FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 293/294
Renate Wiggershaus

Niemand ist unschuldig

Zum 100. Geburtstag Erich Mühsams am 6. April 1978

Dieser Text konnte in bundesdeutschen Zeitschriften nicht erscheinen; die Herausgeber hatten, ob zu Recht oder Unrecht, zuviel Angst vor dem §88a („Befürwortung von Gewalt“). Der höchst harmlose und höchst instruktive Aufsatz muß im NF schon deshalb Platz finden, weil wirksame Bekämpfung des Anarchismus Kenntnis seiner literar- wie politikhistorischen Wurzeln voraussetzt.

G. N.

Die Dichtkunst ist nichts als eine meiner Waffen im Kampf.

Erich Mühsam

Daumen gebrochen

Am ... Vormittag ertönt ein wildes Geschrei auf der Treppe. Gestöhn. Fußtritte von Nagelstiefeln. Faustschläge. Eimer werden hin und her geworfen. Ein dumpfer Fall. Ein Körper stürzt die Treppe herunter, rollt auf dem Boden hin, Stiefelspitzen stechen nach ihm, treten ihm ins Gesicht. Es ist blutbeschmiert, grünblau verschwollen, verschoben, das eine Auge wie zugedunsen. Eimer mit Spülwasser fliegen hinterher. Der Gefolterte liegt in einer Lache, in der Hand einen Aufwischlappen. Er will sich erheben, aber die Stiefel treten ihn jedesmal nieder. Ich erwische einen Blick von ihm. Der Gefangene leidet, aber sein Blick ist nicht gebrochen. Und das Schreien kommt nicht von ihm. Es kommt von seinen Peinigern. Und die sind keine SS-Männer. Die SS-Männer stehen im Hintergrund und grinsen. Die Peiniger sind Gefangene. Auch-„Gefangene“. Es sind weißgardistische Russen. Angehörige einer faschistischen Emigrantenformation, von Hitler pro forma „eingesperrt“, um die internationale Öffentlichkeit zu täuschen. Hier mit allen Privilegien ausgestattet ... Der Gefangene aber, an dem sie ihre Rachsucht austoben, den sie blutig schlagen und blutig treten, ist Erich Mühsam. Und das wiederholt sich Tag für Tag ... [1]

Das war im September 1933 im Zuchthaus Brandenburg. Mühsam war noch in der Nacht des Reichstagsbrands am 28. Februar 1933 als einer der ersten verhaftet worden, einen Tag vor seiner geplanten Flucht in die Tschechoslowakei. Nach den Stationen KZ Sonnenburg und Strafanstalt Plötzensee war er ins Zuchthaus Brandenburg eingeliefert worden. Es wurde 1934 aufgelöst; zahlreiche Häftlinge, unter ihnen auch Erich Mühsam, wurden am 2. Februar 1934, zusammengepfercht auf offenen Lastwagen, in eisiger Kälte ins KZ Oranienburg gefahren, das von der SA befehligt wurde. Unter dem Gestapo-Offizier des Lagers, Obersturmführer Stahlkopf, wurde die von ihm so genannte „Gleichschaltung“ praktiziert, die in schweren Prügeln, Tritten, Gummiknüppelschlägen und raffinierten Folterungen bestand. Der 56jährige Mühsam wurde öfter und schlimmer gequält als andere KZ-Insassen. Er war Jude und zudem durch seine Gedichte bekannt, die von Kommunisten und anderen politischen Häftlingen in Gefängnissen und Lagern skandierend aufgesagt und gesungen wurden.

Anfang Juli 1934 wurde die SA durch SS-Männer aus Württemberg und Bayern abgelöst. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 wurde Mühsam von diesen SS-Leuten ermordet und auf der Latrine aufgehängt. Die öffentliche Version dieses Mordes lautete, Erich Mühsam habe Selbstmord begangen.

