FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 245
Andreas Papandreou • Guy Sitbon

Mittelklasse geht nach links

Warum in Griechenland kein Faschismus entsteht

In der neuen Junta gibt es zwei Strömungen. Die eine ist für unbeschränkte, direkte Militärherrschaft, wobei das Kabinett auf die Funktion eines bloßen Ornaments reduziert ist. Die andere ist für einen Handel mit den Politikern der Rechten und der rechten Mitte, welcher es den Streitkräften erlauben würde, im politischen Leben des Landes eine weniger sichtbare Rolle zu spielen. Derjenige Politiker, der für diese Rolle am geeignetsten erschiene, ist Karamanlis.

Den Militärs ist klar, daß es die nackte Gewalt auf die Dauer nicht tun wird. Das Aufbrechen neuer blutiger Konfrontationen wird die Moral der Streitkräfte zersetzen, unabhängig davon, wie stark das griechische Militär von den Amerikanern kontrolliert wird. Daher müssen die Machthaber den Wunsch haben, neuerlich eine Art demokratischer Fassade aufzubauen. Können sie Erfolg haben, wo Papadopoulos scheiterte?

Eine wirksame Unterstützung müßte von der griechischen Mittelklasse kommen. Diese würde dem Regime die Möglichkeit geben, das Zubehör des parlamentarischen Prozesses, seine äußeren Merkmale, einzuführen. Wie steht es also mit der wirtschaftlichen Lage der Mittelschichten? Die griechische Landwirtschaft, deren technologisches Potential bemerkenswert ist und die fast die Hälfte der griechischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt, ist in der Ära der Obersten praktisch auf Nullwachstum zurückgesunken. Die Wanderbewegung vom Land nach Athen, nach Deutschland, Belgien, Australien, Kanada — die schon in den Jahren vor dem Bürgerkrieg begann — dauerte unter Papadopoulos’ Herrschaft unvermindert an. Tourismus und der Bau von Luxusapartments waren Trumpf. Die exportorientierte Industrieentwicklung des Landes konzentrierte sich auf überflüssiges Produkten-Finishing. Immer mehr wuchs die griechische Wirtschaft in eine Struktur, welche die Ziele der vorherrschenden großen Auslandsinvestoren widerspiegelt. Das griechische „Wirtschaftswunder“ verschwand plötzlich (da es ja in der Tat ein Wunder war), was gepflegt wurde, war ökonomische Unterentwicklung — das Schicksal aller Satelliten am Rand der kapitalistischen Metropolen. Die Inflationsrate sprang 1973 auf 40 Prozent, das Handelsdefizit überschritt die Zwei-Milliarden-Dollar-Marke. Was noch wichtiger ist: beginnend mit 1974 muß Griechenland 300 Millionen Dollar an Rückzahlungen und Zinsen an ausländische Gläubiger berappen — für die Schulden, welche die Obersten gemacht haben.

Die Mittelklasse, die griechische Kleinbourgeoisie, sieht sich unter diesen Umständen immer mehr in die Lage der Arbeiter und Bauern gedrückt. Daraus folgt, daß dies für die Amerikaner kaum der Augenblick sein wird, den Faschismus in Griechenland einzuführen (den peripheren Faschismus auf der Basis der Mittelklassen).

Die NATO-Alliierten der USA sind von der Entwicklung beunruhigt. Sie haben innere Schwierigkeiten mit ihrer Griechenland-Politik — von seiten der Linken, der Gewerkschaften und der politisierten Jugend. Unter dem Druck der USA haben sie beschlossen, dieses unruhige Gewissen zu beschwichtigen, indem sie auf die Papadopoulos-Lösung einschwenkten. Die europäische Sozialdemokratie hatte die bürgerlichen Politiker Griechenlands bedrängt, diese Bürde auf sich zu nehmen. Aber der Kuhhandel ist jetzt tot. Neuerlich steht Griechenland unter nackter Militärdiktatur. Norwegen, Griechenland und Holland haben den USA klar zu verstehen gegeben, daß sie nicht bereit sind, die NATO-Unterstützung für die griechische Junta weiterhin zu ertragen.

Griechenland ist strategisch sehr wichtig für die Amerikaner. Mit dreizehn großen US-Stützpunkten (für Kernwaffen, Heer, Luftwaffe, Marine und Geheimdienste) ist Griechenland der Schlüssel für die amerikanische Kontrolle des östlichen Mittelmeers und, falls nötig, für Interventionen im Ölgebiet des Mittleren Ostens.

