FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 243
Robert Rowthorn

Imperialisten bleiben Wölfe

Das Multi-Stadium des Imperialismus, I. Teil

Die Arbeit von Robert Rowthorn ist die klassische Studie der neuesten Imperialismustheorie. Sie beweist, daß die multinationalen Konzerne nicht zu einem friedlichen „Ultraimperialismus‘‘ kommen, wo sich alle friedlich vereinigen, sondern daß eine verschärfte Konkurrenz stattfindet. Im Zuge dieser Konkurrenz haben die europäischen und japanischen Multis die amerikanischen im wesentlichen eingeholt, so daß die Amerikaner zu einem neuen Schlag ausholen mußten: die Ölverknappung und -verteuerung ist das Mittel, mit dem sie eine neue Stufe der Kapitalskonzentration erklimmen, die den Konkurrenten vorderhand unerreichbar bleibt (das letztere ist die Schlußfolgerung, die Michel Bosquet in einer kurzen Betrachtung zieht).

1 Einigung oder Rivalität?

In der Entwicklung des Imperialismus gibt es drei Denkmöglichkeiten:

Ein amerikanischer Superimperialismus, der die anderen kapitalistischen Staaten beherrscht und ihre Freiheit darauf reduziert, Politik und Wirtschaft im Rahmen der Bedürfnisse des amerikanischen Staates auszurichten. Amerika agiert als Organisator der kapitalistischen Welt und hütet deren Einheit gegenüber dem Sozialismus. Das geht nicht ohne Reibungen und Konflikte ab, weil die Gegensätze nicht überwunden, sondern nur eingedämmt sind.

Der Ultraimperialismus, in dessen Rahmen eine dominierende Koalition relativ autonomer imperialistischer Staaten die Organisierung der Einheit des Systems übernimmt. Dies ist nur möglich, wenn die Gegensätze zwischen den einzelnen Gliedern dieser Koalition nicht stärker sind als ihr gemeinsames Interesse an deren Aufrechterhaltung.

Die imperialistische Rivalität, in deren Rahmen die „autonomen“ Staaten die organisierende Rolle so schlecht spielen, daß es zwischen ihnen zu schweren Konflikten kommt und die Einheit des Systems leidet.

Marxistische Autoren haben verschiedene Meinungen über die Frage geäußert, welche dieser Varianten die wahrscheinlichste ist. Die Mehrheit, darunter Sweezy, Magdoff, Jalee und Nicolaus, sind der Auffassung, daß die USA nicht nur heute die dominierende imperialistische Macht sind, sondern daß ihr Übergewicht noch weiter zunehmen wird. Sie argumentieren im wesentlichen so: Die amerikanischen Konzerne sind viel größer, viel moderner und entwickeln sich viel schneller als die ihrer ausländischen Konkurrenten; sie machen Gebrauch von ihrer Stärke, um die Schlüsselsektoren der europäischen Industrie in die Hand zu bekommen, und bedienen sich der Macht des amerikanischen Staates, um sich den Weg nach Japan zu öffnen. In der Folge werden die amerikanischen Konzerne die Wirtschaft Europas und Japans beherrschen, und wichtige Teile der Bourgeoisie dieser Länder werden entnationalisiert und objektiv, wenn nicht subjektiv, zu Vertretern der amerikanischen Kapitalsinteressen werden. Auch jener Teil des europäischen und des japanischen Kapitals, der nicht direkt in diesen Prozeß einbezogen ist, wird schwach und dem amerikanischen Kapital gänzlich untergeordnet sein. Schon heute, sagen sie, sei eine Koalition zwischen dem dominierenden amerikanischen und dem untergeordneten ausländischen Kapital im Begriff, einen geeinten Imperialismus unter amerikanischer Führung zu schaffen, während die Gegensätze zwischen den nationalen Kapitalismen an Bedeutung verlieren. Zum Hauptgegensatz wird der zwischen einem geeinten Imperialismus und der „Dritten Welt“. Diese Autoren wurden, wie ich glaube, zu Recht von Ernest Mandel kritisiert und als „Tiers-Mondisten“ („Drittweltler“) bezeichnet. Der Einfachheit halber übernehme ich diese Bezeichnung.

