FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 267
focus-Kollektiv

Klassenverrat und Arbeiteraristokratie

Die Geschichte der Sozialpartnerschaft am Beispiel Schweiz

Nicht daß der Hungernde stiehlt oder daß der Ausgebeutete streikt ist zu erklären, sondern warum die Mehrheit der Hungernden nicht stiehlt und die Mehrheit der Ausgebeuteten nicht streikt.

Wilhelm Reich; Massenpsychologie des Faschismus, 1933

Der dreißigjährige Friede

Seit Jahrzehnten ist die Schweiz ein Industrieland ohne Streiks. Während beispielsweise zwischen 1967 und 1971 in Italien 29,6 Prozent der Beschäftigten streikten, in Frankreich 17 Prozent, in Großbritannien 6,1 Prozent, in den USA 4 Prozent, in der BRD immerhin 0,7 Prozent und in Schweden 0,6 Prozent, waren es in der Schweiz 0,03 Prozent. [*] Nimmt man die Streikhäufigkeit als einen — wenn auch groben — Indikator für den Grad der Integration der Arbeiter in das kapitalistische System, dann verraten diese Zahlen für die Schweiz ein Höchstmaß an Integration.

Sicherlich ist die Schweiz kein Sonderfall — vielmehr ein Paradebeispiel für eine epochale Entwicklung. Hier tritt nur in der extremsten Form eine Tendenz auf, die in allen hochindustrialisierten Ländern mehr oder weniger stark dominiert. Welche institutionellen und ökonomischen Mechanismen konnten in der Schweiz einen mehr als dreißigjährigen Arbeitsfrieden garantieren? Stimmt die Parole: „Wer hat uns verraten — die Sozialdemokraten?“ Kann man die Verantwortung für die Entwaffnung der Arbeiterklasse auf einige „gekaufte“ Funktionäre abwälzen? Oder müßte man nicht doch nach tiefer liegenden Ursachen suchen? Gerade am Beispiel der Schweiz kann man die Stabilisierung des Status quo zwischen Kapital und Arbeiterschaft sehr gut studieren.

Am 19. Juli 1937 unterschrieb Konrad Ilg, Präsident des Schweizerischen Uhren- und Metallarbeiterverbandes, eine „Vereinbarung“ mit dem Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metall-Industrien. Der zentrale Punkt in dieser Übereinkunft war die Verpflichtung beider Seiten, „wichtige Meinungsverschiedenheiten und allfällige Streitigkeiten nach Treu und Glauben gegenseitig abzuklären ... und für ihre ganze Dauer unbedingt den Frieden zu wahren. Infolgedessen gilt jegliche Kampfmaßnahme, wie Sperre, Streik oder Aussperrung, als ausgeschlossen, dies auch bei allfälligen Streitigkeiten über Fragen des Arbeitsverhältnisses, die durch die gegenwärtige Vereinbarung nicht berührt werden.“ Dieses Abkommen ging unter dem Titel „Arbeitsfrieden“ in die Geschichte ein und fand je nach politischer Position begeisterte Zustimmung („Verdient Anerkennung ... weil sie ... Gegensätze mit einem starken, menschlich hoch achtbaren Willen zum Ausgleich zu bringen sucht“: Neue Zürcher Zeitung) oder erbitterte Kritik („Schandfleck für die sozialistische Arbeiterschaft“: Freiheit, Organ der Kommunistischen Partei der Schweiz).

Dieser absolute Friedensvertrag zwischen der größten Gewerkschaft des Landes und dem mächtigsten Branchenverband der Unternehmer war auch für die Schweiz damals etwas Neues. Wohl hatte es früher schon Verträge zwischen Gewerkschaften und Unternehmern gegeben, doch befaßten sich diese jeweils mit konkreten Fragen (Lohn, Arbeitszeit, Urlaub usw.). Im „Friedensvertrag“ von 1937 aber werden keinerlei materielle Streitpunkte geregelt. Ähnlich einer Staatsverfassung beschränkte er sich auf die verbindliche Festlegung von Verfahrensfragen und Regelungsmechanismen bei allfälligen Meinungsverschiedenheiten — die juristische Fixierung der Sozialpartnerschaft.

Sämtliche mögliche Konflikte zwischen Unternehmern und Arbeitern werden einem vierstufigen Schlichtungsverfahren untergeordnet: Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten sind zuerst durch Verhandlungen innerhalb des Betriebs zu lösen. Als zweite Instanz treten die Verbände — Gewerkschaft und Unternehmerverband — in Aktion. Können sie sich nicht einigen, müssen sie eine Schlichtungsstelle anrufen. Letzte Instanz ist schließlich die Schiedsstelle, deren Urteil verpflichtend ist. Als Garantie für die Einhaltung der Vereinbarung und als Kaution für Konventionalstrafen hinterlegten Gewerkschaft und Unternehmerverband bei der Nationalbank je 250.000 Franken.

Dem Vorbild der Uhren- und Metallarbeiter folgten nach und nach auch die anderen Gewerkschaften, zuletzt 1958 die Bau- und Holzarbeiter, traditionell die militanteste Arbeiterorganisation in der Schweiz.

Die Irrtümer des Verbalradikalismus

In einer jüngeren Arbeit über „Sozialpolitische Entwicklungen in der Schweiz“ (W. Wottreng, Zürich 1971) wird Konrad Ilg — der Kontrahent des Friedensvertrages von 1937 — als ein Gewerkschaftler geschildert, „der die Arbeiterschaft zur Schlachtbank führte“, als einer jener „Hirten“, „die dem Kapital die Schafe zuzutreiben haben“. Aber damit wird nur unterstellt, daß die Arbeiter dumm sind. Denn weshalb ließen sie sich sonst von so zweifelhaften Hirten auf die Schlachtbank führen? Diese Fehleinschätzung des Friedensvertrages und seiner Motive ist alt. Sie hat bei den Linken eine Tradition, die bis zum Zeitpunkt des Abkommens zurückreicht. Dies zeigt sich in der Berichterstattung der damaligen kommunistischen Tageszeitung Freiheit über das soziale Klima und die Auseinandersetzungen rund um den Friedensvertrag.

