FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Arnulf Rainer

Euthanasie der Kunst

Arnulf Rainer und Alfred Hrdlicka, zwei prominente Wiener Künstler, schrieben die folgenden, sehr persönlichen Referate als Teilnehmer des Kongresses für Psychopathologie des Ausdrucks, der Ende September in Linz stattfindet. Beide haben unter Aufsicht des Münchner Max-Planck-Instituts Versuche mit LSD gemacht, ein Bericht darüber läuft im Dezember im Deutschen Fernsehen. Die Illustrationen stammen aus der Sammlung ART BRUT Arnulf Rainers, die in der Galerie nächst Sankt Stephan zu sehen war.

Kein künstlerisches Phänomen hat in den letzten Jahren so interessiert wie die Irrenkultur. Weniger einzelne Werke und Persönlichkeiten, sondern ihre ganze Erscheinung, ihre Akzente, ihre Moral. Da alle diese Geistes- und Staatskranken, Lebens- und Kulturüberdrüssigen äußerlich unter den schlechtesten Bedingungen ihr Dasein fristen, ist das meiste ihrer Produktion nur skizzenhaft, in Keimform, ohne Ausgestaltung existent. Es gibt fast keine großen repräsentativen Hauptwerke wie etwa „Ihe Fairy Feller’s Masterstroke“ des schizophrenen Vatermörders Richard Dadd, dafür aber eine ungeheure Vielzahl faszinierender und eigenartigster Einfälle in der Erscheinung einer Kleinkunst. Ihre Moral: Ablehnung der vorgegebenen Kultur, Freiheit der Verwandlung und Vorstellung, die ungenierte Verwendung jeglicher Mittel und Thematik, das mangelnde Interesse, das Produkt als Ware zu konzipieren, die Vorherrschaft persönlichster Probleme ohne pseudokommunikative Einstellung, kurz: eine vollkommene Verschmelzung von Leben und künstlerischer Aktion.

Auf diese Weise hat die Irrenkunst zweifellos eine Idealität für den modernen Künstler wie einstmals die griechische für die Renaissance oder die Negerkunst für den Kubismus. Ohne Vorurteile muß man in vielen Wahnformen die Versuche zu neuen personellen Strukturen, neuen kommunikativen, sozialen und asozialen Reaktionen erkennen. Vieles, was als pathologisches Symptom gilt, muß man als Gestaltungs- und Kommunikationsversuch interpretieren. Wie der Künstler ist der Patient jemand, der neue Formen sucht und erfindet, ein Schöpfer, der kulturelle Qualitäten produzieren kann. Der durchschnittliche Schizophrene muß, da sein Gestaltungssinn neuseitig begabt ist, als Außenseiter der Gesellschaft leben beziehungsweise ist er sozial und kulturell unterdrückt durch die verschiedenen Instanzen einer staatlichen Psychopathologie, die laufend direkt wie indirekt so etwas wie eine Inquisition der Lebensformen und Persönlichkeitsstrukturen produziert. Fast alle Erscheinungen der Wahnkunst haben es deshalb so schwer, als solche erkannt und bekannt zu werden, und durch die Zensur dieser ignorantischen Psychiatrie in die kulturelle Öffentlichkeit zu gelangen. Sie beschränken sich keineswegs nur auf Zeichnungen beziehungsweise die traditionellen Kunstsparten, sondern die Hauptbemühungen reichen in Gebiete, die weithin unerforscht sind und erst in der modernen Kunst über das Happening erkannt wurden, da sie damit verwandt sind. Fast alles, was man zu den Symptomen des Wahns rechnet, hat Entsprechungen in Gestaltungsphänomenen der Avantgarde.

