FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 225
Rolf Gössner • Paul Hasse • Herbert Marcuse

Für Einheitsfront der Linken

Gespräch in Freiburg
Wo sehen Sie Ansätze für die noch zu erarbeitende umfassende Theorie des modernen Kapitalismus?

In der Marxschen Theorie, aber in einer Marxschen Theorie, die nicht zum Dogma erstarrt und die nicht zum Klischee erniedrigt wird, sondern deren Grundbegriffe dialektisch entwickelt werden, so daß sie die veränderte Situation des Kapitalismus in sich aufnehmen können. Ich sehe eine der größten Gefahren der neuen wie der alten Linken heute darin, daß man aus der Marxschen Theorie wieder ein Dogma macht, vergißt, daß sie eine dialektische ist, d.h. vergißt, daß sie eine geschichtliche Theorie ist: daß die geschichtlichen Veränderungen in ihre Grundbegriffe selbst eingehen müssen, und daß die Grundbegriffe selbst fähig bleiben müssen, die veränderte Struktur des Kapitalismus zu begreifen.

Kann auch der Freudsche Denkansatz in diese Theorie eingehen?

Der Freudsche Denkansatz kann und muß meiner Meinung nach in diese Theorie eingehen, weil er eine Dimension der gesellschaftlichen Determinierung der Menschen eröffnet hat, die in der Marxschen Theorie zum großen Teil am Rande stehen geblieben ist. Freud hat gezeigt, in welcher Tiefe die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Individuen selbst reproduziert werden und durch die Individuen hindurch, d.h. daß die Gesellschaft selbst die Triebstruktur der Individuen zu einem hohen Grad mitbestimmt.

Was kann die Existenzphilosophie zur neuen Theorie des entwickelten Kapitalismus beitragen? Kann sie irgendwie als Ergänzung des Marxismus dienen?

Dazu muß ich ja nun doch auch etwas persönlich Stellung nehmen. Ich bin seit langem nicht mehr in dem üblichen Sinn Schüler von Heidegger, und seit 1934 habe ich mich von ihm nicht nur völlig losgesagt, sondern auch losgearbeitet. Es wäre aber falsch und in einem echten Sinne unmoralisch, wenn ich leugnen würde, was ich von ihm gelernt habe, nämlich zu denken: Daß man nicht einfach überlieferte Begriffe übernimmt und daran nun weiter glaubt, sondern, daß man sich die Sachen immer wieder von neuem ansieht und von diesen neugewonnenen Sachen her denkt und philosophiert. Das erkenne ich an und habe ich immer anerkannt. Das ändert aber nichts daran, daß ich mich spätestens seit 1934 in keiner Weise mehr als Schüler Heideggers fühle und auch nicht als Anhänger der Existenzphilosophie. Die Existenzphilosophie ist keine Ergänzung und Verbesserung des Marxismus, vielmehr eine Abwendung vom Marxismus, und meine Generation hat sehr bald bemerkt, daß die Konkretheit, die wir in den zwanziger Jahren in der Phänomenologie und der Existenzphilosophie gesehen haben, sich als eine trügerische Konkretheit herausstellt und daß sehr schnell diese Philosophie wieder Transzentalphilosophie geworden ist und die angeblich konkreten Begriffe durch sehr abstrakte ersetzt hat: Dasein, Existenz usw.

Würden Sie den Begriff der Utopie im Zusammenhang mit dem Marxismus mit einer radikal linken Bewegung ablehnen?

Die Möglichkeit einer wirklich freien Gesellschaft ist keine Utopie. Das was Sie Utopie nennen, würde ich in Zusammenhang bringen mit dem, was ich die radikale Umwertung der Bedürfnisse, die radikale Umwertung der Werte genannt habe, nämlich, die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne Gewalt, ohne Ausbeutung, die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der nicht nur das Bewußtsein des Menschen, sondern auch seine Sinne emanzipiert sind, die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der die Zerstörung der Natur zurückgenommen ist und in der Ruhe, Schönheit zu bestimmenden Bedürfnissen werden. Eine solche Möglichkeit ist meiner Meinung nach keine Utopie, sondern gehört heute wesentlich zur Idee des Sozialismus, hat eigentlich immer schon zur Idee des Sozialismus gehört.

Würden Sie das konkrete Utopie nennen?

In diesem Zusammenhang lehne ich das Wort Utopie ab. Utopie heißt ja, wenn es irgendeinen Sinn haben soll: etwas das nirgendwo verwirklicht werden kann. Das ist der Begriff von Utopie ...