Ein erster, direkter Vorläufer des generellen Abkommens für die gesamte Maschinen- und Metallindustrie war eine lokale Vereinbarung zwischen den Zifferblattarbeitern der Uhrenmetropole Biel und den dortigen Fabrikanten, die zur Beendigung eines Streiks geschlossen wurde. Nach dem Ende der großen Krise der dreißiger Jahre versuchten die Uhrenarbeiter — wie schon bei den vorangegangenen Konjunkturaufschwüngen — mit Streiks einen Anteil an den gestiegenen Profiten zu erkämpfen. Einer der damals zahlreichen Lohnstreiks war auch der Ausstand der Bieler Zifferblattarbeiter.

Die Freiheit berichtete im April 1937, daß die Uhrenarbeiter statt dem von den Unternehmern bezahlten Lohn von 1,10 bis 1,40 Franken in der Stunde (Frauen nur 70 Rappen) 1,25 bis 1,50 Franken (Frauen 1,— Franken) verlangten. Weiters forderte die Gewerkschaft die Beseitigung der Unterschiede bei den Akkordansätzen für Männer und Frauen. Am 13. Mai heißt es in der KP-Tageszeitung, daß sich die Lage „zugespitzt und verschärft“ hat und die „Kampfstimmung ... so gut wie am ersten Tag“ ist. 15 Tage später übernimmt die Freiheit eine Agenturmeldung über das Ende des Streiks. Am nächsten Tag spricht sie von einem „Erfolg der Bieler Zifferblattarbeiter“: „Erhobenen Hauptes, als Sieger gehen die Zifferblattarbeiter wieder in ihre Betriebe zurück ... Es wird Herrn Ilg nicht gelingen, unter irgendeinem Vorwand die Entschlossenheit der Belegschaft zu brechen.“

Aber der „Sieg“ (20 Prozent Lohnerhöhung) war mit dem ersten Schweizer Friedensabkommen erkauft worden! In einem Landesvertrag hatte die Gewerkschaft mit den Uhrenindustriellen vereinbart, ein Schiedsgericht zu bestellen, das in Arbeitskonflikten entscheiden sollte. Ein Gerichtspräsident von La Chaux-de-Fonds und zwei bernische Oberrichter würden künftig jene Entscheidungen fällen, die sich bisher die Uhrenarbeiter durch Streiks erkämpft hatten. Die Kommunistische Partei der Schweiz hatte diesen „Nebenaspekt““ des Bieler „Sieges“ glatt ignoriert.

Um die Haltung der Bieler Uhrenarbeiter 1937 zu verstehen, muß man auf die zwanziger Jahre zurückgehen. Damals gab es in der Uhrenindustrie starke periodische Absatzschwankungen, die mit heftigen Preiskämpfen verbunden waren. Um sich in solchen Krisen über Wasser halten zu können, verlegten sich die Unternehmer zum Teil auf den Export der Uhrenbestandteile, die dann im Ausland bei einem niedrigeren Lohnniveau Zusammengesetzt wurden — die typische Multi-Strategie! Auf diese Weise erlernten ausländische Arbeiter den Uhrmacherberuf, was die Schweizer Monopolstellung auf dem Weltmarkt (Weltmarktanteil der Schweizer Uhrenindustrie damals bedeutend über 50 Prozent) aushöhlte.

Diese Gefährdung der Schweizer Monopolstellung widersprach sowohl den langfristigen Interessen der Gesamtheit der Uhrenfabrikanten als auch den kurzfristigen Interessen der Uhrenarbeiter: deren im internationalen Vergleich relativ hohe Löhne waren bedroht. Um Preiskämpfe und Bestandteilexport zu verhindern, wurde zwischen 1926 und 1932 die gesamte Schweizer Uhrenproduktion in einer großen Finanzholding zusammengefaßt. Der Staat unterstützte diesen Zusammenschluß durch Aktienkauf, Subventionen und ein Uhrenkartellgesetz, mit dem die Erweiterung bestehender und die Eröffnung neuer Unternehmungen sowie die Ausfuhr von Uhrenbestandteilen verboten wurde.

Die Gewerkschaft der Uhrenarbeiter, der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV), unterstützte diese Politik. Der SMUV war bereit, auf der Basis rein kapitalistischer Sanierungsmaßnahmen mit den Unternehmern zusammenzuarbeiten, um die nationalen Privilegien der Arbeiter zu retten. Die Sozialdemokraten stimmten im Nationalrat ohne Ausnahme für die staatliche Hilfe und die protektionistischen Gesetze. Der sozialdemokratische Nationalrat Graber erklärte in der Debatte nach einigen rhetorischen Bedenken: „Wir werden gleichwohl die Super-Holdinggesellschaft unterstützen, weil wir in unserer Wahl zwischen ihr und einer zerstörerischen Anarchie nicht zögern können.“

Nur der kommunistische Basler Vorwärts wandte sich gegen die Kollaboration mit dem Kapital: „Die Arbeiter ... dürfen ihre Interessen nicht in die Hand einer kapitalistischen Unternehmerorganisation legen.“ Und bloß die drei kommunistischen Nationalräte (von insgesamt 187) stimmten gegen die Staatskredite. Die Unternehmer und der bürgerliche Staat belohnten die „konstruktive“, ebenso sozialpartnerschaftliche wie nationalistische Haltung der Sozialdemokratie und beriefen zwei „Vertreter“ der Arbeiter in den Verwaltungsrat der Holding, darunter den SMUV-Sekretär für die Uhrenindustrie. Dieser — für Schweizer Verhältnisse höchst unübliche — Brauch wurde auch in der Folge beibehalten.

Entgegen der Einschätzung durch die KP — wie sie in den damaligen Zeitungen zum Ausdruck kommt — war die Haupttendenz in der Uhrenindustrie nicht auf Streik und Klassenkampf gerichtet, sondern auf eine chauvinistische Bündnispolitik zwischen Unternehmern und Arbeitern zwecks Eroberung und Verteidigung von Auslandsmärkten.

