FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 176-177
Günther Nenning

Konsequenzen aus der Aggression

Eine außerordentliche Sitzung der österreichischen Mitherausgeber des NEUEN FORVM sowie der in Wien aus Anlaß des Philosophenkongresses anwesenden Mitglieder unseres Internationalen Komitees für den Dialog tagte am 4. September gemeinsam mit Vorstand und Wissenschaftlichem Beirat der Paulus-Gesellschaft, Österreichische Sektion, mit dem folgenden Ergebnis:

  1. eindeutige und bedingungslose Verurteilung der sowjetischen Aggression gegen die ČSSR;
  2. Fortsetzung des Dialogs mit allen, die diese Aggression gleichermaßen verurteilen und für eine neue, freie, menschenwürdige Gesellschaft eintreten.
  3. Diskussion über die Konsequenzen der sowjetischen Aggression für Theorie und Praxis des Dialogs.

Im Lichte der auf der vorerwähnten Sitzung stattgefundenen Diskussion (bei der in drei Stunden 27 Redner zu Wort kamen) biete ich hiezu meine folgenden Thesen an:

  1. Dialog heißt Hoffnung, aber nicht Illusion. Daher stellen wir fest: wir haben eine Niederlage erlitten.

    Unsere Niederlage ist vierfacher Art:

    1. Mit Panzern kann man keinen Dialog führen.
    2. Mit Menschen, die von Panzern am Reden gehindert werden, kann man keinen Dialog führen.
    3. Viele Menschen halten die Panzer für den Inbegriff des Kommunismus und den Dialog daher für eine Angelegenheit von Narren oder kommunistischen Agenten.
    4. Die Kalten Krieger steigen aus ihren Gräbern und putzen unter Absingung alter Heldenlieder die Rostflecken von der Rüstung.

    „Dialog? Ätsch, nichts ist daraus geworden. Die Russen sind einmarschiert.“ Jeder kann das heute sagen, und fast jeder sagt es auch. Dies ist die Stunde der Dummköpfe, und nicht nur der Dummköpfe.

  2. Dialog heißt nicht Selbstlob, sondern Selbstkritik: Der Dialog war erfolgreich, was den Neokommunismus betrifft; er war ein Fehlschlag, was den Paläokommunismus betrifft.

    Die Entwicklung der Tschechoslowakei in Richtung auf einen demokratischen Kommunismus war eine autochthon-kommunistische und autochthon-tschechoslowakische Entwicklung. Sie wurde jedoch durch den Dialog zwischen Christen und Marxisten sowohl mit vorbereitet wie mit vorangetrieben. Die Tschechoslowakei war das Paradebeispiel der Dialogisten, daß man nicht nur miteinander reden kann, sondern daß dabei auch etwas Konkretes herausschaut. Der Dialog zeigte, was er kann. Dann zeigten die Panzer, was sie können. Der Dialog war allzu erfolgreich.

    Die Okkupation der Tschechoslowakei erfolgte aus Erwägungen der Strategie, Ökonomie und insbesondere auch Ideologie. In allen drei Bereichen waren es Erwägungen der Furcht. Im ideologischen Bereich war es nicht zuletzt Furcht vor dem Dialog. Die radıkale Tiefe der Begegnung zwischen Christen und Marxisten, die weitgehenden Ergebnisse dieser Begegnung, die damit verknüpfte rapide Veränderung des Bewußtseins der beteiligten Marxisten (natürlich auch der beteiligten Christen, aber das steht hier nicht zur Debatte) — das alles jagte den Paläokommunisten einen panischen Schrecken ein. Die Neomarxisten gerieten in so rasche Bewegung, daß die Paläomarxisten einfach nicht mitkamen. Der Dialog war allzu erfolgreich.

    In diesem Sinne ist es argumentabel, daß wir uns zuviel mit dem Neomarxismus befaßten, zuwenig mit dem Paläomarxismus. Wir meinten, wenn der Neomarxismus vorbildlich vorauseilt, werde der Paläomarxismus nachfolgen. Da haben wir uns gründlich getäuscht.

