FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 257/258
Aike Blechschmidt

Krise : 2

Produktions- und Absatzkrise 1929 und 1974: Ein Vergleich

Aike Blechschmidt hat im Jänner/Februar-Heft des NEUEN FORVMS eine Diagnose der Inflation erstellt und sie dabei als Teilaspekt der Krise erklärt. Nunmehr versucht er sich an einer Gesamtschau, die etwas weniger dramatisch akzentuiert als der vorangehende Artikel des französischen Physikers Vigier, welcher allerdings schon im vergangenen Herbst geschrieben wurde.

Blechschmidt sieht die Krise als eine langfristige mit einem relativen Auf und Ab, wobei es im gegenwärtigen Stadium zu punktförmigen Konflikten mit Staatsintervention („Feuerwehrreformismus“) kommt. (Wegen seiner Länge bringen wir den Aufsatz in zwei Teilen.)

1 Was heute anders ist als 1929: Insuläre Konflikte, Feuerwehrreformismus

1974 befanden sich die wichtigsten kapitalistischen Länder in einem scharfen Konjunkturabschwung. Die Produktion sinkt in etlichen Ländern absolut, ein neuer Aufschwung ist nicht in Sicht, und die Prognosen werden von Mal zu Mal pessimistischer. Es herrscht Einigkeit darüber, daß es sich um die schwerste Krise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre handelt. Die Unterschiede zu damals sind freilich beträchtlich (siehe Grafiken auf S. 19-21).

Wie die Schaubilder zeigen, verläuft der Produktionsrückgang heute weniger scharf als damals; durchschnittlich schnellt die Arbeitslosigkeit nicht im gleichen Ausmaß in die Höhe; und statt Preissenkungen gibt’s heute anhaltende Inflation.

Man könnte die Aufzählung unterschiedlicher Krisensymptome beliebig fortsetzen. Etwa, daß damals der Börsensturz nach dem Umschwung in der Produktion stattfand, während er ihm diesmal um über ein Jahr vorauseilte. Oder daß damals der Welthandel schrumpfte, während er heute — verlangsamt — expandiert.

Aber es wäre falsch, auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Krise allzu großes Gewicht zu legen. Vor allem deswegen, weil die eigentlichen Ursachen der Krise grundverschieden sind.

Dazu folgende Thesen, die im weiteren ausgeführt werden:

DIAGNOSE

  • Die Krise von 1929 war primär eine Realisierungskrise. [1] Die Waren hätten damals sehr wohl profitabel produziert werden können, hätte es nicht am Absatz gehapert. Dahinter stand die unter den damaligen Verhältnissen nicht aufhebbare Stagnation des Weltmarktes, die ihrerseits ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs war. Die Schwierigkeiten lagen somit in den Institutionen der damaligen Zirkulation.
  • Gegenwärtig handelt es sich dagegen in erster Linie um eine Verwertungskrise. [1] D.h. heute liegen die Ursachen der Krise von Anfang an in der Produktionssphäre. Erst als Folge hiervon stellten sich Absatz-, sprich Realisierungsschwierigkeiten ein. 1975 ist eine Krise zu geringer Ausbeutung, bezogen auf die Erfordernisse fortgesetzter Profitwirtschaft. Und zwar:
  • Anhaltende Teuerung des variablen Kapitals (der Löhne) bei mehr und mehr steigendem Aufwand für konstantes Kapital (Maschinen, Rohstoffe) und steigende Revenuen des Staates (mehr staatliche Lohnabhängige, mehr Bauten) kennzeichnen die Verwertungsschwierigkeiten der siebziger Jahre. Daher kommen die eigentlichen Momente der Krise 1974/75.
  • Hohe Kapitalkonzentration und anhaltende Weltmarktexpansion gehören ebenso zur neuen Krise wie die Verlagerung der Staatseingriffe weg von der Ausgabenpolitik hin zur Geld- und direkten Einkommenspolitik.

ERWARTUNGEN

  • Zu erwarten ist keine klassische Reinigungskrise, aber eine anhaltende Stagnation, die in einen langsamen Konjunkturaufschwung mit relativ hoher Arbeitslosigkeit übergeht.

D Die politischen Folgen der Krise hängen wesentlich vom Stand der jeweiligen Klassenkämpfe ab. Für die BRD heißt das, daß der Klassenkampf von oben verstärkt gegen die innergewerkschaftliche Opposition einsetzen wird. In den nächsten Zyklen werden die Verwertungsschwierigkeiten des Produktionssektors zum großen Teil in Form einer Zersetzung des Reproduktions- und Infrastrukturbereiches ausgetragen und nehmen hier die Form von insulären Konflikten an, denen der weiterhin finanzschwache Staat durch einen „Feuerwehrreformismus“ zu begegnen sucht.

2 Zwanziger Jahre: Das Kapital will und kann ... und dann geht’s doch schief [2]

Betrachten wir die USA als das Land mit den günstigsten Ausgangsbedingungen, wo die Aufwärtsentwicklung viel weniger als in den anderen Ländern an eine Weltmarktentfaltung gebunden war, da der riesige Binnenraum einen Weltmarkt für sich darstellte, der entwickelt werden konnte. Und doch war die US-Krise 1929 eine Folge der Stagnation des Waren- und Kapitalflusses zwischen den kapitalistischen Ländern. Wie kam es dazu?

In den zwanziger Jahren herrschte in den USA eine gute Profitabilität. Die manifeste (statistisch feststellbare) Profitrate sank von 1919 auf 1929 nur schwach. Dies, obwohl gleichzeitig die Produktionskapazitäten weniger ausgeschöpft wurden, als es von der vorhandenen Maschinerie her möglich gewesen wäre. Also: die potentielle Profitrate (bei gleichmäßiger Ausschöpfung der Kapazitäten) und daher die Verwertungssituation waren besser, als die manifeste, empirisch allein feststellbare Profitrate vermuten läßt. Denn bei voller Auslastung würde mit der gleichen Maschinerie mehr produziert, also sinken die Kosten pro Stück und steigen (bei sonst gleichbleibenden Umständen) die Gewinne, die vom gegebenen Kapital erzielt werden.

