FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 176-177
Arnold Künzli

Marxistica

„Praxis“

Man kann es nicht genug bedauern, daß die Bücher der um die philosophische Zeitschrift „Praxis“ gescharten marxistischen Philosophen Jugoslawiens bei uns noch keine Übersetzer und Verleger gefunden haben. [1] Das ist eine beinahe unverantwortlich zu nennende Informationslücke, bildet doch diese Schule eines marxistischen Humanismus und Personalismus eine Avantgarde schöpferischen marxistischen Denkens. Sie bietet weit eher als gewisse, im unverbindlichen Philosophieren steckenbleibende berühmtere Vertreter des Marxismus eine konkrete sozialistische Alternative zu dem im europäischen Osten praktizierten „Sozialismus“. Die „Zweite Revolution“ in der Tschechoslowakei dürfte von dem Denken dieser Jugoslawen nicht unbeeinflußt sein.

Petrović

Nun kann man wenigstens einen von ihnen auf englisch lesen: „Marx in the Mid-twentieth Century. A Yugoslav Philosopher considers Karl Marx’s Writings“ (Doubleday and Co., Garden City, New York 1967). Es handelt sich um die Übersetzung eines Buches, das Gajo Petrović 1964 in Jugoslawien veröffentlicht hat, „um zum Wesen von Marx’ ursprünglichem Denken vorzudringen und um in seinem Geiste über die philosophischen Probleme der Welt und des Menschen unserer Tage weiterzudenken“. Petrović (Jahrgang 1927) hat in Zagreb, Leningrad und Moskau Philosophie studiert, verbrachte zwei Studienjahre in England und den USA, ist heute Professor für Logik und Erkenntnistheorie an der Universität Zagreb und — mit Professor Rudi Supek — Herausgeber der Zeitschrift „Praxis“.

Das Buch beginnt mit einem Kapitel „Marxism versus Stalinism“. Hier werden die philosophischen Grundfragen des post-stalinistischen Marxismus mit unerbittlicher geistiger Redlichkeit erörtert. Soweit mir bekannt, ist dies die philosophisch gründlichste Kritik am „Diamat“, die ein Marxist geschrieben hat. Für Petrović gibt es keine Tabus.

Endlich einer, der offen ausspricht, „daß beträchtliche Differenzen zwischen den philosophischen Ansichten und Interessen von Marx und denjenigen von Engels bestehen“ und daß der Begriff „dialektischer Materialismus“ bei Marx gar nicht vorkommt. Daß es in der stalinistischen Konzeption keinen Platz für den Menschen gebe, jedoch auch „Marx’ Konzeption des Menschen ... ihre eigenen ungelösten Probleme und Schwierigkeiten aufweist und neue Zeiten neue Probleme gebracht haben“.

Endlich ein Marxist, der erklärt, das Marxsche Denken sei nicht „ein allumfassendes und vollendetes System. Die essentielle Wahrhaftigkeit der Marxschen Gedanken bedeutet nicht, daß es sich dabei um eine ewige Wahrheit für alle Zeiten handle. Das Werk von Marx ist voll von offenen Problemen; es enthält Fragen ohne Antworten, Untersuchungen ohne endgültige Resultate“.

Das ist heutiger Marxismus: nicht Pseudo-Gottesdienst, in dem die Zitate als Gebetsformeln geleiert werden und das Heil vom Segen der Partei abhängt, sondern etwas Schöpferisches: „Es ist die Aufgabe der Nachfolger von Marx, seine Gedanken in alle Richtungen zu entwickeln.“

Petrović will dieser Aufgabe gerecht werden, indem er die von Marx aufgeworfenen Fragen über die Rolle der Philosophie und ihre Verwirklichung in der Praxis weiterdenkt. Vor allem analysiert er die Marxsche Auffassung vom Menschen mit dem Rüstzeug eines modernen Anthropologen. Dabei wird konzis und präzis Wichtiges und Neues zu den Themen „Entfremdung“, „Praxis“, „Freiheit“ gesagt.

