MOZ » Jahrgang 1989 » Nummer 42
Reinhold Rabenstein

Kultstätten und Brennpunkte der Aggression und des Kampfes

Wir können sicher beobachten, daß in den Stadien die Gewalt nicht geboren und auch nicht gezüchtet wird. Als ob es diese Gewalt und Aggression nicht auch außerhalb eines Wettkampfes gäbe? In den Sportstätten wird Aggression kultiviert, gebündelt und — dies ist das eigentlich Entfremdende — nur von den Sportlern real ausgetragen, ausgefochten, im eher persönlichen Kontakt mit den anderen Kampfgewillten gelebt.

Die Zuschauer sind die Geschnapsten: sie kommen zur Aggression und dürfen nur, zuschauen. Sie sollen Partei nehmen für die eigene Mannschaft und gegen die gegnerische und einander gleichzeitig brav und maßvoll begegnen. Obwohl alles rundherum von Sieg und Niederlage spricht und schreit. Eine Paradoxie, die mit hohen Zäunen, gesicherten Sektoren, hunderten Ordnern und Polizisten zu lösen versucht wird. Dabei nimmt jeder sogenannte Rowdie nur ernst, was hier in diesem Sportkampf verkündet wird: „Ich bin gut, wenn ich Dich schlage, besiege!“ und „Wer verliert, ist ein Versager!“

Für die Sportprofis am Fußballfeld (oder sonstigen „Spiel“feldern) geht’s um die Güte ihres Marktwerts, der sich dann in den stolzen Transfersummen zeigt. Auch für die gilt sicher: „Nur wenn ich gut spiele, bin ich wertvoll — und spielen heißt gewinnen!“ Wie sehr die Identifikation mit dem eigenen Sport-Kampf-Verein oder mit der eigenen Sport-Kampf-Nation eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Sie wird aber sicher von Trainern und ganz sicher von Sport-Journalisten als Motivations-Spritze verwendet.

Die Funktionäre leben von beiden. Von den Gewinnbedürfnissen der Zuschauer und den Kampf-Profit-Wünschen ihrer Kampf-Spieler, zusätzlich noch vom Machtgewinn, der durch das Jonglieren und Transferieren von „Spieler-Material“ und Millionenbeträgen entsteht.

Was passiert also in Stadien?

Um 11 bis 22 aktiv kämpfende und teils spielende Menschen (meist Männer, in einigen Sportarten auch Frauen) ranken sich die Zugehörigkeits-, Stärke- und Selbstwert-Sehnsüchte der Zuschauer (ebenfalls meist Männer) und Geschäfts-, Kontroll- und Erfolgsgelüste der Manager und Funktionäre.

Jedes Unterhaltungsangebot verspricht die Erfüllung von offenen Bedürfnissen und macht das Geschäft mit den ungestillten Sehnsüchten: Kampf: die Lust an der Stärke!

Sieg: die Sehnsucht nach Selbswert!

Fan-Sein: die Sehnsucht nach Liebe!

Für die Zuschauer bleibt nur die Ersatz-Befriedigung.

Während bei aktiven Unterhaltungsangeboten wie Tanzen und Sporteln jede/r selbst an der Befriedigung seiner/ihrer Bedürfnisse mitwirken kann, sind Unterhaltungsangebote für Zuschauer und Zuhörer immer in Gefahr, Ersatz für die erwünschte Begegnung, Vitalität, Stärke, Beachtung, Anerkennung, Intimität usw. zu sein, weil ja statt mir als Zuschauer einige SchauspielerInnen, Musiker, Kämpfer, Tänzerinnen das tun, was ich selbst kräftig, erregt, sensibel, wertvoll erleben würde. Klar, daß in überkultivierten (domestizierenden) Theater- und Musiksälen nur Raum für große Empfindungen und kleine Bewegungen ist: mitweinen, mitsummen, mitwippen, klatschen, zuschauen, wegschauen und sitzen, sitzen, sitzen.

