FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 423/424
Georg Gimpl

Die „zweite Aufklärung“

Oder die Auferstehung des k. u. k. Pallawatsch in Budapest

I

Man muß es ja einmal sagen: Zugeht’s heutzutag, wie in der Operettn.

Die nationalen und eisernen Vorhänge sind kaum hochgezogen, geht das österreichisch-ungarische Welttheater schon wieder von neuem los. Und kaum sind K(reisky) u. K(adar) aus dem Verkehr gezogen, kündigt sich schon das nächste Weltspektakel an: die Weltausstellung Wien-Budapest. Es knistert allerorts im Unterbau und der Überbau kommt plötzlich gar nicht mehr nach mit der vielen Aufarbeit, die anfällt, nachdem man so lange damit beschäftigt war, sich einander so absolut gar nichts zu sagen zu haben.

Endre Kiss’ Knüller „Der Tod der k. u. k. Weltordnung in Wien“ (Wien/Köln/Graz: Böhlau 1986) ist zweifellos im Schmelzwasser dieses politischen Tauwetters anzusiedeln. Das Buch ist kein Einzelfall. Kiss trudelt in einem bereits großen Strom von Ausländern, die das Wiener Fin de Siècle so irrsinnig schön und ungemein interessant finden. Und nicht nur bei den Amerikanern, auch bei den Ungarn wird die Konkurrenz härter und härter. Wien als „Wiege der modernen Kultur“, „die Habsburger“ — uns eigentlich doch lieber als die Hohenzollern ... Wir hören das jedenfalls gern und es geht ins Gemüt. Man fühlt sich geschmeichelt ob all der Aufmerksamkeiten und wenn so viele es sagen, wird vermutlich auch etwas dran sein.

II

Auch der Verlag hat sich ordentlich angestrengt am Klappendeckel:

Dieses Buch zeichnet ein neues, bisherige Überblickswerke revidierendes Gesamtbild der wichtigsten geistigen Strömungen der letzten Jahrzehnte der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Provokant genug ist das Buch aber auch, unbesehen dessen, ob es denn im einzelnen auch hält, was versprochen wird. Indes, auf sonderliche Genauigkeit in den Details kommt es dem Autor sichtlich ohnedies kaum an, der da in der Tat die Vernetzung, das Geflecht eines Zeitalters im Visier hat. Die strukturelle Organisation des Buchs unterstreicht dieses synthetisch-synoptische Unterfangen eindrucksvoll genug: Gut ⅔ seines Inhalts sind in den zuweilen reichlich kokett strapazierten Nylonstrumpf eines einzigen Begriffs gefaßt: die „zweite Aufklärung“. Sie ist der Kern des ganzen, Kiss’ Vision, um die sich das skizzenartig entworfene Vorspiel dazu wie der nicht minder geraffte Ausblick eines sich neu formierenden Weltbilds ranken.

Die methodische Betrachtungsweise seines Werks nennt Kiss selbst eine „ideengeschichtliche“ und zum Teil „wissenssoziologische“:

Von relevanten philosophiehistorischen Komplexen ausgehend, richtet sich unser Interesse im Prinzip auf alle Phänomene, die aus der spezifischen sozialen Grundlage ÖsterreichUngarns entstanden ist.

Aber auch die Eierschalen der Germanistik sind dem Buch noch deutlich genug anzumerken, in deren Dunstkreis es in seiner ursprünglich ungarischen Form vom Jahre 1979 entstanden war. Literaten immer wieder geben denn auch die Highlights in Kiss’ Analysen ab.