Obwohl doch dazu gesagt werden muß, daß in der geschichtlichen Entwicklung, zur Zeit ganz bestimmter Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und Technologien, etwas als Utopie umschrieben wurde, das gedanklich (meist von wenigen) zwar erfaßt werden konnte, dessen Verwirklichung jedoch außer Reich- und Rufweite war. Durch menschliche Aktivität blieb es nicht bei der Utopie, die Idee wurde — positiv oder negativ geprägt und modifiziert — zur Wirklichkeit ...

... das heißt, daß der Begriff der Utopie in dem Zusammenhang, wie wir ihn diskutiert haben, heute ein Propagandabegriff der Reaktion ist.

Während Sie vielleicht das meinen, was Bloch mit dem Begriff der objektiv-realen Möglichkeit bezeichnet hat?

Ja, in diesem Sinne gehört der Begriff der Utopie genau in dieselbe Kategorie wie der Begriff der Elite. Was man der Linken beziehungsweise den linken Gruppen vorwirft: elitär zu sein — dient zu nichts weiter als zu der Möglichkeit, eine in kleinen Gruppen beginnende und sich ausbreitende Entwicklung des radikalen Bewußtseins zu diffamieren.

Eine Weiterentwicklung des Marxismus im Hinblick auf heutige Strukturwandlungen erfordert nicht nur eine Neufassung von orthodoxen Begriffen, sondern eine umfassende Gegenwartsanalyse und -kritik als Voraussetzung für eine Strategie systemüberwindender Veränderung. Wo sehen Sie hier ernstzunehmende Ansätze?

Vom Standpunkt des Marxismus sind mehrere Problemkreise zu berücksichtigen: 1. Strukturwandel in der herrschenden Klasse; 2. Strukturwandel in der Arbeiterklasse; 3. Koexistenz von Kapitalismus und Sozialismus, wofür es in der Marxschen Theorie überhaupt keine Ansätze gibt; 4. radikale Umwertung der Werte, Bedürfnisse und Zielsetzungen in der jungen Generation. Das sind die neuen objektiven Bedingungen dafür, daß das überlieferte Modell der Revolution, das noch aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert stammt, heute nicht mehr gültig ist, daß wir uns an den wohl ungeheuren Gedanken an eine Revolution gewöhnen müssen, die nicht aus dem Elend, sondern aus dem Überfluß geboren ist. Wenn man das so formuliert, fällt einem ein, daß diese eigentlich genau das ist, was Marx gesagt hat, der immer betont hat, daß der Sozialismus nur in fortgeschrittensten Industrieländern ein richtiger Sozialismus sein kann, und daß der Kapitalismus eine geschichtliche Mission erfüllt hat, wenn die materiellen Bedürfnisse der Majorität der Bevölkerung befriedigt sind.

Sie gehen davon aus, daß Menschen durch Manipulation ihrer Bedürfnisse beherrscht werden.

Das ist eine der Arten, wie sie beherrscht werden. Man soll nie vergessen, zu welchem Grade auch einfach die Gewalt hier mitspielt und zu welchem Grade die Determinierung der Menschen durch die Gesellschaft rational ist, d.h. welche Vorteile sie für die Menschen mit sich bringt; z.B. das heute relativ hohe Lebensniveau.

In Ihrer Philosophie spielen die „wahren Bedürfnisse“ des Menschen eine grundlegende Rolle. Sind diese verifizierbar und lassen sie sich empirisch von den manipulierten, den falschen Bedürfnissen unterscheiden?

Die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Bedürfnissen ist eine der schwierigsten und kann „wissenschaftlich“ natürlich. nicht verifiziert werden. Die Unterscheidung ist gültig zunächst einmal negativ, indem man zeigen kann, daß die Menschen Bedürfnisse angenommen haben, die schädlich sind, die die weitere menschliche Entwicklung, die Befreiung der Menschen verzögert, wenn nicht für lange Zeit unmöglich macht. Dazu gehört z.B. — und ich spreche hier selbstverständliich nur von den höchst entwickelten Industrieländern, die Situation ist wesentlich anders in der Dritten Welt — das Bedürfnis, das schon eine Notwendigkeit geworden ist, jedes Jahr oder jedes zweite Jahr ein neues Automobil zu kaufen, oder das Bedürfnis ein neues größeres und bunteres Fernsehgerät zu kaufen, das Bedürfnis, stundenlang vor diesem Fernsehgerät zu sitzen, das Bedürfnis, alle die Waren zu kaufen, die man heute Statussymbole nennt. Das sind negative Bedürfnisse, die zwar ein wirklich gewordenes Bedürfnis befriedigen, aber indem sie es befriedigen, die Befreiung des Menschen von der Entfremdung der Arbeit, die Befreiung des Menschen vom ganzen Wertsystem des Kapitalismus verzögern und ihr entgegenarbeiten.

