FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 241/242
Jacob Morris

Inflation bis zum Krach

Die Krise entspringt dem Kredit

Als Jacob Morris diesen Artikel abfaßte (Mai 1973), war die nächste Windung der Inflationsspirale, die Ölkrise, noch nicht sichtbar. Ein neues Moment: die größten Monopole, die Multis der Energie-Industrie, sind schon so mächtig, daß sie auf eigene Faust Deflationspolitik machen können; das keynesianische Instrumentarium der Regierungen versagt. Die Ziele der US-Öl-Multis: Staatssubventionen für Forschung und Entwicklung, Staatsintervention gegen Auslandskonkurrenten (Nahost), Erhöhung der Branchenprofitrate, Kampf Öl gegen Auto (Rockefeller & Mellons vs. Dupont & Ford, Exxon vs. General Motors), Aufkauf der Autoindustrie, eine neue Konzentrationswelle im Laufe der kommenden Wirtschaftskrise, Bildung von Super-Oligopolen.

M. S.

1 Geldvermehrung im Banktresor

Wenn heute eine kapitalistische Regierung mehr Geld braucht, als sie durch Steuern aufbringen kann, hilft sie sich in der Regel mit raffinierteren Methoden als durch die bloße Ingangsetzung der Notenpresse. Die beliebteste Methode besteht im Austausch von Schuldscheinen zwischen der Regierung und den Banken. Die Regierung gibt den Banken verzinsliche Staatsschuldscheine (Schatzscheine, Banknoten, Obligationen), die Bank gibt der Regierung dafür gnädig unverzinsliche Bankschuldscheine. Diese sind nichts anderes als Bankdepotguthaben, die über geschriebenen Auftrag des Eigentümers übertragbar sind — das heißt Scheckguthaben.

Beide Arten von Schuldscheinen, die des Staates und die der Banken, sind Verpflichtungen, den geschuldeten Betrag in gültiger Staatswährung, das heißt in Banknoten, zurückzuzahlen. Einst, in längst vergangener Zeit, nämlich vor dem August 1971, konnten ausländische Regierungen, die im Besitz amerikanischer Staats- und Bankschuldscheine waren, deren Einlösung in Gold zum Kurs von 35 Dollar je Unze verlangen. Doch das ist Altertumsgeschichte.

Konservative Menschen, die empört wären, wenn der Staat einfach eine Unmenge bunter Banknoten drucken ließe, um sein Defizit zu decken, finden den geheimnisvollen Austausch von Schuldscheinen zwischen Staat und Banken sehr beruhigend. Der Umstand, daß die Banken das absurde Recht haben, den Austausch von Schuldscheinen mit dem Staat abzulehnen und damit sich selbst enormer Zinseneinnahmen zu berauben, erscheint konservativen Leuten als ein wertvolles Mittel, das es konservativen Banken ermöglicht, verschwenderischen Regierungen Hemmungen aufzuerlegen.

Ob Staatsdefizite durch Verschlechterung der Edelmetallmünze, durch Banknotenemission oder durch Ausweitung der Bankkredite gedeckt werden, läuft im wesentlichen auf das gleiche hinaus: die Defizite verwandeln sich auf dem Weg über Preissteigerungen (Geldentwertung) in unerklärte Umsatz- und Eigentumssteuern, von denen die einzelnen Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppen sehr ungleich betroffen werden. Für manche Geschäftstypen sind die Ergebnisse jedoch sehr gewinnbringend; für sie bedeutet die Inflation keine Steuer, sondern einen großen Steuernachlaß. Die wirtschaftliche Hauptlast fällt zumeist auf die Masse der armen Leute, wie heute in Amerika, wo die Inflation in jeder Hinsicht zur Verschlimmerung der Krise unserer Großstädte beigetragen hat.

Wie manche moderne Ökonomen es formulieren, bewirkt Inflation eine „perverse Einkommensumverteilung“. In den Vereinigten Staaten wird heute durch die Inflation Massenraub verübt an den Alten, den Invaliden, den Arbeitslosen, den von der Fürsorge lebenden vaterlosen Familien, an den schlechtbezahlten Arbeitern in schwacher Verhandlungsposition, das heißt jenen (meist farbigen), die nur den Mindestlohn haben, an den Arbeitern in aussterbenden Berufen oder Wirtschaftszweigen, an den unorganisierten oder in schwachen Gewerkschaften organisierten Arbeitern.

2 Raubtiere im Finanzdschungel

Die Auswirkung der Inflation auf die mittleren und höheren Einkommensgruppen sind sehr unterschiedlich. Für Sparer und Investoren, die, wirtschaftlich gesehen, schwer beweglich sind und langsam reagieren, hat sie den Effekt einer schweren Vermögenssteuer. Sie trifft alle Gewohnheitsmenschen und alle Vertreter alter kapitalistischer Tugenden, beispielsweise jene, die an Lebensversicherungen und an Sparkonten glauben und den Gedanken einer Vermögensbesteuerung mit Entsetzen zurückweisen würden. Nutznießer der Inflation sind vor allem Personen und Firmen vom wachen, mit Kredit arbeitenden, beweglichen, spekulativen Typus und überhaupt die schlauen, flinken Raubtiere des Wirtschafts- und Finanzdschungels.

Die Inflation bringt nicht allen Firmen unbedingt Nutzen, wie viele Leute irrigerweise glauben. In den Vereinigten Staaten hat die Inflation in den letzten Jahren sowohl die Möglichkeiten als auch die Mittel einer neuen Art innerkapitalistischer Finanzaggression geschaffen. Räuberische Mischkonzerne mit überhöhten Aktienkursen und Zugang zu großen Bankkrediten haben sich in Blitzaktionen alteingesessene Firmen mit scheinbar solider Leitung einverleibt. Ohne viel Umstände wurde so mancher überrumpelte Insasse eines Direktionszimmers auf die Straße gesetzt. Viele verwöhnte junge Diplomkaufleute oder Doktoren der Wirtschaftswissenschaften, die sich in der kapitalistischen Welt gefühlt hatten wie Fische im Wasser, erhielten Elementarunterricht in den Leiden kapitalistischer Arbeitslosigkeit.