  3. Klärung der Begriffe

  4. Dialog heißt nicht Verwischung, sondern Klärung der Begriffe: Daher verurteilen wir die terroristische Variante des Kommunismus eindeutig und bedingungslos.

    Der Dialog zielt auf eine neue, freie, menschenwürdige Gesellschaft. Wer die Massakrierung des demokratischen Kommunismus in der ČSSR bejaht, verneint jenes gemeinsame Ziel aller Dialogpartner. Wer sich auf die Seite der Panzer stellt, kann nicht Partner des Dialogs sein.

    Dialog, inhaltlich bestimmt als Erzielung einer neuen, freien, menschenwürdigen Gesellschaft, ist mit solchen Leuten unmöglich. Reden würde ich persönlich dennoch mit ihnen — aus der menschlichen Verpflichtung zur verzweifelten Hoffnung, daß irgend etwas hängenbleibt, wo nicht für gleich, so vielleicht für später einmal.

    Reden würde ich zweitens auch mit jenen, die gegen die sowjetischen Panzer sind, wenn man sie unter vier Augen danach fragt, und für die sowjetischen Panzer, wenn man sie öffentlich danach fragt. Das Reiten auf dem hohen moralischen Roß, das unter unseren, freieren Verhältnissen so billig ist, würde ich diesfalls Leuten überlassen, die mit mehr Selbstgewißheit gesalbt sind als ich. Ob ich unter gleich starkem Druck nicht gleichfalls mit zwei Zungen reden würde, weiß ich nämlich nicht.

    Reden würde ich drittens mit jenen, von denen man ohnehin weiß, daß sie gegen die sowjetischen Panzer sind, dies aber nicht lauthals verkünden, weil sie daheimgebliebene Freunde nicht gefährden wollen.

    Diese Unterscheidung zwischen echtem Dialog mit dem Ziel einer humanen Gesellschaft und Dennoch-Reden aus humaner Verpflichtung ändert nichts an der sittlichen Verpflichtung aller Dialogpartner, sich von der terroristischen Variante des Kommunismus klar abzugrenzen. Wer hier schweigt, um den Dialog zu erleichtern, macht ihn so leicht, daß er bedeutungslos wird.

  5. Dialog heißt nicht Scheuklappen, sondern umfassende Kritik: Daher verurteilen wir die amerikanische Aggression in Vietnam so eindeutig und bedingungslos wie die sowjetische Aggression in der ČSSR.

    Was die USA in Vietnam und anderswo tun, mit ein paar „Alliierten“ als Feigenblatt, das tut die Sowjetunion, mit ein paar „Alliierten“ als Feigenblatt, in der ČSSR und würde sie — dies ist ihr Warnsignal — auch anderswo tun, wo in ihrem Herrschaftsbereich sich Freiheit breitzumachen versuchte. Man kann sich darauf verlassen: wo immer Kommunisten unterwegs sind, die Freiheit wollen, sind auch amerikanische und sowjetische Soldaten unterwegs, um ihnen das abzugewöhnen.

    Die Aggression in Vietnam und die Aggression in der ČSSR sind Pfeiler einer unheiligen Allianz gegen den Fortschritt. Das amerikanische und das sowjetische Establishment sind sich darin herzenseinig, daß die Welt in Einflußsphären geteilt ist. Wo es um ihre Einflußsphären geht, pfeifen sie gemeinsam, die einen auf Demokratie, die anderen auf Sozialismus.

  6. Dialog heißt nicht Pauschalierung, sondern Differenzierung: wir unterscheiden zwischen Verurteilung der terroristischen Variante des Kommunismus und pauschalem Antikommunismus. Wir unterscheiden zwischen Verurteilung der gegenwärtigen sowjetischen Führung und Kaltem Krieg. Wir unterscheiden zwischen dem, was die Sowjetunion ist, und dem, was sie sein könnte. Wir unterscheiden zwischen dem bankrotten dogmatischen Kommunismus, der als Argumente nur noch Panzer hat, und dem neuen Denken der kommunistischen Intellektuellen, die bei ihren Völkern und überhaupt in der Welt tiefe Resonanz fanden und in Zukunft desto mehr finden werden.

