte die Kosten akzeptiert und damit sei alles rechtskräftig. Markus Zangger werde dagegen keine Einsprache erheben.
Die Staatsanwaltschaft habe seriös und gut gearbeitet, sagte Zangger am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA [der Schweizerischen Depeschenagentur]. Dass es nun nicht zur Anklage und zum Prozess gegen Jegge kommt, ist für den ehemaligen Schüler des Reformpädagogen in Ordnung.
Er wolle die Einstellungsverfügung nicht anfechten. Er könne damit leben, es sei alles gesagt, so Zangger. Wichtig ist ihm jedoch, dass die Staatsanwaltschaft in der Einstellungsverfügung deutliche Worte nutzt. „Diese zeigen, dass ich im Recht war.“
Die Staatsanwaltschaft schreibt, dass Jegge die Persönlichkeit seiner ehemaligen Schüler verletzt habe. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Vorfälle verjährt seien oder nicht. Jegge habe „in zivilrechtlich vorwerfbarer Weise gegen geschriebene Verhaltensnormen verstossen“ und somit widerrechtlich gehandelt.
Es sei deshalb richtig, ihm die Verfahrenskosten aufzuerlegen. [40]
Damit kam man mir zuvor. Ich hatte für das Datum, an dem alles abgeschlossen sein würde, eine Erklärung vorbereitet und über die Schweizerische Depeschenagentur SDA an die Presse verteilen lassen:
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich hat ihr Verfahren in meinem Fall eingestellt. „Nach intensiven Ermittlungen und Befragungen von Personen, die als Jugendliche mit dem Beschuldigten Kontakt hatten, kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass gemäss Angaben der befragten Personen entweder keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden haben (Medienmitteilung 5.10.2017).“
Die Auflage der Kostenübernahme werde ich nicht anfechten. Die Verfügung ist am 29. Januar 2018 rechtskräftig.
Es ist mir ein Anliegen, nochmals zu wiederholen: Für Leid, das anderen Menschen durch mein Verhalten entstanden ist, möchte ich mich bei den Betroffenen entschuldigen.
Es waren nur ganz wenige Medien, die das brachten. Der „Landbote“ zum Beispiel unter dem Titel: Jürg Jegge gibt klein bei. Immerhin druckte der auch den Satz mit der Entschuldigung ab. Sein grosser Bruder, der „Tagesanzeiger“ hatte genau diesen Satz herausgestrichen. War mir nicht von ebendiesem „Tagesanzeiger“ vorgeworfen worden, ich hätte mich nie so richtig entschuldigt? Immerhin hatte ich es jetzt von den Titel- und Hintergrundseiten in die Randspalten geschafft, das war auch schon etwas.
Wenige Tage später eine Mail meines Anwalts:
Betreffend die Stellungnahme von Dir über die SDA wurde mir von verschiedener Seite eine taktische Meisterleistung attestiert. Man habe so die Zeitungen im Zeitpunkt der Einstellung mundtot gemacht. Eine hinterlistige Entschuldigung als Mundtotschlagargument? Auch so kann man das offenbar sehen.
Gotthilf Gerhard Hiller: Ein vielschichtig vermintes Gelände
Gotthilf Gerhard Hiller war bis zu seiner Pensionierung Professor für Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen (D). Hin und wieder kam er mit seinen Studenten an den Märtplatz, und da ergaben sich jedes Mal sehr lebendige und anregende Diskussionen. Nach seiner Pensionierung verloren wir uns aus den Augen. Bis Anfang Januar 2018 das folgende Schreiben in meinem Briefkasten lag. Das war für mich ebenso überraschend wie wohltuend. Er hat mir freundlich erlaubt, es hier abzudrucken. Der Text bezieht sich auf die Informationen, die er Ende 2017 aus dem Internet fischen konnte. Weitere standen ihm damals nicht zur Verfügung.
L. S. (30) ist Sonderschullehrer. Er schreibt an mich, seinen akademischen Lehrer, dem er seit Studienzeiten freundschaftlich verbunden ist, am 24.12.2017 diese Mail:
Hallo Herr Hiller, ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten! Ich hoffe, es geht Ihnen gut? Heute Abend beim Surfen nach interessanten Büchern habe ich den Skandal um Jürg Jegge „entdeckt“ (dessen Schriften ich schätze). Haben Sie davon mitbekommen? Da ich Ihre Ansichten und Gedanken sehr schätze, würde mich sehr interessieren, was Sie dazu denken? Beste Grüße!
Ich habe L. S. am 29.12.2017 so geantwortet:
Lieber Herr S., vielen Dank für Ihre Weihnachtsgrüße. [...]
Vom „Skandal um Jürg Jegge“ hatte ich bis zu Ihrer Mail echt keine Ahnung. Unsre Freundschaft hatte sich seit meiner Zurruhesetzung nicht mehr fortgeführt. In den letzten Tagen konnte ich mich in den „Fall Jegge“ nur sehr begrenzt einsehen, einhören und einlesen. So ist es nahezu „leicht-fertig“ Ihnen dazu aufzuschreiben, was ich denke. Anlässlich dessen, was ich da gelesen, gehört und gesehen habe, komme ich jedoch zur Feststellung, dass das alles ein sehr vielschichtig vermintes Gelände ist, in dem man sich da abermals bewegt. Und jede zusätzliche Einlassung ist bestens geeignet, von irgendeinem Fundamentalisten im günstigsten Falle missverstanden, im schlimmsten Fall als Waffe gegen denjenigen ins Feld geführt zu werden, der sich dazu äußert.
Menschen haben im Blick auf Alter und Geschlecht möglicher Partner unterschiedliche physische, emotionale und spirituelle Präferenzen. Diese Präferenzen sind nicht konstant, sie können über die Lebensspanne hinweg erheblich variieren. Jeder Mensch hat weibliche und männliche Dispositionen in seiner physischen, seiner kognitiven und seiner emotionalen Struktur.
Daraus folgt:
(a) Es gibt nicht ein für alle Mal Normale, Schwule oder Lesben. Das kann sich ändern.
(b) Jede/r kann seine gleichgeschlechtlichen Anteile kultivieren (was dem Mainstream bei Männern entgegenläuft, was der Feminismus bei Frauen goutiert) oder verdrängen (was dem männlichen Mainstream entspricht), niemand ist verpflichtet ausschließlich die gegengeschlechtlichen Dispositionen zu kultivieren, zu trainieren und auszuleben.
(c) Wenn man unterschiedliche Präferenzen akzeptiert, dann muss man auch die entsprechenden Praxen akzeptieren und darf diese nicht abwerten und denunzieren. Ob man diese Auffassung teilt oder nicht, hängt davon ab,
(1) in welcher Gesellschaft und dort
(2) in welcher Schicht/in welchem Milieu und
(3) mit welcher Bildung und nicht zuletzt
(4) in welcher „Epoche“
man welche Phasen seines Lebens durchlebt hat.
Es gab und gibt Gesellschaften, in denen eine rigide Zweigeschlechtlichkeit durchgesetzt wird. Dort gibt es offiziell keine Homosexuellen, keine Lesben und keine Transsexuellen. Und wenn es sie doch gibt, dann sind sie krank. Im Extremfall muss man sie ausmerzen. In totalitären Systemen ist das üblich (Katholische Kirche, Nazideutschland, Russland, Saudi- Arabien usw.). Es ist noch nicht sehr lange her, da galt z.B. für Psychoanalytiker Homosexualität als eine Krankheit, die man therapieren kann und muss.
Die Sozialisation dient dazu, den Mädchen die männlichen Dispositionen abzutrainieren und den Jungen die weiblichen. Dann macht man Jungen zu harten Männern und Frauen zu empfindsamen Wesen usw. Und Religion dient der Überhöhung der rigiden Modellierung: Dann ist Sex grundsätzlich Sünde und nur in der Ehe toleriert. Verhütung ist Teufelswerk, ebenso wie gleichgeschlechtliche körperliche Liebe usw. usw.
In den unteren Milieus haben die Menschen vor allem weder die Zeit noch die Muße und deshalb auch nicht die Fähigkeiten und Ressourcen, um sich Gedanken über ihre physische, psychische und kognitive Struktur zu machen. Das ist ein Bildungsprivileg. Deshalb gibt es „unten“ nur wenige, die gegen die starren Regeln und Vorschriften im Umgang untereinander revoltieren. Und dafür zahlt man hohe Preise. Dort handelt man deshalb mehrheitlich der Konvention entsprechend. Das tut man zumeist auch in den höheren Schichten. Dennoch hat man dort leichteren Zugang zu Diskursen (Gesprächen, Erörterungen), die geeignet sind, am Hergebrachten Zweifel zu säen.
Es gab und gibt „Epochen“, in denen Gesellschaften zu eher liberaleren Vorstellungen neigen und solche, in denen es eher prüde oder gar sehr prüde zugeht. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, derlei verlaufe in Wellen: Nach der Prüderie des Kaiserreichs bis etwa 1900, kamen der Wandervogel, die Reformpädagogik, (u.a. mit Hahn, [41] vor allem Wyneken, [42] FKK, Schrebergärten usw.). Nach der Nazizeit kam die Restauration, dann die Gegenbewegung der 68er (u.a. mit v. Hentig, [43] Gerold Becker, [44] Odenwaldschule, Neill, antiautoritäre Erziehung) und schließlich die Prüderie der Gegenwart, auch mit militant feministischen Zügen.
Konkret, wenn es dem Zeitgeist entspricht, und wenn sich also Geld damit verdienen lässt, dann feiert man „große Pädagogen“ (z.B. von Hentig, Becker, Jegge) und liest ihre Schriften, und wenn es dem Zeitgeist entspricht, und wenn sich damit Geld und Karriere machen lässt, dann lässt man die „Entlarver“ von der Kette, die geeignet sind, die Gefeierten zu demontieren. In aller Regel sind dies Menschen, die für ihr Scheitern einen eindeutigen Sündenbock brauchen, der „an allem Schuld“ ist. Sie sind auf die schiefe Bahn geraten, wurden süchtig und einsam, weil sie einst missbraucht, danach verlassen und verschmäht wurden, weil sie abhängig gehalten wurden, usw. usw. Und wer dann gegen solche Fundamentalismen etwas sagt oder gar anschreibt, wie z.B. Muschg im Fall Becker, oder auch jetzt z.B. Bühlmann in den Kommentaren zu https://www.srf.ch/news/schweiz/der-fall-juerg-jegge-opfer-wollten-nicht-aussagen, der wird in Sippenhaft genommen.
Welche Anthropologie „Konjunktur“ bekommt, hängt ab von den Machtkonstellationen. Plötzlich gibt es die „Ehe für alle“, nur weil CDU/CSU damit der SPD ein wichtiges Wahlkampfthema abjagen können. Und die Kanzlerin erklärt praktisch zeitgleich, dass sie das alles doch anders sehe. Um den rechten Rand zu bedienen.
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob und welche Erfahrungen man wann im Lauf seines Lebens mit sich selbst und mit Menschen gemacht hat, die gleichgeschlechtliche sexuelle Präferenzen haben. Wer schwule Männer und lesbische Frauen als Freunde hat, denkt und redet anders als diejenigen, die solche Menschen nur vom Hören-Sagen kennen.
Weil ich solche Freunde habe, weiß ich, dass
(1) unter diesen Menschen die Liebenswürdigen und diejenigen, die großen Respekt abnötigen, aber andererseits eben auch die Vollpfosten und die Arschlöcher ebenso gleichmäßig verteilt sind wie unter den so genannten Normalos.
(2) Auch unter Schwulen und Lesben ist Konsens, dass man als Erwachsene Kinder weder sexuell belästigt noch bedrängt. Kinder sind Menschen bis 14. [45] Wer dies anders sieht, ist ein/e Kinderschänder/in und lädt Schuld auf sich, unabhängig von der sexuellen Präferenz.
(3) Auch unter Schwulen und Lesben ist andererseits bekannt, dass Kinder spätestens ab dem 11. Lebensjahr an sexuellen Fragen und Handlungen Interesse zeigen. Und man weiß, dass man als Erwachsene/r spätestens dann dafür eine Sprache und Handlungsmuster braucht, die angemessen sind um Erfahrung und Entfaltung zu ermöglichen, sie jedoch nicht durch Dominanz zu ersticken und abzuwürgen.
(4) Kluge Schwule und Lesben wissen ebenso wie die klugen Normalos, dass Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr für Erwachsene hierzulande ebenfalls keine Personen des sexuellen Begehrens sein können. Aber sie wissen auch, dass Jugendliche durchaus den Erwachsenen immer wieder entsprechende Avancen machen, denen man (zumal als Mann in jeder Hinsicht) besser widersteht.
(5) Was volljährige Erwachsene miteinander inszenieren, woran sie sich wechselseitig erfreuen, das steht einzig und allein unter dem Anspruch: Du darfst alles mit einem anderen, mit einer anderen machen, worauf der/die sich aus freien Stücken einlässt. Nur erzwingen darf man nichts!
Und jetzt in wenigen Strichen zu Jürg Jegge:
(1) Jürg Jegge hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er schwul ist. Das kann und konnte man seit Langem aus einer ganzen Reihe seiner Texte entnehmen. Er hat sich freilich nicht auf den Marktplatz gestellt und seine sexuelle Präferenz offen hinausposaunt. Dazu ist niemand verpflichtet.
(2) Jürg Jegge hat als schwuler Mann das Recht auf eine entsprechende sexuelle Praxis. Das bedeutet: Er macht/e sich schuldig, wenn er sich mit Jungen unter 14 auf deren Kosten sexuelle Lust verschafft haben sollte. Ich weiß nicht, ob das der Fall war oder nicht. Ob derlei verjährt ist oder nicht, wäre ein juristisches Detail von nachgeordnetem Belang. Es bliebe ein schwerer Fehler.
Was Jürg Jegge mit Jungen (und Mädchen) zwischen 14 und 18 gehabt hat, weiß ich ebenfalls nicht. Und es interessiert mich offen gestanden auch nicht. Ich weiß allerdings aus eigener Erfahrung, dass Jungen in diesem Alter immer wieder von sich aus die körperliche Nähe von Männern suchen, sei es im Austausch von Zärtlichkeiten, sei es in der Lust aufs Raufen und Catchen oder aufs Kräftemessen im Wasser. Sie wollen sich zeigen und gesehen werden. Und sie stellen Fragen, nicht selten sehr direkt, wenn sie Vertrauen fassen.
Solange Jugendliche sicher sein können, nicht benutzt zu werden, denke ich, ist in geschützten Räumen vieles tolerierbar, was sich außerhalb, ohne Kontext, leichtfertig skandalisieren lässt.
Was Jürg Jegge mit (jungen) Männern und (jungen) Frauen jenseits der Volljährigkeitsgrenze gemacht hat und macht, ist seine Privatsache, solange von Vergewaltigung nicht die Rede sein muss. Texte, die solche Beziehungen unter Erwachsenen zu skandalisieren trachten, egal, wer sie verfasst, sind schäbig.
(3) Für ganz übel halte ich die Übergeneralisierungen, die ich lesen musste. Da ist in verschwörungstheoretischer Manier von einen „System Jegge“ die Rede, das aus einem unfähigen Monster (er diagnostiziert ohne abgeschlossenes Psychologiestudium – wie übrigens jeder Sonderschullehrer!), aus laienhaften Aufsichtsbeamten, einer laxen Invalidenversicherung usw. besteht und letztlich nur der Wollust des Monsters dient. Geht’s noch? Und da sind die Kronzeugen für Jegges Fehltritte, bedauernswerte Gestalten, die im Lauf des Lebens eine Geschichte erfinden, von der sie glauben, es sei ihre eigene.
(4) Jegge war fraglos dumm und nicht professionell, wenn er unter 14jährige gefügig gemacht und sich auf deren Kosten Lust verschafft haben sollte. Wenn er sich mit 14 bis 18jährigen Jungen eingelassen haben sollte, war Jegge,, als Kind seiner Zeit, damals teils mutig, teils frivol. Falls diese damals das Gefühl haben mussten, dass er seine Macht ausnutzte und sie hauptsächlich benutzte, dann wären auch das schwere Fehler. Ereignisse im Lebensverlauf, auch lange zurückliegende, sind in ihrer Bedeutung nie eindeutig und nie sicher. Das kann man bei Luhmann lernen. Biographische Erzählungen sind unsicher, auch und gerade dann, wenn sie lange zurückliegende Phasen betreffen. Jegge wird, so gesehen, zum Opfer aktueller Prüderie.
(5) Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass man dessentwegen all das nicht mehr zu würdigen brauchte, was Jegge geleistet hat und dass man dessentwegen seine Schriften nicht mehr ernst zu nehmen brauchte. Man muss ihn nicht in ehrabschneiderischer Weise abwerten.
Es gehört zum guten Umgang unter Erwachsenen, dass man zu akzeptieren lernt, dass Menschen, die man liebt und verehrt, auch dunkle Seiten haben und Fehler, ja auch schwere Fehler machen. Trotzdem hält man zu ihnen und macht mit ihnen weiter, denn wir leben alle von der Vergebung. Das ist nicht leicht-fertig daher geredet sondern Resultat der Einsicht, dass es anders nicht geht.
So gesehen bleibt Jürg Jegge mein Freund. So gesehen, erinnere ich mich gerne an die Begegnungen mit ihm in Reutlingen und im Zürcher Unterland. Ich habe viel von ihm gelernt. Und ich bin gespannt, was er antworten wird, wenn er dafür einen Verlag findet.
Untersuchung zuhanden der Bildungsdirektion
Am Ende der ersten Woche, als die Geschichte so richtig hochzukochen begann, brachte der „Sonntagsblick“ die Meldung: Silvia Steiner ist Zürcher Bildungsdirektorin und Präsidentin der Erziehungsdirektoren. Gegenüber „Sonntagsblick“ kündigt sie im Fall Jegge eine Untersuchung an: „Wir nehmen die Sache sehr ernst und haben sofort interne Abklärungen getroffen“ [46] Gleiches kündigte Frau Steiner auch gegenüber andern Zeitungen an.
Betraut mit dieser Untersuchung wurde der Zürcher Rechtsanwalt Michael Budliger, früherer Lehrer und als Jurist Experte für Schulrecht. Ich bekam davon erst im März 2018 unmittelbar etwas zu spüren, als er mich zu einem Gespräch in seinem Büro einlud. Ich habe dieses Gespräch in recht angenehmer Erinnerung. Ich versuchte, alle seine Fragen möglichst genau zu beantworten, ein junger Kollege protokollierte, und das Ergebnis wurde mir zum Durchlesen zugestellt. Ein paar anschliessende Fragen erledigten wir per Mail. Auf meine Anfrage hin versicherte mir der Gutachter, ebenfalls per Mail: Den Bericht werden Sie zu gegebener Zeit bekommen, entweder von der Bildungsdirektion oder von mir, das genaue administrative Vorgehen wurde noch nicht festgelegt. Dann hörte ich nichts mehr.
Bis am 27. Juni sich das Schweizer Fernsehen und ein Zeitungsjournalist meldeten. Morgen würde die Untersuchung der Bildungsdirektion der Presse vorgestellt, ob ich dazu etwas sagen wolle. Das konnte ich nicht, ich hatte ja noch keine Ahnung, was in dem Bericht stehen würde.
Nachzulesen ist er im Internet unter
https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2018/06/untersuchungsbericht-juerg-jegge-liegt-vor.html Wichtig ist vor allem der eigentliche Textteil (S. 56 bis 89 des Berichts; Zugriff 02.09.2024).
Die Aufgabe, die dem Untersuchenden gestellt worden war:
1. Klärung der jeweils geltenden Rechtslage von 1969 bis 1985 [...].
2. Aufsicht über Schulgemeinden generell Abklärung, ob die damaligen rechtlichen Vorgaben [...] von den jeweiligen Lehrpersonen, Trägerschaften und Aufsichtsorganen, einschliesslich Erziehungsdirektion und Erziehungsrat, im Zusammenhang mit der Schule Embrach und dem Schulversuch „Schule in Kleingruppen“ eingehalten wurden.
3. Sichtung, Sicherung und Auswertung der relevanten Akten [...] [47]
Für die Beantwortung dieser Aufgabe standen ihm hauptsächlich 3 Quellen zur Verfügung: die damals geltenden Gesetzestexte und Reglemente, die Akten und Protokolle der Erziehungsdirektion, der Bezirks- und der Gemeindeschulpflegen und direkte Gespräche mit damals Beteiligten.
Der Untersuchungsbericht ist sehr ausführlich. Er umfasst über 100 Seiten. Nach einer Darstellung der Rechtslage findet sich eine „Chronologie der Ereignisse“ in Tabellenform. An diese schliesst sich die „Beurteilung der Vorgänge aus schulrechtlicher Sicht.“ Schliesslich folgt die „Gesamtwürdigung“, und im Anhang eine bildungshistorische Einordnung unseres damaligen Schulversuchs „Schule in Kleingruppen“, erstellt durch das Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Im zum Untersuchungsbericht gehörigen Aktenverzeichnis werden über 350 Positionen aufgelistet. Zu meinem Erstaunen (und zu meiner Erleichterung) waren die meisten Protokolle und Papiere der Orts- und Bezirksschulpflege sowie der Erziehungsdirektion noch vorhanden. So wurde einiges zurechtgerückt. Damit das Ganze nicht ausufert, werde ich im Folgenden nur ein paar aus meiner Sicht wichtige Punkte ansprechen. (Falls das allzu detailliert erscheint – auf Seite 70 findet sich eine „Quintessenz“ und auf Seite 73 geht’s weiter.)
Beispiel: Nicht bestätigt werden konnte die mehrfach zumindest implizit geäusserte These, Jegge habe sich die Schüler in den Regelklassen selbst ausgewählt. [48] Genau das war mir sowohl im Innern als auch auf dem Umschlag des Zangger/Stammschen Buches vorgeworfen worden.
Zweites Beispiel: Aus zahlreichen Protokollvermerken geht [...] hervor, dass über den Unterrichtsstil von Jegge sehr intensiv und ebenso kontrovers diskutiert wurde, und dies über Jahre. Es kann demnach ausgeschlossen werden, dass Jegge sozusagen „unter dem Radar“ der Schulpflege unterrichtet hat. Im Gegenteil, sein Unterrichtsstil erhitzte die Gemüter in aussergewöhnlicher Weise und über eine sehr lange Zeit. [...] Kontrovers diskutiert wurden Fragen der Schulführung, wie Ordnung, Einhaltung des Stundenplans, Frontal- vs. Individualunterricht etc. und Einhaltung der elementarsten Pflichten einer Lehrperson, wie z.B. die Anwesenheitspflicht während des Unterrichts. [49] Und ausserdem befürchteten die Kritiker von Jegges Unterrichtsstil, dass die Stoffvermittlung und damit die Vorbereitung der Schüler auf das „richtige Leben“ zu kurz kämen. [50]
Bei alledem enthält kein einziger Protokollvermerk auch nur eine Andeutung, dass Missbrauchsverdacht bestanden haben könnte. [51] Weiter hinten steht: Es finden sich aber keine Hinweise, dass Behördemitglieder von den Übergriffen gewusst oder diese geahnt haben. In den Behördesitzungen waren diese nie ein Thema und wurden nie auch nur angedeutet. Und in der Zusammenfassung am Schluss: Der insbesondere von den missbrauchten damaligen Schülern [von den damaligen Schülern wurden laut Aktenverzeichnis zwei befragt: Markus Zangger und Andreas G; beide waren schon in der DOK-Fernsehsendung ausführlich zu Wort gekommen] geäusserte Verdacht, dass man „im ganzen Dorf“ von den Übergriffen gewusst und darüber gesprochen habe, hat sich nicht bestätigt oder kann zumindest nicht mehr nachgewiesen werden. Zwar sind die Mittel, dies so weit zurückliegend festzustellen, beschränkt, schon nur weil zahlreiche Zeitgenossen nicht mehr leben, insbesondere kein Elternteil der missbrauchten Schüler mehr befragt werden konnte. Soweit feststellbar ergibt sich aber doch, dass keine Kultur des Wegschauens geherrscht hat und niemand etwas wirklich gewusst hat. [52]
Die aus meiner Sicht wichtigste Passage ist ebenfalls gegen Ende zu finden:
Wie aber wurde das den Schulbehörden in ihrer Tätigkeit zustehende weitgehende Ermessen ausgeübt? Man ist geneigt, die Handlungen und Ereignisse von damals aus heutiger Optik zu betrachten und zu bewerten. Seither sind jedoch 40-50 Jahre vergangen, ein halbes Jahrhundert. Um zu verstehen, was sich damals zugetragen hat und wer weshalb so gehandelt hat wie gehandelt wurde, müssen die Ereignisse kontextualisiert werden. Dabei darf man selbstredend nicht so weit gehen wie Jegge, der sich auf den Zeitgeist beruft und damit seine Taten bar jeden Unrechtsbewusstseins in völlig unverständlichem Ausmass bagatellisiert. Misst man aber unbesehen mit heutigen Massstäben, wird man den damaligen Gegebenheiten auch nicht gerecht. [53]
Da hat der Gutachter völlig Recht: Legt man einfach heutige Massstäbe an, wird man damaligen Gegebenheiten meist nicht gerecht. Auch wenn er diese Gerechtigkeit eher den Schulbehörden als mir zugestehen mag (das wird im Zitat ziemlich deutlich), benennt er damit die Falle, in die Beurteilungen länger zurückliegender Ereignisse immer wieder geraten können. Im Untersuchungsbericht weicht man denn auch meist sorgfältig dieser Falle aus. Dies gilt auch für die im Anhang gebrachte schulhistorische Einordnung durch das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich. [54]
Es gilt aber offenbar nicht für die Beurteilung meiner damaligen Arbeit als Lehrer. Nun war das ja auch nicht der Auftrag. Der bestand in der Frage, ob den damaligen Bestimmungen gemäss gehandelt wurde. Um inhaltliche Diskussionen oder gar Differenzen ging’s dabei nicht. Aber im Gutachten werden plötzlich Werturteile gefällt oder einfach aus den Protokollen der Gemeinde- bzw. Bezirksschulpflege übernommen. Werturteile, die sich genau aus solchen inhaltlichen Problemen ergeben.
Beispiel: Am 19. April 1982 erschien in der „Schweizer Illustrierten“ (ich war damals dort alle vier Wochen als Kolumnist unterwegs) mein Beitrag mit dem Titel „Ordnung muss sein“. Ordnung, argumentierte ich, ist eine typische Sekundär-Tugend, ebenso geeignet zur Erleichterung des Lebens wie für die Führung eines Konzentrationslagers. Es komme drauf an, in welchem Zusammenhang Ordnung gefordert werde, und es gebe Situationen in denen der Zusammenhang wichtiger sei als die Tugend selber. Da tatsächlich ein Gespräch mit meinem Bezirksschulpfleger Anstoss zu diesem Text gewesen war, berichtete ich auch davon (der ganze Text findet sich im Anhang 7). Heute würde ich das nicht mehr in dieser Ausschliesslichkeit formulieren. Da steckte viel „68er-Besserwisserei“ drin. Aber damals, als ich diesen Artikel schrieb, setzte gleich allgemein beifälliges Nicken ein, wenn der Ruf nach Ordnung ertönte – zum Teil gerade auch als Reaktion auf die 68er Jahre. Da ging es mir darum, zu zeigen, dass es noch eine andere Sicht der Dinge gebe. Und das so deutlich wie nur irgend möglich.
Der Artikel sorgte bei der Bezirksschulpflege für rote Köpfe und fand deshalb Eingang ins Protokoll der Behörde. So kommt es, dass im Zuge der jetzigen Untersuchung in der hier gebrachten „Chronologie der Ereignisse“ folgendes zu finden ist: 15.06.1982. Das Büro der Bezirksschulpflege Bülach wertet einen Artikel in der Schweizer Illustrierten als Affront gegen die Bezirksschulpflege, insbesondere dass Jegge die Forderung der Bezirksschulpflege Bülach nach mehr Ordnung offensichtlich als „Konzentrationslagerordnung“ bezeichnet hat. [55] In meinem Artikel findet sich dieser zuspitzende Begriff, wie man sich leicht selber überzeugen kann, an keiner Stelle.
In der „Beurteilung der Vorgänge aus schulrechtlicher Sicht“ dieses Gutachtens wird diese gekränkt-polemische Wertung der Bezirksschulpflege unvermittelt zum Fakt: Den unbotmässigen Umgang mit der Bezirksschulpflege legte Jegge jedenfalls nicht ab. In einem Artikel der „Schweizer Illustrierten“ im Frühjahr 1982 bezeichnete er die von der Bezirksschulpflege immer wieder erhobene Forderung nach mehr Ordnung als „Konzentrationslagerordnung“, was ihm abermals eine scharfe Rüge der Bezirksschulpflege eintrug. [56]
Offensichtlich hat niemand der an der Untersuchung Beteiligten den inkriminierten Artikel gelesen. Ich will das niemandem zum Vorwurf machen. Es war auch ein recht kompliziertes Unterfangen, den Artikel wieder aufzutreiben. Der Freund, der sich dazu bereit erklärt hatte, berichtet, wie er nach längerer Irrfahrt schliesslich in einem Lesesaal landete, wo die betreffenden Jahresbände nur mit einer halsbrecherischen Kletterpartie durch die Bibliothekarin beschafft werden konnten. Offensichtlich ist die Nachfrage nach dem Jahrgang 1982 der „Schweizer Illustrierten“ nicht eben gross. Aber die ganze Geschichte zeigt, wie vor lauter Kontext (Empörung der Bezirksschulpflege) der genaue Grund für diese Empörung (der Artikel und vor allem die dort vorgebrachten Argumente) einfach verloren ging. Übrig bleiben die Unbelehrbarkeit und die Unbotmässigkeit des Missetäters.
Eine ganz ähnliche Geschichte: Mit der Zeit gab es in der Bezirksschulpflege Bülach aber auch kritischere Stimmen, wie z.B. Jegge solle nicht nur Psychologe des Kindes, sondern im Wesentlichen auch dessen Lehrer und Erzieher sein. Auf solche Kritik haben Jegge und Lehrer X (mein damaliger Kollege an der Sonderklasse in Embrach) gegenüber der Visitatorin offenbar derart rüde reagiert, dass sie [Jegge und Lehrer X] von der Bezirksschulpflege Bülach offiziell aufgefordert wurden, sich gegenüber den Visitatoren „toleranter und höflicher zu verhalten“. [57] Auch da: Worum es bei dieser Auseinandersetzung ging, ist nicht bekannt. Unsere beiden Briefe waren damals eine Reaktion auf unsere Visitationsberichte, die wir beide als unsachlich empfanden. Wir beschlossen aber, diese nicht anzufechten, sondern der Visitatorin persönlich zu schreiben, was uns daran störte. Jeder von uns beiden schrieb in seinem eigenen Namen. Weder wird auf die Berichte noch auf unsere Briefe näher Bezug genommen. Klar ist nur: „Kollege X“ und ich haben offenbar derart rüde reagiert, dass... Was an diesen Schreiben so rüde war, war uns schon damals auch durch den Brief der Bezirksschulpflege (mit dem wir offiziell aufgefordert wurden) nicht klar geworden. (Ich selber habe diese Briefe, auch meinen, nicht mehr.)
Ein weiteres Beispiel: Der Bericht über die Einrichtung der Gruppe Lufingen im Rahmen des Schulversuchs „Schule in Kleingruppen“. Im Rahmen dieser Vorarbeiten mietete Jegge (in eigener Regie!) ein Haus in Lufingen, das sich für diese Kleingruppe eignete. Eine Anfrage an die Schulpflege Lufingen um Übernahme dieser Gruppe scheiterte aber. [...] Der Start von der durch Jegge unterrichteten Kleingruppe verzögerte sich, da lange keine Trägergemeinde gefunden werden konnte. Die Schulpflege Lufingen blieb bei ihrer Absage und wehrte sich [...] gegen die Führung der vierten Gruppe in Lufingen durch die Schulgemeinde Wallisellen. Nach langem Hin und Her beschloss die Schulpflege Wallisellen aber die Trägerschaft. [58]
Eine seltsame Geschichte. Dem Gutachter schien sie immerhin so seltsam, dass er sie mit einer Klammerbemerkung samt Ausrufzeichen versah. Da kapriziert sich einer auf ein bestimmtes Haus, das er gleich selber mietet. Weil die dortige Schulpflege sich weigert, diese neue Schule zu führen, wird herumgesucht, bis eine andere diese Aufgabe „exterritorial“ übernimmt. Und das alles geschieht unter tatkräftiger Mitwirkung der Erziehungsdirektion. Hat da einer in Selbstüberschätzung stur und rücksichtslos seine Ideen durchgedrückt und zu diesem Zweck die Zuständigen einmal mehr umgarnt – wie das an anderer Stelle im Bericht genannt wird? [59]
Beim Einrichten der Kleingruppenschulen versuchten wir nach Möglichkeit, ein ungewohntes, „nicht-schulisches“ Umfeld zu schaffen. Die Kinder sollten in eine andere Umgebung kommen als in die, in der sie ja ihre Misserfolge erlebt hatten. In Lufingen ergab sich die Chance, die Gruppe in eine eben entstehende professionelle Keramikwerkstatt zu integrieren. Die Idee gefiel, und so versuchten wir mit Unterstützung der pädagogischen Abteilung und der Abteilung Volksschule, sie auch zu verwirklichen, was einige Hartnäckigkeit erforderte. Damit dem Vermieter des Hauses dabei nicht plötzlich die Geduld ausgehen würde, mietete ich dieses zunächst einmal selber.
Die Zusammenlegung von Schule und Keramikwerkstatt dürfte auch der Grund sein für die Bemerkung des Visitators, dass hier unhygienischer Schmutz [60] vorherrsche. Das war neu in meiner sonst recht umfangreichen pädagogischen Mängelliste.
Als eine solche liest sich über weite Strecken auch die Untersuchung. Immer wieder ist da von fehlender Ordnung, mangelnder Disziplin die Rede oder davon, dass sich Jegge sehr weitgehende Freiheiten genommen haben muss, die mit den Pflichten einer Lehrperson in keiner Weise zu vereinbaren waren. [61] Bei manchen Wortmeldungen wird auch die Sorge spürbar, dass die solcherart beschulten Kinder später einmal der Berufslehre oder dem Leben allgemein nicht gewachsen sein könnten. Es wird aber auch erwähnt, dass ebenso positive, ja geradezu begeisterte Beurteilungen [62] zu finden seien. Kontrovers eben. Das hing zu allen Zeiten davon ab, wer so einen Bericht schreibt und von welchen Voraussetzungen und Vorstellungen dabei ausgegangen wird. Das erlebten und erleben ja viele Kolleginnen und Kollegen bei ihren Versuchen, in ihrer Arbeit „reformpädagogische“ Ansätze einigermassen konsequent zu beachten.
Was auffällt, ist das Gewicht, das meiner „Respektlosigkeit“ den Behörden gegenüber zukommt. Von arroganten Provokationen [63] ist da die Rede, in die Gespräche mit mir ausarteten, oder davon, dass es auf Grund unangemessenen Verhaltens von Jegge zu heftigen Konflikten mit der Bezirksschulpflege gekommen sei [64] – offenbar, wenn man die Aktennummer zu Rate zieht, im Zusammenhang mit der „Konzentrationslager-Geschichte“. (Die scharfe Rüge, von welcher der Gutachter berichtet, bestand nach meiner Erinnerung in zwei ernsthaft ermahnenden Gesprächen, einem mit „meinem“ Bezirksschulpfleger und einem mit dem Aktuar der Pflege.)
