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Aldo Capitini • Richard Bartlett Gregg

Gewaltloser Widerstand in Dänemark und Norwegen 1940 bis 1943

Dänemark

Im April 1940 fiel Hitler in Dänemark ein. Er gab dem König von Dänemark und seinem Premierminister eine Stunde Bedenkzeit zu der Wahl, ob sie die deutschen Truppen kampflos hineinlassen oder die dänischen Städte einer Bombardierung aussetzen lassen würden. Der König und der Premierminister erließen innerhalb dieser Stunde einen Aufruf, in dem das Heer und das dänische Volk aufgefordert wurden, vom Kampfe abzustehen.

Die deutsche Regierung erließ strenge Befehle an die Soldaten, daß sie sich der äußersten „Korrektheit“ gegen die Dänen zu befleißigen hätten. Das Koalitionskabinett unter sozialdemokratischer Führung durfte fortbestehen, und die Deutschen bemühten sich, Dänemark zu einem „Schaufenster“ der neuen Ordnung zu machen.

Ende 1940 hißten die Deutschen eine Hakenkreuzflagge auf einem dänischen öffentlichen Gebäude. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge, erhob der Monarch Einspruch, daß diese Handlung gegen das Okkupationsabkommen verstieße, und verlangte die Entfernung der Flagge. Die deutschen Militärbeamten verweigerten dies. „Ich werde einen Soldaten schicken, der sie niederholt“, soll der König geantwortet haben. Man sagte ihm, daß der Soldat erschossen werden würde. „Ich bin dieser Soldat“, entgegnete der König, und die Hakenkreuzflagge wurde eingeholt.

Die Deutschen nötigten den dänischen Premierminister Scavenius, den Antikominternpakt zu unterzeichnen ohne Konsultation seiner Kabinettskollegen oder des Königs. Doch die dänische Regierung gab bekannt, daß sie gegen Rußland nicht militäfisch vorgehen würde, und gab zu verstehen, daß die Unterzeichnung erzwungen worden war.

Die deutschen Bemühungen, das dänische Volk zu gewinnen, blieben erfolglos. Die dänische Antwort auf die deutschen Freundschaftsangebote war die „kalte Schulter“. Während Sabotage in großem Stil von den dänischen Behörden nicht unterstützt wurde, wandten die Dänen, wenn irgend möglich, Verzögerungstaktik und ähnliche Praktiken an.

Als die Deutschen versuchten, die Dänen dazu zu zwingen, die Nürnberger Gesetze gegen die Juden anzunehmen, wurde dies von den Dänen verweigert. Als die Deutschen anordneten, daß alle dänischen Juden einen gelben Stern tragen sollten und daß ein jüdisches Ghetto errichtet werden sollte, gab der König bekannt, daß er, falls dies geschehen würde, in ein solches Ghetto ziehen würde, und sagte nach einem Bericht der Associated Press vom 11. Oktober 1942: „Wenn die Deutschen den Judenstern in Dänemark einführen wollen, so werde ich und meine gesamte Familie ihn als höchste Auszeichnung tragen.“ Er wohnte in voller Uniform einer Feier in der Kopenhagener Synagoge bei.

In ganz Dänemark wuchs die Opposition gegen die deutschen Unterdrückungspläne. Hirtenbriefe wurden vom Bischof von Seeland und anderen erlassen, in denen gegen die Einführung erniedrigender antijüdischer Maßnahmen im Namen der Christenheit protestiert wurde.

Bei einer Parlamentsvorwahl im März 1943 wurden 95 Prozent Stimmen gegen die Deutschen abgegeben. Im Volke wuchs der Widerstand gegen die Deutschen besonders in Form von Sabotage. Im Mai 1943 warnte der König das Volk vor der wachsenden Sabotage in den Munitionsfabriken und bei der Eisenbahn. Die britische Regierung hatte insgeheim die Dänen zu verstärkter Sabotage und Gewalttätigkeit angestiftet. Im August 1943 kam es zu Kämpfen zwischen deutschen Soldaten und dänischen Zivilisten, besonders in Odense, der drittgrößten Stadt des Landes.

In Esbjerg kam es zu einem viertägigen Generalstreik.

Die Dänen versenkten eines ihrer Kriegsschiffe, andere dänische Flotteneinheiten flohen nach Schweden.

Die Deutschen setzten König Christian und seine Familie unter Hausarrest, zogen starke Truppenverbände in das Land und töteten einige Tausend Dänen.

