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George Saiko

Hinter dem Gesicht des Österreichers

George Saiko (vgl. Heft IX/107: „Die Klauen des Doppeladlers“), aus Böhmen gebürtig, Dr. phil., Psychologe und Kunsthistoriker, veröffentlichte seine erste Erzählung 1913 im „Brenner.“ Erst 35 Jahre später, nach der Rückkehr aus angelsächsischer Emigration, ließ er den nächsten Prosaband folgen, den Roman „Auf dem Floß“, der zusammen mit dem Roman „Der Mann im Schilf “ (1955) zum soliden Fundus deutschsprachiger Prosa unserer Zeit gehört. 1962 starb George Saiko, 70jährig, in der Nähe von Wien. Am 5. Februar hätte er seinen 75. Geburtstag gefeiert. — Der nachstehende Essay entstand vor knapp zehn Jahren und erschien seinerzeit in der Zeitschrift „Comprendre“.

Es ist nicht zu leugnen, das Gesicht des Österreichers zeigt in wachsendem Maße jenen harmlosen, heiter zufriedenen und ein wenig belustigenden Ausdruck, mit dem er in ruhigen Zeiten seit je die ansteigende Wirtschaftssicherheit zu begleiten pflegte.

Erstaunlich, wie gleich sich diese Züge geblieben sind, wie sehr sie denen der Ersten Republik gleichen, wie sentimental sie an die Monarchie erinnern und wie bieder sie davon zu überzeugen trachten, daß es sich dabei um das Sichtbarwerden einer Grundstruktur handle, die nach den Fährnissen des Zweiten Weltkrieges und allem, was ihm voranging, nun mühelos wieder zum Durchbruch kommt.

Als entsprächen Konzerte, Theater, Museen, die drei Formen seines historisch akkreditierten Kunstbetriebes noch immer einer unveränderten Feiertags-Gehobenheit, während im Alltag „der Heurige“, die Spuren des verblichenen Operettengeschäftes und das in Film und Lied tränenselig emportauchende „Paradies von einst“ mit der Figur des alten Kaisers Franz Joseph oder wenigstens seiner höfisch-milieuhaften Ausstrahlung vorherrschen. All das ist durchdrungen, sozusagen Atmosphäre und Bekenntnis geworden, durch das universale Prinzip des Fremdenverkehrs, dessen Betrieb als etwas wie eine National-Leidenschaft erscheint, weil der Österreicher sogar noch vom Fremden, der sich über Land und Leute in positivem Sinne äußert, eine Selbstbestätigung empfängt, die ihm fehlt. Denn die Labilität seines Selbstgefühls entspringt einem in den Auswirkungen tragischen Konflikt: der Unmöglichkeit, seine großösterreichische Vergangenheit der Monarchie mit den Gegebenheiten seiner kleinösterreichischen Gegenwart der Republik in Einklang zu bringen.

Und doch hat sich in Österreich eine soziale Umpflügung vollzogen, die in solcher Stärke kein anderes mitteleuropäisches Land vor dem „eisernen Vorhang“ erfahren hat. Die in ihren kulturellen Leistungen so glanzvolle Epoche des österreichischen Liberalismus, ist mit der Monarchie dahingegangen, der Zusammenbruch der Ersten Republik hat sogar ihre Spuren in der Presse zum Verschwinden gebracht. Zudem wurde seit dem Nationalsozialismus eine untere Mittelstands-Schicht meist ländlichen Kleinbürgertums führend, die kaum einen geeigneten Resonanzboden für künstlerische Schöpfungen oder geistige Interessen abzugeben vermag. Das kulturelle Bedürfnis dieser Schicht ist bescheiden, der Drang zu denkerischer Formulierung oder gar literarischer Aussage fehlt überhaupt.

