FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » Heft 173
Ernst Fischer
Glossen zur Zeit

Keine Romantiker in Prag

In den immer noch finsteren Zeiten, in denen wir leben, ist Prag der Schimmer einer großen Hoffnung.

Ebenso tapfre wie besonnene Kommunisten sind am Werk, Irrtümer der Vergangenheit aufzudecken, Verbrechen gutzumachen, das Modell einer modernen, demokratischen, sozialistischen, Gesellschaft zu entwerfen, wobei Entwurf und Praxis ineinandergreifen. Wenn das wohlerwogene Wagnis gelingt, wird dies kein lokales, sondern ein geschichtliches Ereignis sein. Ein Kommunismus, der Gemeineigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln mit Freiheit und Humanität vereinigt, kann weithin Anziehungskraft gewinnen.

Die Neue Linke in der kapitalistischen Industrie-Gesellschaft sucht in der Ferne, was sie in der Nähe vermißt: revolutionäre Dynamik. Dieser Aufbruch ins Exotische ist nicht selten Flucht vor den daheim zu lösenden gesellschaftlichen Problemen. Vietnam, Brandmal der USA, hat Massen bisher unpolitischer Menschen im Westen aufgerüttelt, aber ein zweites, drittes Vietnam ist keine für Europa akzeptable Perspektive. Die im Wohlstandselend verzweifelnden jungen Menschen wünschen keinen gemäßigten Fortschritt im Rahmen der bestehenden Gesetze, sondern radikale Änderungen; sie wünschen Freiheit. Wenn die radikale Erneuerung in der Tschechoslowakei gelingt, wird in nächster Nähe entstehen, wonach sie in die Ferne schweifen: eine in Freiheit sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft.

Dies ist seit Jahren das Ziel einer geistigen Avantgarde in der Tschechoslowakei, einer Kampfgemeinschaft überzeugter Kommunisten; dies ist hervorzuheben, weil aus Unkenntnis oder übler Absicht immer wieder verbreitet wird, es handle sich um eine antikommunistische Revolte. Im Aufbringen solcher Gerüchte gibt es ein Zusammenwirken professioneller Antikommunisten im Westen mit den Schuldigen an der Deformation der sozialistischen Idee.

Diese entdecken plötzlich das Proletariat und sprechen von einem Putsch der Intellektuellen gegen die Arbeiter. Die Methode ist nicht neu: wenn Herrschende gefährdet sind, appellieren sie an den Antiintellektualismus und den mit ihm verschwisterten Antisemitismus. Es ist anzunehmen, daß die Arbeiter in der Tschechoslowakei auf diese in Schanden ergraute Demagogie nicht hereinfallen; sie sind intelligent, hellhörig, mißtrauisch.

In der Tat ist die Bewegung von Intellektuellen ausgegangen, vor allem von Schriftstellern. Sie standen von Anfang an nicht allein, sondern zusammen mit Ökonomen, Soziologen, wissenschaftlichen Arbeitern, nachdenklichen und erfahrenen Parteifunktionären.

Die Tschechoslowakei war im Unterschied zu Rußland, Polen und andern Staaten des Ostens ein Land hochentwickelter Industrie und echter demokratischer Traditionen, als sie zu einem neuen gesellschaftlichen System überging. In freien demokratischen Wahlen gewannen nach dem Sturz der Hitlerherrschaft die Kommunisten 40 Prozent der Stimmen; gemeinsam mit den Sozialisten hatten sie im Parlament die Mehrheit. Nicht nur die Massen der qualifizierten Arbeiter, auch die qualifiziertesten Intellektuellen und breite Schichten der Bauernschaft bekannten sich zur Kommunistischen Partei. Der nationale Zwist zwischen Tschechen und Slowaken begann dem Bündnis der beiden Nationen zu weichen.

Der Umschwung im Februar 1948, die Sicherung der ökonomischen und politischen Fundamente des Sozialismus, trug in sich die Möglichkeit einer dem Land adäquaten Entwicklung. Hier aber setzte das Unheil ein: die widersinnige Nachahmung dessen, was in der Sowjetunion unter völlig anderen Voraussetzungen entstanden und unter der Herrschaft Stalins verzerrt worden war.

Der große tschechische Dichter František Halas nannte Paris und Moskau die Brüste Europas: die Tschechoslowakei wurde von der einen Brust getrennt, von der anderen unterernährt. Die Demokratie schwand, die Diktatur der kommunistischen Partei nahm überhand, allzuoft als Diktatur des Dilettantismus.

