FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 241/242
Eduardo Galeano

Lateinamerika verblutet

„Schluß mit Hunger, tötet die Bettler!“

Die Arbeitsteilung unter den Nationen besteht darin, daß die einen aufs Gewinnen und die anderen aufs Verlieren spezialisiert sind.

1 Rohstoffe geraubt

Unser Teil der Welt, heute Lateinamerika genannt, war frühreif: Er war schon in jenen fernen Zeiten aufs Verlieren spezialisiert, als in der Renaissance die ersten Europäer den Atlantik überquerten und den indianischen Zivilisationen an die Gurgel sprangen. Im Lauf der Jahrhunderte hat Lateinamerika seine Rolle vervollkommnet. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Wunder, wo die Wirklichkeit alle Sagen in den Schatten stellte und die kühnste Phantasie vor den Trophäen der „Conquista“ verblaßte — vor den Schiffen voll Gold, den Bergen von Silber. Aber immer noch ist unser Erdteil ein Sklave. Nach wie vor dient er den Bedürfnissen anderer, als Quelle und Reservoir von Erdöl und Eisen, Kupfer und Fleisch, Südfrüchten und Kaffee, Rohstoffen und Nahrungsmitteln für die reichen Länder, die am Konsum dieser Güter mehr profitieren als Lateinamerika an deren Produktion. Die Steuern, mit denen die Käufer belegt werden, sind höher als die Preise, die die Verkäufer erhalten; und schließlich — wie Covey T. Oliver, ein Koordinator der „Allianz für den Fortschritt“, im Juli 1968 bemerkte — sind gerechte Preise ein „mittelalterlicher“ Begriff, wir leben doch im Zeitalter der freien Marktwirtschaft.

Je mehr Freiheit für die Wirtschaft, desto mehr Gefängnisse für jene, die dieser Wirtschaft geopfert werden. Unsere Inquisitions- und Henker-Systeme dienen nicht nur der Beherrschung fremder Märkte; sie sorgen auch für ganze Ströme von Profiten aus ausländischen Krediten und Investitionen in den beherrschten Binnenmärkten. 1913 bemerkte Präsident Woodrow Wilson: „Man hört von ‚Konzessionen‘ an ausländische Kapitalisten in Lateinamerika. Von Konzessionen an ausländische Kapitalisten in den Vereinigten Staaten hört man nichts. Hier werden ihnen keine Konzessionen gewährt.“ Er war zuversichtlich: „Staaten, die Konzessionen gewähren müssen, geraten in die Lage, ihre inneren Angelegenheiten von ausländischen Interessen beherrscht zu sehen“, sagte er, und er hatte recht damit. Mit der Zeit haben wir sogar das Recht verloren, uns Amerikaner zu nennen, obwohl die Haitianer und die Kubaner hundert Jahre vor der Landung der „Mayflower“ an der Küste bei Plymouth als neues Volk in die Geschichte eingetreten sind. Für die ganze Welt ist Amerika heute synonym mit den Vereinigten Staaten; unsere Region gilt als ein Unter-Amerika, ein Amerika zweiter Klasse, von nebuloser Identität.

Lateinamerika ist eine verblutende Region. Von der Entdeckung bis in unsere Tage ist alles, was wir hervorbrachten, stets in europäisches — und später in nordamerikanisches — Kapital verwandelt und damit in fernen Machtzentren akkumuliert worden. Alles: der Boden, seine Früchte und seine unterirdischen Schätze, die Menschen und ihre Fähigkeit zu arbeiten und zu konsumieren, die Naturkräfte und die Menschenkräfte. Produktionsmethoden und Klassenstrukturen wurden Lateinamerika von außen aufgezwungen, durch Einbeziehung in die große Maschine des Weltkapitalismus. Jedem lateinamerikanischen Land wurde eine Funktion zugewiesen, stets zum Nutzen der fremden Metropolen, und die Kette der Abhängigkeit wird immer enger. Diese Kette hat viel mehr als zwei Glieder. In Lateinamerika umfaßt sie auch die Unterdrückung der kleineren Länder durch ihre größeren Nachbarn und in jedem einzelnen Land die Ausbeutung der inneren Nahrungs- und Arbeitsressourcen durch die großen Städte und Häfen. (Von den zwanzig größten Städten Lateinamerikas existierten sechzehn schon vor vierhundert Jahren.)

