FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 366
Peter Turrini

Die Angst der Unke vor dem Bagger

Die Basis dessen, was uns hier zusammengeführt hat, ist etwas sehr persönliches: Es ist die Angst. Diese Angst ist nicht nur auf seiten der Naturschützer — die Angst, wieder ein Stück Natur zu verlieren — sie ist auch bei denen, die für die Errichtung eines Kraftwerkes in Hainburg eintreten: Es ist die Angst von Experten, etwas gelernt zu haben, dessen Anwendung nicht mehr gefragt ist, die Angst von Gewerkschaftern, etwas gelebt zu haben, was überlebt ist, die Angst von Politikern, eine Identität zu verlieren, die sich auf das Durchsetzbare und Machbare begründet.

Immer wenn etwas persönliches wie Angst in die politische Arena tritt, verwandelt es sich ins sogenannte „Sachliche“. Gegner und Befürworter bewaffnen sich mit schlagkräftigen Argumenten und schlagen damit aufeinander ein. Was dabei zuallererst auf der Strecke bleibt, ist die Sprache: man ist für oder gegen Zwentendorf, für oder gegen Hainburg, so als könnte man für oder gegen ein österreichisches Dorf oder eine Stadt sein. Um es einmal zu sagen: Ich bin gegen die Errichtung eines Kraftwerkes bei Hainburg und ich habe absolut nichts gegen die Ortschaften Hainburg oder Zwentendorf.

Der verkürzten Sprache folgt der verkürzte Mensch: Wer für Hainburg ist, ist für Arbeitsplätze, wer gegen Hainburg ist, ist gegen Arbeitsplätze. Wer für Zwentendorf ist, ist für ein vorsorgendes Energiekonzept, wer gegen Zwentendorf ist, ist für Wachskerzenbeleuchtung undsoweiter. Aus solcher „Sachlichkeit“ entsteht der Boden, auf dem sich Jasager und Neınsager, Befürworter und Naturschützer zumeist wiederfinden: auf Beton.

Würden die Befürworter nur etwas mehr von der Angst zulassen, welche die Naturschützer aber auch sie selber vor der endgültigen Zerstörung der Natur haben und würden die Naturschützer etwas mehr von der Angst begreifen, die in der Seele eines Experten, eines Gewerkschafters, eines Politikers rumort, der noch vor Jahren hochgelobt wurde für etwas, das uns heute ins Unglück bringt, könnten wir spüren, daß es Angst ist, die uns sachlich aufeinander einschreien läßt, das wäre schon was.

Rotbauchunke Peter Turrini in der Pressekonferenz der Tiere am 7. Mai 1984.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1984
, Seite 53
Autor/inn/en:

Peter Turrini:

Geboren 1944 in St. Margarethen in Kärnten, wuchs in Maria Saal auf und war von 1963 bis 1971 in verschiedenen Berufen tätig. Seit 1971 freier Schriftsteller, lebt in Kleinriedenthal bei Retz. Turrinis Werke wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, seine Stücke werden weltweit gespielt.

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