FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 273/274
Hans G. Helms

Linksarchitektur in Paris, Rechtsarchitektur in Moskau

Max Raphael: Für eine demokratische Architektur. Kunstsoziologische Schriften. Mit einem Nachwort von Jutta Held, Fischer Format, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1976, 173 Seiten, DM 26, öS 200,20

Der jüngst erschienene dritte Band mit Schriften des 1952 in New York verstorbenen deutschen Kunst- und Architekturhistorikers Max Raphael enthält fünf Arbeiten, entstanden 1933/34 im französischen Exil. Sie wären hervorragend geeignet, die seit etwa 1970 neu entfachte und mittlerweile festgefahrene Diskussion um Bedingungen, Methoden und Perspektiven eines sozialistischen Städtebaus weiterzutreiben, bestünde nicht die Gefahr, daß Raphaels Reflexionen die Adressaten gar nicht erreichten. Weder geht es Raphael um eine „demokratische Architektur“, was immer das sein mag; es geht ihm vielmehr um Lösungen sozialistischer Bauaufgaben; noch sind seine Methoden mit dem schwammigen Begriff „Kunstsoziologie“ korrekt bezeichnet.

Schon in den beiden kleinen Aufsätzen über Auguste Perret, den Begründer und Theoretiker des Eisenbetonbaus, erweist sich Raphael als ein im besten Sinn historischmaterialistischer Analytiker. Auf dem soliden Fundament der intimen Kenntnis der Gesellschafts- und Architekturgeschichte analysiert er mit dem methodologischen Rüstzeug von Marx, Engels, Lenin und Stalin konkrete Bauten und Konstruktionselemente, um aus ihnen die Dialektik von „Materie und Geist“, von ökonomisch-sozialer Funktion und ideologischem Zweck zu entfalten, die auch das Bauwesen bestimmt. „Wie entgegengesetzt die historisierenden und die ‚funktionalen‘ Bauten den bürgerlichen Menschen selbst erscheinen mögen, [sie sind] trotz aller künstlerischen Wertunterschiede und trotz aller geschichtlichen Entwicklung zur Selbstverwirklichung des Bürgertums weltanschaulich ein und dasselbe, weil hinter den Verschiedenheiten der Erscheinungen [...] ein und derselbe Geist der Abstraktion, des Dualismus der Selbstentfremdung des Menschen, kurz der Bürger steckt“ (p. 44).

Angesichts der gerade auch städtebaulich manifesten Widersprüche innerhalb der EG — man denke beispielsweise bloß an den Gegensatz zwischen der sozialdemokratischen Sanierungstechnik der „Neuen Heimat“ und der kommunistischen Stadtsanierung Bolognas — sind jene zwei Texte von besonderer Aktualität, in denen Raphael André Lurçats Schulbau in Villejuif untersucht. „Während alle Länder Westeuropas durch ständige Erhöhung ihres Militärbudgets und durch ständige Senkung ihres Unterrichtsbudgets bekunden, daß sie das ‚Stahlbad des Krieges‘ für die beste Methode zur Erziehung eines für die Ausbeutung bestimmten Volkes halten, hat eine kleine kommunistische Vorortgemeinde von Paris [...] einstimmig beschlossen, eine Schule durch einen modernen Architekten aufbauen zu lassen“ (p. 20).

Raphael läßt keine Illusionen aufkommen über die „Unvollkommenheiten“ des Resultats; statt dessen erklärt er sie aus den bestehenden Widersprüchen zwischen den Interessen der proletarischen Kommune und des kapitalistischen Staats. „Weder die kommunistische Gemeinde von Villejuif noch der im bürgerlichen Milieu aufgewachsene Künstler konnten mit voller Menschlichkeit handeln. Sie konnten nicht einmal die pädagogischen Ideen verwirklichen, die sich die fortgeschrittensten Köpfe der bürgerlichen Gesellschaft selbst unter schweren Kämpfen errungen haben“ (p. 21). Für Raphael markiert die Schule von Villejuif die Grenzen, bis zu denen sozialistischer Städtebau innerhalb des kapitalistischen Systems vorangetrieben werden kann — und diese Möglichkeiten einer evolutionären Architektur sind in der BRD noch nicht ausgeschöpft.

