FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 246
Heidi Pataki

Die verkaufte Natur

Am 19. April wurde die Wiener Internationale Gartenschau (WIG 74) eröffnet; Bauherr ist die Gemeinde Wien. Diese „größte Gartenschau der Welt“ (400 Gärtner aus 25 Ländern, Fläche: eine Million Quadratmeter) dauert bis Oktober, dann soll sie zu einem öffentlichen Park werden.

Wir haben auf dem Laaer Berg aus Trümmerstätten und Schutthalden schöne Gärten gemacht, die den Menschen unserer Stadt, der Erholung und Entspannung dienen sollen.

Leopold Gratz, Bürgermeister

Ist das Vorbild aller Gärten nicht das Paradies? An den Toren zur WIG 74 jedenfalls hält das Bankkapital Wache: am Nordeingang die Raiffeisenkasse, am Südeingang die Zentralsparkasse. Hier, am Haupttor, wird auch gleich rüde mit naiven Vorstellungen von zarter Flora, unberührter Natur aufgeräumt. Flughafenatmosphäre empfängt den Besucher wie ein Faustschlag, Geschäftspassagen à la duty-free-shops, ein „Kur-Zentrum“ erstreckt sich in die Höhe und in die Breite; nebenan das bullige „Tourotel“ vom Wienerwald-Jahn. Eingeschüchtert betritt der Besucher die Gartenschau: dient sie vielleicht bloß als Staffage für eine neue Hotelkette? Er giert nach weitem Raum, wo der Blick frei schweifen mag, nach klarer Luft, lauem Wind, grünem Gras.

WIG 74: Der letzte Baum

Erst muß er mal tüchtig Pflaster treten. Die Straßen, welche die WIG durchziehen, sind asphaltiert, zumindest dort, wo der „Panorama-Bus“ fährt; sonst gibt’s auf den Wegen den gröbsten Schotter, über den man mehr stolpert als holpert. Der Besucher wird eingeschleust: durch riesige leere Zelte, die an Feldlazarette erinnern. Tatsächlich kann man der WIG einen zackig martialischen Zug nicht absprechen. Der Besucher windet sich weiter — durch Industrieschauen, Campingmöbel, Freizeitartikel, Kioske, Baumaterialien, Fertighäuser, Agromotoren; er konstatiert die Industrialisierung der Natur.

Keine Lust, kein Wandeln mehr. Öffentliche Gärten anzulegen — diese Kunst stirbt aus. Die Kapitalisierung aller Bereiche macht auch vor Mutter Natur nicht halt. Garten im Kapitalismus — das heißt immer: ein Gitter drumherum, und Eintritt zahlen! Blumen, Pflanzen, Gräser — unverwelkt ist ihre Anziehungskraft, die Worte allein, ihr bloßer Klang versprechen immer noch Labung und Erquickung. Doch wo ein Gartenarchitekt hintritt, da wächst kein Gras mehr. Und wehe der Landschaft, die einem darauf spezialisierten Architekten in die Fänge gerät! Auf dem Laaer Berg hat dies ein Dipl.-Ing. Erich Hanke, „Landschaftsarchitekt BLDA“ aus der Bundesrepublik besorgt — mit eisernem Besen.

Einige Wiener Architekten, darunter der frühere Stadtplaner Roland Rainer, haben an der WIG 74 das Fehlen jeglichen Maßstabs, einige Künstler, unter ihnen der Bildhauer Fritz Wotruba, die verschwenderische und sinnlose Verwendung von Kunststoff und Beton beklagt: „Gartenschau? Plastikschau!“ Auf einem Gewässer („Seerosenteich“) schwimmen zum Beispiel große weiße Kunststoffbälle — wohl in Konkurrenz zu den Schwänen. Ein Geniestreich ähnlicher Art ist der „Treppengarten“ samt künstlichem Wasserfall; Gestaltung: E. Hanke.