Sie haben ihn geprügelt, bis er taub wurde. Sie haben ihm Haarbüschel aus dem Bart und vom Kopf gerissen. Sie haben ihn gezwungen, die Latrinen und Koteimer der Gefangenenbaracke mit den Händen zu säubern. Sie haben ihm der Mund aufgerissen und hineingespien, so daß er sich vor Ekel erbrach. Sie haben ihm beide Daumen an dem Tag gebrochen, an dem er Schreiberlaubnis bekam. Sie haben ihn zwingen wollen, das Zuhälterlied zu singen — er schwieg und ließ sich die Rippen von ihren Nagelstiefeln zertrampeln; nachts im Bunker sang er, halb wahnsinnig vor Qualen, die Internationale. Das war Erich Mühsam. Jener Erich Mühsam, den wir aus Hunderten von proletarischen Versammlungen kennen, jener Erich Mühsam, der noch drei Tage vor dem Reichstagsbrand neben Carl von Ossietzky auf dem Podium stand und seiner abgrundtiefen Haß gegen den Faschismus und den Krieg in den Saal brüllte ... [2]

Nachlaß in den Verliesen des Gorki-Instituts

Von Erich Mühsam gab es auf dem bundesrepublikanischen Büchermarkt fast drei Jahrzehnte lang kein Buch. Von seinen Dramen wurde nach dem Krieg keines je aufgeführt. Erst in den letzten Jahren wurden einzelne seiner Bücher nachgedruckt. In der DDR erschienen zwar einige Bände, es sind aber vor allem Neudrucke jener bereits zu Lebzeiten Mühsams erschienenen Texte, die vorwiegend literarischen und nicht gesellschaftlich-politischen Charakter haben, so zum Beispiel die „Unpolitischer Erinnerungen“. Und das, obgleich die Akademie der Künste in Berlin (DDR) 12.540 Mikroaufnahmen vom Nachlaß Mühsams besitzt, darunter die für seine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus aufschlußreichen Tagebücher.

In der Sowjetunion erschien 1960 eine knapp 200 Seiten starke „Auswahl aus seinen Werken“. Unveröffentlicht blieb der Nachlaß, den Kreszentia Mühsam nach dem Tod ihres Mannes in zwei großen Kisten aus Deutschland heraus und nach Prag bringen ließ. Er ist im Besitz des Maxim-Gorki-Instituts für Weltliteratur in Moskau. Zu diesem Nachlaß gehören u.a. unveröffentlichtte Werkmanuskripte, die Korrespondenz und vor allem die Tagebücher.

Der Herausgeber des 1974 erschienenen, Erich Mühsam gewidmeten Heftes der Zeitschrift europäische ideen (Nr. 5/6), Andreas W. Mytze, zeigt anhand umfangreichen Materials, daß der Nachlaß Mühsams wahrscheinlich zu Unrecht im Besitz des Gorki-Instituts ist. Testamentarisch habe Erich Mühsam seinen Freund, den Buchbinder, Schriftsteller und Anarchisten Rudolf Rocker, und seine Frau Zenzl Mühsam als Sachwalter seines literarischen Nachlasses eingesetzt. Daß sie es faktisch nicht sind, hat folgenden Grund:

1935 wurde Zenzl Mühsam als Ehrengast in Moskau empfangen. In zahlreichen Vorträgen berichtete sie über die Ermordung ihres Mannes. Sie erhielt das Angebot, die Werke ihres Mannes unzensiert und ungekürzt im Internationalen Verlag der Roten Hilfe erscheinen zu lassen. Kurz nach Ablieferung aller Manuskripte wurde sie verhaftet. Sie verbrachte etwa 15 Jahre in stalinistischen Gefangenenlagern und kehrte erst 1955 nach Deutschland zurück. 1962 starb sie in der DDR. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, ist von Erich Mühsams Nachlaß nichts erschienen.