Außerdem darf man von einer geradezu „biologischen Absperrung“ sprechen: was den Charme und vielleicht auch die Fragwürdigkeit des Österreichers ausmachen, seine Talentiertheit, Wendigkeit, Unverläßlichkeit, seine Begabung für Komik und Musikalität, sein Schillern in gegensätzlichen Möglichkeiten wird gerne als geistiges Pendant der nationalen Vermischung gewertet, die für die Donau-Monarchie bezeichnend war (während es eher die Folge der nicht abzuschüttelnden „Untertänigkeit“ ist). Dieser deutsch-slawisch variierten, ungarischen Durchdringung „sei nun die Grundlage entzogen“; ein „rassenbiologisches“ Argument, dessen sich der Nationalsozialismus später auf breitester Grundlage bemächtigt. Das Judentum, ein integrierender Bestandteil der liberalen Großbourgeoisie, in seinem assimilierten Teil mit dem obersten Beamtentum und dem Hochadel die tragende Schicht der „altösterreichischen Übernationalität“, ist vom Nationalsozialismus vollständig ausgerottet worden. Der Zustrom zum „eigentlichen Österreicher des flachen Landes“, vor allem zum Wienertum, erfolgt nun fast ausschließlich aus dem Alpengebiet und die „Alpendeutschen“ gelten nicht gerade als die begabtesten deutschen Stämme.

Wie dem auch sei — bei ihnen sind, vielleicht bäuerlich bedingt und anders gelagert, dieselben Komplexe wirksam, die das politische Verhalten des städtischen Mittelstandes bestimmen. Das liegt nicht daran, daß das heutige Österreich seiner soziologischen Entstehung und Mentalität nach überhaupt ein Land des kleinen Mannes ist. Wir stoßen hier auf eine Erscheinung, die sich mit solcher Intensität kaum bei einem andern mitteleuropäischen Volk erleben ließe, nämlich auf eine bestimmte Einstellung zum Staat, die sowohl den „homme de culture“ als auch den „Mann auf dem Acker“ bewegt.

Fiktive Nationalität

Die entscheidende, individuell oft tragische Kluft, die zum Beispiel den Homme de culture Deutschlands zum geistigen Zustand seines Landes in eine unüberwindliche Spannung bringt, scheint für den Österreicher nicht zu bestehen. Der deutsche Homme de culture hat die Etikette des Intellektuellen, und darunter sollte einer verstanden werden, dessen Einstellungen und Argumente eher getragen sind von dem Bedürfnis nach abstrakt-wissenschaftlicher Formulierung und von der Methodologie des Denkens als von den Emotionen, die seinem sozialen Outsidertum entspringen: allzu häufig vereinigt er die Merkmale der marxistischen Definition des Proletariats, nämlich Besitzlosigkeit und Existenzunsicherheit, mit dem Anspruch und sogar mit der tatsächlichen Leistung geistiger Elite.

Der österreichische Homme de culture steht nicht in dieser soziologischen Leere, und doch müßte er es eigentlich viel schwerer haben als der deutsche, ja seine Situation ist gegenwärtig kaum anders als hoffnungslos. Alle Gründe, die Robert Musil (in dem Essay „Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit“) für die Fiktivität des Nationalen angibt, gelten für den Österreicher von vornherein. Wer dabei die tief ins Affektive und fast ins Mystische hinabreichende Frage, ob die Österreicher sind, was sie Jahrhunderte lang waren, nämlich ein deutscher Stamm neben den anderen, großzügig übergeht, hat dabei genauso Recht oder Unrecht wie jener, der sie als eigene Nation betrachtet, durch romanische Kultureinflüsse von den übrigen Deutschen abgespalten und neu konstituiert. Denn Homme de culture oder nicht Homme de culture, die Haltung des Österreichers, ob er sich mit seinesgleichen nun als Staat oder als Nation meint, bleibt skeptisch, selbst sein Ja ist „von der Lust an der Verneinung umwittert“. Wenn Musil sagt: „Gerade gesprochen, ist die Nation eine Einbildung in allen Fassungen, die man ihr gab“, und „Einer natürlichen Gliederung der menschlichen Gesellschaft steht nichts ärger im Weg als die Überhebung der beiden Ideale Nation und Staat über den Menschen. Es bleibt nichts übrig, als an der Verstärkung des an ihnen sich vorbei Entwickelnden zu arbeiten und den Gedanken an ihre Überholtheit zu wecken und zu erhalten“ — so spricht aus dieser weltbürgerlichen Aufgipfelung eine Einsicht, für die man den Österreicher nicht erst mit Hilfe wissenschaftlicher Argumente gewinnen muß, weil er sie längst praktisch betätigt, ein Verhalten, das wie von einer dem Österreichertum gemeinsamen Wurzel genährt wird.

