FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 171-172
Theodor Prager

Marx irrte — irrte Marx?

Als zornige, wenngleich nicht mehr ganz junge Männer ihrer Parteien präsentierten sich Mitte September v. J. an der Goethe-Universität, Frankfurt, bei deren internationalem Kolloquium „Kritik der politischen Ökonomie heute — 100 Jahre ,Kapital‘“ Dr. Theodor Prager, vom ZK der KPÖ, und Prof. Predrag Vranicki, Direktor des Philosophischen Institutes der Universität Zagreb. Da man Kritik von den Jugoslawen eher gewohnt ist, bringen wir zunächst das Referat Dr. Pragers. [*] Den Text Vranickis hoffen wir demnächst nachliefern zu können. „Die Teilnehmer aus der DDR hatten“, schrieb die Frankfurter Allgemeine, „auf derartige Anklagen und Kritiken nur immer wieder die eine Antwort: Seit vier bis fünf Jahren ist das alles anders geworden, und vorher war es einfach unvermeidlich. Gerade diese Rechtfertigung aber hatten Dr. Prager wie Prof. Vranicki bezweifelt und eine kritische Analyse der stalinistischen Gesellschaft gefordert.“

Am Anfang war die Revision. Am Anfang nämlich des Sozialismus und seiner politischen Ökonomie. Natürlich meinen wir damit nicht den Sozialismus als Idee oder Theorie, sondern den Sozialismus als gesellschaftliche Realität.

Als John Strachey — auf dem Kontinent erst durch sein Buch über den „Zeitgenössischen Kapitalismus“ bekanntgeworden — in den Dreißigerjahren den Marxismus in England heimisch machte, indem er „Der kommende Kampf um die Macht“ und „Die Theorie und Praxis des Sozialismus“ schrieb, da meinte er mit der „Praxis“ vor allem die Sowjetunion. Und man kommt nicht darum herum, die Sowjetunion ist nun einmal der Pionier dieser Praxis. Man kommt auch nicht darum herum, daß Rußland zwar ein kapitalistisches, aber relativ unterentwickeltes Land war, und überdies ein durch Krieg und Bürgerkrieg verwüstetes und zerrüttetes Land. Infolgedessen mußte auch sein Sozialismus zunächst und bis auf weiteres ein unterentwickelter Sozialismus sein. Zumindest gemessen an unseren mittel- oder westeuropäischen Maßstäben, und natürlich auch gemessen an denen von Marx.

Denn auch um das kommen wir nicht herum: Marx hatte damit gerechnet, daß der Kapitalismus zuerst in den entwickelten Industrieländern gestürzt werden würde, und zwar in einigen zugleich, oder wenigstens in rascher Reihenfolge. Die Chartistenbewegung, die 48er-Revolutionen und schließlich die Pariser Kommune schienen diese Annahme zu bestätigen. Aber dann kam es anders. Die Geschichte revidierte die Marx’sche Vision. Am Anfang des Sozialismus in Aktion, des Sozialismus als gesellschaftlicher Realität, und sei es nur im Ansatz, am Anfang des Sozialismus also war die Revision.

Die deutschen und österreichischen Marx-Dogmatiker nahmen es mit Mißbehagen auf. Wie vermessen, meinten sie, von den russischen Revolutionären, sich auf so ein Abenteuer einzulassen. Den Sozialismus in einem so zurückgebliebenen Land aufbauen wollen — lächerlich. Das könne zu nichts Gutem führen ... Lenin machte sich über solche Pedanterie lustig. Auch Marx hätte sich vermutlich darüber lustig gemacht. Aber im nachhinein müssen wir zugeben: Ganz so ohne waren die geäußerten Bedenken nicht. Es war eine himmelstürmende Tat, aber unterwegs ist man auch arg gestolpert. Man hat sich dabei nicht wenige arge Beulen zugezogen und auch der Sache des Sozialismus anderswo Schaden zugefügt.

Das mag alles etwas banal sein, aber es gehört nun einmal zur Problematik.

Aktivposten

Gehen wir nun in die Sache selbst ein. Sagen wir vor allem — wir dürfen es wohl von allen „westlichen“ Marxisten sagen —, daß wir an der Struktur, den Zielsetzungen, den Leistungen der nachkapitalistischen, im Ansatz sozialistischen Länder bejahen und begrüßen: die Entmachtung von Großkapital und Großgrundbesitz; die Verstaatlichung der entscheidenden Produktionsmittel; das Prinzip der Planung; die Zielsetzungen rascher und gründlicher Industrialisierung und massiven Wirtschaftswachstums; die Brechung des Bildungsprivilegs und die Bemühung um eine gründliche Bildungsrevolution; die tätige Sorge um die Volksgesundheit; das Nachziehen wirtschaftlich und kulturell besonders unterentwickelter Gebiete; die Emanzipation der Frau; die Gleichstellung der Völker und „Rassen“, die Hilfe für wirtschaftlich unterentwickelte Länder in der sogenannten Dritten Welt.

Registrieren wir auch, daß die bloße Existenz einer nichtkapitalistischen, einer alternativen Sozialordnung eine massive Herausforderung an den Kapitalismus darstellt, die kapitalistischen Oligarchien druckempfindlicher für die sozialen Forderungen im eigenen Bereich gemacht und sie zu einer Umorientierung ihrer politisch-ökonomischen Strategie gezwungen hat. Sie mußten eine Flucht nach vorne antreten, für Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum sorgen und Sozialpolitik machen. Sie verzichteten deswegen keineswegs auf Kalten Krieg und Rüstung, aber immerhin, heute haben wir überall eine Mischung von Welfare state und Warfare state (mit etwas mehr Welfare in Westeuropa und etwas mehr Warfare in den USA). Wenn wir heute einen dynamischeren Kapitalismus haben, so ist das nicht zuletzt das Produkt der Konkurrenz, die der Sozialismus offeriert. „Socialism has proved a great success for capitalism“, ist ein wenig boshaft gesagt worden.