Der Autor kommt von Hermann Broch her, von dem er sichtlich angesteckt ist. Brochs philosophische Romane und Kulturgemälde, von der Schlafwandlertrilogie angefangen bis hin zu „Hofmannsthal und seine Zeit“, aber nicht zuletzt auch dessen weitgehend unbeachtet gebliebene frühe geschichtsphilosophische Studien, wie sie uns der norwegische Germanist Sverre Dahl immer noch reichlich unbedankt präsentiert hat, können Brochs Vaterschaft an Kiss nicht verleugnen: Dieser schwebende, ja zuweilen fliegende Grenzverkehr in den Grauzonen zwischen Philosophie, Wissenschaft und Künsten, diese ständigen Wechselbäder von den Eisbädern des Intellekts kopfüber in die seichtesten Tümpel und Pfützen an den Stränden der blau-braunen Donau, Kiss’ geradezu leidenschaftliches Spiel mit Paradoxen und Widersprüchen wie seine bewußte Kalkulation mit den Unschärferelationen: diese seine ganze fuzzy-Logik einer Kulturgeschichtsschreibung macht denn auch Stärke und Schwäche des Buches aus: Sie wird den skeptisch machen, der sich der Induktion verschrieben hat und sich die Klarheit und Einfachheit der Begriffe zugute hält, und den faszinieren, der der Wirklichkeit eben lieber traumwandelnd und tausend Fäden in der Hand an den Leib zu rücken trachtet.

III

Mich stimmt Kiss’ „zweite Aufklärung“ zutiefst skeptisch. Erkennen ist trennen. Ich möchte da mehr geschieden wissen.

Vonwegen „zweiter“ Aufklärung etwa. — Es ließe sich mit Alice in Wonderland fragen: Wie gibt es denn eine zweite, wo eine erste kaum stattgefunden hat? Machen nicht der „verdrängte Humanismus und die verzögerte Aufklärung“, wie sie Michael Benedikt jüngst als Leitidee der Kulturgeschichte Österreichs in seine Symposien zu einer „authentischen österreichischen Philosophie?“ eingebracht hat, so recht auch noch ihr Kakanikum an der Jahrhundertwende aus? Und ist es ein Zufall, wenn ausgerechnet ein waschechter Amerikaner, Lonnie Johnson, in dieser Defizitbilanz an Aufklärung auf die schwarz-gelbe Goldader seiner Untersuchungen gestoßen war?

Und überhaupt: so „aufgeklärt“, so glitzernd liberal, so offen für die Moderne, wie uns die Kulturhistoriker heute das Fin de siècle schmackhaft machen wollen, war das Wien der Jahrhundertwende bei weitem nicht. Dies nicht zu sehen — es gehört da schon die ganze Beharrlichkeit in der Kunst des Wegschauens und Verdrängens dazu, wie sie uns ein Stefan Zweig vorzelebriert hat und nun offensichtlich drauf und dran ist, auch zur legenda aurea gutgläubiger Kulturhistoriker zu werden.

Aber spricht Kiss nicht zuweilen selbst recht unverhohlen davon?: Wie lammfromm und einig waren sie sich in ihrer Ablehnung der Französischen Revolution; wie rührselig gottergeben arbeiteten sie an der „sozialen Frage“, deren Lösung sie schon in der Begriffsbildung auf den St. Nimmerleinstag verschoben, diese halb- und dreiviertelaufgeklärten Großbürger- und Gründersöhne, gar à la Altenberg und Hofmannsthal — o Gott: — Rilke und Bahr der „zweiten“ Generation! Und hatte da nicht wiederum viel eher Lonnie Johnson den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er in Abwandlung eines nestroyschen Gedankenblitzes der k. u. k. Weltordnung nach ihrem vorangegangenen „Aufklärungerl“ nun halt auch noch ein „Liberalismerl“ attestiert. Ja, selbst dort, wo der Sand im Getriebe der k.u.k. Staatsmaschinerie knirscht und die Seifen der liberalen Kultur partout nicht mehr schmieren wollen — haftet ihnen nicht etwas zutiefst Lächerliches, Kleinbürgerliches und Hinterwäldlerisches an, all diesen Skandalen, Prozessen, Gottes- und Majestätslästerungen ebenso wie den larmoyanten und manieristischen Krähwinkeleien der „Opfer“ und „Heiligen Sebastiane“ im aufgeklärten „Klösterreich Österreich“, als das es sich noch so patzig scheinheilig um die Jahrhundertwende zu präsentieren beliebte? Wo der Zorn dann aber wirklich „ein großer war“ — wie waren sie denn integriert im System der k.u.k. Weltordnung, diese Aufklärer?: Ein Kraus und Weininger, ein Loos und Schönberg, Kafka und Schiele, Trakl und Wittgenstein, Musil und Freud, sofern man sie überhaupt bemerkt hatte. Die leibhaftigen Anti-Wiener waren sie und bekamen es denn auch zu spüren. Nein, doch nicht die Ordnung der k. u. k. Monarchie, ihre Gegenordnung ist das Distelnest der Moderne.