Die ganze Zeit über hatten die Dänen unter eigener großer Gefahr Juden verborgen und sie trotz den in den Grenzgewässern patrouillierenden deutschen Schiffen nach Schweden geschmuggelt.

Selbst unter Hausarrest weigerte sich der König, eine prodeutsche Regierung zu bilden. Dem Bericht eines dänischen Flüchtlings zufolge soll er den dänischen Bischof Fugelsang Damgaard ersucht haben, „allen zu sagen, daß der Friede im Anmarsch ist. Verbündete in anderen Ländern kämpfen für unsere Sache. Lassen Sie jedermann wissen, daß ich, solange die Deutschen im Lande sind, keinen Erlaß für die Bildung einer neuen dänischen Regierung unterzeichnen werde. Was ich bisher unterzeichnet habe, ist erzwungen worden“.

So wandten die Dänen, ohne vorherige Vorbereitung und Ausbildung im gewaltlosen Widerstand, diese Art der Verteidigung, wenn auch nicht in vollkommener, so doch in wirksamer Form an. Zweieinhalb Jahre lang übten die Dänen erfolgreich gewaltlosen Widerstand, bis die im Kriege befindliche britische Regierung sie zur Gewaltanwendung veranlaßte.

Norwegen

Eine sehr nützliche Erfahrung, die von 1940 bis 1943 dauerte und viele Lehren erteilt hat, war die erste Periode des norwegischen Widerstandes gegen die nazistische Besetzung, eines Widerstandes, der zum größten Teil gewaltlos war.

Einer der Teilnehmer am Widerstand, der Norweger Diderich H. Lung, berichtet:

Die erste Erfahrung, die wir in Norwegen machten, war, wie wenig wir zur Verteidigung der Werte, die wir am meisten schätzen, vorbereitet waren, bis auf das traditionelle und primitive Töten und Getötetwerden, das alle Werte bis auf den Grund zerstört ...

Die erste Frage nach Niederlage, Okkupation, Exil von König und Regierung war: Sollte man zum Generalstreik aufrufen? Die Bevölkerung war darauf nicht vorbereitet, und sollte er lange dauern, hätte sie darunter zu sehr zu leiden gehabt.

Die Nichtzusammenarbeit mit den Invasoren — zumindest bei Arbeiten freiwilligen und militärischen Charakters — konnten wir trotz starker Agitation der Führer der Widerstandsbewegung nicht verwirklichen. Geschäftsleute, Unternehmer und Arbeiter boten dem Feind ihre Dienste an. Es hatte an der notwendigen pazifistischen Erziehung der ganzen Nation gefehlt, einer Erziehung, die uns gestattet hätte, präzise Normen für erlaubte und unerlaubte Arbeiten aufzustellen.

Die Anführer fanden sich von selbst. Vor allen den aufrichtigen Verteidigern der Demokratie, die offen und mutig die menschlichen Grundrechte zurückforderten, legten die Nazis Schweigen auf. Ihr Beispiel aber erzeugte weitere ... Es wurde der Rat der inneren Front gebildet ... Tausende von Norwegern wurden eingekerkert und zu Tode gequält; die Geheimdruckereien wurden beschlagnahmt, aber fortwährend entstanden neue, und neue Redakteure nahmen den Platz der verhafteten ein. Jeden Tag oder einmal oder mehrmals in der Woche erschienen dutzendweise Zeitungen ...

Die unter allen Geheimtätigkeiten vielleicht gefährlichste war die häufig von denselben Widerstandskräften kühn betriebene Propaganda unter den deutschen Truppen, die zwar hervorragende Ergebnisse zeitigte, für die aber auch durch schreckliche Strafen und sofortigen Tod durch Erschießen schwer gebüßt wurde ...

Kontakte unter den Häftlingen sowie zwischen Häftlingen und Außenwelt herzustellen, und zwar häufig unter Mithilfe von deutschen Gefängniswärtern, die gegen moralischen Druck nicht unempfindlich waren, bildete die Aufgabe kühner junger Leute ...

Größtenteills war der Widerstand nicht geheim, sondern offen ... Sportler, Richter, Lehrer und der Klerus aller Kirchen leisteten mutig passiven Widerstand ... der offene Widerstand stärkte die seelische Kraft der Nation ...

Zu gewaltsamer Zerstörung durch Feuer oder Sprengstoff nahm man nur Zuflucht, um wichtige Dokumente oder Archive der Gestapo zu vernichten, aber ohne daß dem Deutsche zum Opfer fielen.

