FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 344-346
Rudolf Burger

Linkswalzer

(Beinahe) Grund-lose Bemerkungen
zur (beinahe) überflüssigen Frage:
Was ist (heute noch) links?

Die Zeit der „Theoriediskussionen“ und der „Strategiedebatten“ scheint in der Linken vorläufig einmal vorbei zu sein. Dem Objektiven gegenüber ist man legerer geworden. Man fragt nicht mehr, seiner selbst gewiß und seiner Gruppierung, nach langfristigen Perspektiven und nach Strukturen des gesellschaftlich Allgemeinen: man fragt nach sich selber. Die An- und Ableitungstheoretiker sind heimatlos geworden, die Abgrenzungsmanie hat sich zur Identitätsproblematik sublimiert. Der „Überhang an Objektivität“ (Reichelt) zeitigt in der Krise sein scheinhaft-ideologisches Gegenteil, eine Konjunktur fragwürdig gewordener Subjektivitäten. Je problematischer Objektivität objektiv wird, desto mehr treibt diese Subjektivität als subjektives Problem hervor, und je mehr alles aus dem Leim geht, desto sorgfältiger achtet man auf Gesundheit: „Legitimationsprobleme“ hat weniger der bürgerliche Staat, als die Linke vor sich selber.

Habermas relativ verzweifelt

Als man vor kurzem den Erfinder und Interpreten dieser Problematik, Jürgen Habermas, die Frage vorlegte: „Was ist heute noch links?“, da soll dieser, erfreulich mürrisch, geantwortet haben: „Wenn ich mich an dem Spiel ‚Was ist links‘ beteiligen wollte, wäre ich viel verzweifelter, als ich es bin. Das weiß doch jeder, was links ist. Sagen Sie mir doch mal, warum Sie das nicht mehr wissen.“ (Gespräch mit der TAZ, 3.10.1980)

Eine erfrischende Reaktion. Das ist immerhin einer — und weiß Gott nicht irgendeiner — der sich nicht irremachen läßt von kurzfristigen ideologischen Konjunkturen und Moden, der Überzogenheiten nie mitgemacht und daher auch nichts zu korrigieren hat, einer, der in historischen Dimensionen denkt und der in sich gefestigt ist; einer, der, so könnte man auch sagen, seine eigene linke Identität der Geschichte entzogen weiß. — So gesehen wird aber auch die ganze fragwürdige Dialektik der Antwort sichtbar. Denn ist es nicht ein bezeichnender Zug linker Identität, daß sie ihrer selbst nie ganz sicher ist, nie ganz sicher sein kann? Konterkariert nicht gerade die Gefestigtheit einer solchen Identität ihre Position als linke, beraubt sie sich nicht gerade dadurch des vielleicht Wichtigsten: der historischen Sensibilität?

Atharaxie, Unterschütterlichkeit, das war das Ideal des Stoa, ein sehr bürgerliches Ideal (wenn der Anachronismus erlaubt ist), ein linkes bestimmt nicht. Denn ist linke Identität nicht möglich nur als erschütterbare, als kritische, als zweifelnde — auch an sich selbst —, als auch sich selber in ihren je erreichten Positionen immer wieder negierende und sich neu herstellende, nicht als pralle Positivität also, sondern — um Hegel, einen ihrer wenig Geliebten, selbst nur allzu widersprüchlichen Propheten zu paraphrasieren — nur als widersprüchliche Einheit von Identität und Nichtidentität?

Die Frage, „Was ist heute noch links?“ ist also nicht so leichthin abzutun, wie Habermas in schöner Aufrechtheit es getan hat, sie hat schon ihre Berechtigung. Sie ist voller Mucken und hat sich, mehr oder minder abstrakt, wohl immer gestellt; die Geschichte der Fraktionskämpfe beweist das. Aber in einer Zeit, da der Linken allerorten die Felle wegzuschwimmen scheinen, ihre Öffentlichkeit zerfallen ist und sogar von ehemaligen Priestern der Revolution indigniert „Abschied vom Proletariat“ verkündet wird, nachdem dieses jene trotz aller verkündeten „Aktualität“ nicht hat machen wollen, stellt sie sich mit besonderer Schärfe und sehr konkret.