Sind die wahren Bedürfnisse als relative anthropologische Konstanten anzusehen? — Können sie auch positiv formuliert werden?

Meiner Meinung nach sind sie Konstanten. Ich habe das so zu formulieren versucht: das einzige sogenannte Werturteil, das man bei einer kritischen AnaIyse voraussetzt, ist, daß es besser für den Menschen ist, zu leben als tot zu sein, und daß es besser ist, besser zu leben als schlechter zu leben. Ich glaube, daß man heute, und nicht nur heute, ziemlich genau definieren kann, was ein solches besseres Leben heißt, nämlich, daß es nicht nur bedeutet: immer mehr materielle und auch kulturelle Bedürfnisse zu erzeugen und zu befriedigen, sondern wirklich in einer wesentlich verschiedenen Weise zu leben: d.h. nicht mehr den Körper zum Instrument der entfremdeten Arbeit zu machen; d.h. nicht mehr in einer wesentlich destruktiven Weise seinen Weg in die und durch die Gesellschaft zu machen; d.h. nicht mehr die aggressiven Charakteristiken in der kapitalistischen Gesellschaft zu haben — sondern eben ein von all diesem Negativen freies Leben zu führen, und zwar weil wir meiner Meinung nach historisch in einer einmaligen neuen Situation sind, in einer Situation, wo die materiellen und auch die primitiv-kulturellen Bedürfnisse der Majorität der Bevölkerung erfüllt sind. Was sich darin zeigt, daß immer mehr gesellschaftliche Arbeit auf sogenannte Luxusgegenstände und Bedürfnisse verwendet wird, die nicht zur Subsistenz des Menschen gehören oder, um mit Marx zu sprechen, daß der Kapitalismus sich mehr und mehr durch unproduktive Arbeit reproduziert. D.h. positiv gewendet: wir haben in der Geschichte das Stadium erreicht, wo die gesellschaftlich notwendige entfremdete Arbeit nicht mehr Full-Time-Arbeit zu sein braucht, sondern auf ein Minimum reduziert werden kann und allmählich einer mehr oder weniger schöpferischen Arbeit und einer mehr oder weniger autonomen Freizeit Platz macht.

Läßt sich die (gesellschaftlich) notwendige Arbeit soweit umgestalten, daß auch in sie schöpferische Impulse eingehen können?

Da gibt es eine Grenze. Solange man noch nicht daran denken kann, daß eine völlig automatisierte Produktion möglich ist, wird immer ein großer Rest bleiben von Arbeit, die nicht in schöpferische umgewandelt werden kann. Aber diese Arbeit kann so reduziert werden, daß Quantität in Qualität umschlägt, d.h. daß dieser Rest entfremdeter Arbeit nicht mehr die ganze menschliche Existenz bestimmt.

Wissenschaft diente von Anfang an der Herrschaft über die Natur wie über die Menschen. Gibt es Ansätze einer neuen Art von Wissenschaft, welche die Natur nicht mehr als Objekt der Beherrschung, sondern als eine Art Partner ansieht?

Die Ansätze sind vorhanden in der zum erstenmal gegebenen Möglichkeit, die Herrschaft um der Herrschaft willen, d.h. die Herrschaft um der Macht oder des Profits willen, abzuschaffen. Wie eine zu dieser Phase gehörige neue Wissenschaft aussehen wird, das ist reine Spekulation, dafür gibt es noch keine Basis. Man kann sich aber z.B. eine Physik vorstellen, die einen sehr verschiedenen Begriff der Natur und einen sehr verschiedenen Begriff der Materie hat, nämlich Natur und Materie nicht mehr als einfacher Stoff einer der Herrschaft dienenden Veränderung, sondern irgendwie als Sache an sich selbst — als Lebendiges oder Vorlebendiges an sich selbst; eine solche neue Naturerfahrung, ein solcher neuer Begriff der Materie könnte dann in der Tat auch vielleicht zu einer neuen wissenschaftlichen Methode führen. Aber wie gesagt, eine solche neue Wissenschaft könnte sich nur im Prozeß der Befreiung selbst entwickeln. Man kann ja nicht a priori für sich einfach etwas ausdenken.