Auf der anderen Seite stehen Mandel und vielleicht Michael Kidron, die meinen, die Hegemonie der Vereinigten Staaten sei von den Europäern und den Japanern bedroht. [1] Mandel argumentiert folgendermaßen: Fusionen, Kapitalakkumulation und Rationalisierung werden den Größenvorteil der amerikanischen Konzerne aufheben; auch in der Produktivität werden die Amerikaner eingeholt. Die Bildung eines supranationalen Staates in Europa würde diesen Prozeß beträchtlich beschleunigen, doch auch ohne einen solchen Staat werden die Europäer ihr Handikap überwinden. Da die Löhne in Europa niedriger sind als in Amerika, kann die Produktivitätssteigerung die in Europa und in Japan produzierten Waren so billig machen, daß sie den amerikanischen Markt überfluten und in den Vereinigten Staaten zu schweren Konflikten führen, weil die amerikanischen Kapitalisten versuchen werden, die Löhne zu drücken, um der Konkurrenz standhalten zu können. Außerdem haben die amerikanischen Investitionen in Europa und Japan keineswegs zur Entnationalisierung der Bourgeoisien dieser Länder geführt. Die Nationalstaaten vertreten nach wie vor die Interessen ihres heimischen Kapitals. Weder die Länder Westeuropas noch Japan sind in Gefahr, Neokolonien zu werden. Wenn die Konkurrenz auf dem Weltmarkt sich verschärft, wird der Konflikt zwischen den einzelnen Nationalstaaten, die die Interessen ihrer Konzerne verteidigen, sich ebenfalls intensivieren. Insbesondere werden die Nichtamerikaner mit den Amerikanern in Konflikt geraten. Es könnte sogar sein, daß die europäischen Staaten eine Allianz oder einen supranationalen Staat bilden, um den Amerikanern in gleicher Stärke gegenübertreten zu können. Auch zwischen den nicht-amerikanischen Staaten werden die Gegensätze immer stärker werden, da diese Staaten versuchen werden, die Löhne zu drücken, um ihre Konzerne konkurrenzfähiger zu machen. So sieht Mandel eine zunehmende Unterminierung des Imperialismus durch innere Gegensätze voraus, wenngleich er nicht glaubt, daß diese Gegenstätze zum Krieg führen werden — dazu werde der Wunsch, das System in seiner Gesamtheit zu verteidigen, zu stark sein.

Zwischen den beiden extremen Positionen schwankend, stützt sich der sowjetische Ökonom Eugen Varga auf das Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung und meint, das europäische und das japanische Kapital würden die Hegemonie des amerikanischen brechen, und dieses würde gezwungen sein, die führende Rolle in der imperialistischen Welt mit anderen zu teilen. [2] Die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Staaten würden jedoch die Zukunft des imperialistischen Systems relativ wenig beeinflussen. Sie werden durch supranationale Institutionen eingeschränkt und vielleicht deren Schiedssprechung unterworfen sein; diese Institutionen befänden sich in voller Entfaltung und hätten den doppelten Zweck, die ökonomischen Gegensätze zwischen den nationalen Kapitalen zu lösen und die Einheit des Imperialismus gegenüber den revolutionären Bewegungen der Dritten Welt zu wahren. Abgesehen von der Vorstellung, die Führung des Imperialismus werde unter mehrere Staaten aufgeteilt werden, unterscheidet sich Vargas Ultraimperialismus dem Inhalt nach nicht sehr vom Superimperialismus der „Tiers-Mondisten“.

2 USA eingeholt

In drei Punkten differieren die verschiedenen Schulen:

  1. in der Frage der relativen Stärke des amerikanischen Kapitals und des Maßes an Vorherrschaft, das es Europa und Japan aufzwingen kann, indem es sich der meisten Schlüsselsektoren bemächtigt;
  2. in der Frage der Stärke und des Wesens der Gegensätze zwischen den kapitalistischen Staaten;
  3. in der Frage des Ausmaßes, in dem die gemeinsame Angst vor dem Sozialismus die realen Antagonismen überwiegen kann.