Linke Identitätskrise als Realitätsgewinn

Der Verlag „Ästhetik und Kommunikation“ hat ihr unlängst einen sehr schönen Sammelband [*] gewidmet, mit klugen und erhellenden Beiträgen. Geht man die Aufsätze, die dort abgedruckt sind, durch, so wird deutlich, daß die Frage nicht leichtfertig, unbegründet oder bloß rhetorisch gestellt war, sondern daß es durchaus berechtigt erscheint, von so etwas wie einer „Identitätskrise der Linken“ zu reden, die deutlich über das historisch gewohnte Maß hinausgeht; das tritt aus der Heterogenität der behandelten Sachverhalte und der theoretischen Positionen ebenso hervor, wie aus einigen lebensgeschichtlichen Skizzen. Im Vergleich zu den kompakten und selbstsicheren Verlautbarungen der 60er und frühen 70er Jahre haben die Reflexionen etwas tastend-unsicheres bekommen.

Aber — das ist das wirklich überraschende Resultat eines solchen Zeitvergleichs — das, was man eben noch als Identitätskrise der Linken larmoyant zu beklagen bereit gewesen war, stellt bei näherem Zusehen sich dar als Ergebnis eines enormen Realitätsgewinns und der Verlust an schöner Einfachheit und falscher Strenge als ein Zuwachs an Erfahrung. Darüber hinaus gibt erst die manifeste Krise der linken Identität, durch deren Risse hindurch, den Blick frei auf die Tatsache, daß diese, als man sie noch leidlich gefestigt glaubte, dem, wogegen sie stand — der Struktur bürgerlicher Subjektivität — durchaus nachgebildet war. Im Zerfall erscheint ihr Konstruktionsprinzip selbst als bürgerliches, der Mechanismus, der sie einmal zusammengehalten hatte, als kapitalistisches Zwangssystem.

Subjektivität und Ökonomie

Natürlich hat die materialistische Linke immer gewußt, daß mit sich selbst identische Subjektivität selber, in ihrer zeitlich durchgehaltenen Starrheit, die gegen das, was nicht sie selber ist, scharf sich abgrenzt, eine zutiefst bürgerliche Kategorie darstellt; daß sie nichts überzeitlich Naturhaftes ist, sondern geschichtlich entsprungen, und daß sie ihr avançiertes Modell hatte am rational kalkulierenden Kapitalsubjekt der liberalistischen Ära. Und obwohl sie auch wußte, daß diese Gestalt identisch sich durchhaltender Subjektivität aus ökonomischen Gründen historisch verurteilt ist, hat diese als Formprinzip in zweifacher Weise Eingang gefunden in die Vorstellung der traditionellen Linken: Zunächst einmal hat sie die Organisationsform der Kaderparteien bestimmt — man kann sagen, daß diese durch ihre Struktur und ihre programmatische Ausrichtung als politisches, historisches Handlungsprojekt konzipiert und konstruiert waren, als bürgerlicher Idealverein gewissermaßen: ideologische Vereinheitlichung, systematische Verfolgung von Zielen, Abgrenzung nach außen, Disziplinierung nach innen, Affektmodellierung, Arbeitsethos etc. — das sind, um nur die wichtigsten zu nennen, formale Charakteristika, die das politische Subjekt der Partei mit dem bürgerlichen Individualsubjekt gemeinsam hatte — im Sinne des französischen Strukturalismmaus könnte man von einem „Humanismus des Organisatorischen“ reden.

Darüber hinaus aber hat die traditionelle Linke das reale, rational kalkulierende Kapitalsubjekt, das ja, obwohl sie sich ihm in formaler Hinsicht mimetisch anzugleichen versuchte, ihr geschichtsmächtiger politischer Gegner war, gar nicht abschaffen, sondern in ganz bestimmtem Sinn verallgemeinern wollen. Was sie abschaffen wollte, war die Anarchie des Marktes und die private Ausbeutung in der Produktion, nicht aber das Moment der technisch-betriebswirtschaftlichen Rationalität des Kapitals, die im Gegenteil als welthistorischer Fortschritt gefeiert wurde: im planenden Staat, dem administrativen Ausschuß einer nicht länger antagonistischen Gesellschaft, der die sozialisierten Produktionsmittel zum Wohl der Allgemeinheit verwaltet, sollte der Kapitalismus im hegelschen Sinn aufgehoben werden, d.h. die kapitalistische Rationalität sollte erst zu ihrer vollen Entfaltung gebracht werden, nachdem ihre anarchisch-privatwirtschaftlichen Borniertheiten überwunden sein würden. Es handelte sich also nicht um Zerstörung schlechthin, sondern um „bestimmte Negation“: Zerschlagung der Form bei Bewahrung der Inhalte (der traditionelle Marxismus akzeptierte ohne weiteres den industriellen „Körper“ des Kapitals).