Wenn wir das alles anerkennen, so brauchen wir darum nicht unsere Bedenken und Vorbehalte zurückzustellen und auf die Kritik an den bestehenden Strukturen, Instrumentarien, Zielsetzungen und Mängeln im Bereich der als sozialistisch bezeichneten Länder zu verzichten — oder uns gar verpflichtet zu fühlen, alle von dort kommenden Erklärungen für bare Münze zu nehmen, oder das Erstrebte mit dem schon Erreichten zu verwechseln. Wir werden dabei riskieren müssen, daß unsere Kritik als „nicht konstruktiv“ bezeichnet wird. Aber wir haben schon erlebt, daß dort, wo wir meinten, fast übers Ziel zu schießen, von Insiders, Kennern der Materie aus erster Hand und guten Marxisten dazu, kommentiert wurde, „wahr ist noch viel mehr ...“

Die Wahrheit, heißt es, ist konkret. Also:

Hinkendes Wachstum

Das Wirtschaftswachstum in den sozialistischen Ländern Osteuropas hat stark nachgelassen. Bis gegen Ende der Fünfzigerjahre waren die globalen Wachstumsraten im allgemeinen höher als selbst in der Bundesrepublik, in Italien, Frankreich oder Österreich, die damals an der Spitze der westlichen Wachstumsliga standen — wenn auch Japan noch höhere Wachstumsraten aufwies. Seither hat sich das Wachstumstempo sowohl in Ost als auch in West verlangsamt und manche Länder wie vor allem die ČSSR hatten einige Jahre hindurch eine ausgesprochene Stagnation.

Daran ist nichts Ehrenrühriges, das kann passieren, muß aber doch als Warnzeichen dafür gewertet werden, daß es hier keine Automatik des überlegenen Wachstumstempos gibt und daß es sich mit dem „Einholen und Überholen“ ganz schön ziehen kann.

Die Landwirtschaft ist fast überall in diesen Ländern weit hinter der Industrie zurückgeblieben, oft auch hinter dem Entwicklungstempo in fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Während dort 8 oder allenfalls 15 Prozent der berufstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt sind und genügend erzeugen, um über die Versorgung der heimischen Bevölkerung hinaus noch Exportüberschüsse zu erzielen, benötigt die Sowjetunion gut ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung, um die übrigen zwei Drittel wenigstens kalorienmäßig halbwegs ausreichend zu versorgen. Gewissen Exportüberschüssen steht gelegentlich ein recht massiver Importbedarf gegenüber. Die ČSSR, die gewiß imstande ist, alle erforderlichen Landmaschinen, Kunstdünger usw., für ihre Landwirtschaft bereitzustellen, schneidet in puncto Versorgung mit Lebensmitteln weniger gut ab als z.B. Österreich.

Der reale Wirtschaftsertrag hinkt hinter dem Aufwand nach, „output“ steht oft in keinem Verhältnis zu „input“. Es geht nicht nur darum, daß der Massenkonsum bedeutend langsamer steigt als die Investitionen; dies ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Industrialisierung, zu der noch die Lasten der Rüstung und der Hilfe für die „Unterentwickelten“ kommen. Es geht hier vor allem darum, daß die vorhandenen Ressourcen offenbar nicht gut genutzt werden. Der Materialaufwand ist oft unverhältnismäßig groß. Ersatzinvestitionen und Reparaturen werden vielfach nicht zeitgerecht durchgeführt, dann aber mit großen Aufwendungen und zu einem Zeitpunkt, da es besser wäre, die alten Maschinen auszurangieren. Neue große Investitionsvorhaben brauchen außerordentlich lange bis zur Reife. Manche erwiesen sich als Fehlinvestitionen.

Disproportionen in Fülle

Unvermeidliche Strukturverschiebungen wurden nicht zur Kenntnis genommen. So hat man die Kohle noch zu einer Zeit forçiert, da sie längst durch andere Energieträger überrundet wurde, hat in Stahl und Schwermaschinenbau Mittel gesteckt, die besser in die chemische Industrie und in die Elektronik gehört hätten. Neben Überkapazitäten in gewissen Branchen gibt es empfindlichen Kapitalmangel für neue Projekte.

Auch sonst gibt es Disproportionen in Fülle. Das sogenannte Gesetz von der planmäßigen proportionalen Entwicklung der Wirtschaft im Sozialismus gehört eher in den Bereich der Metaphysik als der Praxis. Disproportionen zeigen sich im Arbeitskräftebereich — Mangel an Facharbeitern und daneben versteckte, mitunter sogar ziemlich offene Arbeitslosigkeit —; und sie treten erst recht auf den Warenmärkten in Erscheinung. Natürlich gibt es keine globale Überproduktion, es fehlt ja nicht an monetärer Nachfrage, sehr wohl aber gibt es partielle Überproduktion und als Pendant dazu zahlreiche Engpässe.

Neben unabsetzbaren Lagern an Textilwaren, Möbeln, Radioapparaten u.dgl. gibt es große Blöcke ungedeckter Kaufkraft, d.h. versteckte Inflation. In der ČSSR haben die Leute hunderte Millionen Kronen für Škoda-Wagen angezahlt, auf deren Auslieferung sie Jahre warten müssen. Es werden zu wenige Wohnungen gebaut. Zwar ist die Sowjetunion in dieser Beziehung in den letzten Jahren in die europäische Spitzengruppe aufgerückt, aber andere sozialistische Länder liegen noch ziemlich am Ende der Skala.

Die „basic necessities“ sind meistens billig, in krasser Notlage befinden sich relativ wenige. (Allerdings sind die Altersrentner hier wie in vielen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern oft hart am Rande davon.) Verglichen mit früheren Zeiten ist der Fortschritt oft enorm. Aber gewiß ein Symptom für das bereits Erreichte — die Begriffe davon, was „lebenswichtig“ und angemessen ist, haben sich geändert. In der ČSSR, in Ungarn, Jugoslawien usw. erwartet der Facharbeiter heute, nicht anders als der norditalienische oder österreichische, daß er sich einen Fernsehapparat, ein Motorrad oder auch ein Kleinauto, gelegentlich auch einen Urlaub im Ausland leisten kann. Und natürlich stellt auch seine Frau ganz andere Ansprüche als früher an Kleidung, Haushaltausstattung usw.