Was steckte hinter den Empörungen der Gemeinde- und der Bezirksschulpflege über meine „Respektlosigkeit“? Ja, die Gemeindeschulpflege bestand grösstenteils aus Laien, die ein Amt übernommen hatten, weil man sie dafür angefragt hat. Die Fachleute aber waren die Lehrpersonen. [65] Und diese hätten an den Sitzungen die Pflegemitglieder über ihr Tun und Lassen bestenfalls „orientiert“. Schimmert da nicht eine leise Verachtung durch für diese angefragten Laien, die sich von mir so unprofessionell über den Tisch ziehen liessen? Aber da beschreibt der Gutachter nur die scheinbar unahnsehnlichere Seite der Medaille. Sowohl die Gemeinde- als auch die Bezirksschulpflegemitglieder waren demokratisch gewählte Amtsträger, oft hatten eigentliche Wahlkämpfe stattgefunden, bis so eine Pflege vollzählig war. (In der Bezirksschulpflege sass übrigens auch eine anzahlmässig festgelegte Fachvertretung der Lehrpersonen.) Dem gemäss war allen klar, dass sie hier eine von den Stimmbürgern und -bürgerinnen verliehene, nicht unbeträchtliche Macht ausübten. Als Verweser war ich jedenfalls darauf angewiesen, dass die Gemeindeschulpflege mich Jahr für Jahr wieder bei der Erziehungsdirektion anforderte. (Ein Verweser war damals im Kanton Zürich eine Lehrkraft, die von der Erziehungsdirektion für ein Jahr an eine Stelle abgeordnet wurde, die man nicht mit einer gewählten Lehrperson hatte besetzen können).
Diese Macht wurde, vor allem in ländlichen Gegenden, weitgehend „patriarchalisch“ ausgeübt. Ich setze den Ausdruck in Anführungszeichen, weil damit nicht einfach eine „Männerherrschaft“ gemeint ist. (Auch wenn die Frauen damals schwach vertreten waren, so waren sie doch immerhin vertreten – und wurden oft genug überstimmt.) Aber diese Schulbehörden pflegten meist einen „väterlichen“, wohlwollend-autoritativen Führungsstil, der auf der gemeinsamen Überzeugung fusste, dass die Art, wie man bisher im Sprengel die Kinder beschult habe, schon „recht“ gewesen und deshalb auch weiterhin so zu pflegen sei, was aber Neuerungen in zumutbarem Ausmass nicht ausschloss. (Insofern genügte es manchmal tatsächlich, wenn die auch anwesende Lehrerschaft über irgendwelche Vorhaben oder Vorkommnisse „orientierte“.) Dieser Führungsstil ermöglichte der einzelnen Lehrkraft ein recht weitgehendes Mass an Freiheit: Solange sie nicht gegen den Konsens verstiess, redete ihr niemand drein. Gleiches galt auch für die Behördemitglieder: Diese Sicherheit ermöglichte eine gewisse Grosszügigkeit; und auf Abweichungen reagierte man meist mit einer väterlichen Ermahnung.
Auf solche Vorhaltungen hin pflegte ich inhaltlich zu argumentieren, zu erklären, warum ich in einer bestimmten Situation so gehandelt oder nicht gehandelt hatte. Die anfangs erwähnte Geschichte mit der „Konzentrationslager-Ordnung“ ist da ein gutes Beispiel. Natürlich machte ich meine Replik in der Regel nicht öffentlich, aber oft wurde diese als Widerspruch und dementsprechend je nachdem als Unbotmässigkeit, Hartköpfigkeit, Sturheit, Überheblichkeit, auf jeden Fall aber als Respektlosigkeit verstanden. Und je öfter das vorkam, desto mehr rutschte ich aus dem Konsens hinaus, was mir wiederum erhöhte Aufmerksamkeit eintrug. So merkt der Gutachter an, dass auch gegen die Person Jegge wachsender Widerstand laut wurde, im Rahmen dessen auch die grundsätzliche Eignung von Jegges pädagogischen Ideen für die Volksschule in Frage gestellt wurden. [66]
Dieser Vorgang des Hinausrutschens war sowohl auf Gemeinde- als auch auf Bezirksebene zu beobachten. Wobei er auf Gemeindeebene schneller ablief. Da liegt der Gutachter völlig richtig. Die Bezirksschulpflege war [...] etwas weiter weg vom Geschehen als die kommunale Schulpflege. Es waren ja die Gemeindeschulpfleger, die mit ihren Wählern und deren Beobachtungen und Einwänden direkt konfrontiert wurden. Im Bezirk konnte man daher als obere Behörde sich auch mehr patriarchale Grosszügigkeit leisten. Indes gab es auch seitens der Bezirksschulpflege Bülach insbesondere in den ersten Jahren keine ernst zu nehmenden Tendenzen, die Disziplin- und Respektlosigkeit von Jegge als solche zu sehen und sie wirklich in den Griff zu bekommen. Immerhin kann man der Bezirksschulpflege attestieren, sich ernsthaft mit der Schule von Jegge befasst zu haben. [67]
Das ist nun freilich spannend: Man versuchte diesen unhandlichen Lehrer nicht wirklich in den Griff zu bekommen, aber immerhin hat man sich ernsthaft mit seiner Schulführung befasst. Es entsteht aber auch hier der Eindruck, dass es Jegge jahrelang gelungen ist, die Bezirksschulpflege Bülach so mit seinen Ideen zu umgarnen, dass der Blick auf die Einhaltung elementarer Regeln [...] stark in den Hintergrund rückte. [68] Da ist sie wieder, diese leise Verachtung für soviel Unprofessionalität: Man lässt sich von einem respektlosen Lehrer einfach umgarnen.
Warum eigentlich hat man diesen Lehrer nicht in die Wüste geschickt, als Verweser ganz einfach nicht mehr angefordert? Auf Gemeindeebene gibt es, meine ich, zwei Antworten. Einerseits haben mich die Kolleginnen und Kollegen der Primarschule entschlossen unterstützt. Auch wenn wir pädagogisch vieles unterschiedlich sahen, hatten wir doch einen guten Kontakt und standen auch wenn nötig füreinander ein. Das sorgte hin und wieder für Irritation bei der Behörde. Den andern Grund für dieses – nach heutiger Terminologie – führungsschwache Verhalten der Schulpflege war ganz sicher der damals herrschende Lehrermangel, besonders im Sonderklassenwesen: Man war froh, dass Personen wie Jegge und Lehrer X überhaupt diese Aufgabe wahrnahmen, die sonst niemand wahrnehmen wollte. [69] Man braucht also gar nicht mein „Charisma“ zu bemühen – was immer darunter zu verstehen wäre. Ich war als Lehrer in Embrach ganz einfach eine typische Figur des Lehrermangels jener Jahre. Mein Wechsel in den Schulversuch hatte denn auch ein Aufatmen zur Folge. Und der Gutachter hat völlig Recht, wenn er dem Eindruck Ausdruck gibt, dass die Primarschulpflege Embrach, wenn sie Jegge schon nicht disziplinieren, ihn so wenigstens loswerden konnte.
Auf Bezirksebene lag die Sache etwas anders. Der frühere Präsident der Schulpflege war am Anfang meiner Arbeit im Bezirk mein Visitator gewesen. Er war von meiner Schulführung überrascht und wollte es genau wissen. Sehr aussergewöhnlich ist, dass Bezirksschulpfleger MM Jegge zu Beginn von dessen Tätigkeit [...] zwischen Juli 1968 und Februar 1970, also innert nur 1 ½ Jahren siebzehn Mal (!) besucht hatte. Der Grund für diese häufigen Besuche konnte nicht eruiert werden. In den Akten findet sich kein Hinweis. MM ist verstorben, und Jegge gibt dazu lediglich an, dass sich MM für Jegges Unterricht wohl „wirklich interessiert“ habe, er habe sich von ihm auch immer sehr unterstützt gefühlt. Ob MM von den Übergriffen etwas gewusst oder davon etwas geahnt hat, kann nicht mehr festgestellt werden. Es ist aber mangels anderer Hinweise eher davon auszugehen, dass er ein Anhänger von Jegges Unterrichtsmethoden war und nicht einem Verdacht nachging. [70]
Ob er wirklich ein Anhänger war, weiss ich nicht. Auf jeden Fall fand ich bei ihm immer viel Verständnis für meine Anliegen, und das wirkte in der Behörde auch noch eine Weile nach, nachdem er als Bezirksschulpfleger zurückgetreten war. Erst zur Zeit des Schulversuchs begann diese „Umgarnung“ allmählich an Glanz zu verlieren. Das hat aus meiner Sicht zwei Gründe: Einerseits wechselten ja die Schulpfleger in ihrer Besuchstätigkeit alle zwei Jahre ab, und da war es ganz natürlich, dass sich mit der Zeit auch die kritischen Stimmen häuften (ich wurde ja nicht ausschliesslich von glühenden Befürwortern meiner Ideen visitiert). Andererseits radikalisierte sich während dieser Zeit meine Sicht auf die Schule. Diesen Vorgang haben auch viele andere pädagogisch Tätige von sich berichtet: Je länger man einschlägig unterwegs ist, desto grosszügiger wird man gegenüber all den Missgeschicken der jungen Leute, und desto grosszügiger handhabt man im Gegenzug auch die organisatorischen und im weitesten Sinne disziplinarischen Belange. Auch das schlug sich in den Berichten der Visitatoren und -innen nieder. Zudem hielt ich „Schule“, wie sie landläufig gemacht wird, zunehmend für schädlich, je mehr ich mit den Auswirkungen dieser „Machart“ konfrontiert wurde. Dazu kam, dass sich abzeichnete, wie unser Schulversuch nach der (erfolgreichen) Versuchsphase in die Organisation Schule übergeführt werden würde, nämlich in den Sonderschulbereich. Das hiess: Unsere ursprüngliche Idee, in der „normalen“ Schule eine Alternative zu etablieren, so dass eine erfolglose Schülerin nicht als „Schulversagerin“ diskriminiert werden musste, erwies sich als nicht durchführbar. Aus all diesen Überlegungen und Erfahrungen zog ich schliesslich die Konsequenz, trat aus dem Schuldienst aus und gründete gemeinsam mit einer kleinen Einrichtungsgruppe den Märtplatz.
Wieder ganz anders stellte sich die Zusammenarbeit mit den Instanzen der Erziehungsdirektion dar, der pädagogischen Abteilung und der Abteilung Volksschule. Da waren Fachleute am Werk, die zwar nicht unbedingt meiner Meinung waren, aber mit denen man diskutieren konnte. Die wollten wirklich eine bessere Schule, da schlug die Aufbruchsstimmung der Siebzigerjahre durch. Sie waren auch bereit, bei ihrer Arbeit ihren persönlichen Spielraum wirklich auszunützen. Ich habe die sieben Jahre unserer Zusammenarbeit in schöner Erinnerung. Das gilt vor allem auch für die am Schulversuch Mitbeteiligten. Natürlich ergaben sich auch hier Konflikte, aber die konnten bewältigt werden. Es ist denn auch nirgends im Bericht von „Abnützungserscheinungen“ bei dieser siebenjährigen Zusammenarbeit die Rede, wie sie ja auf Gemeinde- und Bezirksebene dargestellt werden.
... fällt auf, dass wie gesagt in der ganzen Untersuchung Inhalte kaum eine Rolle spielen. Von Inhalten ist höchstens die Rede als im Kontext von 1968 verbreitete harsche Kritik an bestehenden (Erziehungs-)Institutionen, Repräsentanten einer als überholt betrachteten Herrschaftsstruktur. Oder als schulpolitisches Umfeld, in dem der (Sonderklassen-)Unterricht im Zuge des sogenannten „Psychobooms“ der 1970er Jahre stark auf die Persönlichkeitsbildung und Beziehungs- bzw. Therapieaspekte fokussierte und dabei die Stoffvermittlung und herkömmliche Werte wie Ordnung und Disziplin in den Hintergrund rücken liess.
Hat wirklich niemand (von meinen Verfehlungen) etwas gewusst oder geahnt, oder hat man einfach weggeschaut [...] ? Hat das System komplett versagt? Darum ging’s ja eigentlich. Und dazu sagt der Gutachter: Nach Aufarbeitung der Sach- und Rechtslage ergibt sich ein differenziertes Bild. Ob die „harten“ gesetzlichen Bestimmungen von den zuständigen Schulbehörden eingehalte wurden, kann – soweit die Vorgänge noch nachvollzogen werden konnten – klar beurteilt werden. Sie wurden mehrheitlich eingehalten, aber nicht immer und nicht in allen Punkten. [71] Diese Punkte werden aufgezählt, wie etwa eine Kompetenzüberschreitung eines hochrangigen Mitarbeiters der Erziehungsdirektion bei einer Bewilligungserteilung. Ausserdem bestätigt der Gutachter, wie erwähnt, dass keine Kultur des Wegschauens geherrscht hat und niemand etwas wirklich gewusst hat. Hier wird der Anspruch eines juristischen, sachlichen Gutachtens eingelöst.
Darüber hinaus aber wird die Krux dieses Berichts sichtbar: In den Protokollen der Behörden finden sich haufenweise Spuren inhaltlicher Auseinandersetzungen. Da diese aber nur mit grösstem Aufwand nachzuvollziehen sind (und genau genommen nicht zum Auftrag gehören), bleibt es meist beim Zitieren der Protokolle und deren Schlussfolgerungen. Und so reduziert sich das Problem einer kindgerechteren Pädagogik und deren Verwirklichung in der öffentlichen Schule auf mein Verhältnis zu den Behörden, nach dem Muster „Böser Bub, und der Papa hat ihn nicht im Griff.“ (Worauf sich die Presse mit einer gewissen Begeisterung stürzte.) Aber: Ist Wohlverhalten gegenüber den Vorgesetzten wirklich die wichtigste Tugend einer Lehrperson?
Von welchen Werten her werden solche Urteile gefällt? Oder anders gefragt: Was für eine Vorstellung von Schule steckt hinter den Aussagen und Urteilen dieses Gutachtens?
„Schule“ wird hier hauptsächlich gesehen als ein Konstrukt aus Gesetzen, Vorschriften und Zuständigkeiten, Ausbildungsnachweisen und Bewilligungen. Behörden kommen ihrer Aufsichtspflicht nach (genügend oder mangelhaft), erteilen Weisungen und setzen diese durch oder sind eben führungsschwach. (Von hier aus erklärt sich wohl auch die seltsame Infragestellung der Kompetenz von immerhin an der Urne gewählten Behörden durch dieses Gutachten.) Verwaltungsmitarbeiter arbeiten in ihrem Kompetenzrahmen oder überschreiten ihre Befugnisse. Und Lehrpersonen fügen sich in diesen Rahmen (sind also „brav“) oder verhalten sich eben disziplin- oder gar respektlos. Ist es Zufall, dass Kinder in dieser Erzählung bestenfalls als Gegenstand der Besorgnis auftauchen, sie könnten zuwenig lernen? Dass aber niemand fragt, ob sie sich überhaupt in diesem Ganzen wohlfühlen? Was ja wohl eine Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Lernen wäre.
Folgerichtig schliesst die im Gutachten enthaltene Gesamtwürdigung mit der Feststellung, dass die Behörden in Gemeinde und Bezirk zu zögerlich agierten und die Erziehungsdirektion Jegge zu weitgehende Freiheiten einräumte. Die organisatorischen und schulischen Rahmenbedingungen erleichterten zwar objektiv die Übergriffe. Eine direkte Kausalität zwischen diesen Rahmenbedingungen und den Übergriffen kann aber nicht hergestellt werden. [72]
Objektiv? Objektiv kann festgestellt werden, dass solche Übergriffe auch in stark strukturierten und straff geführten Schulen und Institutionen vorkommen und vorgekommen sind. Und dass der angesprochene Zusammenhang in unserem Fall tatsächlich hergestellt werden müsste. Da ist dem Gutachter zuguterletzt ein kräftiges Werturteil, ein eigentliches Vor-Urteil entschlüpft, das durch sein Gutachten nirgendwo belegt wird.
Die Präsentation des Berichts fand am 28. Juni 2018 statt. (Ein Bericht auf der „Tagesanzeiger“-Internetseite findet sich im Anhang 7). Bei dieser Gelegenheit erklärte die Bildungsdirektorin Silvia Steiner laut der Internetseite von Schweizer Radio und Fernsehen SRF: Jürg Jegge schaffte es, die Leute, die ihn hätten beaufsichtigen sollen, so einzuschüchtern, dass sie in der Kontrolle hilflos waren. (Ein Freund, der dies las, sagte mir, wenn er gewusst hätte, dass ich ein derart begabter Einschüchterer sei, hätte er mich jeweils zu seinen Besprechungen beim Steueramt mitgenommen). Im „Tagesanzeiger“ steht zu lesen: Auch Markus Zangger war bei der Pressekonferenz anwesend. Er wurde ab dem 13. Lebensjahr von Jegge missbraucht. Zangger bedankte sich bei Silvia Steiner für den Bericht. Er zeige, dass das Ausmass dieser „pädagogischen Katastrophe“ noch grösser sei als gedacht. Im beigefügten Interview sagt er: Ich hätte mir eine Entschuldigung gewünscht. Die habe ich aber nie erhalten.
Und das steht in derselben Zeitung, die ein halbes Jahr vorher aus meiner von ihr veröffentlichten Presseerklärung meine explizite Entschuldigung herausgestrichen hat.
Ist Dummheit lernbar? Das Buch
Ende November 2018 erschien im Zytglogge-Verlag „Ist Dummheit lernbar? Re-Lektüren eines pädagogischen Bestsellers“, herausgegeben vom Pädagogikprofessor Damian Miller und seinem pensionierten Kollegen Jürgen Oelkers. [73] Es ist eine illustre, mir grösstenteils unbekannte, vorwiegend akademische Gesellschaft, die sich da versammelt hat. Und die beckmessert sich durch ein Buch, das vor fünfundvierzig Jahren geschrieben wurde, das eine Zeitlang viel Aufmerksamkeit hatte, aber in den letzten Jahren nur noch in knapp zwanzig Exemplaren jährlich über die Ladentische ging, bevor es nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen mich aus dem Verlagsprogramm gekippt wurde. Vom selben Verlag, der jetzt das „Gegenbuch“ herausbrachte. Ich muss mich, damit das nicht uferlos wird, auch hier auf wenige Aspekte beschränken. Weitere mögliche Punkte wären etwa: die Umschlaggestaltung, die sich deutlich ans Original anlehnt, oder die Frage, ob wirklich die zünftige Pädagogik seinerzeit das Buch nicht wahrgenommen hat. Von weiteren Aspekten wird noch die Rede sein.
Die Lektüre des Werkes verblüffte mich immer wieder. Da wird mir von den verschiedensten Autoren mangelnde Wissenschaftlichkeit attestiert, [74] ganz so, als hätte ich je behauptet, es handle sich um ein wissenschaftliches Buch. Auch mein „Therapiebegriff“ wird heftig kritisiert [75] – einverstanden, ich habe den damals aus heutiger Sicht wirklich arg strapaziert. Einer (Damian Miller) weiss: „Dummheit ist lernbar“ entspricht den Stilmerkmalen des Volksmärchens und das erklärt weitgehend die Attraktivität des Buches. [76] Ich würde mich im Buch als Held inszenieren: Der Held erscheint in „Dummheit ist lernbar“ als Befreier der Unterdrückten. [77] Eine Autorin (Veronika Magyar-Haas) ortet schlicht pädagogischen Kitsch. [78] Wohl meint dazwischen einer (Peter Schneider): Wer Jürg Jegges Buch [...] liest und hofft, hier könnte all das bereits offenkundig angekündigt sein, was vierzig Jahre später zum Skandal wurde, wird enttäuscht. [79] Aber der Grossteil der Mitschreibenden lässt sich von solchem Defätismus nicht anstecken. So erklärt ein weiterer Autor, (Hugo Stamm) ich hätte das Buch tückisch als Schutz vor Entdeckung geschrieben: Das Buch [...] war ein wichtiger Pfeiler im „System Jegge“, war Teil seiner Strategie. [80]
Markus Zangger ist mit einem „offenen Brief“ vertreten. Der Briefschreiber geht mich hart an, verbittet sich aber eine Antwort, denn Deine billigen Ausreden [...] machen mir klar, dass Deine Antworten uns Opfer ein weiteres Mal verletzen würden. Was er im Detail Neues berichtet, habe ich, soweit ich dabei war, anders in Erinnerung. Da kann ich mich nur wiederholen. Völlig erstaunt hat mich folgendes: ...Du weisst genau, dass Du nie einen Schulbetrieb geführt hast, der den Namen verdient hätte. Einen eigentlichen geregelten Schulunterricht bekamen wir nicht, gelernt haben wir kaum etwas. Damit hast Du uns ein Stück weit um unsere Zukunft betrogen. [81] Das schreibt der ehemalige Embracher Sonderklässler, der es bis zum technischen Leiter eines kleineren, aber renommierten Theaters gebracht hat. Was ziemlich sicher nicht möglich gewesen wäre, wenn er seinerzeit nicht einen theaterverrückten (und auch „pädagogisch verrückten“) Lehrer gehabt hätte.
Auch Fehler und Falschmeldungen kommen in diesem Buch vor. So wird im Zusammenhang mit der Kleingruppenschule (von Jürgen Oelkers) behauptet: Allerdings gibt Jegge an, er sei selbst der „Supervisor“ der Lehrergruppe gewesen, die sich „jeden Mittwoch für eine Stunde“ getroffen habe. [82] Wer die als Quelle angegebene Stelle in meinem Buch „8424 Embrach“ nachschlägt, [83] wird unschwer feststellen, dass der dort zitierte Text nicht von mir, sondern eben vom damaligen Supervisor Hans U. Müller stammt. Eine Kleinigkeit. Allerdings sind wegen dieser Kleinigkeit (mangelnde Unterscheidung zwischen Autorentext und Zitat) schon Doktortitel aberkannt worden. Aber ich bin einmal mehr im „Enthüllungsbuch“ als Angeber „entlarvt“.
Ebenso wird im selben Text erzählt, ich hätte auf Vermittlung des Darmstädter Pädagogikprofessors Hans-Jochen Gamm die Odenwaldschule besucht, und gleich darauf: von Gamm also stammt eine Inspiration für den Titel von Jegges Buch (jetzt wieder „Dummheit ist lernbar“). [84] Das eine ist falsch, das andere Unsinn. Als ich 1968 zum ersten Mal die Odenwaldschule besuchte, hatte ich noch nichts von Gamm gelesen. Auf ihn stiess ich erst ein paar Jahre später, nachdem mir sein 1971 erschienenes Buch „Kritische Schule“ in die Hände gefallen war. Und die „Inspiration“ belegt der Autor nicht einmal – es sei denn, das Adverb „also“ gelte als Beleg. Beides sind Kleinigkeiten. Aber ich erscheine einmal mehr in diesem Buch als der brave Jünger meines (marxistischen) Mentors.
Am erstaunlichsten erscheint mir der Beitrag einer Dozentin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften (Petra Moser). [85] Zu meinem dreissig Jahre später erschienenen Buch „Die Krümmung der Gurke“ hatte ich die Märtplatz-Fotografen eingeladen, meinen Text zu illustrieren, wobei ich ihnen jede Freiheit zusicherte.
Sie entschieden sich für eine eigentliche Gurken-Galerie. Ob dem wirklich so war, schreibt jetzt die Autorin, erscheint bei näherem Hinsehen fraglich. Jedenfalls entsprechen die den Fotos impliziten Botschaften durchaus den von Jegge in seinem Buch verschwiegenen, bzw. ausgesparten Wunschbildern als Pädophiler. Und dann werden die Fotos gruppiert und liebevoll analysiert: Nimmt man allerdings hinzu, dass der obere Teil der Gurke keine Noppen aufweist, liegt die Assoziation der Eichel eines noch kindlichen Geschlechtsteils zumindest nahe. Oder, bei einer weiteren Fotografie: Ob ihrem (der Gurken) blassen Abdruck eine Bedeutung zuzuschreiben ist, bleibt im Unklaren; die Assoziation von Samenflecken mag sich anbieten oder auch nicht. Es ist ja schön, dass die Wissenschaftlerin uns an ihrer Gedankenwelt teilhaben lässt. Aber auch losgelöst von diesem einen Beitrag: Wenn das alles wissenschaftlich ist, lass’ ich mir gern Unwissenschaftlichkeit vorwerfen.
Vier Fotos aus der Galerie im „Gurkenbuch“ werden abgebildet und gewürdigt. Zwei weitere werden nur beschrieben, aber nicht gezeigt. Dabei steht: Aus rechtlichen Gründen kann das Bild nicht abgebildet werden. Das lässt ahnungslos Lesende vermuten, das Bild überschreite die Grenze zur strafbaren Verbreitung von (Gurken-) Pornografie. Ich bat, ratlos, den Verlag um Aufklärung. In einer Mail antwortete die Lektorin: Die Fotografen der besagten Bilder wollten uns das Material nicht zur Veröffentlichung freigeben. Das war der Grund (Mail an J.J. vom 29.11.18).
Das Rauschen im Blätterwald war diesmal endenwollend. Die „Luzerner Zeitung“ vom 14. November 2018 machte mit einem Interview auf das gerade herauskommende Buch aufmerksam (das Interview erschien auch in zwei Ostschweizer Lokalblättern). Befragt wurde Damian Miller, einer der Herausgeber. Mein Buch, sagte er, habe viel Schaden angerichtet: Die missbrauchten Opfer wagten noch weniger, ihr Leid zu beklagen, nachdem ,Dummheit ist lernbar‘ erschienen war. Ihre Namen stehen im Buch – das ist ein mittelalterlicher Pranger, ein Schandpfahl mitten in den 1970er Jahren. Name, Vorname, Schule: Auch, wenn es damals noch kein Internet gab, genügte es, um die Familien eindeutig identifizieren zu können.
Und dann bringt er seine Märchen-Theorie, die er auch im Buch vertritt: Vor allem aber gibt es den Retter, Jegge, der regelrechte Wunder vollbringt. So holt zum Beispiel ein ,lernbehinderter‘ Bub in einem halben Jahr den Mathematikstoff der vierten Klasse nach. [...] Märchen kann man nicht widerlegen. Jegge stilisiert sich in dem Buch zu einer Art Antiheld. Er ist zwar nicht der Märchenprinz, aber der Erretter dieser Kinder, der gegen die Gesellschaft kämpft. Schon interessant, dass ein Pädagogikprofessor von Märchen spricht, wenn ein Schüler in kurzer Zeit Schulstoff nachholt.
Nach Erscheinen des Buches im November 2018 erschien noch im Zürcher „Tagesanzeiger“ ein beschreibender Artikel, in dem man aus meinen zwei Besuchen eine „Nähe zur Odenwaldschule“ konstruierte und auch sonst mit Informationen von ähnlicher Qualität aufwartete. Und das war’s dann vorerst.
Bei dieser ganzen munteren Suche nach wissenschaftlichen Ungereimtheiten und versteckten Hinweisen auf sexuellen Missbrauch gerät das eigentliche damalige Anliegen meines Buches völlig aus dem Blickfeld. Nämlich dass schulische Erfolglosigkeit oft genug grosses Leid bedeutet, dass Kinder, die nicht in schulbildungsnahem Milieu aufgewachsen sind, sich mit der Schule und ihren Anforderungen viel schwerer tun als ihre Kameradinnen aus kulturell schulnäheren Kreisen, und schliesslich, dass eine gute Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden trotz dieser Erschwernisse und bei aller Mutlosigkeit eine gelingende Lerngeschichte doch noch ermöglichen kann.
Das Echo auf das Werk war, wie gesagt, überschaubar. Aber noch einer reagierte. Einer, der damals dabei gewesen war. Sein Text erschien in der Zeitschrift FORVM (Online-Ausgabe). [86]
Nach ca. 50 Jahren habe ich begriffen: Dummheit ist wirklich lernbar! Denn, als ich das Buch „Ist Dummheit lernbar?“, herausgegeben von Damian Miller und Jürgen Oelkers, beides Pädagogikprofessoren, gelesen hatte, sagte ich mir: „So ein dummes Buch habe ich wirklich noch nie gelesen“. Ich habe in meinem Leben schon einiges gelesen, aber so etwas Dummes kam mir noch nie in die Finger.
Warum schreibe ich über das Buch „Ist Dummheit lernbar“?
Ich war auch ein Schüler von Jürg Jegge, nein, kein Jegge-Jünger, sondern ein ganz normaler Sonderschüler, obgleich ein Sonderschüler aus Sicht der Gesellschaft eben sonderbar ist. Ich „durchlief“ die ganze Jegge-Philosophie von der Sonderschule in Embrach bis zur Kleingruppenschule in Lufingen, einschliesslich der sexuellen Erfahrungen. Doch die „Lektüre“ von „Ist Dummheit lernbar?“ löste in mir zunehmendes Befremden aus. Meine Erlebnisse waren in einem Masse gegenteilig, dass ich mich fragte, ob Markus Zangger in vielen Dingen übertrieb, diese selber erfand, oder gar log? Hatte man ihn bei Befragungen gar genötigt zu übertreiben, damit sein Buch, „Jürg Jegges dunkle Seite“, überhaupt erscheinen konnte? Ich fand es schlecht recherchiert (schlechte Arbeit) und nur auf seine Angaben abgestützt.
Ich möchte in mehreren Punkten aufzeigen, wie und was ich erlebte, und was insbesondere interessiert, wie die sogenannten sexuellen Übergriffe stattfanden.
Nach einiger Zeit in Jegges Sonderschule wurde ich von ihm angefragt, ob ich einverstanden wäre eine aussergewöhnliche Therapie zu machen und wie diese aussehen würde. Ich mochte Jürg Jegge sehr und hatte grosses Vertrauen in ihn (auch heute noch!). Also begannen wir eines Tages mit der „Therapie“. Ich war sehr gehemmt, was verständlich war, er fragte mich aber immer zuerst, ob ich mitmachen wolle. Ganz klar war, er war mein Lehrer, dadurch stellte er auch eine Machtperson dar. Habe ich mitgemacht um ihm zu gefallen, oder brachte mir das wirklich etwas?
Nach über 40 Jahren kann ich das sehr gut beurteilen:
Mein Geschlechtsteil ist immer noch am selben Ort, ich wurde nicht schwul, ich bin verheiratet und habe Kinder, die unterdessen auch schon bald erwachsen sind. Sex mit einer Frau ist viel, viel schöner! Aber ob es mir geschadet hat? Da muss ich ausholen.
Damals, als Sonderschüler sagte ich mir: „Dein Leben ist gelaufen, du wirst nie einen Beruf ergreifen oder eine Familie ernähren können. Du bist und kannst nichts, am besten, du bringst dich gleich jetzt um!“ Das war meine Ausgangslage, als ich zu Jegge in die Schule kam. Wie es dazu kam, also die Vorgeschichte, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen, und ich möchte nicht viel darüber reden, nur, dass ich die Schule als reinen Terror von Seiten des Lehrers erlebte. Dasselbe musste ich Jahre später mit meiner ersten Tochter erneut erleben: psychischen Terror. Ein weit verbreiteter Missbrauch. Mein Kind leidet heute noch darunter. Würde man auch diesen Missbrauch strafrechtlich verfolgen, hätten wir Lehrermangel. Aber das interessiert die Professoren und die mit dem Doktortitel im Buch „Ist Dummheit lernbar?“ natürlich überhaupt nicht. Sie waren buchstäblich eifersüchtig auf den Erfolg, den Jürg Jegges ursprüngliches Buch „Dummheit ist lernbar“ hatte. Und dass das so ist, nämlich dass Dummheit lernbar ist, tritt im Buch von Miller/Oelkers deutlich zu Tage. Doch jetzt bin ich in meiner Wut abgeschweift!
Haben mir die sexuellen Erlebnisse mit Jegge geschadet?
Ich erlernte zwei Berufe, hatte Erfolg, konnte ohne finanzielle Sorgen eine Familie gründen. Ich lernte durch Jürg Jegge Menschen kennen, die für mein Leben wichtig waren und die ich sonst nie getroffen hätte! Durch viele Gespräche, die ich mit eben diesen Menschen führte, erfuhr ich, dass gebildet sein durchaus lernbar ist, dass die unzähligen kulturellen Anlässe, die ich durch Jegge erlebte, meine Fantasie und meine Intelligenz anregten und ich dadurch auch Bildung erwarb.
Eines war für mich immer klar: Wenn es mir schlecht ging oder Entscheidungen zu fällen waren, also Fragen auftauchten, ich konnte mich an Jegge wenden, Tag und Nacht. Ich sah auch, wie er vielen anderen Menschen beistand. Er hat vielen geholfen, neue Wege einzuschlagen und einigen sogar das Leben gerettet! Er kannte auch die Eltern von uns Schülern, besuchte sie gelegentlich und tat dies auch bei mir zuhause, wo man offen über Probleme redete. Die Eltern wussten auch, dass sie sich an Jegge wenden konnten. Es ist mir schleierhaft, wieso Zangger die Tatsachen so verdrehen konnte. Es hat mich enorm erschreckt, als ich im Buch von Miller/Oelkers den Brief von Markus Zangger las. Redet er da von Jürg Jegge?
Markus Zangger, der einst bluffte, dass er in Jürg Jegges Buch, „Dummheit ist lernbar“, mitschreiben durfte und jetzt plötzlich behauptet, Jegge hätte damals seinen Text so verändert, dass es nicht mehr sein ursprünglicher gewesen sei. Ausserdem hätte uns Jegge „kaputte Schüler“ genannt. Es stimmt, wir waren „kaputt“, doch dies hätte Jegge niemals zu uns gesagt. Er sagt, wir seien „kaputt“ gemacht worden, das ist aber ganz etwas anderes! Es gäbe noch einiges zu erwähnen, was nicht übereinstimmte! Z. B. hatte ich auch in einem von Jegges Büchern über meine Geschichte schreiben können, doch das lief ganz anders ab. Jegge fragte mich, ob ich Lust hätte, in einem neuen Buch etwas über mich zu schreiben. Ich war natürlich stolz wie Zangger, dass ich überhaupt gefragt wurde und gab Jegge meinen handgeschriebenen Text. Dieser sagte dazu, dass er Namen und Wohnort aus Anonymitätsgründen ändern und die Sätze ein wenig „striegeln“ würde. Anschliessend gab er mir den Text nochmals zum Lesen und ich war verblüfft, dass es noch immer mein Text war, aber besser formuliert! Darum verstehe ich nicht, dass es bei Zangger anders gewesen sein soll, obwohl er in seinem Brief in „Ist Dummheit lernbar?“, Miller/Oelkers, schreibt, er habe seinen Beitrag in Jegges Buch gehasst, und dieses an die Wand geschmissen, weil es nicht mehr sein ursprünglicher Text gewesen sei. Sowohl Zangger wie ich stammen aus der gleichen Schicht, in der man sich nicht mit Psychologie oder Pädagogik befasste. In meiner Familie sicher nicht, da hiess es nur arbeiten und nochmals arbeiten. Gelesen wurde vielleicht die Gemeindezeitung oder sonst ein Heft. Als Jegge sein Buch „Dummheit ist lernbar“ meinen Eltern schenkte, freuten sie sich. Sie stellten es ins sogenannte Bücherregal und dort stand es dann. Jegge verdiente einiges an Geld mit diesem Buch, doch investierte er das meiste wieder in seine Schüler. Ich weiss dies, weil ich selber davon profitierte, bei weitem aber nicht soviel wie Zangger. Ich bin heute noch dankbar, dass es Jürg Jegge gab und gibt. Er hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern lehrte mich, ein Mensch zu sein. Dies hatte zur Folge, dass ich plötzlich mitreden oder Zusammenhänge verstehen konnte. Wenn von Politik die Rede war, wusste ich, welchen Bundesrat man meinte oder für was diese oder jene einstanden; es war mir nicht mehr fremd. Ich erlernte einen Beruf, machte meinen Abschluss in schriftlicher Theorie mit der Note 5,5 d.h. auf Sekundarschulstufe, als Sonderschüler!