Daß also die manifeste Profitrate leicht — sank und somit Krisentendenzen einsetzten, war keine Folge der mangelhaften Profitabilität im Sinne des Marxschen Verwertungsbegriffs als vielmehr eine Konsequenz ungenügenden Absatzes. Woran haperte es, daß die profitabel produzierbaren Waren nicht auch profitabel abgesetzt wurden? Das führt auf die eigentlichen Ursachen der damaligen Krise.

War es eine zwängsläufige Folge der Überproduktion? Offenbar nicht, denn nach 1945 gab es derartiges ohne Krise. Z.B. in den sechziger Jahren, als das System mit einer in ähnlichem Umfang steigenden Warenfülle fertig geworden ist, ohne daß am Ende eine so fatale Krise wie die von 1929 stand (die Rezession 1969-1972 war nichts dagegen). Die Rüstung ging gegenüber den fünfziger Jahren gewichtsmäßig eher zurück.

War die Krisenursache vielleicht die Rationalisierung der zwanziger Jahre? Auch hier muß die Rationalisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen gesetzt werden, die nicht in einer vergleichbaren Überproduktion endete.

Bei guter Profitabilität spricht kein genereller Grund dagegen, daß der Kapitalismus eine besonders stark ansteigende Warenfülle oder eine Rationalisierungswelle nicht verkraften könnte: bei guter Verwertung beschleunigt sich nur die Akkumulation. Das kann sogar lange Zeit gutgehen. [3] Jedenfalls weist der Kapitalismus Expansionsperioden auf, die länger andauerten als ein Jahrzehnt.

Die hier vorgeschlagene Erklärung lautet daher anders: Die Steigerung der Produktivkraft, die mit dem Ersten Weltkrieg einsetzte und danach verstärkt anhielt, war an eine Ausdehnung der internationalen Arbeitsteilung gebunden, an eine Expansion des internationalen Waren- und Kapitalverkehrs, also des Weltmarkts. Und genau dies war auch der neuralgische Punkt.

Die Steigerung der Produktivkraft war in den zwanziger Jahren gewaltig: die Arbeitsproduktivität nahm schätzungsweise um das Dreifache stärker zu als in den drei Jahrzehnten vor 1914. Gleichzeitig stieg zwar das für die Maschinerie aufgewandte Kapital absolut gesehen stark an, sank aber relativ, d.h. bezogen auf den Produktionsausstoß, der damit erzielt wurde. Das hieß nichts anderes, als daß die Profitmasse enorm anschwoll, so daß die Profitrate stieg und hoch gehalten werden konnte. [4]

Dieser Prozeß vollzog sich in der Landwirtschaft, in der Rohstoffgewinnung und in der Industrie im engeren Sinne. Entscheidend war, daß sich die Fortschritte in der eigentlichen Industrie auf die kapitalistischen Länder in Europa und Nordamerika konzentrierten, während die Fortschritte im Rohstoffbereich und in der Landwirtschaft auch und vorwiegend in den peripheren Gebieten gemacht wurden, also in Südamerika (Fleisch, Häute, Metalle, Gummi), in Kanada (Weizen), in Australien (Wolle), Neuseeland (Fleisch, Wolle), im Vorderen Orient (Baumwolle), in Südostasien (Gummi, Metalle, Textilfasern).

Vom Standpunkt des Weltkapitals aus gesehen war das Ganze eigentlich eine prima Sache: damit konnte eine Entwertung des variablen Kapitals (der Löhne) ebenso in die Wege geleitet werden wie die des konstanten (der Maschinen). Ersteres erhöhte über eine wertmäßige Senkung der Löhne die Ausbeutungsrate, letzteres weitete die Akkumulationsmöglichkeiten aus.

Aber dieses Weltkapital existierte nur abstrakt, in Wirklichkeit zerfiel es nach wie vor in nationale Kapitale. Diese konnten in den besagten Genuß der billigeren Kapitalien nur kommen, wenn eine Ausweitung des Handels und des Kapitalverkehrs stattfand: zwischen den Metropolen selbst, aber auch zwischen den Peripheren, vor allem aber zwischen Peripherie und Metropolen.

DER STAGNIERENDE WELTMARKT: [5]

Während vor 1914 Warenhandel als auch internationale Kapitalverflechtung stark zunahmen, geschah das nach 1918 nur schwach. Dabei hätte die Expansion des Weltmarktes gerade nach dem Ersten Weltkrieg schneller voran schreiten müssen, um die Steigerung der Produktivkrafthandels- und kapitalmäßig zu verwirklichen bzw. abzusichern. Wo her kam der Sand im Getriebe der internationalen Zirkulation?