Fließendes Wasser wurde in Gärten und Parks stets als ein Element der Kontemplation verwendet („alles fließt“), als ein Symbol für verrinnende Zeit; gleichzeitig sollte es Kühle spenden, mit seinem Rauschen das Ohr erfreuen — die Sinne kamen ebenso wie der Intellekt zuihrem Recht. Hankes Wassergarten jedoch gleicht einer Industrieanlage en miniature — das fließende Wasser dient dazu, schmutziggraue Plastikschaufeln in Bewegung zu setzen: sie füllen sich mit Wasser und kippen hintüber, mit einem dumpfen Knall schlagen sie auf Beton. Derselbe Landschaftsarchitekt schuf auch eigens einen „Paradiesgarten“. Als Legende dazu stehen auf einer Tafel die Worte:

Die Uhr, erste Begegnung, die Bank unter dem Baum, ein Wiedersehen — Tanz und verliebtes Fröhlichsein, die Fahrt ins Paradies — ein Leben!

Ein künstlerisches Credo? Dieses Paradies birgt jedenfalls eine Menge Fußtritte.

Ohne das sogenannte Höhere geht es nicht. Auf einem Feldherrnhügel findet sich die Weihestätte der sozialdemokratischen Religion: Plastik-Gotik erhebt sich über einer runden Steinfläche. Der verdutzte Besucher entziffert die draufgepinselten Buchstaben, Worte in allen Sprachen der Welt (auch Chinesisch):

Diese Erde wird entweder eine Gruft oder ein Zuhause für alle. (J. B. Priestley)

Unweit dieser Kapelle der Gemeinde Wien steht die Kulturstätte einer anderen Fakultät: der Gregor-Mendel-Pavillon. In Schaukästen und auf Plakaten wendet sich die „Gregor-Mendel-Gesellschaft Wien (GMGW)“, die, wie man erfährt, am 17. Mai 1972 gegründet wurde, an die Öffentlichkeit:

Anliegen der GMGW an öffentliche Stellen:
Aufklärende Plakate über Vererbung an allgemein zugänglichen Orten.
Schutz vor Genetischem — Verfall (gesunde Erbmasse).
Schutz vor Umwelt — Verseuchung (gesunde Umwelt).
Schaffung und Erhaltung des Gen-Bestandes (Gen-Reserven) durch Anlage von Schutzgebieten (Reservaten).
Schach-Unterricht an Schulen zur Pflege der Kombinationsgabe.

Ein zweiter Anschlag lautet:

Anliegen der GMGW an private Stellen:
Melden Sie uns bitte aus Ihrem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, eventuell mit Fotos und Zeugnissen belegt, Beobachtungen und Befunde über das Auftreten von Krankheiten, Operationen, Mißgestaltungen, Eigenheiten, Fähigkeiten u.a., die in den Generationen immer wiederkehren. Auch über Blutgruppen und Zwillinge werden Berichte erbeten ... Die letztliche Zielsetzung dieser Aktion dient praktischen Zwecken.

Welchen wohl? Es fällt nicht allzu schwer, sich diese auszumalen. Auf der Anschlagtafel mit der Erläuterung der „Mendelschen Gesetze“ steht:

Züchten heißt, Rassen (Sorten) erzeugen, die besser sind als die bisherigen.

Neben Metaphysik und Religion soll auch die Moderne nicht zu kurz kommen — im „Utopischen Garten“, gestaltet von Dipl.-Ing. Roland Jiptner. Der besondere Stolz dieses Gärtchens sind die Metallplatten mit eingraviertem Text, auf die man auf Schritt und Tritt stößt. Die Hauptattraktion ist aber eine Art Kaaba, ein großer schwarzer Bunker. In seinem Innern ist es stockfinster, man sieht nur ein Zifferblatt ohne Zeiger, schwach erhellt vom einfallenden Licht. Das dauert eine ganze Weile — die (utopische?) Funktion als Pissoir ist klar —, dann klickt es, Glühbirnen erstrahlen und man hat dadurch Gelegenheit, den Text auf den Bodenplatten zu lesen:

Der LICHT-RAUM ist ein Stück NACHT oder DUNKELHEIT am Tage, ein Stück TAG oder Erleuchtung in der Nacht.Er macht den Tag- und Nacht-Rhythmus oder auch die zeitliche Abfolge von Hell und Dunkel deutlich.

Durch seine gedachte zeitliche Verschiebung um 12 Stunden versinnbildlicht er das zeitliche Nebeneinander oder auch die GLEICHZEITIGKEIT extremer (LICHT-)Verhältnisse.

Der LICHT-RAUM überläßt es uns, Antwort auf die Frage zu geben, wie spät es bereits oder wie früh es noch ist.

