FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 299/300
Henrich von Nussbaum

Mainhattan

7 Ansichten der Stadt

Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen ...

vielgescholtener Nachplatoniker

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Frankfurt am Main zum Beispiel. Die Stadt, wie die Stadtverwaltung marktschreierisch von den Bauzäunen und Betonklötzen verkünden läßt. Sie hat’s nötig. Seit 30 Jahren ist Frankfurts Innenstadt eine riesige Baugrube. Und manches davon wäre vermeidbar gewesen. Die sonst so auf ihre Pläne, deren Logik und Sachzwänge pochen, plötzlich müssen sie doch wieder praktisch ausprobieren, was geht und was nicht.

Aber ein bißchen stimmt der Slogan schon, wie eigentlich alle gute Werbung ihren wahren Kern hat — nur eben unverhältnismäßig herausgestrichen, pompös vergrößert, verkürzt, vereinseitigt. Dieses Frankfurt in seiner Entartung ist ein durchaus typisches Gebilde sogenannt wirtschaftlicher Rationalität, d.h. dem Kalkül aus Gewinnstreben und Nutzerwägungen. Es ist der zentrale Güter-, Dienstleistungs- und Personenumschlagplatz dieser hochindustrialisierten Republik; ein Brennglas gewissermaßen, in dem die anderwärts verstreuten, allmählich sich herausbildenden Tendenzen zum Trend geballt und verschärft auftreten. Hier im Schnittpunkt so vieler bestimmter Koordinaten zeichnen sich Entwicklungen früher ab als andernorts, und sie prägen sich auch krasser aus.

Frankfurt also. Die Stadt. Eine von Krieg und Nachkrieg zerstörte und aufgewühlte Stadt. Eine kaputte und fast bankrotte Metropolis. Ein Gemeinwesen, das seine Bürger unentwegt überfordert. So als hätten sie nichts anderes zu tun, als immerzu Städter zu sein. Eine Obrigkeit, die voraussetzt, daß man sich Tag für Tag eingehend über die Lage informiert. Weil man sonst in Fallen geraten könnte und wohl möglich gegen Recht und Ordnung verstößt. Indem man etwa ein Sperrgebiet betritt oder eine Sperrstunde übertritt oder — nicht minder schlimm — einer unangemeldeten Demonstration beiwohnt, wer könnte es ihr ansehen? Oder in einem Verkehrsstau hängt, wegen eines Fußballpokalspiels (das ersetzt Sedantag) oder auch bloß einer Häusersprengung oder eines Tunnelbaus wegen. Oder man findet sich plötzlich umgeleitet, zu Fuß oder Auto, man wartet an der falschen Haltestelle oder landet an der falschen Haltestelle oder steht zwar an der richtigen Haltestelle, aber zum unrichtigen Zeitpunkt: Die Verkehrsmittel ändern ihre Linienführung und ihren Fahrplan zuweilen wöchentlich. Ausnahme, versteht sich, aber eine häufige. Oder man landet unversehens auf einem „Bahngelände“ und hat keinen Fahrschein. Das ist strafbar. Oder man liest ein verbotenes oder verpöntes Buch oder begeistert sich für ein beschlagnahmtes Plakat. Das ist durchaus nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Dieser Rechtsstaat ist kein Nachtwächterstaat (mehr); er übt seine Staatsgewalt wie ein gestrenger Vater aus und das ist gut so und wohl auch notwendig. Oder aber man schrickt über einen blinden Alarm zusammen, wie er rein routinemäßig alle halbe Jahr geprobt wird. Das muß halt sein. Oder man wäscht ahnungslos sein unentbehrliches Auto, während doch Wasserrationierung verordnet ist. Oder man kommt vor verschlossene Türen, weil die Dienstzeiten gleiten oder die Öffnungszeiten verschoben sind oder das Amt verlegt wurde oder überhaupt Pause ist ... Ein Städter kann auf Schritt und Tritt irren, fehltreten, straffällig werden. Vorsicht.