Die Inflation in den Vereinigten Staaten hat in letzter Zeit Massen von Menschen in allen Lebenslagen geschädigt und erbittert, nicht nur die Armen, wenngleich diese die Hauptopfer sind. Sie hat dazu beigetragen, das Vertrauen zum Staat und zu den öffentlichen Institutionen zu unterminieren. Sie hat mitgeholfen, einem radikalen sozialen Wandel den Boden zu bereiten, obgleich nicht notwendigerweise in dem Sinn, wie die Linke ihn wünscht. Infolge der Uneinigkeit der amerikanischen Arbeiterklasse besteht die ernste Gefahr einer faschistoiden Reaktion auf die Inflationskrise.

Trotz vieler gemeinsamer Züge enthält jede nationale und internationale Inflation ihre spezifischen, durch die jeweilige historische Situation bedingten Elemente. Man müßte viele Bücher schreiben, um die Dutzende Arten und Hunderte Abarten der Inflationserscheinungen, die im Zeitalter des Kapitalismus bereits vorgekommen sind, zu beschreiben. Es hat auch Inflationen im Zusammenhang mit revolutionären sozialen Umwälzungen gegeben, wobei die Hauptlast der Folgen auf die Ober- und Mittelschichten und nicht auf die Armen fiel. Dies kann eintreten, wenn beispielsweise eine revolutionäre Regierung stark genug ist, auf Grund eines wirksamen Rationierungssystems die lebenswichtigen Konsumgüter in ausreichenden Mengen und zu fixen niedrigen Preisen zu verteilen.

3 Aus Stimulans wird Gift

Nehmen wir unsere Schlußfolgerung über das Wesen der Inflationskrise als These vorweg: Die Krise ist da, weil die Inflation in Amerika sich in ihr Gegenteil verwandelt. Sie verwandelt sich von einem Tonikum in ein Toxikum. In ihrer Tonikum-Phase stimulierte die Inflation die Produktion und verringerte die Arbeitslosigkeit. Als die Arbeitslosigkeit (die industrielle Reservearmee) auf einen Stand abgesunken war, wo die Profite gefährdet schienen, spielte die Inflation eine Zeitlang eine Ersatzrolle, um den Ausbeutungsgrad aufrechtzuerhalten. Im Lauf der Zeit trug die Reaktion der Arbeiterklasse auf die Inflation zu einer schnellen Steigerung der Inflationsrate bei. Dies wieder schwächte den bereits beschädigten Mechanismus des amerikanischen Kapitalismus zum Ausgleich von Störungen noch mehr. Schließlich bewirkte die Inflation eine endemische Geld- und Kreditkrise und führte (im Zusammenwirken mit anderen Kräften) zur Sprengung des internationalen kapitalistischen Währungs- und Handelssystems und zu einer empfindlichen Senkung der Durchschnittsprofitrate.

Als die Inflationskrise fortschritt, war die amerikanische Regierung gezwungen, sich einer Reihe verzweifelter Hilfsmittel zu bedienen, um das alte Ausbeutungsverhältnis aufrechtzuerhalten:

1969 und 1970 suchte sie dies durch eine restriktive Geld- und Kreditpolitik zu erreichen, deren Zweck die Erhöhung der Arbeitslosigkeit war;

1971 und 1972 versuchte sie es mit Lohn- und Preiskontrolle (in der Praxis vor allem Lohnkontrolle);

1973 kehrte sie zu einer Intensivierung der Inflation zurück.

Im Frühjahr 1973 trat in Amerika ein inflationsbedingter Produktions- und Profitboom ein, begleitet von beträchtlichen Preissteigerungen, ohne daß jedoch die Arbeitslosigkeit abgenommen hätte. In der gesamten amerikanischen Wirtschaft herrscht ein Gefühl großer Unsicherheit. Ein Anzeichen dafür ist der starke Rückgang der Aktienkurse auf den tiefsten Stand seit zwanzig Jahren — mit Ausnahme einiger Paradefälle von Wachstumsindustrien.

Betrachtet man diese Paradefälle näher, erhält man ein zwar komisches, aber zugleich makabres Bild von der gegenwärtigen inflationsbedingten Verrücktheit der amerikanischen Hochfinanz. Neben soliden, bankengestützten Pensionsversicherungen findet man so respektable Unternehmen wie Avon Products (Kosmetik-Versand), MacDonalds (Würstel und Milchgetränke), Walt Disney (Mickey-Maus-Produkte) und Polaroid (Schnellfoto-Kameras).

4 Rassismus als Inflationsursache

Die große Krise der dreißiger Jahre hat bei der amerikanischen Kapitalistenklasse die Überzeugung hinterlassen, daß sie nie wieder eine Massenarbeitslosigkeit bei weißen städtischen Arbeitern riskieren darf. Die amerikanischen Kapitalisten haben sich kaum große Sorgen gemacht über Massenarbeitslosigkeit unter dem Landproletariat, dem weißen wie dem farbigen, oder über städtische Massenarbeitslosigkeit unter Farbigen, Portorikanern, Mexikanern, Indianern und anderen nicht blütenweißen ethnischen Minderheiten. Die gegenwärtige Arbeitslosenrate unter diesen Gruppen kommt der allgemeinen Arbeitslosenrate auf dem Höhepunkt der Krise der dreißiger Jahre nahe. Die Kriegsjahre ausgenommen, hat die große Krise für Amerikas unterprivilegierte Minderheiten in Wirklichkeit nie aufgehört.