    Nach dieser Differenzierung lautet die Anklage gegen die Sowjetunion:

    Sowjetische Antikommunisten

    Der Antikommunismus lag auf dem Totenbett. Die derzeitigen sowjetischen Machthaber halfen ihm wieder auf die Beine. Sie verschafften ihm einen Triumph, an den er schon nicht mehr geglaubt hatte. Was der Antikommunismus schon nicht mehr fertiggebracht hätte, besorgten die sowjetischen Oligarchen für ihn.

    Das ist die große Stunde des Antikommunismus: die sowjetischen Panzer rollen wieder.

    Kommunisten — das waren gestern unter anderem auch Menschen, die von Freiheit und Demokratie redeten und denen man dies auch glauben konnte. Heute ist die Welt wieder normal: Kommunisten — das sind Lügner, Wortbrüchige, Aggressoren; Leute, die ihre Genossen zu freundschaftlichen Gesprächen treffen und ein paar Tage später nächtlich überfallen.

    Bürger eines kommunistischen Staates — das waren gestern unter anderem auch Menschen, die Meinungs- und Redefreiheit hatten, unzensurierte Zeitungen lasen, sich leidenschaftlich für Politik interessierten und daran aktiv teilnahmen. Heute ist die Welt wieder normal: Bürger eines kommunistischen Staates sind Unterdrückte, deren Haß auf ihre Unterdrücker nur noch überboten wird von ihrer Verachtung für sie.

    Die derzeitige Führung der Sowjetunion und der Antikommunismus sind sich darin einig, daß Kommunismus und Freiheit unvereinbar sind und bleiben müssen. Das sowjetische Establishment und der Antikommunismus ignorierten gemeinsam die welthistorische Hoffnung auf einen demokratischen Kommunismus, die in der ČSSR entzündet worden war. Es war eine Hoffnung für alle Menschen guten Willens. Die sowjetischen Panzer haben diese Hoffnung vorerst niedergewalzt.

    Mit Empörung und Beschämung vermerken dies gerade die Freunde der Sowjetunion. Die welthistorische Ausstrahlung der Oktoberrevolution; die großartigen Aufbauleistungen des sowjetischen Volkes; sein Heldentum im Krieg gegen Hitler; die Bedeutung der Sowjetunion als Friedensmacht — das alles wird durch die Aggressionspolitik der gegenwärtigen sowjetischen Machthaber verdunkelt. Unter ihrer Führung ist die Sowjetunion die erfolgreichste antisowjetische Macht der Welt.

    Diesen Widerspruch zu beseitigen kann nur das Werk des sowjetischen Volkes selbst sein.

    Die Völker werden auf die Dauer stärker sein als ihre Machthaber. Das neue Denken wird auf die Dauer stärker sein als der terroristische Dogmatismus.

    Erfolg auf lange Sicht

  7. Dialog heißt Blick in die Zukunft: Auf kurze Frist haben die Panzer dem Dialog eine Niederlage bereitet, auf lange Frist bereiten sie seinen desto größeren Erfolg vor.

    Das sind die Voraussetzungen des künftigen Erfolges:

    1. Mit Panzern kann man keinen Dialog führen, aber sie sprechen für sich selbst. Sie verkünden den Bankrott des alten Kommunismus. Dieser hatte immer seine scheußlich terroristischen Seiten. Aber er hatte auch geistige Ausstrahlung; zu Lenins Zeiten war sie gewaltig, zu Stalins Zeiten immer noch vorhanden. Das ist jetzt aus. Der alte Kommunismus ist tot. Er wurde in den Straßen von Prag umgebracht.

      Wir weinen ihm keine Träne nach. Er war der bornierteste Dialoggegner.

    2. Die Panzer hindern die Menschen am Reden, aber sie fördern ihr Denken. Überall im Weltkommunismus denkt es. Innerhalb der Schußweite der Panzer denkt es leise, außerhalb der Schußweite denkt es laut. Innerhalb der Schußweite der Panzer fällt man heimlich von Moskau ab, außerhalb der Schußweite offen. Die irreparable Spaltung ist da: auf der einen Seite die große Mehrzahl der Kommunisten, in West wie Ost, einschließlich der meisten westlichen Parteiführungen; auf der anderen Seite das Moskauer Establishment. Unter seiner Führung ist die Sowjetunion in eine Isolierung geraten, als wäre sie das Zarenreich des vergangenen Jahrhunderts.