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Städter sein will gelernt sein. Das verlangt lebenslanges Training, vor Ort und ohne Bewährung. Städter sein heißt: auf Empfang geschaltet sein, unentwegt aufnehmen, auf dem Kiwif sein, lesen, hören müssen — Zeitungen, Rundfunk, Anschläge, Bekanntmachungen, Verlautbarungen, Gebote, Verbote, Bewilligungen, Genehmigungen, Bescheide, Auflagen. Ein Städter hat stets auf der Hut zu sein, und er muß sich seiner Haut zu wehren wissen. Geschenkt wird einem da nichts.

In Frankfurt allemal. Dieses Frankfurt ist eine zerrüttete, ungeschminkte, eine brutale Stadt — auch das hat seinen Reiz, durchaus. Eine Stadt, die den ihr zugefallenen Metropolencharakter hartnäckig ignorierte und sich hibb’debach wie dribb’debach leutselig auf ihre Gemütlichkeit rausredet und schließlich, angesichts so vieler aufgeschobener Aufgaben und geballter Widerstände, in Melancholie, sogar Resignation verfiel. Eine City, die ihre „Modernisierung“ zu lange vor sich herschob und dann im Hau-ruck-Verfahren vornehmlich als Anpassung an bereits laufende Entwicklungen betrieb. Ein Zentrum, das Kommunikation jahrzehntelang als Verkehrsplanung mißverstand und in vermeintlichem Verfolg öffentlicher Interessen den Kommerz über alles stellte. Eine Stadt, in der Natur ein Fremdwort ist, das als Natur der Sache verdeutlicht werden oder als Sachzwang übersetzt werden muß. Ein Häuser- und Asphaltmeer, in dem Grün außer auf Plakatflächen nur im lärmgepeitschten Stadtwald, in eingeengten Stadtparks oder dem überfüllten Palmengarten anzutreffen ist. Eine Stadt, in der Kultur viel zu lang als das feierliche Ritual geschlossener Gesellschaften mißdeutet und Alte, Behinderte, Fußgänger und Gastarbeiter sowie Jugendliche und Kinder allenfalls als unvermeidliche Störenfriede hingenommen wurden — Auschwitz, nein das will keiner berufen, aber gesitteter ging’s damals schon zu, höre ich wiederholt, nicht nur hinter vorgehaltener Hand und zu vorgerückter Stunde. Eine Stadt, in der die von privater Seite ins Leben gerufenen „Kitas“ um ihre Existenzberechtigung kämpfen müssen (ja, natürlich, ich verkürze hier) und die Studenten in ein keineswegs goldenes Ghetto gesperrt sind und beargwöhnt werden. Eine Stadt, in der stadtbekannte Bodenspekulanten, Baulöwen und Bankrotteure mit symbolischen Strafen und Bußgeldern davonkommen, in der es von unerlaubten Stockwerken ebenso wimmelt wie von vorschriftsmäßigen Parkplätzen, die gleich drei- und viermal „abgegolten“ wurden. Genau nimmt man es hier nur bei Kleinbürgern und Kleingärtnern, wird mir gesagt. Ich kann es nicht beurteilen, bestreite es aber nicht. Es würde passen — zu der Skyline, zu den Gesichtern.

