FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 430/431
Rudolf Holzer

Kurt Landau & die oppositionelle Linke der Zwischenkriegszeit

Rezension

Als in der Osterwoche dieses Jahres in der sowjetischen Hauptstadt zum ersten Mal seit Jahrzehnten der Name eines Geächteten und Verfemten laut und öffentlich wieder zur Diskussion stand, wußte man es: Perestrojka und Glasnost hatten eine neue qualitative Ebene erreicht: die Rehabilitierung auch des letzten großen Verschwiegenen — wenngleich nur von Familienangehörigen ins Spiel gebracht — machte auch dem nur am Rande interessierten Beobachter klar: Die Sowjetunion würde nie mehr das sein, was sie 50 Jahre lang davor gewesen war. Wie ein längst vergessen geglaubter Schatten aus der Vergangenheit war ein Name aufgetaucht, und die Person, die damit verbunden wurde, trat schlagartig wieder ins Rampenlicht des Interesses, als hätte der die Bühne des politischen Alltags in der Sowjetunion nie verlassen: Leo Trotzki.

Nach Bucharin, Kamenew, Sinowjew war nun auch das letzte Tabu der sowjetischen Geschichtsschreibung gebrochen worden. Die Rehabilitierung der zuvor Genannten hat ja bereits eingesetzt, und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Daß jedoch auch Leo Trotzki, der Gründer der Roten Armee und schärfster Konkurrent Stalins in der Nachfolge Lenins, jemals für eine Rehabilitierung in Erwägung gezogen werden würde, schien bis dato undenkbar.

Dies um so mehr, wenn man den geschichtlichen Spuren dieses Vernichtungs- und Verdrängungsfeldzuges gegen Trotzki und die übrige Opposition in den zwanziger und dreißiger Jahren der Sowjetunion folgt. Daß auch Österreich von diesen Ereignissen betroffen war, zeigt exemplarisch der Weg des österreichischen Trotzkisten Kurt Landau und seiner „Funke-Gruppe“, über dessen Leben vor kurzem im Verlag für Gesellschaftskritik eine detailreiche und für den Bereich der Linksopposition der Zwischenkriegszeit substantiell wichtige Arbeit erschienen ist. Die vom Wiener Historiker Hans Schafranek verfaßte Biografie „Das kurze Leben des Kurt Landau“ [1] gewährt Einblicke in die Situation der Komintern und der von ihr ausgeschlossenen Gruppen, die auf Grund intensivsten Quellenstudiums und zahlreicher Gespräche mit Beteiligten an Dichtheit und Tiefe kaum mehr übertroffen werden können.

Schafranek behandelt vor allem vier Themenkomplexe:

  1. Die Linksopposition
  2. Die Infiltration in oppositionelle Gruppen durch den GPU
  3. Die Moskauer Schauprozesse
  4. Die Ereignisse im Spanischen Bürgerkrieg

Kurt Landau, 1903 geboren, tritt 1921 der KPÖ bei, nachdem er zuvor linkssozialistischen Ideen nachgehangen war. Sein Weg zur Linksopposition ist eher atypisch und nicht zuletzt durch mißverständliche Deutungen einer Stellungnahme Trotzkis begründet. Trotzkis Buch „Literatur und Revolution“ hatte in der Sowjetunion 1923/24 eine Debatte über proletarische Kultur ausgelöst. Landau, beeinflußt durch Victor Serge, dem damaligen Kulturkorrespondenten der „Roten Fahne“ in Wien, nimmt Partei für Trotzki, als dieser 1924/25 massiv angegriffen wird, und interpretiert diese Angriffe als Attacke der bolschewistischen Bürokratie, obwohl der krypto-stalinistische „Bund Proletarischer Schriftsteller“ durchaus eher die Position Trotzkis verteidigt hat.

Schafranek schildert die kommunistische Linksopposition in ihren Grundzügen und wesentlichen Unterschieden zu den Stalinisten. Die Vertreter der Linksopposition sahen im Stalinismus nicht ein soziales Phänomen, sondern schlicht eine Abweichung vom rechten Weg. Den Leninismus, dem sie sich zwar verpflichtet fühlen, empfinden sie dennoch als Produkt einer beginnenden Bürokratisierung. Bei all dieser Kritik wird jedoch die Partei als Organisationsform nie in Frage gestellt. Hier zeigt sich bereits, wie klein der organisatorische und ideologische Spielraum der Linksopposition jener Jahre war.