Andreas W. Mytze forderte 1974 die vollständige Veröffentlichung von Mühsams Nachlaß: „Solange die Sowjetunion den gesamten Nachlaß Erich Mühsams für die Weltöffentlichkeit sperrt (von einigen harmlosen Ausnahmen abgesehen ...), solange wird der Verdacht bestehen bleiben, daß sich die Russen 1936/37 den Nachlaß Mühsams auf niedrige Weise aneigneten, um einen den Kommunisten gegenüber kritischen Anarchisten für die Zukunft unschädlich zu machen ...“

Im Verlag europäische ideen soll zum 100. Geburtstag Erich Mühsams eine Gesamtausgabe all jener Schriften erscheinen, die bereits zu seinen Lebzeiten herauskamen und heute weder in Buchhandlungen noch in Antiquariaten und nur teilweise in Bibliotheken zu haben sind. Erich Mühsam wird in fast allen westdeutschen Literaturlexika nicht einmal mit Namen erwähnt.

„Ich bin die Revolution!“ Erich Mühsam vor Gericht
(aus einem Anti-Mühsam-Pamphlet 1919)

Anarchisten des reinen Herzens

Mühsam wurde am 6. April 1878 als viertes Kind des Apothekers Siegfried Seligmann Mühsam und seiner Frau Rosalie Cohn in Berlin geboren. Kurz nach seiner Geburt zog die wohlhabende, angesehene jüdische Familie nach Lübeck, wo Erich Mühsam seine Kindheit und Jugend in einer konservativen und provinziellen Umgebung verbrachte. Er sollte nach dem Wunsch des strengen, nationalliberalen Vaters ebenfalls Apotheker werden. Frühzeitige Dichtversuche betrieb Erich geheim, da weder in Schule noch Elternhaus Verständnis dafür aufgebracht wurde. Mit 17 Jahren wurde er in der Untersekunda wegen „sozialistischer Umtriebe“ — er hatte über schulinterne Ereignisse in einer sozialdemokratischen Zeitung berichtet — vom Lübecker „Katharineum“ relegiert. Auf Wunsch seines Vaters besuchte er noch ein Jahr ein Gymnasium in Mecklenburg, wurde Apothekerlehrling und war im Jahre 1900 als Apothekergehilfe in verschiedenen Städten tätig. In Berlin lernte er die Brüder Heinrich und Julius Hart, Vorkämpfer des Naturalismus, kennen. Sie ermunterten ihn, zunächst als einzige, seinen Vorsatz, freier Schriftsteller zu werden, auch wirklich auszuführen.

In der „Neuen Gemeinschaft“ der Brüder Hart wurden Vorträge und Zusammenkünfte organisiert. Ihre Mitglieder, als „neue Menschen“ in einem „neuen Leben“ vereinigt, sollten das Exempel einer „in sozialer Verbundenheit wirkenden großen Commune“ abgeben. Dort lernte Mühsam viele Künstler kennen, u.a. den Lyriker und Bohèmien Peter Hille, der, wie Mühsam berichtet, verhungert ist; [3] den acht Jahre älteren Schriftsteller und Sozialisten Gustav Landauer, dessen revolutionär-philosophische Schrift „Durch Absonderung zur Gemeinschaft“ richtungweisend für Mühsam wurde und der ihm ein väterlicher Freund war; die Schriftsteller Paul Scheerbart und Bruno Wille.

Mühsam führte fast zehn Jahre ein Bohèmienleben, das — so schreibt er in seinen „Unpolitischen Erinnerungen“ — bestimmt war vom „Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensform zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzt“. Die Bohème der Jahrhundertwende hatte etwas durchaus Revolutionäres: Sie war ein Freiraum für all jene, die sich von Standesvorurteilen, Spießertum und moralischen Vorurteilen befreien und durch ihre kameradschaftliche Sozialität beispielgebend sein wollten.

Erich Mühsam war aber nicht nur der „Prototyp eines Kaffeehausliteraten“, der Gedichte, Balladen, Moritaten schrieb (1904 erschien seine erste Gedichtsammlung „Die Wüste“) und an bekannten Zeitschriften mitarbeitete, u.a. am Simplizissimus oder an Gustav Meyrinks satirischer Zeitschrift Der liebe Augustin. Er verkehrte auch in Arbeitervierteln, arbeitete in dem von Landauer gegründeten „Sozialistischen Bund“. Er wollte das „Lumpenproletariat“ politisieren, wodurch er in einen Prozeß verwickelt wurde; tat Kleinarbeit in Form von Zettelverteilung und Hauspropaganda und hielt Vorträge auf wöchentlichen Gruppenabenden und Agitationsreden in öffentlichen Versammlungen.