Ein anderes Beispiel kommt mir in den Sinn. Als ich die Aufforderung erhielt, mich für die Rekrutenschule zu stellen, lud die Gemeinde zu einer Einführung ein. Ich ging hin, und es wurden Fragen gestellt nach dem Beruf oder ob man noch am Lernen sei. Die meisten der Anwesenden gaben an, dass sie Hilfsarbeiter seien oder in Fabriken arbeiteten. Die wenigsten konnten sagen, dass sie eine Ausbildung absolvierten. Doch ich konnte stolz sagen, dass ich in Ausbildung sei. Viele von den Anwesenden kannten mich von früher als „Tubelischüler“, und als solcher war es damals unmöglich, eine Lehre mit EFZ zu machen. Hat mir oder den anderen Jegges „Therapie“ geschadet? Meines Wissens haben alle damaligen „Opfer“ mehrheitlich einen bis zwei Berufe erlernt. Einige haben Familie, ein eigenes Haus und haben ein gesichertes Auskommen.
In einer Hinsicht hatte Zangger recht. Damals in den siebziger Jahren sassen wir nicht mehr in einer Schule, wie man sie vom System her gewohnt war. Doch wir lernten zu leben. Wir bauten Burgen und Seifenkisten und spielten im Schulzimmer Theater. Einen Stundenplan habe ich nie gesehen. Dass dies bei den anderen Lehrern und den Behörden nicht gut ankam, war offensichtlich. Jegge galt von da an als „schlechter Lehrer“ im Embrachertal. Zumindest bis sein Buch „Dummheit ist lernbar“ erschien. Da war er plötzlich anerkannt. Das Buch ist heute noch so aktuell wie damals, denn geändert hat sich nichts. Heute wie damals werden in Schulen immer noch Menschen psychisch missbraucht oder gar gemobbt. Die „Industrie“ von Psychologen und Sozialarbeitern blüht wie nie zuvor. Dabei gäbe es einfache Rezepte. Zukünftige Lehrpersonen müssten eine ganz klare Eignung aufweisen, mit Kindern umgehen können, und etwas Menschenkenntnis müsste vorhanden sein. Das Buch „Dummheit ist lernbar“ von Jegge wäre Pflichtlektüre. An den Pädagogischen Hochschulen müsste mehr Pädagogik vermittelt und den späteren Lehrern eine anständige Entschädigung ausbezahlt werden. Das wäre meiner Ansicht nach hilfreicher als sich mit dem Buch von Miller/Oelkers zu befassen. Meine Empfehlung: Kauft es nicht!!
Was mich in dem Buch „Ist Dummheit lernbar?“ sehr erheiterte und mich zum Lachen brachte, waren die Bilder über die Gurken. Wüsste man nicht, wer diese Bilder interpretierte und was damit bezweckt wurde, könnte man das Ganze als guten Witz betrachten.
Ich kenne Markus Zangger seit der Sonderschule, wo er sich uns gegenüber als der Schönste, Grösste und Gescheiteste darzustellen versuchte und immer wieder betonte, dass er in Jegges Erfolgsbuch mitgeschrieben hätte. Ich kann mir nur eines vorstellen, nämlich, dass er aus den damaligen Geschehnissen auch ein Buch schreiben und auch berühmt werden und Geld damit verdienen wollte. („Jürg Jegges dunkle Seite“). Darum musste daraus eine so katastrophale Geschichte gemacht werden, sonst hätte das niemand gekauft. Ich weiss nicht, wie viele sein Buch wirklich erwarben, doch ich glaube, dass er sich getäuscht hat und darum jedem, der sich dafür interessiert, die Sache in einem noch schlimmeren Licht darstellt. Dass Zangger mit Jegge bis zum 27. Altersjahr Sex hatte, zeigt womöglich, dass er das gar nicht so schlecht fand. Von Abhängigkeit kann da nicht die Rede sein, denn Zangger verdiente sein Geld selber und war sehr von sich überzeugt. Ich habe mit 17 Jahren zu Jegge gesagt, ich möchte die „Therapie“ nicht weiter machen, und das wars dann. Wir blieben Freunde bis heute.
Eines will mir nicht in den Kopf: dass die Verfasser und Psychologen von „Ist Dummheit lernbar?“ nicht Nachforschungen anstellten, ob Zanggers Darstellungen, gesamthaft gesehen, der Wirklichkeit entsprachen.
Der emeritierte Reutlinger Pädagogikprofessor Gotthilf Gerhard Hiller reagierte spontan auf diesen Text:
Mir gefällt vor allem sehr gut, dass sich der Verfasser jedweder konkreten Beschreibung dessen enthält, was zwischen Euch beiden damals stattgefunden hat, so dass man die „Harmlosigkeit“ dessen überdeutlich zwischen den Zeilen erfassen kann.
Aus alledem lässt sich ganz gewiss keinerlei „Beschädigung“ des Betroffenen herauslesen, aber es gibt andererseits auch keinerlei positive, gar euphorisch zustimmende Bewertung dessen, was da damals geschehen ist. Für den Verfasser geht es offenbar vielmehr um Begebenheiten und Erlebnisse, die eine gewisse Zeit lang selbstverständlich und unaufgeregt eingebunden waren in eine offensichtlich tragfähige und stabile, insgesamt als bemerkenswert förderlich wahrgenommene Beziehung.
„Es sortiert sich nur neu.“
Wohlwollende Testleserinnen und -leser des Manuskripts dieses Buchs machten mich darauf aufmerksam: „Man erfährt nichts darüber, wie es dir selber bei dieser ganzen Geschichte ergangen ist.“ Das war von mir so geplant. Es ging ja nicht um meine eigene Befindlichkeit. Deshalb wollte ich mich darauf beschränken, zu beschreiben, was sich aus meiner Sicht damals abgespielt hatte und jetzt abspielte. Doch je länger dieses „Spiel“ andauerte, je mehr Facetten es aufzuweisen begann, desto grösser wurde mein Bedürfnis, doch auch einmal zu beschreiben, was das alles mit mir selber anstellte und anstellt. Ich bin ja nicht aus Holz, kein Watschenmann, keine Rummelplatzfigur, an der man mittels Ohrfeigen seine Muskelstärke von „Weichei“ bis „Profiboxer“ misst. Auch bin ich nicht nur deklarierter „Kinderschänder“, sondern auch Mensch.
Um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, sei es hier wiederholt: Wenn ich durch eine meiner Handlungen Kummer oder gar Not verursacht habe (ich kann das leider nicht ausschliessen), tut mir das von Herzen leid. Das bleibt so, auch wenn hier einmal (und für ein paar Seiten) von mir selber die Rede sein soll.
Zu Markus Zangger nur soviel: Er versucht halt, mit seinem Leben und seinen verschiedenen Erfahrungen und Erinnerungen einigermassen zu Rande zu kommen. Das aber muss ich auch. Und dass da einmal eine aufrichtige gegenseitige Freundschaft bestanden hatte – es gehört zum Wesen von Beziehungen, dass sie einseitig aufkündbar sind, auch rückwirkend. Es tut zwar weh, nachträglich zu erfahren, wie alles, was ich in diese Beziehung eingebracht hatte an Freundschaft, Zeit, Ideen, Unterstützung jeder Art, wertlos, lästig oder schädlich gewesen sein soll, ist aber von mir zur Kenntnis zu nehmen.
Allerdings bin ich immer wieder erstaunt, mit welcher Verbissenheit er mich in Zeitungsinterviews und Fernsehauftritten zum egoistischen, verlogenen Popanz macht, während er sich selber gleichzeitig als hilflos und schwach darstellt. Immerhin führte er nach seinen eigenen Worten ein glückliches Familienleben und war bis jetzt auch beruflich erfolgreich.
Was mich bis heute aufs Schwerste irritiert, waren und sind die Reaktionen in Presse, Radio und Fernsehen. Da schaute kaum jemand genauer hin, da wurde munter drauflos enthüllt, vermutet, diagnostiziert, behauptet, ge- und verurteilt, da gab man Gerüchte weiter und Meinungen von sich. Da wurde mit Denk- und Sprachklischees herumgefuchtelt und im Fernsehen mit einschlägigen Archivbildern Stimmung gemacht. Dass die Staatsanwaltschaft nach halbjähriger Untersuchung über den von mir ja bestätigten, verjährten „Grundtatbestand“ hinaus auf keine weiteren Straftaten stiess, trotz Hausdurchsuchung, Beschlagnahme von Handy und Computer, Einrichtung von Hotlines, Befragung von möglichen Betroffenen, all dies war den Medien zwar eine kurze Erwähnung wert, wurde aber zugleich kräftig übertüncht vom ungleich publikumswirksameren, schwerwiegenden Problem, dass ich von der Behörde wissen wollte, warum ich die ganze Untersuchung auch noch bezahlen sollte.
Weiteres Beispiel: meine „Pädophilie“. Pädophilie ist definiert als das primär sexuelle Interesse an Kindern vor Erreichen der Pubertät. Der Pubertät der Kinder natürlich. So lautet zumindest die Definition in „Wikipedia“, für die meisten Menschen leicht nachzulesen. Ein solches Interesse habe ich weder je verspürt noch ausgelebt. Es wurde mir auch nie vorgeworfen. Meine „Pädophilie“ ist ein reines Medienereignis. So titelte noch im Sommer 2018 der „Beobachter“, Markus Zangger habe den „Lehrer der Nation“ als pädophil entlarvt. In den Köpfen der Leute hat sich das festgesetzt. Für sehr viele von ihnen bin ich ein Unhold, der hinter hilflosen kleinen Kindern her ist und werde das wohl für den Rest meines Lebens bleiben.
Apropos „Lehrer der Nation“: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich meine Kanten, Fehler und Ausfälle habe. Wenn ich von Erfolgen in der Schule berichtete, dann als Hinweis auf das Potential, das in diesen Kindern steckt. Wenn von den Erfolgen des Märtplatzes die Rede war, ging es nicht darum, diesen auf Kosten vergleichbarer Institutionen herauszustreichen, sondern zu zeigen, dass sich die Anstrengungen der beruflichen Eingliederung lohnen, auch die finanziellen. Ich habe auch kaum je Menschen angegriffen, sondern eingerostete Strukturen, ausgetrocknete Denkweisen, allzu selbstverständlich gewordene Abläufe. Das alles lässt sich anhand meiner doch recht zahlreichen schriftlichen Äusserungen ohne weiteres nachprüfen. Umso mehr erstaunte und verletzte mich jetzt die „Einmeutigkeit“, mit der auf mich eingedroschen wurde.
In diesem Zusammenhang etwas zu meinem Verhalten der Presse gegenüber. Im Grunde habe ich ein einziges Interview gegeben, das aber einen Tag lang und den verschiedensten Medien. Mir ist durchaus bekannt, wie man als Beschuldigter sich in einem solchen Fall „normalerweise“ verhält: Man streitet zunächst einmal alles ab und gibt nur zu, was zweifelsfrei nachgewiesen wird. Ich nahm mir im Gegensatz dazu vor, mit offenen Karten zu spielen, es aber bei diesem einen Interview bewenden zu lassen. Nachher verstummte ich. Das löste eine seltsame Dynamik aus: Zunächst einmal gab’s wilde Vorverurteilungen (Unschuldsvermutung brauchte es da keine, ich hatte die Vorwürfe ja bestätigt). Dann untersuchte die Staatsanwaltschaft, wie das in einem geordneten Staatswesen der Fall ist. Nachdem die aber nichts zusätzlich Belastendes zu Tage gefördert hatte, setzte eine allgemeine „Nachverurteilung“ ein. Es wurden weiter Gerüchte publiziert, Tratsch ausgewalzt usw., als hätte die Untersuchung nie stattgefunden.
Hin und wieder frage ich mich, ob es anders angelaufen wäre, wenn ich mich nicht so rar gemacht hätte. Nach allem, was ich da erlebt habe, glaube ich aber eher, dass dies nicht der Fall ist. Wenn ich den munteren Interviewreigen bei Zeitungen, Radio und Fernsehen brav mitgemacht hätte, wäre die ganze Verurteilerei nicht einfach „am lebenden Objekt“ zelebriert worden? Ich weiss es wirklich nicht.
Der Buchtitel „Jürg Jegges dunkle Seite“ lässt zumindest offen, dass da auch noch mindestens eine hellere vorhanden sein könnte. Das aber schien überhaupt niemanden zu interessieren. Immerhin war ich wesentlich mitbeteiligt an der Gründung und Ausgestaltung des Märtplatzes, hatte diesen anschliessend ein gutes Vierteljahrhundert geleitet, in diesem Märtplatz waren in dieser ganzen Zeit gegen dreihundert belastete junge Menschen in Ausbildung, von denen hatten die meisten auch abgeschlossen. Alle paar Jahre, schon vor der Märtplatzgründung, hatte ich mit einem Buch Auskunft über meine jeweils gegenwärtige Tätigkeit gegeben und diese reflektiert. Auch als Liedermacher war ich in früheren Jahren unterwegs gewesen, und es müssten in diversen Schränken noch Schallplatten von mir stehen. Ferner gingen auf mein Konto zahlreiche Zeitungsartikel und ‑kolumnen, ebenso Radiosendungen, auch als Fernsehmoderator hatte ich mich auf Einladung des Schweizer Fernsehens versucht.
Dazu kam noch etwas anderes: Ich habe schon immer meine freie Zeit, meine verbliebene Energie, meine Erfahrung, meine Ideen und mein ganzes verbliebenes Geld andern Menschen zur Verfügung gestellt, wenn es darum ging, diesen auf ihrem Weg einen weiteren Schritt zu ermöglichen. Ich hatte bald einmal begriffen: Ich selber habe mehr von meinem Leben, wenn die Menschen, mit denen ich zu tun habe, von dem ihren auch mehr haben. All dies zusammengenommen hat mein Leben kurzweilig und lebenswert gemacht.
Jetzt erfuhr ich jedoch, dass das alles nicht den geringsten Wert gehabt haben soll. Da gab es diesen einen Artikel in der „Weltwoche“ („J. J. hat mir das Leben gerettet“), und zwei oder drei Leserbriefe in andern Zeitungen, die völlig untergingen. Aber davon abgesehen wurde ich schweizweit auf einen abgehalfterten, auf Grund sexueller Unreife notgeilen Schulmeister reduziert. Und dass sich im Umfeld meiner ehemaligen Schüler und der damaligen Märtplätzler kaum wer an der allgemeinen Hatz beteiligte, wurde einfach damit erklärt, dass ich die Leute offenbar derart eingeschüchtert und abhängig gemacht hätte, dass sie sich heute noch nicht trauten, darüber zu reden.
Im Übrigen hätte es keine allzu grossen Schwierigkeiten bereitet, über meine verschiedenen Tätigkeiten ein wenig zu recherchieren und so die Qualität der eigenen Information zu verbessern. Aber das unterblieb auf die ergreifendste Weise.
In den ersten Wochen waren die meisten Zeitungsartikel und Hinweise auf Radio- und Fernsehsendungen mit meinem Konterfei geschmückt. Das hatte zur Folge, dass ich nicht ausser Haus gehen konnte, ohne dass man sich nach mir umdrehte, oft genug mit deutlich zur Schau getragenem Abscheu. Das legte sich mit der Zeit, und ich konnte in Zürich oder Winterthur wieder auf die Strasse, ohne Aufsehen zu erregen. Die Leute hatten meinen Kopf vergessen und inzwischen irgendeinen andern Kopf im Kopf. In meiner Wohngemeinde Rorbas war das anders. Man kannte mich ja, und man hatte sich jahrelang auf der Strasse gegrüsst. Das behielten manche jetzt immer noch bei, zum Teil offensichtlich ganz bewusst. Andere sahen jetzt stolz erhobenen, rechtschaffenen Hauptes an mir vorbei oder durch mich hindurch. Und das blieb so bis heute. Wenn ich daran denke, was da alles über mich geschrieben und gesagt worden ist, sind solche Reaktionen für mich sehr gut nachvollziehbar. Weh tun sie trotzdem.
Ungleich schwerer zu schaffen machte mir jedoch etwas anderes: Ich hatte einen recht grossen Bekannten- und Freundeskreis. Mit vielen dieser Menschen hatte ich über Jahre, zum Teil über Jahrzehnte gut und gern zusammen gearbeitet, Kämpfe ausgefochten, nachgedacht, geredet, gefeiert. Und dieser Kreis zerfiel jetzt in die verschiedensten Segmente.
Einige distanzierten sich sofort, am Telefon, per Brief oder per Mail. Zum Teil dezent:
Du durchlebst schwierige Tage, und ich hoffe, Du stehest das einigermassen durch. Ich habe Zanggers Buch und Deine Interviews dazu gelesen: in der Sache kann ich Dich leider nicht verteidigen. Es fällt mir, Zeitgeist hin oder her, kein anderes Wort dafür ein als sexueller Missbrauch. Für mich war es eine üble Überraschung, zu merken, dass ich jemanden, den ich zu kennen glaubte, gar nicht kenne. Ich hoffe, dass nun Institutionen wie der „Märtplatz“ [...] nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.
Andere waren weit weniger zurückhaltend: Ich habe im Fernsehen Deine Augen gesehen. Du lügst. Es waren einige, die mir auf verschiedenste Weise deutlich zu verstehen gaben, dass sie keinen weiteren Kontakt mit mir wünschten.
Die zweite Gruppe war zahlenmässig die grösste und irritierte mich am meisten. Es sind die, die überhaupt nichts von sich hören liessen. Da waren Leute, zu denen jahrelang gute Beziehungen bestanden hatten, welchen wir gegenseitig oft viel verdankten – und die jetzt überhaupt nicht reagierten. Von denen niemand sagte: „Komm, setzen wir uns zusammen, und du erzählst mir (oder uns), was da eigentlich los war.“ War das Überraschung oder Unsicherheit, die so stumm machte? War das eine Aufkündigung der Freundschaft? Ich weiss es nicht. Und das verunsichert mich aufs Höchste. Natürlich funktioniert jede Telefon- und jede Internetleitung in beide Richtungen. Aber soll ich wirklich die Leute anrufen und sie fragen, ob sie noch etwas von mir wissen wollen? Kommt dazu, dass ich gerade in diesem Punkt gewaltige Überraschungen erlebte. Dass Leute, von denen ich das nie geglaubt hätte, plötzlich jeden Kontakt zu mir abbrachen.
Doch gab es auch solche, die mich ermutigten, mir auf verschiedenste Weise Unterstützung anboten, ohne mich gleich „reinzuwaschen“, die aber die Unsicherheit und mögliche Schuld auf der einen und eine gute, langjährige Freundschaft auf der andern Seite auseinanderhielten. Die mir versicherten, dass wir Freunde bleiben würden. Da waren Menschen dabei, von denen ich jahrelang nichts mehr gehört hatte und die sich jetzt meldeten. Über solche Reaktionen, und es waren gar nicht so wenige, war ich sehr, sehr froh und bin dafür bis heute dankbar.
Und einige fragten gar nicht lang, sondern standen einfach zu mir, auch in aller Öffentlichkeit, in der „grossen“ landesweiten wie auch in der kleinen Öffentlichkeit des Embrachertales und bis in die eigene Familie hinein. Mit denen ich mich zusammensetzen und wenn nötig auch reden konnte. Das waren naturgemäss nicht allzu viele, aber für mich reichte es zum Überleben.
Was hatte und hat das alles für Auswirkungen auf mich? Die meisten habe ich beschrieben; Irritation, Verunsicherung, auch Schmerz. Dazu kam manchmal auch Zorn, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Und hin und wieder machte sich bei mir auch eine grosse Müdigkeit bemerkbar. Aber man wird ja auch älter.
Wenn ich mir heute überlege, warum ich an der ganzen Geschichte nicht einfach zerbrochen bin (denn eigentlich wäre all das durchaus dazu geeignet gewesen), so fallen mir vier Gründe ein:
Zum einen, und das war zweifellos das Wichtigste, hatte ich wie eben beschrieben das grosse Glück, zu erleben, dass einige Menschen in meinem Umkreis ohne Wenn und Aber zu mir standen. Dass die mir das Gefühl gaben, auch weiterhin akzeptiert zu sein und mich nötigenfalls sogar gegen ungerechtfertigte Anwürfe und unbewiesene Gerüchte verteidigten. Und dafür werde ich ihnen ewig dankbar sein.
Zum zweiten hatte ich das Glück, ein paar Rückzugsorte zu wissen, wo ich über die Strasse gehen konnte, ohne dass sich die Leute nach mir umdrehten. Wo es kein Thema war, ob am Abend der DOK-Sendung bei mir das Licht gebrannt habe, ich also zu Hause gewesen sei. Wo ich freier atmen und unbeachtet sitzen konnte. Den paar Menschen, die mir an diesen Orten wichtig waren, hatte ich die Geschichte erzählt, und die meisten reihten sich ohne Federlesens bei den treu Gebliebenen ein. Darüber hinaus kümmerte sich niemand gross darum. Und das hatte etwas sehr Befreiendes.
Drittens bot die Arbeit an diesem Buch für mich die Möglichkeit, mit meinen Gedanken und Gefühlen einigermassen klar zu kommen. Der Versuch, das entstandene Durcheinander in meinem Kopf und um mich herum schreibend ein wenig zu ordnen, erwies sich für mich auf Dauer als sehr hilfreich. Plötzlich begriff ich etwa, dass wenn einer laut „Zeitgeist“ schreit, das in erster Linie mit dem Geist seiner eigenen Zeit zu tun hat. Doch davon später. Dieses „Ordnungmachen“ gilt auch für die Auseinandersetzung mit den Meinungen und Argumenten der Menschen, die das Manuskript gelesen hatten. Das alles war bei meinen früheren Büchern schon der Fall gewesen, aber als so wichtig und im wahrsten Sinne unterstützend wie dieses Mal hatte ich das noch nie erlebt.
Schliesslich: Zu meinem Glück habe ich mich selber nie wirklich gehasst, trotz all meiner Fehler. Auch wenn ich immer wieder einmal Grund hatte, mir etwas vorzuwerfen: in meinem innersten Kern habe ich mich stets grundsätzlich bejaht. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin und welchen Menschen ich später begegnete. Auch dies kann ich als Glück bezeichnen. Ich habe bis jetzt ein schönes, spannendes Leben gehabt. Gerade deshalb habe ich stets versucht, auch andere Menschen genauso zu akzeptieren wie mich selber.
Es ist ja immer die Frage: Wieviel „Jürg Jegge“ kann ich einer schwierigen Situation entgegen setzen? Und da war ich schon oft froh um diesen stabilen und schwer erschütterbaren Kern. Aber so froh darum wie jetzt war ich noch nie. Und sei es nur, dass ich mir sagen konnte: Also so blöd und verdorben, wie die mich hier darstellen, bin ich nun wirklich nicht. Das ist nicht gerade ein Quell sprudelnder Kraft, aber es hilft mit, eine gröbere seelische Schwächung zu verhindern. Und das bedeutete in meinem Fall nicht wenig.
Nachdem die DOK-Sendung auf 3sat gesendet worden war, erreichte mich eine schön gestaltete Karte. Absender: ein schon ziemlich älteres Ehepaar, mit dem ich seit Jahren befreundet bin. Beide sind nicht typische Schriftgelehrte. Von Zeit zu Zeit treffen wir uns zum Essen in Innsbruck, und das ist immer sehr angenehm. Jetzt schrieben sie: Hallo Jürg, wir sind natürlich weiterhin befreundet und freuen uns auf das nächste Abendessen mit Dir. Alles Liebe. Vorne auf der Karte ein Spruch: Und wenn du das Gefühl hast, dass gerade alles auseinander zu fallen scheint, bleibe ganz ruhig. Es sortiert sich nur neu.
Nur ist gut.
III Nachdenken
Er hat Recht, der Gutachter zuhanden der Bildungsdirektion: Man ist geneigt, die Handlungen und Ereignisse von damals aus heutiger Optik zu betrachten und zu bewerten. Seither sind jedoch 40-50 Jahre vergangen, ein halbes Jahrhundert. Um zu verstehen, was sich damals zugetragen hat und wer weshalb so gehandelt hat wie gehandelt wurde, müssen die Ereignisse kontextualisiert werden. [87]
Der bereits zitierte Hartmut Kraft erklärt: Tabus markieren eine stets umkämpfte Grenze. Da es um nicht weniger als um die eigene oder fremde Identität, die Angst vor übergrossen Affekten und den drohenden Ausschluss aus der Gemeinschaft geht, ist dieses Kampfgebiet affektiv stark aufgeladen, ja sogar ein hochgefährliches Terrain. [88] Bei diesem speziellen Kampf handelt es sich um die affektiv besonders aufgeladene Sache der Sexualität, da werden auch diese Grenzkämpfe entsprechend erbittert geführt. Das hat nichts mit der Verführbarkeit der Schwarmintelligenz oder mit besonderer Böswilligkeit der Schwärmenden zu tun. Aber diese stets umkämpfte Grenze hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich spürbar verschoben.
Ich will versuchen, zwei Ereignisse in den Rahmen ihrer jeweiligen Zeit zu stellen: Meine damaligen Handlungen und die heutigen Reaktionen darauf. Daraus ergibt sich die Geschichte dieser Grenzverschiebung.
Dabei lässt sich nicht vermeiden, dass ich ziemlich häufig aus früheren und aus in den letzten Jahren erschienenen Büchern zitiere. Das tue ich in durchaus hinterlistiger Absicht. Ich will damit deutlich machen: Was ich hier vorbringe, sind nicht die verschrobenen Gedankengänge eines weltfremden Spinners oder die wortreichen Bemühungen eines Sexualtäters, sich rein zu waschen. Es gibt ernst zu nehmende Fachleute, die Ähnliches vorbringen wie das, was ich hier darzustellen versuche. Ich möchte also einen kleinen Streifzug vorwiegend durch die ältere und neuere gesellschaftswissenschaftliche Literatur unternehmen. Ja, auch die ältere, denn: Nur weil einer vor fünfzig Jahren nachgedacht hat, muss er nicht zwingend falsch gedacht haben.
Dabei werden die „neuen Medien“ hier fast völlig ausser Acht gelassen. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, ich kenne mich da als analoger Mensch einfach zuwenig aus. Aus vielen Gesprächen mit digital versierten Zeitgenossen lässt sich jedoch schliessen, dass dort die Diskussionen zwar oft mit höherer Temperatur, inhaltlich aber nicht sehr viel anders verlaufen.
Falls das Ganze zu hirnlastig oder zu ausführlich erscheint – Anhang 8 („Knapp“) bringt eine komprimierte und weitgehend zitatenfreie Darstellung.
Wie sich Zeiten ändern können
Vorweg: Was jetzt folgt, ist nicht als nostalgisch wehleidiges Gejammer gedacht („Das waren halt noch Zeiten...“). Ich möchte lediglich zeigen, vor welchem Hintergrund meine damaligen Gedanken und Aktionen stattfanden, eben, den „Kontext“ darstellen. Und davon reden, was sich hier innerhalb von knapp vierzig Jahren alles verändert hat.
Also: Nach der Enge und der Muffigkeit der fünfziger und der frühen sechziger Jahre bedeuteten die darauf folgenden für viele eine richtige Befreiung. Die Schüler und Studenten in ganz Europa und die mit ihnen Denkenden und Fühlenden griffen dabei oft auf Ideen und Beispiele aus der Zeit vor und zwischen den beiden Weltkriegen zurück. Das waren ja ebenfalls Zeiten gewesen, in denen vieles aufgebrochen, manche Kruste aufgeweicht worden war, bevor dann alles im Strudel des jeweiligen Weltkriegs versank. Ein Freund aus alten Zeiten beschreibt aus aktuellem Anlass in einer Mail, wie er diese Jahre erlebte:
Immerhin liegt die Geschichte dreissig Jahre zurück. Da herrschte der Zeitgeist der Nach-Achtundsechziger. Ein Zeitgeist, der auch den von dir mit initiierten radikalen Wandel im Sonderschulwesen ermöglichte. Ein Zeitgeist, in dem wir mit Drogen unser Bewusstsein erweitern wollten, in dem wir die freie Liebe propagierten, die Sexualität von Kindern und Jugendlichen diskutierten, die Frauen sich befreiten. Einfach nichts war damals tabu. Sogar die Tiere im Zoo wollten wir befreien. Alles Dinge, die heute in unserer politisch korrekten Welt kriminalisiert sind und sogar die Spatzen auf den Dächern zu wissen meinen, was gut und schlecht ist.
Für mich wurde das alles in dreierlei Hinsicht bedeutsam.
Erstens lockerte sich das gesellschaftliche Korsett spürbar. Man musste sich nicht mehr unbedingt so verhalten, wie von einem allgemein erwartet wurde. Altvertraute Rollenbilder wurden zunehmend hinterfragt, und das sowohl theoretisch als auch in der täglichen Praxis. Das war freilich schon vorher hin und wieder der Fall gewesen. Aber wurde das damals eher als Kauzigkeit Einzelner angesehen, so überlegten sich jetzt immer mehr Menschen, was ihre Funktion im Ganzen der Gesellschaft eigentlich bedeutete, und ob sie diese nicht noch auf eine ganz andere Weise wahrnehmen könnten als auf die gewohnte, allgemein übliche. Und ob die so entstehenden neuen Freiräume nicht neue Entwicklungen ermöglichten. Das galt nicht nur für meinen, den Lehrerberuf, aber für den galt das auch.
Ich versuchte also, mich in meiner Lehrerrolle so klein wie möglich zu machen. Ich wollte meinen Schülern eher eine Art älterer Bruder sein, auf Augenhöhe mit ihnen verkehren. Das hatte zur Folge, dass manche von ihnen mutiger wurden, „frecher“ auch mir gegenüber. Immer öfter wurde meine Autorität in Frage gestellt. Auf der andern Seite fassten manche Vertrauen zu mir und begannen irgendwann zu erzählen, wie sehr sie bis jetzt zuhause und in der Schule gelitten hatten.
Dass man in dieser „anderen“ Lehrerrolle auch einen anderen Umgang mit der Sexualität pflegen würde, darauf machte unter anderen der Soziologe, Psychoanalytiker und Sexualforscher Reimut Reiche aufmerksam. In seiner Schrift „Sexualität, Moral und Gesellschaft“ (erschienen 1974) schrieb er im Vorwort:
Die weiteste Intention dieser Schrift ist, den Beruf des Pädagogen überhaupt überflüssig zu machen. Wenn den Kindern und Jugendlichen in einer Gesellschaft eine erotische und kulturelle Selbsterziehung im Massenmassstab ermöglicht wird, können die Pädagogen aufhören, Pädagogen zu sein. Kinder brauchen zwar immer „erwachsene“ Vorbilder, Bezugspersonen und Helfer, um sich zur Höhe der in einer Gesellschaft möglichen individuellen Realisierung geistiger und psychischer Fähigkeiten entwickeln zu können, – seien dies Lehrer, politische Kämpfer, Wissenschaftler und Künstler oder die eigenen Eltern. Aber sie brauchen dazu nicht eigens auf sie angesetzte Pädagogen.
In den Erfahrungen der Schüler- und Studentenbewegung ... wurde überall die Einsicht gewonnen, dass sich autoritäre Charakterstrukturen bei Jugendlichen, sexuelle Ängste und sexuelle Brutalität, seelische Deformationen und Leiden nicht dadurch überwinden lassen, dass man an die Stelle von autoritären Eltern unautoritäre „schafft“ und an die Stelle von reaktionären oder prügelnden Lehrern fortschrittliche und moderne Lehrer setzt.
Es fällt auf, dass Reiche hier nicht zwischen Kindern und Jugendlichen unterscheidet. Das scheint mir heute der damaligen Aufbruchstimmung geschuldet. Der Sexualforscher zieht den Schluss:
Auch die „modernen“ Lehrer sollten lernen, dass ein befriedigendes Sexualleben keine Sache ist, für die man in dafür reservierten Schulstunden eintreten kann. [89]
Womit wir beim zweiten Punkt wären, der Schule. Davon war bereits im Zusammenhang mit der Reformpädagogik ziemlich ausführlich die Rede.
Der dritte Punkt betrifft das Gebiet der Sexualität. Wilhelm Reichs Buch „Die sexuelle Revolution“ (1936) wurde von vielen wieder entdeckt und als ein Fanal zur Befreiung empfunden. Die Psychologin Julia Onken schrieb 2017 in ihrem Online-Magazin:
Auch ich habe die Zeit des Umbruchs der 68er Jahre miterlebt. Die sexuelle Befreiung aus den zum Teil krankmachenden gesellschaftlichen Zwängen und ihrer Doppelmoral war angesagt. Es war eine grosse Umbruchswelle im Gange, die quasi alles auf den Kopf stellte und besonders von der linken Intellektuellenszene freudig aufgenommen und auch umgesetzt wurde. Viele pilgerten zum Bhagwan nach Puunah, der sie von der eigenen blockierten Sexualität befreien sollte, andere versuchten es vor Ort. Dass es nach unten keine Altersgrenze gab, implizierte sich bereits im Bemühen, sich aller Fesseln und Grenzen zu befreien. Eltern zeigten sich selbstverständlich nackt vor ihren Kindern, was ja noch vor wenigen Generationen unvorstellbar gewesen war.
Es gab keine Grenzen mehr. Und man ging davon aus, dass das auch für die Kinder gut sei, im ganz natürlichen Verlauf der Entwicklung mit Sexualität konfrontiert zu werden. Auch die einst als eisernes Gesetz geltende Regel, keine sexuellen Kontakte zwischen Therapeut und Patientin zu unterhalten, wurde durchlässiger. In der Supervision gehörten Besprechungen mit derartigen Themen zum Alltag. Der Zeitgeist war also von einem Klima der grundsätzlichen Befreiung von sämtlichen auferlegten Moralvorstellungen was Sexualität betraf, geprägt.
Auf das, was Julia Onken in ihrem Text kritisch anfügt (es sei mir in erster Linie um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse gegangen, die jungen Leute hätten da nur mir zuliebe mitgemacht), hoffe ich in diesem Buch eine Antwort zu geben.
Ich erinnere mich, dass vor Jahren in einer Schweizer Zeitung (welche das war, ist mir entfallen) ein ausführlicher und gegenüber „Opfer“ und „Täter“ einfühlsamer Artikel erschien über die Verurteilung eines Sportlehrers, der mit einem Oberstufenschüler sexuellen Kontakt gepflegt hatte. Der Titel lautete: „Das letzte Tabu.“ Im Falle meines Falles brachte der „Tagesanzeiger“ einen recherchierten Artikel, der sich mit dem Thema Siebziger Jahre und Sexualität befasste: [90]
In der Schweiz war Sex mit Kindern noch in den 80ern kein Tabu. Nun ertönt der Ruf, dieses dunkle Kapitel aufzuarbeiten. [...] Auf eine Phase der exzessiven Repression in der Mitte des 20. Jahrhunderts folgte eine Gegenbewegung, die ebenso masslos war. So machte eine offiziell eingesetzte Kommission aus Juristen den Vorschlag, das Schutzalter im Sexualstrafrecht auf 10 oder 12 Jahre zu senken. Verantwortlich für diese masslose Gegenbewegung macht der „Tagesanzeiger“ einerseits ideologische Verblendung, andererseits aber den Einfluss der nach seinen Recherchen einflussreichen und international gut vernetzten Pädophilenbewegung. Die Schweizer Arbeitsgemeinschaft tauschte sich nicht nur mit der „uns besonders nahe stehenden“ Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie aus, sie war auch stark mit den Niederlanden vernetzt, wo „man ‚Sex mit Kindern‘ sachlich diskutieren“ könne, wie es in einem ihrer Rundbriefe heisst. (Gemeint ist hier die damals offenbar aktive „Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“, von deren Existenz ich erst aus zwei Zeitungsberichten im Zusammenhang mit meinem Fall erfahren habe.)