Der weiße Rassismus hat eine tiefe politische, ideologische und geistige Uneinigkeit in der Arbeiterklasse erzeugt. So konnten die amerikanischen Kapitalisten und ihre Regierung sich weitgehend von der Sorge über Not und Unzufriedenheit der Arbeiterklasse befreien. Es wird von entscheidender Bedeutung für den Ausgang der Inflationskrise sein, ob die Arbeiterklasse imstande ist, ihre Uneinigkeit zu überwinden.

In den dreißiger Jahren lernte die amerikanische Kapitalistenklasse auch, wie wichtig es für sie war, den militant antikapitalistischen und prosozialistischen Geist des Klassenkampfes, der die in jenem schicksalhaften Jahrzehnt entstandenen großen Industriegewerkschaften erfüllte, zu zügeln und zu brechen. Man verstand sehr wohl, daß es etwas kosten würde, die neuen Gewerkschaften zur Klassenzusammenarbeit zu bekehren und den Einfluß der militanten Funktionäre in den örtlichen Gewerkschaftsleitungen und unter der Mitgliederschaft zu eliminieren.

Im Zweiten Weltkrieg und in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre wurde ein „ungeschriebener Vertrag“ zwischen Regierung, Gewerkschaften und Konzernen abgeschlossen. Das wichtigste Element in diesem Arrangement der Klassenzusammenarbeit war die Übereinkunft, daß zur Verhinderung von Massenarbeitslosigkeit Staatsausgaben in den wichtigsten Industriezweigen getätigt werden sollten, wenn nötig auch unter Inkaufnahme eines Staatsdefizits (deficit spending). Da Beschäftigung, Produktion und Profite voneinander abhängige Variable sind, bedeutete eine solche Ausgabenpolitik zugleich eine — wie man hoffte, ausgiebige — Stützung der Profite. Zwar gab es viel Streit über Einzelheiten der Auftragsverteilung, aber Einmütigkeit darüber, daß Staatsausgaben und -kredite zur Förderung der Produktion in Zweigen wie Flugzeug- und Rüstungsindustrie, Straßen- und Wohnungsbau mit den Bedingungen des stillschweigenden Abkommens im Einklang stehen müßten. Die gleiche grundsätzliche Einmütigkeit herrschte bezüglich anderer großer Staatsausgaben im Zusammenhang mit der Außenpolitik, wie Exporte im Rahmen des Marshallplans und Militär- und Wirtschaftshilfe an befreundete Staaten in allen Erdteilen. Natürlich erstreckte sich der Konsensus auch auf die massiven Staatsausgaben für den Korea- und den Vietnamkrieg. Die Produktions- und Beschäftigungsausweitung, die durch diesen Konsensus bewirkt wurde, kam der blütenweißen Arbeiteraristokratie sehr zugute, ohne das Anwachsen der Arbeitslosigkeit unter den Arbeitern außerhalb dieser privilegierten Gruppe zu verhindern.

5 Sturz bei „kurzfristigen Fälligkeiten“

Dieses scheinbar narrensichere Arrangement berücksichtigte alles, außer den Widersprüchen des Kapitalismus. Zunehmende Beschäftigung und abnehmende Arbeitslosigkeit (marxistisch: Verringerung der industriellen Reservearmee) ist gleichbedeutend mit wachsender Produktion und wachsenden Profiten. Unter solchen Bedingungen verringert sich jedoch die Manipulierbarkeit der Arbeiter in bezug auf die Quantität ihrer Ausbeutung, das heißt also, der Aufrechterhaltung und Erweiterung des Mehrwerts in seinen verschiedenen Formen (Profite, Zinsen, Renten, Dividenden, Kapitalzuwachs, hohe Gehälter und Prämien für Konzernmanager usw.). Wenn die Beschäftigungsrate steigt, und noch bevor Vollbeschäftigung oder Beinahe-Vollbeschäftigung erreicht ist, kommen die Arbeiter in die Lage, große Lohnerhöhungen durchzusetzen und stärkeres Ansteigen der Lohnrate ins Auge zu fassen. Dies bedeutet die Gefahr einer starken Senkung der künftigen Profitraten und vor allem des jeweils kapitalisierten Werts der künftigen Profite, der sich in den Aktienkursen widerspiegelt. Es ist nämlich durchaus nicht sicher, ob die Binnen- und die Weltmarktlage es gestatten werden, Lohnerhöhungen ganz oder zum größten Teil auf die Preise zu überwälzen. Preiserhöhungen haben schwer vorhersehbare Auswirkungen auf die Absatzmöglichkeiten einzelner Industriezweige und Firmen, selbst in sogenannten monopolistischen oder oligopolistischen Branchen. So kann beispielsweise eine Erhöhung der Stahlpreise die Stahlverbraucher aus ihrer Trägheit aufrütteln und sie anregen, die Möglichkeiten der Ersetzung von Stahl durch Kunststoffe, Zement, Glasfiber, Aluminium usw. zu erkunden. Oder sie könnte auch zur Folge haben, daß heimischer Stahl durch Importstahl ersetzt wird.