  • Während des Ersten Weltkrieges wurden etliche Industriezweige aufgezogen, um früher von „Feindländern“ importierte Waren selbst herstellen zu können. Nach 1918 mußten diese Industriezweige durch Zölle u.a. geschützt werden, denn sie produzierten weniger produktiv als die alten und neuen Konkurrenten.
  • Die Verschiebung der Imperien und das Herausfallen Rußlands aus dem System hatten zum Verlust an Absatzgebieten und Kapitalanlagen geführt. Zugleich setzten anhaltende Klassenkämpfe der Nachkriegserholung innerhalb der imperialistischen Metropolen Grenzen, vor allem in Frankreich und Großbritannien. So war sowohl die stabilisierende Funktion der Kolonien geschwächt als auch die Fähigkeit, Widersprüche kurz und bündig auf dem Rücken der Arbeiterklasse auszutragen, gemindert. Die Imperien hatten an innerer Stabilität verloren; zum Ausgleich suchte man sich von Auslandseinflüssen um so mehr abzuschotten. Das mußte auf Kosten der Liberalität des Weltmarktes gehen.
  • Dabei hielt die imperialistische Konkurrenz nicht nur an, sondern nahm zu. Die Vorherrschaft Großbritanniens war durch den Ersten Weltkrieg beseitigt worden, womit der Weltmarktpolizist von der Bildfläche verschwunden war. Gerade weil die USA nicht die Nachfolge antraten (sie allein kamen ökonomisch dafür in Frage, waren aber wegen noch fortdauernder Expansionsmöglichkeiten im Innern vital noch nicht daran interessiert), entwickelte sich zwischen den „Kleinen“ (England, Frankreich, Deutschland) ein um so härterer, quasi ruinöser Wettbewerb.
  • Je mehr nun einerseits die Produktivkraft und damit die Mehrwertmasse stieg, je weniger aber andererseits der Weltmarkt dafür profitable Anlage in der Produktion bot, um so mehr schwollen die frei verfügbaren Geldkapitalien an. Das nun wiederum hieß, daß sich der imperialistische Wettlauf in die Finanzsphäre ausdehnte: New York, London und Paris eiferten darum, globales Bank- und Finanzzentrum zu werden. Zu den Beschränkungen der Warenzirkulation (Zölle, Mengenbeschränkungen) kamen die der Geld- und Kapitalzirkulation hinzu. Die Hektik der Finanztransaktionen wirkte entstabilisierend.

3 Die Krise begann an der Peripherie: Österreich

Die Unternehmer empfanden den gehemmten Weltmarkt als Absatzschwierigkeit — entweder direkt durch wenig elastischen Exportabsatz oder durch schleppendes Inlandsgeschäft. Da aber wegen der explosiven Produktivitätsfortschritte noch genügend Mehrwertmasse vorhanden war, ergab sich für den einzelnen Unternehmer die Möglichkeit der Flucht in die Rationalisierung — um durch billigere Produktion die individuelle Absatzbeschränkung (auf Kosten der Konkurrenz) zu überwinden. Sofern sich an anderer Stelle die kapitalistische Produktion und Warenzirkulation ausdehnt, kann dies gutgehen. Wenn aber alle rationalisieren, ist nach einer vorübergehenden Expansion (getragen von der zur Rationalisierung benötigten Produktionsmittelproduktion) der Absatz um die Nachfrage der wegrationalisierten Arbeiter (und Unternehmer) verengt: die Misere — der mangelnde Absatz — reproduziert sich auf höherer Ebene.

Das war, schematisch vereinfacht, der Schritt von den frühen Krisen der zwanziger Jahre hin zur schweren Depression von 1929.

Die dazwischenliegenden Prosperitätsphasen (mit ihrer jeweiligen Rationalisierungswelle als Rückgrat) fußten in wichtigen Ländern — Deutschland, Österreich und den peripheren Gebieten — mehr und mehr auf kurzfristigen Auslandskrediten. Die Außenhandelsabhängigkeit war sehr unterschiedlich : total bei den peripheren Gebieten, stark bei den europäischen Ländern, schwach bei den USA. So kriselten die peripheren Gebiete zuerst, was zu einer Kapitalflucht und zum Abruf der Auslandskredite führte und das verstärkte wiederum die Krise. Der Strom des internationalen Geldkapitals floß zu dem am sichersten erscheinenden Platz, nämlich nach New York, und entfachte dort eine Börsen- und Grundstücksspekulation. Dieser Sog des Geldkapitals nach New York entzog nun seinerseits nicht nur Deutschland und anderen Ländern die Auslandsgelder (womit auch hier die längst vorhandenen Krisenmomente frei wurden), sondern führte in den USA zu jener berüchtigten Schwindelblüte der Produktion bis weit ins Jahr 1929 hinein, aus der dann ein um so tieferer Sturz in die Krise folgte.

Bisher wurde die Versteinerung der Zirkulationsverhältnisse auf den Ersten Weitkrieg und seine Folgen zurückgeführt. Ist damit wieder der Krieg zum Vater aller Dinge geworden? Wie machen wir diese Krisenerklärung zu einer ökonomisch-materialistischen? Nun, der Erste Weitkrieg war selbst eine Folge der imperialistischen Zuspitzung der Konkurrenz, welche wiederum aus einer Stagnation der Produktivkräfte am Ende des 19. Jahrhunderts hervorging. Damals fiel die Profitrate (wegen der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals), und das Kapital mußte alle Gegentendenzen zu mobilisieren versuchen. Was damals jedem nationalen Kapital den Aufbau eines Imperiums aufnötigte. Dies machte die imperialistische Konkurrenz zwangsläufig und damit auch einen imperialistischen Krieg.

Die materialistische Kurzformel, auf die die zwanziger Jahre gebracht werden können, lautet demnach: die schlechte Verwertungssituation der Vorkriegszeit stand der guten Verwertungssituation nach dem Ersten Weltkrieg im Wege, vermittelt über jene sich versteinernden Tausch- und politischen Verhältnisse nach 1914, welche der schlechten Kapitalverwertung vor 1914 entsprangen und zur Weltmarktstagnation nach 1918 führten.

4 1945-1975: Münchhausen und der Mohr [6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat in wichtigen Ländern eine Senkung der Profitrate stattgefunden. Paradoxerweise konnten die weniger profitabel produzierbaren Waren bislang (von den letzten Monaten abgesehen) ohne größere Schwierigkeiten an den Mann gebracht werden. Besonders auf dem Weltmarkt blieben die Realisierungschancen trotz durchschnittlich verschlechterter Verwertung gut: der Welthandel wuchs und wächst schneller als die Produktion. In der Krise der siebziger Jahre scheint damit eine umgedrehte Grundkonstellation gegeben wie in der Krise von 1929. Rekapitulieren wir dazu kurz die Nachkriegsentwicklung.