In Österreich hatte Josef Frei die KPÖ-Opposition ins Leben gerufen, deren Zeitschrift „Mahnruf“ Kurt Landau ein erstes Betätigungsfeld bot. In Deutschland wurde die Linksopposition vor allem repräsentiert durch den Leninbund und die ebenfalls sehr starke Weddinger Opposition in Berlin. Landau reist im Sommer 1929 im Auftrag Trotzkis nach Berlin und beginnt mit der Bolschewisierung der Weddinger Opposition und der mit ihr verbundenen Pfälzer Opposition. Landau schafft sich so durch die Installierung eines quasi-trotzkistischen Flügels innerhalb der Linksopposition seine erste Hausmacht. Weiterhin ist er bemüht, oppositionelle Kräfte innerhalb und außerhalb der KPD dem Trotzkismus zuzuführen.

Trotzki und seinen Anhängern ging es vor allem um drei Punkte:

  1. Kampf gegen das Konzept des Sozialismus in einem Land.
  2. Kampf gegen Kritik an den Lehren aus der chinesischen Revolution.
  3. Auseinandersetzung um stalinistische Wirtschaftspolitik.

Trotzki war der irrigen und letztendlich tödlichen Ansicht, nach Erfüllung der drei Punkte würde es zu einer innerparteilichen Auflösung des Regimes kommen.

Im März 1930 kommt es in Deutschland zum Zusammenschluß der unterschiedlichen linksoppositionellen Gruppen zur „Vereinigten Linksopposition“. Die eigentliche Geburtsstunde des Trotzkismus in Deutschland hat geschlagen.

Die Freude über die Vereinigung ist nur von kurzer Dauer. Nicht zuletzt wegen der wachsenden Entfremdung zwischen Landau und Trotzki spaltet sich nur ein Jahr später die Vereinigte Linksopposition in eine sogenannte „Linksopposition“, die sich zu großen Teilen aus der ehemaligen Weddinger Opposition zusammensetzt und von Landau dirigiert wird; und in die Gruppe „Bolschewiki-Leninisten“, die von Trotzki als die einzig wahre Linksopposition legitimiert wird. Diese Spaltung zieht sich bis in das Frühjahr 1933 und hat neben den persönlichen Zwistigkeiten ihre Ursache in den vorherrschenden willkürlichen Organisationspraktiken der ehemaligen Vereinigten Linksopposition.

Im März 1933 geht Kurt Landau nach Paris, um dort die Auslandsleitung seiner Linksopposition zu übernehmen. Als deren Fortsetzung gründet er schließlich die „Funke-Gruppe“, die bis zum Sommer 1934 existiert, ehe sie von der Gestapo aufgerollt wird. Sie hatte sich als ein Organisationskörper mit Kopf, aber ohne Rumpf erwiesen. Landau selbst gerät immer stärker in diverse Emigrantenquerelen.

Seine Tätigkeit in Paris konzentrierte sich auf zwei Bereiche:

  1. Der Kontakt zur „Funke-Gruppe“ und die Herausgabe der Zeitung „Der Funke“.
  2. Teilnahme an Vereinigungsversuchen der französischen Linksopposition, die unter dem Stichwort „ein neues Zimmerwald“ den Versuch eines neuen organisatorischen Zentrums startete.

Landaus politischer Bruch mit dem Trotzkismus, der sich in dieser Phase endgültig vollzieht, und in dessen Verlauf er auch die Zerschlagung der Gruppe „Mahnruf“ in Österreich im Februar 1934 erleben muß, und das Scheitern der Vereinigungsbestrebungen in Frankreich führen schließlich dazu, daß sich Landau ab Herbst 1934 nur noch journalistisch betätigt.

Er schreibt für die Zeitschrift „Que faire“, nimmt an Diskussionen teil und gibt bis 1936 jeglichen Versuch auf, neue Organisationsformen der Linken außerhalb der KPD zu finden.

