FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 245
Margaret Papandreou

Juntawechsel

Noch kontrolliert der CIA Griechenland

Südeuropa steht vor einer Wende. Die Diktaturen der USA in Portugal, Spanien und Griechenland wackeln, besonders seit dem offenen Streit um die Ölquellen in Nahost. Gelingt es, die CIA-Regirnes zu stürzen und damit Italien und Frankreich in eine Linksentwicklung zu reißen — oder wird der Faschismus als Sieger hervorgehen und in Italien sein nächstes Opfer finden? Zwei parlamentarische Vorgänge der nächsten Zeit werden wichtige Indizien liefern, wenn sie auch noch nichts entscheiden: die französischen Präsidentschaftswahlen und das italienische Scheidungsreferendum. Hier sollte sich zeigen, ob die Bewegung in den Nachbarländern imstande ist, die Blutleere des „gemeinsamen Programms“ bzw. des „historischen Kompromisses“ — die schon wie ein Niederknien vor den Henkern des Faschismus wirken — mit neuem Leben zu erfüllen.

1 Novembersturm

Es begann bei der Gedenkfeier für Georgiu Papandreou, den ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten, der fünf Jahre zuvor nach langandauerndem, strengem Hausarrest gestorben war. Am 4. November 1973 schlossen sich mehr als fünfzigtausend Menschen in Athen dem Zug an, der sich, von Studenten geführt, zum Friedhof bewegte. Sie riefen im Chor: „Freiheit!“, „Demokratie!“, „Ami raus aus Griechenland!“, „Yankees nach Texas!“, „Nieder mit der Tyrannei!“. Am 8. November kam es zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten, hauptsächlich jungen Menschen, die sich vor dem Athener Justizpalast versammelt hatten, wo gegen siebzehn Teilnehmer an der Gedenkkundgebung wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ und „Störung der öffentlichen Ordnung“ verhandelt wurde. Am 14. November wurden die Urteile verkündet, und die Verurteilten erklärten, sie seien stolz, ins Gefängnis zu gehen, sich, wie einer von ihnen sagte, „auf dem Altar des Kampfes für Griechenlands Freiheit“ zu opfern. Am Abend desselben Tages besetzten fünftausend Studenten das Athener Polytechnikum.

Am 15. November war das Polytechnikum immer noch besetzt, und ein in der Schule installierter Studentensender nahm seine Tätigkeit auf. Jedermann suchte die Studentenwelle zu empfangen. Die über den Sender ausgegebenen Losungen der Studenten waren: „Hinaus aus der NATO“, „Nieder mit den Amis“, „Nieder mit Papadopoulos“, und „Alle Macht den Arbeitern“. Ähnliches geschah zur gleichen Zeit in Saloniki und Patras, den beiden nächstgrößten Städten Griechenlands.

Am folgenden Tag war ganz Athen in revolutionärer Stimmung. Die lange aufgestaute Wut, der Haß gegen das Regime erreichten den Siedepunkt. Tausende Menschen aus Athen und Umgebung füllten die Straßen der Stadt, nachdem die Studenten die Bevölkerung aufgerufen hatten, sich ihnen anzuschließen. Sie waren unbewaffnet; bald kam es zu Zusammenstößen. Die Menge errichtete improvisierte Barrikaden, indem sie Autobusse aufhielt und in der Nähe des Polytechnikums quer über die Straßen stellte, um den Panzern den Weg zu versperren. Ärzte erklärten sich bereit, die Verletzten zu versorgen. Die Leute brachten den Studenten, die das Polytechnikum besetzt hielten, Lebensmittel und Wasser. In der Athener Innenstadt wurden Feuer angezündet. Die Polizei ging knüppelschwingend gegen die Menge vor. Die Menge schlug zurück.