Der LICHT-RAUM bringt Informationen, die erst das Licht verständlich macht.

Der LICHT-RAUM verkörpert einen Kontrast zur jeweils herrschenden Wirklichkeit.

Er ist ein Stück TAG-TRAUM.

Der Alptraum der herrschenden Wirklichkeit wird dem Besucher dieses kuriosen Utopia um so sturer vor Augen geführt: Autowracks, Fernsehantennen; allerlei reizende Mätzchen wie freistehende Türen, bei deren Öffnen schrille Hits und Geräusche ertönen — jaja die Kunscht. Wie hanebüchen muß doch — wollte man dem Gärtchen trauen — die Zukunft beschaffen sein, wenn uns das Zeitliche einmal gesegnet hat! Und erst die Dichter. Das schauderhafte Kauderwelsch dieser unheiligen Allianz aus Kunst und Wissenschaft zieht sich wie Schlaz auch noch über andere Metallplatten samt Objekten: „Auf-Hebungen“, „Un-Raum“, „See-Spiegel“, „Frei-Raum“, „Wasser-Oberfläche“... Auf einem extra aufgeworfenen Mugel (Utopisten sind Maulwürfe, sie graben Stollen ins Bestehende) liegt eine Platte mit den Worten:

EIN-GRABUNG ( 1974 n. Chr.).

Die EIN-GRABUNG ist eine symbolische Landschaft. Entstanden durch die VERSCHIEBUNG von ERD-TEILEN will sie deutlich machen, daß das Bild unserer ERDE keineswegs endgültig — vielmehr (noch) im ENTSTEHEN und ständigen VERGEHEN (VERSINKEN) begriffen ist.

Die EIN-GRABUNG stellt Veränderung dar und will die RELATIVITÄT menschlicher ORDNUNG oder Erfindung im Vergleich mit NATUR-ORDNUNG vor Augen führen.

Die EIN-GRABUNG spricht die Hoffnung auf eine neue SITUATION aus.

WIG 74: „Paradiesgarten“

Auf dieser Gartenschau geht es natürlich nicht allein um bunte Blumen — der Kapitalismus duldet keine nutzlose Schönheit. Einen Gärtner, Samen, Pflanzen, Blumenzwiebeln braucht, wer einen Garten hat oder haben wird, Baugrund, Eigenheim, Villa mit Swimming-pool: die WIG ist eine Mustermesse für Bauherren! Hier triumphiert der individuelle Besitz, nicht der kollektive Garten. Darum kommt auch die künftige Funktion der WIG als ein öffentlicher Park zu kurz. Man muß sehen, was aus dem Gebiet der alten WIG 64, dem Donaupark, geworden ist, um die Zukunft des Laaer Bergs zu kennen: der Donaupark versteppt, er ist heute für nichts mehr gut, nachdem er seinen damaligen Zweck erfüllt hat; der Donauturm übt seine Anziehungskraft vor allem auf Selbstmörder aus. Darum wirken die flächigen Anlagen der WIG 74 so merkwürdig kahl und eintönig, die Blumenbeete, als hätte man sie in größter Eile eingepflanzt. Strichweise alles nur von einer Sorte, meist von der billigsten: Vergißmeinnicht, Maiglöckchen, Heidekraut. Ausgesprochen blumig sind jedoch die Namen, die man den Örtlichkeiten gab: Frühlingsweg, Seerosensteig, Flamingowiese.

Von wieviel Liebe und peinlichster Sorgfalt zeugen dagegen die Gärten der Nationen! Auf engstem Raum mit Blüten überladen, gleichen sie Souvenirläden oder Chambres separées des Gartenbaus. Sie entsprechen den plattesten Vorstellungen, die man sich so von den einzelnen Ländern macht. Japans Garten zum Beispiel ist das reine Produkt der Fremdenverkehrsindustrie. Eine Masse wohl exotischer Steine wurde da aufgehäuft, als erotische Anspielung dienen plumpe Figuren, „Symbole für Männliches und Weibliches“ und deren Vereinigung (Geishas!); ellenlange Legenden und gewundene Floskeln sollen an die sprichwörtliche fernöstliche Höflichkeit erinnern (Kotau!). Um den originalgetreuen Eindruck abzurunden, schmatzt und quakt es blasenwerfend aus einem algengrünen Tümpelchen: ein Ochsenfrosch vom Tonband.