Die Marxsche Theorie der Diktatur des Proletariats wird zu einer „sehr gefährlichen Theorie“ erklärt, und eine neue Interpretation von Marx geliefert, wonach „Kommunismus“ nur eine Übergangsform zwischen dem Kapitalismus und einer humanistischen Gesellschaft ist, in der Sozialismus als Brüderlichkeit erscheint.

Ein philosophisches Kabinettstück schließlich ist die Erörterung der Rolle der Philosophie in Marx’ berühmter These: „Die Philosophen haben die Welt bloß interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“

Das Buch sucht seinen deutschsprachigen Verleger.

Jugoslawien

Zum Thema Jugoslawien ein Hinweis auf das 1963 erschienene, dank seiner reichen Bibliographie noch immer sehr wertvolle Buch von Ludvik Vrtačič: Einführung in den jugoslawischen Marxismus-Leninismus (Reihe „Sovietica“ des Osteuropainstituts der Universität Freiburg/Schweiz, D.-Reidel-Verlag, Dordrecht). Neben Angaben über wissenschaftliche Institutionen, philosophische Gesellschaften und Zeitschriften, Verlage usw. (bis 1961) findet man eine Übersicht über die philosophische Literatur 1945 bis 1959 unter Anführung von 500 Autoren. Darunter nicht nur größere Werke, sondern auch Zeitschriftenaufsätze. Ein wertvolles Hilfsmittel, das à jour gebracht werden sollte.

Gramsci

Nicht geringen Einfluß auf die jugoslawischen wie zum Teil auch tschechoslowakischen Avantgarde-Marxisten übt ein marxistischer Denker, der bis vor kurzem im deutschen Sprachgebiet weitgehend unbekannt war, aus: der Italiener Antonio Gramsci (1891-1937). [2] Dank dem S.-Fischer-Verlag besitzen wir nun wenigstens eine immerhin gut 400 Seiten umfassende Auswahl in deutscher Sprache aus dem Werk dieses Mannes, der weit über den Marxismus hinaus zu den bedeutendsten Köpfen unseres Jahrhunderts zählt: „Antonio Gramsci: Philosophie der Praxis. Herausgegeben und übersetzt von Christian Riechers, mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth“ (1967).

Gramsci war ein origineller philosophischer Kopf, dem weder das Nachbeten von Klassikerformeln noch das Vulgarisieren lag. Er wollte Marx mit dem reichen geistigen Erbe seiner Nation schöpferisch vereinen. So wies Gramsci als einer der ersten jenen „eigenen Weg zum Sozialismus“, den dann sein Schüler und Freund Palmiro Togliatti in Theorie und Praxis beschritt. Zum „Diamat“ entwarf Gramsci eine Alternative [3] deren Fruchtbarkeit sich in unseren Tagen erweist. Überraschend — worauf Riechers in seiner Einleitung mit Recht hinweist — die Parallelen zum Denken Mao Tsetungs; beide sind stärker von der traditionellen Kultur ihres Landes geprägt als von einem „orthodoxen“ Marxismus; beide neigen zum Voluntarismus; weisen der „Praxis“ die entscheidende Rolle zu; sind echte Dialektiker, im Gegensatz zur Gebetsmühlen-„Dialektik“ des „Diamat“, betonen gegenüber dem ökonomistischen Determinismus die weitgehend autonome und aktive Rolle des Überbaus.

Im Gegensatz zu Lenin ist Gramscis Denken geprägt durch Vorstellungen von Demokratie und Selbstverwaltung. Am Ursprung des italienischen Kommunismus stand die Turiner Arbeiterrätebewegung von 1919, in der Gramsci — zusammen mit Togliatti und Terracini — eine führende Rolle spielte. Da er der Institution der Partei als solcher mißtraute und sich der Gefahren von Bürokratie und Etatismus bewußt war, propagierte er den Aufbau eines engmaschigen Netzes von Räte-Institutionen, die schon im Kapitalismus vorbereitet werden und an die Stelle von Partei und Gewerkschaften treten sollten.