Eine ausführliche Darstellung des norwegischen Widerstandes gibt A. K. Jameson (Unarmed against Fascism, 1963). Wenn in Norwegen auch nur sehr wenige Menschen einer pazifistischen Organisation angehörten, so war das norwegische Volk dennoch schon lange ein friedliebendes Volk. Zwischen 1720 und 1940 hatte es keinen Krieg mehr geführt, einige Episoden während der napoleonischen Feldzüge von 1807 bis 1814 ausgenommen.

Gleich in den ersten Tagen der deutschen Invasion im April 1940 begann sich spontaner Widerstand zu regen, und die Deutschen griffen zur Gewalt, um Norwegen zu einer deutschen Provinz zu machen. Man ging gegen die Kirche vor. Durch einen Erlaß wurde den Pfarrern auferlegt, bei der Beichte erhaltene Informationen auf Verlangen der Polizei preiszugeben. Auch in das Schulleben wurde eingegriffen. Deutsch wurde eingeführt und ein Geschichtsunterricht nach nazistischen Grundsätzen.

Im Februar 1941 kam es zu einem Generalstreik der Lehrer; sie wurden von den Eltern der Schüler und von der Kirche unterstützt. Der Widerstand wurde immer stärker: Man begann mit Sabotage und Obstruktion (z.B. Beschädigung von Maschinen und Verzögerung ihrer Reparatur).

Von den 1400 Lehrern in Norwegen weigerten sich 1300, dem nazistischen Lehrerverband beizutreten. Sie blieben bei ihrer Haltung auch dann, als ihnen gesagt wurde, das bedeute Entlassung und Verlust ihres Einkommens und möglicherweise Zwangsarbeit. Die Eltern der Schüler solidarisierten sich mit ihnen und schickten ihre Kinder nicht zur Schule. Also wurden die Schulen geschlossen. Den Lehrern wurde eine Frist gesetzt, während der sie sich entscheiden sollten. Doch niemand gab nach.

Schließlich wurden die dreizehnhundert festgenommen und in Konzentrationslager geschickt, wo man ihnen harte körperliche Arbeit auferlegte, um so ihren Geist zu brechen. Als die Deutschen mit ihrer Methode keinen Erfolg hatten, wurden 500 der Häftlinge gefoltert. Trotzdem wurden nur sehr wenige abtrünnig. Die Besatzungsbehörden mußen sich geschlagen geben. Es wurden alle Inhaftierten wieder auf freien Fuß gesetzt.

Unterdessen waren auch die Schulen wieder geöffnet worden. Es hieß, man betrachte alle Lehrer, die ihre Arbeit wieder aufnähmen, automatisch als Mitglieder des Berufsverbandes. Einige Lehrer zogen es vor, Privatunterricht zu geben. Doch der überwiegende Teil von ihnen nahm die Arbeit wieder auf, nachdem er eine Erklärung unterschrieben hatte, in der dargelegt wurde, man nehme die Arbeit allein im Interesse der Kinder wieder auf und lehne jede Beteiligung an dem Berufsverband ab. Die Behörden ließen die Sache fallen, der Berufsverband kam nie zustande.

Den Lehrern gelang der Sieg nicht zuletzt mit Hilfe der Eltern; sie hatten das Unterrichtsministerium mit Protesten gegen die Erlasse überschüttet.

Entsprechende Proteste wurden gegen die Jugendbewegung erhoben. Und die Kirche schloß sich ihnen mit der Erklärung an, es sei eine Verletzung des Elternrechts, die Jugendlichen zur Teilnahme an einer Bewegung zu zwingen, in der Lehren verbreitet würden, die im Gegensatz zum Glauben der Eltern stünden.

Um den Protest zu verstärken, legten sieben Bischöfe ihr Verwaltungsamt in der Staatskirche nieder, erfüllten aber weiter ihre geistlichen Aufgaben bei der Bevölkerung. Die Regierung entließ die Bischöfe; ihnen wurde die Ausübung jeglichen Amtes verboten. Der Bischof von Oslo und 2 weitere Prälaten wurden verhaftet.

Ungefähr einen Monat danach folgten 797 Pfarrer von 861 dem Beispiel der Bischöfe. Für mehrere Monate waren sie tausendfältigen Schikanen ausgesetzt. Darauf versuchte Quisling, der mit den Nazis verbündete norwegische Diktator, der sich die Rechte des Königs als oberstem Bischof anmaßte, die vakant gewordenen Stellen neu zu besetzen. Aber alle, die geneigt waren, ein solches Amt zu übernehmen, waren nicht dafür geeignet.