Die goldenen fünfziger Jahre schlugen sich in einer hohen Profitrate nieder. Einerseits kam es zu einer noch stärkeren Revolutionierung der Produktivkräfte als in den zwanziger Jahren. Andererseits sorgten zuerst der Wiederaufbau, dann die Wiederaufrüstung und schließlich ein expandierender Weltmarkt dafür, daß mit der explodierenden Warenfülle keine Absatzprobleme auftraten. [7] Was sich bereits in den zwanziger Jahren an guten Verwertungsbedingungen ankündigte, konnte in den fünfziger Jahren ohne nennenswerte Realisierungsprobleme eingebracht werden.

Mehr noch: Die Rationalisierung führte zu einer Verbilligung des konstanten Kapitals, so daß die Produktion schneller steigen konnte als das dazu vorzuschießende Kapital an Produktionsmitteln. So wurde die Profitrate nicht nur von einer steigenden Ausbeutungsrate (Verhältnis Mehrwert zum variablen Kapital [Lohn] bei Marx: m/v), sondern auch von einer sinkenden organischen Zusammensetzung (Verhältnis konstantes Kapital [Maschinen etc.] zum variablen [Lohn]: o = c/v) gespeist. Daß diese günstige Position etliche Jahre anhielt, dürfte ein einmaliges Phänomen in der Geschichte des Kapitalismus sein. [8]

Diese kapitalistische Herrlichkeit der fünfziger schuf Schwierigkeiten in den sechziger Jahren. Weil die Produktion so profitabel war, wurde sie derart rasch ausgedehnt, daß die Arbeitskraftreserven bald erschöpft waren und damit der Preis der Ware Arbeitskraft steigen mußte. Die anhaltenden Lohn- und Gehaltssteigerungen führten zuerst dazu, daß der Fall der relativen Löhne aufgehalten wurde und schließlich dahin, daß die Lohnquote (der Anteil der Löhne an der Produktion) gleichblieb bzw. sogar stieg. [9]

Der Punkt, auf den es ankommt, ist der: das war von der Akkumulation so lange zu verkraften, solange das konstante Kapital relativ zur Produktion sank. Als aber im Zuge der sechziger Jahre das Gegenteil eintrat, mußte es zu Krisenerscheinungen kommen. [10] Unsere These lautet also: Das Zusammentreffen von anhaltender Teuerung des variablen Kapitals (nichtfallende bzw. steigende Lohnquote) einerseits und hinzukommendem relativem Mehreinsatz an konstantem Kapital (steigender Kapitalkoeffizient [11]) andererseits ist der Schlüssel zur gegenwärtigen Krise.

Ein solches Zusammentreffen von Lohn- und Investitionssteigerungen ist erstaunlich, denn natürlich erwartet man nach einiger Zeit der Arbeitskräfteknappheit die erneute Bildung einer Reservearmee. Tatsächlich stellen wir aber während der ganzen sechziger und frühen siebziger Jahre Vollbeschäftigung fest, obwohl gleichzeitig von Anfang an Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt wurden. Ja, es wurde nicht nur keine innere Reservearmee geschaffen, sondern sogar die anderer Länder angezapft. Denn:

  • Der Schwung der Akkumulation war so groß, daß zwar einerseits pro Maschineneinheit weniger Arbeitskräfte benötigt wurden, andererseits aber wegen der vielen zuzüglichen Maschineneinheiten die eingesparten Arbeitskräfte wieder beschäftigt wurden.
  • Diese starke Anhäufung von Kapital erforderte eine Ausdehnung des Produktionsmittelsektors. Weil aber große Teile dieses Sektors — z.B. der Maschinenbau — überdurchschnittlich personalintensiv sind, wurde der Arbeitskräfte freisetzende Effekt des technischen Fortschritts abermals gemildert. Überdies: bevor hier die Rationalisierungen personalvermindernd „griffen“, mußten die dazu nötigen Produktionsmittel ja erst mal auf der alten technischen Basis erstellt werden.
  • Die Entfaltung der Produktivkräfte vollzog sich ab einer bestimmten Phase auch durch den Ausbau des tertiären Sektors (Dienstleistungen). Da dieser — zumindest am Anfang — sehr arbeitsintensiv ist und da er über seine produktive Bedeutung hinaus, parasitär wuchern konnte, wurden hier viele der in der Industrie freigesetzten Arbeitskräfte absorbiert. [12]

In der BRD-Industrie wurden 1970 etwa ebenso viele Arbeitsstunden geleistet wie 1960. Weil die Arbeitszeit verkürzt worden war, mußte die Zahl der Arbeiter und Angestellten sogar höher liegen. Lange Jahre hindurch befanden sich damit die Unternehmer in einem Münchhausen-Dilemma: um die Ausbeutungsrate zu steigern, benötigten sie eine lohndrückende Reservearmee, mußten sie „Leute loswerden“. Dazu aber mußten sie den Produktionsmitteleinsatz steigern, wozu sie wiederum Leute brauchten. Damit der Mohr endlich gehen kann, muß er weiter dableiben. Er muß weiter seine Schuldigkeit tun, damit er sie einmal getan haben wird.