Ausgesprochen unterentwickelt sind wichtige Dienstleistungen. Moderne Kaufhäuser, Supermärkte, Wäschereien, Reparaturwerkstätten aller Art gibt es höchstens in den größeren Städten und auch da viel zu wenig. Das kostet Zeit, Nerven, verursacht Ärger und drückt auf Arbeitslust und Lebensfreude.

Sind das alles nur Wachstumskrankheiten? Oder ist es nicht auch ein Zeichen dafür, erstens, daß der Mensch (als Konsument und Bürger) in der Planung zu kurz kommt, und zweitens, daß das System der Planung jener Rückkoppelungs- und Anpassungsmechanismen ermangelt, die für die rasche Korrektur auftretender Disproportionen sorgen könnten?

Bürokratie als Fessel

Die Symptome einer gewissen Stagnation, die Anzeichen von allerhand Disproportionen sind ja nicht erst von gestern, sie werden jetzt bloß viel offener registriert und kommentiert. Zwar brachte N. S. Chruschtschow schon in den Fünfzigerjahren allerhand haarsträubende Widersinnigkeiten im Ablauf des Wirtschaftsgeschehens an den Tag. Aber bis vor kurzem blieb es ein (nicht allzu häufig praktiziertes) Vorrecht der führenden Funktionäre, darüber zu reden. Heute ist man überall so weit, das alte, starre, hochzentralisierte System der administrativen Leitung (oder besser Verwaltung), der vielfältigsten und bis ins absurde Detail gehenden „Vorschrift“ als überholt zu kennzeichnen. Man hat mehr oder weniger klar erkannt, daß die Orientierung am bloßen Produktionsvolumen und das System der Direktiven über die Verwendung von „Fonds“, Maschinen, Rohstoffen, Arbeitskräften, das Festhalten an starren Preisen usw. vor Umstellungen und Neuerungen abschreckte, die gegebene Produktionsstruktur zementierte, und den unökonomischen Einsatz von Arbeitsmitteln und Arbeitskräften, mit einem Wort Verschwendung und Fehlentwicklungen begünstigte. Daß es Quantität auf Kosten der Qualität förderte. Daß es die Initiative auf allen Ebenen erstickte. Daß niedrige Preise teuer zu stehen kommen können. Und — allmählich auch dieses — daß niedrige Löhne mit hohen Lohnkosten Hand in Hand gehen können.

Mit einem Wort, das Wertgesetz hat sich dafür, daß man es vielfach einfach ignoriert hat, ausgiebig gerächt. Es wurde ihm nicht erlaubt, sich an Preissteigerungen beziehungsweise Preisverfall auszuleben, also kam es durch die Hintertür herein und erzeugte Engpässe einerseits, Ladenhüter und unabsetzbare Roh- und Halbstofflager anderseits. Es durfte sich nicht in den Investitionsentscheidungen niederschlagen — man hatte ja keine echten Kosten als Orientierungsgrößen —, also produzierte es „weiße Elefanten“ auf der einen Seite und eine Masse unfertiger Projekte auf der anderen. (Und darüber hinaus richtiggehende, allerdings ungeplante Lager- und Investitionszyklen.)

Schlimmer noch: wo Ingenieur und Facharbeiter nicht auf ihre Reproduktionskosten kommen, d.h. keine entsprechende Entschädigung für die Mühen des Studiums und den langjährigen Konsumverzicht erhalten, erlahmt auch der Anreiz zur Qualifikation.

Das Prinzip der kapitalistischen Konkurrenz und des kapitalistischen Profitmotivs ist ausgeschaltet worden, aber man hat noch keinen rechten Ersatz dafür. Jedenfalls kann man das Manövrieren der Betriebsleitungen um bequeme Planziele und das Raufen um Rohstoffe, Maschinen, qualifizierte Arbeitskräfte, das sich meist hinter den Kulissen abspielt, kaum als adäquaten Ausgleich dafür betrachten.

Natürlich gilt das alles nur für jene höhere Entwicklungsphase, in die die Sowjetunion und andere osteuropäische Länder erst vor relativ kurzer Zeit eingetreten sind. Kein vernünftiger Mensch wird behaupten, daß es in der UdSSR der Zwanziger- oder auch der Dreißiger- und Vierzigerjahre oder im ersten Jahrzehnt Nachkriegs-Polens wesentlich anders als mit Hilfe hochzentralisierter und in das betriebliche Geschehen tief eingreifender administrativer Entscheidungen gegangen wäre.

Und gewiß war es damals viel wichtiger, die grundsätzlich richtigen Leitlinien über den raschen und massiven Ausbau der Infrastruktur und der Schwerindustrie zu geben, als sich mit subtilen Rentabilitätsberechnungen über alternative Wasserkraftprojekte aufzuhalten. Entscheidend war, daß elektrifiziert wurde, anstatt — sagen wir — Möbelfabriken oder Obstkonserven für den Export herzustellen, wie das angesichts des Holzreichtums Rußlands oder der klimatischen Bedingungen Transkaukasiens gewiß rentabel gewesen und wahrscheinlich von wohlmeinenden Entwicklungsfachleuten aus dem Westen empfohlen worden wäre. Wichtig war es, den Schwermaschinenbau zu starten und nicht den Fahrradbau — obwohl der einfache Sowjetbürger mit Fahrrädern vielleicht mehr Freude gehabt hätte.

Außerdem haben Mammutbetriebe auch das für sich, daß sie tatsächlich Leitbilder schaffen, an denen sich ein lern- und aufbaufreudiges großes Volk begeistern kann — und wer wollte leugnen, daß das eine Haupttriebfeder des Aufbaus war?