Was den dritten Punkt betrifft, will ich mich auf die folgenden Bemerkungen beschränken. Die Möglichkeit, die Antagonismen durch die gemeinsame Angst vor dem Sozialismus zu überwinden, hängt von Wesen und Stärke dieser Antagonismen ab, wie auch von der Fähigkeit der Staaten, zu verstehen, daß die Verfolgung der nationalen Kapitalsinteressen das System als Ganzes gefährdet. China und Osteuropa wären nie überfallen worden, wenn die japanischen und die deutschen Kapitalisten vorhergesehen hätten, daß das Ergebnis nicht die Kolonisierung dieser Länder, sondern deren Herauslösung aus dem imperialistischen System sein würde. Diese Kurzsichtigkeit auf Verrücktheit zurückzuführen, wie Varga es tut, wenn er meint, der Kapitalismus würde nie wieder von Verrückten wie Hitler beherrscht werden, heißt die objektiven Bedingungen übersehen, die es „Verrückten“ ermöglichen, an die Macht zu kommen. Zu den objektiven Bedingungen gehören die Gegensätze zwischen den nationalen Kapitalen. Starke Gegensätze können eine starke Kurzsichtigkeit zur Folge haben. Es kann sich sogar um eine „strukturelle“ Kurzsichtigkeit handeln, in dem Sinn, daß die davon Betroffenen individuell verstehen mögen, was vorgeht, aber außerstande sind, es zu verhindern.

Das System kann durch Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit innerhalb imperialistischer Länder gefährdet werden, und diese Gegensätze können durch die Antagonismen zwischen den nationalen Kapitalen explosiv werden. So könnte beispielsweise eine durch den Zusammenbruch des internationalen Währungssystems verursachte Krise zu einer sozialistischen Revolution in Italien oder Frankreich führen.

Die relative Stärke des amerikanischen Kapitals und seine Vorteile im Kampf um die Märkte der Welt sind von den „Tiers-Mondisten“ beträchtlich übertrieben worden. Obwohl die amerikanischen Konzerne im Durchschnitt immer noch größer sind als ihre ausländischen Konkurrenten, haben die Fusionen und die schnellere Akkumulation in Europa und Japan die Unterschiede schon erheblich verringert. In vielen Industriezweigen, wie Chemie, Maschinenbau, Erdöl und Stahl, sind die Größenunterschiede schon sehr gering geworden oder gänzlich verschwunden. In anderen Zweigen, wie Computerbau und Autoindustrie, sind sie noch groß, verringern sich aber durch den fortschreitenden Prozeß der Konzentration und Zentralisation des Kapitals in Europa und Japan. Wenn der Gemeinsame Markt günstige Voraussetzung für die Fusionierung von Firmen verschiedener Nationalität schafft, werden alle Größenunterschiede eliminiert oder auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Zweitens: Wenngleich es richtig ist, daß die amerikanischen Konzerne im Bereich der Innovation führend sind und in der Herstellung vieler Spitzenprodukte eine Monopolstellung innehaben, zeichnen die „Tiers-Mondisten“ ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit, indem sie sich fast ausschließlich mit diesen Produkten und mit den für sie bestimmten Forschungs- und Entwicklungskosten befassen. Sie ignorieren sowohl die vorübergehende Natur technologischer Monopole als auch das schnellere Wachstum des europäischen und des japanischen Kapitals in anderen Sektoren. Als „Spitzenreiter“ müssen die amerikanischen Firmen sehr kostspielige Irrtümer in Kauf nehmen, welche die anderen vermeiden können, und zu hohen Kosten Entdeckungen machen, welche die anderen billig zu übernehmen vermögen. Im Laufe weniger Jahre sind „Spitzenprodukte“, in denen die Amerikaner ein Monopol hatten, zu „traditionellen“ geworden und werden jetzt von europäischen und japanischen Firmen in Massen produziert. Um ihren Vorsprung zu halten oder zu verhindern, daß er sich zu schnell verflüchtigt, müssen die amerikanischen Firmen viel größere Ausgaben für Forschung und Entwicklung machen als ihre ausländischen Rivalen.