Ein Streik und seine Konsequenzen

Aufgemerkt haben die Kommunistische Partei und die Linke innerhalb von Sozialdemokratie wie Gewerkschaft erst beim zweiten Abkommen, das vom SMUV mit einem großen Propagandafeldzug begleitet wurde. Der Bieler Streik gab das Startsignal einer Lohnbewegung, die auch die Sulzer-Arbeiter in Winterthur erfaßte. Sulzer war damals das bedeutendste Unternehmen der Maschinenindustrie. Noch heute ist es, gemessen am Umsatz der inländischen Betriebe und Tochtergesellschaften, das zweitgrößte Industrieunternehmen überhaupt und das größte der Maschinen- und Metallbranche (vor BBC). In seinem Produktionsprogramm figurierten Dampfkraftanlagen, Dieselmotoren, Lokomotiven, Kältemaschinen, Pumpanlagen und Webmaschinen, damals alles technologische Spitzenprodukte, die den strukturellen Bedingungen der Schweiz bestens entsprachen. Da nämlich die Schweiz an Rohstoffen arm ist, bleibt sie nur mit „Spezialitäten“ konkurrenzfähig, die sich durch einen hohen Arbeitsanteil und einen relativ kleinen Rohstoffanteil am Produktwert auszeichnen. Das gilt vor allem für technologisch hochstehende Investitionsgüter mit kleinen Serien.

Sulzer war aber auch in anderer Hinsicht repräsentativ für die sozialen Verhältnisse in der Schweizer Industrie. Der Betrieb liegt in einer ländlichen Kleinstadt. Die Arbeiter wohnten zu einem großen Teil in eigenen Häusern, oft in den umliegenden Landgemeinden, vermischt mit Handwerkern und Bauern; viele betrieben nebenbei selber noch Landwirtschaft. Eine das Klassenbewußtsein fördernde Ghettobildung fand also nicht statt. Das Unternehmen förderte bewußt die zerstreuten, ländlichen Wohnformen, indem es für die Arbeiter landwirtschaftliche Kleinheimwesen erstellte und ihnen mit Krediten deren Erwerb ermöglichte. Sulzer ist auch — trotz der Rechtsform einer Aktiengesellschaft seit 1914 — ein typischer Familienbetrieb. Die Familie Sulzer ist bis heute in der Geschäftsleitung federführend geblieben. Dieser Sachverhalt wurde auch von der Freiheit erkannt: „Der Betrieb Sulzer hat viele Stammarbeiter, die jahrzehntelang um ihre Pension schaffen. Sulzer ist diejenige Firma, wo die persönlichen Bindungen (Darlehen, Fabrikwohnungen etc.) noch in bedeutendem Maße vorhanden sind.“

Der Lohnkampf bei Sulzer spielte sich also in einem strukturell typisch Schweizer Rahmen ab, hatte aber wegen der Größe des Unternehmens auch eine landesweite Signalwirkung. Dementsprechend wurde er von den Unternehmern wie von den Gewerkschaften und den Arbeiterparteien verfolgt und eingeschätzt. „2.200 Betriebsarbeiter fordern Lohnerhöhungen“, berichtete die Freiheit. „Eine mächtige Betriebsversammlung. Ilg erhält eine Abfuhr, heute Urabstimmung.“

Die Urabstimmung fand statt. Für den Streikbeschluß (erforderliche Mehrheit drei Viertel der Belegschaft) fehlten zwölf Stimmen. Trotzdem entstand in einer Gewerkschaftsversammlung am folgenden Tag ein Ultimatum an die Geschäftsleitung: Bei Ablehnung der Lohnforderungen „wird kommenden Montag der Betrieb stillgelegt“. Nach dem Bericht der Freiheit herrschte in der Versammlung „eine glänzende Stimmung“. Doch mit einer glänzenden Stimmung läßt sich noch keine Politik machen. Das mußten die Streikenden bald zur Kenntnis nehmen. Am Montag konnte nämlich die Freiheit nicht über einen Streik, sondern lediglich über eine weitere Betriebsversammlung berichten. Bei dieser waren auch die Direktoren von Sulzer anwesend. Anscheinend genügte die Präsenz dieser Herren, um eine „glänzende Stimmung“ nicht mehr aufkommen zu lassen. Nach einer neuerlichen Abstimmung wurde der Streik abgeblasen. Die Freiheit erklärte: „Die Anwesenheit der mächtigen Direktoren, die mit einem Federstrich den einzelnen Arbeiter entlassen, hat das Schweigen und den zaghaften Entscheid der Arbeiter hervorgerufen.“ Die Freiheit kommentierte diesen Rückzug: „Dieser Entscheid ist nicht gut und schwächt die Position der Gewerkschaft. Die Organisationsverhältnisse im Betrieb Sulzer sind nicht mehr die gefestigten von früher.“

Aber eine Arbeiterklasse, die schon beim bloßen Anblick ihrer Unterdrücker den Mut verliert, kann gar nicht gefestigt gewesen sein! Die Zeit für große Kämpfe war einfach — im Gegensatz zur Einschätzung der KP — noch nicht gekommen. Wie sehr sich die KP über die allgemeine Lage irrte, bewies das zwei Wochen später unterschriebene Friedensabkommen Konrad Ilgs mit den Unternehmern. Wenn auch die Verhandlungen zwischen dem SMUV und den Industriellen bereits seit einigen Wochen liefen, so bildeten doch der Lohnkampf und die Kapitulation bei Sulzer den adäquaten Rahmen für den festlichen Abschluß dieser Verhandlungen.

Auf zum letzten Gefecht!