Und weil wir nun schon einmal unser Vergnügen am Widerspruch gefunden haben und uns schlechthin gar nichts mehr gefällt: Wann soll sie denn stattgefunden haben, diese „zweite Aufklärung“? Kiss’ Periodisierung ist glitschig wie eine Qualle. Er setzt sie, paradigmatisch in seiner Analyse für Wahlverwandtes, mit dem Erscheinen der 1. Auflage von Popper-Lynkeus’ „Voltaire“ an, also im Jahre 1905 — im Wien Luegers! War denn da das liberale Zeitalter, „das den letzten zwanzig bis dreißig Jahren der Monarchie vorrangig“ und als deren „umfassendste Denkströmung“ eine „zweite Aufklärung bezeichnet werden kann“ nicht schon im wesentlichen gelaufen? Nicht anders jedenfalls sieht es Kiss’ zweiter — durchaus gut gewählter — Kron- und Augenzeuge, der übrigens aus Bayern stammende und via Prag im Jahre 1895 gerade noch durch die schwarz-gelben Maschen geschlüpfte Feuerbachpropagandist und Volksbildner an allen Fronten, Friedrich Jodl, angesichts seiner wachsenden Ohnmacht und Wirkungslosigkeit. „Sogar die Aktion contra niederösterreichisches Schulgesetz hattest Du bemerkt“, schreibt er an Freund Carl von Amira — im nämlichen Jahre 1905. „Das sind halt so gelegentliche Todeszuckungen eines Ertrinkenden — nämlich des Liberalismus in Österreich.“ Aber nicht weniger Erfreuliches hatte er schon drei Jahre zuvor Freund Bolin, angesichts der reaktionären Ereignisse in Rußland zu berichten gewußt: „auch bei uns immer drohender der pfäffisch-militärische Absolutismus à la ganâche in Sicht.“ Die Zeichen der Zeit schienen es ihm nur allzu deutlich zu bestätigen: der Antifreimaurerkongreß in Trient im Jahre 1896, „die Hochflut des Antisemitismus, oder genauer christlichen Sozialismus“, der da „alles mit sich fortreißt“ (1897) und im Jahre 1907 schließlich der Schlag der Schläge, der Jodl im Genick treffen mußte: Luegers Ankündigung von der „Rückeroberung der Universitäten“, der dann auch prompt der „Fall Wahrmund“ in Innsbruck (1908), die nun aktueller denn je werdende Gründung einer „katholischen Universität“ Salzburg, ja selbst im ureigenen Revier: der nicht mehr zu verhindernde Einzug der „katholischen Pädagogik“ in Wien durch seinen einstigen Gesinnungsfreund Wilhelm Förster jr. folgen. Es ist zum aus der Haut fahren für diesen Aufklärer, Jodl sieht es pechschwarz über Wien hereinstehen und es bleibt ihm da oft nur mehr die Hoffnung auf eine spätere Generation, die ihn an seinem Aufklärungswerk nicht verzweifeln läßt und das Durchhalten trotz aller Vergeblichkeit und Rückschläge zum Gebot der Stunde macht:

Je mehr die Welt ihre eigenen Pfade seitab geht, welche mehr und mehr ins Reich des Mr. Elohim führen, um so mehr ziehmt es dem Weisen, ein sicheres Asyl auf der Insel seiner Gedanken zu bereiten, und dort die Waffen zu schmieden oder wenigstens vor Rost zu bewahren, mit denen spätere Generationen das Werk des 18. Jahrhunderts noch einmal gründlicher verrichten,

hatte er schon im Jahre 1899 geschrieben.

