FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 291/292
Günther Nenning

Linke kaputt?

Thesen für ein FORVM-Palaver an der Wiener Universität, NIG, 8. März 1978, 20 Uhr

  1. Ja, die Linke ist kaputt. Die große wunderschöne 68er Bewegung, Hunderttausende junge Menschen unterwegs in fast allen Industrienationen, ist gescheitert.
  2. Nein, die Linke ist nicht kaputt. Die 68er Bewegung ist fruchtbar gescheitert. Sie hat die kulturelle und auch politische Welt des Westens erheblich beeinflußt, umgemodelt. Die geistigen Nachwirkungen der 68er Bewegung sind wichtiger als ihr sozusagen „physisches“ Fortleben.
  3. Ja, die Linke ist kaputt. In die 68er Bewegung war von vornherein miteingebaut, sozusagen als Geburtsfehler, eine selbstmörderische Strategie. Die 68er Bewegung wandte sich gegen Establishment, Bürgertum, Kapitalismus; ebenso und noch vehementer auch gegen die reale Arbeiterbewegung, gegen die reale Arbeiterklasse. Die 68er Bewegung bastelte sich ein eigenes Volk, viel tugendhafter, revolutionärer als das wirkliche Volk. Sie isolierte sich, landete im totalen politischen Abseits.
  4. Nein, die Linke ist nicht kaputt. Die 68er Bewegung, tot und doch fortlebend, war die radikale Vorhut einer neuen Kopfarbeiterklasse, bestehend aus wissenschaftlicher, technischer, managerieller, massenmedialer Intelligenz. Die neue Kopfarbeiterklasse ist ein Eisberg, dessen sozialistische Spitze die 68er Bewegung war, während 9/10 noch untergetaucht sind in den trüben Gewässern konservativer Lebenshaltung, konservativer Anschauungen. Nach ihrer sozialen Herkunft ist die 68er Bewegung bürgerlich: ausgeflippte Jungbürger contra konservativ gebliebene Altbürger. Nach ihrer Ideologie ist die 68er Bewegung kleinbürgerlich: Sie schwankt zwischen ultralinks, dunkelrot sozialistisch, anarchistisch — und ultrarechts: „linksfaschistische“ Züge in der 68er Bewegung, Hin- und Herwechseln zwischen Junglinken und Jungfaschisten, in Italien z.B.
    Aber in ihrer historischen Substanz ist die 68er Bewegung nicht umzubringen, weil hinter ihr eine ganz neue Klasse nachkommt. Die Neue Linke ist die erste, unreife Ausprägung von Theorie und Praxis einer neuen Lohnarbeiterklasse. Für Lohnarbeiter ist letztlich der Sozialismus die passendste Ideologie. Was wir erlebten, waren die Geburtswehen des Sozialismus der neuen Kopfarbeiterklasse.
  5. Ja, die Linke ist kaputt. Die Geburtswehen des neuen Sozialismus haben einen Wechselbalg produziert. Die Schönheiten des neuen Sozialismus werden aufgewogen durch das katastrophale Ergebnis seiner superrevolutionären Strategie. Sie produzierte einen realen Rechtsruck Richtung Polizeistaat und einen ideologischen Rechtsruck in den Köpfen der verängstigten Mehrheit. Vom Revolutionstheater hat die Neue Linke den Spaß gehabt und die Arbeiterbewegung den Schaden.
  6. Nein, die Linke ist nicht kaputt. Nach Abzug der katastrophalen Strategie bleibt genug Positives übrig von der 68er Bewegung: ihre durchdringende Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus, ihre unentbehrliche Vision einer sozialistischen Zukunft, ihre experimentelle Vorwegnahme künftiger Lebensformen. Alles das ist Medizin für die abgeschlaffte reale Arbeiterbewegung, sei’s auch in homöopathischer Dosierung. Auf der historischen Tagesordnung stehen:
    • Selbstkritik der Linken. Gründliche Revision ihrer falschen Begriffe von Revolution, Klassenkampf, Arbeiterklasse. Strategiedebatte.
    • Dialog zwischen Neuer Linker und alter Arbeiterbewegung.
    • Schluß mit der Spaltung in Kopfarbeitersoziallsmus und reale Arbeiterbewegung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1978
, Seite 4
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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