FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 327/328
Freimut Duve

Elefantiasis

Freimut Duve
SPD-Bundestagsabgeordneter und Lektor des Rowohlt Verlags

Wenn ich einen Privatzoo betreiben müßte, wäre leider ein Elefant attraktiver als dreißig Fasane. Fasane sind langweilig für Zoobesucher, auf Elefanten kann man reiten. Elefanten machen einen Zoo erst richtig zum Zoo. Leider. Von wegen small is beautiful — neidischer Blick auf den wundersamen zoologischen Park, der gleich hinter der Münchener Autobahn beginnt, wo Kreisky regiert (Alpenkönig und keines Menschen Feind); Österreich hat seinen stillgelegten Elefanten. Zwentendorf strahlt ohne zu strahlen die beneidenswerte Wiener Ruhe aus, auf die wir Bundesbürger nur neidvoll gucken können. Das ist eben der Unterschied zwischen Neutralitätspflicht und Neutronenzwang, den schmerzlich spürt, wer fürs FORVM schreibt.

Zurzeit kämpfen wir in der Bundesrepublik um die energiepolitische Vernunft. Wir müssen just zu dem Zeitpunkt, an dem Dutzende von Politikern endlich begriffen haben, daß wir keine Energieelefanten mehr brauchen, gegen die Energiepolitik von gestern kämpfen. In der Öffentlichkeit werden wir geradezu des nationalen Verrats bezichtigt, und aus der Diskussion um die vernünftige Nutzung von Energie droht die Abnutzung der Sozialdemokratie zu werden.

Was zwischen Bonn und Hamburg im Februar abgespult worden ist, ist mehr als eine Tagesschau der Kurzkonflikte. Es war ein Testfall für die innergesellschaftlichen Fronten der achtziger Jahre.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. So steht es in der Verfassung. Mit dieser bundesstaatlichen Ordnung unterscheidet sich unser Land wesentlich von der Frankreichs, wie sie von Napoleon und de Gaulle organisiert worden ist. Außerdem „wirken die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“. Auch das steht in unserer Verfassung. In Frankreich scheint es mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks des Präsidenten zu sein, inwieweit die Parteien wirklich bei der politischen Willensbildung mitwirken. In Österreich hat die Mehrheit des Volkes — direkt — entschieden, daß der Energieelefant Zwentendorf nicht in Betrieb gehen soll. Diese Möglichkeit gibt die deutsche Verfassung nicht.

Aber die SPD in Hamburg und Schleswig-Holstein will kein weiteres Kernkraftwerk an der Elbe. Sie will statt dessen die alltägliche OPEC-Erpressung durch eine technische Umrüstung der Versorgungssysteme bekämpfen. Wärme-Kraft-Koppelung, die mit den herkömmlichen (und deswegen veralteten) Kernkraftwerken nicht möglich ist, soll oberstes Gebot werden. Die Verschwendungsorganisation der Energieversorgung soll verändert werden. Dazu braucht man alle Kraft, dazu muß man die Fehler von gestern eingestehen, dazu muß man sich aller inzwischen entwickelten technischen Möglichkeiten bedienen. Für diese beiden SPD-Landesverbände gilt die aus den sechziger Jahren stammende Kernenergieplanung als unmodern. Technisch überholt, durch die dezentrale Doppelnutzung von Energie, die den Nutzungs- und Wirkungsgrad verdoppelt.

Hamburg hätte die Chance, als erste Großstadtregion auch wirklich diese modernen Erkenntnisse umzusetzen. Aber dafür braucht die Stadt dringend das vor zehn Jahren für Brokdorf vorgesehene Geld. All das wird in der öffentlichen Debatte kaum beachtet. Alles wird statt dessen als Kampf zwischen Kanzler und Klose, zwischen Kanzler und Kiel beschrieben.