Trotz der Niederlage bei Sulzer bewahrte sich die KP ihre Illusionen über den Kampfgeist der Arbeiterklasse. Sie konnte den Friedensvertrag nur als einen Akt des Verrats durch die Gewerkschaftsbürokratie verstehen. Die Freiheit nannte den Friedensvertrag „ein widerwärtiges Überrumplungsmanöver der Ilg und Konsorten“, die „hinter dem Rücken der Mitglieder das Abkommen geschlossen hätten“. Entsprechend irreführend war auch die Einschätzung der Haltung der Arbeiter: „Die Metallarbeiter können und werden dieses Abkommen niemals gutheißen.“ Die KP schlug folgende Strategie vor: „Die Zentrale des SMUV muß nun durch den größten Proteststurm gezwungen werden, den Verbandstag, der bis heute umgangen wurde, einzuberufen. Unter eindeutiger Wahrung der gewerkschaftlichen Demokratie muß dieser Verbandstag vorbereitet und durchgeführt werden. An demselben gilt es, zu dieser Schandtat Ilgs Stellung zu nehmen, Abrechnung zu halten, in dem Sinne, daß dieses Abkommen abgelehnt und die längst fällige Änderung in der Leitung des SMUV erfolgt.“

Allerdings gab es unter Teilen der Arbeiterschaft einigen Unwillen. Die Freiheit konnte Stimmen aus SMUV-Versammlungen und aus anderen Gewerkschaften zitieren, die sich abfällig über den Friedensvertrag äußerten. Sogar Konrad Ilg mußte zugeben, daß er gegen die Stimmung der Arbeiter gehandelt hatte: „Es haben natürlich viele mit Genugtuung — selbstverständlich vorab die Kommunisten, aber auch Parteimitglieder — vernommen, daß Ilg in der Betriebsversammlung bei Sulzer ausgepfiffen wurde. Das Risiko, ausgepfiffen zu werden, mußte ich zum Voraus in Kauf nehmen; weder ich noch Genosse Arthur Steiner noch ein anderes Mitglied des Zentralvorstandes waren in der Lage, der Masse zu Gefallen zu reden. Ich habe heute morgen schon erklärt, daß ich mich in solchen Fällen der Masse, komme, was wolle, nicht um Haaresbreite beugen werde ... Hätte ich fest vom Leder gezogen und zugunsten des Streiks gesprochen, so hätte das sehr wahrscheinlich einen Beifallsturm zur Folge gehabt ... Ich gebe zu, daß, wenn wir so gehandelt hätten, wie dies von vielen verlangt wurde, hätten wir einige hundert neue Mitglieder gewinnen können.“

Ilg hatte also eine klare Vorstellung von einer langfristigen Strategie, die er auch gegen die Opposition der „Basis“ durchzuboxen bereit war. Das kann man von der anderen Seite nicht behaupten. Denn die „Metallarbeitermassen“, von denen die Freiheit gesprochen hatte, waren in den folgenden Wochen nicht für eine kontinuierliche Gegenpolitik zu mobilisieren. Sogar in der Zürcher Delegiertenversammlung — einer vergleichsweise linken Sektion — gab es Niederlagen für die Gegner des Abkommens. Die KP klagte über die „gerissene Taktik der Bürokratie“ und über die bezeichnende Tatsache, daß „bedauerlicherweise der größere Teil der Delegierten in ihrer Mißstimmung zu Hause geblieben“ sei. Aber war nicht Ilgs Politik des Arbeitsfriedens gerade richtig für eine Gewerkschaft, deren radikalste Mitglieder in der Stunde der Wahrheit hinter dem Ofen sitzen?

Bei dem Verbandstag der SMUV — auf den die Freiheit ihre Hoffnungen gesetzt hatte — fiel die Abstimmung über den Friedensvertrag eindeutig aus: er wurde mit 218 gegen drei Stimmen gebilligt. Nach dem sozialdemokratischen Volksrecht stellte dies „einen wuchtigen und eindrucksvollen Vertrauensbeweis für die Maßnahmen des Zentralvorstandes dar“. Und was sagte die KP dazu? Die Freiheit schwieg und verzichtete auf jede Berichterstattung!

Imperialismus und Arbeiteraristokratie

Wieso war es den Linken nicht möglich, innerhalb der SMUV eine Opposition gegen die Politik Konrad Ilgs aufzubauen? Die Integration der Arbeiter ist keineswegs ein Phänomen erst des Spätkapitalismus. Schon 1858 schrieb Friedrich Engels an Marx, daß „das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.“ Noch deutlicher sprach sich Engels 1882 in einem Brief an Kautsky aus: „Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik überhaupt denken ... die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands.“

Lenins bekannte Imperialismus-Theorie knüpft an diese Thesen von Engels an. Im Schweizer Exil während des Ersten Weltkriegs schrieb Lenin die Aufsätze „Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale“ und „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“ sowie das Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Lenin konstatierte: „Der Kapitalismus ist zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und finanzieller Erdrosselung der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll ‚fortgeschrittener‘ Länder geworden.“ Diese Entwicklung habe „jetzt eine Handvoll ... besonders reicher und mächtiger Staaten hervorgebracht, die — durch einfaches Kuponschneiden — die ganze Welt ausplündern ... es ist klar, daß man aus solchem gigantischen Extraprofit ... die Arbeiterführer und die Oberschicht der Arbeiteraristokratie bestechen kann ... Diese Schicht der verbürgerten Arbeiter oder der ‚Arbeiteraristokratie‘, in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche ... Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus.“

Die Entwicklung in der Schweiz ist dafür die Probe aufs Exempel. Auch die Schweiz gehörte schon um 1900 zu jener Handvoll besonders reicher Staaten, die mit Extraprofiten aus den Weltmarktgeschäften ihren Arbeitern einen kleinbürgerlichen Lebensstandard ermöglichten. Auf einigen Sektoren war die Schweiz an die Spitze des technisch-industriellen Wissens getreten und hatte eine monopolähnliche Stellung inne (z.B. Uhrenindustrie, Chemie und Maschinenbau). Auch ohne Kolonialfeldzüge, ohne Flotten und Armeen eroberte die Schweiz als Partner der Großmächte den sich herauskristallisierenden Weltmarkt.