Freitag nachmittags um halb fünf verlas das Kampfkomitee der Studenten vor sechzig griechischen und ausländischen Journalisten folgende Erklätung: „Die Studenten aller Schulen haben erkannt, daß unsere Probleme in bezug auf die Demokratisierung des Unterrichts und die Handhabung des Schulsystems ohne eine Änderung der politischen Situation nicht gelöst werden können. Um den politischen Kampf aufzunehmen, haben sich daher Studenten und Arbeiter im Polytechnikum zusammengeschlossen; wir wollen unsere Haltung klarmachen und rufen das griechische Volk auf, sich uns anzuschließen und mit uns bis zum Endsieg zu kämpfen.“

Die Studenten forderten „den sofortigen Sturz des Tyrannenregimes der Junta und die gleichzeitige Errichtung der Volkssouveränität, nationale Unabhängigkeit von ausländischen Interessen, die jahrelang die Tyrannei in unserem Land unterstützt haben. Das bedeutet“, erklärten sie abschließend, „Streiks, Massenmobilisierung, Massendemonstrationen, mit dem Ziel des Generalstreiks zum Sturz der Junta.“

Um sechs Uhr abends hatten sich schätzungsweise vierzigtausend Menschen in der Patission-Straße, in der das Polytechnikum liegt, und in den Seitengassen angesammelt. Um sich gegen die wilden Attacken der Polizei zu schützen, hatten sie sich mit Latten von Bauplätzen bewaffnet und schlugen zurück; es gelang ihnen zeitweilig, die Polizei aus der Umgebung zu vertreiben. Die Straßen waren blutbefleckt. Eine Stunde später kam die Polizei zurück und warf Tränengasbomben in die Menge. Die Demonstranten hatten sich in der nahegelegenen Stadionstraße wieder gesammelt und brachen nun durch Fenster und Türen in Geschäfte ein, um sich vor dem beizenden Tränengas zu retten. Rund zweihundert Demonstranten versuchten das Ministerium für öffentliche Ordnung zu stürmen; es gelang ihnen, ein Regierungsauto in Brand zu stecken. Dann aber wurden sie von übermächtigen Polizeitruppen angegriffen und zerstreut. Ähnliche Aktionen fanden auch anderswo statt.

Um elf Uhr nachts fuhren Polizeilastwagen vor dem Polytechnikum auf; die Polizisten warfen Tränengasbomben in das Schulhaus und in den Schulhof. Die Studenten hatten Augen, Nasen und Ohren mit Vaselin eingefettet und hielten dem Angriff stand. In allen Hauptstraßen der Athener Innenstadt dauerten die Kämpfe an. In Aigaleo war die Provinzverwaltung besetzt worden. Um Mitternacht sah man Panzer in der Nähe von Athen. Über den Studentensender kam der Aufruf: „Geht nicht fort! Fürchtet euch nicht! Heute nacht stirbt der Faschismus!“ In einer zweiten Sendung verlangten sie dringend Verbandzeug, Medikamente, Blutkonserven, Sauerstofflaschen und Krankenwagen für die Verwundeten. Viele wurden mit Schußwunden fortgebracht.

2 Soldaten zögern

Um ein Uhr fünfzehn näherten sich die Panzer der Schule. Die drei Studenten, die den Sender bedienten — zwei Burschen und ein Mädchen — blieben auf ihren Posten. Sie forderten die Menschen vor dem Schulgebäude auf, hereinzukommen oder fortzugehen. „Habt keine Angst vor den Panzern. Sie werden nicht auf uns schießen. Der Faschismus stirbt. Die gehen wollen, sollen sich in Zehnergruppen zu den wartenden Wagen begeben und wegfahren. Wer bleiben will, soll zu uns hereinkommen.“

Um 1.35 Uhr hatten die Panzer die Schule umzingelt. Die meisten Studenten waren noch im Schulhof. Viele drückten sich an das zur Straße gehende Eisengitter und klammerten sich voll Entschlossenheit an die Stäbe. „Vergeßt nicht, wir sind Brüder!“ riefen sie den Soldaten in den Panzern zu. „Wir sind unbewaffnet. Wir grüßen euch nur mit Applaus. Ihr werdet mit euren Panzern nicht auf uns schießen.“ Hinter dem Polytechnikum flammte Feuer auf und warf ein gespenstisches Licht auf den dramatischen Konflikt.