Kurz: eine gebrochene, ja eine schizophrene Stadt, die mit sich, ihrer Gegenwart und ihrer Geschichte nicht im reinen ist. Historie soll von Amts wegen deshalb tunlichst auf Limes und Römer, auf Goethehaus, Hessen-, Gutenberg- und Schillerdenkmal beschränkt bleiben, auf Trachten, Judenfriedhof und hochherzige Patrizierstiftungen. Dabei steht hier nun einmal die Paulskirche, schmuck wiederaufgebaut und angestrichen und meist geschlossen, und die Konstablerwache seligen Angedenkens, hier entstand die Frankfurter Schule und später das Sigmund-Freud-Institut und die Frankfurter Rundschau samt einer Akademie der Arbeit — und mittlerweile fanden sich die Zentralen der Bank für Gemeinwirtschaft und der Industriegewerkschaft Metall hier ein. Vergessen wir nicht: Voltaire, Hegel und Hölderlin, Börne und Gutzkow und Sauerländer und Görres, Hindemith und Beckmann, Benjamin und der von ihm nicht sonderlich geliebte Siegfried Kracauer, Nell-Breuning, Otto Brenner und auch Hans-Jürgen Krahl, der Suhrkamp-Verlag wie die Edition Voltaire und der März-Verlag, Albert Mangelsdorf und Bernhard Grzimek — sie alle gehören mindestens ebenso zur Geschichte dieser grauen Stadt im einst grünen Herzen Deutschlands wie Gretchen und Struwwelpeter, die Gontards, die Rothschilds und Bethmanns, die Abs und Schwarzenbergs, wie Schopenhauer und Städel, Baron Liebieg und Doktor Senckenberg und Otto Hahn und Walter Menne und Harald Jung und Juwelier Karl Friedrich und Herrenreiter Neckermann und Eisprinzessin Kilius und Radler Didi Thurau und der Grabow und die Lisel Karlstadt — auch wenn man öffentlich weniger und seltener von ihnen zu hören bekommt. Frankfurt, das war immer schon weltbürgerliche Provinzhochburg, hausbacken und reichsherrlich, imperial und liberal in einem. Frankfurt, das war allzeit Handel und Wandel, Geld und Geist, Pelzmesse und Buchmesse, Thurn & Taxis wie Deutsche Bücherei. Inzwischen, nach Krieg und Nachkrieg, Wiederaufbau und Ausbau und Neubau, ist dieses Frankfurt ein gewagtes „Mainhattan“, in dem man arbeitet, kauft und verkauft, was das Zeug hält, aber nur im Notfall noch wohnt — weshalb sich täglich bis zu einer halben Million Autos in seine Büro- und Geschäftszentren schieben. Europarekord.

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Warum wohnt man noch hier, in dieser Flechtenwüste, inmitten dieser steinernen Unnatur? Warum lebe ich hier in dieser Todeszone, noch nicht Chicago, ziemlich viel Babel und längst kein unschuldiges Wildwest-Mahagonny mehr? Der Natur wegen. Naturverständnis verlangt ja nicht bloß Naturumgang, sondern Naturerkenntnis, einen Naturbegriff vor allem. Und der ist eine Kulturleistung, die immer neu und zeitgemäß zu erbringen ist; die höchste, meine ich.

Gegenwärtig fehlt es an solchen Bemühungen fast völlig. Die schier unübersehbare Flut der Umweltpublizistik beweist nicht das Gegenteil. Sie entspringt mehrheitlich lamentierender und räsonierender Gedankenlosigkeit. Hier werden die chronisch Unzufriedenen mit Zivilisationsekel und Kulturpessimismus gefüttert. Mit dem benötigten Entwurf einer ökologischen Ökonomie hat das wenig zu tun. Wenn das mehr ist als Marketing und Manipulation, dann ist das Beschäftigungstherapie. Die alten Vokabeln, Begriffsgerüste und Zielsetzungen werden mit umgekehrten Vorzeichen weiterbenutzt, als sei die unleugbare ökonomische Krise einfach durch einen Schwenk, ein kehlig-markiges „Kehrt marsch“ zu beheben. Schön wär’s. Die Alpenwälder, die mit Rotwild nicht minder übersetzt sind als die Sahel mit Menschen, Ziegen und Rindern, sollten Indiz genug sein, daß der herkömmliche Naturschutz nicht weniger am Ende ist als die überkommene Ökonomie mit ihrem Wahn von einem unablässigen und unendlichen Wachstum als Garant und Indiz für unaufhörlichen Fortschritt.

Der überlieferte Naturbegriff war nur ein trotziges Gegenkonzept wider den herrschenden Trend. Auch damit hat er durchaus eine Aufgabe erfüllt. Aber eben nur als Bremser und Mäkler, als Begleitmusik, welche die Veranstaltungen der Unternehmer nicht weiter aus dem Tritt brachte. Und wohl auch gar nicht aus dem Tritt bringen wollte. Denn die Naturzerstörung wurde genauso ausgestanden wie die Soziale Frage: Aus den zusätzlich erwirtschafteten Mehrerlösen gab es — steuerlich als Sonderbelastung abzugsfähig — Trostpflaster und Ablaßspenden. Nicht böswillig, aber folgerichtig und folgenschwer.

