FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 192
Max Horkheimer

Für eine Theologie des Zweifels

Daß westliche Kultur in einer Krise sich befindet, die an Schärfe die vergangene Übergangsperioden übertrifft, ist eine triviale Feststellung. Mit einiger Exaktheit die Situation zu bestimmen, bedürfte nuançierter Überlegung. Hier wage ich einige der viel erörterten Momente kurz zu bezeichnen, die mir theoretisch wie auch im Hinblick auf die Praxis als wichtig erscheinen: das Elend der Theologie; das Versagen der Marxschen Konzeption; einen bescheidenen Gedanken zu dem, was geschehen kann.

Wie auch immer der Begriff Kultur zu definieren sei, sie geht in Kunst und Wissenschaft nicht auf, auch nicht in Sitten und Gebräuchen. Die Art des Denkens, Fühlens und Verhaltens des einzelnen, soweit sie nicht rein physiologisch oder durch den materiellen Zweck bestimmt wird, gehört zum Begriff von Kultur. Weitgehend ist das innere Leben, bewußt und unbewußt, das Produkt der geistigen Überlieferung. Religiöse Ideen verschiedenen Ursprungs haben bei Entwicklung der Sprache, nicht zuletzt der deutschen, eine Rolle gespielt, sie erscheinen in den Regungen wie in deren Ausdruck bei jedermann, Atheisten wie Gläubigen.

Religion als solche jedoch hört auf, im Leben des einzelnen bestimmend zu sein. Vorstellungen wie göttliche Allmacht, Weltschöpfung, Erbsünde, Fortleben der Seele nach dem Tod, ewige Gerechtigkeit galten der übergroßen Mehrzahl europäischer Menschen durch viele Jahrhunderte für nicht weniger real, als die dreidimensionale Welt und die Dinge in ihr. Angesichts des Fortschritts und der Ausbreitung von Wissenschaft wurden sie, zumindest seit der Reformation, einem besonderen Bereich, dem Glauben, zugewiesen. Nunmehr sind sie, wie ich meine, in der Regel aus Gewohnheit, Konformismus und als Grund der Feiertage anerkannt.

Der Unterschied zwischen den historischen Wendepunkten im Verhältnis von Religion und Wissenschaft zur Gegenwart ist offenbar. Man denke an die Bahnbrecher der neuen Weltvorstellung in Renaissance und Barock, etwa den Domherrn Kopernikus, Galilei und Kepler. Nicht nur aus Furcht bejahten sie die Offenbarung. Selbst Isaac Newton, der Entdecker des Gravitationsgesetzes, war in seinen älteren Jahren, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, an theologischen Fragen nicht weniger interessiert als an Naturforschung. Nach ihm erschöpfte sich die Wahrheit nicht in Wissenschaft. Er läßt noch andere Einsicht gelten als mathematisch geordnete, durch Instrumente vermittelte Wahrnehmung; er war kein Positivist.

Um das Schicksal von Religion in der Gegenwart zu begreifen, bedarf es weiterer Reflexionen als bloß des Gedankens an die Reihe überwältigender Erfolge in physikalischen, chemischen, astronomischen, medizinischen Institutionen. Entscheidend ist die durch sie ermöglichte Technik und die aus ihr folgende Änderung gesellschaftlichen Lebens, das den Ausblick auf ein Jenseits, auf Strafe und Belohnung in der Ewigkeit entbehrlich macht.

Die Steigerung der Kriminalität, die wachsende Unruhe unter der Jugend, deren „Wildheit“ Goethe noch beschützen wollte (Gespräch mit Eckermann, 12. Mai 1828), sind Symptome des Übergangs zu einer strafferen Ordnung: Die in steigendem Maß das Leben bestimmenden, sozialen Faktoren, Manipulation durch Massenmedien, Freizeitgestaltung, Administration schlechthin, werden perfektioniert, gleichen das Verhalten der Individuen einander an, ersetzen Religion und die in ihr begründete Moral bei der Steuerung des Verhaltens.

Wird der Prozeß zur umfassenden Ordnung nicht durch Katastrophen unterbrochen und zurückgeworfen, so führt er zur Gewöhnung an akkurates Reagieren auf Zeichen, zu einer Aufnahme des geforderten Verhaltens in die menschliche Substanz als gattungsmäßigen Instinkt. Religion wird überflüssig.