(Auszug)
Monthly Review
New York
Februar 1974

 

Unvermeidliche Konfrontation

(Interview mit Andreas Papandreou, aufgenommen von Guy Sitbon im kanadischen Exil des Führers der „Panhellenistischen Befreiungsbewegung“ PAK.)
Es gibt also keinen Ausweg: wenn die Imperialisten da sind, beseitigen sie die Linke; und wenn das Land unabhängig ist, besorgt das der bürgerliche Staat ...

Papandreou: Es gibt einen Ausweg, sogar mehrere, und nicht nur theoretische. Es gibt die Möglichkeit, es der Linken zu überlassen, die bürgerliche Demokratie zu reformieren, und dem Kapital die reale Verwaltung der Wirtschaft. Das ist in Deutschland geschehen. Die Amerikaner und das kapitalistische System sind immer noch die Herren von Westdeutschland: Brandt und die SPD haben daran nie gerührt. Sie ändern Sachen, die eine konservative Regierung ebensogut hätte ändern können. Unter diesen Bedingungen — wozu die Macht?

Die europäischen kommunistischen Parteien haben so ziemlich dieselbe Orientierung. Sie liegen auf der Linie des sowjetischen „Defaitismus“, dessen erste Sorge es ist, jede Konfrontation zu vermeiden. Nehmen wir an, daß die Koalition der französischen Linken bei den Wahlen gewinnt. Was wird geschehen? Entweder die Linke verzichtet auf ihr Programm und führt die aktuelle Politik fort, indem sie sich auf dieselben sozialen Gruppen stützt. Dann gibt es keine Probleme, aber auch keine Linke mehr. Oder sie macht sich wirklich daran, die Gesellschaft zu verändern. In diesem Moment ist die Konfrontation unausweichlich. Es ist Wahnsinn, zu glauben, man könne sich ihr entziehen. Der Wahlsieg der Linken bedeutet nicht die Übernahme der Macht: Ihr werdet euch wieder in den Ministerialpalästen befinden — und was dann? Die Regierung bleibt noch zu erobern, gegen Leute, die sich verteidigen und die über Gewaltmittel verfügen. Die Heeres- und Innenminister einer linken Regierung haben gerade soviel Macht, daß sie den Mitarbeitern befehlen können, die sie sich mitgebracht haben. Der Apparat selbst ist autonom, er ist an die Interessen der herrschenden Klasse gebunden.

Man muß wissen, daß diese Konfrontation unvermeidlich ist, und von da her muß man sich auf sie vorbereiten. Man muß sofort im Stillen Aktionsgruppen bilden, die sich der Gewalt des bürgerlichen Staates entgegenstellen und die legitime Macht der Regierung durchsetzen können. Das ist keine Sache, die man in ein paar Tagen aufziehen kann. Es braucht Jahre, um im Verborgenen ein Widerstandsnetz aufzubauen. Man muß über ein autonomes Kommunikationsnetz, über Leitungen auf allen Ebenen und über geschulte und entschlossene Menschen verfügen. Wir anderen Sozialisten stehen der Bourgeoisie gegenüber wie die „Wilden“ mit Pfeil und Bogen den Kanonen der Kolonialisten. Wir sind schwach und naiv. Gehen Sie und sagen Sie das der französischen oder italienischen Linken, man wird Ihnen ins Gesicht lachen — ich weiß das, es ist mir oft passiert. Wenn ich in Italien meine sozialistischen Freunde warne und ihnen sage: „Ihr müßt euch auf die Konfrontation vorbereiten; wenn wir das in Griechenland gemacht hätten, wäre der Faschismus nicht an der Macht“ — da gibt mir nur Lombardi recht. Wir sollten wenigstens aus unseren Irrtümern lernen.

Die Linke ist also dazu verdammt, Irrtümer zu begehen? Nach Griechenland Chile, nach Chile ...

Papandreou: Die chilenische Linke hat wirklich nicht die Lehren aus der griechischen Niederlage gezogen. Es gab keine Kraft, die darauf vorbereitet war, der Armee die Stirn zu bieten. Die Konservativen sind also wieder die Herren des Spiels. Nach Griechenland, nach Chile müßte man endlich verstehen. Dennoch sage ich nicht, daß Gewaltanwendung unvermeidlich ist. Wenn wir über die Legalität verfügen und wenn wir stark genug sind, sie anzuwenden, wird der Gegner vielleicht seine Niederlage erkennen, ohne zu kämpfen. Haben wir sie nicht, ist Gewaltanwendung unvermeidlich.

Le Nouvel Observateur
1. April 1974

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1974
, Seite 28
Autor/inn/en:

Andreas Papandreou:

Foto: Von Eric Koch / Anefo - Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26784189

Guy Sitbon:

Mitarbeiter des „Nouvel Observateur“, Paris.

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Geographie