Aber all das ist schließlich auch kein Wunder. Die soziologische Basis, auf die Kiss sich immer wieder beruft, war dem liberalen Überbau — wie Eva Holleis in ihrer trefflichen Studie zur Sozialliberalen Partei mit geradezu empirischer Akribie herausgearbeitet hat — doch längst weggeschmolzen. Der Liberalismus, wie Kiss ihn im Focus hat, war schon lange nicht mehr die Kulturpolitik des offiziellen Wien, als vielmehr das Rückzugsgefecht einer zur politischen Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Sub- oder auch Suprakultur einer Minderheit, die sich ihren Liberalismus und ihre Kultur selbst finanzierte und leisten konnte — oder notfalls eben auch erhungerte. Greifen wir nur wiederum auf die reiche Palette an zweiten Aufklärern zurück, die Kiss uns anbietet: Wo nicht die ererbte Substanz herhielt: „hast du nicht alles selbst geschmiedet“ — und zuweilen teuer, ja mit dem Leben bezahlt — „heilig glühend Herz?“ Verlassen und geächtet, verfolgt und verleumdet von Gott Staat und einer obstinaten Öffentlichkeit, die uns denn die enormen Schwierigkeiten dieser Aufklärer mit ihrem sozialen Unterholz durchaus verständlich machen. Und war nicht auch Popper-Lynkeus’ „Voltaire“ — Kiss selbst führt es an — bei allem kritisch-innovativen Potential ein Sturm im Wasserglas, im gesellschaftlichen Freiraum entstanden und dank „des Einkommens aus seiner frühen technischen Erfindung“ auch noch selbst finanziert worden?

Ein letzter Anschlag auf den pompe funèbre von Kiss’ k. u. k. Weltordnung sei hier gemacht. Er richtet sich gegen die These von der „Auflösung des österreichischen Universalismus“, dem der Autor da unter dem Titel „Von Bolzano bis Brentano“ ein eigenes Kapitel widmet und der da als „Strömung der Vergangenheit“ dem großen Wechselschritt in der Choreographie seiner zweiten Aufklärung vorangeht, mit dem Kiss dann in der förmlich pathetischen Hochstimmung einer modernen Österreichischen Philosophie — „Von den neubestimmten Elementen zum neuen System der Dinge“ auswalzert.

Wie denn das?! Nicht nur, daß diese Linienführung einer österreichischen Ideengeschichte allein schon vom Zeitgefüge her zu seiner These einer „zweiten Aufklärung“ in arge Widersprüche und Beweisnöte gerät, zumal (der doch auch auf seine Weise nicht weniger aufgeklärte!) Brentano und seine Schulen ja synchron und (worin wir Kiss in seiner Gegenzeichnung durchaus beipflichten:) reichlich antagonistisch in Erscheinung treten. Es steuerte doch auch gerade deren Neubestimmung der Wirklichkeit auf einen Neouniversalismus — nun halt eines wissenschaftlichen Zeitalters hin zu. So jedenfalls sehen es die Staranwälte einer „Österreichischen Philosophie“, wenn sie diese ihre Halbwahrheit doch wenigstens mit guten Gründen auf die beiden Pfeiler Brentano und Mach postieren und in Brentanos Auftreten in Wien gerade die Geburtsstunde einer Österreichischen Philosophie sehen, die da nach Kiss schon einer Welt von gestern angehören soll. Und sie haben dabei leichtes Spiel, hantelt man sich nur an den Schlagwörtern ihrer Beweisführung entlang: „Wiederaufnahme der aristotelisch-leibnizschen Linie“, „Intersubjektivität“ als Generalisierbarkeit wissenschaftlicher Wahrheiten und Ausschaltung subjektiver Unschärferelationen, methodisch vom Paradigma der Naturwissenschaften bestimmtes down to earth eines „wissenschaftlichen Weltbildes“ — „statt Weltanschauung“ —, aufbauend auf „Fakten“ und „Gegebenheiten“, die da nun mit der formalisiert-logischen Stringenz eines rückhaltslosen Empirismus den Menschen schlechthin und rund um die Welt in den Tribut ihrer Wahrheitsbedingungen nehmen sollen. Allein der über- wie internationale wissenschaftssoziologische Träger dieser neuen Philosophie — „weg von Kant!“ und Folgen —: die nun halt aus freisinniger „Voraussetzungslosigkeit“ heraus argumentierende und gleichsam unsichtbar gewordene Kirche wie das „seiner selbst vergessene“ Judentum mögen diesen nun freilich säkularisierten, universalen Blickwinkel einer Österreichischen Philosophie — kat holon immer noch — deutlich genug anschlagen. Kiss ist da also dem Zwielicht von Brentanos Philosophie wenig gerecht geworden.