„Sie reiten stehend auf zwei Gäulen“, sagte ihm Frank Wedekind, „die nach verschiedenen Richtungen streben; sie werden Ihnen die Beine auseinanderreißen.“

„Wenn ich einen laufen lasse“, erwiderte Mühsam, „verliere ich die Balance und breche mir das Genick.“ Ende der zwanziger Jahre fügte er hinzu: „Heute stimmt das Bild nicht mehr. Krieg, Revolution, Gefängnis, nahes Mitleben schwerer Schicksale, tiefgehende Veränderungen der Umwelt ... haben meinem Lebensritt das Zirkusmäßige abgewöhnt. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sitze ich nun fest im Sattel, wenn auch gerade auf dem Pferd, von dem Wedekind mich gern befreit gesehen hätte; das andere, das geflügelte, führe ich neben mir an der Trense und lasse mich nur in Feierstunden von ihm tragen ...“

Der Dichter von den Nazis umgebracht, sein Nachlaß in Moskau eingesargt:
Mühsam im KZ (links); seine Frau Zenzl (rechts) übergab dem Moskauer Gorki-Institut zwei Kisten Nachlaß.

Ein Leben unter 300 Mark

Während seiner Wanderjahre in der Schweiz, in Österreich, Italien und Frankreich lernte er viele ausländische anarchistische Organisationen kennen. Sein Leben fristete er als Gelegenheitsdichter. 1909 ließ sich Mühsam in München nieder. Hier trat er in Kabaretts auf, schrieb Theaterkritiken, Essays, Polemiken, satirische Gedichte. Weiterhin versuchte er politische und literarische Praxis miteinander zu verbinden.

Der Titel seiner Broschüre Ascona (1905) bezieht sich auf jenen Schweizer Ort, in dem von Außenseitern der Gesellschaft eine „ethisch-sozial-vegetarisch-kommunistische Siedlung“ gegründet worden war. In dieser Schrift wünschte er, daß „die Massen sich ihrer Sklaverei wütend bewußt werden und in gesundem Haß gegen ihre Peiniger ohne Sentimentalität zum eigenen Nutzen verfahren“.

Vom April 1911 bis Juli 1914 gab er die literarisch-revolutionäre Monatsschrift „Kain — Zeitschrift für Menschlichkeit“ heraus. Sie sollte ihm als verlängerter Arm in seinem Kampf „gegen Gewalt und Ausbeutung, für Recht und Freiheit“ dienen. Literarisch ist Mühsam den Expressionisten zuzuordnen. Zeitweise schrieb er den „Kain“ allein. In der Mai-Ausgabe von 1911 heißt es im „Appell an den Geist“:

Geknebelt ist der Gedanke, das Wort und die Tat — geknebelt selbst die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Die Seele des Menschen ist dem Staate beamtet und der Geist des Menschen schlägt im Schutze der Obrigkeit ...

Welche Ansicht der Mensch von den Dingen der Menschen haben darf, ist vom Staate abgestempelt. Einzelne Einrichtungen des Staates, besondere Maßnahmen darf er kritisieren, benörgeln, beschimpfen. Aber wehe dem, der der Fäulnis der Gesellschaft in die Tiefe leuchtet. Er ist verfemt, geächtet, ausgestoßen. An Mitteln fehlt es den Philistern nicht, ihn unschädlich zu machen: sie haben ihre „öffentliche“ Meinung, sie haben die Presse ... Der freie Gedanke, das freie Wort, die freie Sehnsucht darf keine Stätte haben in ihrem Revier ...