Wie wir überhaupt festhalten wollen, daß die Sowjetunion und nach ihr auch die volksdemokratischen Länder das vollbracht haben, was bisher nur selten in den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern geglückt ist: Sie haben tatsächlich den „take-off to self-sustaining growth“ bewerkstelligt und damit erst die Voraussetzungen für das geschaffen, was wir heute den Wettbewerb der Systeme nennen können.

Aber längst ist fast überall der Punkt gekommen, da es mit den alten, groben Werkzeugen und extensiven Methoden nicht mehr geht. Wenigstens nicht mehr ökonomisch. Daß das so gut wie überall erkannt wurde, ist an sich schon ein großer Fortschritt, und daß man mit neuen Methoden zu experimentieren begonnen hat, ein noch größerer.

Immerhin stellt sich die Frage, wieso das alles so lange gedauert hat, wieso das, was heute für alle Welt offenkundig ist, sich erst so spät durchsetzen konnte: Die Erkenntnis, daß die Leitungsmethoden und die sie bedingende schwerfällige bürokratische Struktur den bereits hochentwickelten Produktivkräften nicht mehr entsprachen.

SU als Pionier und Bremse

Wir müßten weit ausholen, um das zu beantworten und können hier nur einige Stichworte versuchen. Natürlich müssen wir dabei von der Sowjetunion ausgehen, dem ersten und kraft seiner Potenzen ausschlaggebenden sozialistischen Staat, der, wie mit Recht gesagt worden ist, den Weg für die revolutionären Transformationen in den anderen Ländern freigelegt hat, dessen Gewicht aber auch auf der Entwicklung dieser Länder gelastet hat.

Rußland, wir haben es eingangs vermerkt, war nicht nur ein wirtschaftlich unterentwickeltes, sondern auch ein durch Krieg und Bürgerkrieg schwer zerrüttetes Land. Und der Durchbruch erfolgte zunächst nur an diesem einen Punkt. Die mitteleuropäischen Revolutionen blieben auf halbem Weg stecken, die koloniale Befreiungsbewegung kam erst viel später in Schwung. Sowjetrußland blieb also lange Zeit isoliert. Der „Sozialismus in einem Land“ wurde durch diese Umstände geprägt. Die zerrüttete Wirtschaft, die Dezimierung der revolutionären Kader, die tiefgreifende Demoralisierung und Barbarisierung durch Bürgerkrieg und Hungersnot, die Blockade, die den Interventionsversuchen der kapitalistischen Gegner auf dem Fuße folgte, alles das hinterließ tiefe Spuren.

Aus der Lethargie sich aufzurappeln, das Chaos zu meistern und dann den großen Sprung zu machen, das alles erforderte übermenschliche Anstrengungen, konzentrierte Anspannung und gleichzeitig strenge Beschränkung auf das Allernotwendigste. Mit einem Wort, eiserne Disziplin, und wenn sie nicht freiwillig eingehalten wurde, so mußte sie eben erzwungen werden.

Das sind einige der Momente, die erklären, wie es zur Herausbildung eines zentralistisch-bürokratischen Machtapparates und zum Abbau der — zunächst wenigstens in der Partei und in den Sowjets hochentwickelten — demokratischen Freiheiten kam und schließlich zu der bürokratisch-autoritären Entartung mit allen ihren schlimmen Exzessen. Bedenken wir noch die sehr reale neue außenpolitische Bedrohung durch den deutschen Faschismus und japanischen Militarismus, so ist auch die Festungsmentalität begreiflich, die sich in den Dreißigerjahren neuerlich herausbildete (und noch bewußt gezüchtet wurde) und die alle diese Entartungserscheinungen auf die Spitze trieb.

War Stalin „notwendig“?

Ich möchte nicht in die schlechte austromarxistische Gewohnheit verfallen, das, was passiert ist, als unvermeidlich, als Produkt unverrückbarer eherner geschichtlicher Notwendigkeiten zu erklären und damit zu verklären. Immerhin, so war es, und es ist klar, daß hier wie anderswo einmal entstandene Strukturen und Gewohnheiten ihr eigenes Trägheitsmoment entwickeln und sich also sowohl die bürokratischen Apparate als auch die dazugehörigen konservativen Gewohnheiten und konformistischen Haltungen weit über den Zeitpunkt hinaus erhalten konnten, wo sie noch irgendwie objektiv zu begründen waren.

Aber wir müssen wenigstens an einem Punkt spezifischer sein, nämlich dort, wo es um die politische Ökonomie als Theorie und Praxis geht.

Was in Sowjetrußland diskutiert und praktiziert wurde, ging natürlich von den besonderen russischen Gegebenheiten aus. Die politische Ökonomie der Sowjetunion ist nicht die politische Ökonomie des Sozialismus schlechthin, sie ist nur jene der UdSSR. Zwar hat das auch die politische Ökonomie der europäischen Volksdemokratien weitgehend geprägt, aber das hat wieder seine besonderen historischen und politischen Ursachen.

„Primat der Schwerindustrie“, „gesetzmäßig raschere Entwicklung der Schwerindustrie“, maximales (nicht optimales) Wirtschaftswachstum, hochzentralisierte Planung mit starren detaillierten Direktiven von oben, die selten formulierten, aber de facto praktizierten Autarkiebestrebungen, Betonung der materiellen Produktion als allein wertschöpfend und ähnliche Axiome, das alles ist engstens mit den (wirklichen oder auch scheinbaren) Erfordernissen eines unterentwickelten, isolierten und in schwerem Existenzkampf befindlichen Staates verknüpft.

Immerhin gab es auch da, wenn wir von diesen Erfordernissen ausgehen, mehrere Möglichkeiten und Varianten; über diese wurde zumindest in den Zwanzigerjahren und zumindest innerhalb der Partei heftig diskutiert und gerungen. Wir müssen uns sehr davor hüten, aus der wirtschaftlichen Unterentwicklung eines Landes Schlüsse auf sein geistiges Klima zu ziehen. Jetzt, da wir endlich mehr über die damaligen Publikationen und Diskussionen erfahren, stellen wir etwas betreten fest, daß diese oft recht unmanierlichen bärtigen Revolutionäre Rußlands, Mann für Mann, an Bildung, Originalität und Schärfe der Beweisführung (oft auch an Humor) die meisten unserer ehrwürdigen hiesigen Professoren, zünftigen Ökonomen und Soziologen aus jener Zeit glatt einstecken.