Dieser Prozeß dauerte etliche Jahre. In der BRD z.B. bildeten sich erst mit der Wende zu den siebziger Jahren Ansätze zu einer erneuten industriellen Reservearmee. Denn immer wieder gibt es Wellen technischer Neuerungen, die Teile des konstanten Kapitals ganzer Branchen entwerten und die Unternehmer zu erneuter Akkumulation zwingen, um im Rennen zu bleiben. Die Arbeitskräfte bleiben dabei knapp, so daß periodisch starke Tarifrunden geführt werden konnten. Sosehr die Arbeit speziell in Krisen- und Aufschwungphasen intensiviert wurde — die so erhöhte Ausbeutungsrate fiel in den Boom- und beginnenden Abschwungphasen durchschnittlich wieder ab. [13]

Je höher der relative Einsatz an konstantem Kapital stieg, desto brenzliger wurde die lohnsteigernde Seite der Vollbeschäftigung. Akkumulations-Ist und -Soll strebten auseinander. Die Lücke zwischen dem Akkumulationspotential, das tatsächlich vorhanden war, und jenem, das hätte vorhanden sein müssen, wurde jahrelang durch eine inflationäre Brücke zu schließen versucht; je länger diese Brücke aber wurde, d.h. je höher die Inflation anstieg, um so weniger Stabilität wies sie auf. Mit dem Problem des „Verteilungskampfes“ schlitterte man über die Inflation mehr und mehr auf eine Akkumulationskrise zu.

Der steigende Aufwand an konstantem Kapital erforderte eine sinkende Lohnquote, also einen sinkenden Anteil der Löhne an der Produktion. Die Aufrechterhaltung einer gleichbleibenden Lohnquote durch die Gewerkschaften — und das war in wichtigen Ländern der Fall — mußte von Jahr zu Jahr größere Krisenmomente hervorbringen. Zur Bildung dieser relativ gleichbleibenden Lohnquote trugen gerade die früher hohen Konzessionsspielräume bei, indem aus den früher relativ hohen Lohnsteigerungen ein Anspruchsniveau für die zukünftigen Lohnerhöhungen entstand. So wirkte die einstige Konzessionsfähigkeit des Kapitals als Bumerang, als ein steigender Anteil für das konstante Kapital abzuzweigen war. [14] Ebenso fatal wirkte, daß der Staatsanteil in früheren Jahren gesenkt worden war — bzw. seine Zunahme stagnierte — und nun, wo die Schwierigkeiten von der Seite des konstanten Kapitals aus zunahmen, eine um so stärkere Anhebung der Staatseinkünfte nötig war.

5 Mehr Staat — mehr Krise

Die Wohlstandszunahme seit 1950 verstellte mit ihrer Warenfülle lange Zeit den Blick dafür, in welchem Ausmaß Raubbau an der Natur (an, um und in uns) getrieben wurde. Dadurch treten nun die Raubbau-Folgen um so krisenhafter zutage, so daß auch die finanziellen Aufwendungen für Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Alter, die sich als unabdingbar erweisen, stark steigen müssen. Diese Ausgaben fallen vornehmlich dem Staat zu — teils wegen ihrer Art (die Grundwasserversorgung eignet sich nun mal schlecht als direkt kapitalistisches Geschäft), teils wegen der Kostenabwälzungsmöglichkeit, die den privaten Unternehmen offensteht (wird beim Umweltschutz das „Verursacherprinzip“ angewandt, so bedeutet das bloß Preissteigerung). Der Staatsanteil an der Produktion muß folglich steigen. [15]

Eine Ausdehnung der staatlichen Revenue ist für das Kapital natürlich immer ein Ärgernis. Sie wird aber bedrohlich, wenn dies in einer Periode geschieht, in der auch der Aufwand fürs konstante Kapital anteilmäßig steigt. Als Ausweg muß versucht werden, den Lohnanteil um so mehr zu kürzen. Dem dienen seit Jahren die einkommenspolitischen Versuche, die aber bisher in den meisten Ländern nicht erfolgreich waren. Nur in den USA gelang es, die Lohnquote über einen Konjunkturzyklus hinweg zu senken. [16]

Warum das sonst nirgends klappte und wie das dazu führt, daß mehr Staat mehr Krise macht, sei hier am Beispiel der BRD (post 1970) skizziert.

Finanziert wurde die Ausweitung der öffentlichen Ausgaben aus einer Steigerung der Massensteuern (Lohnsteuer, Verbrauchssteuer, Mineralölsteuer) und aus vermehrter Kreditaufnahme inflationärer Art. Trotz dieses fiskalisch-inflatorischen Zangengriffs gelang keine Einschränkung des insgesamten Lohnfonds. Dazu hatte nicht zuletzt die Verausgabung dieser vermehrten Staatseinnahmen selbst beigetragen.

Dadurch, daß in erster Linie mehr Staatsbedienstete eingestellt werden, blieb die Arbeitskräfteknappheit im Konjunkturabschwung 1971/72 erhalten und damit die objektive Basis, um sich gegen eine weitere Aushöhlung der Löhne zu wehren. Die zunehmende Steuerbelastung, die sich mehr und mehr öffnende Schere zwischen Brutto- und Nettolöhnen, also zwischen Lohnkosten und Kaufkraft, konnte eben nicht zu Lasten der Nettolöhne durchgesetzt werden: die Bruttolohnquote (sprich Kosten) stieg stärker an, als die Nettolohnquote fiel. Zwischen 1971 und 1974 sogar stärker als die Produktion. Und solange der Staat durch vermehrte kreditfinanzierte Ausgaben selbst zu einer anhaltend guten Absatzlage beitrug, förderte er auch die Überwälzung der höheren (Brutto-)Lohnkosten auf die Preise. Das wiederum führte 1973 zu der Kette spontaner Streiks, wo es gelang, die inflationäre Aushöhlung der Löhne abzuwehren.

Mehr Inflation war so die Hauptform, in der der Widerspruch zwischen steigendem Einsatz an konstantem Kapital und steigender staatlicher Revenue bei anhaltender Teuerung des variablen Kapitals zum Ausdruck gelangte. Diese Ausgangssituation ergab 1973/74 die wohl einmalige Konstellation, daß die hauptsächlich wegen des Außenhandels notwendige Restriktionspolitik tatsächlich in Form einer Gewinndrosselung durchgesetzt wurde. [17]

Das war der Preis, um zu einem neuen Anfang zu kommen: so wie die Verhältnisse lagen, konnte die notwendige Einschränkung des Lohnfonds nur in einer anhaltenden Arbeitslosigkeit erreicht werden. Die rationalisierungsbedingte Freisetzung von Arbeitskräften wurde durch den Druck auf die Gewinne verstärkt, und nun bleibt selbst in einem neuen Aufschwung und auch bei mehr Staatsbediensteten eine Quote von zwei bis drei Prozent Arbeitslosen.