Konstanz der Parteien

Die staatspolitische Skepsis des Österreichers gilt demnach dem eigenen Staat; sie galt der Monarchie ebenso, wie sie heute der Republik gilt. Diese sonderbare und auffällige Tatsache hatte in der Monarchie ihre sinnfälligen historischen Ursachen wohl im traditionellen Überwuchern des Feudalen auch in den geistig-kulturellen Belangen, überall und gerade bei jenen Schichten, für welche die „innere Identifikation“ mit dem Adel nicht vollziehbar war, also beim kleinen Mittelstand und beim Proletariat. Die Auswirkungen eines Regierens, dem es im Grunde darauf ankam, trotz Verfassung und Parlament längst überlebte kulturelle und politische Zustände durch meist formale Kompromisse immer von neuem schmackhaft zu machen, hat den „österreichischen Raunzer“ hervorgebracht, jenen sprichwörtlich gewordenen Typ des stets unzufriedenen Nörglers, der, tiefenpsychologisch betrachtet, sich als verdrängter Ankläger enthüllt, der endgültig resigniert hat.

Dennoch wird die neuere innenpolitische Geschichte Österreichs von drei Parteien bestimmt, die im Wechsel der umpflügenden Ereignisse, im Wandel der Staatsidee selber eine erstaunliche Konstanz aufweisen. Diese Parteien entstehen im Ausgang des 19. Jahrhunderts und entfalten sich in dem Maße, als Hochadel und Großbürgertum dem aufstrebenden kleinen Mittelstand und dem Proletariat erliegen. Im Tagesjargon wird für sie oft der Ausdruck „Lager“ gebraucht: Symptom für die unterbewußten Intentionen, sich kämpferisch durchzusetzen, auf militantem Wege zur Macht zu gelangen. Diese Tendenz, verhüllt in mannigfachen Andeutungen spürbar, zuletzt in der großdeutschen Bewegung zum Durchbruch kommend, ist den Parteien gemeinsam. Sie muß ebenso als spezifisch österreichisch angesprochen werden, wie später das Verlangen nach Wiederherstellung der einstigen Bedeutung, das den Bereich der Wunschphantasie nun kaum mehr verlassen darf. Psychische Strukturen haben eben eine viel zähere Dauer, sind unter allen Umständen langlebiger als Verfassungen, Staatszusammenbrüche oder Neugründungen.

Die zentrale Figur des ersten „Lagers“, der groß-österreichisch-katholisch-konservativen Bewegung ist Ignaz Seipel, ein einzigartiges Beispiel für den Homme de culture von Format auf der politischen Bühne. Bei seinem Auftreten ist die christlich-demokratische Bewegung bereits konservativ geworden — mit dem Hang zum Autoritären; eine Wandlung, durch die in der Frühromantik neu auflebende Ideologie der Verbundenheit von Thron und Altar eingeleitet und schließlich durch die vorherrschende patriarchalisch-monarchische Interpretation „allgemein akzeptiert“, hat sie dadurch Richtung und Ziel, aber auch die Erstarrung des Endzustandes erhalten.

