FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 430/431
Gerhard Oberschlick • Gerhard Weber

Luxus für die Schwalben

G.W. ist der Wasserbau-Chef von Wien. Glück, das er hat, ist sein Ingenieursdiplom für Kulturtechnik von der Hochschule für Bodenkultur ganz modern geworden. Zur Erholung von einem resignativen Anfall in Zusammenhang mit diesem Heft und besonders den vorigen zwei Seiten hat mir dieses Gespräch Alfred Vavrousek‚ danke beiden, vermittelt. Es hat, weil so naturnah und doch nicht so unerträglich romantisch, tatsächlich erfrischend geholfen. - G.O.

Der beste Architekt, auch für den Wasserbau, ist die Natur: sie ist im Großen und Ganzen nicht zu verbessern, denn wir können nicht zuwege bringen, was sie uns vorgibt. Wir haben ein einziges Problem: Wir sind in einer Stadt und die Natur hat im Flußbau große Überschwemmungsflächen, selbstgeschaffene Retentionsflächen, und wir können in den meisten Bereichen diese Flächen im Stadtgebiet nicht zur Verfügung stellen. Die Kunst ist jetzt, einen Fluß so zu bändigen, daß er keinen Schaden anrichten kann, daß der Hochwasserschutz im Stadtgebiet gewährleistet wird; aber unsere Maßnahmen in die Natur so einzubauen und so anzupassen, daß sie für den Beobachter nachträglich nicht zu erkennen sind. Früher hat man das nicht so gemacht. Früher hat man ein Trogprofil gebaut, mit entsprechenden Freiräumen, damit das Hochwasser auch bei Extremhöhe, bis zum hundertjährlichen, durchfließen kann, und man hat sich gefreut, wenn alles so gut verbaut war, daß sehr lange keine Erhaltungsmaßnahmen notwendig sind. So war es.

Ihr naturnaher Wasserbau hat durchwegs höhere Erhaltungskosten?

Durchwegs. Wenn Sie sich jetzt dies hier anschauen, ich nehme an, es geht Ihnen so wie mir, ich weiß zwar nicht, ...

Eine naturische Aulandschaft.

... was Natur ist, aber das ist Natur. Darauf sind wir stolz, denn des hab’n wir g’macht, bitte. Dehnepark, Rosenbach, in einem Retentionsbereich.

Das ist ein Überschwemmungsgebiet.

Ja, ein Retentionsbereich, den wir bewußt so gestaltet haben, hier wird die Hochwasserspitze zum abfließenden Teil des Flusses etwas gemildert, weil hier Wasser aufgenommen werden kann, das später wieder abfließt und die Spitze einer Hochwasserwelle kappt. Da würde die kleine Insel, die Sie hier sehen, mehr oder minder überschwemmt werden. Wenn ich mir das anschaue und denke, daß die Insel von uns gemacht wurde ...

Auch den Inselbewuchs, Sie haben diesen Baum gepflanzt?

Nein, der Baum ist ein Bestand. Wir haben einen Retentionsraum geschaffen. Wir mußten das Gelände ...

Der hält das auch aus, der steht doch dann im Wasser?

Ja, das passiert aber nur alle Zeiten einmal. Wir müssen für Hochwässerabflüsse Retentionsräume schaffen, sonst müßte das Profil im Unterliegebereich wahnsinnig groß sein. Um es klein zu halten, brauchen wir oben diese Rückhalteräume. Es schaut dort heute so aus, als hätte niemals ein Mensch Hand angelegt.

In Wirklichkeit gibt’s überhaupt nichts mehr, wo kein Mensch Hand angelegt hat. Zumindest muß der zuständige Mensch es ratifiziert haben, daß der Baum dort stehen darf.

Und das ist unsere Philosophie: naturnaher Wasserbau, d.h. die Eingriffe so zu gestalten, daß sie im Gleichklang mit der Natur nicht störend wirken. Hier hat die Natur den Fluß vorgegeben, und wir haben Eingriffe machen können, die kaum sichtbar sind, den Fluß aber bändigen ...