Gramscis Werk ist eine Fundgrube für schöpferischen Sozialismus, der Marx mit der politischen Demokratie verschmelzen will.

Togliatti

Da S. Fischer gleich auch noch einen Band „Palmiro Togliatti: Reden und Schriften. Eine Auswahl“ (1967) vorlegt, kann sich der deutschsprachige Leser auch ein Bild davon machen, wie stark Gramscis Denken in Theorie und Praxis Palmiro Togliatti und die italienische KP geprägt hat. Wer wie der Schreibende zahlreiche Wahlreden Togliattis hörte, desgleichen manche der faszinierenden Rededuelle zwischen Togliatti und de Gasperi im Palazzo Montecitorio — Höhepunkte des europäischen Parlamentarismus! —, der zögert auch als Nichtkommunist nicht, Togliatti zu den überragenden geistigen und politischen Gestalten unserer Epoche zu zählen; in Westdeutschland wäre ihm etwa nur Kurt Schumacher zu vergleichen.

Togliati war — auch auf einer Massenkundgebung — kein demagogischer Volkstribun, sondern ein Intellektueller, ja ein Philosoph, der zu differenzieren verstand und hierzu aufforderte. Auch Togliatti hat Stalin Tribut entrichtet — man denke an seinen Briefwechsel mit Silone! —, aber es bleibt sein historisches Verdienst, als erster dem europäischen Kommunismus in West und Ost einen Weg aus der Zwangsneurose des Stalinismus gewiesen und davor gewarnt zu haben, mit der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur auch die demokratischen Freiheiten zu beseitigen.

Togliatti hat die Weichen gestellt, die den europäischen Kommunismus heute zur Versöhnung mit dem parlamentarischen System zu führen scheinen.

Weltrevolution

Der Walter-Verlag, Olten, publiziert eine Buchreihe „Dokumente der Weltrevolution“; hier soll „die historische Entwicklung der sozialrevolutionären Doktrinen von den frühen vormarxistischen Ideologien und Programmen bis zu den heutigen Verzweigungen und Spaltungen der kommunistischen Bewegung in grundlegenden Texten dargestellt und dokumentiert werden“. Es geht also um Grundlagenforschung. Das Herausgeberkomitee, an dessen Spitze der Schweizer Historiker und Publizist Professor Herbert Lüthy („Frankreichs Uhren gehen anders“), ließ sich von der leidigen Tatsache leiten, daß außer den Werken von Marx, Engels und Lenin „an Quellentexten zur Geschichte der kommunistischen Lehre auf dem Büchermarkt wenig zu finden“ ist.

Dem ist durchaus beizupflichten. Wir alle stehen — Marxisten wie Nichtmarxisten — im Banne einer erheblichen Überschätzung von Marx und Engels innerhalb der geistig-politischen Strömung des Sozialismus. Wer den ersten, voluminösen Band der Reihe durchliest, den überrascht es immer von neuem, was alles an angeblich Marxschem Gedankengut wortwörtlich schon vor ihm zu finden ist: „Die frühen Sozialisten“, 1967.

Oft will es einem scheinen, als sei der entscheidende Marxsche Beitrag darin zu sehen, daß durch ihn das vorhandene Gedankengut des Sozialismus gewissermaßen eschatologisch geladen wurde aber eben dieses Eschatologische am Marxismus ist durch die Entwicklung in Frage gestellt, ja dementiert worden.

