FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1985 » No. 375-378
Brigitte Schwaiger

Die arme Seele

Die Sprache der Psychiater ... Das Wort ‚Psychiater‘ wurde erfunden von einem Mann namens Reil, im Jahr 1808. So steht es im Lexikon. Psyché das griechische Wort für ‚Seele‘. Iatros, ein griechisches Wort für Arzt.

Seelenarzt ...

Arzt ist ein Wort, das mir zu ‚Seele‘ selten einfällt. Ich weiß nicht, wie ein Arzt an die Seele eines Menschen herankommen könnte. Weißer Kittel, Spritzen, Tabletten ... Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Ein Mensch, der über den Hals und die Nase und das Ohr eines anderen mehr weiß als der andere selbst. Der Seelenarzt müßte von der Seele des anderen etwas wissen, was der andere selbst nicht weiß. Hals, Nase und Ohr kann ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt besichtigen und beleuchten mit elektrischem Licht. Er kann in die Nase tiefer hineinschauen als der Patient selbst. Aber in meine Seele, wer sieht da hinein?

Nervenarzt ... Neurologe ... Psychologe ...

Von einem Geist-Arzt habe ich noch nicht gehört.

Herzkranke gehen zum Herz-Spezialisten. Der Geisteskranke müßte zu einem Geistes-Spezialisten gehen. Damit sind wir wieder beim Psychiater. Wenn er den Geisteskranken behandelt, dann ist er Spezialist für Seele und Geist zugleich. Lungenspezialisten ... wissen viel über die Lunge.

Der Psychiater muß sich also beim Geist des Menschen sehr gut auskennen. Karl Jaspers schrieb über den Dichter August Strindberg und über den Maler Vincent van Gogh, sie seien geisteskrank gewesen. Es ist erstaunlich, wieviele Berichte es über die Krankheiten des Geistes gibt und wie wenig Geschichten über Heilungen erzählt werden.

Die meisten Geisteskranken werden als nicht heilbar bezeichnet. Wann ist man aber geistesgesund?

Als Arzt muß man gesund sein. Aber das Wort ‚geistesgesund‘ habe ich noch nie aus dem Mund eines Psychiaters gehört.

Ich las in einem Buch über Indianer vom ‚Großen Geist‘. „Großer Geist, ich bitte dich, hilf mir, meinen Nachbarn nicht eher zu tadeln, als bis ich eine Meile in seinen Moccasins gewandert bin.“

Ich las von bösen Geistern, die man austreibt, wenn man an die Lehre der katholischen Kirche glaubt. Vom guten Geist, der einen beschützen kann. Vom Heiligen Geist, der dritten göttlichen Person. Ein kranker Geist, das muß ein Gespenst sein, das leidend umherschwirrt.

Leiden und allein bleiben.

Es gibt auch Poltergeister. Sie rumpeln und machen Lärm. Andere Geister wieder dienen dem lieben Gott als Schutzengel: für uns. Teufel heißt der berühmteste aller bösen Geister.

Als Kind mußte ich an den Teufel glauben. Später sagte man mir: „Gott ist tot. Den Teufel gibt es nicht.“

Ich glaubte lange Zeit an die Psychiater, zu denen ich mich in Behandlung begab. Ich glaubte an die Psychiatrie.

Aber die Sprache der Psychiatrie, diese vielen Wörter ... Ich fühlte mich umgarnt und eingewickelt. Ich zappelte in einem Netz. Die Psychiater taten sich leicht, mit Wörtern herumzuwerfen. Sie sagten etwas, schlossen daraus etwas Neues, folgerten etwas dazu und bewiesen. Aber was?

Daß grammatikalisch alles noch richtig war. Und daß es Geisteskranke gibt, Geistesgestörte, seelisch Kranke. Daß man viele Geisteskrankheiten nicht heilen kann, seelische schon.

Meine Seele wurde dann für krank erklärt, mein Geist für gesund.

Ich dachte, daß ich einmal fröhlich und für immer geheilt von einem Psychiater weggehen würde. Aber es standen nur Namen für meine Krankheit über meinem Bett. Es gab auch meine Krankengeschichte in einem Buch. Ich durfte nicht wissen, was über mich geschrieben wurde.

Ein ärztlicher Befund ist Geheimsache. Das wußte ich aus meiner Kindheit und Jugend von daheim. Daß ein Arzt seinen Patienten zu einem Kollegen schickte, mit verklebtem Kuvert, in dem sich der Befund befand.

Der Patient war ja nicht fähig, das zu verstehen, was ein Arzt dem anderen schrieb.

Fachmänner und Laien ...

Ich bin Schriftstellerin, aber ich finde nicht, daß alle anderen Menschen, die nicht schreiben, Laien sind.

Es kann ja fast jeder Mensch lesen und schreiben.

Sind für den Schuster alle Menschen, die keine Schuhe machen, Laien?

Der Laie und der Mediziner, das ist die Frage. Der Psychiater und sein Laie. (Der Teufel und der liebe Gott/Sartre ...) Der Gesunde und der Kranke.

Ich sah Fotografien von Weltverbesserern im Zimmer eines Psychiaters:
Marx
Engels
Lenin
Mao

Die Gesichter dieser Männer machten mir Angst. Aber der Arzt war in China gewesen und hatte die Fotografien als Souvenirs mitgebracht. Er erzählte von seiner Reise, während er erzählte, dachte ich an die Patienten, die in ihren Betten angebunden lagen oder durch die Gänge der Klinik schlichen, vor dem Fernsehapparat saßen, auf dem ein Schild hing: „Das Fernsehgerät darf nicht von den Patienten bedient werden“.

Man mußte schlafen, wenn es verordnet wurde, und aufwachen, wenn Zeit zum Aufwachen war. Man schenkt und raubt den Schlaf ...

Geschlafen muß werden. Nur wann, das bestimmt die Leitung der Klinik.

„Jetzt werden wir schlafen,“ sagt die Nachtschwester und geht dann hellwach aus dem Zimmer.

Allein sterben ... allein geboren werden ... Es geht uns schon besser, sagt der Psychiater am nächsten Morgen.

Er verrät dem Patienten nicht, daß auch er ein Schlafpulver nimmt. Manchmal gibt ein Arzt es zu. Daß auch er nur ein Mensch ist. Ängstlich und taumelig von Medikamenten, mit gläubigen Augen saß ich in der Klinik. Von manchen Medikamenten bekam ich besonderen Augenglanz. Wenn ich sagte, daß es mir noch immer schlecht ging, mußte ich noch länger bleiben. Ich log, damit ich nach Hause gehen durfte.

Ein Arzt operierte mich einmal am Ohr. Es gab eine langwierige Nachbehandlung. Ich ging erstaunt aus dem Spital. Auf einmal hörte ich Geräusche, die mir vorher entgangen waren. Die Schritte meiner Katze auf dem Parkett.

Spaltungs-Irresein. Das fürchtete ich am meisten. Schizophrenie ...

Hölderlin, Goethe, Schiller, Mozart, Beethoven ...

Hölderlin, ein Fall für Psychiater, für Germanisten, ein Fall für sich. Für Lyriker.

Ich fragte mich, welches Wort überleben würde: schizophren oder Hölderlin.

Der Geisteskranke Hölderlin, dessen kranker Geist uns zu Tränen rührt. Psychosen, Neurosen, im Lauf der Zeit. In einem Psychiatrie-Lehrbuch, das 1941 erschien, steht, daß ein Psychiater den Patienten zu fragen hat: „Was wissen Sie über Adolf Hitler?“ Aus der Antwort des Patienten konnte man den Geisteszustand feststellen.

Heute müßte man vielleicht fragen: „Was wissen Sie über unseren Bundeskanzler? Sind Sie für oder gegen den Atomkrieg? Glauben Sie an Gott?“

Vielleicht werden wir in fünfzig Jahren von unseren Enkeln gefragt, warum wir von den Leiden der Patienten in den Psychiatrischen Anstalten nichts gewußt haben. Oder von dem, was Forscher mit Tieren machen.

„Das Leiden kommt und geht,“ steht auf einer Seite 79 in einem Lehrbuch für Psychiatrie.

Als Sprach-Querulantin möchte ich fragen, ob ein Leiden Füße hat. „Eifrig sind seit Jahrzehnten die klinische Psychiatrie und alle ihre Tochterdisziplinen um die Lösung des Rätsels bemüht ...“

Jahrzehnte sind vergangen, Adolf Hitler wurde für wahnsinnig erklärt.

Ich leide zum Beispiel unter einem starken sprachlichen Erregungszustand, unter Ideenflucht, denn mir fällt nicht mehr ein, was ich sagen wollte.

Die arme Seele, ja.

Und Juden in Vernichtungslagern ... litten ganz gewiß unter ‚Negativismus‘. Wenn sie auf dem Weg in die Gaskammer noch Lieder sangen, wenn sie an Gott glaubten, fällt das unter ‚Sinnestäuschung‘ und ‚religiöser Wahn‘?
Wenn ich zwanghaft an Juden denke, bin ich dann krank? Wortneubildungen von Patienten nennt man ‚Neologismen‘. Aber auch das Wort ‚Neologismus‘ wurde einmal gebildet, ganz neu. Wie ‚Psychiater‘.

Gott weiß, warum Psychiater sich nicht Geistes-Spezialisten nennen oder Seelenheiler.

Der Psychiater fragt nicht: „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“ wenn sein Patient einen Erlkönig sieht.

Er weiß sich verbündet und schreibt in seinem Lehrbuch: „Wir sprechen hier von einer ...“ und setzt den Namen der Krankheit hinzu.

Der andere Pluralis Majestatis lautet: „Es geht uns schon viel besser.“

Er meint jetzt eindeutig den Patienten und nicht sich selbst. Er spricht für den Patienten. Es gibt ja auch Ehepaare, dort antwortet die Frau, wenn man den Mann etwas fragt und umgekehrt.

Heiraten Sie nur einen Psychiater, der eine gute Seele ist.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1985
, Seite 31
Autor/inn/en:

Brigitte Schwaiger:

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