... so daß er keinen Schaden anrichtet kann ...

Sonst würden wir einen Fluß überhaupt nicht angreifen. Denn das, was er von selbst bietet — einen steilen Abbruch und dergleichen — das ist ja an und für sich nichts Häßliches, das ist Natur, nur können wir das leider nicht so lassen, nicht einmal in Tirol, auch dort gäbe es damit eher Probleme bei Hochwässern. Aber dort, wo ein Fluß groß ist, wo er durchaus Platz hat, daß ein Abbruch keine Rolle spielt, dort laßt man’s ja. Das wäre die neue Philosophie eines naturnahen Wasserbaus.

Gar kein Wasserbau.

Wenn möglich kein Eigriff des Menschen. Das wär’ der Idealfall.

Am besten überhaupt kein Mensch auf der Erde, dann braucht man überhaupt keine Eingriffe.

Wir sollen nicht so beherrschend wirken, daß wir der Natur keinen Platz lassen, und wir sind jetzt dabei — das ist die neue Philosophie —, daß wir der Natur um Wesentliches mehr Platz einräumen, als es vor dreißig, vierzig Jahren der Fall war.

Braucht jetzt der Bach auch mehr Raum, wenn Sie so bauen?

Ohne Zweifel, er braucht mehr Platz. Das sind wieder beinharte Berechnungen, die abhängig sind vom Gefälle eines Flusses und ganz wesentlich von der Rauhigkeit der Flächen, in denen er fließt, beim naturnahen ist die größtmögliche Rauhigkeit gegeben, und deswegen braucht er ein größeres Profil, ...

Weil er langsamer fließt.

... hat er ein abgeschlecktes Betonprofil, ist die Rauhigkeit geringer, es kann in der selben Zeiteinheit eine größere Wassermenge durchfließen. Will ich jetzt naturhaft gestalten, dann ist es meistens so, daß er mäandriert, wenn er im Bogen fließt, braucht er länger, ich habe ein geringeres Gefälle in jedem Punkt, brauche aber ein größeres Profil ...

Bei Hochwasser erst recht, dann überschwemmt er sich.

Vollkommen richtig.

Dadurch werden die Mäander wahrscheinlich mit der Zeit abgeglättet ...

Die werden immer wieder durchgebrochen, man sieht das auch an größeren Flüssen, wenn man sie zurückverfolgt, dann gibt’s einen Altarm. Wir können bei der Gestaltung auch viel durch die richtige Materialwahl tun: Ich muß ja nicht große Wasserbausteine mit glatten Flächen verwenden, ich kann auch Holzverbauungen machen. Da sind wir wieder beim Kostenpunkt: es verrottet viel schneller, aber es paßt sich einem Wienerwald einfach viel besser an, wenn wir als Material Holz nehmen, und Stein und Beton nur verwenden, wo z.B. erhöhte Abbruchgefahr besteht. Mit Holz können wir schon kleinere Abbrüche verhindern, das ist ein Bild (Foto rechts), das zeigt, was ich meine, aber mich vom Erscheinungsbild her noch nicht befriedigt: Sie sehen hier den recht steilen Abbruch, das heißt, der Fluß hat bei Hochwasser immer mehr geknabbert, da werden immer noch größere Stücke abbrechen. So setzt man eine Art Flechtzaun vor, der hier noch fast unmotiviert in der Gegend steht, der sich aber dann verwächst und bei Hochwasser den Fluß zwingt, hier nicht endlos auszuufern und keine neuen Abbrüche zuläßt.

Diese Holzgeflechte oder Balken sind wahrscheinlich arbeitsintensiver, als die steinerne, betonene Form.

Ja, es ist auch in der Herstellungsart teurer, weil es viel mehr Handarbeit ist. Wenn ich heute mit irgendwelchen großen Betonsteinen versetze, dann hat man meistens ein Großgerät, einen Bagger, der hat eine gewisse Geschwindigkeit. Das hier ist größtenteils Handarbeit.

Das müssen Ihre Leute neu lernen?

Sicherlich, die müssen angelernt werden.