Heute ist Natur weder aus dem Gegensatz zur Kultur noch zur Technik mehr zu denken. Unberührtheit, Unberührbarkeit gibt es auf diesem Planeten nicht mehr. Nirgendwo. Die Industrie ist ein weltweites Phänomen mit weltweiten, sogenannten „ubiquitären“ Folgewirkungen. Jeder Gedankengang, der daran vorbeigeht, führt in die Irre. Auch Natur ist vergesellschaftet, auf die eine oder andere Weise. Naherholung und Ferntourismus, der Drang ins Grüne und ins Blaue als durchaus „gesunde“, gleichsam natürliche Antwort auf die Zumutungen der Arbeitswelt und die Unwirtschaftlichkeit der Städte, das hat das Seine dazu beigetragen und diesen Prozeß vollendet. Auch daran führt kein Weg vorbei: Natur heute ist kein Überrest, nicht Außenstand oder Gegensatz zur Produktion, sondern ihr Material und Kapital. Selbst da, wo sie „das ganz andere“ zu sein vorgibt, frei von gesellschaftlichen Zwängen und Nöten und Absichten, unberührt von jeglicher Vereinnahmung — selbst da bleibt Natur Bestandteil, ja Entsprechung der Arbeitswelt. Der Auszug aus Babylon, die Abkehr von den Sachzwängen kommt nicht ans Ziel: Auch Urlaub und Freizeit sind Arbeit und Leistung, Re-produktion kaum Re-kreation. Und nicht anders als die Produktion konsumiert (also vernichtet) Reproduktion im Genuß. Sie verbraucht, was sie braucht.

Die (neue) Bezeichnung Umwelt versucht, diesen (neuen) Tatbestand zu treffen. Doch das hilft nicht weiter: Die Bezeichnung erfaßt einen Zustand und hält ihn als Tatbestand fest, bietet aber weder einen Maßstab zur Bewertung noch zur Veränderung.

Denn um die Rekonstruktion eines Gestern oder Vorgestern oder einer noch weiter zurückliegenden „guten alten Zeit“ kann es nicht gehen. Das hieße, mit dem Fahrrad fliegen wollen: Die Dimensionen der Gesellschaft sind heute andere als „damals“. Wer das nicht merkt oder nicht wahrhaben will, der taugt ohnehin nicht zum Führer oder Wegweiser bei dieser heiklen Gratwanderung. Auch die Verordnung ungestörter Naturkreisläufe, von Harmonie und „Organik“ (organischem Wachstum usw.) trägt nicht. Wenn das mehr denn Pflichtübung in Nachdenken und Vorsorge ausdrückt, dann bestenfalls verschwommenes Wunschdenken. Traumwandeln, das durch jeden Zwischenruf zum Absturz gebracht werden könnte.

Natur ist schließlich nicht nur das „um uns her“, sondern auch das geheime Gesetz in uns: Wie entstellt und entartet immer, unentrinnbar sind wir ihr Erzeugnis. Das macht diesen Ringkampf Mensch/Natur so widersinnig, ja pervers: Der Mensch betreibt mit jeder neuen Bezwingung immer zugleich Selbstzerstörung. Naturschutz ist deshalb immer auch Menschenschutz — der Mensch sägt sich den Ast ab, mit jedem neuen Baum, den er fällt.

Aber Naturschutz, wo er sich recht begreift, ist viel mehr als das.