Im planenden Staat, also dem über die Zeit hinweg identisch sich durchhaltenden Handlungssubjekt, wäre die kapitalistische Rationalität aufbewahrt und überwunden zugleich. — So gesehen kann man sagen, daß die traditionelle Linke die Dominanz des Allgemeinen über das Besondere zu Ende geträumt hat — aber eben nicht als äußerliches Herrschaftsverhältnis, als das diese Dominanz heute geschichtlich desavouiert ist, sondern als Auflösung des Besonderen im Allgemeinen, das dadurch in ein Kollektivsubjekt sich transformieren sollte.

(Und doch ist es bedenkenswert, daß Marx im „Kapital“ den stehenden bürgerlichen Vorwurf, daß die Verwirklichung der kommunistischen Utopie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde, nicht etwa inhaltlich abgewiesen, sondern als Vorwurf zurückgewiesen hat.)

„Logik des Zerfalls“

Die Protestbewegungen von heute fügen sich nicht mehr diesem glatten perspektivischen Schema — sie sind der Aufstand des Besonderen gegen das Allgemeine, nicht deren angestrebte Vermittlung.

Das hängt, meine ich, damit zusammen, daß die gesellschaftlich herrschende Form von Subjektivität und Identität selbst — individuell, organisatorisch und als politische Utopie —, an der die traditionelle Strategie als an ihrer implizierten Voraussetzung gehangen hatte, in Zersetzung begriffen und teilweise schon überholt ist — und zwar durch krisenhaft sich durchsetzende Formänderungen in der materiellen Produktion selbst.

Die Möglichkeit der Identitätsbildung wird dadurch von zwei Seiten gleichermaßen und gleichzeitig erodiert: Einmal durch die Fortschritte in der kapitalistisch formbestimmten Vergesellschaftung der Produktion und durch die ökonomische Monopolisierung: Indem es sie erweitert, entzieht das bürgerliche Subjekt sich selbst die ökonomische Basis, auf der es sich als Subjekt erst gebildet hatte. Sodann — und damit vermittelt — durch das Anwachsen der gegenständlichen Produktionsfaktoren und einer ungeheuer forçierten Arbeitsteilung, was einerseits zu einer enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität, andererseits aber zur treibhausmäßigen Wucherung jeweils verschiedener, winziger Partialkompetenzen der arbeitenden Individuen führt, bei gleichzeitiger Verödung anderer, nach Ausdruck und Bewährung drängender Fähigkeiten: selige Zeiten, da man noch schlicht von einer Trennung von Hand- und Kopfarbeit reden konnte.

Das Subjekt in seiner klassischen, seiner eigenen Geschichte und Identität gewissen, zweckrationalen Form, wie es etwa von Max Weber für die Frühzeit des Kapitalismus beschrieben worden ist und wie es noch Sigmund Freud als Norm des Gesunden vorgeschwebt haben mag, wird in der vergegenständlichten Sozialmaschinerie postmoderner kapitalistischer Gesellschaftsformationen tendenziell funktionslos oder überhaupt ausgestoßen und stirbt ab. Schon vor vierzig Jahren hat Adorno festgestellt, daß die zunehmende organische Zusammensetzung des Kapitals die zunehmende organische Zusammensetzung der subjektiven Produktionsfaktoren, der Menschen selber, nach sich ziehe.

Zu sagen, daß man in der Welt von heute verrückt wird, ist keine überzogene Redeweise. Das Wort bezeichnet präzise einen geschichtlichen Sachverhalt. Foucault hat einmal den Wahnsinn als „das Fehlen eines Werks“ bezeichnet. Er wollte damit nicht die durchschnittliche Existenzform des Individuums im entwickelten Industriekapitalismus kennzeichnen, in dem tendenzieli jeder durch jeden ersetzbar ist, es auf keinen mehr ankommt und potentiell alle arbeitslos sind — aber genau das hat er gedacht: buchstäblich niemand objektiviert sich noch in einem Werk, niemand hat mehr eine Geschichte, die ihm Identität verliehe. Jeder weiß im Grunde um die Bedeutungslosigkeit seiner selbst, seiner persönlichen Projekte und seiner Lebensentwürfe — sie verschleißen gesellschaftlich schneller, als der einzelne sie nachproduzieren könnte. Die Zukunft des bürgerlichen Subjekts ist der Schizo, wie Deleuze und Guattari mit wohl nur wenig Übertreibung diagnostiziert haben.

