FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 196/I
Theodor Prager

Lukacs, Lenin und die Folgen

Eine Antwort
I am Master of this College,
What I dont know isn’t knowledge.
(Balliol Rhymes)

„Eine der schwersten Sünden des Marxismus“, meint Georg Lukács (NF, Anfang März 1970), „ist es, daß seit der Veröffentlichung von Lenins Werk über den Imperialismus im Jahre 1914 keine echte ökonomische Analyse des Kapitalismus durchgeführt wurde.“ Bei allem Respekt für Lukács, diese lapidare Behauptung fordert zu einigen kritischen Bemerkungen heraus.

Erstens scheint Lenin hier überbewertet. Sein klassisches Imperialismuswerk („Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“), 1916 geschrieben und 1917 (nicht 1914) veröffentlicht, war gewiß ein eminent wichtiger Beitrag zur Imperialismusdiskussion jener Jahre, aber eben doch nur ein Beitrag zu einer längst in Gang befindlichen Diskussion, und überdies keineswegs der einzige bedeutsame marxistische Beitrag dazu.

Lenin selbst hebt schon in den ersten Zeilen seines Buches hervor, daß „die nationalökonomische sowie die politische Literatur der Alten und der Neuen Welt in den letzten 10 bis 15 Jahren ... immer häufiger bei dem Begriff Imperialismus verweilt, um die Epoche, die wir durchleben, zu charakterisieren. 1902 erschien ... das Werk des englischen Nationalökonomen J. A. Hobson: ‚Imperialismus‘. Der Verfasser ... gibt eine sehr gute und ausführliche Beschreibung der grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Besonderheiten des Imperialismus. 1910 erschien in Wien das Werk des Österreichischen Marxisten Rudolf Hilferding: ‚Das Finanzkapital‘ ... Dieses Werk ist eine höchst wertvolle theoretische ‚Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus‘, wie der Untertitel des Hilferdingschen Buches lautet ...“

Aber auch Rosa Luxemburg, N. Bucharin, Karl Kautsky hatten damals bereits wichtige Beiträge geliefert, die Lenin zweifellos sämtlich bekannt waren, wenn er auch nur auf Kautsky (kritisch) Bezug nimmt.

Eduard März hat zweifellos recht, wenn er, bei aller Würdigung des Beitrags von Lenin und Luxemburg, meint, „das Verdienst, der langen sozialdemokratischen Auseinandersetzung über das Imperialismusproblem eine fruchtbare marxistische Orientierung gegeben zu haben, gebührt vor allem Hilferding“. (Einleitung zur neuen Hilferding-Ausgabe, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1968.)

Zweitens ist nicht nur der Beitrag Lenins zur Imperialismus-Diskussion über- und jener anderer (marxistischer und nichtmarxistischer) Autoren bei Lukács unterbewertet, auch die Behauptung, es habe seit damals keine echte marxistische Analyse des Kapitalismus gegeben, ist in dieser apodiktischen Form anfechtbar. Man kann natürlich darüber streiten, was nun eine „echte“ Analyse sei, und gewiß hat kein „authentischer“ Marxist seit Lenin eine Analyse des Kapitalismus geliefert, die so geballt und explosiv war wie diese; aber ungeachtet der dogmatischen Erstarrung und Deformation in weiten Bereichen des marxistischen Lagers hat „der Marxismus“ doch eine große Schar von Autoren zu Analysen inspiriert und animiert, die insgesamt einen beachtlichen Beitrag darstellen.

Daß nicht alle diese Autoren bekennende Marxisten sind, ist eher als Tribut an die Marxsche Methode und Analyse zu werten, die die moderne Sozialwissenschaft und insbesondere die politische Ökonomie so stark und vielseitig durchdrungen hat, daß diese ohne sie kaum denkbar, jedenfalls aber um vieles ärmer wäre; man denke nur an solche Autoren wie C. Wright Mills und Kenneth Galbraith in den USA oder an M. Kalecki oder Josef Steindl in Europa.