Marx geht davon aus, daß die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung in Widerspruch zu den vorhandenen Produktionsverhältnissen geraten und diese schließlich sprengen. Ist es dem fortgeschrittenen Kapitalismus gelungen, die Entwicklung der Produktivkräfte so weit in Regie zu nehmen, daß sie ihre systemsprengende Kraft verloren haben?

Der Kapitalismus hat die Produktivkräfte eigentlich von Anfang an in Regie genommen. Was wir wohl sagen können, ist, daß diese Verwaltung durch das Kapital heute viel totalitärer ist als in früheren Perioden, ein Phänomen, das ich unter dem Titel „eindimensionale Gesellschaft“ zu beschreiben versucht habe. Der Kapitalismus hat die Produktionsverhältnisse in einem vorher unbekannten Maße auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt und sich die Gesamtgesellschaft unterworfen. Gleichzeitig sind wir jetzt in der Phase in der wir eigentlich nicht mehr davon reden, daß der Kapitalismus die Produktivkräfte weiterentwikkelt. Wir müssen sagen, daß er sie verschwendet, daß er sie anhält und zerstört: Ja ist das ganze Phänomen der geplanten Verschwendung und Veralterung, des ungeheuren Anteils der Kriegsindustrie an der Volkswirtschaft, die methodische und systematische Produktion von Gütern und Dienstleistungen, die die Menschen immer mehr an das bestehende System binden. Das alles ist nicht Entwicklung der Produktivkräfte, sondern ihr Gegenteil.

Hier wird die Überflußproduktion zu einer Art Herrschaftstechnik?

Zu einer äußerst wirksamen Herrschaftstechnik, denn wir dürfen doch nicht vergessen — das ist einer der Fehler, die immer wieder gemacht werden —, daß auch tatsächlich menschliche Bedürfnisse erfüllt werden, daß es tatsächlich der Majorität der Bevölkerung in den am weitesten fortgeschrittenen Industrieländern besser geht als jemals zuvor. Das sind ja sehr rationale und materiale Gründe der Integrierung. Und wenn wir uns nicht mit diesen Tatsachen konfrontieren, dann hat die Theorie hier eine entscheidende Schwäche.

Es werden viele Güter erzeugt, die der Mensch im Grunde gar nicht braucht, deren Erzeugung und Verbrauch nur seine Arbeits- und Konsumkraft fesseln, den immer unnötiger werdenden Kampf ums Dasein künstlich aufrechterhalten und ihn von der Möglichkeit freier Selbstbestimmung ablenken.

Es ist die objektive Funktion der sogenannten Gesellschaft im Überfluß, daß dadurch der Mensch an die bestehenden Produktionsverhältnisse gebunden wird, denn diese Produktionsweise bringt ja wirklich die Waren und Dienstleistungen herbei, die die Menschen befriedigen. Nur daß es jetzt anders zu werden anfängt, daß das Bewußtsein der Versklavung im Überfluß und das Bewußtsein, daß es anders sein kann und anders werden muß, allmählich nicht nur bei den Minderheiten, sondern auch in der Arbeiterklasse, besonders bei den Jungarbeitern, wächst — das glaube ich, ist die entscheidende Tatsache.

Halten Sie die Verwirklichung des Sozialismus in einer Mangelgesellschaft für möglich oder setzt der Sozialismus die Überflußgesellschaft voraus?

Er wäre möglich in einer Mangelgesellschaft, die nicht vom Kapitalismus umgeben und nicht vom Kapitalismus bedroht ist. Aber so etwas existiert nicht.

Inwieweit hat sich seit Marx die Arbeiterklasse als mögliches revolutionäres Subjekt gewandelt? Wo gibt es heute überhaupt ein revolutionäres Subjekt, das Theorie in Praxis umsetzen könnte?