Außer den unsicheren Auswirkungen auf Marktpositionen und Absatz bringt die Überwälzung der Lohnerhöhung auf die Preise auch unangenehme Finanzprobleme mit sich. So muß man — um nur ein Beispiel zu nennen — den Kunden mehr Kredit einräumen, damit sie die höheren Preise zahlen können. Allgemeiner gesprochen, erfordert die Warenzirkulation (einschließlich der Ware Arbeitskraft) zu erhöhten Preisen eine Expansion des Geldumlaufs und des Bankkredits, um den vermehrten Geldwert der Warenzirkulation zu tragen. Bei höheren Löhnen und Preisen müssen die Firmen mehr Bankkredite in Anspruch nehmen und somit die Rubrik „Kurzfristige Verbindlichkeiten“ in ihren Bilanzen erweitern. Diese Rubrik in der Bilanz ist eine verwundbare Stelle und ein potentieller Bankrottherd in jeder kapitalistischen Firma, von einer kleinen Ladenkette bis, sagen wir, zur Penn Central Railroad. Außerdem verlangt man, wenn die Inanspruchnahme der verfügbaren Kreditmittel zunimmt, von den Firmen höhere Zinsen für Bankdarlehen und für neu aufgelegte Obligationen. Wenn der Zinsfuß steigt, unterliegt der kapitalisierte Wert der Firmen, der sich auf den diskontierten Gegenwartswert ihrer erwarteten künftigen Profite gründet, einem zusätzlichen Druck nach unten. Dies drückt weiter auf die Aktienkurse und erhöht die Kosten zusätzlicher Kapitalaufbringung (neuer Aktienemission). Es verringert auch die Kreditwürdigkeit von Firmen und Einzelpersonen, weil der Wert der zur Erlangung von Darlehen angebotenen Sicherheiten reduziert wird. Und dies ist noch keineswegs das Ende einer Kette von gefährlichen Folgen, die sich aus einer schnellen Kreditausweitung ergeben.

6 Was kann Keynes?

Derartige Gedanken über die Widersprüche kapitalistischer Expansion und Akkumulation finden sich in den Arbeiten solcher Ökonomen wie Karl Marx, Thorstein Veblen und Wesley Mitchell. Dagegen ist in den großzügigen makroökonomischen Formeln der keynesianischen Schule für derlei Analysen kein Platz. Lauschen wir einen Augenblick der Frohbotschaft, die uns die modernen Inflationsapostel überbringen. Das Evangelium, welches die Keynesianer predigen, lautet ungefähr so: Wehre dich nicht zu sehr, wenn die Arbeiter Lohnforderungen stellen, und versuche vor allem nicht, die Arbeiter durch Vermehrung der Arbeitslosigkeit kleinzukriegen. Gib den Arbeitern nur ruhig so viel Geld ins Lohnsackerl, wie notwendig ist, um sie für den Augenblick zu beruhigen, und dann, wenn sie nicht aufpassen, entschädige dich für die Lohnerhöhung mit Preissteigerungen. (In marxistischer Terminologie: Ersetze die industrielle Reservearmee durch Preistreiberei). Mach dir keine Sorgen wegen der Konkurrenten. Wenn sie auf uns Keynesianer hören, werden sie allesamt mehr oder minder das gleiche tun, und es wird eine allgemeine Erhöhung der Löhne, der Profite und der Warenpreise geben, so daß die Konkurrenzverhältnisse unverändert bleiben. Und im Ausland wird es nicht anders sein, da das keynesianische Evangelium die Welt erobert, also brauchst du dir auch über die ausländische Konkurrenz nicht den Kopf zu zerbrechen.

Und was das Mehr an Geld und Kredit betrifft, das notwendig ist, um die Zirkulation bei höheren Preisen aufrechtzuerhalten, so ist dies das einfachste Problem der Welt, wenn man nur dem Evangelium des heiligen John Maynard Keynes folgt. Das Evangelium schlägt, ins Weltliche übertragen, ein mystisch-metaphysisches Thema an: Im Anfang war das Defizit, das Defizit war in Gott, und Gott war das Defizit. Die Staatsausgaben, die ein wachsendes Maß an kaufkräftiger Nachfrage, Produktion, Beschäftigung und Profit bewirken, lassen einen reichen Strom monetären Weihwassers in Gestalt von Staatsschuldscheinen entspringen. Papier verwandelt sich in Fleisch und Blut, das heißt in Bargeldreserven der Zentralbanken und Geschäftsbanken. Diese bilden die Grundlage für eine Kreditausweitung auf zumindest das Fünffache.

Außerdem gibt es noch alles Mögliche, das Regierungen und Zentralbanken tun können, um den Firmen reichlich Kreditgelder zur Verfügung zu stellen. Und in der keynesianischen Vision von der „Euthanasie des Rentiers“ haben sie freie Hand, was die Verzinsung von Bankkrediten und langfristigen Darlehen betrifft, und können, wenn nötig, den Zinsfuß bis fast auf den Nullpunkt hinunterdrücken. Kurz, durch geschicktes Manipulieren mit defizitären Staatsausgaben, Zentral- und Geschäftsbankkrediten, Zinsen, Steuern und vielleicht durch gelegentliches Herumbasteln an Einfuhrzöllen und -quoten ist das ganze Arrangement erfolgreich zu steuern. Die Wirtschaft kann „feingestimmt“ werden, um die Arbeitslosigkeit niedrig und Produktion und Profite hoch zu halten. Alles steht zum Besten in der besten aller möglichen Welten, und der einzige Preis, der für das Arrangement zu zahlen bleibt, ist der geringfügige soziale Nachteil eines Ansteigens des allgemeinen Preisniveaus um harmlose 2 bis 3 Prozent jährlich.

Vom Standpunkt der Erhaltung des Kapitalismus ist das Ziel der Keynesianischen Inflationsstrategie ebenso lobenswert wie simpel. Es besteht darin, das höchstmögliche Niveau von Produktion, Beschäftigung und Profit zu erreichen und zu halten. Das heißt, der Wirtschaftszyklus muß abgeflacht oder gänzlich abgeschafft werden. Vor allem müssen die zyklischen Krisen verhindert werden. Produktion und Beschäftigung dürfen sich nur in einer Richtung bewegen — aufwärts. Expansion und Akkumulation des Kapitals müssen ununterbrochen weitergehen.