Goldene Zwanzigerjahre

Jetzt erst stellt sich für viele von uns heraus, daß nicht nur die Einsatz-Ausstoß-Analysen Leontjews, sondern auch solche hochmoderne Theorien und analytische Methoden, wie diverse Wachstumsmodelle, Nationaleinkommensberechnungen, dynamische Gleichgewichtsbetrachtungen, multi-sektorale Analysen, der Begriff der Grenzkapitalkoeffizienten, allerhand Konzepte von der Ermittlung der Investitionsrentabilitäten usw. nicht auf unserem hiesigen, sondern auf dem dortigen Mist entstanden und auch ziemlich kräftig gewachsen sind, und zwar lange vor unserer Zeit.

Dabei hatte vieles von dem, was unter dem Namen der „ursprünglichen sozialistischen Akkumulation“ und seiner Problematik abgehandelt wurde, überdies den Vorzug, daß es stets vom jeweiligen (dynamischen!) Kräfteverhältnis der Klassen, also von höchst relevanten politischen Überlegungen ausging, von den Möglichkeiten und Grenzen einer „Bündnispolitik“ usw., während unsere konventionelle bürgerliche Ökonomie sich für solche „außerökonomische Faktoren“ stets unzuständig erklärt.

Stets fragten die damaligen Diskutanten, was dieser oder jener Gesellschaftsschicht zumutbar oder nicht zumutbar war (und für wie lange!), wie sich diese oder jene Maßnahme auf die gesellschaftliche Stellung dieser oder jener Schicht auswirken (und was bis dahin passieren) würde, welche gesellschaftlichen Prozesse und Konflikte sich aus steuerlichen, preislichen, investitionspolitischen Änderungen und Neuerungen ergeben und wie sie auf die Situation zurückwirken würden, usw. Hier, in der Konzeption der Einheit (oder jedenfalls Wechselwirkung) von Ökonomie und Politik zeigt sich am deutlichsten das Marx’sche Erbe, von dem die damaligen Diskutanten zehrten, wobei sie gleichwohl darum bemüht waren, die Marx’sche Methode schöpferisch anzuwenden und neue Pfade aufzuspüren, die in keiner Marxschen Landkarte verzeichnet waren oder sein konnten.

Aber auch an zahlreichen anderen Knotenpunkten ist der Marx’sche Faden deutlich zu sehen. So in der ständigen Bedachtnahme der Wirkung alternativer wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf die Technologie, genauer gesagt, in der Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Akkumulation und Entfaltung der Produktivkraft. Hier, im Westen, haben die Ökonomen erst reichlich spät erkannt, daß Produktivität und Wirtschaftswachstum nicht nur von der Dichte der Verkehrs- und Energieanlagen, Hochöfen und Raffinierien, der Zahl der Maschinen und Fahrzeuge usw.
abhängt, sondern auch davon, wieviel Technologie in diese Anlagen eingebaut ist; daß also die Qualität, nicht nur die Quantität entscheidet und daß man dementsprechend systematisch um Ausbildung und Bildung, wissenschaftlich-technische Forschung und Entwicklung und ihre Anwendung im Produktionsprozeß bemüht sein muß.

In den Bemühungen um die Hebung der Zahl und Ausbildung der wissenschaftlich-technischen Kader, in den großzügigen und mit großen Opfern verbundenen Investitionen in Schulen, Hochschulen, Forschungszentren und Laboratorien zeigt schon das Sowjetrußland der späteren Zwanzigerjahre, wie gut man dort die strategische Bedeutung des sogenannten Restfaktors des Wirtschaftswachstums erkannt hatte.

Viele der Erkenntnisse jener Zeit sind durch die nachfolgende Entwicklung verschüttet worden. Die tiefe Krise um die Kollektivisierung der Landwirtschaft, die übermenschlichen Anstrengungen, die dem Sowjetvolk zur Verwirklichung der ersten Fünfjahrespläne, also beim entscheidenden Sprung zur Industrialisierung abverlangt wurden, dann die neue massive außenpolitische Bedrohung durch den Hitler-Faschismus und die durch sie veranlaßten mächtigen Rüstungsanstrengungen führten dazu, daß der Raum der Diskussionsfreiheit eingeschränkt und die Demokratie ausgeschaltet wurde. Der jeweilige Kurs wurde zur Generallinie deklariert und Auffassungen, die davon divergierten, zu Abweichungen. Mit den Exponenten solcher Auffassungen wurde nicht mehr diskutiert, sie wurden vor Gericht gestellt (oder auch nicht!) und liquidiert. Zur Unperson wurden auch ihre Werke. An Stelle der Diskussion trat das Tabu, an Stelle des schöpferischen Marxismus das Dogma. Es beherrschte nun für lange Zeit das Feld. Was die Vulgarisierung gewisser Marx’scher Thesen und ihre Verabsolutierung für Schäden angerichtet hat, mag an einigen Beispielen illustriert werden:

Nach Marx ist die menschliche Arbeitskraft der Schöpfer aller Werte. Daraus wurde oft abgeleitet, daß dem Boden und dem Kapital kein oder kein ihrer Knappheit gemäßer Wert bzw. Preis zugerechnet zu werden braucht, und man ging mit ihnen dementsprechend unökonomisch um. Aber natürlich betrachtete Marx den Prozeß der Wertschöpfung als Folge der Einwirkung des Menschen auf die Natur, und gerade er zeigte, um wieviel produktiver die menschliche Arbeitskraft wird, wenn sie mit mehr oder besseren Hilfsmitteln ausgestattet ist, wobei sich der von ihr geschaffene Wert dann in mehr oder besseren Gebrauchswerten niederschlägt.