Diese Entwicklung (über einen erhöhten Staatsanteil zur verschärften Krise) vollzog sich infolge der Konzentration höchst ungleichmäßig. Die Kapitalkonzentration [18] verschafft den konzentrierteren Kapitalen einen individuell erhöhten Akkumulationsspielraum, sie können ihre Preise überdurchschnittlich stark anheben. Das war im jüngsten Zyklus 1972 bis 1974 deshalb ganz besonders stark, weil dessen spezifischer Nachfrageboom — nämlich nach Grundstoffen und Produktionsmitteln — vor allem die hochkonzentrierten Märkte wie Chemie und Stahl betraf. So machten die Gewinne bei den konzentrierteren Gruppen des BRD-Kapitals 1973 einen dreimal so starken Sprung (nämlich um ca. 50 Prozent) wie die anderen. In den USA liegen die Verhältnisse ebenso. Die Vorgänge bei den Mineralölkonzernen sind die gravierendsten Beispiele, stehen aber nicht allein. [19]

Indem die konzentrierteren Kapitale den relativ steigenden Kapitalbedarf über die Preise befriedigen, muß sich der Akkumulationsspielraum der übrigen um so mehr verengen, solange es nicht gelingt, den Lohnfonds oder die staatliche Revenue einzuschränken. Letzteres ist nur in den USA gelungen.

So trägt die Textilindustrie einen Teil der Chemiefasergewinnzunahme aus ihren eigenen Profiten — was natürlich die Textilkrise vertieft. Indem die Benzinpreiserhöhung vielen das Geld für einen Neuwagenkauf aus der Tasche zog, kam die Autoindustrie um so stärker ins Schleudern. Oder: die gegenwärtig verschlechterte Einkommenssituation der Bauern wurde nicht zuletzt von den steigenden Mineralölpreisen und der Preispolitik der Düngemittelkonzerne und der marktstarken Landmaschinenhersteller verursacht. Mit anderen Worten: die einseitige Konzentration „verteilt“ die Akkumulationsschwierigkeiten, sie verschafft der Krise ihr Profil.

(II. Teil im nächsten Heft)

[1Es entspricht dem materialistisch-marxistischen Standpunkt, in der Verwertung das übergreifende Moment zu sehen. D.h. Realisierungsschwierigkeiten sind aus Verwertungsschwierigkeiten zu erklären und nicht umgekehrt. Von daher verbietet es sich, beide begrifflich auf eine Ebene zu stellen. — Letztlich ist dies richtig. Doch gilt dieses „letztlich“ für die Ebene der Logik des Kapitals und ist somit — innerhalb der Periode der kapitalistischen Produktionsweise — ohne Zeitdimension (Jahre, Tage). In der Realität vermittelt sich das übergreifende Moment der Verwertung oft über lange Zeiträume. Für den konkreten vorliegenden Fall, nämlich die Realisierungsschwierigkeiten 1929, ist dieser Zeitraum mit etwa einem Vierteljahrhundert anzusetzen (Verwertungsschwierigkeiten vor dem Ersten Weltkrieg — Erster Weltkrieg — Versteinerung der Zirkulationsverhältnisse auf dem Weitmarkt — Realisierungsschwierigkeiten in den zwanziger Jahren). Die Realisierungsschwierigkeiten von 1929 lassen sich also nicht aus der Verwertungssituation von 1929 erklären. So gesehen ist es also auch methodisch vertretbar, für die Situation von 1929 zwischen Verwertung 1929 und Realisierung 1929 begrifflich zu trennen. Die Krise 1974/75 dagegen repräsentiert eher den „normalen“ Fall, d.h. die zu beobachtenden Realisierungskrisen gehen aus Verwertungsschwierigkeiten hervor.

[2Diesem Abschnitt liegt folgende Literatur zugrunde:

  • Epstein, Ralph C.: Industrial Profits in the United States, New York 1934 (betrifft die Profitrate 1920-1930)
  • Gillman, Joseph: Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profite, Frankfurt 1969 (betrifft die Profitrate 1920-1930 und die Revolutionierung der Produktivkräfte damals)
  • Helmstädter, E.: Der Kapitalkoeffizient, Stuttgart 1969 (betrifft das konstante Kapital)
  • Kindleberger, Charles: Die Weltwirtschaftskrise, München 1973 (betrifft den Weltmarkt)
  • Kuznets, Simon: Capital in the American Economy, Princeton 1961 (betrifft das konstante Kapital)
  • Lüke, Rolf E.: Von der Stabilisierung zur Krise, Zürich 1958 (betrifft Deutschland 1920-1932)
  • Sherman, Howard: Profits in the United States, Ithaka 1968 (betrifft die Profitrate 1930-1960)
  • Vierteljahreshefte zur Konjunkturforschung, Jahrgänge 1928-1936 (betrifft die Produktions-, Preis-, Lohn-, Handels- und Zinsentwicklung in Deutschland und auf dem Weltmarkt 1925-1935 sowie Analysen der Krise 1929).

[3Um dieses Problem ging die Debatte zwischen Rosa Luxemburg und Tugan-Baranowski, deren Ergebnis von Bucharin in den frühen zwanziger Jahren formuliert wurde (in der Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus).