Umgekehrt allerdings hat auch die „Keynessche Revolution“ eine nachhaltige Wirkung auf das Denken der vom Marxismus kommenden Ökonomen ausgeübt und sie veranlaßt, von gewissen sterilen Verteidigungspositionen abzugehen und sich stärker auf die gewandelte Wirklichkeit zu orientieren. Wenn die marxistische Ökonomie in der Nachkriegszeit eine kräftige Neubelebung erfuhr, so nicht zuletzt dank der Herausforderung durch die linken Keynesianer, deren hervorragendste Repräsentantin, Joan Robinson, nicht ganz zu Unrecht bemerkt hatte, der Marxismus sei das Opium der Marxisten.

Was bei Lukács irritiert, ist nicht nur, und nicht nur so sehr, daß er souverän ignoriert, daß die marxistischen Ökonomen auch seit Lenin einiges geleistet haben, es ist auch die gar nicht so unterschwellige Annahme, prinzipiell könne eigentlich nur der Marxismus etwas leisten. Über diese Art Alleinanspruch sind wir doch heutzutage schon hinaus, auch wir Marxisten. Daß wir in diesem Sinn bescheidener und anderen gegenüber offener geworden sind, ist sicher nicht nur für die anderen ein Gewinn.

Vielleicht kennt Lukács die diesbezügliche Literatur nicht; dazu ist er auch gar nicht verpflichtet; nur wäre es dann besser, er würde sich solche obiter dicta ersparen.

Anderseits verpflichtet diese Kritik, nun auch ein paar Namen zu nennen, und das geschieht im Anhang zu diesen Bemerkungen. Die Liste ist allerdings bloß illustrativ, sie bezieht sich vorwiegend auf den deutschen und englischen Sprachbereich oder hier gängige Übersetzungen. Sicherlich gibt es eine Fülle von Schriften, etwa aus Osteuropa oder Lateinamerika, die aus irgendeinem Grund noch nicht zu uns gedrungen sind und die hier genannt gehörten. Es geht aber nicht um eine vollständige Bibliographie, sondern nur um Hinweise, die zeigen mögen, daß die marxistische Ökonomie keineswegs bei Lenin stehengeblieben ist.

Die dritte Bemerkung geht dahin, daß es schließlich nicht bloß darauf ankommt, den Kapitalismus zu interpretieren, sondern vielmehr, ihn zu verändern ... Dies hat der Marxismus zweifellos in beträchtlichem Maße getan, indem er die dem Kapitalismus antagonistischen Kräfte gestärkt und zu Aktionen beflügelt hat, die die kapitalistischen Oligarchien zu wesentlichen Konzessionen und Reformen veranlaßten.

Nicht immer im Sinne von Marx und Lenin! Zwar ist es in Osteuropa und Ostasien zu revolutionären Transformationen gekommen, die der Kapitalsherrschaft ein Ende bereiteten; die weitere Entwicklung in diesen Ländern entspricht aber gewiß nicht der Vision der „Klassiker“ von einer Gesellschaft, die im wesentlichen frei ist von sozialen Konflikten und von individueller Entfremdung.

Zwar vermochten auch die ehemaligen Kolonialgebiete die politische Unabhängigkeit zu erringen und den Einfluß der imperialistischen „Metropolen“ vielfach zurückzudrängen; doch sind an Stelle der alten und brutalen Herrschafts- und Ausbeutungsformen durch die imperialistischen Großmächte vielfach nur subtilere, aber kaum weniger wirksame getreten.

Zwar hat die Arbeiterklasse in den entwickelten kapitalistischen Industriestaaten den herrschenden Oligarchien eine expansionistische Linie der Wirtschaftspolitik aufgezwungen und vielfach Vollbeschäftigung, einen beträchtlichen „Anteil an der Konjunktur“, bedeutende soziale Errungenschaften und darüber hinaus oft auch fortschrittliche Bildungsreformen und demokratische Rechte abgerungen; doch hat der „Neokapitalismus“ dabei auch eine erstaunliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit entwickelt und gelernt, sich neuer Sozialtechniken zu bedienen, so daß es ihm gelang, die früher katastrophalen zyklischen Schwankungen in den Griff zu bekommen, die wissenschaftlich-technische Revolution zu bewältigen, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen und damit die Grundlage für eine weitgehende „Integrierung‘“ der Arbeiterklasse in das System zu schaffen.