Seipel ist auf der bürgerlich-konservativen Seite der bedeutendste „Former der Wirklichkeit nach seinen Idealen“, also Idealist in Musil’schem Sinne; und nicht nur im Rahmen der Parteipolitik bewies er jenes an ihm gerühmte Gefühl für das Real-Durchsetzbare, das seinen Politiker-Kollegen oft in so erstaunlichem Maße mangelt. Er hat seine Hauptkräfte damit verbraucht, Sonderinteressen aufeinander abzustimmen, nach zwei Seiten hin offene Lösungen zu finden, durch Mehrdeutigkeit gegensätzlichen Erwartungen zu entsprechen und sogar Republikaner und Monarchisten unter einen Hut zu bringen. Er hat den entscheidenden Anteil an der Vorbereitung, ideologischen Kristallisation und praktischen Organisation jener antimarxistischen Front, die schließlich mit Waffengewalt dem „Austromarxismus“ zu Leibe rückt. Ein Mann, der an seinen Aufgaben herabsinkt, obwohl er sie mit bemerkenswertem Geschick erfüllt; weniger mit dem Geist seiner Argumente als durch die Magie seiner priesterlichen Stellung vermittelt er zuletzt zwischen rivalisierenden Parteihäuptlingen aus der Provinz. Von der groß-österreichisch-konservativen Haltung wechselt er hinüber in die republikanische: mit sozialistischen Konzepten paktierend, zugleich voll hintergründiger Umsicht und Energie an jener „Bürgerlichen Einheitsfront“ bauend, die durch ihre privatkapitalistische Struktur den Sozialisten das wirtschaftliche, durch ihre historische Katholizität aber das praktisch-religiöse Gegengewicht bieten soll. Bis am Ende, nicht am Abend seines Lebens, das ständisch-autoritäre Programm unter dem starken Arm der „Heimwehr“ dem christlichen Sozialreformer endlich Erfüllung verspricht.

Damit ist Seipels Lieblingswunsch umschrieben, der tragende Gedanke seiner Laufbahn, darin das Priesterliche und das Soziale wie zwei Aspekte derselben Bemühung erscheinen: dem internationalen Marxismus das Gebäude eines wirtschaftlich-sozial gegliederten Christianismus entgegenzustellen. Aber wenn er auch mit der Übernahme ständischer Ideen auf die lokale Wiener Tradition (die Schule Vogelsangs) zurückgriff, er hat dabei den europäischen Horizont nie aus dem Auge gelassen, fühlte sich und seine Bestrebungen bestätigt durch die gleichgerichteten Strömungen in Italien, Spanien, Portugal, in Ländern, die durch ihren starken Katholizismus eine innere Gewähr boten, den „irdischen und himmlischen Machtbereich in der ständischen Gliederung“ zu verschmelzen.

Dies alles als Ausflüsse reichlich realitätsferner Romantik abzutun, fällt gegenüber dem Theologen Seipel schwerer als gegenüber dem Wirtschaftssoziologen Othmar Spann, dem geistigen Vater dieses „berufsständisch gegliederten Führerstaates“. Immerhin bewies Spanns Werk, daß ein System doktrinärer Spekulation ohne organische Verwurzelung in der unmittelbaren Gesamtwirtschaft nicht installiert werden kann, auch wenn eine militante Garde, eben jene bäuerlich-kleinbürgerliche „Heimwehr“ schwört, diesen „wahren Staat“ nötigenfalls mit Waffengewalt aufzurichten.

Patriotismus gegen Nationalismus

Die zweite große Bewegung, das „Nationale Lager“, hat die verschiedensten Namen, die den nationalen Hauptgedanken unverhüllt zum Ausdruck bringen und ein konstitutives Grundgebrechen demonstrieren: die Tatsache, daß in Österreich Patriotismus und Nationalismus nicht zur Deckung gebracht werden konnten, sondern diffuse gegengerichtete Kräfte blieben. Besonders für diese Bewegung gilt die Tendenz, über den gegebenen Zustand hinauszugreifen in Planungen, die — weil sie sich immer auf das benachbarte Deutschland beziehen — nur der von dort kommenden Impulse bedürfen, um in die Verwirklichung vorzustoßen. „Staatenbund“, „Bundesstaat“, „großösterreichische“, „großdeutsche oder kleindeutsche Lösung“ — das waren schon Diskussionsthemen der Revolutionsjahre 1848/1849, seither verdrängt, niemals in ihren kulturellen oder politischen Konsequenzen zu Ende gedacht, aber der unterirdisch weiterglosende Herd, den die Fackel Hitlers so mühelos zur Glut entfachen konnte.