Das ändert sich 1936 mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs und dem Beginn der Moskauer Schauprozesse. Landau gründet eine Initiative linker Gruppen zur Unterstützung angeklagter Bolschewiki und der Angehörigen von Hingerichteten. Im Spanischen Bürgerkrieg hofft Landau die Möglichkeit zur Realisierung eines „neuen Zimmerwald“ auf breitester Basis zu finden. Auch die Zeitschrift „Der Funke“ erscheint wieder. Ihr Erscheinen sollte bis zum Juli 1939 andauern.

Im November 1936 geht Kurt Landau nach Spanien. Das Konzept „neues Zimmerwald“ ist vorläufig zurückgestellt. Dringlichere Aufgaben gibt es zu lösen. Zu Beginn des Bürgerkrieges fand Kurt Landau in der POUM einfach das „kleinere Übel“, die Gruppe, die allen Unzulänglichkeiten zum Trotz am ehesten der Aufgabe einer sozialistischen Revolution in Spanien gerecht werden könnte.

Die 1935 aus einem Zusammenschluß des BOC („Bloque Obrero y Campesino“) und der trotzkistischen „Izquierda Comunista España“ hervorgegangene POUM, die 1936 das Volksfrontabkommen unterzeichnete — sehr zum Mißfallen Landaus — und deren Einflußbereich im wesentlichen auf Katalonien beschränkt blieb, sollte die letzte Station im kurzen politischen Leben des Kurt Landau bilden. Immer mehr verschmolzen Teile seiner Gruppe mit der POUM.

Das Konzept eines „neuen Zimmerwald“ sah vor:

  1. Ablehnung aller Volksfrontkonzeptionen.
  2. Revolutionäre Verteidigung der spanischen Revolution (militant gegen Stalinismus).
  3. Politische Verteidigung der Sowjetunion (als realer Staat).

Die Versuche einer neuen Parteikonzeption mit der POUM als organisatorischer Sammlungsbewegung und der massive Vorwurf, der Vormarsch der Stalinisten bedeute ein Zurückdrängen der sozialrevolutionären Aspekte (Landau wurde nicht müde, den Widerspruch zwischen revolutionärer Entwicklung und ideologischen Konzepten herauszustreichen), führten schließlich zum stalinistischen Regressionskurs gegen die POUM, der in der Illegalisierung der POUM im Juni 1937 mündete. Bereits im Juli 1937 hatte Kurt Landau in einem Brief an Karl Daniel geschrieben:

Es istein Kampf auf Leben und Tod, der jetzt zwischen uns und den Stalinisten entbrannt ist ... Selbst wenn wir unterliegen sollten, was ich nicht glaube, selbst wenn wir alle vernichtet werden, die diesen Kampf leiten, wir werden so tiefe Spuren hinterlassen, daß in einer neuen Situation der Kampf zwischen Revolution und Stalinismus von neuem als Klassenkampf entbrennen wird. [2]

Aus einem unveröffentlichten Manuskript vom August 1937 wird erkennbar, daß sich Landau von den letzten Resten des Trotzkismus und Leninismus getrennt hat. Die Verwirrung in der Linken und die Verfehlungen werden nicht mehr auf administrative Dinge zurückgeführt, sondern auf die bolschewistische Parteikonzeption.

Am 23. September 1937 wird Kurt Landau von Agenten des GPU in seinem illegalen Quartier bei Carlotta Duran in der Calle Montserrat Casanovas in Sarria, einem Vorort von Barcelona, aufgespürt und verschleppt. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

Vielleicht ist das Leben und Sterben Kurt Landaus nur eine Fußnote in der neueren Geschichtsschreibung, aber im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate in der Sowjetunion könnte der Weg Kurt Landaus, als eigene Strömung interpretiert, als frühes Zeichen der Veränderung gelten.

[1Schafranek, Hans. Das kurze Leben des Kurt Landau. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1988

[2Schafranek, a.a.O., S. 497

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1989
, Seite 86
Autor/inn/en:

Rudolf Holzer:

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