Zahlreiche andere Attraktionen fesseln den Besucher — der „Bauernhof“ zum Beispiel, eine Milchbar, wo es kolorierte Kuhglocken zu kaufen gibt, daneben der „Kinderzoo“ mit seinen paar Putern, Karnickeln, Gockeln und Hennen. Auf dem Sektor „Freizeitspiele“ darf der Besucher seine Aggressionen befreien: vielleicht an Gummimännern im Räuber- oder Gammlerlook. Er gerät in eine „Aggressions-Farbwand“: Holzspulen, mit häßlichen Farben bemalt, sind durch kräftige Stöße in Drehung zu versetzen und bilden so immer neue Muster. Er kann auch haarige Bälle gegen eine haarıge Wand schmeißen. Ist er von Alltagstrott und Arbeit noch nicht ausgepumpt genug, so mag er sich an Wasserpumpen betätigen und von einem Bassin aus seine Wassersäule steigen sehen. Die Freizeit ist ein weites Feld, und der einschlägigen Industrie sind keine Grenzen gesetzt.

Auch der „Kinderspielplatz“ ist nicht nur für die Kleinen interessant, durch seinen guten Schuß Weltraumfahrt-Ideologie. Das Universum, die Milchstraße, Mond und Erde samt Satelliten sind vertreten — wie aber paßt dazu die „Hölle“? Diese Hölle ist ein Schrottplatz, umgeben von dicken Pfählen. Daneben sind massenhaft Bretter geschlichtet — es wurde nicht gespart! Weit und breit ist kein Kind zu sehen.

WIG 74: Kinderspielplatz „Hölle“

Umsonst ist der Tod. Der Besucher der WIG ist in erster Linie Kundschaft. Die Industrialisierung der Natur wird übertüncht mit Gemütlichkeit, und zwar von der ärgsten Sorte: mit Knusperhäuschenromantik aus Lebzeltimitation. Die Surrogate für die wahren Bedürfnisse der Menschen, die ungestillt bleiben, sind hier nicht einmal schick verpackt. Der Besucher wird rumgestoßen, ergeben trottet er zwischen Verbotstafeln und Aufsehern auf seinem einzigen rechten Weg — den Geschäftsstraßen, hin und wieder einen flüchtigen Blick in die Schaufenster werfend, wo die Pflanzen stehn; er macht Platz für den Panoramabus, hoch über seinem Kopf fährt die Monorail. Selbst die Schwäne wirken am Ende, als wären sie aus PVC, und tunken doch ihr Haupt ins grüngefärbte Wasser.

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WIG 74 bei Wikipedia

WIG 74 im Jahr der Eröffnung
Einschienenbahn 1974

Die Wiener Internationale Gartenschau 1974, kurz WIG 74 war eine Gartenschau auf dem Gelände des heutigen Kurparks Oberlaa im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten.

Nach dem großen Erfolg mit der „Wiener Internationalen Gartenschau 1964“ (WIG 64) im Donaupark im 22. Wiener Gemeindebezirk, wollte der Wiener Gemeinderat eine neuerliche Durchführung einer internationalen Gartenschau in Wien. Das vernachlässigte ehemalige Ziegeleigelände am Südosthang des Laaer Bergs diente teilweise als Mistabladeplatz, zum Teil war es Naturschutzgebiet. Das Areal um den Filmteich hatte als Drehort von Monumentalfilmen der Stummfilmzeit gedient. Tausende Statisten wurden aus den dicht besiedelten Wohngebieten Favoritens und Simmerings angeworben. Der 1920/21 gedrehte dreistündige Film „Sodom und Gomorrha“ und der 1924 hier entstandene Film „Die Sklavenkönigin“ waren die opulentesten Produktionen. Diese Nutzung und auch die Ziegelproduktion endeten in den 1930er Jahren. Das Areal wurde zur Wildnis. Dies bot die Chance, hier eine neue Großgrünanlage zu errichten. Die Anlage wurde durch Zukauf von Gärtnereigelände und von Weingärten arrondiert. Sie bot sich als idealer Ort für das Projekt und die damit verbundene Errichtung eines Großparks an.