Was wir brauchen, ist ein verläßlicher, unstrittiger und universaler Maßstab über den Grad der Zerstörung der Lebensgrundlagen und eine Richtschnur, die uns den Grad und die Richtung der erforderlichen oder wünschenswerten Umstellung anzeigt. Das Optimum der Lebensbedingungen, das dabei anzustreben ist, sollte von vornherein als Kompromiß entworfen werden: zwischen kurzfristigen und langfristigen Bedürfnissen — übrigens nicht nur des Menschen und schon gar nicht allein nach dem Gusto und Zuschnitt des industrialisierten Abendländers. Und es wird von vornherein nur auf eine Natur ausgehen können, die nicht durch Reparatur oder Regeneration und schon gar nicht durch Reklamation (bei wem denn?) entsteht, sondern durch systematische, künstlich-kunstvolle „Restauration“, der Stadtsanierung Marburgs etwa vergleichbar. Erstellt als Spitzenleistung wissenschaftlich-technischer Großplanung, gewürdigt und bewahrt als Glanzleistung praktischer Vernunft, d.h. menschlicher Selbstbehauptung und Vorsorge, ausgerichtet nach politischen und militärischen und sonst welchen Proporz- und Prestigegesichtspunkten, hoffentlich darunter auch ästhetischen, und natürlich nach den unausrottbaren, selten ergründbaren ökonomischen Sachzwängen. Und diese derart buchstäblich wiederhergestellte „dritte Natur“ wird, des bin ich absolut sicher, nur zu haben und zu erhalten sein um den Preis einer weitgehenden Selbstaufgabe unserer bürgerlichen Autonomie, die bis dahin allerdings, auch dessen bin ich mir absolut sicher, ohnehin kaum mehr als eine liebgewordene Leit- und Legitimationsidee mehr sein wird. Das zeichnet sich jetzt schon zur Genüge ab — und für viel weniger ehrenwerte Absichten. Das muß jedem klar sein: Naturrecht ist mehr und umfassender als Menschenrecht. Es verlangt Solidarität mit der gesamten Schöpfung, Physis, sogar der nicht-organischen. SYMBIOSE. ÖKUMENE-ÖKOLOGIE.

Das macht: Die Sehnsucht nach dem Gestern lügt nicht nur, sie irrt. Heimat ist durch Rückwenden und Zurückziehen nicht mehr zu finden. Nur durch Umbruch und Aufbruch. Ja, und das meint wirklich „Bruch“, mit vielen liebgewordenen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten.

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Wie Not beten lehrt, so lehrt die Stadt schauen, sie zwingt zum Wahrnehmen und Nachdenken. Ein anderes Sinnen als das von den Dichtern des (Mittel)bürgertums so gern idealisierte Grübeln des Bauern, Fischers oder Schäfers; rationaler, vermute ich, kalkulierender, logischer, abstrakter — aber keineswegs in Abkehr von Land und Natur:

„Bauwerke holen die Erde als die bewohnte Landschaft in die Nähe des Menschen ...“, raunt ein Philosoph, der es wissen sollte, uns von fernher zu. Bauen, Wohnen, Denken erweist sich ihm als der das Dasein durchziehende Dreiklang. Allemal der Stadt, denn wo würde mehr gebaut, wo lebt man Bauten und Gebäuden mehr ausgeliefert?

Wer baut, „prädisponiert“ das Wohnen, er legt mit seinen Grundrissen bestimmte Aufteilungen und Einrichtungen nahe, schließt andere aus oder erschwert sie. Damit „entbirgt“ er den Sinn seines eigenen Lebensentwurfes und des anderen unterstellten. Architekten sollten Wohngestalter, Wohnberater sein, meistens sind sie nur Bauabwickler. Aber auch so enthüllt Bauen mehr als jede andere menschliche Betätigung Weltanschauung und Daseinsempfindung. Liebe wird auch „beiwohnen“ genannt — und diese Umschreibung entspringt ausnahmsweise einmal nicht der Prüderie und Genanz, die hinter der Doppelmoral in Deckung geht, sondern einem tiefen Gedankengang.

Bauten sind Stein gewordene Begriffe. Eingriffe, Vorgriffe, Mißgriffe, Zugriffe.