Nicht allein die Religion, auch andere Sphären der Kultur verdanken die Entfaltung weitgehend ihrer gesellschaftlichen Funktion. Seit ihrer historisch bedingten Entbehrlichkeit, die längst vor der heutigen Rebellion etwa im Gang moderner Kunst sich ausdrückt, wird von allen nicht rein scientistischen Ideen durch die jungen Aktivisten lediglich die unbestimmte Freiheit proklamiert. Der Rest gilt als Romantik. Die Gesinnung war im bürgerlichen 19. Jahrhundert bereits formuliert. „Alle Erziehung“, sagt um 1840 Georg Herwegh, „soll nur darauf hinauslaufen, den Menschen zu einem freien Mann zu bilden, oder vielmehr, da der Mensch so lange frei ist, bis er einem deutschen Professor in die Hände gerät, die angeborene Freiheit zu erhalten, zu entwickeln, ihr Inhalt und Fülle zu geben.“ (Herwegh, Deutsches Verlagshaus Bomm & Co., II. Teil, S 159,—).

Auch Marx und Engels erklärten Freiheit als das der Epoche einzig angemessene Ziel. Der historische Materialismus bildet die Begründung. Nach ihm ist jede Ordnung der Gesellschaft durch den Stand der Naturbeherrschung bedingt. Beim Bau der Pyramiden mußten Menschen, von der Peitsche angetrieben, die Steine schleppen, es bedurfte der Sklaverei. Je differenzierter, leistungsfähiger die Werkzeuge, desto weniger bedarf es krasser Unterjochung.

„Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“, heißt es bei Marx im Werk über „Das Elend der Philosophie“, 2. Kap. § 1.

Da die Herren jeweils ihre alte Machtstellung verteidigen, erfolgt der Übergang zu der dem höheren Stand der produktiven Kräfte angemessenen Gesellschaft durch Revolution. Der Kapitalismus soll, nach Marx, zum letzten solchen Umsturz führen, zur Überwindung der Klassenverhältnisse schlechthin. Der Stand der Technik gestattet gleiche Freiheit für jedermann.

Die sich verschärfenden Wirtschaftskrisen, die steigende Misere der Arbeiter erzeugen ihre Solidarität im Kampf um jenen neuen Zustand, mit dem, nach allem Elend, die wahre Geschichte der Menschheit beginnen wird. Durch solche Verkündung wurde die Marxsche Analyse der Gesellschaft, die von ihm als Wissenschaft bezeichnete Kritik politischer Ökonomie, zur neuen, anti-religiösen Religion.

Das Vertrauen in sie ist jetzt nicht weniger erschüttert als der Theismus, der einst dem Leben keinen realistischen, sondern transzendenten Sinn verlieh.

Nicht nur hat die Prophezeiung vom steigenden Elend sich als falsch erwiesen; insbesondere die vom Reich der Freiheit, wie die Lehre insgesamt, sind kompromittiert. In den Ländern, die den Marxismus zur offiziellen Doktrin erklären, funktioniert er, wie hierzuland einmal das Christentum, als Rationalisierung der Herrschaft, als Instrument von Innen- und Außenpolitik.

Sollte in den hochindustrialisierten westlichen Ländern die Naturbeherrschung so weit sich entwickelt haben, daß, wie Marx erhoffte, Klassenunterschiede ihren Grund verlieren, dann wird, wie erwähnt, die rationale, allumfassende Verwaltung den Menschen selber automatisieren. Die Reaktion auf Zeichen, rationales Verhalten, wird zum eingeborenen Instinkt, das autonome Subjekt erweist sich als ein Zwischenstadium, ephemer, als bloßer Übergang, der erstrebte Endzustand als die vollendete Zweckmäßigkeit.

Sehnsucht statt Dogmatik

Dogmatische Systeme, religiöse, idealistisch-philosophische wie materialistische, im tiefsten miteinander verwandt, sind desavouriert. Die Jugend ahnt es bereits. Der bloße Schrei nach Freiheit, seiner Abstraktheit insgeheim bewußt, drückt die in Wut verwandelte Verzweiflung über den geschwundenen, als Romantik denunzierten Sinn des eigenen wie des fremden Lebens aus.

Von den zergehenden Ideen etwas zu bewahren, sind Theologen, Sozialisten, fortschrittliche Intellektuelle jeder Richtung aufrichtig bemüht. Die verschiedenen Kirchen suchen sich einander zu nähern, ja mit aufgeschlossenen Marxisten zu verhandeln. Durch die Milderung der Gegensätze hoffen sie, die Lehren wie den Kultus schließlich so zu gestalten, daß trotz manchen Differenzen geistige, nicht bloß wissenschaftliche, Bildung bei Erwachsenen wie Jugend nicht ganz illusorisch wird.