7 Ware-Geld-Polarität

So erstrebenswert diese Ziele für den Kapitalismus auch sind — die zyklische Daseinsweise des Kapitalismus wohnt ihm gesetzmäßig inne, sie ist eine Störung, die periodisch in der Ware-Geld-Polarität eintritt. Diese Polarität ist eine fundamentale Voraussetzung für das Gleichgewicht und die innere Disziplin warenproduzierender Systeme.

Lange bevor die moderne keynesianische Inflationsstrategie geboren war, hatte sich in Dutzenden Episoden der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte gezeigt, daß das System unweigerlich versucht, die Ware-Geld-Polarität durch Kreditausweitung in der aufsteigenden Phase des Konjunkturzyklus auszumerzen. Es versucht, sozusagen alle Waren in Geld zu verwandeln, indem (gegen Lagerbestände und potentieller Produktion als Sicherheit) in wachsendem Maß Bankkreditgelder flüssig gemacht werden. Solange jedoch die keynesianische Inflationsstrategie noch nicht erfunden war, wurde die gestörte Waren-Geld-Polarität stets durch Krediteinschränkung oder sogar durch den Zusammenbruch des ganzen Kreditwesens in der absteigenden Phase des Konjunkturzyklus wiederhergestellt.

Das Keynessche Schema war vor allem ein kühner, wenngleich unbewußter Versuch, die Ware-Geld-Polarität permanent auszumerzen. Unbewußt deshalb, weil seine Urheber keine Ahnung davon hatten, daß diese Polarität eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität warenproduzierender Systeme ist. Was die keynesianische Strategie im Grunde erreicht hat, ist ein Zustand permanenter Unordnung und Instabilität, eine endemische, kaum verhüllte permanente Geld-Kredit-Krise im Weltmaßstab. Die keynesianische Strategie ist geradezu die Wurzel der Inflationskrise und eine der Ursachen des paradoxen Nebeneinanders von Inflation und Arbeitslosigkeit. Ein hoher Beschäftigungsstand ist nämlich unmöglich in einer Wirtschaft, die sich ständig am Rand eines finanziellen Nervenzusammenbruchs befindet. Wenn also die Inflation den Kapitalismus in ein mehr oder minder permanentes inneres Chaos gestürzt hat, ist sie kein brauchbarer Ersatz für die industrielle Reservearmee mehr. Das System reagiert nicht mehr positiv auf inflationäre Drogen (es scheint sie nun als Gift zu empfinden) und beginnt sich in Krämpfen zu winden, während es versucht, das grundlegende innere Gleichgewicht wiederzufinden, das es zum Überleben braucht.

Der Anstieg von Beschäftigung, Produktion, Preisen und Kredit gefährdet den kapitalisierten Wert künftig zu erwartender Profite (ausgedrückt in Aktienkursen) von zwei Seiten: durch verminderte Gewinne und durch den stärkeren Diskontierungseffekt höherer Zinsen. Eine Expansion, die von einem ständig wachsenden Kreditstrom gespeist wird, führt unvermeidlich zu ernsten inneren Ungleichgewichten in der Produktionsstruktur, wie relative Überproduktion in manchen Industriezweigen und relative Unterproduktion in anderen.

Bei fortschreitender Expansion kommt es nicht nur zu einer allgemeinen Geld- und Kreditverknappung, sondern auch zu besonders starken finanziellen Spannungen in den Firmen. Wie Thorstein Veblen in seiner Theory of Business Enterprise gezeigt hat, müssen kapitalistische Firmen, um ihre Profite zu maximieren, in größtmöglichem Maßstab Kredite nehmen bzw. geben. Was in der kapitalistischen Wirtschaft am schnellsten wächst sind die Schuldverschreibungen, und zwar sowohl auf der Soll- als auch auf der Habenseite. Auf der Habenseite stehen die Schulden der Kunden. Auf der Sollseite stehen die Forderungen von Lieferanten und Banken. Die Forderungen der einen Firma sind jedoch die Schulden der anderen. Wenn die Firma A ihre Forderungen an die Firma B nicht einbringen (oder durch Verkauf Bargeld flüssig machen) kann, ist sie nicht imstande, ihre Schulden an die Firma C zu zahlen, und so weiter. Der Bankrott einer großen Firma kann daher eine ganze Kettenreaktion von Bankrotten auslösen.

8 Immer weniger Geld

Bei fortschreitender allgemeiner Wirtschaftsexpansion verringern sich in den meisten Firmen infolge der Zunahme von Anlagen, Ausrüstung, Lagerbeständen und Verkauf-auf-Kredit die flüssigen Aktiva (Bargeld und handelbare Sicherheiten) im Verhältnis zu den Verbindlichkeiten, insbesondere den kurzfristigen. Mit anderen Worten, die Liquidität verschlechtert sich. Wenn die Liquiditätslage einiger bedeutender Firmen sich ernstlich verschlechtert, droht dem gesamten System der kapitalistischen Firmen ein allgemeiner Kreditzusammenbruch. Eine solche Situation wird gewöhnlich als Liquiditätskrise bezeichnet. Die Ungleichgewichte in Produktionskapazitäten und Lagerbeständen, die in jeder Konjunkturperiode unweigerlich auftreten, führen in Verbindung mit der Abnahme der industriellen Reservearmee und mit der allgemeinen Kreditexpansion ebenfalls zwangsläufig zu einer Liquiditätskrise.