Da ist mir nun dauernd vorgeworfen worden, daß ich behauptet hätte, die Arbeiterklasse sei nicht mehr revolutionäres Subjekt und daß anstelle der Arbeiterklasse Studenten oder unterdrückte nationale und andere Minderheiten heute das revolutionäre Subjekt seien. Das habe ich natürlich nie behauptet, ich habe nie davon gesprochen, daß z.B. die Studentenbewegung an sich eine revolutionäre Kraft ist. Ich habe gesagt, daß das Bewußtsein und das Unbewußte der gegenwärtigen Situation des Kapitalismus heute fast ausschließlich in diesen minoritären Gruppen artikuliert ist, weil sie zum großen Teil nicht integriert sind in die eindimensionale Gesellschaft; daß es daher die große historische Rolle dieser Minoritäten ist, als Katalysatoren zu wirken; d.h. erstens: politische Erziehung, Entwicklung des Bewußtseins dessen, was vor sich geht, in anderen Gruppen der Bevölkerung, und zweitens: die Notwendigkeit des Protestes, der Weigerung, der Anklage in Theorie und Praxis, dauernd aufzuzeigen.

Das Proletariat als einziges revolutionäres Subjekt ist in den hochentwickelten kapitalistischen Industriestaaten vielfach befriedet, gesättigt, übersättigt. Marx konstatierte das Proletariat als die gesellschaftliche Klasse, die von den schlechten Bedürfnissen, wie er es formuliert, und von den Wohltaten des Kapitalismus nicht infiziert wurde, auch an ihnen nicht teil hat. Das trifft für heute nicht mehr zu.
Wir müssen eine materielle Pazifizierung bereits entpolitisierter Massen konstatieren.

Das heißt, daß Marx genau gewußt hat, daß hier das entscheidende Moment liegt. D.h., daß das Proletariat nicht nur deshalb das revolutionäre Subjekt ist, weil es menschliche Basis des Reproduktionsprozesses ist, sondern weil es die Negation aller kapitalistischen Bedürfnisse und Werte darstellt. Indem die Arbeiterklasse das nicht mehr tut, indem sie in dieses System der Bedürfnisse selbst hineingezogen ist, ist es eben nicht mehr das Marxsche Proletariat. Es ist immer noch die Arbeiterklasse, es ist nicht das revolutionäre Subjekt, solange die Arbeiterklasse noch dem System der kapitalistischen Bedürfnisse verhaftet bleibt. Aber die Arbeiterklasse kann, muß und wird wieder revolutionäres Subjekt werden, sobald sie für sich selbst diese Verhaftung an die kapitalistischen Bedürfnisse gesprengt hat, d.h. in dem Grade, in dem die rein ökonomischen gewerkschaftlichen Forderungen der Arbeiterklasse wieder zu politischen Forderungen werden. Was ich unter neuer Arbeiterklasse verstehe, ist nicht ein verschiedenes gesellschaftliches Subjekt, sondern die bestehende Arbeiterklasse, die die neuen Bedürfnisse, die Negation der kapitalistischen Bedürfnisse in Bewußtsein und Praxis darstellt.

Aber nicht aus eigener Kraft ...

Ganz aus eigener Kraft hat das die Arbeiterklasse ja nie getan, und das ist eben der Blödsinn in der Propaganda gegen das, was man Eliten oder Elitarismus nennt. Das ist eine Propaganda des Establishments, um das Bewußtsein der Arbeiterklasse weiter anzuhalten und zu limitieren. Die Arbeiterklasse hat immer zusammengearbeitet mit Gruppen die nicht zur Arbeiterklasse selbst gehören, mit Intellektuellen, die den theoretischen und strategischen Anstoß gaben. Diese Intellektuellen sind natürlich nur insofern zur geschichtlichen Kraft geworden, indem das, was sie darstellen und sagen, von der Arbeiterklasse selbst aufgenommen werden kann und aufgenommen wird.

Die Entwicklung des Kapitalismus ist ohne die Ausbeutung der Dritten Welt nicht zu verstehen ...

Natürlich kann man heute den Kapitalismus in keiner Weise isolieren und nichts an ihm diskutieren, ohne sein Verhältnis zur Dritten Welt in Rechnung zu stellen. Revolutionäres Subjekt existiert unmittelbar in der unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerung der Dritten Welt. Da sind heute die potentiell und aktuell revolutionären Massen. Sie kämpfen in Vietnam, sie kämpfen in jenen lateinamerikanischen Staaten, die von total korrumpierten, faschistischen Regierungen verwaltet werden. Diese Massen, die ja die unmittelbarsten Opfer des Kapitalismus auf weltweiter Basis sind, gaben einen großen Teil des Anstoßes für den radikalen Protest der Linken in den Vereinigten Staaten.

Nach dem Abklingen der antiautoritären Phase rückte in der Studentenbewegung die Organisationsfrage immer mehr in den Vordergrund. Was für Möglichkeiten der Organisation sehen Sie für die Neue Linke? Kann hier überhaupt noch mit konventionellen Organisationsformen wirksam gearbeitet werden oder müssen völlig neue Wege gefunden werden?