Am Eingang des preußisch-österreichischen Rivalitätskampfes steht des Barons Bruck „Siebzig-Millionen-Projekt“, die Wunschphantasie der großösterreichischen Richtung. Sie sieht in Wien das Zentrum eines Reiches, das von der Nordsee bis zur Adria und zum Schwarzen Meer sich erstreckt. Dieses politische Pendant zur allgemeinen romantischen Erneuerungsbewegung, die ihre prunkvollsten Anschauungsbilder aus der Affinität zum Mittelalter holt, ist als zu zeitgemäßem Leben erwecktes „Heiliges Römisches Reich“, natürlich mit dem Zusatz „Deutscher Nation“ (die fehlerhafte Formulierung wird auch heute noch vielfach gebraucht) unschwer zu erkennen. Universalität, Humanismus, deutsche Gesinnung in den idealisierenden Formen der Frühromantik geben diesem Wunschgebilde, der neuen, Mitteleuropa repräsentierenden Großmacht, eine geistige Integration, die in den nachfolgenden Konzepten immer dünner wird.

Man hat die Romantik als eine Flucht aus der Gegenwart beschrieben und glaubte damit ihr Grundphänomen umrissen zu haben. Diese Flucht tritt auf allen Gebieten in Erscheinung; die Parallelität der einzelnen Sektoren führt immer wieder zum Mittelalter hin, das für die damals aktuelle Gegenwart entdeckt zu haben, die Leistung der deutschen Romantik ist. Wie stark sich diese „Rückgriffe“ auch aufs Politische erstrecken, sei hier betont, weil im Politischen das Auseinanderklaffen von Realität und Wunschgebilde erschreckend deutlich wird.

In den folgenden Planungen der Nationalen Bewegung zerfällt dieser romantisch-geistesgeschichtliche Kern, die Ideen werden handgreiflich militant-politisch. Nur noch die ursprüngliche großdeutsche Richtung beschäftigt sich überhaupt mit dem Problem, die Schaffung der Deutschen Einheit mit dem Bestand der Habsburgermonarchie in Einklang zu bringen. Die Deutschnationalen, die nach 1918 die Bezeichnung „Großdeutsche“ übernehmen, sehen im Zerfall Österreichs bereits die notwendige Voraussetzung für die Vereinigung der deutschen österreichischen Länder mit dem Reich. Am linken Flügel entsteht die kleindeutsche Gruppe, die völlig auf dem Boden des Bismarck’schen Deutschland steht, die Vernichtung der Donaumonarchie als ihr nächstes politisches Ziel formuliert, ohne das der „Anschluß“ der deutsch-österreichischen Gebiete an das Kaiserreich unter preußischer Führung nicht vollziehbar scheint.

Diese Strömungen werden dirigiert durch eine starke ideologische Willensrichtung. Es sind nicht die von Wirtschaftsgruppen oder von Inhabern industrieller Machtpositionen vorgeschickten Berufspolitiker, die mit dickfelliger Routine ihr zweifelhaftes Gewerbe betreiben, sondern Männer an der Führung, die unter Einfluß der „gesamtdeutschen Historikerschule“ (unter dem Universitätsprofessor Heinrich von Srbik) in der Vereinigung der deutschen Stämme eine zeitnahe organische Aufgabe erkennen, durch die Nation und Staat der Deutschen zur Deckung gebracht und die unlösbaren Probleme der Vielvölker-Monarchie wie mit einem Schlag aus der Welt geschafft werden sollen. Alle drei „Lager“ erliegen in verschiedenen Graden der Faszination dieser Ideologie, die für die Deutschen Österreichs erstrebt, was in der europäischen Staatengeschichte zuletzt den Italienern durch die Bemühungen Garibaldis, Mazzinis und Cavours geglückt ist: die Schaffung der nationalen Einheit. Der Gedankengang hat seine werbende, ja fanatisierende Kraft seither nie eingebüßt und zuletzt Hitlers „Großdeutschem Reich“ jene Atmosphäre historischer Rechtfertigung gegeben, aus der allein sein müheloser Erfolg bei den deutschen Parteien und in der deutschnationalen Bewegung Österreichs erklärlich wird.