In den Weiten der Stadien und den Bewegungsmöglichkeiten auf den Steh!!plätzen allerdings, wo ich die Spieler nur sehe, da kann sich der Wunsch nach hautnahem Erleben von Sieg und Dabeisein, von Kraft und Bewegung im eigenen Brüllen, Drohen, Maskieren (Vereinsfarben], Singen und Skandieren von Schlachtreimen, im Erkennen von Gegnern und deren Schmähung gleich hier auf der Tribüne verwirklichen. Gegenseitiges Anstacheln und Aufmuntern kann zu einer Woge von Einigkeit werden mit einer glücklichmachenden Geborgenheit im „Wir hier!“

Obwohl die Stadien-Zuschauer weit mehr Aktions-(Selbsterlebnis-)Möglichkeiten haben als die Zuschauer anderer Kulturveranstaltungen, bleibt die direkte Kampf- und Kontaktarbeit den Spielern vorbehalten. Es sei denn, ich attackiere die sichtbaren Gegner in meinem Umkreis — sei es auch im benachbarten Sektor — also los! Derartig „randalierende“ Zuschauer verwirklichen, wozu sie gerufen wurden: Stärke im Kampf, Selbstwert im Sieg, Liebe im Fankreis. So tragisch dies dann für die einzelnen Opfer und die schockierten Journalisten ist: Verrückt sind die Organisatoren, Sportethiker, Sportpolitiker, die mit Bedürfnissen zum Sporteln und Zuschauen motivieren, die durch Zuschauen überhaupt nicht und durch Sporteln nur ersatzweise befriedigt werden können.

Dazu noch die Mythen, die sich um den Sport ranken und deren Berdürfnisbefriedigung der Kampfsport verspricht und zugleich vermeidet. „Gut ist, wer siegen kann!“

Das eigene Selbstwertgefühl wird einseitig an Erfolg und Gewinn gebunden — zum Nutzen einer leistungsfähigen Gesellschaft. Überforderung wird für Anerkennung auf sich genommen, und im schlimmsten Fall wird Beachtung wichtiger als Zuneigung und Zuwendung. Dies kann zu einer bedeutenden Leere führen, wenn die Dosis Erfolg abnimmt, oder erschüttert wird.

„A Indianer kennt kan Schmerz!“ Wohin mit Wut und Trauer?

Hand in Hand zum „Sieg-gut“-Mythos geht die Aufforderung, sich in seinen Gefühlen ernst zu nehmen. Männer sind die Träger und Idole der Sportwelt — und „männliche“ Abspaltung von empfindlichen Empfindungen ist nötig, um „seinen Mann zu stehen“. Dies führt zu einer öden Fremde gegenüber seinen eigenen Schwächen, die bis zur Selbstverachtung führt. Diese Selbstverachtung wiederum ist der Quell der Feindseligkeit, des Kampfes gegen die anderen Schwachen, des Wunsches, andere zu besiegen.

„Wir hier — die anderen dort.“

Der Wunsch nach Zugehörigkeit und Selbstwert führt zu einer Abwertung anderer, fremder Gegner. Die Ungewißheit über die eigene Identität „wer bin ich“ und die eigene Geborgenheit „wer mag mich — wem fühle ich mich verbunden?“ wird vermieden durch die Identifikation mit der eigenen (hoffentlich siegreichen) Mannschaft/Nation und durch die Abwertung, Verachtung bis Feindseligkeit zu den anderen, fremden, bösen Gegnern.

Eine ganze Bevölkerung wird dadurch verführt, die eigene Identität vom Können der Nationalmannschaft abhängig zu machen. Und all dies ohne realen Kontakt zum anderen Gegner.

In all den Sport-Kampfstätten passiert gebündelt, was üblich ist. Und die Zuschauer sind am ärgsten dran.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1989
, Seite 72
Autor/inn/en:

Reinhold Rabenstein:

Gestalt-Therapeut, Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft für Gruppen-Beratung“, des Ausbildungsvereins für Spielpädagogik und kreative Gruppenarbeit in Österreich.

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