In dem Maß, als der Vorsprung der Amerikaner vor den Nichtamerikanern schwindet, wird es für diese schwerer, weil sie zunehmend gezwungen sind, selbst zu Innovatoren zu werden; die Konkurrenz konzentriert sıch also immer mehr auf die Spitzenprodukte. In der Tat zeigen die Appelle zur technologischen Kooperation und die wachsenden Staatsausgaben für Forschung und Entwicklung, daß dieser Wendepunkt bereits erreicht ist und daß das nichtamerikanische Kapital sich anschickt, den Amerikanern auf Gebieten, wo sie bis jetzt führend waren, Konkurrenz zu machen. Es ist also völlig verfehlt, in diesen Appellen einen verzweifelten Versuch des europäischen und des japanischen Kapitals zu sehen, der „technologischen Kolonisierung“ durch die Amerikaner Widerstand zu leisten. Ihr wachsendes Bedürfnis, aus Imitatoren zu Innovatoren zu werden, ist eine direkte Folge ihrer bisherigen Dynamik und der steigenden Ansprüche ihrer Abnehmer. Wenn die europäische und japanische Herausforderung erfolglos ist, werden diese Konzerne zweifellos gezwungen sein, im Schlepptau der Amerikaner zu bleiben. Ein solches Scheitern ist jedoch durchaus nicht so unvermeidlich, wie die „Tiers-Mondisten“ zu glauben scheinen. Im Gegenteil, die wachsende Stärke des europäischen und des japanischen Kapitals infolge von Fusionen und Akkumulation und auch auf Grund der steigenden Ansprüche ihrer Märkte läßt sich erkennen, daß das nichtamerikanische Kapital imstande sein wird, den Amerikanern in den meisten, wenn nicht in allen Spitzenindustrien die Führerschaft streitig zu machen.

Schließlich betonen die „Tiers-Mondisten“ zusehr die offensiven Aspekte der direkten amerikanischen Auslandsinvestitionen und zuwenig die defensiven. Mit Ausnahme einer kurzen Zeitspanne Ende der sechziger Jahre, als die Vereinigten Staaten eine Konjunktur erlebten, während in Deutschland eine Rezession eintrat, war das Wirtschaftswachstum in Westeuropa während der letzten zwanzig Jahre stets schneller als das amerikanische.

3 Vorwärts-Verteidigung der US-Konzerne

In Japan war das Wachstum noch rascher. Sein Bruttonationalprodukt betrug 1953 ein Zwanzigstel des amerikanischen, 1968 bereits ein Sechstel. Dieses Wachstum hat die amerikanischen Firmen auf zweierlei Weise berührt. Einerseits boten ihnen die expandierenden Auslandsmärkte die Möglichkeit, sich im Ausland festzusetzen, oft in Sektoren, wo die amerikanische Nachfrage sich infolge von Saturierung zu stabilisieren begann. Anderseits hat das Wirtschaftswachstum viele ausländische Firmen derart gestärkt, daß sie den amerikanischen Giganten gefährlich zu werden beginnen. Die amerikanischen Investitionen in Europa und in anderen Erdteilen kann nicht richtig eingeschätzt werden, wenn nicht beide Aspekte des Wachstums außerhalb Amerikas in Betracht gezogen werden. Die amerikanischen Auslandsinvestitionen haben nicht nur den Absatz amerikanischer Firmen gefördert, sondern auch dazu gedient, der ausländischen Konkurrenz entgegenzutreten und die amerikanische Führung zu sichern. Hätten die amerikanischen Konzerne nicht wirkliche und potentielle ausländische Rivalen verschluckt und Tochterunternehmen im Ausland gegründet, wären sie auf ihre Exporte angewiesen gewesen — was kein sehr wirksames Mittel zu Eroberung von ausländischen Märkten ist — und stünden heute einer noch stärkeren ausländischen Konkurrenz gegenüber.

Trotz dieser beträchtlichen Expansion im Ausland wird es für die amerikanischen Großkonzerne immer schwerer, ihren Vorsprung zu halten. Das schnelle Wachstum der amerikanischen Konzerne Ende der sechziger Jahre beruhte weitgehend auf einem beschleunigten Wachstum der amerikanischen Wirtschaft und auf deren zunehmender Konzentration. Keiner dieser beiden Faktoren dürfte von Dauer sein. In einer weiteren Perspektive ist die Ursache der amerikanischen Investitionen in Europa in der Schwächung einer einst uneinnehmbaren Position zu suchen. Solange die amerikanischen Firmen absolut überlegen waren, konnten sie sich auf den Export verlassen und den wirtschaftlichen Aufstieg Europas und Japans mit Gelassenheit hinnehmen. Im Zuge dieses Aufstiegs sind jedoch die Konzerne jener Länder zu gefährlichen Konkurrenten geworden, was die amerikanischen Firmen zwingt, im Ausland zu investieren, um ihre Positionen zu verteidigen. Soviel für die angeblich erdrückende Überlegenheit des amerikanischen Kapitals. Gehen wir nun zur Frage der Gegensätze über.