Da entsteht, oder wiederentsteht, heute ein handwerklicher Beruf für eine Arbeit, die früher einmal jeder Bauer gemacht hat.

Sie haben durchaus recht: Wir haben einen Flechtsatz, der ist nicht jetzt erfunden worden, sondern den hat es schon immer gegeben. Das waren sicher Behelfe, die man schon vor hundert, hundertfünfzig Jahren gemacht hat und dann ist man modern technisch geworden und jetzt lösen wir uns eigentlich wieder von der Richtung.

Abb.: Flechtzaun natur, selbstbegrünend; handmade in Vienna
Greifen Sie dann noch auf moderne technische Methoden auch zurück? Im innerstädtischen Bereich, wo die Wien untertage fließt?

Wasserbau in Wien ist deswegen so interessant, weil ich da die ganze Palette der Möglichkeiten habe: Im Wienerwald haben wir den Hauch des Naturhaften, wie es in den Bergen Österreichs sein kann. Dann gibt’s das dünnbesiedelte Gebiet am Abhang des Wienerwalds und dann kommt das rein städtische — alle Façetten. Und beim Wienfluß im innerstädtischen Bereich haben wir ein Kastenprofil mit nur Mauern. Heute ist es so weit, daß wir nicht einmal auf die Idee kommen, dort etwas Naturhaftes zu bauen.

Das steht schon unter Denkmalschutz, weıl’s ein Otto Wagner-Bau ist.

Richtig, richtig, für uns ein abschreckendes Beispiel, wie man Wasserbau nicht macht, es hat aber bereits so einen historischen Glorienschein, daß man’s nicht mehr verändern darf. Was jetzt am Wienfluß gemacht wird, sind jene Umbauten, die wir anstellen, um den Hochwasserschutz zu gewährleisten und um dieses Trogprofil für die Bevölkerung besser nutzbar zu machen. Der Wienfluß ist ja unzugänglich und auch gefährlich und jetzt sind wir in der Planung, daß wir auf zwei Ebenen arbeiten.

Gefährlich zum Runterfallen, oder was meinen Sie?

Vom Hochwasser. Wenn da drinnen Leute spazieren gehen, kann so rasch ein Hochwasser kommen, daß die nicht zeitgerecht zum Aufgang kommen.

Bei Sommerregengüssen, oder? Wirklich?

Jawohl, es hat eine dermaßen starke Spitze — bei Arbeiten im Trog ist es uns schon selbst hin und wieder passiert, daß ein LKW unten gestanden ist, und das Hochwasser war so stark, daß der LKW nicht mehr herausgekommen ist. Und jetzt planen wir, daß wir die Flußsohle heben, darunter ein Hochwasserabschlußprofil errichten und darüber durch kleine Stauhaltungen eine breitere Wasserfläche damit es wieder wie ein Fluß aussieht —, und daneben eine Art Promenade, die aber gesichert ist, weil das Hochwasser darunter abfließen kann. Wir wollen die Ensemblewirkung des Wienflusses ...

Das ist wahnsinnig teuer ...

... nicht verändern, wollen es aber zugänglich machen, und trotzdem gesicherten Hochwasserabfluß machen. Das machen wir nicht nur, damit dort sieben Leute am Tag spazieren gehen können, sondern es wird in dem Profil für das Hochwasser auch der Sammelkanal eingebaut, und der ist ganz notwendig: entlang dem kompletten Wienfluß müssen Sammelkanäle gemacht werden, weil die vorhandenen im Profilquerschnitt nicht mehr ausreichen. Bei jedem geringen Regen werden derzeit die Fäkalien in den Wienfluß abgeworfen, das verschlechtert die Wasserqualität in der Wien, damit im Donaukanal und in der Donau. Oberstes Prinzip ist die Reinhaltung der Gewässer. Also ist dieser Kanalbau ein zwingende kommunale Aufgabe. Der Umbau des Wienflusses hat den Effekt, daß man den Kanalbau im Profil unterbringt und den Hochwasserschutz verbessert. Und wenn als Nebenprodukt die bessere Erlebbarkeit dieses städtischen Profils für die Bevölkerung erreicht wird, dann gibt das ein abgerundetes Bild, dessen Kosten sich wieder rechnen. Aber der Wienfluß ist ein eigenes Kapitel und paßt in den naturnahen Wasserbau nicht herein.