Das fünfte und Hauptstück des Bandes, der Aufsatz über das zwischen 1930 und 1935 in drei Wettbewerbsphasen geplante Sowjetpalais in Moskau mit dem berechtigten Untertitel „Eine marxistische Kritik an einer reaktionären Architektur“, ist eine ungewöhnlich klare Analyse der Widersprüche zwischen ökonomischer Basis, wirklichen sozialen Bedürfnissen und ideologischem Überbau in der Phase des „sozialistischen Aufbaus unter der Diktatur des Proletariats“ (p. 62). Hier legt Raphael die historischen Ursachen des Stalinschen Zuckerbäckerstils offen, nämlich als einen Trend zum Repräsentativen, zur Selbsterhebung des politischen Repräsentanten als Korrelat zur Selbstentfremdung der Masse. Für diesen bürgerlichen Dualismus ist in der sozialistischen Gesellschaft kein Platz; denn, so sagt Raphael, „der Marxismus erstrebt [...] die konkrete Aufhebung der Selbstentfremdung im geschichtlichen Leben selbst. Die Überwindung des Dualismus an seiner materiellen Quelle [...], um den totalen, konkreten, sich selbst beherrschenden Menschen an die Stelle dessen zu setzen, der andere beherrscht oder sich von anderen beherrschen läßt“ (p. 63). Wenn dennoch in der Etappe der Diktatur des Proletariats ein „Bedürfnis nach Repräsentation“ sich rege, dann beweise es, daß „sich eine Klasse verabsolutiert“ und folglich den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft behindere (p. 63).

Die Ausschreibungsbestimmungen, zumal in der dritten Phase 1933/35, und die nach ihnen entstandenen Entwürfe für das Sowjetpalais mit einer kolossalen Lenin-Statue auf dem Dach des Hauptgebäudes spitzen das Repräsentative zur „Heroisierung“ zu, also bereits zu dem, was sich in der späteren Stalin-Ära als Personenkult manifestiert. Raphael sieht die Gefahr nicht nur darin, daß „man die ‚positiven‘ von den ‚negativen‘ Seiten“ der Repräsentanten trennt und damit „die Wirklichkeit von den Illusionen“, sondern daß man die Geschichte entdialektisiert, weil „die unterdrückten negativen Faktoren [...] gerade das treibende Moment“ sind. „Die Ersetzung der Dialektik durch die Heroisierung zeugt also davon, daß man sich ein unmarxistisches und daher ein verkehrtes Bewußtsein von dem sozialistischen Aufbau unter der Diktatur des Proletariats gemacht hat“.

Anstatt nun den Versuch, in der Sowjetunion eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, als Irrweg leichtfertig zu verwerfen und die Sowjetunion — wie es heute oft üblich ist — in Bausch und Bogen als sozialimperialistisches Gebilde zu diffamieren, entwickelt Raphael die Fehlentwicklung aus dem zwangsläufigen Tempo der Aufbauarbeit und aus der Interdependenz zwischen sowjetischer Binnenwirtschaft und einem nach wie vor monopolkapitalistisch beherrschten Weltmarkt.

„Wenn also die Forderung gestellt wird, die Diktatur des Proletariats in einer ‚monumentalen‘ Architektur darzustellen, in einer Zeit, wo weder der wirtschaftliche [...] noch der Wohnungsaufbau vollendet ist; wo also die Waffe noch nicht geschmiedet ist, mit der das Weltproletariat in die Serie der imperialistischen Weltkriege eingreifen muß, so zeugt eine solche Forderung ... nur von dem, was ihr von außen (durch die kapitalistischen Staaten oder die in ihr selbst degenerierenden alten Klassen) aufgezwungene, historisch-notwendige, aber vorübergehende Situationsverfestigung antimarxistischer Art ist“ (p. 658).

Stets dialektisch analysierend, weist Max Raphael aus der Behandlung der Baumaterialien, Raumformen, Baukörper und Bewegungslinien, der Organisation der Räume zueinander und zum städtischen Ganzen und der Einbeziehung des kulturellen Erbes nach, daß das nie zur Ausführung gelangte Sowjetpalais als „rechte Abweichung“ von der „Generallinie“ (p. 91) aufzufassen ist.

Wenn die historisch notwendige Trennung zwischen Parteizentrale und Bürokratie entgegen Stalins Absichten in Etablierung einer Parteibürokratie umgeschlagen ist, dann begründet Raphael das damit, daß die von Stalin geforderte Diktatur „gegen die Parteimassen [...] als praktisch zu erziehendes Subjekt“ der Geschichte (p. 129) infolge der Widersprüche zwischen materieller Basis und einer von ihr losgelösten Ideologie nicht stattgefunden hat. Den mit dem ersten Preis ausgezeichneten Entwurf fürs Sowjetpalais von Boris Michailowitsch Jofan analysiert Max Raphael als Indiz des sich verfestigenden Stalinismus, in seiner Inkonsequenz freilich zugleich auch als Perspektive seiner Überwindung.

„Der Bau repräsentiert [...] die wirkliche materielle Niederlage und den ideologischen Scheinsieg der alten herrschenden Klassen wie die wirkliche ideologische Niederlage einer zur Herrschaft strebenden Bürokratie, ohne daß man eindeutig feststellen kann, ob ihr augenblicklicher materieller Sieg ein dauerhafter oder vorübergehender ist. Der Bau ist der Ausdruck eines unentschiedenen Klassenkampfes“ (p. 130).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1976
, Seite 73
Autor/inn/en:

Hans G. Helms:

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