Die Widersprüche der kapitalistischen Expansion (marxistisch: der Kapitalakkumulation), die wir eben in schematischer Kürze beschrieben haben, würden „normalerweise“ (das heißt, ohne kräftige Staatsintervention im Sinn der keynesianischen Inflationsstrategie) eine zyklische Krise hervorrufen. Diese würde eine Liquiditätskrise, eine starke Aktienbaisse und eine schwere Erschütterung des Vertrauens von Firmen und Kunden umfassen. Luxusausgaben, aufschiebbare Aufwendungen für dauerhafte Konsumgüter und Investitionen würden einen scharfen Rückgang erleiden. Es käme zu einer starken Zunahme der Bargeldhortung und zu einer langen Kette von Firmenzusammenbrüchen, Banken nicht ausgenommen. Die Krise würde eine mehr oder minder lange Depressionsperiode einleiten, in der Produktion, Beschäftigung, Löhne und Profite allgemein sinken würden.

Die Hauptfunktion einer „normalen“ kapitalistischen Depression ist vom Standpunkt der langfristigen Interessen der Kapitalakkumulation eine heilsame, mögen die Folgen für die Opfer noch so verheerend sein. Die wichtigsten Elemente eines solchen „Heilungsprozesses“ wären die Wiederbildung einer industriellen Reservearmee, die Schwächung der Verhandlungsposition der Arbeiterklasse und die Verbesserung der Ausbeutungsmöglichkeiten für die Kapitalistenklasse. Die Depression würde auch eine große Zahl schwächerer Firmen ausmerzen und deren Produktionskapazitäten zu Schleuderpreisen in die Hände einer kleineren Zahl finanzkräftigerer Unternehmen bringen. Sie würde zum Abbau von Produktionskapazitäten und Lagerbeständen und zum Ausgleich von Mißverhältnissen zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen führen. Für jene überlebenden Firmen, die mit den geringsten Verlusten davongekommen sind und die relativ größte Verbesserung der Liquiditätslage und des Gewinnpotentials aufweisen, würden die Bedingungen zur Erlangung neuer Bankkredite und langfristiger Kredite (Obligationen- und Aktienemission) erleichtert werden. Kurz, die Depression würde eine neue Phase der Produktions- und Profitexpansion, das heißt der beschleunigten Kapitalakkumulation vorbereiten. Die neue Phase würde mit einer kleineren Zahl von Firmen überdurchschnittlicher Größe einsetzen. Von Zyklus zu Zyklus verstärken sich Konzentration und Zentralisation des Kapitals, das heißt die Bildung von oligopolistischen und monopolitistischen Positionen.

9 Marx erklärt die Krise

Das Hauptziel der keynesianischen Inflationsstrategie besteht darin, zyklische Krisen zu verhindern und zugleich die Arbeiterklasse ausbeutbar zu halten. Doch das behindert und hemmt den klassischen kapitalistischen Selbstheilungsprozeß. Das ist die tiefste Wurzel der Inflationskrise, die letztlich Chaos und Unordnung im Weltmaßstab produziert.

Marx entwickelt die Polarität von Geld und Ware im ersten Band des Kapital. Ausgehend vom Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert (eingekleidet in die Hegelsche Terminologie, die für Marx natürlich war, uns heute aber fremd ist), zeigte Marx, daß dieser Gegensatz notwendig eine Polarität innerhalb der Warenwelt zur Folge hat. Es handelt sich um den Gegensatz zwischen gewöhnlichen Waren und einer besonderen Ware, dem Geld. Nur die Ware Geld besitzt die Eigenschaft unmittelbarer, sofortiger Kaufkraft. Hingegen erlangen gewöhnliche Waren Kaufkraft nur indirekt, über den oft schmerzhaften Prozeß der Umwandlung in Geld. Um es in der typisch „warenfetischistischen“ Form auszudrücken: alle gewöhnlichen Waren müssen sich für Geld verkaufen und die damit verbundene Demütigung erdulden. Im Gegensatz dazu ist die Ware Geld, sie allein, der stets umschmeichelte, verehrte Herr und Meister über die gewöhnlichen, niedrigen Waren.

Die oft schmerzlichen Erfahrungen, die mit der Umwandlung gewöhnlicher Waren in Geld verbunden sind, haben einen „wohltätigen“ Effekt auf das System als Ganzes, da von ihnen die Marktsignale ausgehen, welche die Produzenten als Warnungen vor Überproduktion benötigen. Ohne die Ware-Geld-Polarität und die signalerzeugenden Spannungen gäbe es keinen Mechanismus zur Ausrichtung des Systems im Sinn von Gleichgewicht und Proportionalität zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen.

In seiner Analyse dieser Polarität betrachtet Marx das Gold als die einzige Geldform. Papiergeld und sein Sprößling — das Kreditgeld — machen die Waren-Geld-Polarität komplizierter, beseitigen sie aber nicht. Sie schwächen oder hemmen lediglich zeitweilig diese Polarität.

In einer Periode stark zunehmender Kreditkäufe läßt sich der gesamte Güterstoß so leicht verkaufen, daß die Illusion entsteht, dies werde ewig so weitergehen, das heißt, die Ware-Geld-Polarität sei endgültig aufgehoben. In solchen Zeiten, sagt Marx im ersten Band des Kapital, proklamieren die Kapitalisten freudig, alle Waren seien Geld. Dies, meint er, sei ebenso möglich, wie jeder Katholik Papst werden könne.

Der Konjunkturzyklus besteht aus einer Expansionsphase, in der die Ware-Geld-Polarität abgeschwächt, und einer Schrumpfungsphase, in der diese Abschwächung wieder aufgehoben wird. Der kritische Punkt, an dem die Expansion in Schrumpfung umschlägt, umfaßt drei Aspekte: eine Arbeitskräftekrise, eine Geldkrise und eine Warenkrise. (Dies entspricht der Grundstruktur der kapitalistischen Warenproduktion, die neben gewöhnlichen Waren zwei besondere Waren kennt: Arbeitskraft und Geld).