Bei allem Verständnis für solche Anstrengung scheint sie mir, entgegen ihrem Willen, die Fragwürdigkeit der Lehre wie der Bräuche zu bestätigen, die sie retten will. Die durch Wissenschaft vermittelte, gesellschaftliche Änderung hat längst den Glauben erschüttert, der, zur Zeit der Reformation bereits als eine Konzession, an Stelle der Gewißheit getreten war.

Die veränderte Bedeutung der Familie in der Gegenwart betrifft das ganze Denken und Fühlen. Mit dem Verschwinden der Verehrung des irdischen Vaters schwindet die des göttlichen, damit die religiösen Karegorien, die ohne ihn sich nicht halten können. Schon die Färbung der Stimme des Vaters, wenn er von biblischen Dingen erzählt, verrät den Unterschied zum Wirklichen.

Kann religiöse Überlieferung, so ist zu fragen, ernsthaft dauern, wenn anstatt des Positiven nicht das Negative, anstatt der Gewißheit nicht der Schmerz der Ungewißheit eingestanden wird?

Die Gespräche der Konfessionen untereinander wie mit Marxisten und Vertretern jeder anderen Weltanschauung, verdienen alle Achtung. Ich frage jedoch, ob nicht ein anderer Weg mit eingeschlossen werden sollte, nämlich die Betonung, daß die gesamten theologischen Systeme und Begriffe im rein positiven Sinn nicht mehr haltbar sind.

Den Religionen, das Judentum eingeschlossen, liegt der Gedanke an ein ewiges Wesen, seine Allmacht und Gerechtigkeit zugrunde. Was die menschlichen Organe zu erkennen vermögen, ist jedoch das Endliche, den Menschen mit eingeschlossen. Das Ich, das eigene Bewußtsein, die sogenannte Seele, sind, soweit wir selbst zu urteilen vermögen, schon im Leben leicht in Unordnung zu bringen, zu verwirren, zu unterbrechen; Unglücksfälle, schwere Krankheit, ja der Genuß von Alkohol und anderer Stimulantien schaffen es.

Daß auf Erden an so vielen Stellen Ungerechtigkeit und Grauen herrscht und die Glücklichen, die es nicht leiden müssen, davon profitieren, daß ihr Glück vom Unglück anderer Kreaturen, heute wie in der vergangenen Geschichte, abhängt, die sogenannte Erbschuld, ist offenbar.

Den im eigentlichen Sinn Denkenden ist all dies bewußt, und ihr Leben, selbst in glücklichen Momenten, schließt die Trauer ein.

Wenn die Tradition, die religiösen Kategorien, insbesondere die Gerechtigkeit und Güte Gottes, nicht als Dogmen, nicht als absolute Wahrheit vermittelt werden, sondern als die Sehnsucht derer, die zu wahrer Trauer fähig sind, eben weil die Lehren nicht bewiesen werden können und der Zweifel ihnen zugehört, läßt theologische Gesinnung, zumindest ihre Basis, in adäquater Form sich erhalten.

Die Maßnahmen in Hochschulen und Schulen, die zu solcher Änderung notwendig sind, vermag ich hier nicht zu erörtern.

Den Zweifel in die Religion einzubeziehen, ist ein Moment ihrer Rettung.

Ich erinnere zuletzt nur an die wahrlich notwendige Aufhebung des Begriffs der Solidarität, den Marx auf Proletarier reduzieren wollte. In der Beschränkung hat er versagt. In der Ausbreitung auf alle Menschen kann er zur produktiven Wahrheit werden, zum heute adäquaten Sinn der Nächstenliebe.

Als endliche Wesen sind wir Gemeinschaft in Angst vor Leiden und Tod; im Kampf um die Verbesserung, Verlängerung des Lebens aller zu bestehen hätte, würde die richtige Solidarität sich erzeugen, die Religion und große Philosophie in sich vereinigte. Wissenschaft wäre nicht ihr Gegner, sondern ihr wichtigstes Instrument.

Solche Andeutung sollte, wie ich meine, weiter entfaltet werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1969
, Seite 719
Autor/inn/en:

Max Horkheimer:

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