Das mit dem Schutzalter lässt sich genauer nachlesen. Der renommierte, inzwischen pensionierte Strafrechtler Martin Killias zeigte in seiner 1978 eingereichten Dissertation „Jugend und Sexualstrafrecht. Eine rechtssoziologische und rechtsvergleichende Untersuchung über die Bestimmungen des Jugendschutzes im Sexualstrafrecht, dargestellt anhand der Geschichte des Tatbestandes der Unzucht mit Kindern“, [91] wie sehr gerade auf diesem Gebiet die öffentliche Wahrnehmung und damit auch das allgemeine Rechtsempfinden zeitabhängig und damit einem Wandel unterworfen sind. Er erklärte, dass das Delikt der Unzucht mit Kindern zu den jüngsten Tatbeständen der Strafrechtskodifikationen gehört und machte auf die historische Relativität des sog. Jugendschutzes aufmerksam. Auch fasste er den damaligen Wissensstand betreffend „Unzucht mit Kindern“ zusammen:
[Es] weisen verschiedene Untersuchungen darauf hin, dass Kinder zumindest bei gewaltlosen und nicht-inzestuösen sexuellen Erfahrungen keine oder wenigstens keine langfristigen psychischen Schäden erleiden. [...] Vieles deutet hingegen darauf hin, dass die Entdeckung und Dramatisierung derartiger Vorkommnisse und insbesondere die Durchführung eines Strafverfahrens [in seinen Auswirkungen auf das Kind als Zeugen] von vielen Kindern als Katastrophe erlebt werden und deren Entwicklung erheblich ungünstiger beeinflussen als das sexuelle Erlebnis an sich. [92]
Und er fügte an:
Trotz dieser relativ eindeutigen Forschungsergebnisse hält die Öffentlichkeit hartnäckig am Glauben an die Schädlichkeit „verfrühter“ sexueller Erfahrungen fest. Dies muss umso mehr erstaunen, als Quälereien und Misshandlungen, wie sie in grosser Zahl gegenüber Kindern verübt werden, bei weitem nicht so verpönt werden wie liebevolle Handlungen, die jenseits einer „oft fiktiven Grenze“ liegen.
Hier eine Aufstellung der wissenschaftlichen Arbeiten, die Killias in seiner Dissertation anführt, um diese These zu stützen. Die Aufstellung zeigt zumindest, dass es keineswegs nur ein paar Verwirrte waren, die so dachten:
- Wyss Rudolf (1963), Zur Frage der Spätschäden bei kindlichen Opfern von Sittlichkeitsdelikten, in ZStr.R, (schweiz.) Zeitschrift für Strafrecht 79/1963, (S. 273-292);
- Lempp Reinhart, Seelische Schädigungen von Kindern als Opfer von gewaltlosen Sittlichkeitsdelikten, in: NJW, Neue Juristische Wochenschrift 21 II/1968, (S. 2265-2268);
- Potrykus Dagmar & Woebke Manfred (1974): Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen, München;
- Kaiser Günther (1976): Kriminologie. Eine Einführung in die Grundlagen, 3. Aufl., Heidelberg/Karlsruhe, S. 108;
- Kerscher Karl-Heinz Ignaz (1973), Emanzipatorische Sexualpädagogik und Strafrecht. „Unzucht mit Kindern“ – ein Beispiel bürgerlicher Zwangsmoral, Neuweid/Berlin
- Göppinger Hans (1976), Kriminologie, 3. Aufl. München, (S. 328).
Killias schreibt in diesem Zusammenhang, dass viele dieser Untersuchungen, ... auf zahlreiche weitere Untersuchungen zurückgreifen. [93]
Auch der bekannte Tübinger Universitätsprofessor für Kinder- und Jugendpsychiatrie Reinhart Lempp hatte auf Grund seiner Forschungen nicht den Eindruck, dass Kinder und Jugendliche bei gewaltfreiem Sex mit Erwachsenen nachhaltige Schäden davontrügen. Dass man dergleichen überhaupt vermuten könne, führte er auf die „tradierte besondere Tabuierung des Sexuellen“ und auf die lange verbreitete Sicht einer „Verwerflichkeit sexueller Handlungen ausserhalb ehelicher Beziehungen“ zurück. Auch hier: Die eigentliche Belastung, die den Kindern zusetzte, sah auch Lempp nicht im sexuellen Erlebnis selbst, sondern in der dann anschliessenden Entrüstung der Erwachsenen und in den peinigenden Befragungen durch Gutachter und Richter. [94] Auch dies steht im bereits angefürten Band „Die Grünen und die Pädosexualität“.
Martin Killias machte in seiner Dissertation auch Vorschläge für eine damals anstehende Revision des Sexualstrafrechts. Auch dies auf Grund des damaligen Wissensstandes sowie der sich daraus ergebenden wissenschaftlichen Diskussion, und nicht aus ideologischen oder sonstwie obskuren Gründen:
Es kann nicht Aufgabe des Strafrechts sein, jede sexuelle Aktivität unterhalb einer bestimmten Altersgrenze zu pönalisieren [zu bestrafen], sondern nur den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch überlegene (und zumeist ältere) Personen zu einer ihrer Alters- und Entwicklungsstufe nicht angepassten Form der Sexualbetätigung.
Wird die Entwicklungsstufe des Kindes als wesentliches Kriterium verwendet, so empfiehlt es sich, zwischen Kindern und (geschlechtsreifen) Jugendlichen auch im Gesetz zu unterscheiden. Auch wenn die Entwicklung der Persönlichkeit und der Sexualität allmählich verläuft, stellt der Eintritt der Geschlechtsreife einen wichtigen Einschnitt dar, der auch im Gesetz zum Ausdruck kommen sollte. Ob dabei auf die Geschlechtsreife an sich oder auf eine entsprechende Altersgrenze – die zwischen zehn und zwölf Jahren liegen müsste – abgestellt wird, ist von zweitrangiger Bedeutung. [95]
Hier war der Jurist viel genauer als der Psychoanalytiker und Sexualforscher. Er macht einen deutlichen Unterschied zwischen Kindern und Jugendlichen. Zudem wird klar, dass es einigermassen schwierig ist, das in einem Gesetz klar zu fassen. Entwicklungen von Menschen können ganz unterschiedlich verlaufen, gerade was das Tempo betrifft.
Aber weiter im „Tagesanzeiger“: Besonders intensiv ausgetragen wurde (die Diskussion um die Herabsetzung des Schutzalters) 1977 in Frankreich, wo Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, Jacques Derrida, Roland Barthes und Simone de Beauvoir, die als Begründerin des Feminismus gilt, eine Petition gegen ein Gesetz unterzeichnet hatten, das Sex mit Kindern unter 15 Jahren strafbar machte. Eine gesetzlich festgelegte Altersgrenze habe „keinen Sinn“, da man einem „Kind zutrauen kann, selbst zu sagen, ob ihm Gewalt angetan worden ist oder nicht“, argumentiert der französische Philosoph Michel Foucault, der damals ebenfalls die Petition unterschrieb.
Im Zuge der grossen Strafrechtsreform in der Schweiz kam dieses Thema erst viel später zur Sprache. Strafrechtsnormen hinken den gesellschaftlichen Realitäten immer hintennach, und in der Schweiz dauert alles noch etwas länger. Der „Tagesanzeiger“ im erwähnten Artikel:
Noch im Dezember 1990 entschied sich der Nationalrat in einer Abstimmung ganz knapp für ein Schutzalter von 14 Jahren. Damit folgten die Parlamentarier einer Expertenkommission, die zwischenzeitlich den Vorschlag gemacht hatte, den Schutz vor sexuellen Handlungen auf noch nicht geschlechtsreife Kinder zu beschränken und deshalb das Schutzalter auf 10 oder 12 Jahre festzusetzen. Reichte der Einfluss der niederländischen Pädophilen also bis in unseren Nationalrat? Oder war es nicht eher so, dass so ein Abstimmungsergebnis wie immer das Resultat einer langen und recht komplizierten Auseinandersetzung war, bei der die verschiedensten politischen (und in unserem Fall wohl auch biografischen) Interessen berücksichtigt werden wollten, bis ein mehrheitsfähiger Kompromiss zustande kam, und dass es uns heute einiges über die damaligen (in unserem Fall etwas schweizerisch verspäteten) geistigen und politischen Verhältnisse erzählt? Heute ist das Schutzalter in der Schweiz nach einer Volksinitiative auf 16 Jahre festgelegt.
Der „Tagesanzeiger“-Artikel schliesst mit der Frage, ...wie Aufbruchbewegungen, juristische Diskussionen und Liberalisierungstendenzen in den 1970- und 1980er Jahren einen Möglichkeitsraum schufen, der von Jürg Jegge und anderen für ihre Taten missbraucht werden konnte.
Und ein Artikel ähnlichen Inhalts in der NZZ endet mit den Worten: Die Debatten der achtziger Jahre gelten aus heutiger Sicht als Verirrung aus einer längst vergangenen Zeit. Festzuhalten ist: ... aus heutiger Sicht.
Was ist denn heute anders? Der Kriminologe Hans Joachim Schneider schreibt: Die Grenzen sozialabweichenden und kriminellen Verhaltens zu konformem Verhalten sind niemals ein für allemal in einer Gesellschaft festgelegt. Sie ändern sich im Sozialprozess. [96] Es stellt sich die Frage: Was hat sich in Hinsicht auf die Sexualität im Sozialprozess der letzten Jahrzehnte verändert? Denn dass sich sehr viel verändert hat, ist offensichtlich. Der Psychiater und Sexualwissenchafter Volkmar Sigusch beschreibt diesen Wandel in einem Kapitel seines Buches „Neosexualitäten“:
Die Umwälzung, die in den achtziger und neunziger Jahren erfolgte, ist vielleicht noch einschneidender als die, die mit der sexuellen Revolution einherging. Insgesamt scheint heute eine rasante Umwertung und Umschreibung der Sexualität stattzufinden. Die hohe symbolische Bedeutung, die die Sexualität um die Jahrhundertwende, in den zwanziger Jahren und am Ende der sechziger Jahre hatte, scheint wieder reduziert zu werden, wenn wir nur an die Verheissungen der letzen Revolte denken. Damals wurde die Sexualität mit einer solchen Mächtigkeit ausgestattet, dass einige davon überzeugt waren, durch ihre Entfesselung die ganze Gesellschaft stürzen zu können, wie Wilhelm Reich (1936) versprochen hatte. Andere verklärten die Sexualität zur menschlichen Glücksmöglichkeit katexochen [schlechthin]. Generell sollte sie so früh, so oft, so vielfältig und so intensiv wie nur möglich praktiziert werden. Generativität [das Aufeinander-Angewiesensein der verschiedenen Generationen], Monogamie, Treue, Virginität [Jungfräulichkeit] und Askese waren Inbegriff und Ausfluss der zu bekämpfenden Repression. Dass mit der „Befreiung“ erhebliche Fremd- und Selbstzwänge, neue Probleme und alte Ängste einhergingen, wollten die Propagandisten nicht wahrhaben. Sie verlangten Geschlechtverkehr in der Schule.
Heute ist davon keine Rede mehr. Das, was die Generationen der sexuellen Revolution als Ekstase und „Grenzüberschreitung“ erlebten oder ersehnten, wird seit den achtziger Jahren unter dem Aspekt der Geschlechterdifferenz, der sexuellen Übergriffigkeit, der Missbrauchserfahrung, der Gewaltanwendung und der Infektionsgefahr infolge des Einbruchs der Krankheit AIDS problematisiert. Diese Topoi [Topos: festes Schema, feststehendes Bild] herrschen seit dieser Zeit in der wissenschaftlichen Diskussion vor und bezeichnen in empirischen Studien die Themen, die Jugendliche und junge Erwachsene heute beschäftigen. [97]
Keiner hat den seltsamen Bedeutungswandel der Sexualität genauer und einleuchtender beschrieben als er: Ganz offensichtlich wird Sexualität heute nicht mehr als die grosse Metapher der Lust und des Glücks überschätzt und positiv mystifiziert, sondern negativ als Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit und Aggression diskursiviert. [98]
Die gängigste Erklärung für diesen Wechsel geht ungefähr so: Heute weiss man ganz einfach mehr über die Folgen sexueller Übergriffe, Missbräuche und Gewalterlebnisse als damals. Vor allem weiss man mehr über dadurch entstandene Traumata. Zahlreiche Berichte zeugen davon.
Das stimmt sicher. Aber man weiss heute ganz allgemein mehr als damals. Man weiss auch mehr über Resilienz, die Fähigkeit, den Widernissen des Lebens zu trotzen, und das ist so ziemlich das Gegenteil von Traumatisierung. Es gibt auch heute Berichte von jungen Menschen, denen sexuelle Kontakte mit Erwachsenen offenbar nicht schadeten, auch wenn das im Augenblick kaum öffentlich bemerkt wird. Es müssen sich also noch andere Gründe für die auffallende Entwicklung in den letzten 20 Jahren finden.
Eine weitere Begründung: die Angst vor der Immunschwäche AIDS. Auch Sigusch spricht davon. Und die Soziologin Véronique Mottier beschreibt diesen Wandel in ihrem Buch „Sexualität. Eine sehr kurze Einführung“:
Der Zugang zu verlässlichen Verhütungsmitteln, die Legalisierung der Abtreibung und die durch die sexuelle Revolution bewirkte Lockerung der moralischen Kontrolle über die Sexualität eröffneten in den 1960er-Jahren ein kleines Fenster für mehr Offenheit, rechtliche Freiheit und sexuelle Experimente. Für kurze Zeit schien die Sexualität von ihren traditionellen Fesseln Krankheit und Sünde befreit worden zu sein. Die Folge waren gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen, vor allem für Frauen, die in der Vergangenheit mit Gefahren wie unerwünschten Schwangerschaften, sozialer Ausgrenzung und Tod im Kindbett einhergegangen war. Doch die Freude an der grösseren sexuellen Freiheit hielt keine zwei Jahrzehnte lang an. Das Aufkommen der Immunschwächekrankheit Aids Anfang der 1980er-Jahre markierte eine Abwendung vom hedonistischen Genuss der Sexualität als reiner Lustbefriedigung. Die Angst vor Geschlechtskrankheiten kehrte zurück und mit ihr die Furcht vor Prostituierten, Ausländern und „anderen“, die eine mögliche Quelle der sexuellen Gefahr darstellten. Auch Religion und Moral erhielten erneut Einzug in die Sexualpolitik. [99]
Die Diagnose AIDS ist heute gottlob kein Todesurteil mehr, auch wenn sie nach wie vor schrecklich belastet. Es muss für diesen doch sehr einschneidenden „Rückwandel“ vor allem in jüngster Zeit noch andere Veranlassungen geben.
Ein weiterer Grund: Ganz wesentlich dürfte auch eine erfreulich erstarkte (und glücklicherweise weiter erstarkende) Frauenbewegung dazu beigetragen haben, dass heute über Einverständnis, Gleichwertigkeit und Abhängigkeit anders und gründlicher nachgedacht wird. [100]
Ich möchte hier noch auf eine weitere Sichtweise aufmerksam machen. Entwicklungen verlaufen ja kaum je eingleisig. Da gehen verschiedenste Entwicklungsstränge nebeneinander her, beeinflussen sich gegenseitig, verstärken oder behindern sich. Und doch lässt sich oft eine Hauptrichtung ausmachen, und die zu begreifen erleichtert es dann, einzelne Ereignisse besser zu verstehen. Das soll hier versucht werden.
Derzeit [...] streben Gewinne und Löhne wieder massiv auseinander – es gibt sogar Bevölkerungsschichten mit sinkenden Reallöhnen. Der „Sozialstaat“ wird zurückgebaut, obwohl Sozialprodukt und „Gewinne“ dramatisch gestiegen sind. Die Konzentration von Unternehmen und Vermögen hat einen bislang einzigartigen Höhepunkt erreicht. [101] Dies schreibt der renommierte österreichische Politik- und Wirtschaftsjournalist Peter Michael Lingens.
An anderer Stelle [102] liest man bei ihm von der digitalen Revolution, die wir gerade erleben. Man vergleiche diese zu Recht mit der durch Dampfkraft und Elektrizität ausgelösten. Dramatischer als die Ähnlichkeit ist nur der Unterschied: Dampfkraft und Elektrizität liessen die Zahl der Arbeitsplätze explodieren – die Digitalisierung lässt sie implodieren. Die meisten grossen internationalen Studien rechneten damit, dass in Zukunft ungefähr 45 Prozent der Arbeitsplätze wegfallen würden: Schliesslich lässt sich nicht nur körperliche, sondern mindestens so sehr geistige durch digital gesteuerte Roboter bzw. künstliche Intelligenz (KI) ersetzen. Roboter können Werkstücke nicht nur besser als Hilfsarbeiter transportieren, sondern auch besser als Facharbeiter zusammensetzen. KI-Computer spielen nicht nur besser Schach als Beamte, sondern lösen auch Verwaltungsfragen besser.
Es sei deshalb realistisch, sich auf eine Zweiklassengesellschaft vorzubereiten: die in Zukunft winzige Klasse derer, die über Roboter bzw. künstliche Intelligenz verfügen und die riesige Masse derer, die dadurch in absehbarer Zeit sehr viel weniger Arbeit haben.
Derlei Beunruhigendes ist in den letzten Jahren vermehrt zu lesen, in ganz Europa und darüber hinaus. Aber sind das nicht einfach pessimistische Auslassungen versprengter Altlinker, die sich so in eine hoffnungsvollere Zukunft zurückbuchstabieren? In eine Zeit, in der sie zwar kaum je eine Mehrheit, aber wenigstens eine etwas weniger mindere Minderheit stellten? Wir wollen die Frage bei unserer Blütenlese im Auge behalten. Was übrigens Lingens betrifft, so ist der (Jahrgang 1939) zwar alt, aber beileibe kein Linker.
Eigene Erfahrungen und Beobachtungen kommen zu seinem Befund dazu: Die wenigsten von uns haben von der „allgemeinen“ Vermehrung des Reichtums selber profitiert. Man hat viel eher erlebt, dass man „freigestellt“ wurde und jetzt kaum mehr eine Arbeit findet. Und wie leicht man dabei auf der sozialen Stufenleiter nach unten rutscht. Oder man weiss zumindest von Bekannten, denen das passiert ist. Man weiss von Menschen aus dem eigenen Umfeld, die „am unteren Rand der Gesellschaft“ leben und denen Unterstützungsbeiträge aberkannt oder Sozialbezüge gekürzt wurden. Und man kennt bestimmt Frauen, die nicht aus Freude an der Selbstverwirklichung neben ihrem Haushalt noch auswärts arbeiten oder Heimarbeit verrichten, sondern schlicht, weil sonst das Geld nicht reicht.
Ein Arbeitswissenschaftler mit dem fixen Gehalt als Leiter des renommierten deutschen Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation meint zwar: Im Übergang werden nicht nur die Jobs wegfallen, für die wir keine Leute mehr haben [weil nämlich die Babyboomer allmählich in Pension gingen]. Es wird auch Menschen betreffen, die noch nicht pensionsreif sind. Aber, so beruhigt er, es handle sich nur um eine Übergangszeit. Die Jobs entstehen dort, wo es junge Menschen gibt. Zum Beispiel, fügt er an, in Brasilien. In der Wechselwirkung werden aber auch bei uns genügend Jobs hängen bleiben. [103] Wirklich beruhigend ist das nicht.
Der junge Historiker Jan Martin Ogiermann zeigt in seinem Buch „Zukunft. Eine Biographie“, dass sich nicht nur die Zeiten ändern, sondern auch die Zukunft. Und er beschreibt, wie sich Zukunftsangst allmählich in der Gegenwart breit macht: Seit den siebziger Jahren überwog die Angst vor ökologischen Katastrophen die Hoffnung auf technische Errungenschaften. Die Ressourcen des Planeten sind begrenzt, eine beliebig hohe Anzahl Menschen zu ernähren würde ihn überfordern. Der Konsum, der „Wohlstand für alle“ gebracht hatte, droht, Umweltprobleme zu verursachen, die viele Menschen hart treffen würden. Und auch das Wohlstandsversprechen selbst hat Schaden genommen, da eine chronische Arbeitslosigkeit und die ungleiche Entwicklung von Kapital- und Arbeitseinkommen die westlichen Gesellschaften belasten. [104]
Bei allem bleibt die stete Befürchtung, ein solches Schicksal könnte einen selbst oder die eigenen Kinder in absehbarer Zeit doch noch oder von neuem treffen – egal, ob man im „mittleren“ oder im „unteren“ Teil unserer Gesellschaft dahinlebt. Dieses Bewusstsein erzeugt eine latente innere Anspannung, im schlimmeren Fall einfach Angst.
Heute sind sich sehr viele Menschen bewusst, dass die Möglichkeit des Scheiterns alle betrifft und nicht länger ein Privileg der Einwanderer, ehemaligen Industriearbeiter, unqualifizierten Hilfsarbeiter und anderer Verlierer der ersten Stunde der neoliberalen Globalisierung ist. So der spanische Soziologe César Rendueles. [105] Neoliberalismus meint hier die seit Längerem allgegenwärtige Angewohnheit, auftauchende Probleme zuerst oder ausschliesslich als wirtschaftliche zu begreifen und unter diesem Aspekt zu „lösen“.
Sein deutscher Kollege Oliver Nachtwey, wie Rendueles ein „Nachgeborener“, macht einen weiteren Grund zur Besorgnis geltend: Die Wirtschaftskrise infolge der Finanzkrise ist noch lange nicht überwunden, trotz massiver Interventionen der Nationalstaaten und Zentralbanken. Im Gegenteil: Es droht eine globale Stagnation.
Zunehmende Ungleichheit in einer allgemein schwächelnden Wirtschaft, verschärft durch den Fortschritt der Digitalisierung – das hinterlässt Spuren. Nachtwey spricht denn auch ganz unverblümt von der „Abstiegsgesellschaft“: Aus der Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration ist [...] eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und der Polarisierung geworden. [106] Prekarität wie Prekariat sind soziologische Bezeichnungen für eine Gruppe, die in unsicheren Erwerbsverhältnissen, in unsicheren Verhältnissen überhaupt leben muss. Und die wird immer grösser.
Der Satz „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ ist ganz einfach falsch. Aber wenn’s der Wirtschaft schlecht geht, geht’s uns auch nicht besser.
Mit der Dauerschwäche der Wirtschaft schwanden die Ressourcen und der Wille zur Integration. Öffentliche Unternehmen gerieten unter Privatisierungsdruck, der Sozialstaat wurde umgebaut, die sozialen Bürgerrechte wurden reduziert. In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen – das ist die Signatur unserer Zeit – implementierte man Markt- und Wettbewerbsmechanismen. Am Ende wurden viele Errungenschaften der sozialen Moderne einer erneuten, aber diesmal regressiven Modernisierung unterzogen, [107] schreibt Nachtwey.
Regressive Moderne? Unsere fortschrittliche Gegenwart soll eine Zeit der Regression sein, des Rückfalls in frühere, sogar kindliche Verhaltensweisen? Leben wir nicht in einer Epoche, die liberal ist wie kaum eine zuvor? Sind nicht gerade in letzter Zeit Fortschritte der Gleichberechtigung erzielt worden, die früher undenkbar gewesen wären? Nachtwey: Horizontal, zwischen Gruppen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, zwischen den Geschlechtern und in bestimmten Bereichen sogar zwischen den Ethnien, wird die Gesellschaft gleichberechtigter und inklusiver, vertikal geht diese Gleichberechtigung mit grösseren ökonomischen Ungleichheiten einher. [108] Und er macht darauf aufmerksam: Prozesse regressiver Modernisierung verknüpfen häufig gesellschaftliche Liberalisierungen mit ökonomischer Deregulierung, mit wirtschaftlicher Verunsicherung. Das beste Beispiel betrifft die Frauen. Die dürfen, wenn von ihnen die Rede ist, zwischen Binnen-I, _ und *in auswählen, verdienen aber im Schnitt immer noch deutlich weniger als die Männer.
Der Übergang zur Abstiegsgesellschaft vollziehe sich ganz schleichend, so Nachtwey: Sie ist allmählich, auf leisen Sohlen und über die Hintertreppe eingetroffen. Die Vordertreppe hat sie dabei noch gar nicht erreicht. Gewiss, das steigende Ausmass von Armut, Prekariat und sozialer Ungleichheit wird in der politischen Öffentlichkeit mittlerweile immer häufiger thematisiert [...]. Sehnsuchtsobjekt, Handlungsnorm, politisches Leitbild bleibt der soziale Aufstieg: Aufstieg durch Leistung, Aufstieg durch Chancengleichheit, Aufstieg durch Bildung. [...] Reden wir vielleicht die ganze Zeit über Aufstieg, weil er in der Realität immer seltener anzutreffen ist? [109]
Eine glänzende Oberfläche in der Horizontalen, wachsende Ungleichheit und Not in der Vertikalen. Weitere Beispiele lassen sich leicht finden. So verschwinden „Neger“, „Mohren“ und „Zigeuner“ aus den Kinderbüchern, aus den Opern- und Operetteninszenierungen, von den Speisekarten, aus dem Sprachgebrauch überhaupt. Aber Tausende dieser Menschen lässt man ertrinken bei ihrem Versuch, nach Europa und damit in ein „besseres Leben“ zu gelangen.
Der Philosoph Robert Pfaller, gebürtig 1962, wird nicht müde, auf solche Ungereimtheiten hinzuweisen. Einerseits werden wir vor jeder denkbaren Unbill beschützt, vor den brutalen Sprachgewohnheiten, vor dem Passivrauchen, vor ungesundem Essen, wir werden eindrücklich vor selbstschädigendem Lebenswandel gewarnt. Andererseits – so beschreibt Pfaller das, was Nachtwey ökonomische Deregulierung nennt – hätten wir in den letzten Jahren eine ungeheuerliche Brutalisierung der Verhältnisse erlebt: Neoliberale Austeritätspolitik [Sparpolitik] hat [...] nicht nur reiche westliche Staaten in den Ruin getrieben und allein in Europa Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt. Sie hat auch vieles, was bislang an zivilisatorischen Standards, Formen erfüllender Arbeit und guten Lebens selbstverständlich war und zum Gemeineigentum zählte, zerstört.
Er bringt dazu zahlreiche Beispiele. Auch wenn diese teilweise aus dem EU-Raum stammen, so ist doch unverkennbar, das auch in unserer in solchen Dingen eher behäbigen Schweiz die Reise in die gleiche Richtung geht: Pensionsvorsorge geriet zum Spekulationsgegenstand, Gesundheit und Bildung verfielen einem irrationalen Ökonomisierungsdruck, Arbeiten verwandelten sich in Bullshit-Jobs, Produkte verfielen vorzeitig dank geplanter Obsoleszenz, also dank vorzeitiger Alterung, oder entzogen sich in die Undurchschaubarkeit ihrer ständig wechselnden Benutzeroberflächen, Bürgerrechte fielen umstandslos der Überwachung durch die Geheimdienste (mitunter sogar durch fremde Geheimdienste) zum Opfer, menschliche Grundrechte (wie zum Beispiel die Versorgung mit Trinkwasser) wurden verhandelbar, demokratische Selbstbestimmung opferte man für Freihandelsverträge, und Universitäten wurden zu stressigen, überregulierten Lernanstalten für Menschen, die nur noch tun durften, was man ihnen vorschrieb – und was anhand von Punkten, Zertifikaten und Kennzahlen bürokratisch darstellbar war. [110]
Die beschriebene Regression hat, so scheint mir, zwei Seiten, eine ökonomisch-politische und eine kulturell-individuelle. Beide gehen ineinander über, beide bedingen sich gegenseitig. Man hat den Markt wie selbstverständlich verinnerlicht, stimmt seiner Logik – teils willig, teils widerwillig – zu. Im Neoliberalismus ist die Macht des Selbstzwangs, der permanenten Sublimierung („Veredelung“) hoch: Man muss immer wettbewerbsfreudig sein, sich vergleichen, vermessen und optimieren. Zumutungen, Entwürdigungen, Demütigungen und Scheitern muss man sich selbst anlasten – und danach freudig auf eine neue Chance warten. So Oliver Nachtwey in einem Aufsatz „Entzivilisierung. Über regressive Tendenzen in westlichen Gesellschaften“. [111]
Mit der ökonomisch-politischen Seite der Regression befassen sich vor allem Sozio- und Politologen. Eine gute Zusammenfassung dessen, was hier weltweit gedacht wird, bringt der von Heinrich Geiselberger herausgegebene Band „Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“, dem einige der hier zitierten Wortmeldungen entnommen sind. [112] Es sind vor allem jüngere Autorinnen und Autoren hier versammelt. Die meisten sind Ende der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre geboren. Das schaut nicht gerade nach einem Altrockertreffen aus.
In unserem Zusammenhang ist es interessant, diese Gedanken in die zweite, die kulturell-individuelle Ebene hinein weiter zu denken. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra, der Verfasser des Buchs „Das Zeitalter des Zorns“ [113] zeigt die Nahtstelle zwischen diesen beiden Ebenen auf. Er spricht in seinem Beitrag zum Regressions-Buch von ... Faktoren, die im menschlichen Leben stets präsent sind: etwa die Furcht, Ehre, Würde und gesellschaftlichen Status zu verlieren; das Misstrauen gegenüber Veränderungen; den Reiz stabiler und vertrauter Verhältnisse. Komplexere Motive wie Eitelkeit, die Angst, verwundbar zu erscheinen, oder das Bedürfnis, ein bestimmtes Bild von sich zu entwerfen. Solches würde in der allgemeinen Diskussion selten erwähnt. Aber gerade diese ausserökonomischen Motive beeinflussten ganz wesentlich den psychischen Haushalt der Menschen [114].
Denn diese ökonomisch-politische Modernisierung hinterlässt Spuren im Alltag [115] und in den Seelen der Menschen. Es ist deshalb sicher gerechtfertigt, auch hier von Regression zu sprechen. Der Begriff stammt ja aus der Psychoanalyse. Nur dass in unserem Fall weder eine elterliche noch eine politische Autorität das Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster bestimmt, sondern dass die Brutalisierung der Verhältnisse (so Pfaller) den einzelnen Menschen zu bedenklichen Anpassungsleistungen bringt. Angst also.
Solche Anpassungsleistungen mögen unterschiedlich ausfallen, aber insgesamt kommt es zu einer Wiederkehr der Konformität, wie die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch beschreibt, [116] auch sie gilt übrigens keineswegs als Altlinke. Die Wiederkehr der Konformität ist [...] eine plausible Bewältigungsstrategie angesichts von Unsicherheiten und Ängsten. Sie ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen, die mit wachsenden Unsicherheiten und einem gravierenden Autonomieverlust in der Lebensführung einhergegangen sind. Dabei büssten nicht nur die Menschen an Autonomie ein, auch gesellschaftliche Institutionen verfügen über weniger Handlungsspielräume.
Also ja nicht auffallen, sich ja nicht allzu weit von allgemein akzeptierten Meinungen oder gar den üblichen Verhaltensweisen entfernen. Denn die Köpfe, die das Mass der Mitte überragen, müssen entfernt werden. Die Mitte fürchtet die Herausragenden wie die Widerspenstigen und will sie auf ihr eigenes Mass zurechtstutzen. Das Ideal der Mitte verwandelt sich dann in die Vorherrschaft der Mediokren, der Mittelmässigen. So der deutsche Politikwissenchafter mit Jahrgang 1951 Herfried Münkler. [117] Das klingt zunächst ziemlich arrogant, ist aber, wie er in seinem Buch „Mitte und Mass“ zeigt, durchaus eine Lehre, die man aus der Geschichte ziehen kann. Und: Es gilt auch für die, welche nicht nach oben, sondern „nach unten herausragen“. Mit Mitte ist in unserem Zusammenhang nicht die politische Mitte gemeint, die stets gefährdet ist, nach rechts auszurutschen, sondern die gesellschaftliche, ihrerseits vermehrt in Gefahr, nach unten abzustürzen. Vor allem aber geht es um die psychische Seite dieses Vorgangs. Ein bisschen Individualismus darf schon sein, da hat sich wirklich seit den Fünfzigerjahren etwas geändert. Nein, ein bisschen Individualismus muss geradezu sein, und zwar in Bezug auf die eigene Meinung als auch auf die Lebensführung. Aber bitte nicht zu sehr, man kann alles übertreiben.
Dazu passt, dass Kinder immer öfter als Störfaktor wahrgenommen werden: Sie werden meist nicht deshalb zum Psychologen geschickt, weil sie unglücklich oder verzweifelt sind, sondern weil sie stören. Gebe ich bei Google „Kind stört“ ein, erhalte ich rund 606’000 Ergebnisse. Da finden sich zuallererst zahlreichste Anleitungen wie „Was tun, wenn Kinder den Unterricht stören?“ Eine alternative Eingabe, etwa „Kind“ und „Begabung“ bringt 402’000 Nennungen, wobei zuallererst ganz ausführlich von „Hochbegabung“ die Rede ist – was eher in die Unterabteilung „Wettbewerb“ gehört.
Eine hübsche Variante vom „Störfaktor Kind“ schwirrt seit Kurzem im Internet herum: „Kinder stören BBC-Interview“. [118] Ein amerikanischer Politologe wird von einem Moderator befragt, und während dieses Live-Gesprächs tauchen plötzlich die beiden noch kleinen, aber munteren Professorensprösslinge auf, gefolgt von der Mutter, welche sie wieder ins Nebenzimmer zurückbugsiert. Der Professor selber bleibt „cool“, entschuldigt sich kurz und das Gespräch geht weiter. Eine ganz alltägliche Geschichte, würde man meinen, die weiter nicht von Belang ist und in jeder Familie vorkommen kann, die ihren Nachwuchs nicht medikamentös still stellt. Aber im Internet erhält sie eine unerhört tiefe Bedeutung. Kinder stören die Karrierre? Ein amerikanischer Professor hat das hautnah erlebt. („Spiegel“ online). [119]
Ins Ranking „Die 300 Reichsten“ der Zeitschrift „Bilanz“ schaffen es wohl die meisten von uns nicht mehr. Aber es gibt ja auch so genügend Listen und Listlein, Wettbewerbe und Konkurrenzen, bei denen man mehr oder weniger freiwillig mitmachen und sich mit 50prozentiger Sicherheit dem Gefühl hingeben kann, wenigstens nicht zu den Verlierern zu gehören. Die Welt strotzt geradezu von solchen Gelegenheiten. Vom Bauchvergleich im Wartezimmer der Schwangerschaftsberatung bis zum Zählen der Trauernden auf dem Friedhof ist das Leben angefüllt mit passenden und unpassenden Konkurrenzveranstaltungen. Da hat Nachtwey wirklich Recht: In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen machen sich Markt-, Konkurrenz- und Wettbewerbsmechanismen breit.
Bei diesen Wettbewerbsveranstaltungen kann man, grob gesehen, zwei Typen unterscheiden: „grosse“ und „kleine“ Konkurrenzen. Die „grossen“ werden einem von aussen scheinbar oder wirklich aufgezwungen. Auf dem Gebiet der Information beispielsweise herrschen zu einem grossen Teil gnadenlose Konkurrenzkämpfe. Zwischen digitalen Medien und Fernsehen. Zwischen Fernsehen und Printmedien. Zwischen digitalen Medien und Printmedien. Zwischen den einzelnen Printmedien. Zwischen einzelnen Redaktionen. Unter einzelnen JournalistInnen. Zwischen, unter... Als etwa die Vorwürfe gegen mich bekannt wurden und alle Zeitungen sofort aufgeregt berichteten, wartete das Schweizer Fernsehen DRS noch drei Tage zu, bis ich das Buch über mich gelesen hatte und dadurch in der Lage war, ein Interview dazu zu geben. Sofort wurde das dem Sender in einem Teil der Presse zum Vorwurf gemacht. Dies nur als Beispiel.
Die „kleinen“ Konkurrenzen sind nicht weniger wirksam. Wenn ich mich schon nicht zur „Bilanz“-Liste aufschwingen kann, gibt es doch viele andere Möglichkeiten, mich mit andern zu vergleichen und daraus psychischen Gewinn oder zumindest Beruhigung zu ziehen. Das neuere Auto, das schnellere Internet, die teurere Kleidung, die besseren Schulnoten, die eigenen oder die der Kinder... Das wirkt alles oft genug recht infantil.