Die Arbeitskräftekrise hat die Form einer völligen oder fast völligen Ausschöpfung der industiellen Reservearmee; die Folge ist, daß die Arbeiterklasse sich weniger leicht ausbeuten läßt. Die Geldkrise nimmt die Gestalt einer Liquiditätskrise an. Die Warenkrise äußert sich in Disproportionen zwischen den Produktionskapazitäten und Lagerbeständen der einzelnen Industriezweige. Da diese drei Aspekte der zyklischen Krise miteinander zusammenhängen, treten sie in der Regel mehr oder minder gleichzeitig auf und verschwinden auch gleichzeitig wieder. Am augenfälligsten und dramatischsten ist die Liquiditätskrise. Daraus ergibt sich die Illusion, der Wirtschaftszyklus sei ein rein monetäres oder finanzielles Phänomen und könne daher durch geschickte Handhabung des Geld-, Kredit- und Steuerwesens eliminiert werden. Diese Illusion ist der tragende Pfeiler der keynesianischen Inflationsstrategie.

Die Illusion wird durch gewissen Veränderungen bestärkt, die in der Ära des Monopolkapitalismus eingetreten sind. Mammutkonzerne haben die Mittel, die Angebot- und Nachfragesituation für ihre Produkte genau zu erforschen. Diese Marktforschung führt zu Gegentendenzen gegen die bei starker Expansion entstehenden Gleichgewichtsstörungen. Unter dem Druck der Inflationsstrategie verschiebt sich die Unordnung tendenziell von der Produktions- und Marktebene aufwärts zur Finanzebene. Hier zeigen sich in den letzten Jahren wachsende Schwankungen im Geldwert von Forderungen und Verbindlichkeiten, wachsende Schwankungen in den über die Staatsgrenzen ein- und ausgehenden Bargeldbewegungen, wachsende Schwankungen der Zinsfüße (besonders bei kurzfristigen Darlehen), wachsende Schwankungen in der Verfügbarkeit von Krediten und liquiden Guthaben. Ein sehr wichtiges destabilisierendes Phänomen ist die in jüngster Zeit feststellbare Tendenz zur Ausschaltung von Vermittlungen: Kapital wird von den vermittelnden Finanzinstituten (Banken, Versicherungen usw.) abgezogen und direkt in Staats- und anderen Wertpapieren angelegt.

Unsere Argumentation ist im wesentlichen eine Wiederholung und Erweiterung der Analyse, die Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie (1859) über die irrigen Geldtheorien von John Gray und Proudhon angestellt hat. Wie die keynesianische Inflationsstrategie zielten auch diese Theorien — sicherlich unbewußt — auf die Eliminierung der Ware-Geld-Polarität.

Ein wichtiger Faktor der amerikanischen Nachkriegsinflation war, daß nach einiger Zeit der gewerkschaftlich organisierte Teil der Arbeiterklasse sich an die keynesianische Strategie anzuhängen begann. Nach einigen bitteren Erfahrungen ging man dazu über, bei Lohnforderungen nicht nur den vergangenen, sondern auch den zu erwartenden Kaufkraftverlust in Rechnung zu stellen.

10 Dynamisierte Inflation

Mit anderen Worten, die Inflationserwartungen spielten eine wachsende Rolle. Sobald diese Erwartungen einmal vom Denken der Menschen — der Arbeiter, der Unternehmer und aller anderen — Besitz ergriffen hatten, begann die Inflationsspirale sich mit zunehmender Geschwindigkeit zu drehen („Dynamisierung“ der Inflationsparameter).

Im allgemeinen funktionierte die Inflationsstrategie solange gut, als sie nur eine Strategie der Eingeweihten, das heißt der obersten Ränge des Establishments war. Als sie jedoch Allgemeingut wurde und alle Leute mitzuspielen begannen, jeder etwas unternahm, um sich gegen die Inflation zu sichern oder um aus ihr Gewinn zu ziehen, war die Inflationsstrategie als wirksames ökonomisches Stimulans zum Scheitern verurteilt. Sie verwandelte sich in einen Faktor von Unordnung und Chaos.

Die Urheber und Apologeten der Inflation schreiben die wachsende Unordnung gewöhnlich überhöhten Lohnforderungen zu. Ihrer Meinung nach gibt es eine „brave“ Inflation (Nachfragesog), welche die Nachfrage, Produktion und Beschäftigung fördert, und eine „schlimme“ (Kostendruck), die destruktive Folgen hat. Nur die schlimme Variante, die durch die Begehrlichkeit der Arbeiter hervorgerufen werde, bringe die kapitalistische Wirtschaft in Unordnung, verstärke die Arbeitslosigkeit und senke die Profitrate.

Es ist nicht schwer, die Flachheit dieses Arguments nachzuweisen. Es ist ein Gemeinplatz, daß die Inflation ein starker Anreiz zum Schuldenmachen ist. Nicht nur der Staat und die Konsumenten finden es nützlich, heute zu borgen und morgen in entwertetem Geld zurückzuzahlen, sondern auch die Unternehmen, Firmen und Spekulanten. Wir haben bereits gesehen, daß selbst ohne den besonderen Anreiz der Inflationsstrategie die Firmen in der aufsteigenden Phase des Konjunkturzyklus beispielsweise mehr Bankkredit in Anspruch nehmen müssen, um das zusätzliche Geldkapital zu erhalten, das sie brauchen, um bei steigendem Preis- und Lohnniveau Geschäfte machen zu können. Die Inflation veranlaßt sie, noch mehr Geld aufzunehmen, um andere Firmen aufzukaufen und in Erwartung einer Preiserhöhung ihre Lagerbestände zu vergrößern. Die Inflation stimuliert auch die spekulative Erweiterung von Produktionsanlagen sowie die Errichtung luxuriöser Büro- und Wohnbauten. Ferner bildet die Inflation einen Anreiz, in Aktien, Sachwerten und Grundbesitz zu spekulieren. Die meisten Spekulanten arbeiten zum Großteil mit geborgtem Geld.