Loyale Betriebsleiter, wissenschaftlich und technisch gebildete Fachleute wurden durch willfährige Stümper ersetzt. Die neuen Wirtschaftspläne widersprachen vielfach den Möglichkeiten und Erfordernissen des Landes. Arm an Rohstoffen (die Braunkohle ist ein Relikt alter Zeiten, die Wasserkräfte reichen nicht aus), war die Tschechoslowakei auf die Erzeugung arbeitsintensiver Güter spezialisiert; außerdem verfügte sie über eine produktive Landwirtschaft. Nach 1948 begann, mit sowjetischen Ratgebern und den wirklichen oder vermeintlichen Interessen der Sowjetunion angepaßt, eine Periode überstürzter Investitionen, die zum Teil (vor allem in der Slowakei) zu rechtfertigen, zu einem großen Teil jedoch verfehlt waren, Ergebnisse prahlerischen Eigendünkels.

Unbequeme Warnende wurden abgesetzt, nicht selten verhaftet und als Saboteure verurteilt. Kritik war lebensgefährlich. Die Fehlinvestitionen fraßen im Namen einer vorgetäuschten Zukunft die Ressourcen der Gegenwart. Symbol all dessen war das riesige, überragende Stalin-Denkmal auf der Letna; als es in die Luft gesprengt wurde, blieben die Stiefelsohlen zurück. Was jetzt vor sich geht, ist die Entfernung dieser Stiefelsohlen.

Jede Diktatur braucht Schuldige für ihre Willkür und Mißwirtschaft. Und wer schuldig war, bestimmte der sowjetische Geheimdienst, nicht ohne Zutun tschechischer Machthaber, die mit Rivalen abrechneten. Von allen Schauprozessen, die der stalinistische Machtapparat in verschiedenen Ländern veranstaltete, war der vielleicht groteskeste der gegen Slansky und seine Mitangeklagten. In auswendig gelernten Geständnissen mußten sie sich einer zionistischen Verschwörung bezichtigen; die Anklageschrift erinnerte allzusehr an die „Protokolle der Weisen von Zion“, jene aus dem zaristischen Rußland stammende und von Hitler übernommene antisemitische Fälschung. Die Diskrepanz zwischen dieser Niedertracht und der Intelligenz des den Antisemitismus instinktiv ablehnenden Volkes war evident; daß kein Mann an der Spitze den Mut fand, nein zu sagen, mußte bis zum Äußersten demoralisieren.

Was um sich griff, war Resignation, passive Resistenz gegen ein Regime, das auch nach dem XX. Parteitag der KPdSU nicht die Wahrheit zu sagen wagte, vor einer rückhaltlosen Rehabilitierung der Opfer zurückschreckte, jeder Entscheidung auszuweichen bemüht war.

So trottete die Tschechoslowakei einem totalen Ruin entgegen bis zur Explosion auf dem Schriftstellerkongreß und in einigen ZK-Sitzungen. Endlich trat die Wahrheit vor das Volk. Diese Wahrheit ist hart und kargt mit Versprechungen.

Zunächst ging es darum, ohne Scheu von der schrecklichen Erbschaft zu sprechen, welche die Erneuerer übernehmen, von den wirtschaftlichen, politischen, moralischen Verirrungen der Vergangenheit, von den keineswegs schmerzlosen Operationen, um Verbrechen gutzumachen, Verfehltes zu korrigieren. Volle Freiheit der Kritik, Information und Meinungsbildung ist unentbehrlich; Schriftsteller, Publizisten, Zeitungen, Massenmedien sind die vorwärtsdrängende Kraft.

So sind die Methoden des gesellschaftlichen Umschwungs demokratisch. Vielleicht hätte eine „Säuberung“ alten Stils für den Augenblick manches erleichtert; doch man wollte den Beginn einer neuen Ära nicht verdunkeln, indem man um des guten Zweckes willen zu den schlechten Mitteln der alten griff. Gerade die Opfer des alten Regimes lehnten Rache ab. Sie bestehen aber auf radikalen Sicherungen gegen die Wiederkehr undemokratischer Herrschaftsformen. Es soll offen diskutiert und geheim abgestimmt, es soll der lange Marsch durch die demokratischen Methoden nicht administrativ abgekürzt werden; es soll nicht eine alleingültige Auffassung an die Stelle einer anderen alleingültigen treten.

Demokratie ist weniger bequem als Kommandieren, Mitverantworten schwieriger als verantwortungslose Passivität; doch ohne konsequente Demokratie kann ein Volk, dem Befehlen und Gehorchen so wenig zusagt wie den Tschechen und Slowaken, nicht leisten, was es zu leisten vermag.

