FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Günther Anders

Nach dem Frieden in Vietnam

Den nachfolgenden Text mit dem Titel „Die unakzeptable Hilfe“ unterbreitete G. A. der Stockholm Conference on Vietnam, 16. Mai 1969. G. A. ist Mitglied des von Bertrand Russell initiierten Kriegsverbrechertribunals (vgl. ČSSR: Moskaus Vietnam. Erklärung des Stockholmer Kriegverbrechergerichtes, 1. und 2. Februar 1969, in unserem Maiheft 1969, S. 351), Verfasser von „Nürnberg und Vietnam“‚ Voltaire-Verlag, 1967, „Visit Beautiful Vietnam“, Pal-Rugenstein-Verlag, Köln, 1968.

Es ist durchaus nicht unmöglich, daß die Amerikaner nach ihrer Niederlage in Vietnam und nach einem eventuellen Waffenstillstand dem von ihnen verwüsteten Lande massive wirtschaftliche Wiederaufbauhilfe offerieren werden. Nicht nur möglıch ist das, sondern sogar wahrscheinlich, denn ein Rückblick auf die letzten zweieinhalb Jahrzehnte zeigt, daß es das Prinzip Washingtons geworden ist, seine früheren Feinde mit Hilfe von Unterstützungen aufzumästen und sie dadurch zum zweitenmal zu besiegen, sie jedenfalls in totale Abhängigkeit zu bringen. Wir brauchen nur daran zu denken, wie die USA Deutschland und Japan nach 1945 verwöhnt haben.

Die Wahrscheinlichkeit, daß Vietnam ein ähnliches Schicksal blühen könnte, ist um so größer, als die Vietnamesen ja nicht besiegt sind. Wenn die Amerikaner nach Abschluß des Krieges darangingen, sie zu verwöhnen, dann könnten sie sich selbst dadurch einreden, den Krieg doch siegreich beendet zu haben; und den Vietnamesen einreden, daß sie besiegt worden seien.

Zwar trifft weder das eine noch das andere zu. Aber wahr ist natürlich trotz des Sieges der Vietnamesen auch, daß die Amerikaner keine besiegte Macht sind, sondern ungleich mächtiger als die Vietnamesen; und andererseits, daß Vietnam, obwohl nicht besiegt, durch den amerikanischen Verwüstungskrieg aus allen Wunden blutet und die massivste Hilfe aufs dringendste benötigt. Die Frage, vor der die Vietnamesen im Falle einer solchen amerikanischen Offerte stünden, würde lauten: „Dürfen wir Hilfe von denen, die uns bis eben genocidal behandelt haben, akzeptieren?“

Die Beantwortung dieser Frage wäre sehr einfach — sie würde „Ja“ lauten — wenn die Wiedergutmachung der Schäden (der reparierbaren, denn die Verbrannten, zu Tode Gefolterten, aus Helikoptern Geworfenen können ja nicht ersetzt werden) von einem internationalen, etwa dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal entsprechenden, Gericht angeordnet werden würde. Moralisch gesehen, wäre ein solches Tribunal genauso berechtigt, wie es das Tribunal in Nürnberg gewesen war; die Tatsache der amerikanischen Aggression und die genocidale Form der Kriegführung stehen fest, nicht nur durch internationale Forschungsgruppen und das Russellsche Kriegsverbrechertribunal, sondern auch durch viele, durchaus nur indirekte oder inoffizielle Äußerungen von Amerikanern.

Aber obwohl die Kriminalität des amerikanischen Krieges in Vietnam der des Hitlerkrieges durchaus entspricht und obwohl die USA ihren Feind sowenig besiegt haben wie Hitler seine Feinde, besteht doch keine Entsprechung zwischen der Situation des Jahres 1945 und der des Jahres 1969. Hitler war total besiegt, die Etablierung eines Gerichtshofes war möglich; während Amerika nur in Vietnam besiegt ist, sich aber diese lokale Niederlage gewissermaßen leisten kann und auch nach dieser die heute stärkste Weltmacht bleibt.

Womit gesagt ist, daß heute keine Chance besteht, ein solches Kriegsverbrechertribunal einzuberufen; es gibt heute keinen Staat, geschweige denn eine Staatengruppe, die den Vereinigten Staaten im gleichen Sinne Bedingungen oder gar ein „unconditional surrender“ diktieren könnte.