Geringschätzung geistiger Arbeit

Bei Marx ist der Fabriksarbeiter, die „factory hand“, die zentrale Gestalt des Schaffens und des Leidens im aufstrebenden Industriekapitalismus. Daraus wurde abgeleitet, daß der manuelle Arbeiter der Wertschöpfer par excellence ist, und von da war es kein großer Schritt zur Unterbewertung der geistigen Arbeit, genauer, der wissenschaftlich-technischen Tätigkeit, wie sie sich vielerorts selbst heute noch in der schlechten Entlohnung und im unbefriedigenden Status der Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Forschungsarbeiter usw. äußert. Aber natürlich ist gerade bei Marx die entsprechende schöpferische Tätigkeit die Quelle jener ständigen Revolutionierung der Produktivkräfte, die die Quintessenz des Kapitalismus und erst recht des Sozialismus ist.

Übrigens steht der Ouvrierismus der parteiamtlichen Mythologie in einem peinlichen Kontrast zum penetranten Standesdünkel gerade jener Schicht von Bürokraten und Funktionären, die am wenigsten mit dem geistigen und materiellen Produktionsprozeß zu tun haben.

Bei Marx ist vor allem die materielle Produktion das Um und Auf der Wertschöpfung. Daraus wurde abgeleitet, daß Distribution und Dienstleistungen aller Art von sekundärer Bedeutung sind. Aber Marx hatte keine solche Scheuklappen, er hatte stets den gesamten Reproduktions- und Lebensprozeß der Gesellschaft im Auge, zu dem nicht nur Bildungsstätten und Forschungszentren, Kindergärten und Spitäler, sondern eben auch Selbstbedienungsläden und Schnellwäschereien gehören.

Übrigens hat die Erfahrung hinlänglich gezeigt, daß berufstätige Hausfrauen, die sich stundenlang um Lebensmittel oder auch um Dauerwellen anstellen müssen, nicht gerade energiegeladen und frohgemut in ihr Büro oder ihren Betrieb eilen.

Mißverstandener Kapitalismus

Aus Marx und Lenin wird herausgelesen, daß der Kapitalismus nicht nur krisengeschüttelt, sondern auch parasitär und unfähig zur weiteren Entfaltung der Produktivkräfte ist. Wir brauchen uns mit dieser Mißinterpretation nicht weiter aufzuhalten, sie lieferte der offiziellen Propaganda jedoch Stichworte, die nur desorientieren konnten und dann bewirkten, daß die Konfrontation des volksdemokratischen oder sowjetischen Touristen mit dem Straßen- und Schaufenstergetriebe des westlichen Auslandes womöglich noch groteskere Mißverständnisse mit umgekehrten Vorzeichen erzeugten.

Der Kapitalismus ist weder so baufällig, wie man der „Prawda“ entnehmen könnte, noch so sorgenfrei, wie die Inserate im „Esquire-Magazin“ suggerieren. Geben wir aber auch zu: manche von uns Außenstehenden waren nicht ganz unbeteiligt an solchen Ungereimtheiten, zu denen auch wir manches Stichwort geliefert und die wir zu oft gedeckt haben.

Marx trachtete, das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise zu erforschen und deckte dabei eine Reihe von grundlegenden Entwicklungstendenzen auf. Er hat uns nicht eine eherne Doktrin geliefert, sondern ein dynamisches Modell, das ständig modifiziert werden muß. Ähnliches gilt für den Aufbau des Sozialismus. Das sowjetische Experiment ist ein Modell unter mehreren denkbaren, und erfordert selbst ständige Modifikationen. Dies wollte man die längste Zeit nicht wahrhaben. Man erklärte die ständige vorrangige Entwicklung der Schwerindustrie, die Kollektivisierung der Landwirtschaft, das starre System der administrativen Planung als allgemein gültig, gab die jeweiligen Planziele als Ausdruck einer angeblichen Gesetzmäßigkeit der Entwicklung aus und erklärte sie darüber hinaus für formal verbindlich. Mit Marx hatte das alles wenig zu tun.

Die damaligen Verirrungen sind noch keineswegs zur Gänze korrigiert. Immerhin, heute hält man auf einem anderen Niveau und steht daher auch vor neuen Problemen. Die Zeit der ursprünglichen sozialistischen Akkumulation ist längst vorbei, die industrielle Revolution weitgehend — und nicht nur in der Sowjetunion — vollzogen, die soziale und berufliche Struktur entspricht der von Industrieländern, neben vielen Millionen Facharbeitern gibt es eine breite Schicht wissenschaftlich-technisch hochgebildeter Fachkräfte im Bereich der Industrie und Landwirtschaft, des Verkehrs- und Energiewesens, des Bildungs- und Forschungswesens und in der Verwaltung. Insgesamt sind die Erfordernisse des Wirtschaftswachstums, die Ansprüche der Individuen und der Gesellschaft differenzierter und diffiziler, aber auch die Mittel zu ihrer Befriedigung größer und reichhaltiger geworden.

Und wenn auch die alten, sagen wir, paternalistischen Gewohnheiten stark geblieben sind, so hat sich doch das Klima seit der Mitte der Fünfzigerjahre enorm verändert: Es gibt halbwegs wirksame rechtsstaatliche Sicherheit (wenn auch nicht ohne Rückfälle), ziemlich freien Meinungsstreit (wenn auch innerhalb gewisser Grenzen), man kann leichter als früher ausländische Publikationen lesen, ins Ausland fahren usw.

Zuviel Bürokratie, zuwenig Demokratie

Aber gemessen an den objektiven Erfordernissen ist der Fortschritt viel zu langsam. Noch immer lastet ein schwerer bürokratischer Überbau auf dem ganzen Lebensprozeß. Noch immer gibt es zuviel autoritär getroffene Entscheidungen, zu viel Bevormundung, zu viel Konformismus, zuviel Heuchelei. Persönliche Initiative, demokratische Bewegungsfreiheit, reale Mitbestimmung auf allen Ebenen sind noch unterentwickelt.