Im österreichisch-deutschen Nationalismus sind die Abfallprodukte jener Rassenphraseologie nicht so unmittelbar wirksam, die den bärtigen, fellbekleideten Opern-Germanen mit „Treue, Keuschheit, Tapferkeit und noch fünf weiteren Indianertugenden“ (Musil) ausstattet. Statt dessen geht es an den Sprachgrenzen um den Unterhalt deutscher Schulen, um Turnvereine, um die Existenzsicherheit des kleinen Unternehmers, um konkrete Dinge mit unmittelbarer wirtschaftlicher Auswirkung.

Warum die nationale Bewegung der Deutschen in so geringem Maße ernsthafte Kulturbewegung des unteren Mittelstandes war, der in Frankreich und England während des 19. Jahrhunderts zum eigentlichen Kulturträger wurde, ist oft gefragt worden. Wem die „Bewußtwerdung der Nation“ die höhere Entwickelungsstufe bedeutet und wer im Sieg über das traditionelle „Staats- und Gesellschafts-System“ das Symptom dieser Bewußtwerdung erblickt, wird im Fehlschlag der Freiheitskämpfe von 1813 und 1848 die Ursache erkennen, die Deutschland hinderte, die politische und kulturelle Richtung der westlichen Nationen einzuschlagen. Das deutsche Nationalbewußtsein wird nicht durch die Verwirklichung der dem Geiste der Zeit entsprechenden staatspolitischen Freiheiten konstituiert, sondern durch das gemeinsame Erlebnis der militärischen Gewalt als der stärksten geschichtsbildenden Kraft (die Nation als Produkt der staatlichen Macht, Kaiser und Heer als ihre glorreichen Symbole). Daraus resultiert ein Volk der Untertanen, dem die Idee der Verantwortung für das eigene Schicksal fremd, ja unverständlich bleibt.

Gerade die Auffassung, daß der Sieg in der eigenen Macht und deren sinnvoller Anwendung beschlossen liege, daß jedes Mißlingen zwar die Partei im allgemeinen treffe, aber der Führung die volle Verantwortung auflade, gehört zur Strategie des dritten, des „sozialistischen Lagers“. Seine Geschichte spiegelt alle staatspolitischen Konflikte der Endphase der Monarchie, den Glauben an ihre Erneuerungsfähigkeit (Karl Renner) ebenso wie die unbedingte Anschlußtendenz (Otto Bauer). Die Mehrheit der Christlich-Konservativen machte kein Hehl aus der inneren Bereitschaft, mit der Republik zu brechen, starke Kräfte der Sozialisten waren für den „Anschluß“; beide Parteien hatten Einwände gegen den Umfang des Staatsgebietes. Die Nationalen negierten jede selbständige Staatsform zugunsten der Vereinigung mit Deutschland; das Bonmot vom „Staat wider Willen“ erschien als die treffendste Umschreibung des alliierten Diktates.

Vor dem Debakel

Die Führer des österreichischen Sozialismus betrachteten trotzdem die junge Republik als ihre Angelegenheit, als ihren Erfolg. Ohne wesentliche Fehlexperimente fanden sie den Ausgleich zwischen Theorie und Praxis, zwischen „Sozialpatrioten“ und „Internationalisten“, zwischen Radikalismus und Mäßigung, der ihre bekannten, zum Teil mit beunruhigtem Erstaunen hingenommenen Leistungen in „Stadt und Staat“ ermöglichte. Ihr wachsendes wohlunterbautes Wirtschaftsgefüge, eben der „Rote Staat im Staate“ bildete eine ständig sich verbreiternde materielle Grundlage für ihre sozialen Errungenschaften.