1914 veröffentlichte Mühsam das polemische Schauspiel „Die Freivermählten“, in dem er den „revolutionären Gedanken der Befreiung der Sexualität von jeder moralischen Norm“ entwickelt und die Ehe als eine Zwangsgemeinschaft darstellt, die Autoritarismus, Unfreiheit und Kadavergehorsam erzeuge. Hier lag der einzige tiefgreifende Meinungsunterschied zwischen Mühsam und Landauer, der ein strenger Verteidiger der Ehemoral war.

Während all dieser Jahre war Mühsam bitterarm. „Wovon leben?“ schrieb er am 2. September 1910 in sein Tagebuch. „Ich habe in meinem bisherigen Leben auch nicht ein einziges Mal über eine Summe von auch nur 300 Mark auf einmal verfügen können.“ Die Erfahrung der Armut macht ihn zum überzeugten Kritiker der von Nicht-Armen verbreiteten Ideologie von der produktiven Armut: „Selbstverständlich ist besonders der Mangel an Fleiß in zahlreichen Fällen begründet im Mangel an materiellen Mitteln, und ich kenne keine widerwärtigere Weisheit als die, daß Not und Entbehrung geniebefördernde Antriebsmotoren sein sollen.“

Erich Mühsam, Gustav Landauer und John Henry Mackay, ebenfalls Schriftsteller, wurden als „Edelanarchisten“ bezeichnet, weil sie — zumindest bis zur Novemberrevolution -— Anarchismus und absolute Gewaltlosigkeit gleichsetzten. Als Kriegsgegner, Revolutionär, Anarchist — als Sozialist, der Literatur zu einer politischen Kraft machen wollte — stand Mühsam vor und während des Ersten Weltkrieges in den Reihen der Opposition gegen die Machtpolitik der deutschen Regierung und für Frieden und soziale Gerechtigkeit. So schrieb Mühsam 1919:

Im Staat erkannte ich früh das Instrument zur Konservierung all der Kräfte, aus denen die Unbilligkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen erwachsen ist. Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen, Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens. Ich war Anarchist, ehe ich wußte, was Anarchismus ist; ich war Sozialist und Kommunist, als ich anfing, die Ursprünge der Ungerechtigkeit im sozialen Betriebe zu begreifen ...

Zentrum der „Psychopathischen Internationale“:
Mühsams Bericht über die vegetarische Naturapostelkolonie Monte Verità des Henri Oedenkoven bei Ascona (Buch erschienen 1905 in Locarno)

Münchner Räte: Eine Woche ratlos

Mühsam wirkte mit beim Streik der Munitionsarbeiter im Jänner 1918 und arbeitete aktiv in verschiedenen pazifistischen Gruppen. Wegen seiner kriegsfeindlichen Einstellung wurde Mühsam am 24. April 1918 verhaftet und für sechs Monate zu einem Zwangsaufenthalt in die Festung Traunstein gesteckt.

Als am 7. November 1918 in München die Republik ausgerufen wurde, war Mühsam wieder frei, jedoch durch die mehrmonatige Abwesenheit isoliert und erstmals ohne Verbündete. Um wieder effektive politische Arbeit leisten zu können, wurde er Mitglied des revolutionären Arbeiterrats, was für ihn als Anarchisten konsequent war; die Räte sollten Organe einer von unten her aufgebauten Demokratie der werktätigen Massen sein und die bürokratische Regierung über das Volk überwinden.

Unzufrieden war Mühsam mit dem in seinen Augen zu kompromißlerischen neuen Ministerpräsidenten der bayrischen Republik, dem Unabhängigen Sozialisten Kurt Eisner, dessen bürgerliche Revolution ihm zu begrenzt war. In seinen Augen war eine proletarisch-sozialistische Revolution fällig.

Als Ansatz zu einer „Einheitsfront“ gründete er am 30. November die „Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns“ (VRI). Ihr stellte er seine im November neu herausgegebene Zeitschrift Kain als Sprachrohr zur Verfügung. Die VRI hatte die Aufgabe, alle „radikalen Elemente“ in überparteilicher Zusammenarbeit zu vereinigen. Obgleich für Mühsam und Landauer Anarchie Gewaltlosigkeit einschloß, traten sie 1918 für den gewaltsamen Charakter der Revolution als politische Notwendigkeit ein; sie wollten, soweit es erforderlich und möglich war, die Arbeiter bewaffnen.

