FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Dick Crossman
An Abba Eban (Jerusalem):

Ihr werdet Preußen!

Lieber Abba!

Fast sechs Jahre lang las jeder von uns beiden aus streng geheimen Akten die Gedanken des anderen. Du bekamst von Eurer Londoner Botschaft Berichte über unsere vertraulichen Kabinettsberatungen, ich die Foreign-Office-Telegramme aus Tel Aviv. Nie wieder konnten wir so vertraulich miteinander sein wie in jenen schrecklichen, begeisternden Jahren, als es darum ging, ob die Großmächte die Wiedergeburt der jüdischen Nation in Palästina zulassen würden. In diesem Kampf verdienten wir uns beide, jeder auf seine Art, unsere politischen Sporen. Ich habe den Verdacht, daß wir beide, im Rückblick, das Gefühl haben: es war die lebenswerteste Zeit unseres Lebens. Wir konnten an einem politischen Schöpfungsakt mitwirken, von dem wir beide glaubten, er werde auf lange Sicht die westliche Welt vom Antisemitismus heilen und die Voraussetzungen schaffen für eine postimperiale Renaissance des Nahen Ostens.

Vor zwanzig Jahren blickten wir voll Zuversicht nach vorn in die siebziger Jahre. Wie sehen sie aus, da sie nüchterne Gegenwart geworden sind? Beginnen wir mit den guten Seiten. Der Erfolg der Heimführung aus dem Exil übertraf unsere kühnsten Träume. Aus der geborstenen Schale des britischen Mandats schlüpfte eine israelische Demokratie, die jedem Juden auf der Welt offensteht und deren Leistungen in Frieden wie Krieg die Diaspora von ihrem historischen Minderwertigkeitsgefühl befreite. Es ist weitgehend der Existenz Israels zu danken, daß Juden und Nichtjuden im Westen heute in echter Gleichheit miteinander leben.

Was aber ist aus der arabisch-jüdischen Verständigung geworden, die wir nach Liquidierung des britischen Nahostimperiums erwarteten? Es gab keine Renaissance, keine soziale Revolution, sondern Krieg, erklärten und nichterklärten, seit dem ersten Tag der israelischen Unabhängigkeit. Einen kurzen Augenblick lang sah es aus, als würde der Sieg zum Anlaß der Wiederversöhnung. Nun dauert der Sechstagekrieg schon das vierte Jahr.

Schlimmer noch: der Bruderkrieg um das Gelobte Land, dem Israelis und Palästinenser gleichermaßen verbunden sind, führte zur Wiederbelebung des Großmachtimperialismus, dessen Ende wir erwarteten. Vor zwanzig Jahren war der Vorwand für die Anwesenheit der Großmächte im Nahen Osten das angebliche machtpolitische Vakuum, das einer Räumung folgen würde. Weder Juden noch Araber, so hieß es, würden fähig sein, ihre eigenen Geschicke zu lenken. Statt dessen haben wir heute ein Machtungleichgewicht zwischen den beiden. Binnen einer Stunde können israelische Truppen in Amman, Beirut, Damaskus sein. Dies und nichts anderes trieb die Araber, Hilfe bei der Sowjetunion zu suchen; diese wurde auf kostspieligere und gefährlichere Weise hineingezogen, als ihr dies lieb war. Weil Intervention Gegenintervention provoziert, ist ein ähnlicher Prozeß nun in Washington in Gang. Die Amerikaner müssen Euch jeweils ebensoviel Waffen geben wie die Russen Euren Nachbarn.

Ihr habt erfolgreich Krieg geführt. Jede neue, kostspielige Windung der Rüstungsschraube, jeder neue, tiefere Vorstoß über die Grenzen wurde mit den harten Lehren Eurer zweiundzwanzigjährigen Geschichte begründet. Ich mache Euch daraus keinen Vorwurf. Aber irgendwie mußte diese militärische Eskalation beendet werden. Von ganzem Herzen unterstützte ich Deine Bemühungen, Deine Ministerkollegen zur Annahme des amerikanischen Waffenstillstands- und Verhandlungsvorschlages zu überreden. Ich fürchtete, die Militärs könnten diesen Vorschlag torpedieren. Und nach wie vor fürchte ich, daß es Dir nicht gelungen ist, Euren Militärs eines klarzumachen: das größte militärische Risiko liegt für Israel nicht in einer Friedensinitiative, sondern im Fehlen einer solchen.

Denn Euer militärisches Übergewicht wird immer dünner, die besetzten Gebiete werden eine täglich schwerere Last. Ich weiß, daß die Friedensinitiative mit einem militärischen Risiko verbunden ist. Aber in einem Jahr wird das Risiko noch größer, und Ihr werdet noch weniger willens sein, dieses Risiko einzugehen.

Die Vision einer arabisch-jüdischen Verständigung, die 1948 hell leuchtete, verblaßt desto mehr, je bedrückender Eure Präsenz in den besetzten Gebieten wird. Ihr habt sie besetzt, um Euch in Sicherheit zurückziehen zu können. Aber Eure Okkupationspolitik macht den Rückzug mit jedem Tag schwieriger, die Demokratie, auf die Ihr mit Recht stolz seid, mit jedem Tag fragwürdiger. Ein Israel, das das Ethos des preußischen Staates nachäfft, wäre ein Widerspruch in sich.

Eure Jugend hat die zweite Hälfte der zionistischen Vision nicht vergessen: die Rolle Israels bei der Wiedergeburt des Nahen Ostens. Israel steht vor der Wahl zwischen einer gänzlich von militärischen Forderungen diktierten Politik und einer Friedensinitiative mit gewissen militärischen Risken. Ich glaube, es wird in Israel stets eine mächtige Minderheit geben, welche die zweite Alternative vorzieht. Ich hoffe und bete, daß Ihr diese Minderheit nicht ignoriert. Ihr wolltet mit Eurer militärischen Stärke das Tor zum Frieden aufstoßen; wenn Ihr das Tor jetzt zufallen laßt, wird es für immer geschlossen bleiben. Die Araber können ein Jahrzehnt militärischer Vorherrschaft Israels überleben. Das Israel, an das Du und ich glauben, kann es nicht.

Dein Dick

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 812
Autor/inn/en:

Dick Crossman:

R. H. S. Crossman war Mitglied der Regierung Wilson (1964—1970), zunächst Minister für Wohnungsbau und lokale Selbstverwaltung, ab 1968 Staatssekretär für soziale Verwaltung, 1966/68 Führer des Unterhauses, überdies Experte der Labour Party für Außenpolitik (insbesondere Deutschland), Sozial- und Wissenschaftspolitik. Geb. 1907, Sohn eines hohen Richters, studierte in Winchester und Oxford, dortselbst Dozent für Staatsphilosophie, Führer der Parteilinken‚ ab 1937 Redakteur, seit 1970 Chefredakteur des „New Statesman“. Seit 1945 Abgeordneter, seit 1952 Mitglied des Partevorstandes, 1960/61 Stellvertretender Parteivorsitzender. Zahlreiche Bücher, zuletzt „Planning for Freedom“ (1965).

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