Als angstmindernde Bewältigungsstrategie ist solches nicht wirklich geeignet. Denn bei jedem Vergleich gibt es ja nicht nur Sieger. Und bei einem gewöhnlichen Wettbewerb geht in der Regel nur etwa ein Drittel aller Beteiligten mit einem Lächeln vom Platz. (Nicht einmal das ist sicher. Wir kennen das Bild von Zweitgereihten, die in die Fernsehkamera weinen, weil sie bloss Silber ersportelt oder erfiedelt haben.) Das zweite Drittel wird sich dank dem Wettbewerbsresultat, der Note, des Rankings seiner Durchschnittlichkeit, das dritte Drittel seiner Verliererposition einmal mehr bewusst. Man versucht also, die durch den Neoliberalismus verursachten Kollateralschäden mit noch mehr Neoliberalismus zu heilen. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.
Der Wettbewerb hat übrigens noch eine kleine, leicht autistische Schwester, die Selbstoptimierung. Da kämpfen die Leute dann auf allen möglichen Gebieten gegen sich selber. Das ist so wenig angstmindernd wie das Wettbewerbsdenken.
Konformität, Wettbewerbsdenken – der Politikwissenchafter Herfried Münkler legt noch ein Schäufelchen nach. Er bestätigt der absturzbedrohten oder zumindest absturzbesorgten „Mitte“ eine notorische Neigung zur Bigotterie, zur Scheinheiligkeit, die jetzt zutage trete. Er begründet das auch. Wenn sie [die Mitte] offen zeigen würde, dass es ihr vor allem darum geht, die eigenen Kinder und Enkel vor dem sozialen Abstieg zu bewahren, und dass sie sozialen Aufstieg nur dort zulassen will, wo sich zufälligerweise Lücken ergeben oder eine Position seit längerem frei ist, würde sie ihr eigenes Integrationsprogramm dementieren und einen sozialen Egoismus zur Schau stellen, der allen Selbstrepräsentationen der Mitte widerspricht und mit ihren Aufgaben in der Gesellschaft unvereinbar ist. [120] Vielleicht reden wir besser von den „eigenen Kreisen“ als nur von „Kindern und Enkeln“. Gar so ausgeprägt ist vielerorts das Familienbewusstsein nicht mehr. Das Denken in und für Gruppen ist es aber schon. Wir könnten also ergänzen: der eigene Freundeskreis, der Bekanntenkreis, die Nachbarschaft... Aber – und darauf macht die Soziologin Cornelia Koppetsch aufmerksam – das beschränkt sich keineswegs auf die „mittlere Schicht“. Grundsätzlich gibt sie Münkler Recht: Fühlen sich die Angehörigen der Mittelschicht bedroht, reagieren sie mit Selbstabschliessung und Ausschlusstendenzen. Dies ist heute offenkundig der Fall. Aber das geht weiter: Jede Gruppe grenzt sich von einer noch weiter unten angesiedelten Gruppe ab: Die unteren Einkommensschichten reagieren am stärksten mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die mittleren Lagen mit bedingungsloser Anpassung an neue Spielregeln im Beruf und die privilegierten Lagen mit der Selbstabschliessung in teure Wohnbezirke und Bildungsanstalten. [121]
Wie das in der Praxis aussieht? Das zeigt ein Blick in die Presse: Immer weniger Fahrgäste sitzen im Bus, bis schliesslich nur noch minderjährige Asylsuchende an Bord sind. Da beendet der Chauffeur seine Fahrt vorzeitig. Warum er sie nicht bis zur Endstation bringe, fragen die Kinder. Weil sie in der Schweiz keine Rechte hätten, sagt der Fahrer und schimpft: „Geht doch zurück nach Afrika.“ [...] Da gab es den Mitarbeiter einer Badeanstalt, welcher Migranten beim Duschen das warme Wasser abdrehte. [...] Oder einen Türsteher, der keine Flüchtlinge in den Nachtklub liess. Das alles, berichtet die „Sonntagszeitung“, stehe im neuen Jahresbericht des Beratungsnetzes für Rassismusopfer. Im selben Zeitungsartikel auch: Im Raum Bern wehrten sich Eltern vehement dagegen, dass ihre Kinder mit minderjährigen Asylsuchenden in eine Klasse kommen. Schliesslich gab die Schule nach, unterrichtete die beiden „Gruppen“ nur noch getrennt. [122] Da haben wir beide Formen der Abgrenzung beisammen: die grobe, direkte und die gehobenere, feinere Art.
Gruppenegoismus also. Der ist zwar hin und wieder recht löcherig. Sobald man einen Menschen aus einer andern Gruppe näher kennen lernt, wird es in der Regel schwieriger, ihn einfach abzuservieren. Fast jeder, der über Fremde schimpft, weiss auch von einem Nachbarn oder einer Arbeitskollegin zu berichten, der oder die „überhaupt nicht so ist wie die alle sonst sind“. Aber im grossen Ganzen stimmt es schon: Diese Abschliessung hat zur Folge, dass den meisten Menschen andere Menschen und deren Schicksale immer öfter völlig gleichgültig sind.
Das ist ein Umstand, der mich irritiert. Als ich noch als „Wanderprediger in Sachen Dummheit“ unterwegs war, da füllten sich die Kleintheater und Kirchgemeindesäle mit Menschen, die genau über die Geschichten und die Lebensumstände diskriminierter Mitmenschen Bescheid wissen wollten, ebenso darüber, wie diese Umstände zu ändern wären und wie das im vergleichsweise kleinen Fall meiner Schule und später des Märtplatzes konkret aussah. Davon war jetzt, wenn von meiner früheren Tätigkeit gesprochen wurde, nicht einmal mehr ansatzweise die Rede. Auch dies ein Beispiel.
Innerhalb der eigenen Gruppe und in Bezug auf die eigenen Belange aber befleissigt man sich höchster Sensibilität, und da kippt dann Gruppenegoismus unvermittelt in individuelle Selbstbezogenheit. Von Robert Pfaller stammt der schöne Satz: Alles, was unter sieben Matratzen immer noch eine Erbse schmerzlich zu verspüren vermag, wird bekanntlich gern für eine Prinzessin gehalten. Zu ergänzen wäre: Und hält sich vor allem selbst für eine solche. Da ist man in der Gruppe der „unteren Einkommensschichten“ bald einmal beleidigt und geht deshalb in Kampfstellung oder zieht sich schmollend zurück. In den „mittleren Lagen“ entwickeln sich immer mehr ihrer Mitglieder zu „stets kränkungsbereiten Empörungsvirtuos_Inn*en“ (so der brillante österreichische Kulturjournalist Klaus Nüchtern). Pfaller weiter im Text: Bezeichnenderweise treten solche pseudopolitischen Empfindlichkeitsinitiativen [im Hochschulbereich] auch regelmässig zuerst an Kunsthochschulen und kulturwissenschaftlichen Instituten auf (und deutlich weniger leicht etwa an medizinischen und technischen Hochschulen) – also vor allem dort, wo Kultur als Luxus und Distinktionsware (als Möglichkeit der Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen) hergestellt wird. [123] In den wirklich „privilegierten Lagen“ fackelt man meist nicht so lange. Da taucht man der Einfachheit halber gleich mit dem Anwalt auf, wenn’s in der Schule des Sprösslings Schwierigkeiten gibt.
Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen mit der grössten Selbstverständlichkeit in Armut und Aussichtslosigkeit getrieben werden, und in der man zugleich Erwachsene vor Erwachsenensprache warnt. So schreibt Robert Pfaller in seinem Buch „Erwachsenensprache“. Und er meint damit nicht nur die Sprache selber: Man warnt Erwachsene vor Erwachsenensprache, vor bösen Witzen, vor sachhaltiger Argumentation, die als verletzend empfunden werden könnte, vor Dissens ebenso wie vor Tabakkultur, rät ab von Stöckelschuhen oder Röcken und Blusen, empfiehlt geschlechtsneutrale Schlabberkleidung, geschlechtsspezifische Berufstitel, gendergerechte Sprache, entweder dritte Toilettentüren oder die Abschaffung der zweiten, verbietet Parfüms, verächtliche Worte und elementare Gesten wie das Aufhalten von Türen für Nachkommende. [124] Diese Entwicklung sei in den USA schon viel weiter fortgeschritten als in Europa, aber auch hierzulande sei man am Aufholen.
Dies scheint mir das Neue und Auffällige an diesem Phänomen, diesem Symptom der aktuellen Kultur zu sein: die als evident vorausgesetzte Annahme, dass es Erwachsenen nicht zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht von jedem Erwachsenen mehr verlangt werden dürfe.
Und dann erklärt er, warum ihn das derart stört. Meine Wut rührt daher, dass mir dieses Zartgefühl von oben nach unten (denn es sind ja die Autoritäten, die hier zartfühlend auf die Untergebenen einzugehen scheinen) infam vorkommt. Und warum infam? – Nun, weil es in einem auffälligen Gegensatz zu dem steht, was sonst gerade, oder sagen wir, seit gut zwei bis drei Jahrzehnten in dieser Kultur – der Kultur der privilegierten westlichen, kapitalistischen Länder – passiert: der eklatanten Brutalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Hier nehmen scheinbar Leute auf Leute Rücksicht, auf die sie im Übrigen nicht die geringste Rücksicht nehmen. [125] Da lässt sich eine Brücke schlagen zur Politik (auch zur internationalen), wo sich häufig bestbetuchte Populisten und Grossgewinner als Verteidiger der „kleinen Leute“, der „Modernisierungsverlierer“ aufführen.
Auch auf diesem Gebiet läuft ein seltsamer Konformitäts-Wettbewerb, und auch der unter Mittelstands-Angehörigen. Durch die neoliberale Verteilung des Reichtums nach ganz oben ist der Platz in der Mitte knapper geworden. Drum beginnen die Aspiranten, Distinktionskämpfe zu führen, um lästige Mitstreiter auszuschalten. Politisch korrekter Sprachgebrauch ist – ebenso wie Charity, ethical Fashion [Ethical Fashion sei, so Wikipedia, eine Begriffsneuschöpfung, die ein Konzept ethisch und ökologisch korrekter industrieller Kleidungsfertigung bezeichnet], ökologisches Einkaufen und veganes Kochen – vor allem und zuallererst ein Distinktionskapital; eine Waffe, mit deren Hilfe man mehr oder weniger Gleichgestellte wirksam zu Ungleichen machen kann. [126]
War das in den Siebzigerjahren (also vor gut vier Jahrzehnten) anders? Waren da Konformitäts-, Wetbewerbs- und Gruppendenken noch nicht so allgegenwärtig? In Bezug auf die Sexualität war davon bereits die Rede. Aber was genauer war da anders? Handelte es sich damals wirklich um einen grossartigen geistesgeschichtlichen Fortschritt, der inzwischen leider wieder zunichte geworden ist? Um das Gespenst der Freiheit, das jetzt wieder in Ketten schmachtet? Die Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen haben eine ziemlich nüchterne Erklärung: In den 1970er-Jahren wurden die fordistischen Orientierungen, Handlungsformen und Institutionen [...] auf vielfältige Weise hinterfragt, alternative Lebensformen wurden ausprobiert, der Wert von Kooperation und Kommunikation betont. In der Ablehnung des disziplierenden fordistischen Regimes und im Experimentieren mit Alternativen entstanden neue Lebensstile sowie Formen der Flexibilität und Mobilität. Dieses historische Fenster schloss sich jedoch wieder mit der sich durchsetzenden neoliberalen Krisenbearbeitung. [127] – Übrigens: Brand hat Jahrgang 1967. Über Wissens Alter schweigt sich das allwissende Netz aus, da er immer noch an der Universität tätig ist, wird dieses nicht allzu hoch sein.
Fordistisch? Der Politologe Herfried Münkler: In der fordistischen Arbeitswelt, in der Zeit der grossen Fabriken mit standardisierten Produkten, war das Normalarbeitsverhältnis das Mass der Arbeit. Es war auf eine gesellschaftlich allgemein geltende Wochenarbeitszeit angelegt, tendenziell unbefristet, und die Wirksamkeit einer Kündigung konnte vor einem Arbeitsgericht überprüft werden. Ausserdem wurde mit einem Lohn vergütet, von dem man leben konnte. Das Normalarbeitsverhältnis gewährleistete ein hohes Mass an Sicherheit der Lebensplanung. [128] Dies alles geriet in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Schieflage, wirtschaftlich wie politisch. Die „Ölkrisen“ der frühen Siebzigerjahre wären hier zu nennen (ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an die „autofreien Tage“), aber auch die Folgen der „68er“ mit ihren Verwerfungen und ungewohnt neuen Anmutungen. Die Oppositionsbewegungen von Studierenden nahmen im Jahr 1968 weltweiten Charakter an: von Mexiko über Frankreich, die Bundesrepublik bis hinein in ein sozialistisches Land, die Tschechoslowakei. [...] In enger Verbindung mit den Intellektuellenbewegungen standen Oppositionsbewegungen, in denen Menschengruppen, die sich nicht in erster Linie durch ihre sozialökonomische Position definierten, um ihre Rechte kämpften. Die stärkste war die Frauenbewegung, in mehreren Ländern konnten die Bewegungen bisher verfolgter sexueller Minderheiten gesetzliche Regelungen erreichen, die ihre Diskriminierung milderten oder sogar beseitigten. Insbesondere das nukleare Wettrüsten war Thema einer breiten Friedensbewegung... So der deutsche Politikwissenchafter Georg Fülberth. [129] Hier haben wir übrigens endlich einen Altachtundsechziger, einen bekennenden dazu, aber der referiert für uns lediglich Geschichte. Und der Soziologe Heinz Bude, auch er hat diese Zeit miterlebt, macht darauf aufmerksam, dass da auch eine gewisse Gesamtstimmung mitbeteiligt war: Mit einem Mal verliert die Freude an der Stabilität ihren Charme, gewinnt die Bereitschaft zum Aufbruch ihren Reiz. [...] Mit der Studentenbewegung von 1966 bis 1968 breitete sich plötzlich die Stimmung einer politischen Leidenschaft in allen westlichen und manchen östlichen Gesellschaften aus. Der Rückzug auf das Private und Persönliche galt nicht mehr als verständliche Reaktion nach einem Weltkrieg und Völkermord, sondern wurde als ein Wegducken vor Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung und als eine Reduktion der menschlichen Möglichkeiten verdammt. Eine neue Generation erhob das Wort, die das Fehlen jeglichen Begriffs des öffentlichen Glücks beklagte... [130]
So öffnete sich das „historische Fenster“. Aber allmählich bekamen die „Mächtigen dieser Welt“ ihre Welt wieder in den Griff. Und da war die Politik für einmal der Gesellschaft voraus. Heinz Bude: Heute wissen wir, wie schnell diese Stimmung wieder verflog. Im Mai 1974 trat Willy Brandt [...] von seinem Amt zurück. Die 1970er Jahre wurden dann von Politikern ohne Zukunftsversprechen beherrscht. [131] Er zählt auf: Jimmy Carter, Leonid Breschnew, Zhou Enlai, Helmut Schmidt, die Visionäre wurden von den Pragmatikern abgelöst. „Neoliberale Krisenbewältigung“ setzte sich immer mehr durch. Auch sozialdemokratische Politiker machten sich immer häufiger, wenn sie erfolgreich sein wollten, diese Weltsicht zu eigen. Viele der eben ausprobierten alternativen Lebensformen wurden jetzt einfach in die neue allgemeine Geschäftemacherei integriert. Und mit dem Schliessen des „historischen Fensters“ war’s aus mit dem frischen Lüftlein, das jene Jahre durchweht hatte.
Dieser Vorgang war ungefähr in der Mitte der neunziger Jahre beendet. Robert Pfaller findet in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ ein Bild dafür: In der Kultur westlicher Gesellschaften hat etwa Mitte der 90er Jahre etwas stattgefunden, das man [...] als einen Wechsel der „Beleuchtung“ beschreiben möchte. So wie im Theater, wenn noch dieselben, bereits vertrauten Dinge auf der Bühne stehen, aber in einem ganz anderen Licht plötzlich fremd oder bedrohlich wirken, war es mit einem Mal in der Kultur: Objekte und Praktiken wie Alkoholtrinken, Rauchen, Fleisch essen, schwarzer Humor, Sexualität, die bis dahin glamourös, elegant und grossartig lustvoll erschienen, werden seither plötzlich als eklig, gefährlich oder politisch fragwürdig wahrgenommen. [132]
Erst 1972 wurde im Kanton Zürich das Konkubinatsverbot abgeschafft. Bis dahin hatten heiratsunwillige Paare in den benachbarten Kanton Aargau auswandern müssen. Als letzter Schweizer Kanton machte das Wallis 1995 mit dem Verbot Schluss. So gesehen, hat sich vieles auf diesem Gebiet verändert. Und das geht weit über das alte, ziemlich hausbackene Trauscheinproblem hinaus:
Die Freiräume waren noch nie so gross und vielgestaltig. [...] Vor allem Personen, die selbst nach den sexuellen Revolutionen des 20. Jahrhunderts als abnorm, krank, pervers und moralisch verkommen angesehen worden sind, profitieren von dieser Freistellung. Heute ist der Transsexualismus [die Möglichkeit, als Angehöriger eines andern Geschlechts zu leben] ein höchstrichterlich anerkanntes Neogeschlecht, ist die Liebe zum Haustier eine nicht mehr weg zu denkende Neoallianz, ohne die viele Menschen verzweifelten, werden ehemalige Perversionen wie der Fetischismus und der Sadomasochismus nicht mehr grundsätzlich als Krankheiten betrachtet, die einer Behandlung bedürfen, von der Homosexualität ganz zu schweigen. Wurde sie Jahrhunderte lang mit Folter und Mord verfolgt, wird ihr heute das einst heilige Institut der Ehe von Amts wegen geöffnet. So der Sexualwissenchafter (und Altachtundsechziger) Volkmar Sigusch. [133] Er spricht von Deutschland. Unsere Schweizer Verhältnisse sind vergleichbar.
Zwischenbemerkung: Im Bereich der Sexualität kommen zu den in diesem Kapitel angesprochenen gewissermassen „gesellschaftlichen“ Ängsten, die Grund für die beschriebenen Regressionen sind, noch mindestens zwei weitere, spezifische dazu. Da ist einerseits die Angst vor AIDS. Zum andern ist es die Angst davor, man selber oder jemand Nahestehender könnte mit Gewalt dazu gezwungen werden, eine Verletzung seiner persönlichen Integrität zu erleiden.
Aber wenden wir uns der regressiven Seite der beschriebenen fortschrittlichen Entwicklung zu. Es ist nicht ganz unkomisch zu beobachten, schreibt der Philosoph Robert Pfaller in seinem Essay „Wofür es sich zu leben lohnt“, wie sehr die westliche Gegenwartskultur, die sich selbst doch gern als besonders aufgeklärt und postmodern-lustbezogen versteht, seit Beginn der 90er Jahre in eine Tendenz zu Lustfeindlichkeit und Prüderie verfällt: Immer mehr Leute ekeln sich „spontan“ vor Sexualität oder Tabakkultur, wenn nicht gar vor den Eigenheiten ihres Körpers; den meisten Genüssen ist der Zahn gezogen, so dass wir [...] Schlagsahne vorzugsweise ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Sex ohne Körper etc. serviert bekommen; und ganz wie das iranische Fernsehen überträgt auch so manche westliche Anstalt [...] Sportveranstaltungen nur noch mit einigen Sekunden Zeitverzögerung, damit nur ja keine unvorhergesehene Nacktheit auftaucht. [134]
Sobald man diese Entwicklung im Einzelfall betrachtet, verliert sie stark an Komik. Der Sexualwissenchafter Volkmar Sigusch wurde bereits zitiert: Ganz offensichtlich wird Sexualität heute nicht mehr als die grosse Metapher der Lust und des Glücks überschätzt und positiv mystifiziert, sondern negativ als Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit und Aggression diskursiviert. [135]
Der deutsche Rechtswissenschafter und ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer (Jahrgang 1953) zeigt, wie die Presse sich plötzlich wie eine Strafverfolgungsbehörde gebärdet und eigenständig Beweiswürdigungen und Verurteilungen vornimmt: Sexuell motivierte Grenzüberschreitungen jedes Schweregrads werden ausnahmslos dargestellt als Untaten mit der geradezu zwangsläufigen Folge schwerer psychischer „Traumatisierungen“, Folgeschäden und biografischer Brüche. Unklarheiten der Darstellung werden zu Beweisen für deren Richtigkeit umgedeutet: Je schlimmer die Tat, desto weniger genau die Erinnerung, und umgekehrt: Gerade die Unplausibilität der Erinnerung soll das Kennzeichen höchster Plausibilität der Beschuldigung sein. [136] (Nur Geduld: Dass das, was er hier schreibt, keine Verhöhnung der Opfer ist, wird gleich deutlich werden.)
Und anhand der allgegenwärtigen Rede vom „Kindsmissbrauch“ zeigt wiederum Volkmar Sigusch, wie im Zuge dieser Diskursivierung gar nicht mehr hingeschaut, sondern sofort ge-, meist ver-urteilt wird: Zunächst einmal sollte bedacht werden, dass Missbrauch als Wort und Kategorie in jeder Hinsicht ungeeignet ist[, wie übrigens „Kinderschänder“ auch)]. Semantisch [der Bedeutung nach], weil es in unserer Kultur keinen sexuellen „Gebrauch“ von Kindern gibt, der Erwachsenen rituell oder aus andern Gründen gestattet wäre wie in entfernten Gesellschaften. Wissenschaftlich und klinisch, weil mit dieser Pseudokategorie höchst Differentes in einen Topf geworfen wird. Zu unterscheiden wären zum Beispiel: vorzeitige Sexualisierungen ohne körperlichen Kontakt [...]; sexuelle Traumatisierungen durch Familienangehörige oder durch Aussenstehende; sexuelle Traumatisierungen ohne oder mit körperlicher Misshandlung; täppische sexuelle Übergriffe durch organisch hirnkranke ältere Männer oder sexuelle Traumatisierungen durch extrem raffinierte Pädophile [...]; erotische oder sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen oder Männern, die den Heranwachsenden nach deren eigenem Zeugnis im Erwachsenenalter mehr genutzt als geschadet, mehr gegeben als genommen haben; schliesslich Gewalttaten bis hin zum Mord. Alles in allem: Den Missbrauch oder richtiger: die sexuelle Traumatisierung gibt es nicht. [137]
„Öffentliches Erregnis“ ist ein Spiel, das nur Verlierer kennt. Auf der Verliererliste ganz oben steht offensichtlich der oder die einer Missetat Beschuldigte. Robert Pfaller in seinem Buch „Erwachsenensprache“, in dem er gegen die Bevormundung erwachsener Menschen, nicht nur auf sexuellem Gebiet, anschreibt: Die zartfühlenden und stets auf Inklusion [auf das Miteinbeziehen anderer Menschen] bedachten Politiken der Moralisierung des öffentlichen Raumes erweisen sich hier als rücksichtslos exkludierend [ausschliessend] und gewissenlos brutal im Umgang mit denjenigen, denen sie Verletzung von Empfindlichkeit vorwerfen: Sie machen sie ohne Umstände, sozusagen standrechtlich, zu Unpersonen.
Aber darüber hinaus verliert die Öffentlichkeit als Ganzes. Pfaller: Der Schaden, der dadurch entsteht ist enorm. Er betrifft nicht allein die zum Schweigen und Verschwinden Gebrachten, sondern auch die Öffentlichkeit als ganze, einschliesslich der Verletzten oder Beleidigten. Wenn der Empfindung von Verletzung oder Beleidigung Priorität eingeräumt wird über jegliche objektive Klärung des Sachverhaltes, dann geht der gesamte Raum einer Gesellschaft verloren, innerhalb dessen Menschen für schuldig erklärt werden können, ohne damit zugleich in ihrer symbolischen Existenz ausgelöscht zu werden. Es gibt dann auch keine Verfahren der Busse oder Wiedergutmachung, Rehabilitation und Wiedereingliederung in die Gesellschaft. [138]
Die US-amerikanische Medienprofessorin Laura Kipnis pflichtet ihm bei. Ihr Hintergrund: die in den letzten Jahren laufende Kampagne zur „sexuellen Sauberkeit“ an amerikanischen Universitäten. Das intergenerationelle Verlangen war schon immer Anlass für gegenseitige Faszination. [... Einige dieser Professoren handeln gut, einige sind Idioten, und es würde den Schülern helfen, diese rechtzeitig zu erkennen, denn das Leben nach der Schule ist voll von ihnen. Aber statt Hilfe würden Vorschriften gebastelt und auf dieser Basis Verurteilungen vorgenommen. Die neuen Codes, die den amerikanischen Campus durchziehen, sind nicht nur eine einschneidende Kürzung der Freiheit aller, sie sind auch intellektuell peinlich. Es herrscht sexuelle Paranoia. Studenten sind Trauma-Fälle, die darauf warten, dass etwas Traumatisches passiert. Wenn man befriedete, gebückte Bürger produzieren will, dann ist das die Methode. Und in diesem Sinn sind wir alle Opfer. [139]
Verlierer sind aber nicht zuletzt auch die Opfer selber. Darauf hatten schon die von Killias zitierten Fachleute aufmerksam gemacht. [140] Auch Volkmar Sigusch beschreibt aus der heutigen Praxis: Erwachsenen ausgeliefert zu sein, die sexualisieren und misshandeln, ist für Kinder die Hölle. In die Fallstricke des Missbrauchsdiskurses zu geraten, ist für die Verdächtigten und für die durch Verhöre zusätzlich verstörten Kinder eine Vorhölle, insbesondere wenn es um Familienangehörige geht. Manfrau muss in der Praxis erlebt haben, wie Kinder mit diskursivem Geifer blindwütig von ihren Eltern getrennt, Ehen zerstört und Familien aufgelöst wurden, behördlich angeordnet, gutachterlich abgesegnet, beraterisch angezettelt, als gäbe es keine Unschuldsvermutung, als sei ein Eltern-Kind-Verhältnis eine Nebensächlichkeit und nicht das Wichtigste von der kindlichen Welt. [141]
Und in der Welt der Erwachsenen? Thomas Fischer: In der heute üblichen Pathologisierung [im Krankreden] der (behaupteten, wirklichen und potenziellen) Opfer wird Erniedrigung wiederholt oder schon vorweggenommen: Es ist unangemessen, erwachsene Menschen wie Kinder zu behandeln, für die es keinen Ausweg, keine Vertrauenspersonen, keinen Ansprechpartner gibt. Nicht jedes Opfer von sexuell motivierten Bedrängnissen wird psychisch krank oder ist „schwer traumatisiert“, hat „Martyrien“ und Leiden hinter sich, die sich von allen anderen Erlebnissen des Lebens qualitativ unterscheiden. Die populäre „Opfer“-Perspektive enthält Elemente einer sekundären Opfer-Erniedrigung. Die Pathologisierung des Erlebens und die Umdeutung von unklaren oder ambivalenten Motiven eigenen Handelns in irrationale Krankheits-Anzeichen sind Beispiele dafür. [142]
Und Robert Pfaller: Auf den ersten Blick mag es ja als rücksichtsvoll erscheinen, auf die Gefühle der gefühlten Opfer einzugehen und diese zum Kriterium zu erheben. [...] Andererseits wird darin, auf den zweiten Blick, auch eine tiefe Verachtung für die derart vermeintlich rücksichtsvoll Behandelten deutlich. Wenn das Kriterium eines Sachverhalts darin besteht, wie eine Person ihn empfindet, dann ist diese Person nämlich keine Person mehr (ebenso wenig wie der Sachverhalt ein Sachverhalt). [...] Wenn [...] angenommen wird, dass jemand [...] nur von seiner Empfindung wie von einer unhintergehbaren Macht beherrscht wird, dann wird diese Person durch diese Annahme entmündigt, entsubjektiviert [nicht mehr als eigenständiges Wesen wahrgenommen], und zu einer blossen Befindlichkeits-, Beleidigungs- und Verletzlichkeitsmaschine herabgestuft. Nur bei Entmündigten zählt nichts als deren Empfindung. [143]
In einer Wiener Boulevardzeitung las ich, der Dirigent James Levine habe einen Fünfzehnjährigen 30 Jahre lang missbraucht. Blieb der arme Kerl dreissig Jahre lang ein Fünfzehnjähriger? Oder wurde er vielleicht doch, wie üblich, jedes Jahr um ein Jahr älter und schliesslich erwachsen? Und konnte er nicht als erwachsener Mensch selber entscheiden, ob er eine Beziehung fortsetzen oder abbrechen will? Die Erklärung steht sofort bereit: Da waren eben Abhängigkeit und Angst im Spiel. Also doch ein ewig Fünfzehnjähriger? Die Hauptsache ist sowieso, dass man sich über den Dirigenten aufregen kann. So schaut sie in ihrer plattesten Form aus, die nachträgliche Entmündigung der Opfer. So werden sie gleich noch einmal benützt, diesmal als Vehikel des „öffentlichen Erregnisses“. Und kaum jemand interessiert sich in diesem Öffentlichkeitsspiel für sie als Person.
Markus Zanggers Verlegerin sagte in einem Interview einen verräterischen Satz. Als sie sich darüber beklagte, dass das Buch „Jürg Jegges dunkle Seite“ sich nicht so gut verkaufe, wie sie gehofft hatte, meinte sie: Das Opfer ist männlich und fast 60. Ich habe das Gefühl, dass das Buch einer jungen Frau auf mehr Interesse gestossen wäre. [144] Das ist schon blöd. Da hat man einen Erfolg versprechenden Trend und dann dazu das falsche Opfer.
Und als ob dies nicht schon genug der Relativität wäre, gilt: Sexualität ist ein Haustier der Zeit. Sie ist von dieser abhängig, passt sich ihr an und wandelt sich mit ihr.
Sexualität ist ein Produkt der Kultur. So wie sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht auf die Biologie reduzieren lassen, sondern auch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen umfassen, die verschiedene Kulturen mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbinden, ist Sexualität keine natürliche, biologische und allgemeingültige Erfahrung. Verschiedene Kulturen und Epochen haben erotische Lust und Risiken auf jeweils ganz eigene Weise verstanden.
So die Soziologin Véronique Mottier in ihrem kleinen, aber sehr informativen Büchlein „Sexualität. Eine sehr kurze Einführung.“ In einem grossen Bogen wird hier die Einstellung der Menschen zu ihrer Sexualität von der Antike bis zur Jetztzeit gespannt:
Die Sexualität wird immer durch gesellschaftliche und politische Kräfte geprägt und hängt immer mit den Machtverhältnissen zwischen Klassen, Ethnien und vor allem den Geschlechtern zusammen. [145]
Natürlich waren auch in den Siebzigerjahren längst nicht alle Menschen, die sich als fortschrittlich verstanden, so offen, wie unser Autor das vormacht. Oft genug war es mit der Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen, nicht besonders weit her. Sexuell Verklemmte gab es ebenfalls genug, auch aus lauter Verklemmtheit Überaktive. „Hinterfragen“ lief bei vielen in eine schon vorher feststehende Richtung, gerade was die Politik und deren grosse Zusammenhänge betraf. Vorurteile bestanden häufig einfach in seitenverkehrter Ausführung. Und Solidarität ist zu allen Zeiten in erster Linie eine Frage des Charakters. Der Fortschritt manifestierte sich also in einem ziemlich zusammengewürfelten, uneinheitlichen Haufen verschieden gearteter Individualisten. Zumindest verstanden sie sich als solche. Einig war man sich vor allem in der Ablehnung der vorhergegangenen „bleiernen Fünfzigerjahre“ und deren Missgeist.
Dazu kommt: Die Gruppe derer, die eine gerechtere, für alle lebenswertere Welt wollen, hat sich seit jeher in der Minderheit befunden. Sonst sähe die Welt ja anders aus. Das war auch in den Siebzigern so. Zudem fand sich diese Gruppe einem zunehmend mächtigeren Konservatismus gegenüber, der offensichtlich nach dem ersten Schock über die unbotmässigen „Achtundsechziger“ wieder Tritt fasste. Die „Revolution“ wütete zwar vor allem in Deutschland und Frankreich. Aber ein Übergreifen auf die Schweiz wurde auch befürchtet – oder diese Befürchtung zumindest „warm gehalten“. Zwar gab es hierzulande relativ wenig alte Nazis, denen die junge Generation unangenehme Fragen stellen konnte, aber genügend Kriegsprofiteure, die auch ganz froh waren, keine beantworten zu müssen. Nicht zu reden von der Frage, wie man denn damals mit den Flüchtlingen umgegangen sei. Auch der kalte Krieg spielte da eine grosse Rolle. Man wartete zwischen dem „Zivilverteidigungsbuch“ Ende der Sechziger- und dem Aufbau der militärischen Geheimorganisation P 29 Anfang der Achtzigerjahre eigentlich immer auf den Ernstfall. Und der Ernstfall war die unmittelbare Bedrohung durch den Weltkommunismus. So ergab sich eine doppelgesichtige Schweiz. Man gab sich weltoffen, beherbergte das Rote Kreuz nebst verschiedensten andern internationalen Organisationen, aber mauerte im Innern. Das alles focht die „fortschrittliche“ Minderheit nicht weiter an, im Gegenteil: Man gehörte zu denen, die den Durchblick hatten, zu den VorkämpferInnen (ja, mit Binnen-I) für eine bessere Welt. Man setzte sich für bisher Unterlegene ein, für Randgruppen. Diese Bewegung, denke ich, spülte auch mein Buch „Dummheit ist lernbar“ in die Bestsellerlisten. Natürlich änderte sich dadurch noch nichts, aber solche Bücher konnten Menschen bestärken, die schon „auf dem Weg“ waren. Vor allem die Frauenbewegung erstarkte in der Schweiz. Und da in einer funktionierenden Demokratie sich Mehrheiten entlang der Sachthemen bilden (und im Idealfall nicht in erster Linie Abbild parteipolitischer Machtverhältnisse sind), gelang hin und wieder auch ein politischer Erfolg. So in der Schweiz die endliche Einführung des Frauenstimmrechts (1971) oder in Österreich die Nichtinbetriebnahme des fertig gestellten Atomkraftwerks Zwentendorf (1978).
Was hat das alles mit Sexualität zu tun? Auch die zeigte ein Doppelgesicht. In den „bleiernen Fünfzigerjahren“ hatte die Reklame für eine Schönheitscreme in der Schweiz noch so geklungen:
Ich bin der Kater Moro.
Ich pflege mich mit Speuz [Speichel].
Meine Herrin, die braucht Voro.
Die ist so schön, mich freut’s.
Nun verlagerte sich die Aufmerksamkeit zunehmend vom Kater auf die Herrin. An immer mehr Orten durfte die sich räkeln, in Polstermöbeln, auf Automotorhauben – Ausdruck einer immer stärkeren Kommerzialisierung, aber auch Liberalisierung der Sexualität. Gleichzeitig blieben die traditionellen „inneren Strukturen“ der meisten Zeitgenossen verhärtet. Im Gegenteil, es ergab sich eher der Eindruck, dass die sich bei vielen unter dem Eindruck der „verrückten Jungen“ und dem, was die so trieben, noch mehr verhärteten. So zeigten sich schon damals deutliche Spuren dessen, was Oliver Nachtwey später als „regressive Moderne“ beschreiben sollte.
Ich erinnere mich an den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim. Der wurde 1972 oder 1973 spätabends am Fernsehen gezeigt, mit anschliessender, hitziger Publikumsdiskussion. Diese Diskussion wurde am nächsten Tag auch hierzulande weitergeführt, auch an den Stammtischen von Embrach. Es erstaunte mich, wie offenbar männiglich wach geblieben war, um den Film zu sehen und mitreden zu können – und wie man jetzt die Diskussion weiter führte. Noch auffälliger war, wie man sich dabei vor allem gegenseitig bestätigte, wie ganz unglaublich heterosexuell man selbst sei. „Ich hielt es nicht mehr aus, da zuzusehen, ich musste einfach ein Bier aus dem Kühlschrank holen.“ Aber man hatte zu später Stunde den Film mitverfolgt.