Nach der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 setzten sich Mühsam und Landauer für ein konsequentes Rätesystem ein. Am 28. Februar und am 7. und 8. März 1919 stellte Mühsam den Antrag, der Rätekongreß möge die volle exekutive und legislative Gewalt übernehmen. [4] Der Parlamentarismus führe „zur Ausschließung des eigenen Urteils und des eigenen Willens“, ihm sei das Rätesystem vorzuziehen, in dem sich „Selbstverantwortung“ verwirklichen lasse.

An der Ausrufung der Münchner Räterepublik war Mühsam maßgeblich beteiligt. Landauer wurde in der 1. Räterepublik — auf Empfehlung Mühsams — „Volksbeauftragter für Volksaufklärung“, Mühsam übernahm das „Referat Ungarn und Rußland“ im „Auswärtigen Amt“.

Die Räterepublik existierte nur eine Woche. Am 13. April 1919 schickte die sozialdemokratische Reichsregierung Freikorps nach München, denen sich bayrische Freiwilligentruppen anschlossen. Am 2. Mai hatten die weit überlegenen Regierungstruppen München vollständig unter Kontrolle. Sie erschossen Hunderte von Menschen.

Die führenden Köpfe der Revolution — größtenteils jüdische Literaten — wurden entweder ermordet, wie die Schriftsteller Kurt Eisner und Gustav Landauer, oder hingerichtet, wie der „Rote Fahne“-Redakteur Eugen Levinè, oder eingekerkert, wie die Dichter Ernst Toller, Ernst Niekisch und Erich Mühsam.

Mit Hitler entlassen

Erich Mühsam wurde wegen seiner Teilnahme an der Räterepublik zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er über fünf verbüßen mußte, ehe er im Dezember 1924 amnestiert wurde. Makabrerweise handelte es sich um dieselbe Amnestie, durch die Hitler aus Landsberg entlassen wurde — nach nur wenigen Monaten Haft, während der er „Mein Kampf“ schrieb, unterbrochen von Jagdausflügen.

Weihnachten 1921 bat Kurt Tucholsky in der Weltbühne um Hilfe (Tabak, Süßigkeiten, unpolitische Bücher) für die Gefangenen auf der Festung Niederschönenfeld, „diese armen Menschen, die wie die Tiere leiden, hilf- und wehrlos der bayerischen Verwaltung ausgeliefert“. Auch später schrieb er über die Behandlung „der Toller und Mühsam bis zu Fechenbach, der für die Verbreitung bekannter Tatsachen elf Jahre Zuchthaus erhielt“. Tucholsky reihte sie ein in die „Kette der Schmach, die den moralischen Freispruch der Liebknecht-Mörder und die Ermordung von Eisner, Erzberger, Landauer umspannte“.

Daß die Anarchisten während der 1918er Revolution in Deutschland so völlig scheiterten, lag nicht nur an ihrer kleinen Zahl, die sich durch ihr Auftreten als außerparlamentarische Opposition eher verringerte als vermehrte, sondern auch an ihren utopistischen, radikalen Vorstellungen, die die politische Realität weit hinter sich ließen. In den anarchistischen Organisationen wurde — so Ulrich Linse in seinem Buch „Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1871“ — „wie nirgend anders um eine demokratische Organisationsform gerungen und die Kontrolle der Organisation und ihrer Leiter als primäres Problem einer politischen Gruppe erkannt ...“. Landauer und Mühsam wollten den „Dezentralismus in einer föderativen Gliederung Deutschlands bis herab zu den Gemeinden, von den Räten auf den verschiedenen Ebenen bis zur korporativen Verwaltung kultureller Einrichtungen realisieren“. Aber die alten gesellschaftlichen Mächte waren stärker. So war „nicht die Aktion ... die Stärke des deutschen Anarchismus, sondern seine Passion in den Gefängnissen und Konzentrationslagern. Durch diese Leiden erwiesen aber die Anarchisten, daß auch sie bei aller sektenhaften Isolierung sich dem Schicksal der sie umgebenden Gesellschaft und ihrer Institutionen nicht entziehen konnten und wollten.“