Ich glaube, daß in dem Grade, in dem das ritualisierte Modell der Revolution nicht mehr gültig ist, auch die tradierten Organisationsformen geschichtlich überholt werden. Lassen Sie mich ein Beispiel dafür geben. Es ist unvorstellbar, daß eines Tages revolutionäre Massen von mehreren Seiten des Landes sich nach Washington in Bewegung setzen, dort das Pentagon stürmen, das Weiße Haus besetzen, das Schatzamt besetzen usw. Das ist ein völlig abstraktes und phantastisches Modell. Die Konzentration der Macht in den Händen der herrschenden Klasse ist so groß, daß eine solche Massenbewegung im traditionellen Sinne sehr schnell im Keim erstickt werden kann. Daraus folgt, daß auch die alten autoritär-bürokratischen zentralisierten Massenparteien geschichtlich schon überholt sind, und daß neue Formen der Organisation gefunden werden müssen. Wirksame Organisation ist heute eine der großen Aufgaben der Linken, der alten sowohl wie der neuen. Mit der Spontaneität allein gehts nicht, ist es nie gegangen. Die neue Organisation muß die Spontaneität effektiv koordinieren und organisieren, ohne sich von der Spontaneität zu isolieren. Das würde heißen: eine Organisation oder Formen der Organisation, die im weiten Maße dezentralisiert sind, die ihre festen Wurzeln haben in lokalen und regionalen Einheiten und die eine Tradition aufnehmen, die ja in der Arbeiterbewegung wohl bekannt ist, nämlich die Organisation der direkten Demokratie, wie sie in Theorie und Praxis der Räte zum großen Teil schon erarbeitet worden ist.

Die durch eine etwaige revolutionäre Umwälzung an die Macht kommenden Personen sind notwendigerweise in einer kapitalistischen Umwelt aufgewachsen, gemäß deren Bedürfnissen erzogen und bis in ihre Triebstruktur hinein geformt worden. Sind solche Menschen überhaupt fähig, eine grundlegende neue, freie Gesellschaft mit einer radikal anderen Lebensweise aufzubauen? Müssen sie nicht schon vorher zu freien Menschen umerzogen werden?

Zur Freiheit erziehen kann hier nur heißen: den Menschen zu helfen, daß sie sich selbst zur Freiheit erziehen, denn man kann nicht die Freiheit — wenn es wirklich dazu kommt — aufzwingen. Irgendwie muß das aus dem Menschen selbst kommen. Aber diese Menschen müssen sich erst in einer Situation befinden, in der ihre Selbstentwicklung zur Freiheit möglich ist. Sie haben in der Tat das zentrale Problem angeschnitten, das Marx genau gesehen hat: daß eine radikale Veränderung der Menschen nötig ist, wenn die Revolution wirklich Befreiung sein soll; dieser radikale Menschentypus muß irgendwie schon vor der Revolution da sein; es müssen radikale neue Menschen sein, welche die neuen sozialistischen Institutionen und Verhältnisse einführen. Sonst fängt in der Tat der ganze alte Dreck wieder von vorne an: ein Herrschaftssystem wird durch ein anderes ersetzt. Das ist es, was ich mit der Umwertung der Werte, mit der Umwertung der Bedürfnisse meine. Ich glaube, daß gerade in der gegenwärtigen Phase der Geschichte die Vorbedingungen dafür gegeben sind, daß die Negation der kapitalistischen Bedürfnisse und Zielsetzungen sich in den Individuen selbst vorbereitet und weiterentwickelt.

Gibt es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft schon Möglichkeiten zur Entwicklung eines neuen Menschentypus? Etwa in Gruppen?

Die Möglichkeiten existieren nicht nur, sie sind zum Teil schon ausgenutzt: alle diese minoritären Gruppen haben schon irgendwie eine Basis in der Gesellschaft selbst. Denken sie z.B. an die Studentenbewegung mit ihrer Basis in den verschiedenen Universitäten; die Studenten sind ja heute nicht einfach freischwebende Intelligenz. In dem Grade, in dem der Produktions- und der Reproduktionsprozeß immer mehr nichtmanuelle, also intellektuelle Arbeit, verlangt, gehören die Studenten hier auch zu den Kadern der alten und einer kommenden neuen Gesellschaft. Diese Basis existiert bereits, auf dieser Basis muß gearbeitet, organisiert, koordiniert werden, und diese Basis muß verbreitert werden, indem man alle überhaupt nur erreichbaren Gruppen der Bevölkerung in den politischen Aufklärungsprozeß hineinzieht, in Theorie und Praxis.