Die Herzogmärchen alter Kaiserzeiten sind für die modernen Berichterstatter wichtiger als die Darstellung energiepolitischer Alternativen. Nicht nur als Lektüre im Bücherschrank, sondern als praktisch versuchte Politik. Über sechzig Prozent der eingesetzten Primärenergie gehen in unserer Gesellschaft ungenutzt verloren. OPEC bekämpft am schnellsten, wer diesen technischen Skandal bekämpft. Aber das wären lauter kleine Fasane im Energiezoo, das macht nicht den einen Elefanten für die Fotografen.

Die Bundesrepublik ist schon heute sehr viel weiter in den technischen Möglichkeiten der rationellen Energienutzung als Frankreich und die USA. Aber in diesem albernen Wettstreit wird die Zahl der KKWs immer mehr zum atemlosen Wettlauf der deutschen Sozial- mit den westlichen Präsidialdemokraten. Frankreich braucht auf seine Bürger weniger Rücksicht zu nehmen, vielleicht braucht auch auf die Vernunft weniger Rücksicht genommen zu werden. Frankreich produziert zuviel Strom, in der BRD wollen wir ihn mit energiepolitischer Vernunft produzieren. Föderativer Aufbau und aktive Mitwirkung der Parteien haben bisher eine dezentrale, auf Sparsamkeit zielende Energiepolitik — wenn auch bescheiden — begünstigt. Von ihr ist in den Zentraldemokratien kaum die Rede. Für den Zentralstaat bietet sich das KKW als einfache Lösung an. Zentrale Energiegesellschaften, zentrales Staatsfernsehen, um die Leute am Nachdenken zu hindern.

Frankreich gleicht heute mit seinem Nuklearvorsprung dem Großbritannien der endsechziger Jahre. Damals war alle Welt davon überzeugt, daß die enormen technologischen Vorsprünge der Briten in den siebziger Jahren reife Früchte tragen würden. Die Luftkissenboote, die Atomkraftwerke, der eigene Flugzeugbau, all das galt als Geheiminformation für diejenigen, die sich von der damals miserablen britischen Gegenwart täuschen ließen. Der Science-fiction-Vorsprung hat Großbritannien nichts genützt. Der Science-fiction-Vorsprung wird Frankreich nichts nützen.

Befreundete Staaten stehen hier im Wettstreit. Warum sollen sie um die Zahl der Energieelefanten wetteifern? Ich schlage vor, sie um das bessere Energieversorgungssystem wetteifern zu lassen. Aber das läßt sich nicht so leicht auszählen — 14 KKWs gegen 30 KKWs. Das läßt sich nur in mühevoller Reportage zusammentragen: die vollausgebaute Fernwärmestadt Flensburg. Die dezentrale Wärmekraft-Anlage in Heidenheim, das Kasseler Versorgungskonzept. Überall der stille Kampf zwischen Energiesparern und Energieverschwendern.

Die Bundesregierung, die sozialdemokratisch geführte zumal, sollte die Chance sehen. Energiepolitik des nächsten Jahrhunderts wird nicht von der Macht der Versorger entschieden, sondern von der Intelligenz der Nutzer. Nicht vom Kampf um die Quellen, sondern vom Kampf um die Nutzungsreformen. Der Kampf um die Quellen führt zur Kriegsdrohung. Der Kampf um die Nutzung führt zur Friedensordnung.

Darum ging es in den Februarwochen zwischen Bonn und Hamburg. Darum wird es in den nächsten Jahren gehen. Die Energiesparer haben viel Terrain gewonnen, die Atombauer viel verloren. Denn auch die Gewerkschaften haben begriffen, daß in der Energienutzung mehr Arbeitsplätze zu schaffen sind, als mit den Brennstäben.

Die Bürger begreifen, daß die technologische Elefantiasis eine Krankheit ist. Wer Frankreich diese Krankheit neidet, der neidet ihm auch seine autoritäre Verfassung. „Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ — und „die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“. So soll es bleiben, auch wenn es anderswo anders ist. In der UdSSR. In Frankreich. In Japan.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1981
, Seite 12
Autor/inn/en:

Freimut Duve:

Foto: Von MoSchle - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27034882

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