Otto Bauer hat die theoretische Linie seiner in den Kompromissen der Koalition sich entfaltenden Partei nicht aus dem Auge gelassen und den Wert des Erreichten innerhalb des marxistisch-weltanschaulichen Horizontes bestimmt. Er mag im Empiriokritizismus Ernst Machs und in der Berührung mit der neupositivistischen Schule (dem „Wiener Kreis“ um Moritz Schlick) seine grundlegende Ausbildung erfahren haben — sein Weltbild wurde dadurch nicht angetastet.

Dieses Weltbild des orthodoxen Marxismus ist ein Absolutum, auf das hin die soziale Wirklichkeit zu formen Bauer als seine Lebensaufgabe betrachtet. Er ist der sprachgewandte bereinigende Ordner aller Gegensätze und Widersprüche, er bleibt der Ideologe des Endziels: die Errichtung des sozialistischen Staates. Dazu ist die Partei das Machtmittel. Diese Einstellung erklärt sein Verhältnis zur Koalition und zu seinem stets kompromißbereiten Führer-Genossen Karl Renner, sie begründet sein im tiefsten verächtliches Mißtrauen gegen jede Beteiligung an der Regierung, registriert mit dialektischer Sorgfalt die dadurch entstehenden Gefahren: Abnützung, Unsauberkeit, Prestigeverlust.

In der Folge wird Österreich immer mehr zur Bühne des Existenzkampfes zwischen den beiden „Weltanschauungen“ — des christlich ständischen, des sogenannten „wahren Staates“ und der österreichischen Variante des Marxismus. Wir dürfen annehmen, daß es dem sozialistischen Glauben an die alles bewegende Kraft ökonomischer Abläufe entsprach, diesen Kampf im Rahmen parlamentarischer Austragung zu halten. Aber das russische Vorbild oder die vorbehaltlose Analyse der Situation oder die Auffassung von der Notwendigkeit der Gewalt oder all dies zusammen: die Möglichkeit der „Diktatur des Proletariates“ wurde ein fester Punkt im austromarxistischen Programm; ihr Eintreten war genau fixiert: „Wenn sich die Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung, die die Aufgabe der Arbeiterklasse sein wird, durch planmäßige Unterbindung des Wirtschaftslebens, durch gewaltsame Auflehnung, durch Verschwörung mit ausländischen gegenrevolutionären Mächten widersetzen sollte, dann wäre die Arbeiterklasse gezwungen, den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen.“ Eine von Otto Bauer schon 1913 formulierte These. Nun, die Bourgeoisie hat schließlich zur Gewalt gegriffen, aber die sozialistische Führung reagierte wie unter dem Zwang einer Nötigung, von der sie zu spät einsah, daß ihr nicht auszuweichen war. Daher kam die Kapazität des „Republikanischen Schutzbundes“ auch nicht annähernd zur Wirkung, sondern versandete in kläglichen Fehlschlägen. Hier, an dem Grenzerlebnis der „alles vermögenden ökonomischen Kategorien“ beginnt die eigentliche diktatorische Phase Österreichs, seine austrofaschistische und nach ihr die nationalsozialistische Form.

Die nur in flüchtigsten Umrissen skizzierten historischen Ereignisse und die aus ihnen neu hervorgegangenen Gebilde münden in das gigantische Debakel des Zweiten Weltkrieges, sind überschattet von der Vergeblichkeit des Wollens und von der Zwecklosigkeit des oft blutig-gewalttätigen Energieaufwandes.