Das behindert den Übergang in das neue Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Revolution, erzeugt vielfältige Frustration und Entfremdung, behindert die Entfaltung der Potenzen zur Selbstverwirklichung der Menschen. Denn es geht ja nicht nur darum, die tätige und schöpferische Mitarbeit der Produzenten im Produktionsprozeß zu erreichen, sondern auch die Mitbestimmung des Bürgers bei den Zielsetzungen jeglicher materieller und gesellschaftlicher Tätigkeit.

Es geht nicht nur um Planerfüllung, es geht auch darum, daß der Plan die richtigen Prioritäten setzt. Allerdings, was heute richtig ist, kann morgen schon unrichtig sein. Die Prioritäten müssen daher ständig überprüft und gegebenenfalls modifiziert werden.

Der neue Mechanismus

Wir vernehmen mit Interesse und Genugtuung, daß an der Umgestaltung des Systems der Wirtschaftslenkung gearbeitet wird. Der Entscheidungsspielraum auf mittlerer und unterer Ebene soll, so hören wir, erweitert, der Initiative zunächst der Betriebsleitungen mehr Platz gegeben werden. Ökonomische Indikatoren und Hebel sollen vielfach an Stelle mehr oder weniger willkürlicher bürokratischer Entscheidungen treten. Innerhalb der großen Richtlinien und komplementär zu den zentralen Steuerungsinstrumenten des Planes sollen reaktionsfähige Marktmechanismen ins Spiel kommen, die eine promptere Anpassung an die Gegebenheiten, eine raschere Korrektur von auftretenden Disproportionen zulassen und eine zeitgerechte Modifikation der angesteuerten Ziele selbst nahelegen und erleichtern.

Ich fühle mich in keiner Weise kompetent zu beurteilen, wie weit diese Reformen (und es gibt vielerlei Varianten davon) zielführend zu sein versprechen, wie weit sie dazu beitragen werden, das Verhältnis von Input zu Output zu verbessern, Disproportionen zu beseitigen, die bessere Nutzung der Ressourcen zu gewährleisten, mit einem Wort, die Wirksamkeit der Ökonomie zu heben und ein organisches Wachstum zu sichern. Es ist jedenfalls ein großer Gewinn, daß diskutiert und experimentiert wird.

Dabei liegt auf der Hand, daß die Widerstände umso größer sein werden, je profunder die Reformen, denn diese müssen ja vielen liebgewordenen Gewohnheiten zuwiderlaufen und auch so manche Privilegien und Machtstellungen gefährden. Mit der bloßen Verlagerung bürokratischer Entscheidungen von einer Ebene auf andere wird es gewiß nicht getan sein, mit der Beschränkung der Reform auf einige enge Sektoren vermutlich auch nicht, sonst bleibt sie ein Fremdkörper und richtet unter Umständen mehr Schäden an, als sie beheben soll.

Aber grundsätzlich dürfte es sich doch sehr wohl um Ansätze für einen Weg handeln, der (in den Worten Oskar Langes) zwischen den Klippen der bürokratischen und der anarchistischen Entartung hindurchführt. Um Ansätze: denn es ist noch keineswegs deutlich ersichtlich, inwieweit jene echte demokratische Mitbestimmung der Masse der Produzenten ins Spiel kommen soll, die aus der Verstaatlichung eine echte Vergesellschaftung, aus den Voraussetzungen für den Sozialismus eine sozialistischeGesellschaft macht.

Daß die Delegierung solcher Tätigkeit und Funktion an Partei oder Gewerkschaft im konkreten Fall nur einen höchst unvollkommenen Ersatz für demokratische Mitbestimmung darzustellen geeignet ist, glauben wir aus der Erfahrung zu wissen.

Fragwürdige Prioritäten

Über Mittel und Wege wird jetzt überall diskutiert, über die Zielsetzungen hingegen herzlich wenig. Aber ist es nicht an der Zeit, auch hier einige Fragen zu stellen und einiges in Frage zu stellen? Sind die Prioritäten richtig? (Socialism is the language of priorities, sagte Aneurin Bevan, der seinerzeitige Führer der Labour-Linken.)

Maximales Wirtschaftwachstum? Wir haben gesehen, daß das teuer zu stehen kommen kann und letzten Endes self-defeating ist, nämlich dann, wenn es auf Kosten der menschlichen und der Umweltsubstanz geht. Wir sind nicht eingenommen von ehrgeizigen Plänen, „großen Sprüngen“, die die Gesundheit, Lebenslust und demokratische Bewegungsfreiheit der Menschen beeinträchtigen und mit Raubbau an Bodenschätzen und Waldreichtum, mit der Verseuchung von Luft und Wasser, mit der Verschandelung und Verarmung der Umwelt verbunden sind. J. K. Galbraith hat dem entwickelten Kapitalismus mit Recht vorgehalten, er produziere privaten Reichtum und öffentliche Armut.

Also das, meinten wir seinerzeit, kann man selbst dem unterentwickelten Sozialismus nicht vorwerfen, hier kommen die Kindergärten und Ambulatorien zuerst. Heute sind wir nicht mehr so sicher. Das mit den Kindergärten usw. stimmt schon. Aber während man es in mancher Beziehung mit der Umkehrung der Prioritäten zu weit getrieben hat (man denke nur an gewisse Kulturpaläste und sonstige fragwürdige Monumentalbauten), ist man in anderer Beziehung im Begriff, es dem Kapitalismus in puncto Raubbau gleichzutun: da werden die Abwässer der Zellulosefabriken und chemischen Werke unbekümmert in die Wolga und den Baikalsee abgeleitet („Der ganze Teich ward angesteckt, 500 Fische sind verreckt“) und keine Instanz scheint sich darum zu kümmern („doch St. Anton, gerufen eilig, sprach nichts als: Heilig, heilig, heilig“, schreibt Christian Morgenstern); weite fruchtbare Landstriche fallen der Erosion anheim und werden rasch, aber sicher in Wüsten verwandelt, ganze Industriereviere ersticken in Gasdämpfen und Rauch ... Gewiß, jetzt beginnt man, sich damit zu beschäftigen und um Abhilfe zu bemühen, aber der Schaden ist schon geschehen.