Das Schlimmste aber bei alledem ist, daß Kiss zuletzt selbst in die Radarfalle jener Austromanie gefallen ist, die ihm da die Bahn zu einer „eigenständigen österreichischen Nationalphilosophie“ so breit und leicht gemacht hat. Ja, ich möchte darin gerade das tragische Paradox seiner Untersuchung sehen: Sie versteht nicht Kapital aus dem eigenen, so vielversprechenden Ansatz zu schlagen — und Kiss sieht nicht einmal den Widerspruch und die eigentliche Herausforderung seiner Analyse, die er doch schon qua Begriff einer „zweiten Aufklärung“ in das Konzept einer Österreichischen Philosophie einführt: Daß die in ihren geistigen Kämpfen nachvollzogene Agonie der k. u. k. Monarchie ebenso wie deren irreversibles Zusteuern auf den Konkurs nicht zuletzt auch (und wieder einmal!) zu jenem geistigen und kulturellen „Aufgehen in Deutschland“ führen mußte, wie es im Dualismus der k. u. k. Monarchie längst vorgezeichnet war und wie es die reichstrunkenen „Deutsch-Österreicher“ und noch verhinderten „Deutschen“ der Ersten Republik aus ihrem zeitgenössischen Erleben heraus als eine Selbstverständlichkeit empfinden mußten: Verheddert in den bipolaren Konstruktionen seiner Kuriositätensammlung aus den k. u. k. Antiquariaten — wie Pribram, Ratzenhofer, Gumplowicz und Chamberlain — übersieht Kiss den einen, alles überragenden Bipolarismus und das längst lockende „Geheimnis des Reichs“: Daß der Dualismus der k. u. k. Monarchie eben synchron von einem zweiten — dem zweier deutscher Staaten einer Nation (und Kultur) — unterfangen war, so fraglos überevident und allgemeinverbindlich für die Zeitgenossen der Jahrhundertwende, daß der Glaube an die gemeinsame deutsche Kultur und Nation zum ideologischen Rüstzeug der christlich-sozialen Theoretiker von „Staat und Nation“ (Ignaz Seipel) ebenso gehörte wie er die längst ins — unwiderstehlich: — Nationale abgedrifteten Führer der Sozialdemokratischen Bewegung widerspruchslos mit den vollends „Deutschnationalen“ in Österreich verband. Und Kiss sieht vor allem nicht, daß die Absenker seiner „zweiten Aufklärung“ — der diachronen Logik seines eigenen Ansatzes gemäß — nicht etwa bloß in Voltaire, sondern auch und umfassender noch im Paradigma und Credo der „philosophischen Revolution“ der ersten: deutschen stehen, wie ja auch, wo immer „Tauwetter“ in Österreich einbrach — bei Josefinern, Jungösterreichern, Liberalen wie Austromarxisten — das euphorische Bekenntnis zur schwarz-rot-goldenen Fahne der „Kultur“, als zu einem über dem Deutschen Reich und der Österreich-Ungarischen Monarchie stehenden, gemeinsamen Deutschland nie ausblieb.

