FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 243
Michel Bosquet

Neue Stufe der Kapitalskonzentration

Der Kippur-Krieg war dem Kapital willkommen, weil er dazu verwendet werden konnte, seine akute Krise zu bemänteln. Die Ölindustrie steuert die Verknappung überall ganz bewußt (nur in Frankreich ist der Staat besser gewappnet); die Regierungen profitieren insofern, als sie ein Klima der Buße schaffen können, in dem sie antigewerkschaftliche und unpopuläre Maßnahmen durchdrücken. Man rechnet dem Ölmangel eine Rezession auf, die man weder verhindern konnte noch wollte. Sie ist jetzt unausweichlich.

Im Schatten des Mangels werden alte Rechnungen beglichen: die Gesellschaften zwingen ihre „faulen Kunden“ in die Knie, zuallerst die Handelsflotten (besonders die japanische, die bereits zur Hälfte paralysiert ist), und dann die chemische Industrie. In den Vereinigten Staaten profitieren die Ölfirmen von einem Energiemangel, den sie absichtlich übertreiben (sie schätzen ihn auf 25%, während er in Wirklichkeit 15% beträgt), um die Ökologen und die Partisanen Ralph Naders aus dem Felde zu schlagen. Die Alaska-Pipeline wird plötzlich bewilligt, der Verbrauch von schwefelhaltigem Heizöl erlaubt, neue umweltverschmutzende Raffinerien werden projektiert und Kernkraftwerke werden gebaut, obwohl die US-Atomenergiekommission vorausgesagt hat: bei hundert Nuklear-Zentren muß man mit ein bis zehn schweren Unfällen pro zehn Jahre rechnen.

Kurz, während die Regierungen die Ölkrise nützen, um den sozialen Widerstand zu brechen, beuten die Ölfirmen sie insofern aus, als sie Qualitätsansprüche auf ihre Produkte zurückdrängen.

In den USA selbst ist ihre Strategie sogar noch viel ehrgeiziger: Die zwei größten Konzerne, Exxon und Gulf Oil, die zu den gigantischen technologisch-energetisch-industriellen Imperien der Rockefeller- und Mellon-Banken gehören, sind entschlossen, die neuen Schlüsselbereiche der amerikanischen Wirtschaft zu dominieren. Sie rechnen, daß die Depression ihre Konkurrenten schwächen wird, und daß das Steigen der Ölpreise ihnen immense finanzielle Mittel in die Hand gibt. Für diese beiden Gruppen ist die Vernichtung eines Teils des ihnen gegenüberstehenden Konkurrenzkapitals die Bedingung für das eigene Wachstum auf neuer Ebene.

In dieser neuen Phase sollen Europa und Japan (deren Konzerne die amerikanischen in der Größenordnung eben noch einzuholen schienen) als Zonen geringer und teurer Energie niederkonkurriert und auf die Plätze zurückverwiesen werden. Europa und Japan werden noch von dem teuren arabischen Öl abhängen, wenn die Rockefellers und Mellons schon verhältnismäßig preiswerte neue Energiequellen erschlossen haben: Ölschiefer, Kohledehydrierung, neue Kernenergietechniken.

© Nouvel Observateur, Paris

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1974
, Seite 22
Autor/inn/en:

Michel Bosquet: Pseudonym von André Gorz, unter dem dieser in seiner journalistischen Tätigkeit auftrat.

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