Jene, die die Geschichte als einen Wettkampf betrachten, sehen in der Rückständigkeit und Armut Lateinamerikas nur einen Beweis für dessen Versagen. Aber die Sieger verdanken ihren Sieg unserer Niederlage: Die Geschichte der Unterentwicklung Lateinamerikas ist ein integraler Bestandteil der Entwicklungsgeschichte des Weltkapitalismus. Unsere Niederlage war stets die Voraussetzung für die Siege der anderen; unser Reichtum hat stets unsere Armut erzeugt, indem er den Wohlstand der Fremden förderte — den der Imperien und ihrer einheimischen Statthalter. In der kolonialen und neokolonialen Alchimie verwandelt sich Gold in Schrott und Nahrung in Gift. Potosí, Zacatecas und Ouro Preto sind heute öde Labyrinthe tiefer Schächte und Stollen, aus denen alles edle Metall abgebaut ist. Ruin war das Los der chilenischen Salpeterfelder und der Gummiwälder im Amazonasbecken. Der Zuckergürtel in Nordostbrasilien und der Quebracho-Gürtel in Argentinien sowie die Gemeinden rund um den ölreichen Maracaibo-See mußten zu ihrem Leidwesen erkennen, wie vergänglich der Reichtum ist, den die Natur verschenkt und der Imperialismus sich aneignet. Derselbe Regen, der die Metropolen des Imperialismus bewässert, trocknet die riesigen Randgebiete des Systems aus. Symmetrisch dazu verhält sich der Wohlstand unserer herrschenden Klassen — herrschend nach innen, selbst wieder beherrscht von außen —, während unsere Massen dazu verdammt sind, als Lasttiere zu vegetieren.

„In Brasilien stirbt alle 40 Minuten ein Mensch an Tuberkulose“
(Dr. Jose Silveira, Leiter des Brasilianischen Instituts für TBC-Forschung) PRENSA LATINA

2 Da hilft nur Gewalt

Die Kluft wird größer. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Lebensstandard in den reichsten Ländern der Welt um 50 Prozent höher als in den ärmsten. Die Entwicklung entwickelt die Ungleichheit: Im April 1969 informierte Richard Nixon die Organisation der amerikanischen Staaten (OAS), daß am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts das Pro-Kopf-Einkommen der Vereinigten Staaten fünfzehnmal so hoch sein werde als das Lateinamerikas. Die Stärke des imperialistischen Systems insgesamt beruht auf der Ungleichheit seiner einzelnen Teile, und diese Ungleichheit nimmt immer barbarischere Dimensionen an. Dank der Dynamik der wachsenden Disparität werden die Unterdrückerländer absolut — und mehr noch relativ — stetig reicher.

Die kapitalistische Generaldirektion kann sich den Luxus leisten, Wohlstandsmythen zu erfinden und selber an sie zu glauben, doch die armen Länder an der Peripherie des Kapitalismus wissen, daß man Mythen nicht essen kann. Das Durchschnittseinkommen des Nordamerikaners ist siebenmal so hoch wie das des Lateinamerikaners und steigt zehnmal so schnell. Und der Durchschnitt ist eine irreführende Größe in Anbetracht des Abgrunds zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen südlich des Rio Grande. Angaben der UNO zufolge ist das Einkommen der sechs Millionen Lateinamerikaner an der Spitze der Sozialpyramide gleich dem der 140 Millionen an der Basis. Es gibt 60 Millionen Campesinos, deren Tagesverdienst 25 Cents beträgt.

Am anderen Ende haben die Nutznießer des Elends fünf Milliarden Dollar auf ihren Schweizer oder nordamerikanischen Bankkontos liegen. Sie fügen zum Schaden den Spott, indem sie in verschwenderischem, protzigem Luzus leben und mehr als die Hälfte aller Investitionen in nutzloser Repräsentation anlegen — Kapital, das Lateinamerika für Ersatz, Erweiterung und Erzeugung arbeitsschaffender Produktionsmittel so dringend brauchen könnte. Unsere herrschenden Klassen, seit jeher an die imperialistischen Mächte gefesselt, haben nicht das geringste Interesse daran, festzustellen, ob Patriotismus nicht profitabler wäre als Verrat und ob Betteln wirklich die einzige Formel für die Außenpolitik ist. Die Souveränität wird verpfändet, „weil es anders nicht geht“. In ihrem Zynismus verwechseln die Oligarchien ihre Unfähigkeit mit der Bestimmung ihres Landes.