Wo eher als im Moloch Frankfurt könnte man heute begreifen lernen, was Natur ist, wie es um Natur heute bestellt ist; ergründen, was Natur für heutige Menschen — und jeweils welche — bedeutet; erfahren, wie unabänderlich die Natur um uns — und über uns selbstverständlich auch — zusammenhängt, „korrespondiert mit der Natur in uns. Ganz im Vertrauen: Wer heutzutage nicht an Gestirne, an Konstellationen und Strahlungen glaubt, und nicht nur Röntgen- und Laserstrahlen, sondern auch magnetische Wellen, Kurzwellen und dergleichen, der muß entweder total abgestumpft und phantasielos oder unverbesserlich abergläubisch sein.

Das mechanische Weltbild ist unwiderruflich bankrott. In der Unwohnlichkeit der Städte schlägt sich sein Konkurs am handgreiflichsten nieder. Hier reibt man sich unablässig an den Ausgeburten dieses aufpolierten Irrglaubens. Ein Weltbild für Kurzsichtige.

Um so mehr kommt jetzt alles darauf an, den Abfall in trübe Magie und schummrige Antirationalität und pure Gefühlsduselei zu verhindern.

Ja, die Stadt hat es in sich. Ihre Durchmusterung trägt weit, sehr weit fort. Wer es hier nicht lernt, wie unentbehrlich Natur für uns ist und daß man sie nicht einfach abstreifen kann wie einen lästig gewordenen Panzer, trotz der ungeahnten Höhen, die Technik und Wissenschaft in den letzten hundertfünfzig Jahren erklommen dem ist nicht zu helfen. Die neuen Volksseuchen — Fehlernährung, Pilzbefall, Karies, Streß, Krebs, Herzinfarkt, Nieren- und Leberleiden, Diabetes, Alkoholismus, Rauchen und Schlaflosigkeit —, sie sind die Quittung für den Größenwahn, der von der Eroberung der Meere, Berge und Kontinente geradewegs zur Erstürmung des Himmels führte. Der Erdbewohner Mensch ist entartet. Er schlägt über die Stränge. Er verordnet sich die Krankheit zum Tode. Er treibt Schindluder mit seiner Natur und muß dafür büßen. Nur sind die Opfer zuallerwenigst und zuallerletzt die Täter — das ist das Ungerechte an dieser ausgleichenden Gerechtigkeit.

Angesichts einer Skyline, die in der Bundesrepublik nicht ihresgleichen hat, unter der Glasglocke von Flugzeuglärm, Fotosmog und Inversionswetterlagen, wie sie auch Los Angeles nicht schlimmer heimsuchen, hier in dieser Flechtenwüste inmitten der Autobahnkreuze, mit einem Trinkwasser, das zum Himmel stinkt, hier erfaßt man, ahnungsweise zumindest, was Natur für uns ist, wie sehr sie uns abgeht. Tag für Tag. Nacht für Nacht.

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Nicht jeder spürt es. Mein Nachbar zum Beispiel, Auftragsforscher in einem Laboratorium der Großchemie, tröstet mich besserwisserisch: Flechten seien halt ziemlich anspruchsvolle Lebewesen, ich dürfe um Gottes willen keine falschen Schlüsse ziehen aus solcherart Sensationsmeldungen. Und ein guter Bekannter, Sicherheitsbeauftragter in der Atomindustrie, beschwichtigt mich, daß er mit seinem neugeborenen Erbprinzen jederzeit neben ein Atomkraftwerk ziehen würde; die seien ja geradezu umweltfreundlich im Gegensatz zur Öl- und Kohleverstromung. Und ihm ist es ernst mit dem Umweltschutz und der alternativen Lebensführung: In seinem Vorortgarten zieht er Gemüse nach allen Regeln der biodynamischen Anbauweise unter Einsatz von Kompost, Gesteinsmehl, Gezeiten und Gestirnen. Und wenn er was zimmert — und er bastelt gern nach Dienstschluß und an Wochenenden —, dann tut er es ohne jeden Nagel, streng mit Stift und Fuge aus reinem Holz.