Sozialistischer Kapitalismus?

Einholen und Überholen? Es wäre kaum etwas gewonnen, wollten die sozialistischen Länder es den kapitalistischen an Autodichte und Schaufensterpracht gleichtun. Um die Motorisierung wird man wahrscheinlich nicht herumkommen: die Leute wollen aus der Stadt und aus dem Übermaß von kollektiven Vergnügungen ausbrechen; aber es wäre gut, wenn man sich beizeiten um solche Varianten für den Stadtverkehr selbst kümmern könnte, die einem die bei uns wohlbekannten Verstopfungen und Frustrationen ersparen würden.

Im übrigen erhoffen wir uns natürlich für die sozialistischen Länder ein solches Wirtschaftswachstum, das ein allmähliches Gleichziehen mit den höchstentwickelten kapitalistischen Ländern dort ermöglicht, wo es um die Befriedigung legitimer materieller Konsumbedürfnisse geht, und ein echtes Überholen in der Weckung und Befriedigung kultureller Ansprüche. Wohlstand und Güterfülle gewiß, aber es kann nicht um die unbegrenzte Mehrung des stofflichen Reichtums gehen, sondern vielmehr um die Schaffung der materiellen und kulturellen Voraussetzungen dafür, daß anständige menschliche Beziehungen möglich sind, daß es den Menschen wenigstens nicht schwer gemacht wird, sich menschlich zu benehmen.

Starker Staat, mächtiges sozialistisches Vaterland? Wenn wir von der Rüstung absehen, die eine traurige Notwendigkeit sein mag, aber kaum Anlaß zur Berauschung geben sollte, was können wir allenfalls darunter meinen? Doch wohl nur eine lebens- und entwicklungsfähige Sozialordnung, also solche Institutionen und Zielsetzungen, daß die Menschen ihre schöpferischen Anlagen durch Kooperation miteinander, nicht aber Status und Avançement durch Kampf gegeneinander realisieren. Nicht einmal der Wohlfahrtsstaat skandinavischer Prägung ist ein Ideal, schon gar nicht der bürokratische Paternalismus, sagen wir, französischer oder auch britischer Prägung, und erst recht nichts, was auch nur entfernt an Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ erinnern könnte. Der totale Staat ist ein Greuel, dem Sozialisten oder Marxisten kann es nur um den totalen Menschen gehen.

Vielleicht haben wir Illusionen gehabt und zuviel vom Sozialismus in unserer Zeit erwartet. Aber so viel dürfen wir wohl erwarten und müssen wir verlangen:

Sozialistischer Sozialismus

Die Befriedigung der legitimen, einer industriellen Zivilisation angemessenen Bedürfnisse, unter Hintanhaltung jeglichen Raubbaues an Mensch und Natur; den Ausbau der gemeinschaftlichen Einrichtungen, aber nicht bis zur Umkehr des Galbraith’schen Dilemmas; Abbau des „acquisitive spirit“, der Geldgesinnung und des Prestigekonsums; Abbau von materiellen und von Machtprivilegien; soziale Gerechtigkeit; völlige demokratische Bewegungsfreiheit, auch für Minderheiten aller Art, bei Beachtung elementarer sozialer Verhaltensmaßregeln; allseitige Mitbestimmung vielseitig gebildeter, interessierter und auch politisch engagierter Menschen; Überwindung der Entfremdung in der Sphäre der Produktion, des Konsums und des öffentlichen Lebens; bessere menschliche Beziehungen — kurz gesagt: Hebung der Qualität des Lebens.

Für einen Marxisten ist es fast überflüssig zu sagen: wir haben nicht die Vorstellung, eine solche erst in bescheidenen Ansätzen sich abzeichnende rationellere und humanere Ordnung wäre schlechthin harmonisch und konfliktfrei: Spannung und Konflikt auf vielen Ebenen werden Quelle und Triebkraft für schöpferisches Bemühen, für inhaltsreiches Leben des Einzelnen, für Dynamik des gesellschaftlichen Lebensprozesses sein. Wenn dem Sozialismus die Zukunft gehört, so als Anfang und Aufgabe, als Hoffnung und Aufforderung.

Ich weiß übrigens nicht, ob das, was ich da gesagt habe, „wissenschaftlicher Sozialismus“ ist, denn aus der Wissenschaft allein, so unentbehrlich, faszinierend, fruchtbar sie sein mag, lassen sich unsere Zielsetzungen kaum ableiten. Immerhin, mit Marx, glaube ich, hat das alles schon einiges zu tun.

[*Vgl. seine Aufsätze im Neuen FORVM, „Kritik einer Marx-Kritik“, März 1967, „Zuckerdose für die Forschung‘‘, August/September 1967. Der vorliegende Text wird demnächst, zusammen mit den übrigen Referaten des Frankfurter Kolloquiums, in der Europäischen Verlagsanstalt, Frankfurt-Wien, erscheinen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1968
, Seite 157
Autor/inn/en:

Theodor Prager: Der Volkswirtschafter gehörte seit 35 Jahren der kommunistischen Bewegung an und war seit 1959 Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Er ist Verfasser zahlreicher wirtschaftspolitischer und wirtschaftswissenschaftlicher Schriften. Auf dem XX. Parteitag der KPÖ im Jänner 1969 wurde Prager zusammen mit drei anderen Reformern aus dem ZK der KPÖ hinausgewählt, bei der Wiederholung der Wahl jedoch zusammen mit diesen wieder in das Zentralkomitee entsendet. Er gehörte zu den 27 ZK-Mitgliedern, die den Plenartagungen des ZK seit November fernblieben. Prager war von 1946 bis 1963 in der wirtschaftspolitischen Abteilung des ZK der KPÖ tätig und wirkte auch als Wirtschaftsredakteur der „Volksstimme“. Von 1947 bis 1959 war er Kammerrat der Wiener Arbeiterkammer.

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