So sagt Josué de Castro: „Ich, der Träger eines internationalen Friedenspreises, bin leider überzeugt, daß es für Lateinamerika keine andere Lösung gibt als Gewalt.“ Im Zentrum dieses Tornados wirbeln 120 Millionen Kinder. Die Bevölkerung Lateinamerikas wächst wie keine andere; sie hat sich in fünfzig Jahren mehr als verdreifacht. Jede Minute stirbt ein Kind an Hunger oder Seuchen, aber im Jahre 2000 wird es 650 Millionen Lateinamerikaner geben, die Hälfte davon unter fünfzehn — eine Zeitbombe. Von den heute lebenden 280 Millionen Lateinamerikanern sind 50 Millionen ganz oder teilweise arbeitslos und rund 100 Millionen Analphabeten; die Hälfte von ihnen lebt in überfüllten, unhygienischen Slums.

Die drei größten Länder Lateinamerikas — Argentinien, Brasilien und Mexiko — verbrauchen zusammengenommen weniger als Frankreich oder Westdeutschland, obwohl sie doppelt soviel Einwohner zählen. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl produziert Lateinamerika heute weniger Nahrungsmittel als vor dem Zweiten Weltkrieg, und bei gleichbleibenden Preisen sind die Ausfuhren pro Kopf auf ein Drittel des Standes vor der Krise von 1929 zurückgegangen.

Für die ausländischen Herren und für unsere Provisionsvertreter-Bourgeoisie, die ihre Seele dem Teufel verkauft hat, ist das System absolut rational; sonst aber für niemanden, denn je mehr es sich entwickelt, desto größer das Ungleichgewicht, die Spannungen und Widersprüche. Selbst die Industrialisierung — die zu spät und in abhängiger Form kommt und sich sehr gut mit den Latifundien und den ungleichen Strukturen verträgt — fördert die Arbeitslosigkeit mehr, als sie sie mildert; die Armut breitet sich aus, und der Reichtum konzentriert sich in einem Gebiet, wo eine immerfort wachsende Armee von Unbeschäftigten zur Verfügung steht.

In den privilegierten Entwicklungszonen — São Paulo, Buenos Aires, Mexico City — werden neue Fabriken gebaut, aber man benötigt immer weniger Arbeitskräfte. Immer mehr Menschen bleiben auf der Strecke, arbeitslos auf dem Land, wo die Latifundien weite Flächen brachliegen lassen, und in den Städten, wo die Maschine regiert. Das System speit Menschen aus. Nordamerikanische Missionare säen Pillen, Pessare, Präservative und markierte Kalender, aber sie ernten Kinder. Lateinamerikanische Kinder bestehen hartnäckig darauf, geboren zu werden.

Anfang November 1968 bestätigte Richard Nixon lautstark, daß die Allianz für den Fortschritt sieben Jahre alt geworden war und dennoch Unterernährung und Lebensmittelmangel in Lateinamerika zugenommen hatten. Einige Monate zuvor, im April, hatte George W. Ball in „Life“ geschrieben: „Zumindest in den nächsten Jahrzehnten droht der Welt von der Unzufriedenheit der ärmeren Völker keine Katastrophe. So traurig es ist, die Welt besteht seit langem mindest zu zwei Dritteln aus Armen und zu einem Drittel aus Reichen. Es mag ungerecht sein, aber die Macht der armen Länder ist begrenzt.“ Ball war Leiter der US-Delegation bei der ersten Konferenz für Handel und Entwicklung in Genf gewesen und hatte gegen neun der zwölf von der Konferenz angenommenen allgemeinen Grundsätze zur Beseitigung der Benachteiligung der unterentwickelten Länder im internationalen Handel gestimmt.