Ich mag diese Reinlichkeit, diesen kategorischen Imperativ eines ökologischen Ethos. Nur mein Gemüsehändler verdirbt mir immer wieder die Begeisterung: Selbst das ungespritzte Obst, sagt er, werde beim Lagern und Transportieren nachhaltig chemikalisiert, wie er sich ausdrückt — und bis heute fehle ein Gutachten über die radioaktive Belastung der Gurken aus Biblis, die mir eine reizende Gurkenkönigin alle Jahre wieder ins Herz lächelt. Da will mein Lebensfreund einfach nicht ran. Das sei etwas völlig anderes, heißt es dann ein ums andere Mal. Und leider ess’ ich Gurken leidenschaftlich gern. Und mein Friseur, ein Weltmann in besten Jahren und mit einigem Überblick, sagt mir, daß selbst die Gastarbeiterinnen aus dem tiefsten Anatolien, Standbilder urwüchsiger Gesundheit (denn sie werden schließlich sorgfältig gefiltert, bevor sie nach Alemannia eingelassen werden), die ihm als Überbrückungshilfe manchmal ihre drallen schwarzen Zöpfe verkaufen, wenn sie sich einrichten wollen — mein Friseur, der nichts von Umweltschutz und Ökokrise weiß, sagt mir unaufgefordert: Nach spätestens einem dreiviertel Jahr sei auch dieses urwüchsig strotzende schwarze Türkenhaar der Stadtluft aus Benzinabgasen, Hausbrand und Chemie nicht mehr gewachsen, buchstäblich — Seveso, wissen Sie, das haben wir doch jeden Tag hier zwischen Casella, Merck, Hoechst und Rüttgers und Glanzstoff, machen wir uns doch nichts vor ... Nein, man muß sofort zugreifen, wenn sie frisch eingetroffen sind, später ist es zu spät.

Was man dagegen tun kann, frage ich ihn routinemäßig. Aus Frankfurt wegziehen, meint er, aufs Land, in den Spessart oder in die Rhön, stillgelegte Bahnhöfe und Kirchen werden da günstig angeboten, und alte Zwergschulen .... Oder Sie müssen mit Chemiepräparaten die Schädigung durch Chemie bekämpfen, wenn Ihnen das nicht zu widersinnig vorkommt, manchmal fragt man sich ja wirklich, wer hier spinnt, die oder wir ... So räsoniert mein Friseur, der kein Umweltschützer ist und auch von mir nichts derartiges weiß oder glaubt oder zu hören kriegt. Nein, wir unterhalten uns rein nachbarlich, von Mensch zu Mensch, von Fachmann zu Ratsuchendem, mir geht es nun mal um meine Haare — mit den Zähnen ist es eh gelaufen: Kriegsjugend.

Übrigens: Greifen Sie nur ruhig wieder auf Großmutters Hausmittel zurück, überrumpelt er mich neulich: Bier, Kamille, Honig, Eidotter, Olivenöl — gibt’s natürlich alle auch chemisch, nur entsprechend teurer, viel, viel teurer. Überhaupt, wissen Sie, diese Kosmetik, brabbelt mein Friseur, nun in Fahrt gekommen: Mir ist aufgefallen, das meiste davon sind die altbekannten Naturmittel, die man uns im Namen der modernen Wissenschaft und Hygiene erst als Hokuspokus verketzert hat, um sie uns nun unter großspurig aufgeputzten, verfremdenden Bezeichnungen in aufwendigen Verpackungen zu Kleinstportionen wieder aufzuschwatzen. Für naturschönes Haar! Daß ich nicht lache. Ich selbst gehe lieber ins Gewürz- oder Reformhaus oder zum neuen Grünen Laden in der ...Straße droben — die Drogerie erinnert mich immer so an Krankenhaus; dagegen bin ich allergisch. Wir kommen schon noch früh genug dorthin, sage ich immer.

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Das alles erklärt mir mein Friseur, während er meine zersplissenen Haare stutzt und sie zu kurieren bemüht ist. Und — ich wiederhole es: Wenn man ihn Umweltschützer nennen würde, müßte er sicherlich erst kurz überlegen, ob das etwa ein Schimpfwort sein soll oder dem Geschäft abträglich. Er hat keinen Namen für seine Einstellung, er schwört auf keinen Propheten, keinen Ismus oder dergleichen, er hält das einfach für gesunden Menschenverstand, was er da vorträgt, gewonnen aus Beobachtung und Erfahrung.