Es ist ein wesentlich gewandelter Kapitalismus, mit dem wir es zu tun haben — nicht zuletzt dank Marx und Lenin — und den es tatsächlich noch tiefergehend zu analysieren und zu transformieren gilt. Es mag allerdings bezweifelt werden, ob selbst die von Lukács geforderte „echte“ ökonomische Analyse, wäre sie früher erfolgt und besser ausgefallen, am bisherigen Gang der Dinge sehr viel geändert hätte.

Es wäre pedantisch, Lukács weitere Vorwürfe wegen seiner anschließenden Behauptung zu machen, daß „uns auch eine echte historische und ökonomische Analyse der Entwicklung im Sozialismus fehlt“. Der Vorwurf gilt offenbar auch hier „dem Marxismus“, denn von anderer Seite mangelt es wahrlich nicht an solchen Versuchen. Nun fehlte es nach der Hochflut der Diskussionen in den zwanziger Jahren im kommunistischen Lager lange Zeit tatsächlich am Mut zu solchen Analysen, doch ist in der Nach-Stalinschen Ära gerade hier — und erst recht unter unorthodoxen Marxisten aller Schattierungen — eine Fülle von Schriften und Diskussionen entstanden, die zumindest echte Versuche dazu darstellen.

Neben Eugen Varga (siehe rechts [hier: unten]) seien hier wenigstens die Namen Wlodzimierz Brus, Oscar Lange, Michal Kalecki (Polen), Jozsef Bognar, Imre Vajda (Ungarn), Eugen Löbl, Ota Sik (CSSR), Fritz Behrens, Werner Hofmann (Deutschland), Maurice Dobb, Paul Sweezy (England und USA) genannt. Gewiß keiner von der Statur eines Marx oder Lenin, aber Genies sind halt nicht so dicht gesät, auch in anderen Wissensbereichen nicht. Aber deswegen kann man doch nicht gut behaupten, daß zum Beispiel die Physik seit Einstein und die Psychologie seit Freud keine echten Fortschritte gemacht hätten ...