Um 1.51 Uhr meldete der Sender, daß Polizisten in die Schule eindrangen. „Warum Polizisten und nicht Soldaten?“ fragte der Sprecher. Dann, an die Soldaten gerichtet: „Ihr seid unsere Brüder!“ Die Studenten und die Arbeiter, die sich angeschlossen hatten, sangen die Nationalhymne und „Ksasteria“, ein kretisches Kampflied. Kurz bevor der Studentensender verstummte, gegen zwei Uhr, wiederholten die Studenten mehrmals die folgende Botschaft: „Wir sind unbewaffnet. Wir sind die Jugend Griechenlands. Wir sind gegen die Panzer, gegen die amerikanischen Agenten. Die Panzergeschütze sind auf uns gerichtet, bereit, die Jugend Griechenlands zu töten, um den ausländischen Interessen zu dienen!“

Als immer mehr Polizisten in die Schule eindrangen, schrien die Studenten: „Soldaten, Brüder! Die Armee mit dem Volk!“ Die Studenten wehrten sich gegen die Polizeiknüppel. Aus dem Schulgebäude hörte man Schüsse. Die Panzer rückten bis auf drei Meter an das Gitter heran. Die Studenten im Hof rührten sich nicht von der Stelle. Um drei Uhr morgens begannen drei Panzer, das Gitter niederzuwalzen und überrollten einen Wagen. Die Studenten liefen, die Arme erhoben und die Nationalhymne singend. Es dauerte eine Stunde, bis das Gebäude geräumt war. Eine weitere Stunde erforderte es, die Toten, die Verletzten und die Hunderte Verhafteten wegzubringen. Anderen gelang es, zu entkommen.

3 Papadopoulos verschwindet

So endete der sogenannte „Kinderkreuzzug“. Obwohl in jener Nacht das Kriegsrecht verhängt wurde, kam es auch noch an den beiden folgenden Tagen zu sporadischen Kämpfen und Demonstrationen. Die genaue Anzahl der Toten ist nicht bekannt, doch waren es verläßlichen Quellen zufolge mindestens vierhundert, wenn man die Todesopfer bei Demonstrationen in anderen Stadtteilen hinzurechnet. Familien, deren Söhne und Töchter getötet worden waren, wurden erst eine Stunde vor dem Begräbnis verständigt. (Viele Tote sollen in ein Massengrab geworfen und als „verhaftet“ ausgewiesen worden sein. Man wird das erst dann genau wissen, wenn alle Verhafteten wieder frei sind.)

Obwohl der Aufstand niedergeworfen wurde, ist seine Lehre für alle offenkundig. Die New York Times schrieb kurz vor dem Putsch: „Was in dieser explosiven Stadt geschah, war nicht nur eine Studentenrevolte. Es war die bisher ernsteste Kampfansage gegen die Junta ... Zum ersten Mal hatten sich den Studenten junge Bauarbeiter angeschlossen, die über die galoppierende Teuerung erbost waren. Wenn die Regierung nicht imstande ist, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu meistern, die dieses Bündnis des Zorns ausgelöst haben, dann werden die jüngsten Ereignisse nur ein Vorgeschmack auf noch schwerere Zusammenstöße gewesen sein.“

Tatsächlich waren von den 866 nach offiziellen Angaben Verhafteten 475 Arbeiter. Doch nicht nur die Arbeiter hatten genug von der Papadopoulas-Diktatur. Auch die Soldaten, die die Panzer bemannten, sympathisierten mit den Studenten, und ihr Zögern, das Polytechnikum zu stürmen, zeigte die gefährlichere Seite der Revolte. Nur die Polizei, unter dem Befehl eines Vetters von Papadopoulos, war entschlossen, den Aufstand niederzuschlagen. Daraus läßt sich schließen, daß Papadopoulos die Kontrolle über die Armee, den Schlüssel zu seiner Macht und Herrschaft, verloren hatte.

Als das griechische Fernsehen am folgenden Morgen nur ein Foto von Papadopoulos zeigte, während der Sprecher die Verhängung des Kriegsrechts meldete, bestand kein Zweifel mehr, daß der Staatschef in Schwierigkeiten war. Wann genau er während der nächsten Tage die Aufforderung erhielt, abzutreten und einer neuen Garnitur Platz zu machen, ist noch nicht bekannt. Man weiß nur, daß ihm im besten Stil einer Bananenrepublik zwei Flugtickets ins Ausland angeboten wurden, eines für ihn und eines für seine Frau Despina, eine Schmarotzerin, die dem Vernehmen nach häufig in die Schweiz gereist war um dort die Profite aus sechs Jahren despotischer und korrupter Herrschaft anzulegen; Papadopoulos jedoch weigerte sich, das Land zu verlassen. Statt dessen ließ er sich in seiner Villa in Lagonissi (ein Geschenk von Aristoteles Onassis!) unter Hausarrest stellen, von einer bewaffneten Garde bewacht.