Und ich muß ihm zustimmen. Und weiß nun wieder, warum ich in der Stadt wohne, warum ich in dieser Stadt durchhalte: Sie ist gewissermaßen ein Vorposten, ein Beobachtungsstand. Hier steht man am Rande des Abgrunds, fühlt den Pulsschlag der Zeit. „Die Stadt ... stellt in unserem sozialen Feld den Prägestock mit der weitaus größten Fernwirkung dar ... Die maßgebenden, vorbildlichen und einflußreichsten Menschentypen unserer Gesellschaft stammen entweder aus der Stadt oder sind mindestens durch den Prägestock der Stadt hindurchgegangen. In diesem Sinne also sind städtische Menschen repräsentativ für unsere Gesellschaft, bestärkt mich Norbert Elias, selbst mehr oder weniger ein Frankfurter. Von der Stadt, von den Metropolen muß die Erneuerung ausgehen, hier muß die Kurskorrektur gefunden, hier muß sie erprobt werden, hier sind die Kenntnisse und Mittel dazu versammelt — finanzielle, technische, wissenschaftliche, publizistische: Denn dieser Neubeginn darf unter keinen Umständen wieder bloß eine Sache des Buchwissens, der Programmierer und Technokraten sein. Die haben allesamt die Welt so zugerichtet, wie sie ist. Er muß vielmehr als höchste Aufgabe der praktischen Vernunft und Kommunikation begriffen werden, der Einsicht von uns allen, aus recht verstandenem Eigennutz. Anderes hält nicht.

Umweltschutz, Lebensfürsorge — vordringlich verlangt das die Entscheidung für eine öffentliche Moral, allgemeinverbindlich, auch ohne Kontrolle, unerschütterlich, ohne Ausnahme und Hintertür. Alles andere ist Gerede. Private Askese kann unter heutigen Rahmenbedingungen niemals aufholen, was die gesamtgesellschaftliche Konjunkturankurbelung verpaßt. Die Entscheidung muß von oben in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eingefüttert werden, unwiderruflich und ziemlich kurzfristig. Jeder Tag zerstört mehr, als Jahre wieder aufrichten können, und die Kosten wachsen mit jedem versäumten Tag ins Unermeßliche. Derzeit verstecken wir sie noch in den unterschiedlichsten Positionen der Haushalte, aber die Kostenexplosion des Gesundheitswesens wie der Rentenversicherung und der Arbeitslosenversorgung zeigen, daß auch diese Vogel-Strauß-Politik an ihr Ende gekommen ist. Jetzt kommt der Zahltag.

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Dem Hörensagen nach galt unter den Barbaren Asiens wie Germaniens in grauer Vorzeit das ungeschriebene Gesetz, auch im Kriegsfall die Obstbäume des Gegners nicht zu fällen. Wir Zivilisierte begehen solche Sünde wider die Natur täglich millionenfach. Im Namen höherer Vernunft und ökonomischen Kalküls: Unsere Städte und Verkehrsschneisen vollziehen unablässig eine Strategie der verbrannten Erde, wobei Zement leider ungleich nachhaltiger verwüstet als Feuer.

Dies ist die Kehrseite des Fortschritts, die wir nicht meinen, aber betreiben, unaufhaltsam vorantreiben. Ein unentwegter Feldzug gegen unsere eigene Lebensgrundlage. Und die unserer über alles geliebten Nachkommen. Aber der Mensch, der dies tut oder duldet oder anordnet, ist grundsätzlich lebenshungrig und lernfähig — vergessen wir das nie. Nur halt sehr langsam. Und anscheinend nur im Gleichschritt oder unter Katastrophendrohung. Fassen wir uns also in Geduld und schärfen wir unseren gerechten Zorn. Sonst machen die Rattenfänger das Rennen. Sie lauern schon allerwegen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1978
, Seite 51
Autor/inn/en:

Henrich von Nussbaum:

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