Die Firma Sulzer, deren Arbeiter 1937 den Streikstrategen der KP einen dicken Strich durch die Rechnung machten, hatte schon 1878 an der Weltausstellung in Paris mit einer thermischen Maschine — einem Röhrenkessel — Aufsehen erregt. Er wurde mit einem „Grand Prix“ ausgezeichnet. 1901 und 1903 lieferte die Firma Sulzer aus Winterthur die damals größten Dampfmaschinen nach England — wo ja bekanntlich die Dampfmaschine erfunden worden war. Auch auf dem Gebiet der Dieselmotoren befand sich Sulzer an der Spitze. Die Firma konnte 1906 in einer Ausstellung in Mailand den ersten direkt umsteuerbaren Schiffsdieselmotor vorstellen. 1912 wurde die erste Diesellokomotive der Welt bei Sulzer konstruiert, und in den dreißiger Jahren wurden verschiedene Triebwagen und Lokomotiven nach Südamerika, nach Frankreich und nach Rumänien geliefert.

Von diesen glänzenden Erfolgen merkten die Arbeiter freilich wenig. Die Metallarbeiter verdienten 1936 nur 67,30 Franken (Fach- und Berufsarbeiter) respektive 54,91 Franken (Hilfsarbeiter) in der Woche. Es gab eine 48-Stunden-Woche, aber auch 6.000 arbeitslose SMUV-Mitglieder, ein Resultat der periodischen Krisen im Kapitalismus.

Ganz anders die Bosse. So versteuerte Direktor Dr. Hans Sulzer 1936 ein Einkommen von 185.500 Franken und ein Vermögen von 1.631.500 Franken; sein Mitunternehmer Sulzer-Schmid ein Einkommen von 164.900 Franken und ein Vermögen von 3.091.000 Franken. Diese Werte wurden von den Sulzer-Arbeitern geschaffen! Bei dem Lohnkonflikt im Sulzer-Werk 1937 verlangten die Arbeiter nur eine Erhöhung des Stundenlohnes um fünf Rappen und der Akkordansätze um sieben Prozent. Ihr Taglohn hätte sich dann um einen Franken erhöht — nicht einmal genug, um den Lohnabbau seit 1929 wettzumachen! Dennoch waren die Arbeiter nicht bereit, für diese Forderung zu streiken. Das Motiv: sie wollten ihre Spitzenposition innerhalb der internationalen Arbeiterklasse nicht aufs Spiel setzen.

1929 befand sich der Schweizer Durchschnittslohn im Weltmaßstab an dritter Stelle. 1935 sogar an zweiter Stelle. Lediglich die USA und Deutschland lagen mit den Löhnen um ein weniges vor der Schweiz. 1936, nach der Abwertung des Frankens um 30 Prozent, lag der Schweizer Lohn allerdings nur noch an sechster Stelle (nach den USA, Deutschland, England, Norwegen und Schweden). Aber immer noch befand sich der Schweizer Lohn mittendrin in der Spitzengruppe. Vermutlich geben diese Zahlen nicht die ganze Wahrheit. Denn die qualifizierte Arbeit in kleinen, spezialisierten Fabriken und das Leben in teils halbstädtischen, teils ländlichen Verhältnissen war weitaus angenehmer als die Existenz in den Kohlengruben und Eisenhütten Englands oder des Ruhrgebiets.

Die Schweizer Arbeiter hatten also etwas zu verlieren, als 1937 im Konjunkturaufschwung die Fabrikschlote wieder zu rauchen begannen. In der Uhrenindustrie arbeiteten die Gewerkschaften mit den Unternehmern zusammen, um den Export von Bestandteilen und Maschinen zu verhindern. In der Maschinen- und Metallindustrie kooperierte die Gewerkschaft mit dem Kapital, um nicht durch Streiks den technologischen Vorsprung einzubüßen, auf dem der relative Wohlstand der Arbeiter beruhte.

Stationen des Arbeitsfriedens

Selbstverständlich erfolgte die Verbürgerlichung der Schweizer Arbeiter nicht erst schlagartig 1937 mit dem Friedensvertrag Konrad Ilgs — sie hängt vielmehr mit der Geschichte der Industrialisierung in der Schweiz zusammen. Hier konnte sich das liberale Bürgertum bereits zu einem Zeitpunkt durchsetzen, als Deutschland, Italien und Österreich noch in der Zwangsjacke des konservativen Feudalismus schmachteten. Durch den Sieg im Bürgerkrieg gegen die konservativen Landkantone der Innerschweiz triumphierten die Liberalen um 1847 mit ihrer Idee eines einheitlichen Bundesstaats. In der Bundesverfassung von 1848 wurden die liberal-demokratischen Volksrechte definitiv verankert.

Auch die allmählich entstehende Arbeiterschaft akzeptierte die bürgerlich-demokratischen Spielregeln und gelangte auf diese Weise sogar zu sozialpolitischen Teilerfolgen. Die Autonomie der einzelnen Kantone begünstigte regionale Zersplitterung der Arbeiterschaft. Ein Bericht an den Internationalen Arbeiterkongreß von 1893 in Zürich klagte: „Und wenn auch ... die centralistische Bewegung starke Fortschritte gemacht hat, so sind es doch weite Gebiete des staatlichen Lebens, in denen die Kantone souverän sind (Privatrecht, Strafrecht, Rechtspflege, Schulwesen, Gewerberecht, Steuerwesen). Die Folge ist, daß wir — abgesehen von der socialdemokratischen Partei — keine eidgenössischen Parteien kennen und daß die kleinen und kleinlichen Fragen kantonaler Politik sich vordrängen, die Aufmerksamkeit in starkem Grade absorbieren und daß sie, den Horizont verengend, allen höheren Gesichtspunkten und weiteren Gedanken im Wege stehen. Das macht sich für die proletarische Bewegung insofern geltend, als es keine kleine Mühe kostet, den Anschluß der einzelnen Gruppen und der kantonalen Verbände aneinander zu bewirken und eine von einheitlichen Gedanken geleitete, die ganze Schweiz umfassende Arbeiterorganisation zu schaffen. Einen ähnlichen Effekt bewirkt die Verschiedenheit der drei Landessprachen.“

Aber wichtiger als die politische ist die industrielle Dezentralisierung! Da sich die Schweizer Industrie schon sehr früh auf arbeitsintensive Qualitätsprodukte (Stickereien, Schokolade, Uhren usw.) und Investitionsgüter (Textilmaschinen, Turbinen, Dieselmotoren) spezialisierte, wurde das Bild durch eine arbeitsintensive Einzel- und Serienproduktion gekennzeichnet. Hingegen blieb die eigentliche Grundstoff- und Massenproduktion (deren Arbeiter in anderen Ländern die Speerspitze der Gewerkschaftsbewegung darstellen) in der Schweiz von subalterner Bedeutung.