Ich erinnere an die Expressionen beziehungsweise Statements der katatonischen Körperhaltungen, der Grimassierungen, der Material- und Leibesaktionen und der Manierismen auf allen Gebieten, in denen Patienten wirken dürfen. Gerade darin haben sie es zu einem vollkommen eigenwertigen und unvergleichlichen Stil gebracht. In der feudalistischen Hierarchie der Kliniken an unterster Stelle, ohne Rechtsanspruch, hat diese Subkultur keine Chance auf echtes Wachstum. In diesem Sinne ist sie kein unvergleichliches Phänomen, sondern mit einigen Ausnahmen (wie etwa die Arbeiten der Berufskünstler E. Josephson, R. Dadd und F. X. Messerschmidt) ein Bereich der Art Brut. So wurde in Frankreich zum erstenmal die Kunst der Ungebildeten, der sozial und kulturell nicht Integrierten genannt. Die gestalterischen Aktionen von Krüppeln, Kriminellen, Klosettkritzlern, Kretins und Kranken jeder Kategorie erfaßt diese Bezeichnung. Gemeinsam ist diesen Außenseitern, daß sie nicht einer Künstlergruppierung entstammen wie alle Avantgardisten, sondern nur Einzelgänger sein können. Zweifellos stehen uns aus diesem Gebiet noch große Überraschungen und Entdeckungen bevor. Da sich das bei den Kunsthistorikern und Anthropologen noch nicht herumgesprochen hat, sind es meistens Künstler oder einige vorurteilslose Psychiater, die das Terrain zu erschließen suchen. Aber bis jetzt existiert skandalöserweise nicht einmal eine einzige umfassend informierende Dokumentationssammlung. Eine medizinische Gesellschaft zum Studium der Psychopathologie des Ausdrucks versucht Material zusammenzutragen, leider mit mangelndem Unterscheidungsvermögen und geringer Initiative. Soweit mir bekannt ist, gibt es nur eine große Sammlung in Paris, die der Compagnie de l’Art Brut gehört. Eine weitere, die sogenannte Prinzhorn-Sammlung, sie wurde bereits um 1920 zusammengetragen, besitzt die Universitätsklinik in Heidelberg. Alles andere Material ist zerstreut in Anstaltsarchiven oder in kleinen ärztlichen Privatsammlungen. Meistens wurde es jedoch in den Krankenhäusern verheizt, soweit es Zeichnungen, Texte und Objektbasteleien betrifft. Dokumentationen mit Lichtbild, Film und Tonband wurden überhaupt nur in den seltensten Fällen von den psychiatrischen Instanzen angefertigt. Photos der einstmals alltäglichen katatonischen Akte haben Raritätswert. Als Arztgeheimnis deklariert, wird der kulturellen Öffentlichkeit auch das geringe Material vorenthalten, um die große Aufwertung aller Geisteskranken zu verhindern. Diese Kulturvernichtung beziehungsweise -unterdrückung ist ein trauriges Kapitel, und man muß an die Adresse der verantwortlichen Anstaltsleiter allerschwerste Vorwürfe richten. Rein statistisch läßt sich beweisen, daß unter 100 Patienten mindestens ein sehr wichtiger, interessanter Gestalter ist. Man sehe sich unter diesem Aspekt die Archive unserer psychiatrischen Krankenhäuser an, in denen sich im Laufe der Jahre Zehntausende Patienten aufgehalten haben. Auch jetzt, nach zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen über dieses Gebiet wird immer noch vernichtet, zensuriert, vor allem aber durch sogenannte therapeutische Maßnahmen künstlerischer Dilettantismus gefördert, wenn nicht aufgezwungen.

Nicht genug damit, in den letzten Jahren gelang es der Psychopharmakologie, fast alle Katatoniker und kulturell selbständigen, initiativen Patienten auszurotten beziehungsweise so zu deften, daß Zeichner wie Wölfli oder ein qualifiziertes katatonisches Happening zu den Seltenheiten des Anstaltslebens gehören. Die heute in der Öffentlichkeit auftauchenden, meist harmlosen Blätter sind nur in Ausnahmefällen interessant und mehr ein Alibi der kulturvernichtenden Kliniken. Die Rarität des Materials und die schwierige Aufklärung über eine Kultur, von der uns nur etwa zwei Prozent überliefert werden, obwohl sie sich in unserer Gegenwart noch ereignet, macht die Errichtung eines eigenen Institutes für die Wahnkultur dringend notwendig. Mit Arzthilfe ist kaum zu rechnen. Mein Aufruf richtet sich an die Patienten: Fertigt selbst Archive eurer Zeichnungen, Texte und Systeme an, photographiert katatonische Statements, filmt eure Aktionen, bekennt euch selbstbewußt gegenüber Psychiatrie und Staat zu eurem Stil und zu euren Ideen. Verlangt Stipendien, Professuren, Staatspreise und Subventionen. Besteht auf Wiedergutmachung und duldet von den Anstalten höchstens so etwas wie Ethnographie statt Psychiatrie als Kultureuthanasie!

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
, Seite 519
Autor/inn/en:

Arnulf Rainer:

Geboren 1929, besuchte drei Tage lang die Akademie der bildenden Künste in Wien, lebt seitdem abwechselnd hier, in Paris und in Berlin. Er erhielt 1964 den Preis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und 1966 den Österreichischen Staatspreis für Graphik. Einzelausstellungen u. a. in der Galerie St. Stephan, Wien, Casallina, Venedig, Schmela, Düsseldorf, Springer, Berlin, Minami, Tokio, Hartmann, München, zahlreiche Beteiligungen oder Gruppenausstellungen. 1959 Gründung des „Pintorariums“, einer Anti-Akademie, gemeinsam mit Ernst Fuchs und Fritz Hundertwasser. 1966 Zeichnungen unter Drogeneinfluß (Mescalin und Psilocybin) in der Universitätsklinik Lausanne.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar