FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 460/461
Joseph Roth

Die fremden Brüder

Ort der Handlung: Eine Straße an der ehemaligen österreichisch-russischen Grenze. Die Straße steigt steil an, bildet eine Wölbung, fällt dann steil und plötzlich ab.
Zeit der Handlung: Gegenwart.
Es ist silberne Mondnacht. Milchweißes Licht über dem winterlichen Heideland. Auf der Straße, die gegen Westen führt, schreitet ein Mann in russischem Soldatenmantel, mit hoher Pelzmütze. Ihm kommt ein Anderer entgegen in preußischer Uniform, mit einer russischen Menageschale in der Linken.

Der Erste: He, Freund, bist du ein Deutscher?

Der Zweite: Ich bin ein Russe. Kehre aus Deutschland heim. War drei Jahre weg von Rußland.

Der Erste: Was gibt’s in Deutschland?

Der Russe: O, schlimm, Bruder, schlimm! Du bist wohl Deutscher?! Ja, traurig ist es in eurem Lande, die Parteien schlagen sich und eure Feinde sind einmarschiert. Im Osten, im Westen, im Norden, im Süden — überall sind sie, eure Feinde, und überall reißen sie einen Zipfel deines Landes an sich.

Der Deutsche (neigt das Haupt): Mein Deutschland! ...

Der Russe: Du trauerst, Bruder? Sieh, Bruder, auch mir ging es so. Ein Jahr und darüber weinte ich über das Unglück von Mütterchen Rußland, über den Zerfall meiner großen, heiligen Heimat. Aber dann freute ich mich. Und — ich freue mich!

Der Deutsche: Du freust dich?

Der Russe: Ja, Bruder, ich freue mich. Als ich sah, wie sie auch euren mächtigen Zaren absetzten und wie deine Landsleute heimkehrten zu Weib und Kind und die Tore aller Länder sich weit, weit öffneten und alle anfingen, zu wandern, wußte ich: Das Heil der neuen Zeit ist gekommen!

Der Deutsche (bitter): Die neue Zeit ...

Der Russe: Ja, Bruder, es ist eine neue Zeit! Auf goldenen Stühlen prunken sie, umgeben von Purpur und Eisen, und ihre Fußschemel waren Menschenrücken. Sie trugen goldene Kronen auf törichten Köpfen und sie hielten Scepter in den Händen, in diesen weißen, muskellosen Händen, die die Arbeit haßten. Und es waren gar keine Scepter, Bruder, es waren goldene Nagaikas!

Der Deutsche: Goldene Nagaikas! ...

Der Russe: ... Und ihre Augen wollten keinen Jammer sehen und ihre Ohren keine Klage hören. Sie sagten, Gott habe sie gesendet, und sie dangen sich Priester, die für sie beteten, und sie kauften sich Glocken, die für sie läuteten. Die Schmeichler träufelten Gift auf die bedruckten Blätter, die man Zeitungen nennt: Aus Nagaikahieben machten sie Liebkosungen, die Schmeichler. Und das Volk glaubte alles!

Der Deutsche: Das Volk glaubte alles ...

Der Russe: Und sie schickten uns in den Krieg, damit wir für sie sterben. Hätten sie uns doch in der Heimat gemordet! Aber wir mußten in weite Länder, wir mußten fremde Äcker zertreten, die Hütten des Friedens anzünden und fremde Brüder morden, mondelang, jahrelang Menschen morden, die wir nicht sahen, deren letzten Wehruf wir nicht einmal hörten. Und die Priester, die gesagt: Du sollst nicht töten! — hatten das Gewand Gottes abgtelegt und den Rock des Kaisers angeogen und sie sagten: Töte, Brüderchen, töte! Gott will es, Er ist mit uns, er ist nur mit uns!

Der Deutsche: So taten sie auch bei uns. (Höhnisch:) Gott ist nur mit uns!

Der Russe (auf Schützengräben rings im Lande zeigend): Sieh, Bruder, wie die Erde geschändet ist! Ihr Leib ist zerschnitten und zerkratzt, von tiefen Gräben zerfurcht und die Grenzen ihrer Fluren mit Stacheldraht umzäunt! Glühende Eisenmassen rissen Wunden in ihren heiligen Körper, mit allen ihren Poren mußte sie Blut trinken, rotes, warmes Blut, Kinderblut, Menschenblut, nicht das Blut der Zaren! Diese aber rollten in glänzenden Wagen durch die Straßen des Landes und die Kinder, deren Väter und Brüder auf den Feldern des Wahnwitzes bluteten, trugen weiße Kleider statt schwarzer und grüßten die lächelnden Mörder mit Blumen und Liedern statt mit Flüchen! Wir aber faulten in dumpfen Erdlöchern und spielten blutige Spiele. Und doch: wenn wir zusammenkamen, mordeten wir und fühlten: Brüder sind wir. Warum hast du mich geschlagen? fragten unsere Augen, aber unsere Hände zückten das Schlachtmesser. So taten wir mit euch und ihr mit uns!

Der Deutsche: Ja, so taten wir! ...