Beziehungen zwischen Kapitalien sind in gewissem Maß stets antagonistisch:

  1. In welchen Regionen konkurrieren amerikanische, europäische und japanische Konzerne miteinander beziehungsweise werden sie künftig konkurrieren?
  2. Welche Form wird diese Konkurrenz annehmen — werden die europäischen und die japanischen Kapitalisten internationale Konzerne bilden oder wenigstens zu bilden versuchen, oder werden sie sich hauptsächlich auf Exporte stützen, um ausländische Märkte zu erobern?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wollen wir zunächst den Welthandel und die Investitionen betrachten.

4 Kapitalexport lukrativer als Warenexport

Das Wirtschaftswachstum der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder in der Nachkriegszeit war mit einer wachsenden Abhängigkeit vom Außenhandel verbunden — Ein- und Ausfuhren nahmen viel stärker zu als die Produktion. Ein großer Teil dieses Zuwachses bestand aus Industrieprodukten, die entweder an andere entwickelte kapitalistische Länder verkauft oder von ihnen gekauft wurden. So ist der Umfang des Handels innerhalb des kapitalistischen Blocks heute dreimal so groß wie zwischen dem kapitalistischen Block und der übrigen Welt, und ein großer Teil der Produktion vieler Industriefirmen entfällt auf den Export.

Aber der Export ist nicht die einzige Form, in der diese Firmen, besonders die größten unter ihnen, Auslandsmärkte erobert haben. Direkte Investitionen, mit denen die Konzerne Tochterunternehmen im Ausland errichten, haben für mindestens fünf Länder eine wichtige Rolle gespielt: für Großbritannien, Amerika, Holland, Kanada und die Schweiz. Was Amerika und Großbritannien betrifft, so waren die Investitionen für sie sogar wichtiger als die Exporte. Zwischen 1957 und 1965 entfallen auf direkte Auslandsinvestitionen fünf Sechstel beziehungsweise drei Fünftel der auswärtigen Expansion amerikanischer und britischer Industriefirmen (siehe Tabelle 1). Da die Auslandsinvestitionen hauptsächlich von den Großkonzernen getätigt werden, lassen die Durchschnittszahlen in der Tabelle nicht das ganze Ausmaß des Kapitalexports der Großunternehmen erkennen. Für diese Firmen sind Auslandsinvestitionen zum wichtigsten Mittel der Eroberung großer Märkte geworden. Die Exporte bleiben auf kleinere Märkte beschränkt oder auf Produkte, nach denen im Ausland nicht genügend Nachfrage besteht, um die Produktion an Ort und Stelle zu rechtfertigen. Für Länder wie Frankreich, Italien, Deutschland und Japan haben die Auslandsinvestitionen bis vor kurzem keine solche Rolle gespielt; selbst die größten Firmen stützten sich vor allem auf Warenausfuhr.

Tabelle 1

Auslandsexpansion 1957-1965: Zunahme des Absatzes von Industriefirmen (in Prozenten)

  Ausfuhren Produktion im Ausland Gesamter Absatz im Ausland
USA 2 15 13
Großbritannien 12 32 20
Frankreich 6 7 1
BRD 14 16 2
Italien 24 30 5
Niederlande 27 43 17
Kanada 33 46 13
Japan 17 20 2

Die Auslandsinvestitionen ermöglichten es manchen Konzernen, sich starke, in einigen Fällen sogar dominierende Positionen auf ausländischen Märkten zu schaffen, selbst in Ländern, in die sie nur relativ wenig Waren exportierten. Man muß also sowohl die Produktion im Ausland als auch die Ausfuhren betrachten, um eine richtige Vorstellung vom Eindringen amerikanischer oder britischer Firmen in Regionen wie Europa, Südafrika, Australien und Kanada zu gewinnen.