Folglich bestimmte in der Schweiz nicht der Massenarbeiter, sondern der traditionelle Berufs- und Facharbeiter das Bild der Industrie und die Politik der Gewerkschaften. Berufsständische Vorstellungen herrschten in der Gewerkschaftsbewegung vor: der „Partnerschaftsgedanke“ hatte von vornherein mehr Chancen als in anderen Industrieländern.

Die einzelnen Betriebe sind in der Schweiz im allgemeinen kleiner als etwa in Deutschland. Die Industrie ist weitaus stärker über das Land verstreut als in Frankreich oder England. Nicht selten nahm die industrielle Revolution in der Schweiz gerade von Dörfern ihren Ausgang. So haben auch heute noch viele Großunternehmen ihr Stammhaus in ausgesprochen ländlichen Gebieten. Die Industrie — nicht auf Rohstoffe angewiesen — kam zur Arbeitskraft, nicht die Arbeitskraft zur Industrie. Deshalb kam es während der Industrialisierung nicht in demselben Ausmaß wie in anderen Industrienationen zur Massierung der Arbeiterschaft in Großstädten.

Im Bericht an den Internationalen Arbeiterkongreß in Zürich 1893 heißt es: „Die Bevölkerung der Schweiz ist ziemlich gleichmäßig über das Land verteilt. Nur eine Stadt, nämlich Zürich, zählt 100.000 Einwohner. In Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern wohnt nur etwa ein Sechstel der gesamten Bevölkerung. Dieser Umstand erschwert die Agitation natürlich nicht wenig. Das proletarische Klassenbewußtsein und der revoIutionäre Charakter bilden sich in kleinen Kreisen aus naheliegenden Gründen viel schwerer aus als in großen, auf einem Platz zusammengedrängten Volksmassen.“

Wie die deutsche und französische Sozialdemokratie stimmte 1914 auch die Schweizer SP für die Kriegskredite. Da die Schweiz nur eine wirtschaftliche — keine militärische — Großmacht war, lag die Bedeutung dieses Akts rein auf der ideologischen Ebene. Plötzlich wurde vom „Volksganzen“ gesprochen, die Unternehmer wurden zu Miteidgenossen, und die Proletarier fühlten sich als Staatsbürger. Das Ausland war der Hauptfeind, nicht mehr die internationale Kapitalistenclique! Weil die Schweiz nur wirtschaftliche Schlachten schlug (für militärische Zwecke war die Armee schon damals untauglich), mußten Kapital und Proletariat wirtschaftlich kooperieren. Die Logik des späteren Arbeitsfriedens begann schon 1914 zu wirken.

Konrad Ilg profilierte sich schon damals als ein Repräsentant dieser Politik. Seitdem er 1917 Präsident des SMUV geworden war, bekämpfte er entschlossen jede Opposition gegen den Burgfrieden mit den Unternehmern. In seiner Biographie heißt es: „Der systematischen ‚Minierarbeit‘, die die Einheit und Stärke des Verbandes und damit seine gewerkschaftliche Tätigkeit bedrohte, konnte Konrad Ilg nicht tatenlos zusehen. In jahrelangem Kampf hat er — unterstützt von seinen Kollegen in der Verbandsleitung und in den besonders gefährdeten Sektionen — die klare Abgrenzung vollzogen und den Verband von Elementen gesäubert, die seine gewerkschaftliche Konzeption zu untergraben suchten. Die offene Kontroverse begann im Dezember 1918, als der außerordentliche Kongreß die Bildung von Arbeiterräten als statutenwidrig verbot, und hat — in ihrer eigentlich virulenten Phase — bis über 1930 hinaus gedauert. Spektakuläre Höhepunkte in diesem Ringen waren der Versuch linksextremistischer Kräfte, sich der Leitung der Sektion Zürich, des zahlenmäßig größten Verbandes, zu bemächtigen (1921/1922), ihre Aktionen gegen die Verbandsleitung in Genf (1919 und später) und der in einem wilden Streik gipfelnde Ansturm zur Zerschlagung der Sektion Schaffhausen (1924).“

1928 ergriff Konrad Ilg zum ersten Mal die Initiative zu einem Friedensabkommen. Aber die Unternehmer lehnten damals noch den vom SMUV-Verbandstag unterstützten Vorschlag ab. Sie wollten auf keinen Fall durch einen — für sie noch so günstigen — Vertrag die Gewerkschaften de jure als Repräsentanten der Arbeiter anerkennen.

Aus der ganzen Karriere Ilgs sehen wir, daß die Konspirationstheorien, die den Reformismus aus dem Verrat der Funktionäre erklären, nichts taugen. Spätestens 1918 hatte sich Ilg der Basis ganz klar zu erkennen gegeben. Seit dem Verbandstag von 1928 waren auch seine Ablehnung der Streiks und seine Vorliebe für Verhandlungen um jeden Preis öffentlich bekannt. Wie die aufbrechenden Oppositionstendenzen in Zürich, Schaffhausen und Genf beweisen, existierte durchaus eine Alternative zu Konrad Ilg und seiner reformistischen Politik. Aber die Opponenten konnten sich nicht durchsetzen, weil die Unterstützung durch die Arbeiter zu schwach war.

1934 macht Ilg einen weiteren Schritt in Richtung auf den Friedensvertrag mit dem Kapital. In einem gewerkschaftlichen Aktionsprogramm bekannte man sich zu dem Ziel, unter Wahrung der „Grundsätze der Demokratie“ (lies: unter Wahrung der kapitalistischen Eigentumsordnung) der „Arbeit einen möglichst hohen Anteil am Gesamtertrag sichern“ zu wollen. Die programmatische Forderung nach Vergesellschaftung wurde fallengelassen. Der SMUV-Kongreß von 1937 begründete seine Zustimmung zum Friedensvertrag mit dem Argument: „Das Ideal des Sozialismus ist in die Ferne gerückt und kann in einer Zeitepoche, wo Verrohung, Lüge und Niedertracht in der Gesinnung und den Handlungen der Menschen einen großen Raum einnehmen, nicht verwirklicht werden.“ Diese Resolution wurde einstimmig gebilligt!