4 Die Hand des CIA

Papadopoulos ist nicht über die Demonstration gestürzt. In Griechenland hat kein „Putsch“ im üblichen Sinn stattgefunden, sondern eine Wachablöse. Die Macht ist von einer Gruppe auf eine andere übergegangen, aber für das griechische Volk bedeutet das keinen wesentlichen Unterschied. Die einzig wirklich wichtige Frage lautet: Warum wurde Papadopoulos gerade jetzt gestürzt, und was bedeuten die Ereignisse für die spätere Befreiung Griechenlands? Eine Teilantwort auf die erste Frage ist in der Leichtigkeit zu sehen, mit der die Wachablöse sich vollzog. Die Griechen nennen ihre Armee jetzt „die bestausgebildete Truppe des Pentagon“. Die meisten Griechen (und Nichtgriechen) hatten Papadopoulos für unbesiegbar gehalten. Er hatte seine persönlichen Freunde, seine drei Brüder und andere Verwandte auf Schlüsselpositionen gestellt und in allen Waffengattungen ein Kommissarsystem nach sowjetischem Vorbild eingeführt, um allfällige Sprünge in der Kommandostruktur sogleich reparieren zu können. „All das“, sagte ein Grieche, „fiel zusammen wie ein Kartenhaus, als von höher oben die Weisung kam, daß Papadopoulos erledigt sei und die Leitung geändert werden müsse.“

Heute, 1974, ist es nicht mehr so schwer, daran zu glauben, daß die Amerikaner in anderen Ländern hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Watergate und die Pentagon Papers haben allen jenen, die es anhand von Griechenland, Iran, Guatemala und Dutzenden anderen Ländern noch nicht begriffen hatten, über die schmutzigen Methoden der Machtelite in Washington die Augen geöffnet.

Fast alle griechischen Offiziere, die in den sieben Jahren seit dem Putsch von 1967 eine führende Rolle gespielt haben, wurden in den USA ausgebildet. Generalleutnant Ionnides, der neue starke Mann hinter dem jüngsten Umsturz, erhielt seine Ausbildung in den Staaten zugleich mit Papadopoulos. Der neue Ministerpräsident, Androutsopoulos, der unter Papadopoulos mehrere Ministerposten bekleidete, ist ein Rechtsanwalt aus Chikago; er tauchte „zufällig“ ein paar Monate vor dem Putsch von 1967 in Athen auf. Auch Gizikis, der neue Staatspräsident, hat seine Ausbildung in den USA erhalten. Die Verbindungen zwischen dem amerikanischen und den griechischen Geheimdiensten laufen über den CIA. Es kam schon seinerzeit für niemanden überraschend, daß vier von den fünf Männern, die den Putsch vom April 1967 anführten, Agenten des griechischen Geheimdienstes waren — Papadopoulos war der Hauptverbindungsmann zwischen dem amerikanischen CIA und dem griechischen KYP. „KYP“ sind die Anfangsbuchstaben des griechischen Ausdrucks für „Central Intelligence Service“ — Zentraler Nachrichtendienst).

Bild: Le canard enchaîné

5 Pappas und Nixon

Ferner erstreckt sich die Verflechtung amerikanischer und rechtsgerichteter griechischer Interessen auf das politische Leben beider Länder; diese Verflechtung verkörpert sich in dem Graeco-Amerikaner Tom Pappas. Er galt lange Zeit als ein wichtiger Faktor bei der Entstehung der Diktatur von 1967; nun fragt man sich, welche Rolle er in der neuen Phase der Militärherrschaft spielt. Wo war er? Was hat er getrieben? Die Antwort: Er war in Athen und „sehr beschäftigt““ ESSO-PAPPAS, eine Standard-Oil-Tochter, ist Griechenlands ITT. Pappas hat sich Monopolrechte in neunzehn griechischen Industriezweigen gesichert, er hat Coca-Cola eingeführt (der Werbespot im griechischen Fernsehen sagt unter Musikbegleitung: „Coca-Cola ist gut für Sie; Esso-Pappas ist gut für Sie!“), und er hat Richard Nixons Bruder Donald Nixon für seine Marriott Corporation den Auftrag verschafft, den im Besitz von Onassis befindlichen „Olympic Airways“ die Mahlzeiten zu liefern. Zu Pappas’ frühesten Aktivitäten zählte die Bestechnung von Abgeordneten der Zentrumsunion, um sie zum Abfall von Papandreou zu bewegen, nachdem dieser 1965 vom König abgesetzt worden war, und sie für die königliche Marionettenregierung zu gewinnen.