3 Geburtenkontrolle in der Wüste

Der Massenmord durch Armut in Lateinamerika ist geheim: Alljährlich explodieren lautlos drei Hiroshima-Bomben über Gemeinwesen, die sich daran gewöhnt haben, mit zusammengebissenen Zähnen zu leiden. Diese systematische Gewalt ist nicht sichtbar, aber real, und sie nimmt unausgesetzt zu; ihre Opfer stehen nicht in der Sensationspresse, nur in den Statistiken der FAO. Ball meint, man könne unbesorgt sein, da die Armen nicht in der Lage wären, einen Weltkrieg zu entfesseln, aber das Imperium sorgt sich: außerstande, das Essen zu vermehren, bemüht man sich nach Kräften, die Zahl der Esser zu reduzieren. „Tu was gegen die Armut, bring einen Bettler um!“ schrieb ein Genie des schwarzen Humors an eine Mauer in La Paz. Was schlagen die Erben des Malthus denn anderes vor?

Weltbankpräsident MacNamara, früher Aufsichtsratsvorsitzender bei Ford und US-Verteidigungsminister, hat die Bevölkerungsexplosion als das Haupthindernis für den Fortschritt in Lateinamerika bezeichnet. Die Weltbank, sagt er, wird mit ihren Darlehen jene Länder bevorzugen, die eine wirksame Geburtenkontrolle durchführen. Mit Bedauern stellt MacNamara fest, daß die Hirne der Armen um 25 Prozent weniger denken, und die (bereits geborenen) Weltbank-Technokraten lassen die Computer heißlaufen, um die Vorteile des Nicht-geboren-Werdens zu berechnen.

In einem Dokument der Weltbank heißt es: „Wenn es einem Entwicklungsland mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 150 bis 200 Dollar im Jahr gelänge, binnen fünfundzwanzig Jahren die Fruchtbarkeit seiner Bevölkerung um 50 Prozent zu verringern, würde das Pro-Kopf-Einkommen um 40 Prozent mehr steigen als ohne solche Maßnahmen; in sechzig Jahren würde der Gewinn das Doppelte betragen.“ Berühmt wurde ein Ausspruch Lyndon B. Johnsons: „Gehen wir davon aus, daß eine Ausgabe von weniger als fünf Dollar für Geburtenkontrolle ebensoviel wert ist wie hundert Dollar, die ins Wirtschaftswachstum investiert werden.“ Dwight D. Eisenhower prophezeite, daß das Anwachsen der Weltbevölkerung, wenn es im derzeitigen Tempo weitergehe, nicht nur die Revolutionsgefahr vergrößern, sondern auch den Lebensstandard aller Völker, einschließlich der USA, senken würde.

Die Vereinigten Staaten sind mehr als alle anderen Länder bemüht, bis in die entlegensten Winkel Geburtenkontrolle zu propagieren und durchzusetzen. Nicht nur die Regierung, sondern auch die Rockefeller- und die Ford-Stiftung haben Alpträume von Millionen Kindern, die wie Heuschreckenschwärme aus der Dritten Welt heranstürmen. Vor Malthus und MacNamara haben Plato und Aristoteles dieses Problem bedacht; in unseren Tagen spielt diese weltumspannende Offensive eine ganz bestimmte Rolle. Ihr Ziel ist es, die ungleiche Einkommensverteilung zwischen Ländern und Klassen zu rechtfertigen, die Armen davon zu überzeugen, daß ihre Armut eine Folge der Kinder sei, deren Geburt sie nicht verhüten, und den Vormarsch der rebellierenden Massen einzudämmen. Während Empfängnisverhütungsmittel mit Bomben und Maschinengewehrsalven wetteifern, um das Wachsen der Bevölkerung Vietnams aufzuhalten, betrachtet man es in Lateinamerika als hygienischer und wirksamer, Guerilleros im Mutterleib zu töten statt in den Bergen und Städten.

Amerikanische Teams haben Tausende Frauen im Amazonasgebiet sterilisiert, obwohl dies eine der am dünnsten besiedelten Gegenden unseres Planeten ist.