Natürlich darf dies nicht als Ausrede oder Rechtfertigung benutzt werden, um die Fragen nach Schuld und Sühne auszuklammern. Im Gegenteil: da die Situation doppelt schlimm ist, da zu der tragischen Aggression die tragische Unverfolgbarkeit der Aggressoren dazukommt, ist es doppelt nötig, die moralische Situation ganz unverblümt darzustellen.

Amerika würde nicht daran denken, Vietnams Wiederaufbau als „Wiedergutmachung“ oder gar „Buße“ durchzuführen, sondern die Unterstützung vielmehr „von sich aus“ aus angeblich „humanen Motiven“ leisten, mit der Geste des Protegierenden, der der Peitsche das Zuckerbrot nachfolgen läßt, aber seine fütternde Hand, wenn ıhm das „erzieherisch richtig“ schiene, auch wieder zurückziehen könnte.

Darf eine Situation eintreten, in der ein solches Angebot gemacht werden könnte? Und dürfte ein solches Angebot akzeptiert werden?

Wir glauben: Nein. Und zwar aus drei Gründen:

  1. Weil die Unterwerfungsaktion, die eine solche Hilfsaktion darstellen würde, im Unterschied zu den offen gewalttätigen Unterwerfungsaktionen undurchschaubar bleiben und deshalb total demoralisierend werden würde. Demoralisierend erst einmal für die Kriegsverbrecher selbst, die es mit der größten Selbstgerechtigkeit und Genugtuung erfüllen würde, wenn sie plötzlich als Wohltäter auftreten könnten; sie würden durch diesen Funktionswechsel sofort vergessen, daß sie die Wunden, die sie nun verbinden, selbst geschlagen hatten. Es ist sehr schwer, in denjenigen, die man verwöhnt, die Opfer von gestern wiederzuerkennen.
  2. Weil das nicht nur alle Amerikaner vergessen würden, sondern auch manche Vietnamesen, da diese ja in die beschämende Situation geraten würden, den Mördern und Folterern ihrer Eltern, Geschwister und Kinder nun plötzlich „thank you“ sagen zu müssen; es ist sehr schwer, die Missetaten derer, zu denen man „thank you“ sagt, im Gedächtnis zu bewahren. Wäre es nicht deprimierend, wenn sich das Millionenvolk von Vietnam, das uns vor Augen geführt hat, was Zivilcourage, Klugheit, Solidarität und Würde ist, durch die Entsetzlichkeit der von den Amerikanern erzeugten Misere in Versuchung geführt und sich veranlaßt sehen könnte, amerikanische Hilfe anzunehmen?
  3. Weil der Vietnamkrieg, wie Rusk schon vor Jahren formulierte, ein „Testkrieg“ ist; womit er zynisch gemeint hatte, daß die USA in diesem Krieg alle möglichen Mittel der zu erwartenden künftigen Kolonialkriege ausprobieren würden und daß sie andere Völker, die ebenfalls an antiimperialistische Befreiungskriege dachten, durch die Niederlage Vietnams belehren würden, was diesen bevorsteht.

    Die „Testfall-Theorie“ hat sich bewahrheitet in einem Sinne, den Rusk nicht gemeint hatte. Zum Testbeispiel für ihr eigenes Schicksal ist der Vietnamkrieg bei den unterentwickelten Völkern umgekehrt deshalb geworden, weil er zeigt, daß Amerika, trotz der grenzenlosen technischen Überlegenheit seiner Waffen und trotz der Blutbäder, die es anrichtet, offensichtlich unfähig ist, den Sieg zu erringen. In den Augen der „Vietnamesen von morgen“ in Asien, Afrika, Südamerika, bleibt Vietnam das Vorbild.

    Die Vietnamesen haben, ob sie das wußten oder nicht, beabsichtigten oder nicht, mit jeder ihrer täglichen großen und kleinen Widerstandsaktionen die Bevölkerungen der Dritten Welt erzogen. Sie haben bewiesen, daß es für ein um seine Freiheit kämpfendes Volk möglich ist, jahrelang erfolgreich einem technisch und industriell überlegenen Gegner Widerstand zu leisten und im Rückangriff den eigenen Boden und, mindestens auf diesem Boden, auch den Krieg zu gewinnen.