Alles ist gewonnen, wenn es gelingt, das schlimmste Ergebnis bürokratischer Willkür, Mißwirtschaft und Unaufrichtigkeit zu überwinden: die Apathie der übergroßen Mehrheit eines intelligenten, kritischen, zutiefst enttäuschten Volkes. Nur das uneingeschränkte Eingeständnis, wie viel da falsch und mit dem Wesen des Sozialismus unvereinbar war, kann das Vertrauen zur Demokratie wieder beleben.

Es war zunächst eine Avantgarde, die das Wagnis auf sich genommen hat; doch schneller als zu erwarten, hat sie die Unterstützung bisher passiver Massen gefunden. Nur so wird es möglich sein, Wirtschaft und Staat von einer parasitären Schicht zu befreien, die zum großen Teil ein dürftiges, jedenfalls unproduktives und verantwortungsloses Dasein fristet. Zehntausende Menschen, an dieses Dasein gewöhnt, werden sich gegen ein Konzept sträuben, das Leistung, Verantwortung, Initiatiative fordert. Auf diese Rückständigen stützen sich die zornigen alten Männer, die Nutznießer und Verweser eines konservativen Regimes.

Niemand soll den Erneuerern der Tschechoslowakei von außen her unerbetene Ratschläge erteilen; sie wissen, worauf es ankommt, und kennen die Problematik der Demokratie in der modernen Industriegesellschaft. Keineswegs geht es um Rückkehr zu dem, was sich als „westliche Demokratie“ empfiehlt; sondern um eine noch unentdeckte sozialistische Demokratie, um die sich als erster Staat nach 1945 unter weniger günstigen Bedingungen Jugoslawien bemüht hat.

Die erneuerte Tschechoslowakei wird ein sozialistischer Staat sein, in welchem also die entscheidenden Produktionsmittel vergesellschaftet sind. Doch werden keine Parteisekretäre dirigieren, sondern die Mitbestimmung der Arbeiter und Angestellten und die Autonomie der Gewerkschaften wird gesichert sein. Die parlamentarischen Institutionen, nicht nur Fassade wie bisher, werden durch mannigfaltige demokratische Organe und Organisationen ergänzt sein.

Als dringlichste Aufgabe gilt die demokratische Erneuerung der kommunistischen Partei. Ich bin überzeugt, daß man damit recht hat, sobald die Partei nicht mehr mit der Staatsgewalt verfilzt ist.

Die tschechoslowakischen Kommunisten sind keine Romantiker. Sie vereinigen Kühnheit mit Umsicht, Initiative mit Hartnäckigkeit, unabhängiges Denken mit Humor. Eben dies ermutigt zur Hoffnung, daß dort eine Zukunft begonnen hat, nicht nur zum Segen der Tschechoslowakei, sondern bedenkenswert für Europa in der Synthese von Sozialismus und Demokratie.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 284
Autor/inn/en:

Ernst Fischer:

Österreichs prominentester Kommunist, mauserte sich zu einem der prominentesten Nonkonformisten im europäischen Kommunismus. Siehe seine Ansichten über moderne Kunst (vgl. seinen Aufsatz im März/April-Heft des FORVM), seinen Protest gegen die Moskauer Schriftstellerprozesse (Wortlaut im Januar/Februar-Heft des FORVM), überhaupt die Fülle seiner jüngsten Bücher, die in West- wie Osteuropa weite Verbreitung fanden. („Von der Notwendigkeit der Kunst“, Claassen, Hamburg 1967, „Von Grillparzer bis Kafka“, Globus, Wien 1967, „Was Marx wirklich sagte“, gemeinsam mit Franz Marek, Molden, Wien 1968, „Kunst und Koexistenz“, Rowohlt, Hamburg 1968, „Auf den Spuren der Wirklichkeit“, Rowohlt, Hamburg 1968.) Erster österreichischer Unterrichtsminister nach 1945, langjähriger Abgeordneter der KPÖ, übte Fischer seither schonungslose, von seiner Partei mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommene Kritik an seiner Haltung in stalinistischen Zeiten; seine ebenso schonungslose, von seiner Partei mit noch gemischteren Gefühlen aufgenommene Wendung zu neuen Positionen, eigentlich schon jenseits des Marxismus, brachte ihm berechtigtermaßen enormes Prestige unter den europäischen Intellektuellen, insbesondere der studentischen Jugend aller Richtungen.

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