Außerdem gibt es noch andere Ansätze: z.B. die Kommunen, die ja sehr weit verbreitet sind und ganz bewußte Versuche darstellen, sich aus dem kapitalistischen Prozeß herauszunehmen und in relativ isolierten Einheiten neue Verhältnisse, nicht entfremdete Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, aber auch neue Arbeitsweisen zu versuchen.

Bei diesen Gruppen entsteht immer das Problem des Innen-Außenverhältnisses, der Spannung zwischen der relativ freien Lebensweise innerhalb und der Repression der Gesellschaft außerhalb der Gruppe. So ist die Versuchung groß, sich in seinem Ghetto weiterhin zu isolieren und auf politische Einwirkung in der Gesellschaft zu verzichten.

Richtig. Es gibt genug Kommunen, die nichts weiter sind als ein Versuch privater persönlicher Befreiung, der natürlich nicht andauern kann und bald scheitern wird. Wenn die Kommunen nicht sich selbst im politischen Prozeß halten, in der politischen Erziehung, und zusammenarbeiten mit dem, was außerhalb vor sich geht, haben sie überhaupt keine Chance. Die Unterscheidung zwischen persönlicher Befreiung und gesellschaftlicher Befreiung, muß durchaus und überall lebendig und wirksam bleiben.

Weiche Strategien der Systemveränderung halten Sie heute für aussichtsreich?

Das ist eine schwierige Frage. Ich werde versuchen, wenigstens teilweise, eine Antwort anzudeuten. Zunächst: wo und wenn es keine revolutionären Massen gibt, soll man nicht von revolutionärer Massenaktion sprechen; das ist der Fall in den Vereinigten Staaten. Die Situation ist anders in Frankreich und sicher anders in Italien. Ich beschränke mich hier auf die Vereinigten Staaten. Eine revolutionäre Massenaktion kann nur entstehen in einem langen Prozeß der Entwicklung und Vorbereitung, und eine nur potentiell revolutionäre Arbeiterklasse kann aktuell revolutionäres Subjekt nur werden, wenn sich ihre gesellschaftliche Existenz grundlegend ändert. Das heißt konkret: wenn die relative Stabilisierung, Prosperität und das normale Funktionieren des amerikanischen Kapitalismus sich zu desintegrieren beginnt. Und ich glaube, daß dies heute der Fall ist. Bis jetzt ist die Strategie der Linken wesentlich auf die Vorbereitung einer solchen Situation beschränkt, Vorbereitung zunächst einmal theoretisch: Analyse der gegenwärtigen Situation, der Möglichkeiten einer sie verändernden Strategie, zweitens politische Aufklärung in Theorie und Praxis, d.h. Demonstrationen, Ausnutzung aller legalen Mittel. Die Parole, die mir immer noch die beste erscheint, ist die von Dutschke: Der lange Marsch durch die Institutionen. Wir leben in keiner revolutionären Situation und in einer solchen nichtrevolutionären, vielleicht nicht einmal vorrevolutionären Situation, muß man eben in und durch die Institutionen arbeiten. Es geht nicht anders. Diese Arbeit schließt ein, wo immer es möglich ist, den Aufbau von Gegeninstitutionen: Gegeninstitutionen z.B., um das Monopol des Informations- und Erziehungsapparates zu brechen (free press, underground press, free universities, free schools usw.). Man versucht, diese jeweils aufrecht zu erhalten, so lange es geht. Und dann, wie gesagt: dauernd Protestdemonstrationen in einer möglichst starken Einheitsfront mit anderen Gruppen und zentriert auf konkrete Probleme und Forderungen, die so transparent sind, daß auch die noch nicht politischen Teile der Bevölkerung verstehen, worum es geht: in Amerika offenbar der Krieg in Indochina, die Inflation, die Arbeitslosigkeit usw.

Heute, wo konkrete Erfolge für die Linke nicht direkt sichtbar sind, droht ein Rückzug in die theoretische Arbeit. Es besteht die Gefahr, daß Theorie Über-Ich-Funktionen übernimmt: zum seelischen Halt für den einzelnen wird, was dann leicht zum Streit über die reine Lehre ausartet und zur Aufspaltung der Linken in Sekten führt. Das ist besonders verhängnisvoll in einer Zeit, in der die Einheit der Linken gegenüber dem konservativen Backlash, den wir heute als Reaktion auf die Studentenbewegung erleben, das Gebot der Stunde wäre. Wie ernst ist eigentlich die Theorie zu nehmen? Muß man nicht als Mensch einen gewissen Abstand zu seiner eigenen Theorie haben?

