FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 185
Rudi Panse • Fritz Pietzka • Hermann Stockenbojer

Kommunistische Ehrenrettung

Zur Absetzung Dubčeks

An das
Politbüro der KPÖ
Höchstädtplatz 3
Wien
z.Hd. Franz Muhri

Wir haben mit der Absetzung Dubčeks in den letzten Tagen einen weiteren Höhepunkt der Entwicklung in der ČSSR erlebt. Voll Sorge und Bitterkeit verfolgen wir die schrittweise Vollendung jenes Werkes, welches am 21. August 1968 begonnen hatte.

Voll Freude und Hoffnung blickten nicht nur wir Kommunisten nach dem Jänner des Vorjahres auf das Beispiel eines Sozialismus, welcher unseren Vorstellungen von einer sozialistischen Zukunft so nahe kam.

Nun wird das böse Werk fortgesetzt. Die kapitalistische Welt kann triumphieren, die Herren des Monopolkapitals — samt getreuer Dienerschaft — sind froh, vielleicht auch dankbar, die Riesengefahr, welche von diesem Beispiel kam, für sie beseitigt zu sehen.

Die derzeitige Führung der SU kann den traurigen Ruhm für sich beanspruchen, der kommunistischen Weltbewegung, der sozialistischen Idee, den demokratischen und fortschrittlichen Kräften und dem Ansehen der Sowjetunion einen Tiefschlag versetzt zu haben!

Im Lichte der jüngsten Entwicklung nochmals betrachtet, können wir dem Standpunkt nicht zustimmen, den die entscheidende Führungsspitze unserer Partei einnimmt, der am klarsten im Kommuniqué der Besprechungen zwishen KPÖ und KPdSU knapp vor unserem Parteitag ausgedrückt wurde, wo es heißt, daß die Vereinbarungen zwischen der ČSSR und der SU, welche nach der Besetzung getroffen wurden, die Grundlage für den weiteren Aufschwung des Sozialismus und der Demokratisierung darstellen.

Wie ein Hohn klingt diese Erklärung angesichts der Entwicklung in der ČSSR. Kann man dazu schweigen?

Wir haben mit Recht stets gesagt, daß sich jedermann moralisch mitschuldig macht, der zum schmutzigen Krieg in Vietnam schweigt. Und wir sagen: Jeder Kommunist macht sich mitschuldig, wenn er dazu schweigt, daß solche Grundsätze und Ziele, wie es die Freiheit und Souveränität der Völker sind, mit den Füßen getreten werden!

Welche Welt wollen wir so erbauen? Was sind wir besser, wenn wir im Namen des Marxismus-Leninismus gegenseitig auf uns schießen, uns gegenseitig besetzen, verhaften, verhöhnen und belügen?!

Wir sind es nicht wert, Kommunisten genannt zu werden, wenn wir mit unserem Schweigen Unrecht dulden und fördern! Wir sind nicht wert, uns österreichische Kommunisten zu nennen, wenn wir nicht den Mut haben, unserem österreichischen Volk zu bekennen, was da im Namen der Sache verbrochen wird!

Früher einmal wurde im Namen Gottes Gewalt geübt, Völker vergewaltigt — jetzt geschieht das auch in unserem Namen!

Was glaubt Ihr denn, wer für unsere Ziele gewonnen werden soll, wenn das unser wahres Gesicht ist? Wir jedenfalls sind fest davon überzeugt, daß es eine sozialistische Zukunft gibt, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz für die Menschen und mit den Menschen.

Für einen solchen, wahren Sozialismus kann man nur wirken, wenn man die Wahrheit auf seiner Seite hat!

Wır fordern das Politische Büro der KPÖ auf, öffentlich die Entwicklung in der ČSSR zu bedauern, den sofortigen Abzug der Besatzungstruppen und die volle Handlungsfreiheit für die KPČ und für die verfassungsmäßigen Organe der ČSSR zu verlangen — im Interesse des Friedens und der Freundschaft der Völker, zur Rettung der Ehre der Kommunisten!

Wir werden diese unsere Meinung in aller Öffentlichkeit vertreten.

Für eine Gruppe von Kommunisten:
Hermann Stockenbojer
Rudi Panse
Fritz Pietzka [1]

[1Obmann der KPÖ-Organisation Klagenfurt; demissionierte nach dem jüngsten KPÖ-Parteitag. — Anm.d.Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1969
, Seite 350
Autor/inn/en:

Hermann Stockenbojer:

Rudi Panse:

Fritz Pietzka:

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