Es ist ewig schade um diesen herrlich geglückten Ansatz seiner Untersuchung, die da sozusagen im Anlauf ihre Richtung ändert, vom Sog der Gegenströmungen und Klischees erfaßt. Konsequent durchgezogen hätte die These seiner „zweiten Aufklärung“ ein Loch reißen können in die dicke Mauer der Apperzeptionsverweigerungen, hinter der sich heute so manche Hofschreiber einer Österreichischen Philosophie und Kultur in ihren Selbstbestätigungen, Redundanzen und Repetitionen verschanzen. Und zwar nicht einmal unbedingt gleich auch schon wieder als eine simple Infragestellung eines solchen Nationalkonzepts einer eigenständigen Österreichischen Philosophie: weil einem zwischen „entweder deutsch“ — „oder österreichisch“ so gar nichts einfällt, vielmehr als uns so nötige Entkrampfung und Öffnung, die sich auch in philosophischer Hinsicht ihr doch de facto deutschtümelndes Janusgesicht an der Jahrhundertwende durchaus zugestehen kann. Schade aber vor allem auch deswegen, weil gerade der Deutsch-Ungar und von Broch herkommende Endre Kiss — Lukács, Nordau, Feuerbach, Jodl, Broch, Weininger, Chamberlain in seinem Kondukt! — eine geradezu ideale, herrlich dialektische Ausgangsbasis gehabt hätte, die Zementdecke von Kulturgeschichtsschreibung und politischen Interessen empirisch aufzubrechen und unbefangenen Auges dieses dialektische Sowohl-Als auch und Weder-Noch einer österreichischen Identität an der Jahrhundertwende erfassen hätte können, wie es uns eben ein (auch von Kiss gerne bemühter) Musil noch so locker krampflos als ihr inneres Doppelgesicht hinstellen konnte.

Die „zweite Aufklärung“ — Fragen über Fragen — ich habe Schwierigkeiten mit diesem überdehnten Stretchgummi einer Umfassung, es wird kein rechter Halt daraus.

Aber natürlich habe ich im Feuer meiner Kritik ein wenig übers Ziel geschossen und auf die „je nachdem“, „weder-noch“ und „zwar aber“ in den federnd dialektischen Hakenschlägen Kiss’ einfach nicht hingehört. Kiss selbst läßt zuweilen die Partiallogiken reichlich unvermittelt aneinanderkrachen und ist sich allerorts der zu erwartenden Widersprüche und Einwände bewußt.

Nein, von einer „Ordnung“ kann da längst nicht mehr die Rede sein, es war nur mehr ein „Fortwursteln“ das ganze, ein anarchisches Durcheinander, das seiner Jongleure dringend bedurfte und sich zuweilen in der Tat nur mehr wie ein Besoffener im Gleichgewicht hielt — wir dürfen da den Zeit- und Ohrenzeugen durchaus Glauben schenken — auch Kiss hat an diesem Pallawatsch der k. u. k. Monarchie nicht vollends vorbeischreiben können und es ist dies beileibe nicht das Schlechteste an seiner Synopse.

Und dennoch ist dieses Buch wenigstens ein Danaergeschenk, das sich der Autor damit gemacht hat und seine „zweite Aufklärung“ wirft ernstzunehmende Probleme auf, an denen sich die Diskussion so schnell weder abkühlen wird können, noch gar vorbeistehlen sollte.

Hätt er’s nur anders gemacht: Hätt er den Begriff nur entschiedener noch losgelöst von seiner viel zu starken sozialen Fixierung am Liberalismus und wär er den Leitideen der Aufklärung, wo immer und wie vertrackt und verwunden sie auch allerorts durchsickern mochten, auf den Fersen gewesen — es wär kein Rundes daraus geworden, aber ein rechter Faden, an dem entlang der Leser aus diesem unendlich verschachtelten Legendenlabyrinth der k. u. k. Monarchie vor ihrem blutigen Sonnenuntergang ein gutes Stück aufgeklärter herausgekommen wär.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1989
, Seite 47
Autor/inn/en:

Georg Gimpl:

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