Rote Hilfe

Nach seiner Entlassung kämpfte Mühsam weiter für eine egalitäre Gesellschaft und gegen den drohenden Faschismus. Er veröffentlichte unter dem Titel Brennende Erde seine während des Krieges geschriebenen Verse eines Kämpfers; das in der Haft geschriebene Arbeiterdrama Judas (1921), in dem er das Problem von Gewalt und Gewaltlosigkeit behandelte; die Bände Alarm (1925), Von Eisner bis Levine (1929), eine Broschüre über die Entstehung der bayerischen Räterepublik, von der er hoffte, daß Lenin sie lesen würde; die Unpolitischen Erinnerungen; die Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, die 1932 als Sonderheft der Monatsschrift Fanal erschien, die er 1926 begründet hatte.

Mühsam unterstützte insbesondere die politischen Gefangenen im Rahmen der Roten Hilfe. In der Broschüre Gerechtigkeit für Max Hoelz setzte sich Mühsam leidenschaftlich und kritisch mit der deutschen Justiz auseinander. Hoelz stand 1920/21 an der Spitze der Arbeiteraufstände im Vogtland und in Mitteldeutschland, die durch eine bewaffnete Werkpolizei provoziert worden waren. Er wurde aufgrund falscher Zeugenaussagen 1921 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und dort schwer mißhandelt (Max Hoelz’ eigener Bericht: „Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne“).

Auf Hoelz’ Kopf waren 100.000 Mark ausgesetzt worden. Nach seiner Verhaftung wurde eine Auslobung von 50.000 Mark für diejenigen Aussagen erlassen, die zu seiner Verurteilung führen würden. Erich Mühsam zeigte exemplarisch am Fall Max Hoelz sowie am Fall Willy Günthers, der wegen desselben Verbrechens wie Hoelz, ebenfalls zu Unrecht, lange Jahre im Zuchthaus saß: politische Linke wurden als „gemeine Verbrecher“ behandelt, während die Verbrecher der politischen Rechten mit Glacéhandschuhen angefaßt wurden. Er, der selber fünf Jahre in Festungshaft gewesen war, versuchte erbittert die Bürger aus ihrer Gleichgültigkeit zu reißen:

Nun leidet Max Hoelz ... seit fünf vollen Jahren hinter den Gittern der freiesten Republik der Welt, aber die Phantasie des Bürgers ist nicht von der Art die von den Nöten des Nächsten weiß, sie weidet sich an den Kinnhaken seiner Boxlieblinge und an dem beruhigenden Gedanken, daß der Verbrecher Hoelz bis zu seinem Lebensende — möge der 36jährige 80 werden! — verhindert bleiben soll, nach seiner Fasson hilfreich zu sein!

Max Hoelz wurde 1928 aufgrund internationaler Proteste zahlreicher Persönlichkeiten amnestiert (J. R. Becher, A. Einstein, H. Mann, Th. Mann, E. Rowohlt, K. Tucholsky, H. Zille u.a.).

Fünf Jahre später wurde Erich Mühsam verhaftet. Ihm konnte durch Proteste nicht mehr geholfen werden.

[1W. Girnus: Brandenburg, Oranienburg, in: europäische ideen 5/6, Spezialnummer über Erich Mühsam, hrsg. von Andreas W. Mytze

[2F. Erpenbeck, in: europäische ideen 5/6

[3Einer von Hilles Aphorismen lautete: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Wer nicht arbeitet, soll speisen; wer aber nichts tut, darf tafeln.“

[4U. Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1871, Berlin 1969, S. 355

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1978
, Seite 29
Autor/inn/en:

Renate Wiggershaus:

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