Das aber hat Konsequenzen, die weit über den Bereich des Individuell-Psychologischen hinausreichen. Die Folgen treffen auch die Möglichkeiten politischer Identitätsfindung, politischer Organisation. Denn mit der bürgerlichen Identität zerfällt notwendig auch ihr mimetisches Gegenüber, die Linke.

So lassen sich etwa für das Scheitern der Versuche, die Protestbewegungen der späten 60er Jahre in formelle Parteiorganisationen umzuleiten, ihre Energie in diesen aufzufangen, zu konzentrieren und auf Dauer zu stellen, gewisse handfeste empirische Gründe angeben; der wichtigste, wenngleich selbst nicht unmittelbar empirisch verifizierbare Grund dürfte jedoch darin liegen, daß diese Aufbauorganisationen mit einer Subjektivität rechneten, die so gar nicht mehr vorhanden war, daß sie eine geschlossene, ganze Individualität fingierten, die nur noch vorübergehend, und nur mit zusammengebissenen Zähnen herstellbar, oder besser: nur simulierbar gewesen ist — und das nicht zufällig oder konjunkturell, sondern mit geschichtlicher Notwendigkeit. Umgekehrt aber erscheint das Scheitern der Parteibildungen, der Verlust an „großen Themen“ und der verantwortlichen Behandlung des „Ganzen“, nur dann als Niederlage der Linken, wenn man an dem Subjektbegriff festhält, um den herum sie organisatorisch konzipiert und programmatisch ausgerichtet war.

Dieser Begriff steckt tatsächlich in der Krise. Läßt man ihn jedoch als Norm, als Leit- und Zwangsidee fallen, dann eröffnen sich ganz neue Perspektiven und auch die Möglichkeit eines nicht verkrampften Verständnisses dessen, was sich heute abspielt. Dann kann man nämlich sagen, daß die Linke nicht nur zerfallen sei, sondern daß sie sich auch pluralisiert, daß sie sich vervielfältigt habe, oder anders ausgedrückt: die Irritation der Frage: „Was ist heute noch links?“ kommt daher, daß wir immer noch gewohnt sind, die Linke als Substanz aufzufassen: opak, statisch, abgegrenzt, organisatorisch und individuell identifizierbar, mit sich selbst identisch und ihrer selbst gewiß, beharrlich in der Verfolgung weitreichender, umfassender Ziele, festgelegt auf dogmatisch bestimmbare Positionen.

Wir haben Schwierigkeiten, diese Substanz heute aufzufinden und uns als Individuen in sie einzutragen, weil sie als Substanz tatsächlich zerfallen ist.

Das heißt aber nicht, daß sie verschwunden wäre, sondern sie hat sich in ihre Momente auseinandergelegt.

„Die Wirklichkeit ist in die Funktionale gerutscht“
Brecht

Man sollte daher diesen Verlust an schöner Geschlossenheit nicht nur beweinen; denn diesem Verlust korrespondiert auch eine Freisetzung neuer und starker Protestenergien. Diese Energien wechseln ihre Orte, ihre Träger, die Gegenstände, gegen die sie sich richten, die Themen, an denen sie sich entladen, sie sind beweglich, nicht statisch, organisatorisch nur schwer einzufangen und zu totalisieren, zumindest sind nicht alle ihre Elemente gleichzeitig unter einen Hut zu bringen und auf Dauer zu stellen — nicht einmal im einzelnen Individuum: kein Mensch ist als ganzer, in allen Lebenslagen und zu allen Zeiten Kommunist. — Es empfiehlt sich daher, heute weniger von einer Linken als Substanz, als von einer Linken als Funktion zu reden.