[4Das entspricht der Auffassung, die Gillman schon 1957 (damals erschien das in Anmerkung 2 zitierte Buch in den USA) vertreten hat. Die Kritiken, die in Claus Rolshausen (Hrsg.): Kapitalismus und Krise, Frankfurt 1970, oder neuerlich von Rudi Schmiede: Grundprobleme der Marxschen Akkumulations- und Krisentheorie, Frankfurt 1973, erhoben wurden, ist m.E. nicht ausreichend, die Thesen von Gillman zu erschüttern.

[5Dieser Standpunkt wird vor allem von Charles Kindleberger vertreten (siehe Anmerkung 2).

[6Für die BRD habe ich diese Entwicklung genauer ausgearbeitet in: „Profitrate und Krise in der BRD-Industrie“, in: Handbuch 1, Perspektiven des Kapitalismus, hrsg. von Volkhard Brandes, Köln 1974. Die BRD-Analyse hat mich bei den Vermutungen über die Entwicklung des Kapitalismus als Ganzes nach 1950 angeleitet. Obwohl ich bei der bislang verarbeiteten Literatur nicht auf gravierende Widersprüche gestoßen bin, ist das bisherige Material freilich noch viel zu mager, um nicht in dieser Übertragung eine Quelle von Fehlern vermuten zu müssen.

[7Der Rüstung wird damit eine wichtige, aber sekundäre Rolie zugewiesen. Ohne Rüstung in den fünfziger Jahren hätte sich möglicherweise die Problematik der zwanziger Jahre wiederholt. Man hätte sich ohne dieses gegen Realisierungsnöte absichernde Netz schwerer mit dem Balanceakt der Öffnung der nationalen Märkte hin zum Weltmarkt getan. Wie labil die damalige Situation war — im nachhinein stellt sich immer alles viel geradliniger dar —, zeigt der sorgenvolle Report von Gunnar Myrdal in seinem Buch „Internationale Wirtschaft. Probleme und Aussichten“, Berlin 1958. Daß die Rüstung aber nicht die Primärquelle der Prosperität ist, wird daran deutlich, daß die Rüstung ja im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre relativ zurückging und dennoch die allgemeine Prosperität andauerte.

[8Für die Einmaligkeit dieser Entwicklung sprechen die Untersuchungen zum langfristigen Kapitalkoeffizienten, wie sie in dem angegebenen Buch von Helmstädter (siehe Anmerkung 2) wiedergegeben werden. (Mit Kapitalkoeffizient ist das Verhältnis von eingesetztem konstanten Kapital zu erbrachter Produktion gemeint. Sofern dieser Bruch um Veränderungen der Profit- bzw. der Lohnquote bereinigt wird, kann er als Indikator für die organische Zusammensetzung angesehen werden.)

Mit der Einschätzung einer sehr lang andauernden Periode, in der das konstante Kapital massiv entwertet wurde (nämlich von 1920 — mit Unterbrechungen — bis weit in die sechziger Jahre), stehe ich in Gegensatz zu der Sicht, wie sie von Schöller/Semmler/Hoftmann/Altvater in der Zeitschrift Probleme des Klassenkampfes (Prokla) Nr. 13 und 16 wiedergegeben wird. Für sie beginnt die steigende organische Zusammensetzung schon sehr viel früher und entfaltet sehr bald das Hauptmoment beim Profitratenfall.

Man kann aus den Marxschen Ausführungen zu diesem Thema nichts, aber auch gar nichts „ableiten“ bezüglich des konkreten Zeitpunkts, an dem die Haupttendenz beim Profitratenfall, nämlich die steigende organische Zusammensetzung, durchzuschlagen beginnt. Dies ist und bleibt eine Frage, auf die es keine „methodische“, sondern nur eine empirische Antwort gibt. Daher ist der Unterschied zwischen der hier vertretenen Auffassung und der der Prokla-Autoren durch Angabe der Berechnungsart und der verwendeten Quellen genau bestimmbar und der Widerspruch zwischen beiden Positionen kein prinzipieller. Mehr dazu wird in dem genannten Aufsatz gesagt (Handbuch 1, siehe Anm. 6).

[9Das berühmte Buch von Paul Baran und Paul M. Sweezy „Monopolkapital“ (Frankfurt 1967) fußt auf einer falschen Verallgemeinerung dieser „goldenen“ fünfziger Jahre. Daraus erklärt sich auch ihre Indifferenz hinsichtlich des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate bei Marx.

[10Diese schleichende Zunahme des Aufwands an konstantem Kapital übersehen A. Glyn und B. Sutcliffe („Die Profitklemme“, Berlin 1974). Sie machen aus der bedeutsamen Rolle der Teuerung des variablen Kapitals einen monokausalen Fakt. Daß gerade in den USA die Lohnquote 1971-1974 offensichtlich stark gesunken ist und die Krise dennoch voranschreitet, steht dazu in Widerspruch.

Das Gegenteil bilden die in Anmerkung 8 genannten Prokla-Autoren, die die Zunahme des konstanten Kapitals zum allein beherrschenden Faktor machen (siehe auch Anmerkung 15). Die politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind bedeutsam. Bei Glyn/Sutcliffe ist alles in Butter, sofern nur die Arbeiter zur Raison gebracht werden können. Einer Rückkehr in die fünfziger Jahre steht dann eigentlich nichts mehr im Wege. Bei den Prokla-Autoren ergibt sich als Konsequenz der dramatische Überakkumulationsfall, der eine direkte Gefahr für das kapitalistische System als solches darstellt. Sozialismus oder Barbarei (Faschismus) wird zur unmittelbaren, konkreten Tages-Alternative. Während bei Glyn/Sutcliffe die ökonomisch begründbare Hoffnung auf eine Systemveränderung nur mehr auf das Arbeiterbewußtsein setzt (daß sie sich eben nicht zur Raison kapitalistischer Art bringen lassen), steht bei den Prokla-Autoren die Aussicht auf immer mehr zunehmende Abwehrkämpfe der Arbeiterklasse gegen die notwendige Verschlechterung ihrer Lage unverrückbar fest (ich interpretiere!). Die Folge von beidem ist, daß die tatsächlichen Interventionsmöglichkeiten der Herrschenden gegen die Krise falsch eingeschätzt werden. Grob: bei den Prokla-Autoren müssen sie zu eng geraten, bei Glyn/Sutcliffe zu weit. Im Schlußteil gebe ich meine eigene Einschätzung.