Schweizer Geschäfte mit Hitler

Das Dritte Reich warf seinen Schatten schon auf den SMUV-Kongreß von 1937, der das Friedensabkommen mit dem Hinweis auf „die eingetretenen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Ausland“ verteidigte. Spätere Historiker behaupteten sogar, der Friedensvertrag habe einen Sieg des Faschismus in der Schweiz verhindert. In Wahrheit handelte es sich dabei jedoch um die spezifisch Schweizer Variante des Faschismus! Die im Friedensvertrag gegründete „Volksgemeinschaft“ diente bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs den Nazis als Waffenschmiede. Im Gegensatz zur sozialdemokratischen Rechtfertigungsideologie unterstützte das Friedensabkommen eindeutig die deutsche Kriegsführung.

Waffenschmiede des Faschismus

Schweizer Exporte an die kriegsführenden Parteien (in Millionen Franken)

  Deutschland Alliierte
1937 46 78,6
1938 60 83,0
1942 353 13,8
1943 425 17,8

Während 1937 die Exporte in alliierte Länder überwogen (78,6 Millionen Franken gegen 46 Millionen nach Deutschland), sollte sich das bis 1943 gewaltig ändern. Zu diesem Zeitpunkt exportierte die Schweiz für 425 Millionen nach Deutschland und nur mehr für 17,8 Millionen in alliierte Länder. Bei den Exporten nach Deutschland handelte es sich zu einem bedeutenden Teil um strategisch wichtige Güter wie Spezialwerkzeugmaschinen zur Herstellung von Flakzündern. Gerade die Firma Sulzer — wo der Friedensvertrag seinen Anfang genommen hatte — wurde 1943 von den Alliierten auf die „schwarze Liste“ gesetzt, auf die Firmen neutraler Länder kamen, die während des Krieges die Lieferungen militärisch wichtigen Materials nach Deutschland stark ausdehnten.

Die Schweizer Sozialdemokratie bereitete sich auch politisch auf die Kollaboration mit dem Faschismus vor. Am 18. Juli 1940, kurz nach der Niederlage Frankreichs, gab die sozialdemokratische Fraktion in der Bundesversammlung folgende aufschlußreiche Erklärung ab: „Das Schicksal des Landes ist ungewiß. Niemand kennt den kommenden Tag. Gefahren militärischer und politischer Natur, wirtschaftlicher und sozialer Art umgeben uns. Die Voraussetzungen der bisherigen Neutralitätspolitik sind durch die europäischen Ereignisse zerstört. Eine Neuorientierung der Innen- und Außenpolitik drängt sich auf.“

Noch präziser wurde die sozialdemokratische Zeitung Berner Tagwacht am 4. Jänner 1941: „Die Revolution von 1918 ist steckengeblieben, zurückgeschlagen worden. In anderem Sinne haben der Faschismus und der Nationalsozialismus die Dinge wieder ins Rollen gebracht. Beide Bewegungen wachsen über ihre Anfangszwecke hinaus, sind darüber hinausgewachsen. Einst reaktionär, sind sie heute Träger der Revolution.“ Man hatte sich mit den Unternehmern zusammengetan, um die Privilegien einer internationalen Arbeiteraristokratie zu bewahren. Und zum gleichen Zwecke war man auch bereit, mit den Faschisten zusammenzugehen.

In einer Broschüre (K. Hofmaier: „Arbeitsfriede?“, Basel 1937) hatte die KP einige Zeit nach ihrer Niederlage am SMUV-Kongreß nochmals Stellung zum Friedensvertrag genommen: „Das Schicksal des Abkommens hängt nicht von mehr oder minder einstimmiger Zustimmung einer Delegiertenversammlung ab. Es muß sich im Leben selbst bewähren. ... Wenn es sich erweisen sollte, daß der ‚Arbeitsfriede‘ den Metallarbeitern nicht die Erfüllung ihrer gerechten Forderungen bringt, dann ist es ein fauler Friede. Sie werden in diesem Falle ... sich nicht davon abhalten lassen, zur Waffe des Streiks zu greifen.“

Aber die Arbeiter — und noch mehr das Kapital — erlebten 35 Jahre lang einen Boom, der ein vitales Interesse am Klassenkampf nicht mehr entstehen ließ. Nachdem sich die Schweiz am Rüstungsgeschäft des Zweiten Weltkriegs bereichert hatte, stieg sie nach 1945 als einziges Land Europas (außer Schweden) mit intakten Produktionsanlagen in das Wiederaufbau-Geschäft ein. Die Zuwanderung von mehr als einer halben Million Fremdarbeitern verschaffte dem Schweizer Proletariat einen kollektiven beruflichen Aufstieg. Unterdessen verlernten die Arbeiter anscheinend das kollektive Kämpfen, das ihnen von der Gewerkschaft ohnedies verboten wurde. An die Stelle des Klassenkampfs trat der individuelle Kampf um den beruflichen Aufstieg. Für die Unternehmer hatte diese Entwicklung freilich auch negative Seiten: Der verleugnete Widerstand der Arbeiter gegen die kapitalistische Repression äußerte sich in Erscheinungen wie Absentismus, Stehlen und häufiger Stellenwechsel (Fluktuationsrate bis zu 60 Prozent der Beschäftigten im Jahr).

Der Waffenstillstand an der Klassenfront bedeutete jedoch keinesfalls, daß sich der Schweizer Kapitalismus auf seinen Lorbeeren ausgeruht hätte. An anderen Fronten wurden weiterhin große Schlachten geschlagen, fanden fundamentale Umwälzungen statt, die letztlich auch ihre Rückwirkung auf die Schweiz selbst haben werden.