Vielleicht findet man, daß unsere Darstellung im Bestreben, die Grundlinien sichtbar zu machen, allzusehr vereinfacht, daß Seipel und Bauer geradezu als Gegenspieler erscheinen (was sie nicht waren) und daß wir — von dem Mißverhältnis zwischen Aufwand und Resultat überzeugt — gar nicht versucht haben, die österreichische Variante des Homme de culture zu definieren. Wir nehmen sie einfach hin als den Menschen, der ein bestimmtes Maß an Kulturgut, bewußt und unbewußt, repräsentiert und dessen Weiterbewegung oder Veränderung mit so viel Geist und kritischem Urteil verfolgt als er eben besitzt. Diese Unzulänglichkeit der Begriffsbestimmung, ja sogar die erkenntnistheoretische Problematik historischer Darstellung überhaupt, vermag nicht von der Hauptsache abzulenken, von dem ungeheuren Verdrängungsprozeß, der hier stattfindet. Denn in der Öffentlichkeit des Landes gibt es kaum einen Ansatz, sich mit dieser Vergangenheit klärend und reinigend, jedenfalls bewußtmachend auseinanderzusetzen.

Niemand stellt dem Homme de culture diese Aufgabe; er selbst sieht davon weg als wollte er sie nicht wahrhaben, als habe ihn die Erfahrung der Jahrhunderte nicht allein zur Skepsis gegenüber dem Staat geführt, sondern auch zur Erkenntnis, daß am Ende jedes Opfers das „Umsonst!“, die Vergeblichkeit wartet. Hier ist eine sehr alte, sehr österreichische Struktur wirksam, der sogar jener Typ erliegt, der es am wenigsten dürfte, der Schriftsteller. In der Regel übt er eine rigorose Selbstzensur und meidet jedes „gefährliche“, das heißt, die Erlebnisse der Vergangenheit enthüllende Thema. Er flieht aus der Gegenwart in die Franz-Josefinische Epoche, ergeht sich in überlebten und abgelebten Ideen aus der Monarchie oder aus der Zeit unmittelbar nach der Monarchie. Ja, die ganz Vorsichtigen ziehen sich in ihren Werken zurück bis in die Zeit der Babenberger, bis in die Antike. (Schon Grillparzers politische und seelische Problemgestaltungen sind durch die historischen Tendenzen seiner Periode nicht erschöpfend motivierbar; auch für ihn ist der Rückzug in die Vergangenheit der Ausweg, Zeit-Ideen einer in der Öffentlichkeit möglichen Gestaltung zuzuführen. Gerade hier wird dem Einwand, daß der Druck des Regimes „auch anderswo“ die literarische Schöpfung gewaltsam reduziert und in seinem Sinne gelenkt habe, nur durch den Hinweis auf das quantitative Verhältnis von Unterdrückung und freigestalteter Thematik zu begegnen sein.)

Österreich umfaßt in seiner jüngsten Vergangenheit sehr verschiedene politische Ebenen — Monarchie, Erste Republik, austrofaschistische und nationalsozialistische Ära und die heutige Zweite Republik — Zustände, die nur wenig miteinander zu tun haben und im Österreicher vielfach durcheinandergeraten. Am Homme de culture läge es — statt die klischeemäßigen Allerwelts-Vorstellungen vom Österreicher zu akzeptieren und fortzusetzen — die Probleme klarzustellen, die Verfälschungen zu entlarven, die Lösungen auf die gegebene politische Realität zu beziehen. Freilich würden die Parteien aus Rücksicht auf die ehemaligen Nazis unter ihren Mitgliedern zunächst versuchen, das Maß der Bewußtmachung möglichst niedrig zu halten. Aber der Homme de culture wäre weder durch seine wirtschaftliche Ohnmacht noch durch die Parteienzensur völlig zum Schweigen verurteilt. So wird er mitschuldig an jenem freundlich-heiteren, naiv-harmlosen Gesicht mit dem Ausdruck des „Von-nichts-Wissens“ und des „Ich bin es nicht gewesen!“, das sich zuletzt vor den Besatzungs-Alliierten angeblich so glänzend bewährt hat.

Doch Verdrängungsprozesse haben nicht nur im Leben des einzelnen manchmal unvorhergesehene Folgen. Gewiß — man kann sein Schicksal auch aus der Hand des andern empfangen. Aber nur wer die Ursachen und den Weg des eigenen Schicksals erkannt hat, wird fähig sein, ihm künftig Richtung und Ziel zu geben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1967
, Seite 74
Autor/inn/en:

George Saiko:

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