Zweifellos: das bunte Kaleidoskop von Protestbewegungen, in denen diese Energien mit wechselnder Intensität sich sammeln — Ökobewegung, Anti-AKW-Bewegung, Feministische Bewegung, Technologiekritik, Friedensbewegung, etc. — ist nicht umstandslos und als Ganzes der Linken und ihren Traditionen zuzurechnen, noch ist es die Summe der Individuen, die sie tragen — sie bilden keine Linke als Substanz. Auch mag durchaus aus manchem, was, mit seiner Verklärung der Idiotie des Landlebens (Marx) als alternative Lebensweise sich versteht, eine Art linkes Biedermeier hervorblicken. (Und wenn schon: Das Biedermeier war auch die Zeit des Vormärz.) Aber in ihrer Summe können diese Gruppierungen und Strömungen Massen auf die Beine bringen, die weit über das hinausgehen, was die 68er Bewegung zu mobilisieren in der Lage war, sie sind teilweise sogar von einer größeren politischen Militanz und antikapitalistischen Wirksamkeit, als die frömmelnden Asketen der ephemeren K-Gruppen es waren; und sie sind auch durchaus nicht so theorielos, wie man ihnen gerne vorwirft.

Obwohl diese Bewegungen überwiegend nichtmarxistischen Charakter haben, weder unmittelbar den Widerspruch von Arbeit und Kapital thematisieren, noch ihrerseits schlankweg und ungebrochen aus diesen „ableitbar“ sind, sind sie doch in letzter Instanz davon determiniert, wissen es auch und haben ein meist präzises, wenngleich undogmatisches, experimentelles sozialistisches Selbstverständnis mit hoher sozialer Sensibilität für das, was man die Fernwirkungen der Akkumulation nennen könnte. Dadurch sind sie auf der Höhe der Zeit.

Denn die Phänomenologie der Ausbeutung muß nicht unbedingt am sozialen Ort ihres Vollzugs, der materiellen Produktion, am deutlichsten sich äußern; sie kann verschleiert und verschoben, an gesellschaftliche Ränder gedrängt und transformiert werden — sie bleibt nichtsdestoweniger erhalten, was in den verschiedensten Formen ökonomischer, sozialer, ideologischer, ökologischer etc. Krisen sich äußert. In diesen disparitären Lebensbereichen (Offe), in diesen neuen Krisenherden spielen die Kämpfe heute sich ab. Obwohl sie nicht organisatorisch und ideologisch vereinheitlicht sind, obwohl sie in ihrer Summe kein in sich gegliedertes und zeitlich stabilisierbares Handlungssubjekt darstellen, haben sie in all ihrer Partikularität die historische Funktion von linken Bewegungen, weil sie ein wachsendes Widerstandspotential gegen die kapitalistische Rationalisierung und Akkumulationsdynamik zum praktischen Ausdruck bringen — und einen zunehmenden Abscheu vor der industriellen Verschönerung der Welt.

Mag sein, daß es sich bei alldem um eine Übergangsphase handelt, und daß aus dem Wimmeln von Partikularität historisch neue Formen politischer Organisation entstehen. Heute jedenfalls hat die Linke keine solche Substanz, bei dem Wort „positiv“ bekommt sie nur Lachkrämpfe und „Identität“ gilt ihr als Kategorie des Personenstandsregisters. Seit sie die Illusion, in absehbarer Zeit mehrheitsfähig werden zu können, aufgegeben hat, ist sie auch die väterliche Sorge um das Ganze los. So ist sie radikaler und verspielter zugleich, lässiger und schärfer geworden, ironischer und ernster, informierter und zynischer. Es geht ihr nicht um die Verwirklichung von „Sinn“, sondern um die praktische Vermeidung von Unsinn: gerade deshalb vertritt sie universale Interessen.

Die Erinnerung an ’68 überläßt sie denjenigen, denen sie gehört: den alten Kämpfern im orangen Kostüm mit den Tränen in den Augen. Wenn die erzählen, so hört sie gut zu und schreibt mit. Das ist aber auch alles: man hat andere Sorgen. Doch in all ihrer Zerrissenheit gehört auch sie in die Tradition jener „gewaltigen Macht des Negativen in der Geschichte“, von der [?] gesprochen hat und die bis heute verhindert, daß das Grauen der bürgerlichen Idylle endgültig sich einrichten kann.