Warum aber amerikanische Einmischung? Anfang 1972, als die Obristen der amerikanischen Sechsten Flotte im Piräus Heimathafenrechte gewährten, revanchierten sie sich für die amerikanische Hilfe bei ihrer Machtergreifung; das war Teil eines Handels, der dem Pentagon im Laufe von zwanzig Jahren dreizehn Militär-, Flotten- und Raketenstützpunkte eingebracht hat. Auf die Frage eines Kongreßausschusses, wozu die USA eine Flottenbasis in Griechenland brauchten, antwortete Admiral Zumwalt, der damalige Operationschef der Marine, mit humanitären Argumenten. Er sagte, sie erleichtere das Leben der Männer, die oft mehr als sechs Monate nicht nach Hause kämen, da ihre Familien in der Nähe von Piräus leben könnten. Auf weitere Fragen hin gab er jedoch zu, daß nur 17 Prozent der im Mittelmeer stationierten Matrosen Angehörige geltend machten. Er hätte auch sagen können, daß das Heimathafen-Arrangement es den USA ermöglicht, das Mittelmehr als „Mare nostrum“ zu betrachten, der „Gefahr“ der wachsenden russischen Flottenmacht flexibler zu begegnen und die amerikanischen Ölinteressen im Nahen Osten zu beschützen — alles um den bescheidenen Preis der Freiheit Griechenlands.

Der größte Teil der Sechsten Flotten lag in Piräus, als am Sonntag, dem 25. November 1973, die Wachablöse vollzogen wurde — genauso wie während des Putsches im April 1967. An jenem Wochenende erhielt das Flottenpersonal keinen Landurlaub, und Schiffe der griechischen Marine bezogen Stellung neben den riesigen amerikanischen Flugzeugträgern, die für jeden Notfall gerüstet waren.

Die große Frage ist natürlich, wie es in Griechenland weitergehen soll. Und was die USA weiter unternehmen werden. Die Hoffnungen der Sicherheitsmanager in Washington, aus Griechenland eine „Demokratie“ vom Schlag der Türkei zu machen, sind nicht in Erfüllung gegangen, und das neue Arrangement, das sie in Griechenland getroffen haben, ist nur ein Notbehelf, eine Hinhaltetaktik, bis sie herausgefunden haben, was sie tun sollen. Die Dinge haben sich zu plötzlich und zu unerwartet abgespielt.

Bis zum September 1973 schien die Rechnung Washingtons aufzugehen. Unter der neuen Verfassung hatte Papadopoulos die direkte Kontrolle über Außenpolitik, Landesverteidigung und innere Sicherheit. Er ernannte auf Lebenszeit die Mitglieder eines Verfassungsgerichtshofes, dessen Aufgabe es sein sollte, Parteien und Parlamentskandidaten zu überprüfen, und dem das Recht zugedacht war, jede an der Macht befindliche Person der Partei auszuschalten, wenn deren Politik den Staatsinteressen zuwiderzulaufen schien.

Es war eine glatte, recht scharfsinnige Lösung, von Demetrios Kusulas, einem Professor an der Howard-Universität in Washington, ausgeklügelt. Sie konnte nur funktionieren, wenn die Armee, die alte Politikergarde und das Volk mitspielten. Der Armee konnte man befehlen, mitzumachen. Eine Zeitlang schien es, daß auch die Politiker sich einordnen würden. Doch in dem Bestreben, die politische Welt Griechenlands zu gewinnen, machte Papadopulos einen verhängnisvollen Fehler: er gewährte Pressefreiheit.

