FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Alfred Hrdlicka

Einschleichversuche eines Gesunden

Arnulf Rainer und Alfred Hrdlicka, zwei prominente Wiener Künstler, schrieben die folgenden, sehr persönlichen Referate als Teilnehmer des Kongresses fiir Psychopathologie des Ausdrucks, der Ende September in Linz stattfindet. Beide haben unter Aufsicht des Münchner Max-Planck-Instituts Versuche mit LSD gemacht, ein Bericht darüber läuft im Dezember im Deutschen Fernsehen. Die Illustrationen stammen aus der Sammlung ART BRUT Arnulf Rainers, die in der Galerie nächst Sankt Stephan zu sehen war.

Es soll hier nicht allein von der Kunst psychisch Erkrankter gesprochen werden, es geht vielmehr um verbindliche Gemeinsamkeiten von Psychopathologie und Kunst im allgemeinen, das heißt also, daß wir uns unter anderem mit einer so populären Vorstellung wie „Genie und Wahnsinn“ heute noch immer auseinandersetzen. Viele Künstler, die sich vom bildnerischen Schaffen der Geisteskranken anregen lassen, lassen es bei dieser formalen Anregung nicht bewenden und beginnen darüber hinaus, auch den Zustand des Kranken als Gottesgabe zu preisen. Man könnte geradezu von einer Neidsituation sprechen, denn je normaler ein Künstler ist, um so verlockender erscheint ihm der Zustand der geistigen Umnachtung. Das Interesse an abwegigen oder extremen Existenzen ist mir durchaus geläufig, weniger aber ein Bestreben, ihnen tröstliche Aspekte abzugewinnen. Wir haben zu diesen Sympathiekundgebungen lehrreiche Parallelen, und die gutgemeinte Apologie auf die Schönheit des Wahns findet ihr Gleichnis in jenem Dichterwort, das die Armut als einen Glanz von innen bezeichnet. Ehrlich gesagt, hier muß man sich mit dem Betroffenen solidarisieren, es sei denn, man kann sich mit dem behaglichen Sicherheitsgefühl des Nichtgefährdeten anfreunden. Ich bin also für Kunst, die sich mit Wahn beschäftigt, in gewisser Hinsicht natürlich auch für Kunst, die vom Wahn erzeugt wird, aber gegen jede Bestrebung, die das Krankheitsbild retuschiert, vom angeblich so creativen Wahndenken subtrahiert und mit der Fata Morgana eines erstrebenswerten bildnerischen Begnadetseins operiert.

Zugleich halte ich es für absolut wichtig, das Wahndenken nicht als etwas Isoliertes, nur dem Kranken Zugehöriges zu betrachten. In erster Linie ist es das Verhalten des Kranken, das ihn als krankhaft ausweist. Sein Wahndenken unterscheidet sich vielfach nur geringfügig vom allgemeinen irrationalen Denken. Wo ist wissenschaftlich gesehen die Grenze zwischen religiösem Wahn und Religion? Der von Weltgerichtsvorahnungen geplagte Kranke unterscheidet sich nur durch geringere zeitliche Distanzierung vom Jüngsten Tag von jenem normalen Gläubigen, für den das Jüngste Gericht unbestimmten Datums und ein fixer Bestandteil seiner ihm im Religionsunterricht vermittelten Glaubenslehre ist. Wahnideen, die sich in einer Organisation manifestieren, können klinisch nicht belangt werden. Dem einzelnen würde ich nicht raten, von ihm selbst erdachte Vorahnungen einem Nervenarzt mitzuteilen — eine kleine Insulinkur wäre anhängig. Denn genau genommen ist es so: Der einzelne scheitert an kollektiven Wahnideen, weil er sie für bare Münze nimmt. Seine Phantastereien sind wie das meiste phantastische Denken Gemeinplätze und potenziertes Klischeedenken. Das heißt also, daß die Verherrlichung von Wahndenken einen wesentlichen Faktor übersieht: als Gedachtes hat es ja immer existiert, dem Kranken mangelt es nur an Abstand zu den uns allen geläufigen Schreckensbildern. Die Gesellschaft bezichtigt also jenen des krankhaften Denkens, der an sich gar nichts Absonderliches denkt, was nicht schon vom Kollektiv gedacht wäre, sie distanziert sich aber von seiner Gutgläubigkeit und seinem intensiven, oft direkten, auf Sinnestäuschungen beruhenden Angst- und Wunschdenken. Darum finde ich es müßig, Wahndenken zu kopieren, denn das Phänomenale daran ist ja nur die ungeheure Intensität, mit der an sich jedem Geläufiges erlebt und erdacht wird.