Natürlich, sonst hat man eben keine kritische Theorie mehr. Ich würde aber nicht von einem Rückzug in die Theorie sprechen, denn die Arbeit an der Theorie ist immer Hand in Hand gegangen mit einer Analyse der Praxis und mit der Praxis selbst. Marx hat immer, selbst während seiner unmittelbaren Verflechtung in die Kämpfe seiner Zeit, sich um die Theorie gekümmert. Schließlich bleibt ja für den Marxismus die Theorie der Leitfaden für eine revolutionäre Praxis. Was allerdings meiner Meinung nach mit einer marxistischen Theorie nichts mehr zu tun hat, das sind diese endlosen, unfruchtbaren Debatten zwischen den verschiedenen kleinen Gruppen der Linken, die sich gegenseitig das Privileg streitig machen, orthodoxe Marxisten zu sein oder die einzig richtige Strategie zu haben. Ich habe schon betont, daß das dringendste Gebot auf der Linken heute ist, quantitativ Stärke zu gewinnen. Hier behält das Gesetz des Umschlags von Quantität in Qualität seine Gültigkeit. Solange die genügend große Quantität nicht da ist, kann auch die qualitative Veränderung in der Praxis nicht erfolgen. Das heißt: stärker aufbauen, das heißt alle Gruppen zusammenfassen, sich endlich darüber klar werden, daß es Zeit ist, diese rein ideologischen Streitigkeiten zu suspendieren, ideologische Debatten, die die Marxsche Theorie ritualisieren, die mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun haben, die sich in einer Phantasiewelt bewegen, die entweder noch die Welt des 19. Jahrhunderts oder die Welt Chinas oder Kubas ist, die aber im Augenblick keine Anwendung auf die Situation des fortgeschrittenen Kapitalismus in den Metropolen haben kann und auch nicht hat.

Wenn es der Linken nicht gelingt, eine temporär haltbare Einheitsfront zu schaffen, ihre zersplitterten Kräfte zu sammeln und neue Organisationsformen zu finden, dann läuft sie Gefahr, einem kommenden Neofaschismus zum Opfer zu fallen.

Würden Sie auch linksliberale Kräfte in diese Koalition einbeziehen?

Allgemein ist diese Frage nicht zu beantworten. In besonderen Fällen würde ich sagen: ja. Solange man nicht einer Strategie folgt, von der vorauszusagen ist, daß sie nur zur Stärkung des Bestehenden dient, kann in bestimmten Fällen und für bestimmte Zwecke die Zusammenarbeit mit Linksliberalen äußerst wichtig sein.

Herbert Marcuse im NF

  • Gesellschaft als Kunstwerk. Nov./Dez. 1967
  • Gibt es noch Christen? Ein Gespräch mit Harvey Wheeler. Aug./Sept. 1968
  • Friede als Utopie. Nov./Dez. 1968
  • Revolution. Jänner 1969
  • Nicht einfach zerstören. Aug./Sept. 1969
  • Humanismus — gibt’s den noch? Anf. April 1970
  • Helft Angela! Mitte Nov. 1970
  • Zeit für Disziplin. Gespräch mit Dieter Straubert. Aug./Sept. 1971
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner (München): Mutmaßungen über Marcuse. Jän./Feb. 1968
  • Ernst Bloch: Antwort an Marcuse. Juni/ Juli 1969

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1972
, Seite 19
Autor/inn/en:

Herbert Marcuse:

Geboren 1898 in Berlin, gestorben 1979 in Starnberg. Philosoph, Politologe und Soziologe, Schüler von Edmund Husserl und Martin Heidegger. 1930 war er neben Heidegger und Erich Fromm Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Zwei Jahre später siedelte Marcuse angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland in die USA über. In New York schloss er sich dem Institut für Sozialforschung an der Columbia University an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

Rolf Gössner:

Geboren 1948, Rechtsanwalt, Publizist und parlamentarischer Berater. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zum Themenfeld „Innere Sicherheit“, Bürgerrechte und Demokratie. Er schreibt für viele Zeitungen und ist Mitherausgeber der Zweiwochenschrift „Ossietzky“.

Paul Hasse:

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