FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 279
Friedrich Edlinger • Martin Kaneko

Die Parias von Japan

Burakumin — Sklaven des Wirtschaftswunders

Die Burakumin sind die Nachkommen des Paria-Standes der Edo-Zeit (1600 bis 1868). Es wird geschätzt, daß heute an die drei Millionen Burakumin in rund 6.000 Burakus leben. Unter dem Tokugawa-Regime der Edo-Zeit wurde als Fundament der feudalistischen Herrschaftsform ein straff organisiertes Standessystem eingerichtet, welches die Vereinigung der beherrschten Schichten verhindern sollte.

Der Stand der Samurai (shi) beherrschte die Stände der Bauern (no), Handwerker (ko), Kaufleute (sho) und Paria (eta = weltlich „viel Schmutz“ und hinin = „Nichtmensch“). In diesem feudalistischen Standessystem, in dem jedem Stand Beruf, Wohnort und Kleidung vorgeschrieben waren, wurde „der Stand der eta und hinin (späterer Sammelname Burakumin = Dorfmenschen) am meisten diskriminiert.

Bei einem Fest in Asakusa (Tokyo) im Jahre 1859 wurde ein Burakumin mit der Begründung, daß das Fest durch seine Anwesenheit verunreinigt werde, totgeschlagen. Der Täter wurde bei Gericht freigesprochen, da nach Aussage des Gerichts das Leben eines eta nur ein Siebentel soviel wert sei wie das eines anderen Menschen.

1871 wurde durch einen Erlaß der Meiji-Regierung das feudalistische Standessystem offiziell abgeschafft. Damit wurden jedoch weder das wirtschaftliche Fundament der Diskriminierung noch die Grundlage des feudalistischständischen Diskriminierungsbewußtseins beseitigt. Das Motiv, welches zu diesem Erlaß führte, war die Notwendigkeit der Beseitigung feudaler Relikte, die der einheitlichen Herrschaft über das Volk durch das neue Kaiserregime im Wege standen. Ohne Beseitigung des feudalen Standeswesens wäre die Schaffung der für den Aufbau des Kapitalismus notwendigen Grundlagen, wie „freie“ Arbeitskraft und moderne Infrastruktur (die Wohnorte der Paria waren in der Feudalzeit von Landvermessungen ausgeschlossen) nicht möglich gewesen.

Nach diesem „Befreiungs“-Erlaß wurden den Burakumin die Privilegien der Feudalzeit, wie z.B. das Monopolrecht auf Lederverarbeitung, entrissen. Losgelöst von den Produktionsmitteln dienten die Burakumin als ungelernte billigste Arbeitskraft für die ursprüngliche Kapitalakkumulation. In dieser Zeit des absoluten Arbeitskräftemangels und der schlechten sozialen Stellung des Arbeiters war es für die Burakumin nicht schwierig, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Als sich allmählich durch Fortschreiten der Klassendifferenzierung eine breite Arbeiterklasse heranbildete, wurden die Burakumin zunehmend arbeitslos und bildeten als Reservearmee die unterste Schicht der japanischen Arbeiterklasse.

Dieser Zustand hat sich bis heute kaum geändert. Es ist für die Burakumin äußerst schwierig, gesicherte Arbeitsplätze zu finden. Laut einer Erhebung aus dem Jahre 1974 in einem Buraku in Mitteljiapan waren 54 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter. Der Anteil der Arbeitslosen im Buraku war viermal höher als in der gesamten Stadt, in der sich das Buraku befindet.

Die Armut der Burakumin bestätigte wieder die Vorurteile der übrigen Bevölkerung. Die Heirat von Burakumin und Nicht-Burakumin ist schwierig, jährlich wird von Selbstmordfällen berichtet, die Folge der Diskriminierung in den Heiratsbeziehungen sind. In dem erwähnten Buraku wurden nur 29 Prozent Ehen mit Nicht-Burakumin geschlossen.

Viele Burakumin hatten keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen. In dem untersuchten Buraku haben elf Prozent der über 15 Jahre alten Bevölkerung überhaupt keine Schule besucht — ein sehr hoher Prozentsatz, wenn man bedenkt, daß für ganz Japan der Anteil der Analphabeten nicht einmal ein Prozent beträgt. Viele Burakumin, die während ihrer Kindheit keine Schule besuchen konnten, holen dies jetzt in von der Befreiungsliga organisierten Abendkursen nach (shikiji gakkyu).

1922 haben die Burakumin zum ersten Mal aus eigener Initiative eine Befreiungsbewegung gegründet — die Suiheisha. Die Suiheisha kämpfte gegen jede Art von Diskriminierung und diente vor allem der Stärkung des Selbstbewußtseins der Burakumin, sie wurde aber unter dem Druck des japanischen Faschismus 1940 aufgelöst. Als deren Nachfolgeorganisation wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Buraku Kaiho Domei (Buraku-Befreiungsliga) gegründet.

Der Fall Kazuo Ishikawa

Im Mai 1963 wurde in der Stadt Sayama eine 16jährige Schülerin entführt. Der Polizei gelang es nicht, den Täter zu fassen, als er das Lösegeld abholen kam. Einige Tage später wurde das Mädchen tot aufgefunden. Die Polizei, durch einen Parallelfall wenige Monate zuvor in Tokyo schon unter Kritik, stürzte sich „natürlich“ auf die jungen Männer aus den beiden Burakus der Stadt Sayama. Der 23jährige Halbalphabet Kazuo Ishikawa blieb in den Maschen der Verhörmaschine hängen: Durch Druck und falsche Versprechungen wurde ihm ein Geständnis abgepreßt, mittels gefälschter Indizien wurde er im März 1967 zum Tode verurteilt (beispielsweise wurde ihm ein orthographisch richtiger Drohbrief zugeschrieben). Die Polizei vernachlässigte alle anderen Spuren — so ließ sie vier Fälle von „Selbstmord“ unbeachtet, die sich im Umkreis der Tatbeteiligten bzw. von der Untersuchung Betroffenen ereigneten.

Im Oktober 1975 setzte das Landesgericht in Tokyo die Strafe auf lebenslänglich herab, obwohl mittlerweile an der Unschuld Ishikawas kein Zweifel mehr besteht und drei Millionen Unterschriften für ihn gesammelt wurden. Die Verteidigung hat beim Obersten Gerichtshof Japans berufen (Adresse: Saiko Saibansho, 4-2 Hayabusa, Chiyoda-ku, Tokyo, Japan).

14 Jahre unschuldig im Gefängnis:
1963 wird Ishikawa in seiner Hütte in Sayama verhaftet. 1975, sichtlich gealtert, auf dem Weg zum Revisionsprozeß (links [hier: unten]), wo die Todesstrafe auf lebenslänglich ermäßigt wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1977
, Seite 50
Autor/inn/en:

Friedrich Edlinger:

Martin Kaneko:

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