Die von der Inflation inspirierten Spekulationsformen bilden eine fast endlose Reihe. Entscheidend ist, daß das Anwachsen des Spekulationswahns die innere Disziplin der kapitalistischen Produktion untergräbt; damit nehmen auch die Disproportionen, die Engpässe und Dutzende andere Formen von Funktionsstörungen zu.

Die Unternehmer, die Spekulanten Geld leihen, sind keineswegs alle dumm, und die Inflation zeigt bald genug, wie falsch die keynesianische Formel von der Euthanasie des Rentiers ist. Die steigende Nachfrage nach Geschäfts- und Spekulationsdarlehen und die Voraussicht, daß diese Darlehen in entwertetem Geld zurückgezahlt werden, machen es für die Verleiher nicht nur möglich, sondern sogar notwendig, höhere Zinsen zu verlangen. Doch höhere Zinsen bringen, wie wir gesehen haben, eine Menge nachteiliger Folgen mit sich. Obligationen und Aktien sinken im Kurs, was den Spekulanten, die solche Papiere mit geborgtem Geld gekauft haben, besonders schwere Verluste bringt. Die Inflationsstrategie verstärkt alle Faktoren, die zu einer Liquiditätskrise beitragen. Geld und Kredit werden knapp; an tausend verschiedenen Stellen setzt Geldhortung ein; und die gesamte inflationierte Wirtschaftsstruktur wird von der Gefahr einer schweren Deflation bedroht.

Unter solchem Umständen wird der Staat dazu gedrängt, die Liquiditätskrise durch zusätzliche Inflation zu mildern. Tatsächlich wurden die Liquiditätskrisen der Jahre 1966 und 1969-1970 auf diese Weise gelindert. Die Federal Reserve Bank kaufte Regierungsschuldscheine auf; durch ein solches Vorgehen werden Bargeldreserven in das Geschäftsbankensystem gepumpt und die Zinsen für kurzfristige Darlehen gesenkt.

Das inflationäre Doping hatte zwei nachteilige Folgen. Einerseits wurde die innere Stabilität der amerikanischen Wirtschaft noch mehr geschwächt; anderseits wurden Kräfte entfesselt, die im Zusammenwirken mit dem Vietnamkrieg und den Finanzoperationen der amerikanischen multinationalen Banken und Konzerne das gesamte internationale kapitalistische Währungs-, Kredit- und Handelssystem überhitzten.

11 Volksfront in den USA?

Lohn-Preis-Kontrolle ist nur dann ein brauchbarer Ersatz für die industrielle Reservearmee, wenn sie in der Praxis viel Lohnkontrolle und wenig Preiskontrolle bedeutet. Da die amerikanischen Gewerkschaften kaum gewillt sein werden, sich auf unbegrenzte Zeit mit dieser Spielart der Lohn-Preis-Kontrolle abzufinden, werden die Kapitalisten zweifellos versuchen, zusätzliche gewerkschaftsfeindliche Maßnahmen durchzusetzen, z.B. Zwangsschlichtung von Arbeitskonflikten, um nur eine naheliegende Möglichkeit zu erwähnen. Die amerikanischen Gewerkschaften, die nur eine Minderheit der amerikanischen Arbeiterklasse erfassen und obendrein durch Rassismus und Mängel an innerer Demokratie geschwächt sind, sind sehr verwundbar für politische, ökonomische und legislative Angriffe. Sie können als Monopole, als korrupt, als Inflationsmotoren, als Brutherde des Rassismus angegriffen werden, wofür sich nicht wenige überzeugende, wenngleich unehrliche Argumente vorbringen lassen.

Es erscheint fast unvermeidlich, daß die obersten Gremien der amerikanischen Kapitalistenklasse versuchen werden, die Inflationskrise durch ein in den Vereinigten Staaten beispielloses Maß an autoritärer Staatseinmischung zu lösen. Solch ein halbfaschistisches Interventionsregime (ich denke hier bereits an Nixons Nachfolger) könnte sogar die Unterstützung der nichtorganisierten Mehrheit der amerikanischen Arbeiter suchen, um die Gewerkschaften kleinzukriegen.

Die klügste Reaktion der amerikanischen Gewerkschaften auf solch eine gewerkschaftsfeindliche Strategie wäre das Eintreten für eine von ihnen unterstützte Volksfrontregierung. Das würde jedoch vor allem die Einigung der amerikanischen Arbeiterklasse erfordern. Und diese wieder hängt zusammen mit einer sozialistischen Perspektive, einem entschlossenen Kampf gegen den Rassismus und einer großen, das ganze Land umfassenden Kampagne zur Organisierung der unorganisierten Arbeiter. Die Aussichten auf solche eine Alternative zur kapitalistischen Lösung der Inflationskrise erscheinen nicht sehr rosig. Aber 1934-1938 setzte in den Vereinigten Staaten, was die Organisierung und Radikalisierung der Arbeiterklasse betrifft, eine Entwicklung ein, von der man sich 1930 nicht einmal hätte träumen lassen. Ein neuer Sprung vorwärts in dieser Richtung liegt im Bereich des Möglichen. Vom marxistischen Standpunkt ist es die einzige Alternative zum wachsenden Chaos der Inflationsstrategie und zum halbfaschistischen Terror einer autoritären kapitalistischen Strategie, die deren Nachfolgerin sein könnte.

© Monthly Review, New York

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1974
, Seite 27
Autor/inn/en:

Jacob Morris:

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