Die meisten Länder Lateinamerikas haben keinen Bevölkerungsüberschuß — im Gegenteil, sie haben zuwenig Menschen. Brasilien hat pro Quadratkilometer achtunddreißigmal weniger Einwohner als Belgien, Paraguay neunundvierzigmal weniger als England, Peru zweiunddreißigmal weniger als Japan. Haiti und El Salvador, die menschlichen Ameisenhaufen Lateinamerikas, sind weniger dicht besiedelt als Italien. In Bolivien, Brasilien, Chile, Ekuador, Paraguay und Venezuela ist nicht weniger als die halbe Landesfläche gänzlich unbewohnt. In ganz Lateinamerika weist Uruguay — ein Land alter Menschen — das geringste Bevölkerungswachstum auf, und doch hat kein anderes Land in jüngster Zeit solche Rückschläge erlitten, mit einer Krise, die in den innersten Kreis der Hölle zu führen scheint. Uruguay ist menschenleer und sein fruchtbarer Boden könnte ein Vielfaches der Menschen ernähren, die jetzt solche Not leiden.

4 Sinnvoll sterben

Vor mehr als hundert Jahren sagte ein guatemaltekischer Außenminister prophetisch: „Es wäre verwunderlich, wenn das Heilmittel aus den Vereinigten Staaten käme, dem Land, das uns die Krankheit bringt.“ Nun, da die Allianz für den Fortschritt tot und begraben ist, schlägt das Imperium vor, die Probleme Lateinamerikas durch Eliminierung der Lateinamerikaner zu lösen.

Das System spricht eine surrealistische Sprache. In menschenleeren Landstrichen empfiehlt es Geburtenverhütung; wo reichlich Kapital vorhanden ist, aber vergeudet wird, spricht das System von Kapitalmangel; es bezeichnet die deformierende Orthopädik der Darlehen und der Ausplünderung durch Auslandsinvestitionen als „Hilfe“; es appelliert an die Großgrundbesitzer, Bodenreformen durchzuführen, und an die Oligarchie, soziale Gerechtigkeit zu üben. Der Klassenkampf, will man uns einreden, kommt nur von der Hetze ausländischer Agenten; aber es gibt nun einmal Klassen, und die Ausbeutung der einen durch die anderen ist als abendländische Lebensweise bekannt.

Armut steht nicht in den Sternen geschrieben; Unterentwicklung ist nicht Gottes unerforschlicher Ratschluß. Es kommen Jahre erlösender Revolutionen; die herrschenden Klassen warten und wünschen das Höllenfeuer auf jedermann herab. In gewissem Sinn haben die Rechten recht, wenn sie sich mit Ruhe und Ordnung gleichsetzen: Es ist eine Ordnung der tagtäglichen Demütigungen für die Mehrheit, aber nichtsdestoweniger eine Ordnung: Es ist eine Ruhe, in der Unrecht Unrecht und Hunger Hunger bleibt.

Der bronzene Adler des US-Schlachtschiffs „Maine“, am Tag des Sieges der kubanischen Revolution abgerissen, liegt nun mit gebrochenen Flügeln in einer Toreinfahrt in der Altstadt von Havanna. Seit jenem Tag haben andere Länder auf verschiedenen Wegen Experimente des Wandels begonnen.

Die Geister aller Revolutionen, die im Laufe der qualvollen Geschichte Lateinamerikas abgewürgt oder verraten wurden, wachen in den neuen Experimenten wieder auf, ganz so, als wäre die Gegenwart von den Widersprüchen der Vergangenheit vorhergesehen und gezeugt worden. In enger Nachbarschaft leben die alten Conquistadores auf ihren Dreimastern mit den modernen Technokraten in ihren Düsenmaschinen; Hernan Cortez mit den US-Marines; die Agenten der spanischen Krone mit den Delegierten des Weltwährungsfonds; die Dividenden aus dem Sklavenhandel mit den Profiten von General Motors. Und auch die geschlagenen Helden und die gescheiterten Revolutionen unserer Zeit, die Toten und die wiedergeborenen Hoffnungen — die fruchtbringenden Opfer. Als Wilhelm von Humboldt die Bräuche der Ureinwohner im Hochland von Bogotà erforschte, erfuhr er, daß die Indianer die rituellen Opfer quihica nannten. Quihica heißt Tor: der Tod eines jeden auserwählten Opfers öffnete das Tor für einen neuen Zyklus von 185 Monden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1974
, Seite 15
Autor/inn/en:

Eduardo Galeano:

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