„Ein Gepenst geht um ...“

Zeichnen tatsächlich immer noch die entwickelten Länder den weniger entwickelten ihre Zukunft vor, wie Marx seinerzeit gemeint hat? Im Weltmaßstab sicher nicht, zumindest hat man daran heute seine berechtigten — und hoffnungsvollen — Zweifel. Wohl aber dürfte der Satz immer noch gelten für Länder ähnlicher Kultur, Geschichte, vergleichbarer Struktur und nicht allzu verschiedener Niveaus der Entwicklung. Dann aber könnte es ratsam sein, einen futurologisch inspirierten Blick über die Grenzen zu werfen: Man sollte sich die historische Qualität dessen klarmachen, was in der BRD als „Grüne Bewegung“ hervorbricht.

Täuscht nicht alles, so ist sie die erste oppositionelle Basisbewegung der Nachkriegsgeschichte, die die Ebene des „Politischen“ erreicht, ohne ihr Abkömmling zu sein: wie die APO der 60er Jahre verdankt sie ihre Existenz weder einer Abspaltung, noch einem Gründungsakt; sie ist jedoch Ausdruck eines wesentlich breiteren Spektrums verletzter Lebensinteressen — tatsächlich Ausdruck, nicht ihre von einem Apparat eingepeitschte Mobilisierung.

Als Partei sind die Grünen sekundär, eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Denn ebensowenig wie diese Partei der Zusammenschluß „ganzer Individuen“ ist, ist sie für die ganze Bewegung repräsentativ (diese existiert als subversive Strömung im gesamten Gesellschaftskörper, sie durchdringt auch andere politische Gruppierungen und erodiert sie, bis hin zu organisierten Rechten); noch hat sie eine ideologische Identität.

Trotzdem ist diese Bewegung etwas ganz anderes als eine Massenpartei: sie ist nur der Schnittpunkt von Widerstandslinien, sie hat keine stabile „Substanz“, ist kein „Subjekt“ politischen Handelns — „Substanz“ ist sie allenfalls als Stein des Anstoßes. Eher ist sie aufzufassen als ein Netz von Öffentlichkeiten. Verfangen sich ein paar Maschen davon in den parlamentarischen Gremien, so reden deren Inhaber gleich von „Unregierbarkeit“ eben der Öffentlichkeit, mit der sie es auf einmal wirklich zu tun bekommen. Eine „Heimat“ der Linken ist sie nicht; wohl aber ein Wirkungsraum.

„Was ist heute noch links?“ — das ist gewiß eine Frage, die von manchem etwas älteren Linken, der nicht mehr in einer kleinen Organisation, die sich als Statthalterin des vernünftigen Allgemeinen aufspreizt, sich wärmen kann und dessen exotische Identifikationsbilder zersprungen sind, traurig und resignativ gestellt wird. Sie ist aber auch eine Frage, die besorgt gestellt wird von den bezahlten Wächtern des Status quo.

Denn eine Linke, die nicht organisatorisch festgehalten werden kann, die beweglich ist und unberechenbar, die nicht mehr durch Abzählen ihrer Mitglieder identifiziert werden kann, die ist viel schwerer zu verfolgen und zu korrumpieren. Eine Linke, die nicht aus lauter Linken besteht, sondern aus unsicheren Kantonisten, „eine Linke aus ganz gewöhnlichen Leuten“ (Karsunke) — eine solche Linke müßte eigentlich der Alptraum der Rechten sein ...

[*Eberhard Knödler-Bunte (Hg.), Was ist heute noch links? Berlin 1981 (Ästhetik und Kommunikation)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1982
, Seite 17
Autor/inn/en:

Rudolf Burger:

Rudolf Burger wurde am 8. Dezember 1938 in Wien geboren. Er absolvierte ein Physik-Studium an der Technischen Universität Wien und arbeitete anschließend als Assistent am Institut für angewandte Physik (wo er 1965 promovierte) sowie am Ludwig-Boltzmann-Institut für Festkörperphysik und im Bereich der Forschungsplanung am Battelle-Institut in Frankfurt/Main.
Ende der 1960er Jahre war Burger außerdem im Planungsstab des deutschen Wissenschaftsministeriums in Bonn tätig. Von 1973 bis 1990 leitete er die Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium in Wien. 1979 habilitierte sich Burger für Wissenschaftssoziologie. 1987 kam er als Professor an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wo er 1991 Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie wurde. Von 1995 bis 1999 war Rudolf Burger Rektor der Universität für Angewandte Kunst; 2007 wurde er emeritiert.

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