Eigentlich zeigte auf dem Gebiet der Sexualität der Zeitgeist eher ein Dreier- als ein Doppelgesicht. Denn neben dieser seltsamen Mischung aus Liberalität und Kommerz einerseits und konservativer Verstocktheit andererseits formte sich eine Bewegung aus dem Geist, wie er aus Bornemans Buch spricht. Da wurden Kinderläden gegründet, Alternativschulen. Die Frauenbewegung erstarkte merklich. Gruppen von Lesben und Schwulen bildeten sich und begannen, um Anerkennung zu kämpfen, was ihnen zunehmend auch gelang. Die internationalen Protestbewegungen in den Jahren zuvor waren durch die Verfolgung politischer Interessen und Zielsetzungen konditioniert, erklärt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, einer der besten Kenner des Aufbruchs jener Jahre. Die 68er wollten das zwar auch, sie strebten aber darüber hinaus danach, ihre eigene Subjektivität zu verändern. Sie versuchten, ihre Bedürfnisse, Triebstrukturen und ihr Gemeinschaftsverhalten zu revolutionieren – um so die Voraussetzung für eine andere, freiere Gesellschaft zu schaffen. [146] Insgesamt war die ganze Bewegung in den Jahren nach „Achtundsechzig“ ein wesentlicher Antrieb für die gesellschaftliche Liberalisierung jener Jahre. Und damit wurde sie später nahtlos in die „horizontale Ebene“ der von Nachtwey beschriebenen „regressiven Moderne“ integriert. Das Dreiergesicht wurde wieder zum (auf einer Seite schönheitschirurgisch merkbar aufgefrischten) Doppelgesicht.
Und ich? Ich war fasziniert von all diesen neuen Gedanken. Ich las viel und mit Begeisterung, fühlte mich solidarisch mit denen, die diese andere, freiere Gesellschaft anstrebten. Vieles war mir vertraut, vor allem was pädagogische Fragen betraf. Aber auch da lernte ich dazu. So wurde mir immer klarer, dass auch die Schule eine politische Seite aufwies, wie viele andere meiner Lebensbereiche. Mit der grossen, der Weltpolitik hatte ich es nicht so. Vieles an der „internationalen Solidarität“ meiner Genossen kam mir reichlich überkandidelt vor. Ich erinnere mich an eine „Siegesfeier für Vietnam“, an der ein Transparent entrollt wurde: „Befreien wir nun auch Angola“. Und das in Basel. Aber dass zum Beispiel zwischen sexueller und politischer Unterdrückung ein deutlicher Zusammenhang besteht, war eine Erkenntnis, die in jenen Jahren wieder ins Blickfeld rückte und die mir sehr einleuchtete. Wilhelm Reich hatte Jahre zuvor als einer der ersten darauf aufmerksam gemacht: Mit der Einschränkung und Unterdrückung der Geschlechtlichkeit verändert das menschliche Fühlen seine Art, es entsteht die sexualverneinende Religion und allmählich baut die herrschende Klasse eine eigene sexualpolitische Organisation auf, die Kirche mit all ihren Vorläufern, die nichts anderes als die Ausrottung der sexuellen Lust der Menschen und mithin des geringeren Glücks auf Erden zum Ziele hat. [147] Das galt nicht nur für die Religion.
Und schliesslich wurde es mir zum Anliegen, das ganze „Problem der Sexualität“ etwas zu entkrampfen, zumindest etwas dazu beizutragen. Ich hatte ja, wie später weitaus die meisten meiner Schüler, eine recht leibfeindliche Erziehung genossen.
Über die einer solchen Erziehung zugrunde liegende christliche Sexualmoral schrieb der britische Philosoph Bertrand Russell mit freundlichem Spott: Die Geistlichen sind der Ansicht, dass die menschliche Rasse, hätten unsere ersten Vorfahren den Apfel nicht gegessen, durch irgendeine harmlose Art von Vegetation immer wieder ergänzt worden wäre [...]. Der göttliche Plan in dieser Hinsicht ist gewiss geheimnisvoll. Man kann ihn natürlich, wie es die erwähnten Geistlichen tun, als Strafe für die Sünde betrachten, aber das dumme daran ist, dass es vielleicht für die netten Leute eine Strafe sein mag, die andern aber leider die Sache ganz angenehm finden. Es hat daher den Anschein, als habe die Strafe die Falschen getroffen. [148] Seine Aufsätze wurden in seinem Sammelband „Warum ich kein Christ bin – über Religion, Moral und Humanität“ wieder verlegt. Der Band war schon 1963 herausgekommen, 1968 als Taschenbuch nahm man ihn begeistert auf. Die Zeit dafür war reif geworden. Auch für mich.
Würde ich heute meine damaligen Taten unterlassen? Ich halte sie heute, wie beschrieben, für grundfalsch. Wenn ich damals über mein heutiges Wissen, meine heutigen Erfahrungen verfügt hätte, wäre das alles unterblieben. Wenn ich mir aber heute meinen damaligen Wissensstand, meinen damaligen pädagogischen Furor, meine damalige Begeisterung für den „neuen Menschen“ vorstelle, wenn ich ausser Acht lasse, dass ich seither um einiges gelassener und möglicherweise auch klüger geworden bin und sich die Welt um mich herum ebenfalls verändert hat, in der eben beschriebenen Weise – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in diesem Fall ähnlich handeln würde. Was mich aber nicht davon abhalten soll, gerade an dieser Stelle nochmals zu betonen: Wem immer ich mit meinem damaligen Handeln Schaden zugefügt habe, den bitte ich aufrichtig um Verzeihung.
Was die Sexualität betrifft, lässt sich der Zeitgeist der Gegenwart auf einen Punkt bringen: Über ein vielschichtig vermintes Gelände pfeift der kalte Wind der regressiven Moderne.
Gotthilf Gerhard Hiller beschreibt in seiner in diesem Buch abgedruckten Einordnung dieses verminte Gelände. Schicht um Schicht legt er den Sprengstoff frei, der da unten zum Teil schon seit ein paar Jahrhunderten explosionsbereit liegt. Seit langer Zeit sind Menschen mit weniger üblichem Sexualverhalten der Diskriminierung ausgesetzt, stehen Menschen aus so genannt „unteren“ Milieus solchen Problemen hilfloser gegenüber (oder haben zumindest weniger Möglichkeiten, sich zu orientieren), ändert sich die Einstellung der Öffentlichkeit zu sexuellen Fragen mit dem Geist der Zeit, ist diese Einstellung nicht zuletzt auch von politischen (oft genug auch von religiösen) Interessen beeinflusst, spielen bei der Einstellung des einzelnen Menschen immer auch dessen eigene („biografische“) Erfahrungen eine prägende Rolle.
Dies alles wird gegenwärtig noch verschärft durch die Auswirkungen der grassierenden fortschrittlichen Rückständigkeit. Alles in allem ein kontaminierter Boden, dessen Unwirtlichkeit noch gesteigert wird durch den gerade stattfindenden neo-regressiven Klimawandel – nicht eben gute Bedingungen für das Gedeihen des zarten Pflänzchens der sexuellen Zuneigung gleich welcher Art.
Die beiden Ebenen („vermintes Gelände“ und „regressive Moderne“) greifen ineinander. Um das an meinem Beispiel durchzubuchstabieren: Nehmen wir das „Enthüllungsbuch“ „Ist Dummheit lernbar?“ Aus deren ganzen aufdeckerischen Aufgeregtheit gehe ich hervor als lebenslanger Lustmolch, angeberisch, überheblich und ein treuer Vasall des damaligen marxistischen Missgeistes. Das scheint mir der gegenwärtigen Regression und deren Druck zur Konformität geschuldet. Nebenbei gewinnt man den Eindruck, einem kleinen internen Wettbewerb der Autorenschaft zuzuschauen: Wer findet noch einen weiteren Hinweis auf Unwissenschaftlichkeit oder auf Miss-Handlungen? (Ein Wettbewerb, der irgendwie folgerichtig im Gurkenglas endet.) Dann die tiefere, die „verminte“ Ebene: Uralte Vorurteile und Verdikte („Pädophilie“), gesellschaftliche Urteile (von meiner angeblichen „Verachtung gegenüber Unterschichtseltern“ ist die Rede), unausgesprochene politische Stellungnahmen (später Kampf gegen die „Achtundsechziger“ und deren verbliebene Ideen, die gegenwärtige Grosswetterlage als Rückenwind), und das alles legt nahe, dass bei manchen Schreibenden eigene biografische Erfahrungen (und wohl auch Animositäten) eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten.
Ein weiteres Beispiel: die Fernsehsendung „Das System Jegge“. Da wird aus einer lebendigen, vielfältigen Institution ein „System“ gezimmert und dieses anschliessend als ein solches entlarvt. Auf der „verminten Ebene“ finden sich auch hier alte Verdikte und vorschnelle Urteile. So wird eines der Opfer in einer regelrechten Katakombe abgefilmt, als hätte ich ihn dort eingesperrt (eine Anspielung auf Österreichs „Fall Fritzl“?), im Vorspann für 3sat wird auf Pädophilie angespielt, und zwar als Missbrauch von Kindergärtlern. Gesellschaftliche Urteile finden sich zuhauf in der Vorführung des selbst entdeckten vermeintlichen weiteren Missbrauchsopfers, politische Stellungnahmen findet man etwa in der Frage der Steuergeld-Verschwendung oder in den Auslassungen der beiden Stiftungsrats-Mitglieder zur Mitbestimmung. Und biographische Erfahrungen dürften sich vor allem darin zeigen, dass sich die Filmschaffenden (einschliesslich der Redaktion und der Ombudsstelle, wie die Behandlung der Beschwerde zeigt) menschliche Beziehungen offenbar nur als Abhängigkeitsverhältnisse vorstellen können. Der publizistische Begleitdonner für diese Sendung durch die Printmedien wird als Ausdruck der regressiven Moderne verstehbar: Konkurrenzdruck, Wettbewerb, Konformitätszwang, ankenbenzische Rechtschaffenheit, die keinen Zweifel kennt und keine Frage zulässt (– was übrigens auch für die Fernsehbeiträge gilt).
Und doch, scheint mir, darf bei aller Unwirtlichkeit nicht untergehen, dass wir uns hier eigentlich in einer schönen Landschaft befinden. Dass Sexualität nicht bloss eine Angelegenheit unsäglicher Pein ist. Dass in ihr, wie Katharina Rutschky einmal geschrieben hat, grundlegende menschliche Ausdrucks- und Glücksmöglichkeiten stecken, die nur Individuen realisieren oder „versäumen“ können. [149]
Grenzverschiebungen sind meist die Folge von Landgewinnen auf der einen und Gebietsverlusten auf der andern Seite. Eine solche Landvermessung sei hier zum Abschluss gewagt. Die Koordinaten für diese Vermessung besorgen wir uns beim Sozialpsychologen und Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 – 1980).
Der beschäftigte sich ganz grundsätzlich mit dem Spannungsfeld zwischen „Biophilie“, der Liebe zum Leben, zum Lebendigen und der „Nekrophilie“, der Faszination vom Toten. Letztere trete auf als Destruktivität in allen möglichen Schweregraden. Für unsere Zwecke wird es genügen, von „Lebensfeindlichkeit“ als einer vergleichsweise milden Form der Todesliebe zu sprechen. Aber es ist hilfreich, die ursprüngliche Ausrichtung all der verschiedenen Arten von Aggression im Auge zu behalten. (Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf sein Buch „Die Seele des Menschen“. Er hat später seinen Ansatz noch weiter ausformuliert, wissenschaftlich in „Anatomie der menschlichen Destruktivität“, eher predigend in „Haben oder Sein“.
Betrachtet man das, was in den beiden vorhergehenden Kapiteln über die „regressive Moderne“ geschrieben wurde, von dieser Warte aus, so lässt sich formulieren: Trotz aller unbestreitbarer Fortschritte hat in den letzten Jahrzehnten zugleich eine allgemeine Lebensfeindlichkeit an Terrain gewonnen. Grund dafür dürfte sein, ... dass die Menschen – wenn auch meist unbewusst – in ihrem persönlichen Leben von einer tiefen Angst erfüllt sind. Der ständige Kampf um den Aufstieg auf der sozialen Leiter und die ständige Furcht zu versagen, erzeugen einen permanenten Zustand von Angst und Stress. [150] So Erich Fromm. Das könnte genau so gut von Nachtwey sein.
Fromm beschrieb diese Seelenzustände damals, 1964, hauptsächlich als Folge einer immer perfekteren Industrialisierung: Unsere Einstellung zum Leben wird immer mechanischer. Unser Hauptziel ist es, Dinge zu produzieren, und im Zug dieser Vergötzung der Dinge verwandeln wir uns selbst in Gebrauchsgüter. Die Menschen werden wie Nummern behandelt. Es geht nicht darum, ob sie gut behandelt und ernährt werden (auch Dinge kann man gut behandeln); es geht darum, ob Menschen Dinge oder lebendige Wesen sind. Die Menschen finden mehr Gefallen an mechanischen Apparaten als an lebendigen Wesen. Die Begegnung mit andern Menschen erfolgt auf einer intellektuell-abstrakten Ebene. Man interessiert sich für sie als Objekte, für die ihnen gemeinsamen Eigenschaften, für die statistischen Gesetze des Massenverhaltens, aber nicht für lebendige Einzelwesen. All dies geht Hand in Hand mit einer ständig zunehmenden Bürokratisierung. [...] Aber der Mensch ist nicht zum Ding geschaffen; er geht zugrunde, wenn er zum Ding wird, und bevor es dazu kommt, gerät er in Verzweiflung und möchte das Leben abtöten. [151]
Fromm beschreibt hier den gleichen Konformismus, den auch Nachtwey und seine Mitdenkenden fünfzig Jahre später als eine wichtige Facette der Regression herausstellen (wir erinnern uns: Konformismus, Wettbewerbsdenken, (Gruppen-) Egoismus). Was er als Auswirkung der Industrialisierung sieht, hat später durch die Digitalisierung und deren stete Weiterentwicklung noch zusätzlichen Schub erhalten.
Ganz ähnlich ist das der Fall beim Phänomen des Gruppenegoismus (bei Fromm „Gruppennarzissmus“), das er, wie zuvor den individuellen Narzissmus, ganz unverhohlen als Krankheit diagnostiziert. Trotzdem wird vor allem dessen gesellschaftliche Seite deutlich:
Alle [...] guten Lehren werden nur wirksam werden, wenn wesentliche gesellschaftliche, ökonomische und politische Bedingungen sich ändern; wenn sich der bürokratische Industrialismus in einen humanistischen [...] Industrialismus verwandelt; wenn die Zentralisierung zur Dezentralisierung wird; wenn aus dem Organisationsmenschen ein verantwortungsbewusster und aktiv mitarbeitender Bürger wird; wenn sich die nationalen Hoheitsrechte der Souveränität der menschlichen Rasse und ihrer Organe unterordnen; wenn die Nationen, die „alles haben“, sich bemühen, mit den „Habenichtsen“ unter den Völkern gemeinsam deren Wirtschaftssysteme aufzubauen, wenn es zu einer universalen Abrüstung kommt und die vorhandenen Rohstoffquellen für konstruktive Aufgaben zur Verfügung stehen. [...] Wirklich menschlich kann der Mensch nur in einer Atmosphäre sein, in der er hoffen kann, dass er und seine Kinder das kommende Jahr und noch viele Jahre darüber hinaus erleben. [152]
Auffallend ist, dass in Fromms Beschreibung eine von Nachtwey beschriebene Facette der Regression fehlt: das allgemeine Überhandnehmen des Wettbewerbsdenkens. Im ganzen über 500seitigen Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ kommen die Stichworte „Wettbewerb“ oder „Konkurrenz“ nicht einmal vor. Dieses Denken war zur Entstehungszeit seines Buchs in den frühen Sechzigerjahren noch lange nicht so allgegenwärtig wie heute. Da machte sich der Jaguar E-Type erst daran, den Kater Moro zu überholen. Wettbewerb ist ja meist nichts anderes als Konformismus x Leistungsdruck x Narzissmus. Und was das mit der „Seele des Menschen“ macht, hat Fromm sehr wohl beschrieben:
Für diesen Marketing-Charakter verwandelt sich alles in Konsum-Ware – nicht nur die Dinge, sondern auch der Mensch selbst, seine physische Energie, seine Fertigkeiten, sein Wissen, seine Meinungen, seine Gefühle, ja sogar sein Lächeln. Dieser Charaktertyp ist historisch gesehen eine neue Erscheinung, denn er ist das Produkt eines voll entwickelten Kapitalismus, in dessen Mittelpunkt der Markt steht – der Gebrauchgütermarkt, der Dienstleistungsmarkt und der Personalmarkt – und dessen Prinzip ist es, durch günstigen Tauschhandel einen möglichst hohen Profit zu erzielen. [153]
Dieser ganzen Lebensfeindlichkeit setzte Fromm die „Biophilie“ entgegen:
Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppen handelt. Der biophile Mensch baut lieber etwas Neues auf, als dass er das Alte bewahrt. Er will mehr sein, statt mehr zu haben. Er besitzt die Fähigkeit, sich zu wundern, und er erlebt lieber etwas Neues, als dass er das Alte bestätigt findet. Das Abenteuer zu leben ist ihm lieber als Sicherheit. Er hat mehr das Ganze im Auge als nur die Teile, mehr Strukturen als Summierungen. Er möchte formen und durch Liebe, Vernunft und Beispiel seinen Einfluss geltend machen – nicht durch Gewalt und dadurch, dass er die Dinge auseinanderreisst, nicht dadurch, dass er auf bürokratische Weise die Menschen behandelt, als ob es sich um tote Gegenstände handelte. Da er Freude am Leben hat, ist er kein leidenschaftlicher Konsument von frisch verpackten „Sensationen“. [154]
Die Grenze zwischen Liebe zum Leben und Lebensfeindlichkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich zugunsten letzterer verschoben. Dies wurde in diesem Buch anhand des Lebensbereichs Sexualität ausführlich, anhand von Schule und Ausbildung etwas weniger ausführlich durchbuchstabiert. Die Reihe liesse sich fortsetzen mit Beispielen aus andern Lebensbereichen: dem Druck in der Arbeitswelt etwa, dem Freizeitstress, der industriell produzierten und vermarkteten Nahrung...
Doch zurück zum Tabubruch. Noch einmal eine These Hartmut Krafts:
Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen Entwicklung. [155]
Eine Entwicklung zu weniger Lebensfeindlichkeit hin wäre bestimmt für Unzählige hilfreich. Die beste Voraussetzung dafür ist eine offene, unvoreingenommene Diskussion, fernab öffentlicher Erregtheit. Auch auf dem Gebiet der Sexualität. Dazu möchte dieses Buch eines Täters etwas beitragen.
Anhang
Der Anhangsteil meines Buches ist recht ausführlich geraten. Das hat seinen Grund. Niemand soll bei dem, was ich darin beschreibe, sagen können: „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.“ Denn dieser Zusammenhang ist ja gerade das Wichtige.
Den Anfang macht mein damaliger Brief an Markus Zangger, den er auch in seinem Buch abdruckt. Die beiden letzten Anhänge (Nr. 9 und 10) sind Originalbeiträge. Ich bringe sie hier, weil ich dem Haupttext nicht noch eine zusätzliche Verästelung beifügen wollte. Sie sind mir aber nicht weniger wichtig.
Anhang 1: Brief an Markus Zangger [156]
Lieber Markus
Ich finde es toll von Dir, dass Du bereit bist, Dir anzusehen, wie sich unsere gemeinsame Geschichte von meiner Warte aus darstellt. Aber vorweg: Bei unserem Telefongespräch hast Du gesagt, dass es Dir heute gut gehe. Sollte aber unsere Geschichte Dich früher belastet haben, bleibt mir nur, mich ganz aufrichtig und herzlich bei Dir zu entschuldigen. Denn das ist das Allerletzte, was ich damals wollte: Dir (und den andern) schaden.
Was ich wollte: Mich haben schon immer die Entwicklungsmöglichkeiten fasziniert, die in einem Menschen stecken. Und wie diese Möglichkeiten dann zur Wirklichkeit werden können, wenn nur sein Umfeld liebevoll, unterstützend und inspirierend genug ist. Dieses Umfeld versuchte ich zu organisieren, mit recht viel Einsatz. Das hast Du ja miterlebt. Es ging also um eine Befreiung der Seelen und der Köpfe von den Zwängen, die sie bis jetzt in Schach gehalten hatten.
Und diese Befreiung wäre eher zu erreichen, wenn sie einherginge mit einer Befreiung des Körpers und seiner Sexualität. So wurde das zumindest in einem recht grossen und lebendigen Teil des politisch rot-grünen Spektrums diskutiert und ausprobiert. Die Gedanken waren schon älter. Aber in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden sie wieder aktuell. (Du erinnerst Dich sicher, dass das eine Zeit des Aufbruchs war, man denke nur ans AJZ, wo Du als einer der wenigen aus dem Embrachertal engagiert warst.) Es gab Diskussionen, Zeitungsartikel, Bücher. Es überzeugte mich. Der Tabubruch als Mittel der Befreiung. Das war mir nur schon von der Schulpädagogik her vertraut. Und dass da die Befreiung des Körpers mit dazugehörte, leuchtete mir nur schon deshalb ein, weil ich selber seinerzeit ja ebenfalls eine körperfeindliche Erziehung genossen hatte. Das sollte Euch nicht mehr passieren. Zumindest schien mir das etwas für die älteren Schüler zu sein. Die jüngeren würde man nur mit einem Problem konfrontieren, das sie noch kaum haben.
Ging es mir dabei nicht hauptsächlich um mich selber? Sicher auch, aber nicht ausschliesslich. Jeder Mensch, der mit einem andern Menschen zärtlich ist, befriedigt damit auch eigene Zärtlichkeitsbedürfnisse. Was wäre das denn sonst für eine seltsame Zärtlichkeit. Falsch wird es erst, wenn dabei nur noch einer profitiert. So dachte ich damals. Und da war ich keineswegs allein. Es gab namhafte Psychiater und Psychologen, die bestätigten, dass bei solch gemeinsamen Tabubrüchen die Jugendlichen in keiner Weise psychisch geschädigt würden, wenn sie wirklich gemeinsam seien. Ich erwähne nur Reinhart Lempp, der als Jugendpsychiater viele wichtige Bücher veröffentlichte, u.a. auch das kleine Bändchen „Kinder für Anfänger“.
Was aber sehr wohl solche Schädigungen zur Folge haben könne, sei der Machtmissbrach: wenn einer seine Macht einsetze, um zu seiner Befriedigung zu kommen. Aber über den machte ich mir keine grossen Gedanken. Ich erlebte damals ja fast täglich, dass man mir vorwarf, meine Macht als Lehrer zu wenig einzusetzen. So also dachte ich damals.
Seither sind sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen sehr viel stärker kriminalisiert worden. Ich würde so etwas heute auch deshalb nicht mehr unternehmen, weil allein schon durch die allgemeine Ablehnung die jungen Menschen in eine fürchterliche Zwickmühle kämen. Und das wäre im höchsten Masse kontraproduktiv. Es wäre das genaue Gegenteil von dem, was ich damals erreichen wollte. Auch fände sich heute sicher kein Psychiater, welcher der Ansicht wäre und das auch öffentlich verlautbaren würde, dass solche Kontakte unschädlich seien.
Ob das deswegen alles falsch war, weiss ich nicht. Vieles von dem, was ich einmal für richtig gehalten habe, hat sich später als falsch herausgestellt. (Bei anderem war’s genau umgekehrt.) Aber etwas interessiert mich schon sehr: Wie hast Du das alles erlebt? Hast Du, habt Ihr den Eindruck, dass das Dir, dass das Euch geschadet hat? Deshalb wäre ich sehr froh, mit Dir einmal darüber reden zu können. Aber ich begreife, wenn Du das nicht möchtest.
Ich grüsse Dich ganz herzlich!
27. Mai 2015 J.J.
Anhang 2: Presseartikel zum Fall Jegge
Aufgeführt sind die Presseartikel von April und Mai 2017, die mir zugänglich waren. Die Titel zeigen deutlich, worum es im einzelnen Artikel geht.
Manche Artikel erschienen mehrfach, zugleich im Zürcher „TagesAnzeiger“ und im Berner „Bund“, andere im „Landboten“ und in den andern Zürcher Lokalzeitungen wie „Zürcher Unterländer“ oder „Zürichsee-Zeitung“ sowie in der „Berner Zeitung“. Diese sind hier nur einmal erwähnt.
Beiträge, in denen zumindest ansatzweise eine andere Sicht aufscheint als die der allgemeinen begeisterten Verurteilung, sind kursiv gedruckt. Artikel, die im Buchtext erwähnt werden, sind mit Fettdruck kenntlich gemacht.
Zwei Freunde, Beat Hierholzer und Lukas Leuenberger waren die ersten Sammler und mir beim „systematischen“ Sammeln eine wesentliche Hilfe. Sie seien hier herzlich bedankt.
4. April
BLICK am Abend:
Buch enthüllt: Jegge soll Kinder missbraucht haben
5. April
BLICK
Wie viele Schüler hat er missbraucht?
Bei BLICK meldete sich noch ein Opfer von Star-Pädagoge Jürg Jegge
Kasten: „Dummheit ist lernbar“
Kasten: Verjährung von Sexualdelikten
TAGESANZEIGER
Der „Lehrer der Nation“ im Zwielicht
20 MINUTEN
Jegge verlässt Stiftung per sofort
AZ (Aargauer Zeitung, Internet)
Nach Missbrauchsvorwurf: Beschuldigter Jegge tritt als Ehrenpräsident seiner Stiftung zurück
Markus Zangger löste sich erst mit 27 von Jürg Jegge: „Lang mich nicht mehr an“
DER LANDBOTE
Starpädagoge schwer beschuldigt
6. April
BLICK
„Ich bin danach seelisch verarmt“
Ein zweites Opfer erhebt schwere Vorwürfe gegen Pädagoge Jürg Jegge
Kasten: Der Fall Jürg Jegge
TAGES-ANZEIGER
Der tiefe Fall eines Gefeierten
Droht Buchautor eine Anzeige wegen Nötigung?
NZZ
Jürg Jegge ist nicht mehr Ehrenpräsident
BZ
„Der Buchautor bewegt sich im Missbrauchsfall auf dünnem Eis“
Ein Autor schreibt sich seine Wut von der Seele
BASLER ZEITUNG (Internet)
Ein Drecksbuch
ZÜRCHER UNTERLÄNDER
Stiftung Märtplatz lässt Jegge fallen
AARGAUER ZEITUNG
Zweiter Mann erhebt schwere Vorwürfe an Starpädagogen: „Jegge hat uns ausgenutzt“
DER LANDBOTE
„Die mediale Inszenierung ist problematisch“
SCHAFFHAUSER AZ
Missbrauch als Therapie getarnt
7. April
BLICK
„Er war ein Vorbild für uns alle“
Nach Missbrauchs-Vorwürfen gegen Reform-Pädagoge Jürg Jegge steht der Lehrerverband unter Schock
Darum schweigt Jürg Jegge (73)
TAGES-ANZEIGER
„Ich will, dass Jürg Jegge hinsteht und alles zugibt“
Fall Jegge
Weiteres angebliches Opfer
BZ THUNER TAGBLATT
Jegge-Opfer ist erleichtert
AARGAUER ZEITUNG
Jürg Jegge gibt sexuelle Kontakte mit „weniger als zehn“ Schülern zu
8. April
BLICK
„Ich ging mit der besten Absicht vor“
Jürg Jegge nimmt zum ersten Mal Stellung zu den Missbrauchs-Vorwürfen
TAGES-ANZEIGER
„Ich stehe dazu“
Staatsanwalt gegen Staatsanwalt
NZZ
„Ja, wir hatten sexuellen Kontakt“
Wenig Einsicht, kaum Reue
Schuld ist alleine Jürg Jegge
DER LANDBOTE
„Es war mir klar, dass solche Handlungen strafbar sind“
Jürg Jegge gesteht sexuellen Missbrauch
Ein Drama in mehreren Akten
AZ
Der gefallene Starpädagoge Jürg Jegge: „Mir war klar, dass das strafbar war“
9. April
SONNTAGSBLICK
Editorial
Im Netz des Jägers. Wie der Star-Pädagoge die Opfer manipulierte
Pädo-Vorwurf: Justiz ermittelt
„Jegge hat mein Leben zerstört.“ Erstmals spricht jetzt das Opfer Daniel Zangger
Grüezi Herr Jegge! Offener Brief von Philipp Gurt
„Das Machtgefälle war riesig“ Interview
„Wir haben eine moralische Verantwortung“ Die oberste Bildungspolitikerin der Schweiz wird aktiv.
Pädagogen auf dem Prüfstand
„Die Stimmung damals war tatsächlich besoffen“ Alt-68er geben Antwort
SONNTAGSZEITUNG
Fall Jegge: Jetzt ermittelt die Justiz
Vom Lehrer zum Grüsel der Nation
Editorial: Es gab nie eine Toleranz für Pädophilie
„Sie haben ein Anrecht darauf, dass wir diese Geschichte aufarbeiten“
Die Zürcher Bildungsdirektorin und Juristin Silvia Steiner zum Fall Jegge
Kein Einzelfall
NZZ AM SONNTAG
Vom Missbrauch der Liebe
Kasten: Ermittlungen laufen
10. April
TAGES-ANZEIGER
Jegge weckt Empörung. Gut so.
NZZ
Zytglogge-Verlag distanziert sich von Jürg Jegge
11. April
BLICK
„Ich habe nicht einmal Verachtung für Dich“
Opfer Matthias Dobler schreibt an Jürg Jegge
Muss Jegge 50.000 Franken zurückgeben?
TAGES-ANZEIGER
War Missbrauch normal?
NZZ
Fall Jürg Jegge: Anhörungspflicht gilt nicht absolut.
BASLER ZEITUNG
Die andere Seite des „Drecksbuchs“
12. April
TAGBLATT ZUERICH
Der grosse Befreiungsschlag des Markus Zangger
13. April
BLICK
Razzia bei Jürg Jegge (73)
TAGES-ANZEIGER
Razzia bei Jürg Jegge in Rorbas
NZZ
Hausdurchsuchung bei Jürg Jegge
DER BUND
Hausdurchsuchung bei Jürg Jegge
20 MINUTEN
Razzia bei Jürg Jegge
DER LANDBOTE
Razzia bei Jürg Jegge
SCHAFFHAUSER NACHRICHTEN
Hausdurchsuchung bei Jürg Jegge
BERNERZEITUNG
Polizei durchsucht das Haus von Jürg Jegge
LUZERNER ZEITUNG
Hausdurchsuchung bei Pädagoge Jürg Jegge
TAGESWOCHE
Polizei durchsucht das Haus von Jürg Jegge in Rorbas
DIE WELTWOCHE
Eros und Erziehung
Jürg Jegge hat mir das Leben gerettet
WOCHENZEITUNG
Als sei die Uhr zurückgedreht
Ein ehemaliger Schüler bricht das Schweigen
14. April
AARGAUER ZEITUNG
Psychologin: „Jürg Jegge täuscht sich selber – und das ist viel tragischer“
15. April
TAGES-ANZEIGER
Fall Jegge: Rorbas wundert sich nach der Razzia
NZZ
Weiteres Opfer beschuldigt Jegge
„Alles schien normal“
LIMMATTALER ZEITUNG
Stiftung Märtplatz erteilt Jürg Jegge Hausverbot
16. April
SONNTAGSZEITUNG
Stiftung erteilt Jürg Jegge Hausverbot
„Die Hälfte der Täter, die sich an Kindern vergehen, ist nicht pädophil“
„Das ist ein Fall Jegge, kein Fall Märtplatz“
„Die Hälfte der Täter ist nicht pädophil“
NZZ am SONNTAG
Jegges Projektleiter machte Karrierre
17. April
TAGES-ANZEIGER
Die Heuchler
20 MINUTEN
Stiftung erteilt Jegge Hausverbot
19. April
BLICK
Missbrauchte er noch mehr Schüler?
Polizei vernimmt Jürg Jegge (74)
NZZ
Wie die Reformpädagogik Täter schützte
Missbrauchsopfer wollen Jegge nicht davonkommen lassen
20. April
TAGES-ANZEIGER
Polizei vernimmt Jürg Jegge
NZZ
Jürg Jegge von Polizei einvernommen
21. April
TAGES-ANZEIGER
Neben dem Fall Jegge gibt es noch viel aufzuarbeiten
Der Fall Jegge ist ein Fall Schweiz
NZZ
Als die Offensive für legalen Kindersex auf Verständnis stiess
22. April
TAGES-ANZEIGER
Missbrauch statt Reform
SCHAFFHAUSER NACHRICHTEN
„Die Reformpädagogik hat blinde Flecken“
Pädophilie-Debatte Aufarbeitung ist in der Schweiz noch nicht erfolgt
Jürg Jegge und der Zeitgeist in Schaffhausen
23. April
NZZ AM SONNTAG
Der Fall Jegge und die Journalisten-Pflicht
„Jürg Jegge war für mich wie ein Fisch“
TAGES-ANZEIGER
Berater wusste von Jegges Übergriffen und schwieg
BLICK
Suchtberater wusste von Jegges Taten
28. April
TAGES-ANZEIGER
War Missbrauch normal?
7. Mai
NZZ AM SONNTAG
Jegge – ein Trittbrettfahrer der Reformdiskussion
30. Mai
AARGAUER TAGBLATT
Opfer von Jürg Jegge: „Es gibt keine Entschuldigung“
Anhang 3: Drei spezielle Artikel
Hier drei Artikel, die besonders auffielen, im Volltext (in der Reihenfolge ihres Erscheinens):
Von Lukas Leuenberger [157]
Ich möchte Jürg Jegges Übergriffe auf seine Schüler nicht relativieren. Was aber jetzt mit ihm passiert, ist eine öffentliche Abschlachtung. In meiner Jugend hat er mir enorm geholfen. Ich bin ihm dafür bis heute dankbar.
Es gibt immer drei Wahrheiten: meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit. Afrikanische Weisheit
Eingangs muss ich erklären, dass ich sehr genau weiss, was Übergriff heisst. Aufgewachsen in hochproblematischen Pfarrhausverhältnissen, war ich des ältesten Bruders Sexspielzeug. Der Missbrauch begann im Vorschulalter und zog sich hin bis über die Pubertät. Ich war das zweitjüngste von acht Kindern, er ein volles Dutzend Jahre älter als ich. Zu gut weiss ich, wovon die Rede ist, wenn es um Übergriffe geht. Das vorweg.
Die marktschreierische Platzierung der Aklageschrift eines ehemaligen Schülers und Schützling von Jürg Jegge nährt den Verdacht, dass es weniger um eine Aufarbeitung als um eine Abrechnung geht. Das Kalkül scheint aufgegangen zu sein. Keine Woche nach Lancierung des nicht nur an Umfang dünnen Bändchens ist die öffentliche Abschlachtung des Jürg J. in vollem Gange. Was da gerade – im Zeitalter der dauererregten Internethetze – mit einem 74-jährigen Mann veranstaltet wird, kann man ebenfalls nur als massivst übergriffig bezeichnen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Vor lauter Selbstgerechtigkeit wird dabei unterschlagen, dass Jegge sich nicht hinter Promi-Anwälten und PR-Profis in Sicherheit gebracht, sich stattdessen schutzlos allen Journalistenfragen gestellt hat. Zu dem von ihm Gesagten möge sich jeder seine Meinung bilden, aber ich habe niemals vorher erlebt, dass jemand, der des Missbrauchs beschuldigt ist, so rasch und so offen versucht, sein damaliges Tun zu erklären. Wissend, dass er sich total entblösst.
Warum geht mir das so nahe? Weil Jürg Jegge einer von zwei Menschen war, die mich mutmasslich vor dem spätpubertären Suizid bewahrt haben. Komplett desorientiert, bin ich 1978 mit sechzehn Jahren aus dem Pfarrhaus abgehauen und habe Schutz und Halt in der Berner Kulturszene gesucht. Keine Konzert-, keine Kleintheateraufführung und keine Lesung, die ich mir nicht reingezogen hätte. So sass ich auch ständig im Zähringer-Theater von Hugo Ramseyer, dem Gründer des Zytglogge-Verlags. Peter Bichsel, Ernst Burren, Kaspar Fischer und Jürg Jegge sind dort nebst vielen anderen Grössen aufgetreten. Von Ernst Burren sollte ich später zwei Mal Texte inszenieren dürfen. Auch mit Jürg Jegge habe ich mich angefreundet, und er wurde zu einem Mentor und Vertrauten, wie ich mir schon lange einen wünschte.