Original des Friedensabkommens der Schweizer Uhrenarbeiter
(Ausschnitt)

Multis zerstören „Arbeitsfrieden“

Um den Anteil am Weltmarkt zu halten, verlegte sich das Schweizer Kapital vom Export ins Ausland auf die Produktion im Ausland. 1940 war Sulzer noch eine Schweizer Fabrik. 1968 produzierten Arbeiter in sechs Ländern für Sulzer. Von den 22.000 Beschäftigten bei Sulzer arbeiteten 8.000 im Ausland. Fabriken in Paris, London, Stuttgart, Johannesburg, Rio de Janeiro, Buenos Aires, Tokio und Bruchsal stellen jetzt einen Teil der Schiffsdieselmotoren, Lokomotiven, Kesselanlagen, Kälteanlagen, Pumpen und Textilmaschinen her, deren Qualität den Schweizer Arbeitern ihren relativen Wohlstand verschafft hatte.

Bei anderen Unternehmen ist die Tendenz zur Internationalisierung schon viel weiter fortgeschritten. Die sieben Großkonzerne Nestlé, Hoffmann-La Roche, Ciba, Geigy, Sandoz, Brown Boveri und Alusuisse beschäftigten Ende 1968 insgesamt 300.000 Personen, davon aber nur ein Sechstel — also 50.000 — in der Schweiz! Diese Firmen haben in den letzten Jahren mehr als die Hälfte ihrer Investitionen im Ausland getätigt. Das Schweizer Auslandskapital hat sich seit 1965 von 17,5 Milliarden Franken auf 38 Milliarden Franken im Jahre 1971 erhöht.

Die Kapitalisten stellen diese Entwicklung als Fortschritt hin. Professor Emil Küng an der Unternehmer-Hochschule St. Gallen: „Die Schweiz erhält damit in zunehmenden Maße den Charakter eines Forschungs-, Administrations- und Konzernzentrums, in dem Kopfarbeit statt Handarbeit geleistet und Kapital aufgebracht wird.“ Wie sieht die Realität aus? Parallel zu diesem Verlagerungstrend ins Ausland läuft eine Welle von Betriebsschließungen, Gesundschrumpfungen und Umstrukturierungen in der Schweizer Industrie an. Für manchen Arbeiter — besonders für die Älteren — bedeutet dieser Prozeß keine Umstellung von der „Handarbeit“ zur „Kopfarbeit“, sondern die Degradierung zu einer niedrigeren und schlechter bezahlten Arbeit.

Auch mit dem von Küng prognostizierten „Forschungszentrum“ Schweiz ist es Essig. Die mächtigsten Konzerne folgen nämlich der Tendenz, ihre Forschung und technische Entwicklung zu zügeln. Überdies wird auch die Forschung ins Ausland verlagert. Bei Ciba wird ungefähr die Hälfte der Forschung in England, den USA und Indien gemacht. Bei Hoffmann-La Roche liegt das Schwergewicht der Forschung in England und den USA. Sandoz forscht in den USA und in Wien. BBC arbeitet in der Reaktorforschung mit Krupp in Deutschland zusammen. Nestlé betreibt mit der Standard Oil in den USA gemeinsame Grundlagenforschung.

Mit der Internationalisierung des Schweizer Kapitals ist auch die Grundlage des Arbeitsfriedens brüchig geworden. 1937 waren die Unternehmer noch auf den guten Willen der Arbeiter angewiesen: heute können die Kapitalisten bei Streiks in der Schweiz die Produktion jederzeit nach den USA, Irland, Indien oder an einen anderen Punkt ihres Imperiums verlagern. Folglich werden die Unternehmer den Schweizer Arbeitsfrieden immer seltener mit relativen Spitzenlöhnen honorieren. Es ist deshalb damit zu rechnen, daß das Kampfverhalten der Schweizer Arbeiterschaft wenigstens europäische Dimensionen annehmen wird. Sogar die Gewerkschaftsführung paßt sich den neuen Umständen ein bißchen an und spricht nur noch von einem „relativen Arbeitsfrieden“ — die generelle Unzufriedenheit der Arbeiter soll als Motor der traditionellen gewerkschaftlichen Forderungen benutzt werden.

Vielleicht geht die Entwicklung auch über diese Position hinweg. Bei neu entstehenden Antagonismen wäre die Allianz von 1937 — Arbeiter und Kapital gegen das Ausland — wahrscheinlich nicht mehr möglich. Um so größer ist andererseits die Gefahr, daß sich ein Wirtschaftsblock der hochindustrialisierten Länder gegen die Dritte Welt bildet und damit eine neue Gestalt der Arbeiteraristokratie gezüchtet wird (man denke an die Haltung der VÖEST-Betriebsräte in Linz gegenüber dem Südafrika-Projekt, das sich inzwischen als Reinfall entpuppt hat). Die Linke muß heute neue, über das Ökonomische hinausweisende Strategien entwerfen, wenn sie nicht von der Entwicklung genauso überfahren werden soll wie die Schweizer KP in den dreißiger Jahren.

Die Abbildungen in diesem Artikel stammen aus dem Buch

  • Schweizerische Arbeiterbewegung
    Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart
    Limmat-Verlag, Zürich 1975, 411 Seiten, öS 200,20, DM/stfr 26

Dieses erste kritische Buch über die Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung hat bereits eine eigene Geschichte. Von drei Dutzend Zürcher Studenten im Zusammenhang mit einer Dokumentarausstellung erarbeitet, wurde das Manuskript 1974 — trotz anfänglichen Zusagen — nacheinander vom Huber-Verlag/Frauenfeld und vom Suhrkamp-Verlag/Zürich abgelehnt, wobei Interventionen von Schweizer Professoren und Industriellen eine Rolle spielten. Schließlich gelang es dem linken Limmat-Verlag, den kleinlichen Boykott des Schweizer Medienkapitals zu durchbrechen.

[*In Österreich streikten 1967-1971 durchschnittlich ein viertel Prozent (0,27%) der Beschäftigten. -Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1976
, Seite 51
Autor/inn/en:

focus-Kollektiv: Das focus-Kollektiv macht das gleichnamige linke Monatsmagazin in der Schweiz.

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