[11Zum Kapitalkoeffizienten siehe Anmerkung 8.

[12Es wird also bestritten, daß die Produktion von Dienstleistungen als solche unproduktiv ist, so daß auch das Anwachsen dieses Sektors nicht ohne weiteres mit einer relativen Zunahme der unproduktiven Arbeit gleichgesetzt werden kann. Dies steht, wie ich meine, auch nicht in Widerspruch zu Marx.

[13Typisch die Entwicklung der BRD 1967-1971, wo im Zuge der wohl stärksten Welle der Arbeitsintensivierung in und nach der Krise 1967 die relativen Löhne stark sanken, dann aber 1970/71 einen Ausgleich erzielen konnten (siehe dazu mein Buch „Löhne, Preise und Gewinne 1967-1973“, Lampertheim 1974). Die Entwicklung seitdem ist weniger eindeutig, weil die Einkommenspolitik des Staates und die Finanzierung der steigenden Staatsausgaben über Lohnsteuern immer stärker intervenieren und damit die Interpretation des Zahlenmaterials erschweren.

[14Das haben Joachim Bergmann, Otto Jacobi und Walter Müller-Jentsch in „Gewerkschaften in der BRD“, Frankfurt 1975, herausgearbeitet.

[15Dieser Gesichtspunkt steht bei James O’Connor: Die Finanzkrise des Staates, Frankfurt 1974, im Mittelpunkt. O’Connor behandelt dabei die USA, wo in der Tat auch in den sechziger Jahren der Trend zu einem größeren Staatsanteil (und zwar bei den sogenannten Sozialausgaben, was nicht mit mehr Wohlfahrtsstaat gleichzusetzen ist!) von quantitativ größerem Gewicht gewesen zu sein scheint als die relative Zunahme des konstanten Kapitals. Bezüglich des letzteren gibt es Hinweise darauf, daß nach 1960 eine erneute Welle technisch bedingter Entwertung des konstanten Kapitals stattgefunden hat. Dabei ist aber — wie Christoph Deutschmann: Der linke Keynesianismus, Frankfurt 1973, mit Recht betont — zu berücksichtigen, daß der Staat möglicherweise einen steigenden Anteil an konstantem Kapital in seine Regie nimmt; und zwar gerade Teile, die (wie etwa heute Eisenbahnen) wenig profitabel sind.

[16Man muß zu diesem Zweck die unbereinigte Lohnquote nehmen, da es um den tatsächlichen Lohnfonds geht, den das Kapital zu bezahlen hat. Die Bereinigung um die relative Zunahme der Lohnabhängigen gegenüber den Selbständigen geht daran vorbei (diese Bereinigung dient, um zu zeigen, welcher Anteil einer Lohnquotenveränderung auf veränderten Pro-Kopf-Löhnen und welcher lediglich auf einer veränderten Pro-Kopf-Zahl beruht).

[17Diese äußerst ungewöhnliche Politik lag allerdings — paradoxerweise — im Interesse des Gesamtkapitals der BRD. Denn das gebrauchswertmäßige Gegenstück zur (ursprünglichen, im 1. Halbjahr 1973 sich abzeichnenden) Gewinnzunahme, nämlich die gestiegene Produktionsmittelproduktion, war infolge des Exportsogs auf den Weltmarkt geworfen worden. So zeichneten sich Mitte 1973 extreme Preissteigerungen bei den BRD-Produktionsmitteln ab, d.h. die Gewinnzunahme von 1973 wäre inflationär verpufft, hätte also kaum zur realen Akkumulation beitragen können. Das hätte die BRD mit einer höheren Inflationsrate dem kommenden Weltmarktabschwung ausgesetzt, deshalb war es — vom Gesamtkapital aus gesehen — sinnvoll, die Gewinnsteigerung 1973 steuerlich zu bremsen. Das vollzog sich freilich höchst ungleichgewichtig, nämlich zuungunsten der kleinen und mittleren Kapitale.

[18Kapitalkonzentration wird hier so gebraucht, daß der marxistische Begriff der Kapitalzentralisation mit enthalten ist.

[19Im Mineralölbereich kam zur konzentrationsbedingten Preissteigerung noch die der ölproduzierenden Länder hinzu. Daher und auch wegen der enormen Folgen für die Geldzirkulation sprach die bürgerliche Weit von der „Öl-Krise“, nicht dagegen von der „Chemie“- oder „Stahl-Krise“, obwohl die Chemie- und Stahl-Konzerne fast genauso hohe Profitsteigerungen erzielten (und damit inflationär-krisenhaft wirkten).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1975
, Seite 19
Autor/inn/en:

Aike Blechschmidt: Geboren 1942 in Poznan, diplomierter Volkswirt der Universität Mannheim, Doktorand in Frankfurt, beschäftigt sich vornehmlich mit der Veränderung der Akkumulationsbedingungen und deren Auswirkung auf die Gewerkschaftsarbeit. Verschiedene Zeitschriftenartikel und zwei Bücher: „Löhne, Preise und Gewinne (1967-1973). Materialien zur ‚Lohn/Preis-Spirale‘ und Inflation“; und (zusammen mit Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz): „Die inflationäre Struktur des Kapitalismus. Das Zusammenwirken von Konzentration, Weltmarktentwicklung und Staatsintervention, am Beispiel der BRD“ — beide erschienen im Kübler Verlag, Lampertheim 1974. — Besonders das erste ist ein ideales Handbuch für Schulung und Selbststudium.

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