Jung und vollkommen ratlos, fand ich in Jegge jemanden, der mich unterstützte und ermutigte. Er hat mit mir gesprochen und mir zugehört. Und in Wien – seinem zweiten Wohnort – hat er mir eine neue Welt eröffnet, mich mitgenommen ins Theater, an Ausstellungen und zu Künstlerfreunden. Oft sass man in anregenden Runden mit Leuten wie dem Aktionskünstler Erwin Puls oder dem Dichterpaar Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Dank Jegge begleiten mich Raimund, Nestroy, Grillparzer und Schnitzler durchs Leben wie auch Karl Kraus, Alfred Polgar, Peter Altenberg und andere Wiener Autoren. Schliesslich habe ich Jürg Jegge das Selbstvertrauen zu verdanken, das einer braucht, will er es selber versuchen am Theater.
Er war immer da, wenn ich ihn brauchte, er war verbindlich und auch grosszügig. Ich war immer wieder mal in Rorbas, ebenfalls in Bern, oft in Wien, was überhaupt das Schönste war, was mir passiert ist in jenen Jahren. Ja, ich darf sagen, ich war ein durchaus hübscher Bursche einst, als ich gerade an meiner sexuellen Selbstfindung herumlaborierte. Permanent versuchten angejahrte Liebhaber holder Jünglinge, mich anzubaggern. Selbst verheiratete Herren mit Jungs im gleichen Alter – mitunter namhafte Herrschaften. Wäre also Jürg Jegge damals einer von denen gewesen, die sich grundsätzlich jeden knackigen Jüngling greifen, hätte ich das bestimmt am eigenen Leib erfahren. Habe ich aber nicht.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal bestätigen müsste, aber Jegge hat mir gegenüber nicht auch nur ein einziges Mal sogenannte Annäherungsversuche unternommen. Noch deutlicher: Mich, Lukas Leuenberger, hat Jürg Jegge niemals angefasst. Für die Freundschaft, die er mir während meiner schwierigen Jugendjahre der Suche entgegenbrachte, bin ich Jegge bis heute dankbar. Ich rede nicht für andere, ich aber habe Jürg Jegge nur in bester Erinnerung.
Folgt man den Zeitungsberichten, sollen sich die vom Autor des Büchleins geschilderten Ereignisse ab 1970 zugetragen haben. Dieser war 13 Jahre alt, Jegge mit Jahrgang 1943 demnach 27-jährig, also doppelt so alt. Das Problem am Übergriff ist nicht, dass er wie in so einem Fall illegal ist, sondern dass er übergriffig ist. Weil ein Erwachsener einem Heranwachsenden Sex zumutet. Ich selbst hatte solches über Jahre auszuhalten, en famille. Man muss auch nicht das alte Griechenland bemühen – was dort geschah, war auch damals übergriffig, auch wenn es legal gewesen sein sollte.
Lange war Homosexualität generell unter Strafe gestellt, dennoch gab es Lesben und Schwule. In etlichen Ländern werden Schwule heute noch gehängt, ganz legal. Bald sollen Lesben und Schwule auch hierzulande heiraten und Kinder adoptieren dürfen, in hundert Jahren landen sie dann vielleicht wieder im Gefängnis, wie es dem Zeitgeist halt gefällt. Ich traue weder Zeitgeist noch Gesetzgeber über den Weg. Jeder Mainstream ist mir verdächtig, weil er morgen schon das Gegenteil propagieren kann.
Ungeachtet meiner persönlichen Befindlichkeiten muss die Diskussion aber nicht darüber geführt werden, ob etwas legal ist oder nicht, sondern ob es legitim ist oder nicht. Ob legal oder illegal, ob verfolgbar oder verjährt: Übergriff jedwelcher homo- oder heterosexueller Art ist definitiv nicht legitim, und das ist nicht diskutierbar. Gerade darüber gilt es zu diskutieren zwischen den einen und den anderen. Und wenn Jürg Jegge nebst allem anderen etwas auch noch kann, dann diskutieren und zuhören. Wer hingegen jedes Wort von Jegge nun scheinheilig als „neuen Affront“ abwertet, der scheut die Auseinandersetzung, sucht nicht die innere Befriedung, sondern Satisfaktion. Und das heisst auf Deutsch Befriedigung.
Lukas Leuenberger, 54, zählte zu den originellsten Theatermachern im deutschsprachigen Raum. 2004 brachte er Schillers „Wilhelm Tell“ mit dem Nationaltheater Weimar auf das Rütli. 2007 hat er sich aus der Kulturszene zurückgezogen.
Er habe Grosses geleistet als Erzieher und Reformer der Volksschule, verteidigen manche den ehemaligen Sonderschullehrer Jürg Jegge. Sie irren sich.
von R. F. [158]
Die Erschütterung ist gross: Jürg Jegge hat einige seiner Schüler sexuell missbraucht. Ausgerechnet er. Mit seinem Buch „Dummheit ist lernbar“, das rund 200.000-mal verkauft wurde, war er 1976 in wenigen Wochen vom behördlich gerügten Sonderklassenlehrer zur Lichtgestalt der Bildungsreform aufgestiegen. Er wurde als Held und „neuer Pestalozzi“ gefeiert, der ein erstarrtes Schulsystem knackte. Zweifellos war er Inspirationsquelle für junge Lehrer und hat sie moralisch beflügelt. Doch hat der Pädagoge die Schweizer Volksschule tatsächlich geprägt?
„Mit dem echten Pestalozzi ist Jegge insofern vergleichbar, als dieser auch nicht gut unterrichten konnte und trotzdem zum Star-Pädagogen des 19. Jahrhunderts wurde“, sagt Jürgen Oelkers, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik der Universität Zürich und Autor mehrerer Standardwerkeüber Reformpädagogik. „Denn wie Jegge beherrschte Pestalozzi eine bestimmte Moral-Sprache.“
Jegges Kritik richtete sich gegen die Schule als „Kindersortieranstalt“. Mit diesem Anliegen war er weder der Erste noch der Einzige.
So lasse sich der Erfolg von „Dummheit ist lernbar“ nachvollziehen: „Es ging Jegge nicht um Schulentwicklung oder Pädagogik, sondern um Schulkritik.“ Das Buch bezeichnet Oelkers als Zusammenschrieb von politischen, psychoanalytischen und pädagogischen Schnipseln. „Es strotzt nur so vor schiefen theoretischen Bezügen, ohne jedoch etwas über den konkreten Unterricht zu lehren.“ In der Lehrerbildung sei es darum eher als Manifest oder moralische Aufforderung gelesen worden, es besser zu machen und auf schwierige Kinder individuell einzugehen. „Dieser Idee konnte man natürlich nur zustimmen“, erinnert sich Oelkers.
Neu war sie keineswegs. Dass man sogenannte Schulversager nicht aussondern darf, sondern ihnen Programme anbieten muss, war der schulischen Heilpädagogik seit ihrem Aufkommen Mitte des 19. Jahrhunderts eingeschrieben. In Zürich existierte ab 1923 ein Heilpädagogisches Seminar. Zwar verlangte das Zürcher Lehrerbildungsgesetz erst ab 1981 eine heilpädagogische Ausbildung für den Unterricht von Sonderklassen. In der Praxis wurde eine solche Qualifikation – manchenorts bereits in den sechziger Jahren gefordert – unter anderem in Küsnacht, wo Jürg Jegges Eltern als Primarlehrer tätig waren.
Auch was die Kritik am Schulsystem angeht, trügt Jegges Image eines Vorreiters. Als er zu Beginn der siebziger Jahre auf einem abgeschiedenen Bauernhof bei Embrach mit Sonderklassen experimentierte, war die Reformdiskussion im deutschen Sprachraum schon voll im Gang. Selbst in der Schweiz. So versuchte man Ende der sechziger Jahre, die Volksschule Dielsdorf umzustrukturieren. Leitfaden war der Jena-Plan, ein Schulentwicklungskonzept von 1927 des deutschen Reformpädagogen Peter Petersen, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen antisemitischer Ansichten stark in die Kritik geriet. Eine der Kernideen des Jena-Plans waren jahrgangsübergreifende Gruppen.
Solche gesamtschulartigen Konzepte wurden noch an vielen anderen Orten erprobt. Im Grunde war Jegge darum weniger ein Vorreiter als eher ein Trittbrettfahrer der Schulreformdiskussion. Das sagt Lucien Criblez, Professor für Historische Bildungsforschung und Bildungspolitikanalysen an der Universität Zürich. „Die Reformdynamik setzte bereits in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ein. Zum grossen Schub kam es in den Sechzigern.“
Jegges Polemik gegen das Schulsystem fiel in einem Umfeld, in dem man ganz allgemein staatliche Institutionen kritisierte, auf fruchtbaren Boden. „Mit einem durchdachten und stringenten Reformkonzept hatte das aber nichts zu tun“, sagt Criblez. „Und dass die schulische Selektion vom sozialen Umfeld abhängig ist“, so Criblez, „gehörte seit den sechziger Jahren zu den allgemeinen pädagogischen Überzeugungen. Jegge hat diesen Mainstream aufgenommen und auf die Kleinklassendiskussion übertragen.“
Seine Hauptkritik richtete sich gegen die Schule als „Kindersortieranstalt“. Mit diesem Anliegen war er bei weitem nicht der Erste und auch nicht allein. „Vielen Lehrpersonen und Bildungsforschern ging es seinerzeit darum, die sozial sortierende und selektiv wirkende Schultypengliederung der Volksschuloberstufe – heute Sekundarstufe I – abzumildern“, sagt Andreas Hoffmann-Ocon, Leiter des Zentrums für Schulgeschichte an der Pädagogischen Hochschule Zürich. So wurde im Kanton Zürich ab 1977 der abteilungsübergreifende Unterricht an der Oberstufe erprobt.
Heute existieren durchlässige Modelle, aus denen die Schulen auswählen können. Damit hat aber nicht der grosse Umsturz im Schulsystem stattgefunden, sondern es handelte sich um einen langwierigen Prozess, der sich fast über zwanzig Jahre erstreckte und an dem die Schulen frei waren teilzunehmen. Laut Hoffmann-Ocon ist das eine hierzulande typische Umgangsweise mit Reformversuchen: „Man nimmt Neues höchstens als Ergänzung zum bestehenden System.“
Jürg Jegge ignorierte in seinem Buch nicht nur die laufende Schweizer Schulreformdiskussion. Er bezieht sich auch nicht auf die historische Reformpädagogik. So kommen weder Maria Montessori noch Rudolf Steiner vor, der englische Pädagoge Alexander Neill mit seiner Summerhill School nur am Rande. Vom kommunistischen Bildungspolitiker Otto Rühle übernimmt er den Begriff anti-autoritär, der oft Neill zugeschrieben wird.
Jegges wichtigste Orientierungsgrösse – neben Martin Buber und Erich Fromm – war der deutsche Erziehungswissenschaftler Hans-Jochen Gamm, mit dem er befreundet war und der das Vorwort zu „Dummheit ist lernbar“ lieferte. „Gamm ist einer der grossen sozialistisch-utopischen Autoren, die von Emanzipation gesprochen haben und dabei die Schule in ihrer bürgerlichen Gestalt unter Beschuss nahmen und abschaffen wollten“, sagt Oelkers. Bei Jegge mutet das insofern widersprüchlich an, als er letztlich doch ein bürgerliches Programm verfolgte, wie mit Schülern klassische Musik zu hören oder klassische Theaterstücke zu besuchen.
Hans-Jochen Gamm stellte auch Überlegungen zur Sexualerziehung an und verfocht die Idee, dass jede Schule einen Raum für Sexualkontakte zur Verfügung haben müsste. Aber während bei Gamm dieses Thema viel Raum einnimmt und seinerzeit in Deutschland breit rezipiert wurde – der „Spiegel“ druckte das Kapitel zur Sexualerziehung seines Buches „Kritische Schulen“ ab –, findet sich bei Jegge nichts dazu. Die einzigen Hinweise zur Sexualität gelten dem Entdecken des eigenen Körpers und beschränken sich auf die Schüler.
Ebenso fällt auf, dass Jegge in „Dummheit ist lernbar“ nie Wilhelm Reich erwähnt – ausgerechnet über jenen Arzt und Psychoanalytiker schweigt er sich aus, mit dessen vermeintlichen Erkenntnissen er seine Schüler zu therapieren vorgab, während er sie missbrauchte.
Doch sein Buch war nicht nur pädagogisch und didaktisch als konkrete Anleitung für Lehrpersonen unbrauchbar. Es war auch gefährlich. Der Kern von Jegges erzieherischem Konzept war die „pädagogisch-therapeutische Beziehung“ zwischen Lehrer und Schüler. Sie habe Vorrang vor der Vermittlung von Stoff. „Wenn man bedenkt, was man damals unter Therapie verstand, ist das eine einzige grosse Anmassung“, sagt Jürgen Oelkers hinsichtlich Jegges mangelnder psychoanalytischer Ausbildung: Lehrerseminar, abgebrochenes Psychologie- und Theologiestudium. „Seine sogenannte Therapie führte lediglich dazu, dass die Schüler von ihm abhängig wurden.“
Ausgerechnet der konservative Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen bewilligte 1978 Jürg Jegges Schulversuch „Schule in Kleingruppen“.
Das warf ihm auch die Schulpflege Oberembrach vor. Sie erliess 1973 eine Weisung, um die privaten Kontakte zwischen Lehrer und Schüler einzuschränken. Vor diesem Hintergrund erscheint das Buch „Dummheit ist lernbar“ als Rechtfertigungsschrift für sein Sonderschulexperiment. Damit beeindruckte er nicht nur linke Lehrer, sondern auch den konservativen Erziehungsdirektor Alfred Gilgen: Der Erziehungsrat des Kantons Zürich bewilligte den Schulversuch „Schule in Kleingruppen“ nach Jegges Ideen. Dieser wurde von 1978 bis 1983 in vier Gemeinden mit „gefährdeten“ Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Jegge war einer der vier Lehrer. Auch aus dieser Zeit gibt es Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs.
Der Unterricht war auch im Kleingruppen-Schulversuch sekundär. Primär soll der Lehrer einen „emotionalen Beziehungsraum“ aufbauen, wie in einem Bericht der Projektgruppe zuhanden der Erziehungsdirektion festgehalten wird. „Der Lehrer ist dabei Vorbild und Orientierungspunkt und ersetzt damit zum Beispiel fehlende Bezugspersonen aus Familie und Umwelt.“ Es ist explizit von Vater- und Mutterrolle die Rede. Zudem soll der Lehrer das mögliche Fehlen von Freunden kompensieren können.
„Die direkte emotionale Führung geschieht vorwiegend in sehr intensiven Einzelbeziehungen, im intimen Umgang Lehrer-einzelner Schüler“, steht weiter im Bericht. Um die Lehrer zu entlasten, treffen sie sich wöchentlich beim Psychoanalytiker zur Supervision. Findet der Jugendliche eine Lehrstelle und verlässt die Kleinklasse, bleibe man in „eher lockerem Kontakt“. Notfalls sei eine „intensivere Nachbetreuung“ möglich.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ lobte damals den Schulversuch als Rettungsaktion von „Schülern mit schweren Verhaltens- und Beziehungsstörungen“ vor der Einweisung in ein Heim. „Aus heutiger Sicht erscheint das unprofessionell“, sagt Andreas Hoffmann-Ocon. Dass Jegge kein Theoretiker oder Wissenschaftler, sondern ein Praktiker war, machte ihn beim Planungsstab im Erziehungsdepartement besonders vertrauens- und glaubwürdig. „Sein Verhältnis zur Schulpraxis hat man als realistisch, ja fast bodenständig empfunden“, sagt Hoffmann-Ocon. „Wissenschaftlich hatten Jegges Bücher jedoch keinen grossen Wert.“
Rezipiert wurden in der Lehrerbildung, gerade auch in Deutschland, in erster Linie die Fallbeispiele. Deren Wahrheitsgehalt wurde jedoch nie überprüft. Heute muss man sie in neuem Licht lesen.
Das gilt auch für die Berichte über den Schulversuch „Schule in Kleingruppen“. Verfasst wurden sie von der Projektgruppe, zu der Jürg Jegge gehörte. Als einziges Mitglied der Projektgruppe wird er namentlich erwähnt. „Der Schulversuch entspricht – wie viele andere Versuche aus dieser Zeit – nicht heutigen Standards“, sagt Lucien Criblez, „denn oftmals waren es dieselben Leute, die konzipierten, durchführten und wissenschaftlich auswerteten. Heute wäre eine solche Versuchsanordnung absolut ausgeschlossen.“
Jegges Leistung ist in einem weiteren Bereich ernüchternd schwach: Mit den Kleinklassen konnte er die Kinder zwar vielleicht vor dem Heim, aber weder vor der „Selektionsmaschine“ noch vor dem Stigma des „Tubelischülers“ bewahren – im Gegenteil. „Wie soll sich Robert über kleine Fortschritte freuen, wenn er es nicht wagen kann, seinen Kameraden im Handballklub zu erzählen, er gehe in die Kleingruppenschule, weil er Angst hat, dass sie ihn auslachen?“, fragte das „Tages-Anzeiger-Magazin“ 1981 im einzigen längeren Medienbericht über den Schulversuch.
„Nach Jegge wurden nicht weniger Kinder in den Sonderunterricht geschickt“, sagt Jürgen Oelkers, „im Gegenteil. Der Wind drehte sich erst ab Mitte der neunziger Jahre mit der Inklusion-Debatte.“
Was also blieb von Jürg Jegges Pädagogik ausser der moralischen Botschaft? Das Arbeiten in Gruppen entsprach dem allgemeinen Trend, der sogar von der Autoindustrie aufgenommen wurde. Das Repetieren ist aus den Primarschulen weitgehend verschwunden, aber nicht wegen Jegges Engagement, sondern weil die Erkenntnis gewachsen ist, dass es nichts bringt. Trotzdem, findet Jürgen Oelkers, sollte man „Dummheit ist lernbar“ in der Lehrerausbildung lesen – aus historischem Interesse: „Man sollte sich fragen, warum alle das so toll fanden.“
von E. L.
Jürg Jegge galt als Musterpädagoge. Im April wurden erste Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut – in der Sendung TalkTäglich schildert nun ein weiteres Opfer, wie Jegge sich an ihr vergangen habe.
Heute stehe sie mit beiden Beinen auf festem Boden, was ihr die Möglichkeit gäbe, für all diejenigen zu sprechen, die es selbst nicht könnten, erzählt Jegges ehemalige Schülerin Joana A. im TalkTäglich. Im Klassenlager sei sie von ihrem damaligen Lehrer geküsst worden. Selbst als 12-Jährige habe sie in diesem Moment gespürt, dass eine Grenze überschritten worden sei. Jegge bestreitet die Beziehung nicht, aber jede strafbare mutmassliche Handlung.
Auf die Frage, wie der Lehrer sie behandelt habe, antwortet Joana: „Er hat mich als Auserwählte behandelt. Er sagte mir, wie begabt ich bin.“ Jegge habe ihr versprochen, ihre Probleme im Fach Mathematik würden sich sicherlich lösen, wenn sich nur jemand Zeit für sie nehme, sie sei ja so intelligent.
Als Joana 14 war, forderte der Lehrer von ihr, dass sie ihre Jungfräulichkeit verlieren müsse – nicht durch ihn, sondern mit einem Jugendlichen. „Er sagte mir, er könne das nicht für mich machen. Er würde zwar gerne, aber er könne nicht, weil ich noch nicht 16 sei.“ Es sei ihm darum gegangen, dass sie möglichst „auf gleiche Augenhöhe komme“.
Unvorstellbares trug sich auch innerhalb der Familie zu. Die Tochter, ja selbst die Ehefrau hätten von der Beziehung gewusst, aber nicht reagiert. „Ich denke, seine Frau gehörte voll zu seinem System dieser perfiden Macht“, erzählt Joana.
„Gehen jetzt nicht teilweise verheilte Wunden wieder auf?“, will Moderator Markus Gilli wissen. „Nein“, sagt Joana, „die Anzeige war wichtig für mich.“ Es sei ein Statement. „Ich finde es müssen all diese Fälle in die Statistik, damit man sieht, wie häufig das passiert und das Thema ernster genommen wird.“ Schliesslich sei es auch eine Message an Jegge: „Es war alles, von A bis Z, grundfalsch, was da gelaufen ist. Es gibt kein ‚ja, aber‘, und es gibt keine Entschuldigung.“
Anhang 4: Ein Mailwechsel zur Fernsehsendung (Jürg Bingler, Karin Bauer)
Jürg Bingler an Karin Bauer (10.10.2017)
Guten Tag Frau Bauer
Ich war 30 Jahre lang Redaktor und Moderator beim Schweizer Radio im Studio Bern, ich war 20 Jahre lang JournalistInnen-Ausbildner am Märtplatz im Zürcher Unterland, ich war und bin ein Freund von Jürg Jegge.
Gestern habe ich mir Ihre Sendung „Das System Jegge“ vom 5.10.2017 angeschaut und war entsetzt über die Einseitigkeit und journalistische Qualität.
Das Beispiel Paul S., Spitzname „Pöik“: Einen drogenkranken, alkoholisierten Mann als Kronzeugen gegen Jürg Jegge zu nehmen, ihn unwidersprochen reden zu lassen, ohne sicher zu sein (wie auch), dass seine Angaben stimmen, halte ich für empörend und journalistisch unhaltbar. Sie haben ihm für seine Aussagen 100 Franken bezahlt, von denen Paul S. später sagte, er würde für so viel Geld nochmals das Gleiche erzählen. Er habe von Jürg Jegge rund 14.000 Franken als „Schweigegeld“ erhalten. Waren diese 100 Franken nun ein „Redegeld“?
Es gäbe über Ihre Sendung noch viel zu sagen, aber ich lasse es bei diesem Beispiel, zumal ich mit meiner Meinung wohl zu einer absoluten Minderheit gehöre und keinen „Blick“ wie Sie in meinem Rücken habe.
[...]
Mit – wie gesagt – entsetzten Grüssen
Jürg Bingler
Sehr geehrter Herr Bingler
Besten Dank für Ihren Brief von 10. Oktober 2017 und Ihr Interesse am Dokfilm „Das System Jegge“.
Als langjähriger Redaktor bei Schweizer Radio ist Ihnen sicherlich bekannt, dass Spesenentschädigungen für Protagonisten während Drehaufnahmen üblich sind. Wir zahlen keine Gagen an unsere Protagonisten und Honorare sind nur in Ausnahmefällen für Experten vorgesehen. Aber es ist uns ein Anliegen, dass die Menschen, die uns für Dreharbeiten zur Verfügung stehen, keine zusätzlichen Auslagen haben. Wir bezahlen deshalb beispielsweise das Mittag- oder das Abendessen.
Ich habe Paul S. an zwei Abenden besucht, einmal ohne Kamera, einmal mit. Im Vorgespräch hat er dieselben Aussagen gemacht, wie während des Interviews, welches wir mit der Kamera aufgezeichnet haben (von einer Spesenentschädigung war erst nach dem Vorgespräch die Rede). Herr S. ist SRF während insgesamt rund fünf Stunden zur Verfügung gestanden, ohne dass wir Essenspausen gemacht hätten. In Absprache mit der Redaktionsleitung habe ich ihm deshalb Fr 100.- Spesenentschädigung gezahlt. Darin kann ich nichts Verwerfliches erkennen.
Die Aussage von Herrn S., dass ihm Jürg Jegge über viele Jahre Geld gezahlt habe, haben mir mindestens zwei andere Quellen bestätigt. Paul S. tritt nicht als „Kronzeuge“ im Film auf, sondern als ein Opfer unter mehreren. Markus Zanggers und Andreas G.s Aussagen über den Missbrauch decken sich mit den Aussagen von Paul S.. Darüber hinaus hatte ich mit vier weiteren Opfern gesprochen, die aber nicht gefilmt werden wollten.
Der Film „Das System Jegge“ zeigt, dass mehrere missbrauchte Sonderschüler später von Herrn Jegge als Lehrmeister in der Stiftung „Märtplatz“ beschäftigt wurden. Diese Positionen hätten sie in der Privatwirtschaft wohl kaum erreichen können. Neben Paul S. waren also auch andere Opfer finanziell von Jürg Jegge abhängig.
Ihre Kritik der Einseitigkeit des Films teile ich nicht. Es gibt keine „andere Seite“ des Missbrauchs. Es gab aber Protagonisten im Film, die Jürg Jegges Position verteidigten, so beispielsweise der alte Bauer mit dem Hinweis, dass man vor dem Hintergrund der „schwarzen Pädagogik“ froh um den Reformpädagogen war.
Ich habe Herrn Jegge mehrfach angeboten, im Film Stellung zu nehmen. Zwei mündliche Anfragen hat er nicht beantwortet. Die erste schriftliche Anfrage hat er mit der Begründung abgelehnt, dass er das Ende der Strafuntersuchung abwarten möchte. Aus diesem Grund habe ich ihn erneut schriftlich kontaktiert, als ich Kenntnis erhalten habe, dass die Strafuntersuchung eingestellt werden soll. Auch diese letzte Anfrage hat er abgelehnt.
Beste Grüsse
Karin Bauer
Guten Tag Frau Bauer
Besten Dank für Ihre Zeilen vom 19.10.2017. Ich bin erstaunt, wie konsequent zweifelsfrei Sie sind, aber wie Sie ja schreiben, haben Sie Paul S. während „rund fünf Stunden“ kennengelernt. Ich kenne ihn nur seit rund 20 Jahren. Bei so viel Selbstsicherheit wünsche ich Ihnen alles Gute und beende hiermit unseren Briefwechsel.
Jürg Bingler
Anhang 5: Einsprache (Rechtsanwalt, Staatsanwaltschaft)
Sehr geehrte Frau Kauf
Innert erstreckter Frist nehme ich nach nochmaliger Rücksprache mit meinem Klienten nachfolgend Stellung zum geplanten Abschluss des Verfahrens.
Es werden keine Beweisanträge gestellt.
Betreffend Kosten- und Entschädigungsfolgen stelle ich Ihnen den Antrag, dass die Kosten des Verfahrens auf die Staatskasse zu nehmen sind und Herr Jegge für die entstandenen Anwaltskosten mit Fr. 6.264,50 entschädigt wird.
Vorliegend kann das angehobene Verfahren wegen offensichtlicher Verjährung nicht weitergeführt bzw. ein eigentliches Strafverfahren kann gar nicht durchgeführt werden.
Offensichtlich war die Verjährung vorab auch nach der Meinung von Markus Zangger bzw. in den entsprechenden Äusserungen des fraglichen Buches. Auch die sich interessierenden Medien gingen in ihren Berichten von verjährten Fragestellungen aus. Schliesslich äusserte sich Herr Jegge in seinen diversen Stellungnahmen sachverhaltlich auch immer in der Weise, als in Frage stehende Kontakte in der Zeit bis maximal 1985 stattgefunden hätten. Später hätte es keinerlei solche Kontakte mehr gegeben. Entsprechend äusserte er sich auch klar in seiner Einvernahme (vgl. Protokoll pol. Befragung Jürg Jegge vorn 13.04.2017, N. 112 f; 151].
Auch wenn dem Verjährungsrecht aufgrund verschiedener Revisionen eine gewisse Komplexität nicht vollumfänglich abgesprochen werden kann, war bei gegebener Ausgangslage offensichtlich, dass die Verjährung von möglichen Handlungen bereits früh, beispielsweise bei Markus Zangger bereits 1992, eingetreten war.
Mit anderen Worten waren die Vorbringen in dieser Sache zeitlich offensichtlich massiv zu spät, ca. 25 Jahre, eingebracht worden. Die Möglichkeit der Durchführung eines Strafverfahrens war damit zum vornherein ausgeschlossen.
Dieser Umstand war auch den Strafverfolgungsbehörden zum vornherein bewusst, welche entsprechend handelten. Auch gemäss Akten wurde so in casu lediglich ein informelles Verfahren geführt, welches als sogenanntes Vorabklärungsverfahren deklariert, auch in der Öffentlichkeit, kommuniziert wurde [vgl. z.B. Verfügung vom 24. April 2017, Ermittlungsbericht, S. 3; NZZ am Sonntag vom 8. April 2017]. Dies auch betreffend einer Hausdurchsuchung und Befragung von Herrn Jegge selbst [vgl. hierzu Protokoll Pol. Befragung von Herrn Jegge vom 13.4.2017, N. 1]. Auch die Befragungen von Drittpersonen fanden bis zuletzt alle unter dem Titel Vorabklärungsverfahren statt (vgl. hierzu z.B. Protokoll Pol. Befragung Flurin B. vom 12. Juni 2017). Entsprechend fehlt es so auch an einer formellen Verfügung für die Eröffnung eines Strafverfahrens.
An dieser Betrachtungsweise ändert auch die Tatsache der materiellen Natur der Eröffnung eines Strafverfahrens bzw. die Beschreitung der formellen Wege bei Beschlagnahmungen und gerichtlichen Bewilligung für Untersuchungen nichts.
Das Verfahren war damit von der Sache her und in der Folge auf die polizeilichen Ermittlung noch nicht verjährter d.h. aktueller Tathandlungen [Befragung von Personen, Überprüfung von IT Geräten von Herrn Jegge] beschränkt. Für einen solchen Verdacht hat Herr Jegge in keiner Weise eine Ursache gesetzt. Weder die Hypothese der Behörden einer pädosexuellen Veranlagung von Herrn Jegge, noch der Fund einer Knabenunterhose können als solche betrachtet werden. Ersteres bestritt Herr Jegge zu jeglicher Zeit, zweites konnte erklärt werden. Zusammengefasst fehlte es zum vornherein vollumfänglich an einem Verdacht von konkreten aktuellen Tathandlungen. Die offensichtliche Unrichtigkeit des behaupteten Verdachts bestätigen heute umgekehrt auch die durchgeführten Abklärungen, welche keinerlei Makel hervorbrachten.
Es muss davon ausgegangen werden, dass die Behörden im Wissen um die Verjährung insbesondere auch wegen der Publizität des Falles Abklärungen trafen, ein eigentliches Strafverfahren aber wohlweislich nicht eröffnen wollten. Jegliches Verhalten von Herrn Jegge kann bereits von daher nicht mehr als adäquat ursächlich für die konkret getroffenen Abklärungen betrachtet werden. Eine Kostentragungspflicht scheidet bei den getroffenen Abklärungen zum vornherein aus. Hierzu besteht auch keine genügende gesetzliche Grundlage,
Auch wenn man die gesetzlichen Regelungen des Strafverfahrens (namentlich Art 426 StPO] zur Anwendung bringt, muss eine Kostentragungspflicht ausscheiden. Die Kosten für unnötige Verfahrenshandlungen trägt die beschuldigte Person nicht [Art. 426 Abs. 3 StPO]. Öffentlich gemachte Handlungen wären offensichtlich bereits lange verjährt. Deren effektiver Gehalt konnte strafrechtlich in keiner Weise untersucht werden. Diese können damit aber auch nicht mehr als adäquat kausale Ursache für die aktuell getroffenen Abklärungen qualifiziert werden. Solche wurden aufgrund der Publizität des Falles durchgeführt und sind strafrechtlich in der Nähe einer Fishing expedition anzusiedeln.
In casu würde die Kostenauflage schliesslich auch auf die Heranziehung der Begründetheit des strafrechtlichen Vorwurfs trotz Verjährung herauslaufen, was unzulässig ist (vgl. SZIER 4/5/99, 555, zitiert auch in BSK StPO, Thomas Domeisen, N. 38 zu Art. 426).
Eine Kostentragungspflicht scheidet vor diesen Hintergründen aus. Damit sind die durch die anwaltliche Vertretung entstandenen Aufwendungen zu entschädigen. Der Beizug einer Rechtsvertretung war aufgrund der Publizität der Vorwürfe berechtigt.
Für Ihre Kenntnisnahme und Bemühungen danke ich.
Freundliche, kollegiale Grüsse
S. Arquint, Fürsprecher
Gemäss Art. 426 Abs. 2 StPO können einer beschuldigten Person die Verfahrenskosten auch bei der Einstellung des Verfahrens auferlegt werden, sofern die beschuldigte Person die Einleitung des Verfahrens rechtswidrig und schuldhaft bewirkt hat. Gemäss Rechtssprechung des Bundesgerichts können einer beschuldigten Person die Verfahrenskosten bei Einstellung des Verfahrens auferlegt werden, sofern die beschuldigte Person durch ein unter rechtlichen Gesichtspunkten vorwerfbares Verhalten die Einleitung des Strafverfahrens veranlasst hat. Voraussetzung hiefür ist, dass der Beschuldigte in zivilrechtlich vorwerfbarer Weise gegen eine geschriebene oder ungeschriebene Verhaltensnorm, die aus der gesamten schweizerischen Rechtsordnung stammen kann, verstossen und dadurch das Strafverfahren veranlasst hat. Gemäss Bundesgericht handle es sich hierbei um eine den zivilrechtlichen Grundsätzen angenäherte Haftung für ein widerrechtliches und vorwerfbares Verhalten. Widerrechtlich sei das Verhalten eines Beschuldigten dann, wenn es in klarer Weise gegen Normen der Rechtsordnung verstösst. Neben dem widerrechtlichen Verhalten sei aber auch noch erforderlich, dass das Verhalten des Beschuldigten die adäquate Ursache für die Einleitung des Strafverfahrens war. Die treffe dann zu, wenn gegen das geschriebene oder ungeschriebene kommunale, kantonale oder eidgenössische Verhaltensnormen klar verstossende Benehmen des Beschuldigten nach dem gwöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Erfahrung des Lebens geeignet war, den Verdacht einer strafbaren Handlung zu erwecken und damit Anlass zur Eröffnung eines Strafverfahrens zu geben. Eine Kostentragung komme aber nur dann in Frage, wenn sich die Behörde aufgrund des normwidrigen Verhaltens des Beschuldigten in Ausübung pflichtgemässen Ermessens zur Einleitung eines Strafverfahrens veranlasst sehen konnte (vgl. BGE 116 Ia 162, S. 170/171).
Der Beschuldigte äusserte sich am 7. April 2017 in den Medien, dass er sexuelle Handlungen an mehreren Minderjährigen vorgenommen habe. Das vom Beschuldigten selbst eingestandene Verhalten mag zwar mittlerweile strafrechtlich nicht mehr verfolgbar sein, stellt aber eine Verletzung der Persönlichkeit der betroffenen Personen im Sinne von Art. 28 ZGB dar. Der Beschuldigte hat somit in zivilrechtlich vorwerfbarer Weise gegen eine geschriebene Verhaltensnorm verstossen und handelte somit widerrechtlich. Das Verhalten des Beschuldigten sowie dessen Eingeständnis dazu in der Öffentlichkeit war denn auch adäquat kausal für das Einleiten der vorliegenden Strafuntersuchung, da die Äusserungen des Beschuldigten nach den gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Erfahrung des Lebens geeignet waren, den Verdacht einer strafbaren Handlung zu erwecken und damit Anlass zur Eröffnung eines Strafverfahrens zu geben. Die Staatanwaltschaft sah sich sodann auch berechtigterweise dazu verpflichtet, den Äusserungen des Beschuldigten nachzugehen und diesbezüglich eine Strafuntersuchung einzuleiten.
Somit sind sämtliche Voraussetzungen für eine Kostenauflage an den Beschuldigten erfüllt. Da die Verfahrenskosten dem Beschuldigten auferlegt werden, ist ihm auch keine Entschädigung oder Genugtuung zuzusprechen.
Gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO und Art. 320 StPO.