Marxistische Autoren zur Ökonomie des Kapitalismus seit Lenin

  • Bauer Otto:
    • Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg (Wien 1931)
    • Zwischen zwei Weltkriegen? (Bratislava 1936)
  • Baran Paul:
    • The Political Economy of Growth (New York 1957; deutsch 1966)
    • Monopoly Capital (mit Paul Sweezy, New York 1966, deutsch 1967)
  • Barratt-Brown Michael:
    • After Imperialism (London 1963)
  • Bucharin Nikolai:
    • Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals (Wien—Berlin 1926)
    • Die-politische Ökonomie des Rentners (Wien—Berlin 1926).
    • Eine Bibliographie der Werke B.s bei A. G. Löwy, Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, Wien 1969, S. 410/11
  • Dobb Maurice: Political Economy and Capitalism (London 1937)
    • Studies in the Development of Capitalism (London 1946)
    • Organisierter Kapitalismus (Frankfurt 1966)
    • Socialism, Capitalism and Democracy (Festschrift) (Cambridge 1967)
    • Ökonomisches Wachstum und Planung (Frankfurt 1968)
  • Gillman Joseph:
    • The Falling Rate of Profit (London 1957; deutsch 1969)
  • Gorz André:
    • Strategie ouvrière et néocapitalisme (Paris 1964; deutsch 1967)
  • Lange Oscar:
    • Political Economy (Warschau 1963; deutsch 1969)
  • Kalecki Michal:
    • Theory of Economic Dynamics (London 1954; deutsch 1966).
    • Eine vollständige Liste der Werke K.s bis 1963 findet sich in der Festschrift für Michal Kalecki, Problems of Economic Dynamics and Planning, Warschau 1964, mit Beiträgen von 33 Autoren aus aller Weit, von denen eine Anzahl ebensowenig wie K. als Marxisten eingestuft werden können, aber ebenso wie er aus der Marxschen Tradition schöpfen
  • Kozlik Adolf:
    • Der Vergeudungskapitalismus (Wien 1966)
    • Volkskapitalismus (Wien 1968)
  • Lange Oscar:
    • Political Economy (Warschau 1963; deutsch 1969)
    • Entwicklungstendenzen der modernen Wirtschaft und Gesellschaft (Wien 1964)
    • Eine Liste der Werke L.s bis 1963 in der Festschrift für Oscar Lange, On Political Economy and Econometrics, Warschau 1964
  • Luxemburg Rosa:
    • Die Akkumulation des Kapitals (Eine Antikritik) (Leipzig 1921, Neuauflage Frankfurt 1965)
  • Magdoff Harry:
    • The Age of Imperialism (New York 1969)
  • Mandel Ernest:
    • Marxistische Wirtschaftstheorie (Frankfurt 1968)
    • Die EWG und die Konkurrenz Europa-Amerika (Frankfurt 1968)
  • März Eduard:
    • Die Marxsche Wirtschaftslehre im Widerstreit der Meinungen (Wien 1959)
  • Pesenti Antonio:
    • Beiträge zu Konferenzen des Istituto A. Gramsci, Rom (u.a. Tendenze attuali del capitalismo Italiano, 1962, Le tendenze dell’economia internazionale, 1970) sowie zu der Festschrift für Maurice Dobb, s.o.
  • Prager Theodor:
    • Wirtschaftswunder oder keines? (Wien 1963)
  • Richta Radovan:
    • Zivilisation am Scheideweg (Prag 1967)
  • Robinson Joan:
    • An Essay on Marxian Economics (London 1942)
    • The Accumulation of Capital (London 1956; deutsch 1958)
    • Economic Philosophy (London 1962)
    • Über Keynes hinaus (Wien 1962)
    • Joan Robinson ist hier ebenso wie Kalecki und Steindl als eminenter Dialogpartner der marxistischen Ökonomen genannt.
  • Sraffa Pero:
    • Production of Commodities by Means of Commodities (Cambridge 1960)
    • Steindl Josef: Small and Big Busineß (Oxford 1945)
    • Maturity and Stagnation in American Capitalism (Oxford 1953)
    • On Maturity in Capitalist Economics (Festschrift für M. Kalecki, s.o.)
  • Sternberg Fritz:
    • „Der Imperialismus“ und seine Kritiker (Berlin 1929)
  • Sweezy Paul:
    • The Theory of Capitalist Development (London 1952; deutsch 1959)
    • The Present as History (New York 1953)
  • Tsuru Shigeto:
    • Has Capitalism Changed? (Symposium, mit Beiträgen von John Strachey, Paul Sweezy, Charles Bettelheim, Jakov Kronrod, Maurice Dobb, Paul Baran und Kenneth Galbraith; Tokio 1961)
  • Varga Eugen:
    • Die Krise des Kapitalismus (Frankfurt 1969)
    • Grundfragen der Ökonomik und Politik des Imperialismus (Berlin 1955)
    • Aus Vargas Nachlaß stammt eine überaus kritische Studie der sowjetischen Ökonomie und Gesellschaft, von der ein Auszug soeben erstmalig im „Wiener Tagebuch“, 3/1970 veröffentlicht wurde.
  • Vitello Vincenzo:
    • Il pensioro economico moderno (Rom 1963)
  • Sammelbände:
    • Festschriften für Maurice Dobb, Oscar Lange, Michal Kalecki (s.o.) sowie
    • Kritik der politischen Ökonomie heute — 100 Jahre „Kapital“ (Frankfurt 1968)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1970
, Seite 341
Autor/inn/en:

Theodor Prager: Der Volkswirtschafter gehörte seit 35 Jahren der kommunistischen Bewegung an und war seit 1959 Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Er ist Verfasser zahlreicher wirtschaftspolitischer und wirtschaftswissenschaftlicher Schriften. Auf dem XX. Parteitag der KPÖ im Jänner 1969 wurde Prager zusammen mit drei anderen Reformern aus dem ZK der KPÖ hinausgewählt, bei der Wiederholung der Wahl jedoch zusammen mit diesen wieder in das Zentralkomitee entsendet. Er gehörte zu den 27 ZK-Mitgliedern, die den Plenartagungen des ZK seit November fernblieben. Prager war von 1946 bis 1963 in der wirtschaftspolitischen Abteilung des ZK der KPÖ tätig und wirkte auch als Wirtschaftsredakteur der „Volksstimme“. Von 1947 bis 1959 war er Kammerrat der Wiener Arbeiterkammer.

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