Die Rolle der Investitionen wird besonders klar, wenn man die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern untersucht. 1965 unterschieden sich die amerikanischen Ausfuhren nach Europa nicht wesentlich von den europäischen Ausfuhren nach Amerika (siehe Tabelle 2). Betrachtet man aber die Investitionen, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die Absätze amerikanischer Tochterunternehmen in Europa beliefen sich auf rund 36 Milliarden Dollar, das ist doppelt so viel wie der Gesamtwert aller Exporte nach Europa, Lebensmittel und Rohstoffe inbegriffen. Der Absatz europäischer Tochterunternehmen in den Vereinigten Staaten war hingegen viel geringer, weniger als neun Milliarden Dollar, nur etwa ein Viertel des Umsatzes amerikanischer Tochterfirmen in Europa. Infolge der ungleichen Investitionen war der Gesamtabsatz amerikanischer Firmen in Europa, Exporte und Produktion an Ort und Stelle inbegriffen, zweieinhalbmal größer als der Gesamtabsatz europäischer Firmen in den Vereinigten Staaten. In absoluten Zahlen heißt dies, daß die amerikanischen Firmen um rund 30 Milliarden Dollar mehr in Europa absetzten als europäische Firmen in Amerika.

Tabelle 2

Exporte und Produktion von US-Firmen im Ausland (in Millionen Dollar)

  E P P:E E P P:E
USA nach: 1957 1957 1957 1966 1966 1966
Europa 6.940 10.762 1,55 14.440 36.000 2,50
Japan 1.851 555 0,30 3.545 2.000 0,62
EWG nach: 1959 1959 1959 1966 1966 1966
GB, NL, Schweiz 2.320 4.657 2,01 3.740 7.400 1,97
Übriges Europa 4.580 559 0,12 8.050 1.271 0,16
Frankreich 690 92 0,13 1.050 123 0,12
BRD 1.380 47 0,03 2.700 138 0,05
Japan 1.543 29 0,02 4.444 50 0,01

(E = Export, P = Absatz von Tochterfirmen)

Die Rolle der Auslandsinvestitionen ım internationalen Konkurenzkampf ist viel größer als die Tabelle zeigt. Eine genauere Untersuchung würde beweisen:

  1. Daß der Handel mit Industrieprodukten unter entwickelten kapitalistischen Ländern ziemlich ausgeglichen ist. Global gesehen verlieren die Industriefirmen eines jeden dieser Länder fast ebenso viel Boden auf dem Binnenmarkt, wie sie durch ihre Exporte im Ausland gewinnen. Nur im Handel mit den schwach entwickelten und Rohstoffe exportierenden Ländern erzielen die Industriestaaten substantielle Überschüsse auf dem Sektor der Industrieprodukte.
  2. Die Auslandsinvestitionen werden das wirksamste Mittel zur Eroberung der wichtigsten Märkte der Welt, sowohl was die Verteidigung bestehender Positionen als was die Gewinnung neuer betrifft.
  3. Im Gegensatz zum Außenhandel sind die direkten Auslandsinvestitionen oft sehr unausgeglichen. Großbritannien, die Vereinigten Staaten, die Niederlande und die Schweiz haben viel mehr im Ausland investiert, als ausländische Firmen bei ihnen investiert haben. Auch konnten die großen Konzerne dieser Länder sich ausländischer Märkte bemächtigen, ohne dafür einen äquivalenten Teil ihres Binnenmarktes zu opfern.

Wenngleich Lenins Formulierung 1916 eın wenig übertrieben war, trifft sie heute genau zu: „Im alten Kapitalismus, wo die freie Konkurrenz vorherrschte, war die Warenausfuhr das hervorstechende Merkmal. Im modernen Kapitalismus, wo die Monopole vorherrschen, ist der Kapitalexport zum hervorstechenden Merkmal geworden.“ [3]

5 Europa schlägt zurück

Eines der charakteristischen, wenn auch nicht immer richtig verstandenen Merkmale des Kapitalismus ist die Tendenz des Kapitals, ins Ausland abzuströmen und dort neue Märkte zu suchen. Die Konzerne Europas und Japans, die offensichtlich keine Ausnahme von der Regel darstellen, werden sich zunehmend auf Auslandsinvestitionen verlegen müssen, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen.

Die europäischen Konzerne haben dazu noch einen besonderen Grund: die massiven Investitionen, welche die Amerikaner bereits in Europa gemacht haben. Wie bereits gezeigt, übertraf dank diesen Investitionen der amerikanische Absatz in Europa den europäischen in Amerika 1965 um 30 Milliarden Dollar. Es ist klar, daß die amerikanischen Konzerne daraus beträchtliche Vorteile ziehen, und eines der Zukunftsziele der europäischen Großkonzerne besteht darin, diesen Vorsprung zu eliminieren oder maximal zu reduzieren.