    Was die Vietnamesen durch ihr Vorbild den Hundertmillionen gegeben haben, die morgen ähnliche Kriege führen müssen, ist unabschätzbar; die Vietnamesen haben nicht nur ihren eigenen Sieg erfochten, sondern auch die Möglichkeit eines Sieges vieler anderer Völker.

So liegt die Sache heute. Aber würde dies auch morgen noch gelten, wenn Amerika die Chance hätte, damit zu protzen, Vietnam aus seinem Elend herausgeholfen zu haben?

Nein.

Die Hundertmillionen in drei Weltteilen würden in einer dem Sieg Vietnams folgenden Demütigung die Wahrscheinlichkeit auch ihrer Demütigung sehen müssen. Daher haben wir dafür Sorge zu tragen, daß den Vietnamesen nach deren Sieg so geholfen werde, daß ihre Mörder gar nicht auf den Gedanken kommen können, ihnen Geschenke zu machen.

So widerspruchsvoll es klingen mag: die Regierung der Vereinigten Staaten und deren Mordgesellen haben kein Recht, Vietnam zu Hilfe zu kommen. Kein Mörder ist legitimiert, die von ihm geschlagenen Wunden zu verbinden, zu allerletzt, wenn er nur deshalb zu Hilfe eilt, weil er es im Augenblick für taktisch richtiger hält, den Feind zum Patienten zu machen und als solchen in seiner Gewalt zu halten.

Helfen ist eine Prärogative. Das dürfen allein diejenigen, deren Hände durch keine Aggression mit Blut beschmutzt sind. Damit ist natürlich nicht gemeint, daß nicht auch Bürger der Vereinigten Staaten helfen dürfen. Im Gegenteil: Dort gibt es ja Millionen von Individuen und Hunderte von Gruppen, die seit Jahren die offizielle Vietnampolitik ihrer Regierung bekämpft haben. Viele von ihnen haben dabei auch ein Risiko auf sich genommen. Zusammen mit allen Gegnern der amerikanischen Aggression haben wir zu versuchen, den Vietnamesen die Demütigung nach ihrem Siege und den Befreiungskämpfern von morgen die Entmutigung vor ihrem Kampfe zu ersparen.

Ich hingegen finde es absurd, Hilfe nicht zu nehmen, wo man sie kriegt, vorausgesetzt, man hat die faktische Macht und/oder moralische Kraft, sich die volle Unabhängigkeit des Denkens und Handelns zu bewahren. „Ich votiere zugunsten von Kartoffeln von den imperialistischen Räubern“, Lenin, Sotschinenija 2 XXII, 607 f.

So wäre Günther Anders ein großer Moralist, aber vielleicht ein schlechter Revolutionär.

G. N.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
, Seite 408
Autor/inn/en:

Günther Anders:

Günther Anders wurde am 12. Juli 1902 in Breslau geboren. Nach dem Studium der Philosophie 1924 Promotion bei Husserl. Danach gleichzeitig philosophische, journalistische und belletristische Arbeit in Paris und Berlin. 1933 Emigration nach Paris, 1936 nach Amerika. Dort viele „odd jobs“, unter anderem Fabrikarbeit, aus deren Analyse sich später sein Hauptwerk ‚Die Antiquiertheit des Menschen‘ ergab. Ab 1945 Versuch, auf die atomare Situation angemessen zu reagieren. Mitinitiator der internationalen Anti-Atombewegung. 1958 Besuch von Hiroshima. 1959 Briefwechsel mit dem Hiroshima—Piloten Claude Eatherly. Stark engagiert in der Bekämpfung des Vietnamkrieges. — Auszeichnungen: 1936 Novellenpreis der Emigration, Amsterdam; 1962 Premio Omegna (der ,Resistanza Italiana‘); 1967 Kritikerpreis; 1978 Literaturpreis der ‚Bayerischen Akademie der Schönen Künste‘; 1979 Österreichischer Saatspreis für Kulturpublizistik; 1980 Preis für Kulturpublizistik der Stadt Wien; 1983 Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; 1992 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Günther Anders starb am 17.12.1992 in Wien.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Geographie