      Damit aber wird die These, die sowjetischen Panzer seien identisch mit dem Kommunismus, immer hinfälliger, je stärker der neue Kommunismus wird. Der Antikommunismus kann nicht mehr sagen: Aller Kommunismus ist von Moskau kommandiert und des Teufels — sondern bald nur noch: Der Kommunismus will die bestehende Gesellschaft verändern. Das ist auf die Dauer keine Abschreckung, sondern eine Empfehlung.

      Das aber heißt: Der Antikommunismus, vom Moskauer Establishment hilfreich vom Totenbett emporgeholt, gelangt nicht zur Genesung, sondern nur zur Euphorie. Er wird sich bald wieder auf sein Totenbett legen müssen. Sobald der alte Kommunismus tot ist, kann der Antikommunismus nicht lange leben.

      Wir weinen ihm keine Träne nach. Er war ein ebenso bornierter Dialoggegner wie der alte Kommunismus.

    3. Dem gemeinsamen Tod von altem Kommunismus und Antikommunismus stehen als lebenskräftige Bewegungen gegenüber:
      1. Der neue Kommunismus in der ČSSR ist die führende Kraft im Widerstand gegen die sowjetische Okkupation. Das wird ihn stärker machen als je zuvor.
      2. In der Sowjetunion und in den von ihr unterdrückten Ländern, desgleichen in Rumänien und Jugoslawien, haben die antidogmatischen, neokommunistischen Kräfte bittere, reichhaltige Nahrung bekommen. Ungezählte Intellektuelle in diesen Ländern denken wie ihre tschechoslowakischen Kollegen.
      3. Für die revolutionären Kräfte der Dritten Welt ist der sowjetische Dogmatismus endgültig als reaktionär demaskiert.
      4. Die bereits stark neokommunistisch infizierten kommunistischen Parteien des Westens werden zur klaren Trennung vom terroristischen Dogmatismus der Sowjetunion getrieben. Bei Strafe des Untergangs müssen sie sich in Richtung Freiheit und Demokratie entscheiden.
      5. Die Junge Linke in West wie Ost zieht nicht nur Kapitalismus und Sozialdemokratie, sondern nun deutlicher als zuvor auch das sowjetisch-kommunistische Establishment vor das Gericht ihrer revolutionären Kritik. Hier liegt die Zukunft des Sozialismus in neuen, reinen Händen.

      Auf kurze Frist ist freilich der Geist gegen Panzer machtlos. Auf lange Frist sind freilich Panzer gegen den Geist machtlos.

      Daher wachsen dem Dialog neue lebenskräftige Partner heran.

  8. Integraler Sozialismus

  9. Das Absterben des alten Kommunismus, das Aufsteigen neuer linker Kräfte bedeutet eine neue Phase des Dialogs.

    Die sowjetische Aggression gegen die ČSSR hat die bisherigen Partner des Dialogs nur noch enger zusammengeschlossen. Unbeschadet ihrer weltanschaulichen Verschiedenheit wollen sie, konfrontiert mit dieser Aggression, nun erst recht eine neue, bessere Welt. In dieser Hinsicht sind die Differenzen zwischen ihnen weniger tief als die Kluft des Abscheues, die sie gemeinsam von der terroristischen Variante des sowjetischen Kommunismus trennt. Die neue Gemeinsamkeit treibt sie vom bloßen Dialog vorwärts zur Aktion, d.h. zur Arbeit an einer gemeinsamen Theorie und Praxis für eine freie Gesellschaft der Zukunft. Am Horizont dieses neuen Dialogs und dieser neuen Kooperation dämmert der Zusammenschluß der progressiven Linken, ein integraler Sozialismus, in dem demokratischer Sozialismus, demokratischer Kommunismus und radikale christliche Sozialreform, aber auch die Junge Linke und die revolutionären Bewegungen der Dritten Welt ihren gleichberechtigten Platz haben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1968
, Seite 513
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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