Im Prinzip kann dieses Ziel auf zweierlei Weise angestrebt werden: defensiv, durch Einschränkung des amerikanischen Absatzes in Europa, oder offensiv, durch Steigerung des europäischen Absatzes im Ausland, in den Vereinigten Staaten wie auch anderswo. Da das amerikanische Kapital in Europa festen Fuß gefaßt hat, müßte ein defensives Vorgehen, um wirksam zu sein, sich auf drakonische Staatseingriffe stützen. Dies hätte einen schweren Konflikt mit Amerika zur Folge, den das europäische Kapital aus offenkundigen Gründen vermeiden will. Ein ähnlicher Konflikt könnte jedoch entstehen, wenn Amerika sein nationales Kapital gegen das Eindringen des europäischen und anderen ausländischen Kapıtals schützt. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß das europäische Kapital in einem solchen Konflikt die Initiative ergreifen und die Positionen des amerikanischen Kapitals in Europa attackieren würde. Das europäische Kapital wird deshalb den offensiven Weg wählen, den des Gegenangriffs im Ausland, sei es durch Exportsteigerung, sei es durch Errichtung neuer europäischer Tochterfirmen in der übrigen Welt.

Exporte allein können keinesfalls zum Ziel führen. Die Ausfuhren müßten nämlich alljährlich um einen gigantischen Betrag wachsen, um etwa 20 bis 30 Milliarden Dollar, und das ohne entsprechende Importsteigerung. Europa müßte also eine stark aktive Zahlungsbilanz mit der übrigen Welt haben.

Da das Gros der nichteuropäischen Kaufkraft sich in Amerika befindet, müßte überdies ein großer Teil der zusätzlichen Exporte von den Amerikanern gekauft werden, was große Defizite zur Folge hätte. Hätten also die Europäer mit ihrer Exportoffensive Erfolg, so käme es zu europäischen Überschüssen und amerikanischen Defiziten von noch nie dagewesenem Ausmaß, in qualitativer Hinsicht viel gewichtiger als die Überschüsse und Defizite, die der kapitalistischen Welt seit einigen Jahren soviel Sorgen bereiten. Binnen kurzem müßte entweder das internationale Währungssystem und mit ihm der Welthandel zusammenbrechen, oder es müßte eine Umschichtung der Währungskurse stattfinden, welche die Kostenvorteile der Europäer aufheben und das Gleichgewicht des Weltwährungssystems wiederherstellen würde. Mit anderen Worten, ein Erfolg der Exportoffensive würde durch Erzeugung enormer Überschüsse und Defizite die Bedingungen unterminieren, die sie ermöglicht hätten.

Ein defensives Vorgehen, wiewohl technisch möglich, würde den europäischen Konzernen mehr schaden als nützen. Ein offensives Vorgehen, auf Exporten beruhend, könnte nicht genügend große Überschüsse erbringen, um den enormen Absatz der amerikanischen Tochterfirmen in Europa aufzuwiegen. Nur durch große Auslandsinvestitionen, durch die Errichtung von Produktionsstätten in anderen Ländern können die europäischen Konzerne hoffen, ihr Handikap gegenüber den amerikanischen Firmen in Europa zu kompensieren.

Rowthorns Studie ist zwar schon über zwei Jahre alt (sie erschien in der New Left Review Nr. 69), sie wurde aber durch die Fakten bestätigt. Alle neueren Autoren bauen auf dieser Arbeit auf. So auch Michael Barratt Brown, dessen Studie „Jagdreviere der Multis. Einflußzonen heute“ wir im Dezemberheft 1973 brachten.

(II. Teil im nächsten Heft)

[1E. Mandel, „Europe versus America?“. New Left Books, 1970. „Where ist America going?“ New Left Review, Nr. 54. „The Laws of Unequal Development“, New Left Review Nr. 59. M. Kidron, „Western Capitalism Since the War“, London 1968.

[2E. Varga, „The Problem of Inter-Imperialist Contradictions and War“, Politico-Economic Problems of Capitalism, Moskau 1968.

[3„Imperialismus, das höchste Stadium des Kapitalismus“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1974
, Seite 19
Autor/inn/en:

Robert Rowthorn:

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