FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 247/248
Manfred Bosch
Lutz Holzinger:

Gesellschaftliche Arbeit und private Hauswirtschaft

Theorie und Kritik des Reproduktionsbereichs

Lutz Holzinger: Gesellschaftliche Arbeit und private Hauswirtschaft. Theorie und Kritik des Reproduktionsbereichs, Raith Verlag Starnberg 1974, 112 Seiten, DM 7,80, öS 61

Das Begriffspaar „gesellschaftliche Arbeit“ und „private Hauswirtschaft“ enthält bereits den konkreten Widerspruch, von dessen analytischer Darstellung Lutz Holzinger sich Aufschluß über die Bedingungen und Eigenarten der Entstehung falschen Bewußtseins erwartet. Vom Bewußtseinsdefizit her gefaßt, verhindert das private Sein der Menschen im Reproduktionsbereichh daß „das gesellschaftliche Bewußtsein der Lohnarbeiter die Stufe ihres gesellschaftlichen Seins erreicht“ (Holzinger).

Holzinger beschreibt das Auseinanderklaffen des Produktions- und Reproduktionsbereichs als innere Notwendigkeit für die kapitalistische Produktionsweise. Dieser antagonistische Charakter ist zugleich aber auch profitabel (in der atomisierten Reproduktionssphäre muß jeder alles haben) und herrschaftssichernd in vieler Hinsicht:

„In der Privatsphäre, in der Familie, in der privaten Hauswirtschaft ... scheinen (daher) die Menschen aus ihrem gesellschaftlichen Lebenszusammenhang in einen naturwüchsigen entlassen“ (Holzinger), der als vorindustriell charakterisierbar ist.

In der Privatsphäre sind die Arbeitenden den Massenmedien ausgesetzt, die proletarische Erfahrung desorganisieren; die massenmedialen Inhalte disponieren fraglos auch zu einem Verhalten gegenüber dem (privaten) Konsum, das als Warenfetischismus bezeichnet werden muß: „Die Massenmedien sind für das Monopolkapital ein Mittel, das es ihm erlaubt, den Menschen gleichsam in Platons Höhle zurückzuversetzen. Vor dem Fernsehgerät sitzt er mit dem Rücken zur Welt, in der sich sein Leben entscheidet. Die Schatten der Waren, die er auf dem Bildschirm wahrnimmt, erscheinen ihm als die wirklichen Gegenstände, als der Inbegriff des Lebens überhaupt“ (Holzinger).

Die massenmedialen Inhalte propagieren durch die Begünstigung warenfetischisierter Konsum- und Verhaltensweisen die Familie als „geeignete Konsumtionseinheit“ (Holzinger) und lenken so von der historisch sinnfälligen Alternative einer Vergesellschaftung der Distributions- und Konsumtionsebene ab.

Die Zeitersparnis, welche die Technisierung der privaten Haushalte mit sich bringt, hat nach Holzinger die Aufgabe, „die Menschen zu zusätzlichem Konsum freizustellen bzw. die Berufstätigkeit der Frau zu gewährleisten“.

Insgesamt läßt sich feststellen, daß die Vereinzelung des Menschen im Reproduktionsbereich die von Marx im selben Zusammenhang als tierisch bezeichneten Eigenschaften der Menschen hervorkehrt, während sie jene Tätigkeiten, bei denen der Mensch „bei sich“ ist, unterschlagen und verhindern hilft.

Holzinger faßt seine These in folgenden Sätzen zusammen: „Es ist entscheidend, die arbeitsfreie Zeit der Menschen nicht als Bereich der Untätigkeit einzuschätzen. Wäre das so, dann müßte das Bewußtsein der Lohnarbeiter vollständig von ihrer Arbeitssituation bestimmt sein. Wenn man aber die Reproduktionssphäre als den Ort einer produktiven Tätigkeit eigener Art erkennt, so ist der Ansatzpunkt für die Produktion falschen Bewußtseins der Arbeiterklasse gefunden ... Dadurch, daß die Wiederherstellung der Arbeitskraft aus der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ausgeklammert bleibt, drängen sich dem Proletariat seiner objektiven Lage inadäquate Bewußtseinsinhalte auf.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
, Seite 57
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Manfred Bosch:

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