Was wir noch vorhaben, sind Verbesserungen in den nicht naturbelassenen, sondern künstlichen Bereichen, wie Neue Donau, Donauinsel, die von der Bevölkerung sehr stark angenommenen sind. Hier haben wir eine künstlich geschaffene Insel, die aber heute, nach wenigen Jahren, schon so verwachsen ist, daß sie beinahe schon abschnittsweise ausschaut, als hätte es sie immer gegeben.

In diesem Erholungsparadies haben wir Wasserflächen mit besonders standortgerechten Pflanzen versehen, wo sich eine Kleintierwelt entwickeln kann, wie es sie in den übrigen Bereichen der Neuen Donau gar nicht gibt, weil da Menschen sind und die Erholungsfunktion, Bäderfunktion regiert, da geht es nicht.

Wir haben also Rückzugsgebiete für Kleintiere aller Art geschaffen, da muß man sich überall bemühen, daß man eigentlich die Menschen vorbeileitet, so daß man sagen kann, dieses Stück Natur bleibt unberührt, dort soll der Mensch nicht hin. Wir haben z.B. auf der Insel eine große Humusdeponie angelegt, und beim Abbau sind so humusartige Wände entstanden, aus Humus und Sand, das haben die Tiere angenommen, eine Uferschwalbenkolonie entwickelt. Das ist etwas, was nicht immer und überall passiert, und um dieses Kleinod zu belassen, haben wir also auf den Abbau des Humus verzichtet, haben ein Biotop in der Nähe angelegt, und das bleibt so. Wenn die Uferschwalben wiederkommen, wollen sie ihre alten Löcher in dieser Erde nicht, sondern sie machen sich das Nest jeweils jedes Jahr selbst. Deshalb kratzen wir sogar jedes Jahr die Wand mit einem Gerät 10 Zentimeter ab, um den Uferschwalben die neue Heimat zu schaffen, wenn sie im Frühjahr wieder kommen, damit sie auch dort wieder nisten und aufs Neue dort eine Vielzahl von so kleinen Erdlöchern bauen können.

Das sind so Kleinigkeiten, wo wir ganz einfach heute, in der technischen Zeit, uns wieder zurückschrauben und lernen, für solche Kleinigkeiten ein Auge zu haben und solche Dinge auch in einem Stadtgebiet hegen und pflegen wollen.

Das ist ein purer Luxus, den niemand genießt, es ist sozusagen nicht einmal der Luxus der Wiener, den sich Wien da leistet, sondern der Luxus der Schwalben.

Das ist richtig, aber es ist auch unsere Aufgabe. Wir haben schon viel diskutiert im Bereich der Stadt. Wir haben gesagt, legen wir für die Biotope einen Atlas auf, machen wir das publik. Wir haben aber die Sorge, wenn wir das als Leitfaden hinausgeben, wie im Lainzer Tiergarten von Schwein zu Schwein, von Hirsch zu Hirsch, dann wird uns dort alles zertrampelt und es ist weg.

Man sollte einen Leitfaden herausgeben, was wir uns im Bereich der Donauinsel leisten, ohne eine Ortsangabe. Damit der Wiener weiß, das gibt’s, aber wir führen ihn bewußt nicht zu den Plätzen hin.

Einfach nur die diversen Sachen vorzeigen, mit Abbildungen, aber die Spur verwischen, wo es ist. Es gibt dann die Möglichkeit, es zu genießen, ohne es physisch zu besuchen und dadurch zu zerstören. Ein schöner Gedanke.

Die Freude daran, zu wissen, daß es in unserem Stadtbereich so etwas gibt. Damit wird es sozusagen auch zu unserem Luxus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1989
, Seite 28
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick:

Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

Gerhard Weber:

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