Wie dem auch sei und abgesehen von der Kröner-Ausgabe „Der Frühsozialismus“, die nur eine sehr beschränkte Auswahl bietet: dieser Walter-Band füllt eine große Lücke in unserem geistesgeschichtlichen Bewußtsein. Neben den zumindest namentlich „Bekannten“ — Babeuf, Saint-Simon, Fourier — sind auch fast Unbekannte mit Texten vertreten: Wer hat je schon von Lahautière, Thompson, Grieb, Stromeyer, Püttmann gehört?

Peter Stadler schrieb eine wohlfundierte, sachliche Einleitung, allerdings etwas zu sehr auf Frankreich gerichtet, obgleich es darin heißt, „ohne England hätte es wohl keinen modernen Sozialismus und Kommunismus gegeben“. Leider überborden dann umfangmäßig die Einführungen zu den einzelnen Strömungen, was auf Kosten der Dokumentation geht: bei den Babouvisten kommen auf 41 Seiten Einführung nur 27 Seiten Dokumente! Das beeinträchtigt den dokumentarischen Wert des Bandes erheblich. In den Einführungen steht viel Überflüssiges, und es fehlt auch nicht an tendenziösen Urteilen (so etwa S. 74 über die Französische Revolution). Der Verlag wird gut daran tun, in kommenden Bänden mehr Dokumente und weniger „Einführungen“ zu liefern.

Trotzdem: die Reihe ist ein Ereignis.

Abendroth

Zum Sprung in die Gegenwart ermuntert Wolfgang Abendroth, „Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie“ (Luchterhand 1967). Es handelt sich um eine Sammlung von Aufsätzen „Zur politischen Soziologie“, in denen der Marburger Staatsrechtler und Politologe vom Standpunkt eines „Kritisch erneuerten Marxismus“ zu Grundfragen der politischen Theorie und Praxis in Nachkriegsdeutschland Stellung nimmt.

Was an diesen Analysen fasziniert, ist die seltene Verbindung eines temperamentvollen, überzeugenden und durch Radikalität imponierenden Engagements für den Sozialismus mit dem Differenzierungs- und Objektivierungsvermögen des modernen politischen Wissenschafters. In Abendroths eigenen Worten „ist politische Wissenschaft notwendig Subjekt des politischen Prozesses und als solches Parteinahme in der politischen Praxis“.

Abendroth will die Methode der neopositivistischen Soziologie in den Dienst einer Betrachtung stellen, die über das bloß empirische Sammeln und Analysieren von Fakten hinausgeht und nach dem Sinn und der Geschichtlichkeit des sozialpolitischen Geschehens fragt. Das bedeutet letztlich die Frage nach dem Sinn der Marxschen Emanzipation des Menschen. Der beinahe 600 Seiten umfassende Band ist überreich an Problemen. Sie reichen von Analysen der Bundestagswahlen und der SPD-Politik über Erörterungen zum Thema „Ist der Marxismus überholt?“ bis zu Gedanken über „Alternativen der Planung“. Daß einiges zum Widerspruch reizt, ist nicht die letzte der Qualitäten dieses wichtigen Dokumentes eines anderen Nachkriegsdeutschlands.

[1Der Europa-Verlag, Wien, wird einen Sammelband, hg. v. Rudi Supek, publizieren.

[2Vgl. Antonio Gramsci, Gegen Versimpelung des Marxismus, Neues FORVM, Apıil/Mai 1967.

[3Vgl. a.a.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1968
, Seite 543
Autor/inn/en:

Arnold Künzli:

1919 in Zürich geboren, in Zagreb aufgewachsen, Gymnasium in Bern, Studium der Philosophie, Germanistik, Romanistik und Psychologie in Zürich, Dissertation über Kierkegaard, Auslandskorrespondent schweizerischer Zeitungen in Rom, London und Bonn, zahlreiche Reisen in West und Ost, außenpolitischer Redakteur der Basler National-Zeitung, 1964 Habilitation an der Universität Basel für Philosophie der Politik, Professor allda. War Mitglied des Internationalen Beirats des NF und Mit-Gründer der Korčula-Sommerschulen.

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