Am 6. September veröffentlichte die Zeitung Apoghevmatini ein Interview mit dem Führer der Panhellenischen Befreiungsbewegung, Andreas Papandreou, der die Ziele des Widerstandskampfes umriß: „Verweigerung jeder Mitwirkung an dieser Karikatur einer Demokratie, die vom neokolonialistischen Charakter des gegenwärtigen Regimes diktiert wird; Mobilisierung aller ausgebeuteten Klassen des griechischen Volkes für eine Konfrontation mit dem Regime; aktiver Widerstand, den das griechische Volk zweifellos mit Freuden aufnehmen wird; Sturz des in ausländischem Sold stehenden Regimes und Errichtung einer griechischen Demokratie, welche die Volkssouveränität und zugleich die nationale Unabhängigkeit verkörpert.“

Darauf folgten alsobald Erklärungen anderer Politiker im gleichen Sinne — darunter auch eine von Panayiotis Kanellopoulos, dem Führer der Rechtspartei ERE, der es sogar ablehnte, mit dem neuernannten Ministerpräsidenten, Spyros Markenizis, zu diskutieren.

So gewann die Befreiungskraft neue Vitalität, das Streben nach Freiheit und Veränderung schwoll in einem mächtigen Crescendo an. Es erreichte seinen Höhepunkt am 16. November und der darauffolgenden Nacht.

6 Konfuse Junta

Die neuen Herren sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Papadopoulos; die meisten von ihnen haben sogar in der einen oder anderen Form seinem Regime gedient. Ministerpräsident Androutsopoulos beispielsweise hat sich wiederholt zum Regieren mittels Verordnungen bekannt, unter vagen Hinweisen auf die ursprünglichen Ziele der „Revolution“ und die Säuberung des öffentlichen Lebens — eines sechsjährigen öffentlichen Lebens, für das er mitverantwortlich ist.

Doch die neuen Herren besitzen nicht Papadopoulos’ Fähigkeit, ein System brutaler Unterdrückung zusammenzuhalten, wie er es bis zu den letzten paar Monaten seiner Herrschaft mit Erfolg getan hat, und ihre ersten öffentlichen Erklärungen verrieten einen völligen Mangel an Konsequenz und Zielbewußtsein. Zum Beispiel: Obwohl man Papadopoulos skandalöse finanzielle Schiebungen vorwirft, will man ihn nicht vor Gericht stellen — vermutlich, weil dies einen Präzedenzfall schaffen würde, der sich eines Tages gegen das jetzige Regime kehren könnte. Konstantin Rallis, ein Rechter und einer der wenigen Politiker in der Ionnides-Junta, durfte erklären, es würde in naher Zukunft, „vielleicht in zehn bis vierzehn Monaten“, Wahlen geben, und die alte politische Welt würde einbezogen werden — während Ionnides selber genau das Gegenteil sagte. Der Presse wurde mitgeteilt, sie habe völlige Freiheit, solange sie nichts gegen das Regime schreibe. Plötzlich aber, ohne jeden ersichtlichen Grund, wurde die Zeitung Vradyni, der man Sympathien für den in Paris lebenden ehemaligen Ministerpräsidenten Karamanlis nachsagte, von zwölf Mann der gefürchteten Militärpolizei ESA besetzt und geschlossen. Und während einige vor dem Putsch verhafteten Griechen freigelassen wurden, hat eine neue Verhaftungswelle eingesetzt.

Die Dinge sind in eine Sackgasse geraten. Die Griechen pflegen von ihren jeweiligen Herrschern zu sagen: „Vor ihnen die Felswand, hinter ihnen der Sturzbach.“ Das Streben der Amerikaner, in Griechenland einen stabilen neofaschistischen Staat zu schaffen, von der Armee geführt und von der Rechten unterstützt, hat das Gegenteil bewirkt — eine radikalisierte Bevölkerung, deren Forderungen nach wirtschaftlichen und sozialen Änderungen, nach nationaler Unabhängigkeit und Volkssouveränität weit über das hinausgehen, was eine gewählte Regierung angestrebt hätte, die aus den durch den Militärputsch im April 1967 verhinderten Wahlen hervorgegangen wäre.

© Ramparts, Berkeley, Cal.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1974
, Seite 25
Autor/inn/en:

Margaret Papandreou:

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