Das Projekt diente auch einer Erweiterung des Wiener Wald- und Wiesengürtels in Richtung Südosten und es wurde kombiniert mit dem Ausbau der Therme Wien. Bereits seit 1969 gab es bei den Oberlaaer Schwefelquellen einen Kurbetrieb. Einen international ausgeschriebenen Wettbewerb, an dem 87 Bewerber aus 19 Ländern teilgenommen hatten, konnte der Frankfurter Gartenarchitekt Erich Hanke 1969 für sich entscheiden. Es wurden aber in der Folge Arbeitsgemeinschaften von Landschaftsarchitekten aus verschiedenen Staaten gebildet. Bei der Planung und Umsetzung wurden die besten Entwürfe aller Projekte vereint. Charakteristisch ist die dem abschüssigen Terrain angepasste Wegführung.[1]

Die „Wiener Internationale Gartenschau 1974“ (WIG 74) wurde am 18. April 1974 eröffnet und schloss am 14. Oktober 1974 ihre Tore. Sie war mit 2,6 Millionen Besuchern ebenso wie ihre Vorgängerin im Donaupark ein beachtlicher Publikumserfolg. Das Presseecho war zum Teil allerdings äußerst kritisch. Der bekannte Bildhauer Fritz Wotruba stellte die aufwändige Gestaltung eines Grünraums in städtischer Randlage grundsätzlich in Frage.[2] Die Gartenschau konnte nur durch großzügige Verbilligungsaktionen ihre Besucherzahl von 2,6 Millionen erreichen (anvisiert waren 3 Millionen). Bekannte Architekten wie Gustav Peichl und Roland Rainer hätten eine Durchgrünung der Innenstadt vorgezogen und kritisierten die 600 Millionen Schilling an Steuergeldern, die die Schau gekostet hatte, Rainer vermisste eine simple Fußballwiese.[3]

Führende Politiker widersprachen dieser Kritik: Bürgermeister Leopold Gratz vermerkte in seiner Eröffnungsrede, man werde nicht zulassen, dass im Stadtzentrum die Gärten wären und an der Peripherie nur die Mülldeponien, und Bundeskanzler Bruno Kreisky nannte die Anlage ein „Schönbrunn des 20. Jahrhunderts“.

Die „bewusst modern“ gestalteten Teile des Parks veralteten in der Folge am schnellsten. Eine im Park verkehrende Einschienenbahn erwies sich als Fehlinvestition und musste nach einigen Jahren abgebaut werden, ein daran anschließender Vergnügungspark zeigte sich von Anfang an defizitär. Auch die übrige Parkmöblierung erwies sich, wie auch im Fall des Donauparks, als nur begrenzt überlebensfähig. Ende 1974 wurde das Areal der Gartenschau schließlich in eine öffentliche Parkanlage umgewandelt, die breiten Zuspruch erhält. Weitere internationale Gartenschauen wurden allerdings von Wien nicht ausgerichtet, und der Trend der Folgejahre ging eher weg vom pflege- (und kosten-) intensiven Schaugrün zur naturnahen Gestaltung, wie im Bereich Erholungsgebiet Wienerberg.

  • Ulrike Krippner, Lilli Lička: Wiener Internationale Gartenschauen 1964 und 1974 – Aufbruch in die Postmoderne?. In: Die Gartenkunst 19 (2/2007), S. 381–398.
Commons: WIG 74 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Klaus Nüchtern: Viva Wig!@1@2Vorlage:Toter Link/www.falter.at (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Februar 2023. Suche in Webarchiven)  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. In: Falter Nr. 37/2008 (Memento des Originals vom 25. Juli 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.falter.at: „Die Wege sind das Ziel, und auch wenn sie sauber ausasphaltiert sind, entstehen sie im Gehen: eine geradlinige Durchwegung des Parks ist nicht nur unmöglich, sie wäre dem Geist der Anlage auch diametral entgegengesetzt.“
  2. H. Mathys: Pro und kontra WIG 74. In: Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen (Hrsg.): Anthos: Zeitschrift für Landschaftsarchitektur. Band 13, Nr. 2, 1974, S. 33–35, doi:10.5169/seals-134453 (deutsch, französisch, englisch).
  3. Panorama. ORF 2, 5. Juli 2015

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1974
, Seite 55
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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