Die ganz spezifische Sicht des einzelnen, die kleinen Abweichungen von diesem allgemeingültigen Abnormdenken machen den Wahn aus. Ich versuchte in meinem Zyklus „Randolectil“ die Wahnvorstellungen und das Verhalten der Kranken gegenüberzustellen bzw. in Einklang zu bringen. Die Kranken scheinen also immer wieder selbst optisch auf. Die Wahnwelt als selbständiges Phänomen, das die Person und die Gewohnheiten des Psychotikers ausklammert, zu betrachten, schien mir unsinnig. In der Radierung „Die Nachtwache“ wird das Verrücktsein an geringfügigen Abweichungen demonstriert. Die Anhäufung von Groteskem hat nichts mit den Halluzinationen psychisch Erkrankter zu tun, der Gesunde tut hier des Guten zuviel. Konzentrationsgestörtes Denken gebiert keine Märchenwelt. Lyrische Ergüsse und bombastische Titelgebungen sind Verlegenheitslösungen. Die wohlgeordnete Unordnung des Wahndenkens, das sich immer wieder in kleinen Absonderlichkeiten verirrende Bestreben, eine Erklärung für den eigenen als rätselhaft empfundenen Zustand zu finden, das sind die wahren Ungeheuerlichkeiten eines Krankheitsbildes.

Mir geht es um Verhaltenskonsequenzen. Wären die Kranken in der Lage, sich zu organisieren, so hätten sie die Chance, daß ihr Gedankengut eines Tages als Glaubensbekenntnis oder zum mindesten als Brauchtum oder gesundes Volksempfinden gewertet werden könnte. Vielleicht wird man einmal Kunst der Geisteskranken wie Bauernmöbel sammeln.

Ist es schon sehr schwierig, Grenzlinien zwischen Denken und Wahndenken zu ziehen, so ist es ganz besonders schwer, präzisere Unterscheidungsmöglichkeiten in bezug auf die vom Nichtpsychotiker leicht kopierbare Formensprache des Psychotikers, die ihr optisch nahestehenden Gestaltungsprinzipien des Kindes und des Primitiven zu dem eklektizistischen Vermögen eines Berufskünstlers zu finden. Das Kokettieren des Nichtgefährdeten mit der von ihm bewunderten und, wie er glaubt, alle Maßstäbe menschlichen Denkens negierenden Wahnwelt der Geisteskranken hat zwar zu einer durchaus löblichen Wertschätzung der bildnerischen Erzeugnisse der Psychotiker geführt, hatte aber eine Romantisierung, ja Verniedlichung des Krankheitsbildes zur Folge. Was mich aber an der sogenannten schöpferischen Kraft der Psychotiker interessiert, sind nicht die ästhetischen Ergebnisse der Erkrankten, sondern ihre wirklichen Wahnvorstellungen.

Der Zyklus „Randolectil“ ist der Einschleichversuch eines „Normalen“ in die Wahnwelt des Erkrankten, aber ich will hier nicht allein auf meine bildnerischen Ergebnisse hinweisen. Bemerkenswert vor allem die Stellung der Kranken zu ihrer Umwelt, die mit ihrer Heilung und Aufsicht beauftragt ist. Die katastrophale Rechtlosigkeit der zur Unmündigkeit verurteilten und für ihre Handlungen rein wissenschaftlich zwar für unzurechnungsfähig erklärten, aber im Tagesbetrieb der Kliniken immer wieder zur Rechenschaft gezogenen Individuen, machte mir klar, daß diese Menschen mehr noch als jeder Angeklagte vor Gericht, der ja immerhin Rechtshilfe genießt, unter einem Totalverlust ihres ohnehin schon reduzierten Selbstbewußtseins leiden, so etwas wie einen Anwalt brauchen würden, der für die tagtägliche Selbstbebauptung zuständig wäre. Der Arzt kann diese Stelle nicht einnehmen, ihm fällt die Rolle des Urteilenden, also des Diagnosestellenden zu, was ja in vielen Fällen einer Verurteilung gleichkommt. Und dies nicht nur aus der Position des Betroffenen gesehen.

Die Massenpsychotherapie in Ehren — Insassen einer Heilanstalt stellen ein sehr fragwürdiges Kollektiv dar, und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen erschöpfen sich meist in gegenseitiger Wahnbestätigung. Wenn es auch utopisch klingen mag, der Idealfall wäre eine Vierundzwanzigstundengemeinschaft, also Tag und Nacht, von Therapeuten und Kranken. Selbst in Stadien akuter Psychosen kommt es immer wieder zu Aufhellungsmomenten, und das Einhaken zu diesem idealen Zeitpunkt ist weder dem Pflegepersonal noch dem Arzt möglich. Das totale Miteinbezogenwerden in die Wahnwelt macht es dem Therapeuten möglich, die jeder Wahnvorstellung innewohnende Logik allmählich kennenzulernen und in Zweifel zu ziehen, wobei natürlich ein ungeheurer Verbrauch an Argumenten und Gegenargumenten im vornhinein ins Kalkül gezogen werden muß. Eines geschieht dabei auf alle Fälle: Das totale Versinken in den Wahn wird mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert. Die Selbstkritik am Wahnbild wird unentwegt gefördert. Die Umweltsbeziehungen können trotz starker Halluzinationen zumindest zeitweilig hergestellt und die Tendenz zur Selbstvernichtung auf ein Mindestmaß herabgedrückt werden. Daß dies alles nur in Verbindung mit Medikamenten geschehen kann, ist klar.