Anhang 6: Ordnung muss sein. „Schweizer Illustrierte“ [162]
Wieder eine jener Diskussionen mit Schulbehördemitgliedern. „Sie schauen zuwenig auf Ordnung und Sauberkeit, es ist sehr dreckig hier.“ Ich wehre mich. „Es ist wahr, im Augenblick ist es hier ungeheuer chaotisch. Aber ich habe eben zurzeit ein paar Schüler, die grosse Probleme haben, seelische, meine ich. Das ist im Moment einfach wichtiger. Ich kann die nicht wegen der Ordnung unter Druck setzen.“
„Aber die Erziehung zur Ordnung ist auch wichtig, viel wichtiger, als Sie jetzt da sagen.“ Ich versuche zu erklären. Aber was ich da vorbringe, wird allenfalls als „mildernder Umstand“ betrachtet angesichts der Tatsache, dass ich die Erziehung zur Ordnung vernachlässige.
Ich bin verletzt, empört. Es gibt Tage, da bin ich vierundzwanzig Stunden im Einsatz für einen Buben, der Schwierigkeiten hat. Das ist, verdammt noch mal, kein mildernder Umstand, das ist eine Hauptsache. Auf alle Fälle wichtiger als Ordnung. Es gibt doch nichts Wichtigeres als einen einzelnen Menschen.
Da ist Fredi. Die ersten vierzehn Jahre seines Lebens ist er aufgewachsen mit dem Gefühl: „Es gibt überhaupt niemanden, der mich mag.“ Deshalb seine mangelhaften Schulleistungen, seine Verhaltensstörungen. Jetzt beginnt er langsam zu begreifen, dass es doch offenbar ein paar Menschen gibt, die ihn recht gut leiden mögen. Er tobt fröhlich ums Haus herum, und wenn er etwas gefunden hat, was er mir oder den andern zeigen möchte, kommt er herein.
Natürlich ohne die Schuhe abzuputzen. Hin und wieder bemerke ich das, lache und sage: „Komm, putz noch rasch die Schuhe ab.“ Das tut er auch. Aber zwanzigmal sehe ich das nicht, ich bin mit einem andern Schüler beschäftigt.
Was soll ich jetzt tun? Die Türe abschliessen? Oder Fredi mit Strafen dazu bringen, dass er jedesmal die Schuhe abputzt? Würde er, mit seiner vierzehnjährigen traurigen Geschichte mir dann immer noch glauben, dass ich ihn gut leiden mag, dass er gar nicht so schlecht ist, wie man ihn bisher glauben machen wollte? Nein, dieser Fredi ist doch einfach wichtiger als ein geputzter Hauseingang, da muss ich den Dreck wohl in Kauf nehmen.
Ordnung ist weder gut noch böse. Man betrachte das Foto auf dieser Seite. Da ist auch ein Hauseingang drauf. Sauber, geputzt und aufgeräumt, viel besser als der in unserem „Schulhaus“. Eine wahre Augenweide für jeden, der Ordnung liebt. Nur: Die Aufnahme stammt aus dem Konzentrationslager Mauthausen.
Ein Gedanke, auf den ich beim Betrachten dieses Fotos gekommen bin: „Mein“ Schulpfleger ist älter als ich, er könnte beinahe mein Vater sein. Er hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, er kennt die Bilder von der grossen Unordnung, die damals herrschte, vor allem am Schluss des Krieges. Ihm kommt wahrscheinlich nur schon aus diesem Grunde der Satz „Ordnung ist nicht so wichtig“ nicht leicht über die Lippen.
Bei mir ist das etwas anders. Ich bin in der Zeit nach diesem Krieg aufgewachsen, als man daranging, die Ordnung wiederherzustellen. Ich habe diese Ordnung nicht als etwas Positives erlebt, als das, was nach der grossen Unordnung das Leben wieder leichter macht. Ich habe eher die Leere innerhalb dieser Ordnung empfunden. Die Kuchenform nützt nichts, wenn der Teig versaut ist.
Aber ich denke mir auch: Die grosse Unordnung, die vielen der älteren Generation noch tief in den Knochen sitzt, ist ja gerade durch zuviel Ordnung entstanden. Hitlers Reich war sehr gut organisiert – und auch sehr gut aufgeräumt, vor allem, was die Menschen betraf.
Ordnung ist weder gut noch böse. Sie kann Menschen das Leben erleichtern. Aber auch in diesem Falle sind das Leben und die Menschen wichtiger als die Ordnung. Der Satz „Ordnung muss sein“ ist unmenschlich. Sobald die Ordnung einfach sein muss, losgelöst von den Menschen, sind der Unmenschlichkeit Tür und Tor geöffnet.
Oder, um wieder auf unsere Schule zurückzukommen: Dieser Fredi, sein grosses Problem, seine Traurigkeit und seine in letzter Zeit langsam sichtbar werdende Freude, das alles ist einfach wichtiger als ein geputzter Hauseingang. Ich will jetzt nicht umgekehrt den Dreck zum pädagogischen Prinzip erheben. Mir selber ist ein einigermassen sauberer Hauseingang auch lieber. Aber es geht ja um Fredi. Das ist das Wichtigste. Und deshalb wird der Eingang wohl noch einige Zeit dreckig bleiben. J.J.
Anhang 7: „Ein Fall Jegge ist heute nicht mehr möglich, sagt Silvia Steiner“. („Tagesanzeiger“) [163]
„Tagesanzeiger“
Die Behörden waren überfordert, konnten aber von den Übergriffen nichts wissen. Das ist das Fazit aus dem Bericht der Bildungsdirektion zum Fall Jürg Jegge.
Sie informierten heute zum Fall Jegge: Rechtsanwalt Michael Budliger, Regierungsrätin Silvia Steiner, Jegge-Opfer Markus Zangger.
Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner ist heute zusammen mit Rechtsanwalt Michael Budliger und Markus Zangger vor die Medien getreten. Zangger war in den 70er-Jahren Schüler von „Starpädagoge“ Jürg Jegge, wurde von diesem sexuell missbraucht und hat seine schlimmen Erlebnisse in seinem Buch „Jürg Jegges dunkle Seite“ publik gemacht.
Rechtsanwalt Budliger hat im Nachgang zu Zanggers Enthüllungen im Auftrag der Bildungsdirektion den Fall Jegge untersucht. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden heute präsentiert. Budligers Auftrag lautete, die damals geltende Rechtslage punkto Sonderschulung aufzuarbeiten und zu klären, ob die damaligen Vorgaben von Behörden und anderen involvierten Personen eingehalten worden seien.
Die eigentlich zentrale Frage lautete allerdings, ob die Schulbehörden von Jegges Übergriffen gewusst oder diese zumindest geahnt und gleichwohl nichts unternommen hätten. Die missbrauchten Schüler hatten den Verdacht geäussert, man habe „im ganzen Dorf“ von den Übergriffen gewusst und darüber gesprochen. Budliger äusserte sich an der Pressekonferenz dazu nur am Rand. Dafür betonte Regierungsrätin Steiner mit Nachdruck: „Es gab und gibt keine Hinweise in den Akten, dass man wusste oder ahnte, was hinter den Türen geschah.“
Steiner nimmt mit ihrem Fazit Bezug auf Budligers Bericht, in dem es wörtlich heisst: „Soweit feststellbar, ergibt sich, dass keine Kultur des Wegschauens geherrscht hat und niemand etwas wirklich gewusst hat.“ Zur Frage, ob jemand etwas geahnt habe, heisst es: „Was heute sofort als Indiz oder zumindest als Verdacht auf Übergriffe gewertet würde, insbesondere die weitgehenden privaten Kontakte von Jegge zu seinen Schülern, wurde damals als Ausprägung der Fokussierung von Jegges Unterricht auf persönliche Beziehung und Persönlichkeitsfindung interpretiert.“ Nicht zuletzt, weil seine diesbezüglichen Erklärungen nicht hinterfragt worden seien. Rückblickend beurteile man vieles anders. „Damals fand man die Begebenheiten zwar teilweise seltsam, aber nicht weil Verdacht geschöpft wurde, sondern weil es ungewohnt und neu war und schwierig einzuordnen.“
Entlastet wird auch die Bildungsdirektion, die damals noch Erziehungsdirektion hiess. Der untersuchende Rechtsanwalt Budliger schreibt: „Es finden sich keinerlei Hinweise, dass Jegges Missbräuche in der Erziehungsdirektion bekannt waren oder vermutet wurden und dass gegen Jegge trotzdem oder aufgrund privater Beziehungen nicht vorgegangen wurde. Missbrauchsfälle hatten auch in dieser Zeit die sofortige fristlose Entlassung von Lehrern zur Folge.“
Ungeschoren kommen die Schulbehörden in Budligers Bericht gleichwohl nicht davon. Steiner resümierte den Bericht mit den Worten: „Erziehungsdirektion und Bezirksschulpflege liessen Jegge allzu grosse Freiheiten.“ So sei es beispielsweise ohne Konsequenzen geblieben, wenn Jegge die Regeln nicht eingehalten oder eine kritische Schulpflegerin zusammengestaucht habe.
Dass man Jegge grosszügig schalten und walten liess, erklärt sich Steiner so: „Lehrer waren früher Autoritäten, die man nicht hinterfragte.“ Bei Jürg Jegge sei noch hinzugekommen, dass er als Vorzeigepädagoge galt, dessen Methoden gerade in der Erziehungsdirektion flammende Anhänger hatten.
Budligers Bericht schildert detailliert, wo und wie sich die grossen Freiheiten manifestierten, welche die Behörden Jegge zugebilligt hatten. Dabei zeigt die Untersuchung auch auf, wo diese Freiheiten allzu gross – das heisst: vorschriftswidrig gross – waren. So hält der Bericht fest, dass Jegge 14 Jahre lang ohne sonderpädagogische Zusatzausbildung an Sonderklassen unterrichtet habe, was „zumindest unüblich lange“ sei. Ausserdem seien bei der Zuweisung der Schüler zu Jegges Sonderklassen „nicht alle Vorschriften beachtet“ worden. Der Verdacht, Jegge habe seine Schüler selbst ausgewählt, habe sich allerdings nicht bestätigt.
Zudem moniert Rechtsanwalt Budliger, es seien verschiedentlich die gesetzlichen Grundlagen nicht eingehalten worden. Auch habe Jegge während eineinhalb Jahren ohne Aufsicht durch die Schulpflege in seiner eigenen Wohnung unterrichten dürfen – dabei wisse man heute, dass es während jener Zeit (und ebenso davor und danach) zu Übergriffen gekommen sei.
Der Bericht bringt ausserdem zu Tage, dass die Aufsichtsorgane zwar immer wieder Kritik an Jegge und seinem Unterricht äusserten – die Kritik betraf etwa Jegges häufige Abwesenheit, die Unordnung im Unterrichtsraum, die Disziplinlosigkeit der Schüler sowie Jegges unkooperatives Verhalten gegenüber den Schulbehörden. Doch die Kritik blieb folgenlos.
In den 70er-Jahre habe in den Gemeinde- und Bezirksschulpflegen eine beträchtliche Verunsicherung bezüglich des „richtigen“ pädagogischen Konzepts geherrscht, hält die Untersuchung fest. Als Folge dieser Verunsicherung, so der Bericht weiter, „ergab sich für Jegge die Möglichkeit, sich seine Rahmenbedingungen beinahe unbegrenzt selbst festzulegen, weil er sie stets als pädagogische Notwendigkeit darstellen konnte.“
Das heisst: Jegge nützte seine Stellung als „Starpädagoge“ aus, um sich ein „Setting“ zu schaffen, in dem er seine Übergriffe vornehmen konnte. Indem ihm die Schulbehörden eine viel zu lange Leine liessen, schufen sie die Voraussetzungen für dieses Setting.
Buchautor und Jegge-Opfer Markus Zangger schloss hier an und betonte vor den Medien, Jegge habe die Überforderung der Schulbehörden für seine Zwecke genutzt. Indem er seine Schüler zu „schwer erziehbaren, therapiebedürftigen Wesen degradiert“ und sich selber zum „Gutmenschen“ stilisiert habe, der exklusiv in der Lage sei, diesen Wesen zu helfen, habe er sich den Freiraum für seine Taten geschaffen. „Es ging ihm einzig darum, egoistisch seine Bedürfnisse befriedigen zu können.“
Laut Zangger sei das wirkliche Ausmass von Jegges Übergriffen noch grösser als bisher angenommen. „In den 70er-Jahren hat sich Jegge beinahe täglich an einem Opfer vergangen“, sagte Zangger vor den Medien: „Die psychischen Schäden, die Jegge bei uns angerichtet hat, sind immens.“
Auch Bildungsdirektorin Steiner verwies vor den Medien auf die Überforderung der damaligen Schulbehörden. Gleichzeitig betonte sie, das System an sich habe nicht versagt: „Jürg Jegge hat das System mit Bedacht rücksichtslos ausgenützt. Er unterscheidet sich durch nichts von anderen Pädophilen.“ Dass Jegge in Interviews die Missbräuche mit dem Hinweis auf den damaligen Zeitgeist zu verharmlosen versucht habe, findet Steiner unerträglich: „Mit dem Zeitgeist kann gar nichts gerechtfertigt werden. Es gibt keine Entschuldigung für die Übergriffe.“
Welche Lehren zieht die Bildungsdirektorin aus dem Budliger-Bericht und aus dem Fall Jegge? Vor den Medien sagte Silvia Steiner, die Untersuchung sei auch so etwas wie „Stresstest“ für das heutige System gewesen. Dieser sei insofern positiv ausgefallen, als sie glaube sagen zu dürfen: „Ein Fall Jegge ist heute nicht mehr möglich.“
Steiner verwies darauf, dass die Bestimmungen und Vorgaben heute allgemein deutlich strenger seien, dass Behörden und involvierte Kreise professioneller arbeiten würden und dass die Sensibilität gegenüber Missbräuchen deutlich grösser sei als früher. Zwar habe man früher vor Missbräuchen nicht generell die Augen verschlossen. Aber, so Steiner, gerade im Fall eines Vorzeigepädagogen à la Jegge habe damals gegolten: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Anhang 8: Knapp (J.J.)
Eine möglichst kompakte Darstellung der im Teil „Nachdenken“ vorgestellten Gedanken dieses Buches.
Seit es Menschen gibt, pflegen diese die verschiedensten Kontakte: alltägliche, geistige, körperliche, seelische, sexuelle – übrigens meist über Altersgrenzen hinweg und in unterschiedlichen Zusammenhängen wie Familie, Nachbarschaft, Schule, Verein, Kirche...
Was sexuelle Kontakte betrifft, bestanden und bestehen grosse Unterschiede in Wahrnehmung und Wertung, vor allem bei Kontakten zwischen erwachsenen und aufwachsenden Menschen. Das hat offenbar zweierlei Gründe. Zum einen hat jeder Mensch seine ganz persönliche Geschichte, auch mit der Sexualität. Die hängt zusammen mit seiner Erziehung, seinen Erfahrungen. Das ist es, was Gotthilf Hiller in seiner Einordnung „Biografische Erfahrungen“ nennt. Es ist aber auch beeinflusst davon, wo und wie man sich seither orientiert hat, durch Lesen, durch Berichte in Radio, TV und Internet, wie und mit wem über solche Themen diskutiert wurde. Und damit wären wir bei der Frage des „Zeitgeistes“. Die Sexualität ist ein Haustier der Zeit: Sie hat ein starkes Eigenleben, ist aber letztlich auch wesentlich abhängig davon, was und wie zu der Zeit gedacht, gesagt, geschrieben und gehandelt wird. Von der altgriechischen Knabenliebe bis zu MeToo spannt sich da ein weiter Bogen. Uns interessiert, was sich in Sachen Sexualität in den letzten fünfzig Jahren verändert hat.
Die allgemeine Aufbruchstimmung der Siebzigerjahre nach der Muffigkeit in den Fünfzigern machte sich auch hier bemerkbar. (Wobei: Gar so „allgemein“ war Zeitgeist nie. Wie bei jeder Zeitströmung gab es auch hier solche, die sich von ihr erfassen liessen, solche, die sich dagegen stemmten und solche, die abseits blieben.) Die immer grössere Verbreitung der Pille befreite von der Vorstellung, dass Sexualität ausschliesslich der Fortpflanzung diene. Sie konnte nun auch ganz einfach Spass machen. Weitere Tabubrüche folgten: Freie Liebe, Zuneigung zum eigenen Geschlecht... Es wurden ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen publiziert, die belegten, dass junge Menschen sexuelle Erlebnisse selbst mit Älteren unbeschadet überstehen konnten. Und in der Schweiz ging man an die Revision des Sexualstrafrechts. Eine vom Nationalrat eingesetzte Juristen-Kommission machte dabei den Vorschlag, das Schutzalter auf zehn oder zwölf Jahre zu senken. Schützen müsse man lediglich Kinder vor der Pubertät.
In diesen ganzen Zusammenhang gehört auch mein beschriebener Tabubruch. Das alles schaut heute anders aus. In den Siebzigern wurde Sexualität vor allem als Quelle von Lust und Befreiung empfunden und beschrieben. Dass sie auch mit Leid verbunden sein könnte, geriet dabei meist aus dem Blickfeld. Heute ist es genau umgekehrt. Missbrauch, sexueller Übergriff, Gewalt, Trauma, Schuld sind die Themen, welche die Diskussion beherrschen. Auch die wissenschaftlichen Arbeiten beschränken sich hauptsächlich darauf. Dass Sexualität auch mit Freude, mit Zärtlichkeit oder gar mit Liebe zu tun haben könnte, geht dabei unter.
Da wären sicher zunächst einmal die Erfolge der Frauenbewegung zu nennen. Seit sich Frauen gegen Diskriminierung jeder Art zur Wehr setzen, steigt auch allgemein die Sensibilität gegenüber den verschiedensten Formen der Gewalt. Und daher kommt es, dass man über deren traumatische Folgen ganz einfach mehr weiss. Ein weiterer Grund ist offensichtlich die Auswirkung von Aids. Diese Infektionskrankheit, die lange Zeit tödlich war, stoppte die Freude an der in den Siebzigerjahren wieder „entdeckten“ Sexualität nachhaltig.
Der deutsche Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey liefert mit dem Begriff „regressive Moderne“ eine weitere schlüssige Erklärung. Unsere Zeit, sagt er, zeige ein seltsames Doppelgesicht. Einerseits verfügten wir über Möglichkeiten und Freiheiten wie noch nie in der Geschichte. Er nennt das die horizontale Ebene. Auf der andern, der vertikalen Ebene herrsche Regression, der hemmende Rückgriff auf Altes, Gewohntes: Wettbewerbsdenken, Gruppenegoismus, Konformität. Grund dafür seien Ängste, vor allem soziale Abstiegsängste, aber auch andere Zukunftsängste jeder Art. Ein gutes Beispiel für dieses Doppelgesicht ist die gesellschaftliche Situation der Frauen. Die können heutzutage aus verschiedensten Möglichkeiten auswählen, wie sie gegendert werden möchten. Andererseits verdienen sie immer noch weniger als Männer, müssen sich immer noch oft genug mühsam durchsetzen oder auch nur Gehör verschaffen – und vielen von ihnen wird immer noch Gewalt angetan.
Das Deutungsmuster der „regressiven Moderne“ lässt sich ohne weiteres auf das Gebiet der Sexualität übertragen. Wir haben Freiheiten, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Zu den ohnehin herrschenden Sorgen kommt aber hier noch die Angst vor Aids oder davor, Ungewolltes erleiden zu müssen. Und auf der vertikalen Ebene: Wettbewerbsdenken als Sensationseifer, Konformität als Prüderie, Gruppenegoismus als zur Schau getragene Rechtschaffenheit.
Das treibt zuweilen seltsame Blüten. Da wird heute das Zusammenleben von Menschen gleichen Geschlechts endlich mehr oder weniger allgemein akzeptiert, ja wir haben sogar die Möglichkeit, unser Geschlecht selber zu bestimmen – welch eine Befreiung von einengenden Schranken! Und dann drängen die soeben endlich Befreiten in Ehen, konstruieren Kleinfamilien aller Art und schaffen neue reglementierte Verhältnisse, aus denen sich neue Abhängigkeiten ergeben, die frisches Empörungsfutter liefern, wenn sich jemand daraus zu befreien versucht. So etwas hätte man vor fünfzig Jahren als kleinbürgerlich verlacht, und es wäre spannend zu wissen, wie man in wiederum fünfzig Jahren darüber denkt. Aber zurück zu den heutigen Empörungen. Da wird meist gar nicht richtig hingeschaut; man erregt sich und verurteilt vielmehr sofort. Dafür finden sich in den Reaktionen auf meine Geschichte Beispiele zuhauf.
Schaut man aber genauer hin, wird es ungleich vielfältiger. Das Opfer gibt es sowenig wie den Täter. Bleiben wir zunächst beim Täter. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hat eine (unvollständige) Aufzählung geliefert. Den sexuellen Missbrauch gebe es nicht, sagt er: Zu unterscheiden wären zum Beispiel: vorzeitige Sexualisierungen ohne körperlichen Kontakt [...]; sexuelle Traumatisierungen durch Familienangehörige oder durch Aussenstehende; sexuelle Traumatisierungen ohne oder mit körperlicher Misshandlung; täppische sexuelle Übergriffe durch organisch hirnkranke ältere Männer oder sexuelle Traumatisierungen durch extrem raffinierte Pädophile [...]; erotische oder sexuelle Beziehungen zu erwachsenen Frauen oder Männern, die den Heranwachsenden nach deren eigenem Zeugnis im Erwachsenenalter mehr genutzt als geschadet, mehr gegeben als genommen haben; schliesslich Gewalttaten bis hin zum Mord. Und so verschieden wie die Missbrauchsgeschichten sind die Täter.
Genauso unterscheiden sich auch die Opfer. Da sind einmal die, die durch ihre Erlebnisse traumatisiert wurden und denen ohne Zweifel möglichst wirksam geholfen werden muss. Dann sind andere, denen solche Erfahrungen nach eigenem Bekunden sogar genützt oder zumindest nicht geschadet, eben: mehr gegeben als genommen haben. Dann gibt es da alle möglichen Zwischenstufen. Auch finden sich Menschen, die im Laufe der Zeit ihre Meinung über dieses mehr gegeben als genommen geändert haben, in beide Richtungen. Und schliesslich sind noch die, welche über ihre Erfahrungen gar nicht reden. Auch diese haben ihre Gründe dafür, und das müssen nicht zwingend Verdrängung, Angst oder Abhängigkeit sein.
- Was bewirkt, dass sexuelle Kontakte als traumatisierend erlebt werden? (Was passiert, wenn sie (zu) früh stattfinden? Wenn sie mit Gewaltanwendung verbunden sind? Wenn Abhängigkeit ausgenutzt wird? Wieviel passiert erst im Nachhinein, auf Grund des verursachten Aufruhrs?)
- Was macht, dass solche Kontakte von anderen aber nicht als traumatisierend, sondern sogar eher als bereichernd erlebt werden? Dass Menschen sagen, diese Kontakte hätten ihnen mehr gegeben als genommen oder zumindest nicht geschadet? (Liegt es daran, wie Sexualität im Umfeld, in dem man aufwächst, erlebt wird? Oder weil man sich gut und angenommen fühlt, obwohl man gelernt hat, „nein“ sagen zu können?)
- Was ist der Grund dafür, dass Menschen ihre Erinnerung und ihre Einstellung zu einstigen Erlebnissen im Laufe der Zeit in die eine oder andere Richtung ändern?
- Warum schweigen nicht wenige über solche Erfahrungen ganz einfach? Was haben sie für Gründe?
Solche Fragen dienen keineswegs einer Verharmlosung sexueller Übergriffe. Aber die Aufgeregtheit, die gegenwärtig vorherrscht, verschleiert mehr, als dass sie klärt. Mehr Klarheit in diesem Bereich könnte durchaus dazu beitragen, dass aufwachsende Menschen traumatisierenden Erlebnissen weniger schutzlos ausgeliefert sind. Mehr Klarheit könnte weniger Ängstlicheit, mehr Gelassenheit, vielleicht sogar mehr Freude in der Erziehung bedeuten. Und damit beitragen zum vielleicht Wichtigsten, was Erziehung vermitteln kann: Liebe zum Leben und seiner Vielfalt.
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[1] Zitate aus Briefen, Zeitungsartikeln, Büchern, Online-Publikationen usw. werden in diesem Buch durchwegs kursiv gesetzt. Umgekehrt ist aller senkrecht gesetzte Text von mir geschrieben. Das wird in diesem Buch durchgängig so gehalten, nur im Anhang wird meist auf Kursivsatz verzichtet.
[2] Kraft, Hartmut: Die Lust am Tabubruch (2015), S. 14.
[3] Forst, Rainer: Das Recht auf Rechtfertigung (2004), S. 10.
[4] A.a.O. S. 9
[5] „Tagesanzeiger“, 5. April 2017.
[6] „Jürg Jegges dunkle Seite. Das Buch“, Magazin Süddeutsche Zeitung, 5. Feb. 2014.
[7] Shaw, Julia: Das trügerische Gedächtnis (2016), S. 15.
[8] Zangger, Markus /Stamm, Hugo, Jürg Jegges dunkle Seite (2017), S. 79.
[9] s. z.B. BGE 136 II 187 S. 195.
[10] Zangger/Stamm, S. 9.
[11] Ebd. S. 128.
[12] Ebd. S.134.
[13] Ebd. S.77.
[14] Ebd. S.118 f.
[15] Ebd. S.161.
[16] Ebd. S. 187.
[17] z.B. Wünsche, Konrad, Die Wirklichkeit des Hauptschülers (1972).
[18] Jegge, Jürg, Abfall Gold (1991).
[19] Dummheit ist lernbar, S. 151
[20] Mail an Verf. 23.05.2018
[21] a.a.O.
[22] Miller, Damian/Oelkers, Jürgen: Ist Dummheit lernbar? (2018), S. 19 f.
[23] Klecha u.a.: Die Grünen und die Pädosexualität, 2015, S. 50 f., Anmerkung
[24] Mail an Verf. 23.05.2018.
[25] Lowen, Alexander: Liebe und Orgasmus (dt. 1980), S.407 ff.
[26] „Tagesanzeiger“ 6. Oktober 2017.
[27] Looser, Heinz u.a.: Die Schweiz und ihre Skandale (1995), S. 241.
[28] Pörksen, Gerhard, Die grosse Gereiztheit (2018), S.67.
[29] Schneider, Hans Joachim, Das Geschäft mit dem Verbrechen (1980). S. 128.
[30] Ich habe diese Position immer wieder dargestellt, am ausführlichsten in „Die Krümmung der Gurke“ (2010).
[31] „Schaffhauser AZ“ vom 22. Juni 2017
[32] „Schaffhauser Nachrichten“ vom 22. Juni 2017.
[33] „NZZ am Sonntag“, 7. Mai 2017.
[34] „Sonntagszeitung“ vom 8. Oktober 2017.
[35] So z.B. in Jegge, Jürg (Hg.), „Rohrstock 1“ (1984) oder in Jegge, Jürg, Abfall Gold (1991)
[36] Jegge, Jürg Die Krümmung der Gurke (2006), S.86 ff.
[37] Berufliche Eingliederung: Entwicklung und Wirkung, 23. Mai 2017, herausgegeben vom BSV.
[38] Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1, (2018/4), S. 212 f.
[39] Alle folgenden Zitate sind aus dem Artikel der „Sonntagszeitung“ vom 8. Oktober 2017 S. 125.
[40] Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur SDA vom 22.1.2018
[41] Kurt Hahn ,1886-1974, gilt als Begründer der „Erlebnispädagogik“. Gründer und Leiter des Internats Schloss Salem. (Sämtl. Anm. zu diesem Kapitel: J.J.)
[42] Gustav Wynecken, 1875-1964, Mitbegründer und Leiter der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Ihm wurde wiederholt Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Einmal wurde er dafür auch verurteilt.
[43] Hartmut v. Hentig, geb. 1925, Pädagogikprofessor und Gründer der Laborschule Bielefeld.
[44] Gerold Becker, 1936-2010, Leiter der Odenwaldschule bis 1985. Die Odenwaldschule wurde nach einem umfangreichen Missbrauchskandal geschlossen.
[45] Diese Aussage bezieht sich auf das deutsche Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz. Dort werden unterschieden: Kinder (von 0 bis 14 Jahren), Jugendliche (ab 14 bis 18) und junge Erwachsene (ab 18 bis 24/27). (Mitteilung Prof. Hiller).
[46] „Sonntagsblick“ 10. April 2017
[47] Untersuchung Budliger S. 2.
[48] Ebd. S. 61.
[49] Ebd. S. 64.
[50] Ebd. S. 65.
[51] Ebd. S. 64.
[52] Ebd. S. 88.
[53] Ebd. S. 87.
[54] Ebd. Anhang 1: Die drei Berichte der Zürcher Erziehungsdirektion zum Projekt „Schule in Kleingruppen“ 1978/1982/1985.
[55] Untersuchung Budliger S. 51.
[56] Ebd. S. 68.
[57] Ebd. S. 68.
[58] Ebd. S. 79 f.
[59] Ebd. S. 68.
[60] Ebd. S. 81.
[61] Ebd. S. 64.
[62] Ebd. S. 67.
[63] Ebd. S. 67.
[64] Ebd. S. 71.
[65] Ebd. S. 66.
[66] Ebd. S. 80.
[67] Ebd. S. 68.
[68] Ebd. S. 68.
[69] Ebd. S. 65 f.
[70] Ebd. S. 67.
[71] Ebd. S. 86.
[72] Ebd. S. 89.
[73] Miller, Damian/Oelkers, Jürgen (Hg.), Ist Dummheit lernbar?, (2018)
[74] Miller/Oelkers z.B. S. 57 f., 89 f., 93 f., 109 ff., 125 f. usw.
[75] Ebd. z.B. S. 83 f., 89 f., 133 ff. usw.
[76] Ebd. S. 120.
[77] Ebd. S. 119.
[78] Ebd. S. 177 ff.
[79] Ebd. S. 125.
[80] Ebd. S. 248.
[81] Ebd. S. 35.
[82] Ebd. S. 76.
[83] Jegge, Jürg, 8424 Embrach (1982), S. 25.
[84] Miller/Oelkers a.a.O. S. 65.
[85] Ebd. S. 229 ff.
[86] http://forvm.contextxxi.org/gegenrede.html (Zugriff 15.09.2019)
[87] s. S. 69 f.
[88] Kraft, Hartmut: Die Lust am Tabubruch (2015) S. 200.
[89] Reiche, Reimuth, Sexualität, Moral und Gesellschaft (1974), S. 2 f.
[90] „Tagesanzeiger“ vom 21. April 2017.
[91] Als Buch erschienen: Killias, Martin, Jugend und Sexualstrafrecht (1979)
[92] Ebd. S. 185 f.
[93] Ebd.
[94] Walter, Franz: „In dubio pro libertate“, in: Walter, Franz / Klecha, Stephan / Hensel,
Alexander (Hg.), Die Grünen und die Pädosexualität (2015), S. 116.
[95] Killias, S. 210 f.
[96] Schneider, Das Geschäft mit dem Verbrechen (1980), S. 127
[97] Sigusch, Volkmar, Neosexualitäten (2005), S. 29.
[98] Sigusch a.a.O.
[99] Mottier, Véronique: Sexualität. Eine sehr kurze Einführung, (2015), S. 119
[100] Einen guten Überblick über diese Debatte bietet der Beitrag von Franz Walter „Die Grünen und
die Last des Libertären“ in: Walter/Klecha/Hensel, a.a.O. S. 253 ff.
[101] Der Artikel erschien in der Wiener Stadtzeitung „Falter“ Nr. 6/2018.
[102] „Falter“ Nr. 5/2018, ebenfalls von Lingens
[103] Interview in der „Wiener Zeitung“ vom 10./11. Feb. 2018.
[104] Ogiermann, Jan Martin: Zukunft. Eine Biographie (2019), S. 223.
[105] Rendueles,Cesar, Globale Regression und postkapitalistische Gegenbewegungen, in: Geiselberger,
Heinrich (Hg.), Die grosse Regression (2017), S. 233.
[106] Nachtwey, Oliver, Die Abstiegsgesellschaft (2016), S. 8.
[107] Ebd. S. 11.
[108] Ebd. S. 11.
[109] Ebd. S. 12.
[110] Pfaller, Robert, Erwachsenensprache (2017), S. 15 f.
[111] in: Geiselberger (Hg.) S. 212.
[112] Geiselberger (Hg.): Die grosse Regression (2017).
[113] Mishra, Pankaj, Das Zeitalter des Zorns (2017).
[114] Mishra, Pankaj: Politik im Zeitalter des Zorns, in: Geiselberger (Hg.) a.a.O. S. 177.
[115] Ich habe in „Fit und fertig“ (2009) beschrieben, wie durch die neoliberale Modernisierung sich unser Alltag und seine Qualität verändert.
[116] Koppetsch, Cornelia, Die Wiederkehr der Konformität (2013)
[117] Münkler, Herfried, Mitte und Mass (2010), S. 76 f.
[118] https://www.youtube.com/watch?v=Mh4f9AYRCZY (Zugriff 15.09.2019)
[119] http://www.spiegel.de/karriere/panne-fuer-professor-kinder-unterbrechen-bbc-interview-a- 1138227.html (Zugriff 15.09.2019)
[120] Münkler, S. 72.
[121] Koppetsch, S. 54.
[122] „Sonntagszeitung“ vom 8. April 2018.
[123] Pfaller, Erwachsenensprache, S. 48.
[124] Ebd. S. 19.
[125] Ebd. S. 14 f.
[126] Ebd. S. 40.
[127] Brand, Ulrich /Wissen, Markus, Imperiale Lebensweise (2017), S. 97.
[128] Münkler, S. 65.
[129] Fülberth, Georg, G-Strich – Kleine Geschichte des Kapitalismus (2005), S. 260.
[130] Bude, Heinz, Das Gefühl der Welt (2016), S. 73.
[131] Ebd. S. 74 f.
[132] Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt (2012), S. 15.
[133] Sigusch: Neosexualitäten, 205, S. 7
[134] Pfaller, Erwachsenensprache S. 51
[135] Sigusch, S. 29.
[136] Fischer, Thomas, Das Sternchen-System. Fischer bezieht sich auf den Fall des deutschen
Regisseurs Dieter Wedel und dessen Darstellung in „Die Zeit“. Ich bin Gerhard Oberschlick für diesen Hinweis dankbar.
[137] Sigusch, S. 148.
[138] Pfaller: Erwachsenensprache, S. 54
[139] Kipnis, Laura, Sexual Paranoia, Essay, Übersetzung: Google, von Google auf Deutsch: Pfaller 2018 / J.
[140] s.S. 18.
[141] Sigusch, S. 149.
[142] Fischer, Das Sternchen-System.
[143] Pfaller, Erwachsenensprache S. 56.
[144] „Nordwestschweiz“, 23.01.2018
[145] Mottier: Sexualität, S. 8.
[146] Wolfgang Kraushaar im Gespräch mit Wolfgang Paterno, „Profil“ Nr. 50/2018.
[147] Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus (1933), zit. nach Neef, Tobias/Albrecht, Daniel: Sexualität und Herrschaft, in: Walter/Klecha/Hg., a.a.O., S. 69.
[148] a.a.O. S. 142.
[149] Rutschky, Katharina: Erregte Aufklärung (1992), S. 20.
[150] Fromm, Erich: Die Seele des Menschen, München 2016, S. 64 (Anm. 7).
[151] a. a .O. S. 65.
[152] a. a. O. S. 117 f.
[153] ders.: Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1973, S. 393.
[154] a. a. O. S. 411.
[155] Kraft, Hartmut, a.a.O. S. 118 Anhang.
[156] Als Ganzes abgedruckt in Stamm/Zangger: „Jürg Jegges dunkle Seite“.
[157] Weltwoche Nr. 15, 2017
[158] NZZ am Sonntag, 6.5.2017
[159] z.B. Aargauer Zeitung 30.05.2017
[160] 12. Oktober 2017
[161] 7. Dezember 2017
[162] „Schweizer Illustrierte“, 19. April 1982
[163] Tagesanzeiger.ch/Newsnet, erstellt: 28.06.2018, 09:00 Uhr