Die Kirche antwortete mit der Bildung eines Provisorischen Rates, der die Arbeit der Bischöfe fortsetzen sollte. Und obwohl Quisling den Rat für illegal erklärte, war er später doch gezwungen, ihn anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln. So übte gegen Ende des Jahres 1942 die Kirche ihre Funktion wieder mehr oder weniger ungestört aus.

Nach dem Scheitern des Lehrerverbandes versuchte Quisling einen Arbeiterverband zu gründen. Doch die Arbeiter erfuhren von seinen Plänen und traten massenweise aus ihren Gewerkschaften aus, so daß die Verbände, wären sie gegründet worden, nur eine Minderheit von Anhängern der Quisling-Partei repräsentiert hätten. Die Situation war derartig, daß Hitler selbst befahl, den Plan eines Ständestaates aufzugeben.

Zur selben Zeit jedoch wurden hundert Gewerkschaftsführer verhaftet. Sie wären ermordet worden, wenn die Arbeiter ihre Austritte nicht widerrufen hätten. Da jedoch die Austritte bereits den gewünschten Erfolg gezeitigt hatten, waren die Arbeiter bereit, in die Gewerkschaften wiedereinzutreten.

Obgleich die gewaltsame Taktik der Deutschen in dem Ziel, die Norweger zur Annahme der neuen Ordnung zu zwingen, gescheitert war, hatte man mit ihr einige Erfolge erzielt. Alle freiwilligen Vereinigungen waren aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt oder unter Kontrolle gestellt worden, und viele Anhänger von Quisling hatten Schlüsselstellungen in der Verwaltung erhalten.

Gegen Ende des Jahres 1942 waren mehr als 100 Norweger umgebracht worden. 7000 saßen im Konzentrationslager und 1000 hatte man nach Polen deportiert.

Großen Widerstand fand die nazistische Regierung auch bei der Arbeiterschaft.

1943 wurde die Zwangsregistrierung von Männern und Frauen eingeführt und eine Erhöhung der Zahl der Arbeiter um 75.000 beschlossen. Daraufhin wurde zum totalen Widerstand gegen dieses Vorhaben aufgerufen. Mit verschiedenen Taktiken erreichte man, daß nur sehr wenige Registrierungen erfolgten. Das Registrierungsamt von Oslo mit allen lokalen Angaben wurde in Brand gesteckt.

Strenge Gegenmaßnahmen wurden getroffen, und die Polizei erhielt Sondervollmachten. Sondergerichte wurden eingesetzt, die standrechtlich die Verstöße gegen die Arbeitsgesetze aburteilten und über viele Menschen die Todesstrafe verhängten. Im Jänner 1944 wurden massenweise Arbeiterführer verhaftet.

Sie hatten große Demonstrationszüge organisiert und es zu ernsten Auseinandersetzungen mit der Polizei kommen lassen. Aber dennoch war nur ein Teil der Ziele, die die Deutschen sich gesetzt hatten, erreicht worden, und die Schlacht ging ohne Gefechtspause weiter bis zur endgültigen deutschen Niederlage.

Der Bericht von A. K. Jameson schließt mit dem Bekräftigen der Bedeutung des gewaltlosen Widerstandes.

... Die tragenden Säulen des gewaltlosen Widerstandes waren die Lehrer und der Klerus zusammen mit den führenden Männern einiger anderer Bereiche: Journalisten, Freiberuflichen, Gewerkschaftsführern, Sportklubmitgliedern und Führern der Untergrundbewegung. Insgesamt machten diese Leute nicht mehr als 1%, der Bevölkerung aus ...

Bei der Frage, ob die norwegische Erfahrung den Beweis erbringt, daß die Technik des gewaltlosen Widerstandes zum Erreichen des gewünschten Zwecks die Anwendung von Gewalt wirksam ersetzen kann, scheint klar, daß die Antwort nur positiv sein kann, sowohl unter moralischem wie auch unter ideologischem Aspekt, Die deutschen Besatzungsbehörden haben völlig Schiffbruch erlitten mit der Aufnötigung einer Ordnung für Kirche, Schule, Sport- und Berufsverbände, wenn sie auch ihr Vermögen konfiszierten und ihre Häuser zerstörten. Unberührt erhalten blieb der Geist dieser Organisationen. Ob Kirche oder Schule, schließlich fuhren sie fort, genauso zu predigen und zu lehren wie vor der Okkupation. Es war eine großartige Manifestation der Treue zu einem Ideal und der Unerschütterlichkeit gegenüber physischen Leiden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1970
, Seite 446
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