Worum es mir geht, ist der Versuch, den Kranken von Anfang an wie einen Normalen zu behandeln, mit ihm zu reden und sich mit ihm zu verbünden. Das letztere halte ich für den wesentlichsten Faktor. Natürlich immer wieder mit dem Versuch, ihn zur Konfrontation mit der realen Umwelt zu zwingen. Das würde ich auch im Fall der psychotherapeutischen Freizeitgestaltung tun. Nichts gegen die erstaunlichen Ergebnisse, die ein produktiver Schizophrener auf dem Gebiet der Zeichnung liefert, ich würde darangehen, die Leute zum Naturstudium anzuhalten, ganz schulmeisterlich. Ich spreche dabei natürlich immer von jenen Erwachsenen, bei denen die Psychose nicht auf Schwachsinn oder organischen Schäden aufgepfropft ist, also von dem Erwachsenen, der eines Tages aus seinem normalen Leistungsvermögen jäh herausgerissen in einen ihm selbst unerklärlichen Zustand gerät. Dieser Erwachsene müßte auch durch die ganze Krankheit hindurch das Gefühl der Gleichberechtigung injiziert bekommen. Leider ist es so, daß die einzige Leistung, die man vom Kranken erwartet, widerspruchsloses Einordnen ist. Konsequenterweise endet so eine Klassifizierung in der Praxis, daß man sich mit einem Abbau der Symptome zufriedengibt und dann als Endprodukt den „Stillen Narren“ erzeugt, ohne darüber nachzudenken, ob dieser ganze Heilprozeß nicht zu einem lebenslangen Trauma wird. Die Angst, wieder einmal ein Ausgestoßener zu werden und ins Nichts zurückzuversinken, gibt Nahrung jener Existenzangst, von der man ja der Ansicht ist, daß sie womöglich Ursache aller endogenen Psychosen ist.

Als Kunstschaffender oder wie sich das nennt hätte ich vielleicht mehr von der romantischen Verästelung Kunst und Wahn andeuten sollen — allein ich halte von solchen Manierismen wenig.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
, Seite 520
Autor/inn/en:

Alfred Hrdlicka:

1928 in Wien geboren. In den Jahren 1946-1952 studiert er an der Akademie der bildenden Künste Malerei bei Josef Dobrowsky und Albert Paris Gütersloh und anschließend bis 1957 in der Bildhauerklasse von Fritz Wotruba. Hrdlickas erste Ausstellung „Skulptur, Malerei und Graphik“ findet in der Zedlitzhalle Wien statt, bereits vier Jahre später nimmt er gemeinsam mit Herbert Boeckl als Vertreter Österreichs an der 32. Biennale in Venedig teil. Seither sind Hrdlickas Werke, die eine der bedeutendsten künstlerischen Positionen Österreichs bilden, in zahlreichen, internationalen Ausstellungen zu sehen. Im Jahre 1969 wird in der Albertina, Wien eine umfassende Ausstellung seines grafischen Werkes, 1985 eine Retrospektive an der Akademie der Künste im damaligen Ost-Berlin gezeigt. Berufen wird der vielseitige Künstler Anfang der 70er Jahre an die Akademie der bildenden Künste, Stuttgart und an die Staatliche Hochschule für bildende Kunst, Hamburg. 1986 folgt eine Berufung an die Hochschule der Künste, West-Berlin. 1968 wird Hrdlicka erstmals mit der Welt psychisch Kranker konfrontiert. Die menschliche Figur, gefährdet durch Bedrohung, Angst, Schmerz, Leid und psychische Grenzsituationen behandelt er seither in seinen Werken, die er selbst als politische Agitation begreift. Konsequent hält er in seinen Skulpturen, Gemälden und Grafiken an einem figurativ-expressiven Stil fest und wendet sich bewusst ab von jeglicher ungegenständlichen Bildsprache. Mit dem Gedanken an Krieg und Gewalt setzt sich Alfred Hrdlicka unter anderem im Hamburger Gegendenkmal und im Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Albertina-Platz in Wien auseinander, das 1988 enthüllt wird.

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