Der Russe: Und das hat ein Ende! (Mit lauter Stimme:) Plötzlich splitterten die goldenen Stühle und man sah, daß sie morsches Holz waren! Die Kronen kollerten auf die Steinfliesen der Paläste und man hörte an ihrem Klange, daß sie Blech waren, gemeines Blech. Die Scepter entsanken den kraftlosen Händen und man sah: Lederriemen mit Bleigewichten ragten aus dem goldenen Stiele — es waren Nagaikas.

Der Deutsche: Die goldenen Nagaikas!

Der Russe: Und sie, die Großen selbst, die Gott gesendet hatte! Mit krampfverzerrten Fingern umklammerten sie brünstig die Splitter ihrer Throne, denn sie hatten Furcht vor dem wahren Gesicht der Welt und ihrer eigenen Kleinheit. Und man wußte: sie sind nicht Gottgewollte, sie sind eitle Toren gewesen mit der Maske der Weisheit, gekrönte Häupter mit schellenden Narrenkappen, grausame Mörder mit lallenden Kinderlippen ... Aber nun ist es gut!

Der Deutsche: Gut? Gut, sagst du?! Gut, wenn sich das Volk selbst zerfleischt? Nun jene Toren nicht mehr mit den Kronen wackeln, haben sich die Menschen verloren. Man nahm ihnen die Götzen und sie wissen nicht: wem opfern? So opfern sie sich gegenseitig!

Der Russe: Noch wissen sie nicht! Noch umnebelt sie der Rausch des Blutes, das sie vier lange Jahre gerochen. Sieh: die flatternden Fahnen sind rot, rot, weil sie an Blut erinnern, aber auch rot, weil sie an den Morgen gemahnen.

(Im Osten rötet sich langsam der Himmel.)

Der Russe (begeistert):

Durch schwere Nebel wuchtet schon ein Tag!
Und wir werden sagen, einer zum zweiten:
Jetzt erkenne ich dich, Bruder!
Weil du mich schlugst, besitzest du mich ganz!
Um dich zu lieben, mußt’ ich dich erst morden!
Weil unser Blut in einen Strom geflossen,
Weiß ich: Du bist mir nah’ und blutsverwandt!
Licht wird in uns sein und Licht um uns!
Licht der Freiheit!

Der Deutsche (verzückt): Die Freiheit!

Der Russe: Ja, Bruder, wir sind frei. Nicht sie haben gesiegt, die sich Sieger nennen, sondern wir, wir Volk! Wir sind arm und gebrochen und hungrig, Landstreicher, Bettler, aber frei! Frei von Zaren, frei von blutiger Dienstleistung, frei von Haß und Sünde! Ein neues Leben dämmert, Freund, in allen Ländern. In deiner und meiner Heimat! ... Es ist Morgen. Sieh, bald kommt die Sonne. Es wird ein schöner Tag heute.

Der Deutsche: Schön und trocken. Recht ein Tag zum Wandern. Ich wünsch’ gute Reise, Freund, und fröhliche Heimkehr!

Der Russe: Glück auf den Weg und Glück in der Heimat!

(Sie drücken einander die Hand und wenden sich zum Gehen. Der Russe bleibt nach einer Weile auf der höchsten Stelle der Straße stehen. Der Deutsche hat einige Schritte getan, ohne sich umzusehen. Am Ostrand des Himmels taucht plötzlich die Sonne aus roten Morgenwolken hervor.)

Der Russe (ruft): Deutscher Bruder!

Der Deutsche (kehrt um, sieht die Sonne noch nicht, weil er an einer tieferen Stelle der Strafse steht.)

Der Russe: Komm her und sieh!

Der Deutsche (ist an die Seite des Russen getreten, sieht mit weiten Augen sinnend in die große Sonnenscheibe und sagt langsam, feierlich): Die — Sonne!

Der Russe (leidenschaftlich): Die Sonne, Bruder, die Sonne! ...

Aus »A.Z. am Abend«, Nr. 1314 vom 21.2.1919, S.1 f.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1992
, Seite 44
Autor/inn/en:

Joseph Roth:

Geboren 1894 in Brody bei Lemberg, gestorben 1939 in Paris. Schriftsteller und Journalist. Germanistik- und Philosophiestudium im damals österreichischen Lemberg und in Wien. Einjährig-Freiwilliger im 1. Weltkrieg. Ab 1918 Journalist in Wien, dann in Berlin. 1923-1932 Korrespondent der Frankfurter Zeitung, zahlreiche Beiträge und Artikelserien auch in anderen Blättern. Als Romancier setzt sich Roth zunächst mit den traumatischen Erfahrungen ehemaliger Frontoffiziere auseinander („Flucht ohne Ende“, 1927); später dann erfolgreich u.a. mit der mythisierenden Beschreibung der Habsburgermonarchie vor ihrem Untergang. Ab 1933 im Pariser Exil. Beginn der Mitarbeit an Exilzeitungen und -zeitschriften. Gezeichnet durch Schicksalsschläge, enttäuscht über die politischen Zustände und alkoholkrank starb er in einem Pariser Armenhospital.

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